Ludwig Tieck
Liebesgeschichte der schönen Magelone
und des Grafen Peter von Provence
Vorbericht
Ist es
dir wohl schon je,
vielgeliebter Leser, so recht traurig in die Seele gefallen, wie
betrübt es
sei, daß das rauschende Rad der Zeit sich immer weiter dreht, und
daß bald das
zuunterst gekehrt wird, was ehemals hoch oben war? So fährt Ruhm,
Glanz, Pracht
und weltberühmte Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, die
hinter fernen
Bergen niedersinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen
Schimmer
hinter sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die
schwarzen
Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte
Schein
erlöscht furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und kein
Hüttenbewohner
denkt an die Röte des Abends zurück. Im Winkel sitzt wohl ein
Knabe in sich
versunken und sieht im dämmernden Widerschein der Lampe ein Bild
der fröhlichen
Morgenröte; ihm dünkt, er höre schon die muntern
Hähne krähen, und wie ein
kühler Wind durch die Blätter rauscht und alle Blumen der
Wiese aus ihrem
stillen Schlafe weckt; er vergißt sich selbst und nickt nach und
nach ein,
indem das Feuer ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, dann
sieht er alles im
Glanze der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimat, über die
wunderbare fremde
Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie
scheinen zu
reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm ausdrücken
zu wollen.
Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut ihn alles mit
zärtlichem
Wohlgefallen an! die Büsche flüstern ihm liebe Worte ins Ohr,
indem er
vorübergeht, fromme Lämmer drängen sich um ihn, die
Quelle scheint mit
lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen, das Gras unter seinen
Füßen
quillt frischer und grüner hervor.
Unter
diesem Bilde mag dir,
geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und er bittet, daß du
ihm vergönnen
mögest, dir seinen Traum vorzuführen. Jene alte Geschichte,
die manchen sonst
ergötzte, die vergessen ward, und die er gern mit neuem Lichte
bekleiden
möchte.
Der Dichter sieht bemooste Leichensteine,
Die keiner seiner Freunde kennt,
Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine
Im Busen fromme Ahndung brennt.
Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine,
Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt,
Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt.
Gern wandl' ich in der stillen Ferne,
In unsrer Väter frommen Zeit,
Ich seh, wie jeder sich so gerne
Der alten guten Märchen freut,
Oft wiederholt ergötzen sie noch immer,
Sie kehren wieder wie dasselbe Mal,
Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Qual,
Der Liebe holden Frühlingsschimmer.
Ob ihr die alten Töne gerne hört?
Das Lied aus längst verfloßnen Tagen?
Verzeiht dem Sänger, den es so betört,
Daß er beginnt das Märchen anzusagen.
2
Wie ein fremder Sänger an den Hof des Grafen von Provence kam
In der
Provence herrschte
vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus schönen und
herrlichen Sohn hatte,
welcher als die Freude des Vaters und der Mutter erwuchs. Er war
groß und
stark, und glänzende blonde Haare flossen um seinen Nacken und
beschatteten
sein zartes jugendliches Gesicht; dabei war er in aller
Waffenübung
wohlerfahren, keiner führte im Lande und auch außerhalb die
Lanze und das
Schwert so wie er, so daß ihn Jung und Alt, Groß und Klein,
Adel und Unadel
bewunderte.
Er war
oft gern in sich
gekehrt, als wenn er irgendeinem geheimen Wunsche nachginge, und viele
erfahrene Leute glaubten und schlossen daher, er sei in Liebe; es
wollte ihn
darum keiner aus seinen Träumen aufwecken, weil sie wohl
wußten, daß die Liebe
ein süßer Ton ist, der im Ohre schläft und wie aus
einem Traume seine
phantasiereiche Melodie fortredet, so daß ihn der Beherberger
selbst nur wie
ein dunkles Rätsel versteht, geschweige denn ein Fremder, und
daß er oft nur
allzuschnell entflieht, und seine Wohnung in dem Äther und
goldenen
Morgenwolken wieder sucht.
Aber der
junge Graf Peter
kannte seine eigenen Wünsche nicht; es war ihm, als wenn ferne
Stimmen
unvernehmlich durch einen Wald riefen, er wollte folgen, und Furcht
hielt ihn
zurück, doch Ahndung drängte ihn vor.
Sein
Vater gab ein großes
Turnier, zu welchem viele Ritter geladen wurden. Es war ein Wunder
anzusehn,
wie der zarte Jüngling die Erfahrensten aus dem Sattel hob, so
daß es auch
allen Zuschauern unbegreiflich schien. Er ward von allen gerühmt
und für den
Besten und Stärksten geachtet; aber kein Lob machte ihn stolz,
sondern er
schämte sich manchmal selber, daß er so alte und
würdige Rittersmänner sollte
überwunden haben.
Unter
andern war auch ein
Sänger mit herbeigekommen, der viele fremde Länder gesehen
hatte; er war kein
Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung übertraf er manchen Edlen.
Dieser
gesellte sich zu Graf Peter und lobte ihn ungemein, schloß aber
seine Rede mit
diesen Worten: »Ritter, wenn ich Euch raten sollte, so
müßt Ihr nicht hier
bleiben, sondern fremde Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten,
auf daß
sich Eure Einsichten, die in der Heimat nur immer einheimisch bleiben,
verbessern, und Ihr am Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden
könnt.«
Er nahm
seine Laute und
sang:
»Keinen hat es noch gereut,
Der das Roß bestiegen,
Um in frischer Jugendzeit
Durch die Welt zu fliegen.
Berge und Auen,
Einsamer Wald,
Mädchen und Frauen
Prächtig im Kleide,
Golden Geschmeide,
Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt.
Wunderlich fliehen
Gestalten dahin,
Schwärmerisch glühen
Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn.
Ruhm streut ihm Rosen,
Schnell in die Bahn,
Lieben und Kosen,
Lorbeer und Rosen
Führen ihn höher und höher hinan.
Rund um ihn Freuden,
Feinde beneiden,
Erliegend, den Held -
Dann wählt er bescheiden
Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt.
Und Berge und Felder
Und einsame Wälder
Mißt er zurück.
Die Eltern in Tränen,
Ach alle ihr Sehnen -
Sie alle vereinigt das lieblichste Glück.
Sind Jahre verschwunden,
Erzählt er dem Sohn
In traulichen Stunden,
Und zeigt seine Wunden,
Der Tapferkeit Lohn.
So bleibt das Alter selbst noch jung,
Ein Lichtstrahl in der Dämmerung.«
Der
Jüngling hörte still
dem Gesange zu; als er geendigt war, blieb er eine Weile in sich
gekehrt, dann
sagte er. »Ja, nunmehr weiß ich, was mir fehlt, ich kenne
nun alle meine
Wünsche, in der Ferne wohnt mein Sinn, und mancherlei wechselnde
buntfarbige
Bilder ziehn durch mein Gemüt. Keine größere Wollust
für den jungen
Rittersmann, als durch Tal und über Feld dahinziehn: hier liegt
eine hoch
erhabene Burg im Glanz der Morgensonne, dort tönt über die
Wiese durch den
dichten Wald des Schäfers Schalmei, ein edles Fräulein fliegt
auf einem weißen
Zelter vorüber, Ritter und Knappen begegnen mir in blanker
Rüstung und
Abenteuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch die
berühmten Städte, der
wunderbarste Wechsel, ein ewig neues Leben umgibt mich, und ich
begreife mich
selber kaum, wenn ich an die Heimat und den stets wiederkehrenden Kreis
der
hiesigen Begebenheiten zurückdenke. O ich möchte schon auf
meinem guten Rosse
sitzen, ich möchte sogleich dem väterlichen Hause Lebewohl
sagen.«
Er war
von diesen neuen
Vorstellungen erhitzt, und ging sogleich in das Gemach seiner Mutter,
wo er
auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter ließ sich alsbald
demütig auf ein
Knie nieder und trug seine Bitte vor, daß seine Eltern ihm
erlauben möchten zu
reisen und Abenteuer aufzusuchen; »denn«, so schloß
er seine Rede: »wer immer
nur in der Heimat bleibt, behält auch für seine Lebenszeit
nur einen
einheimischen Sinn, aber in der Fremde lernt man das Niegesehene mit
dem
Wohlbekannten verbinden, darum versagt mir eure Erlaubnis nicht.«
Der alte
Graf erschrak
über den Antrag seines Sohnes, noch mehr aber die Mutter, denn sie
hatten sich
dessen am wenigsten versehn. Der Graf sagte: »Mein Sohn, deine
Bitte kömmt mir
ungelegen, denn du bist mein einziger Erbe; wenn ich nun während
deiner
Abwesenheit mit Tode abginge, was sollte da aus meinem Lande
werden?« Aber
Peter blieb bei seinem Gesuch, worüber die Mutter anfing zu weinen
und zu ihm
sagte: »Lieber, einziger Sohn, du hast noch kein Ungemach des
Lebens gekostet
und siehst nur deine schönen Hoffnungen vor dir; allein bedenke,
daß es gar
wohl sein kann, daß, wenn du abreisest, tausend
Mühseligkeiten schon bereit stehn,
um dir in den Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu
kämpfen, und
wünschest dich zu uns zurück.«
Peter lag
noch immer
demütig auf den Knien und antwortete: »Vielgeliebte Eltern,
ich kann nicht
dafür, aber es ist jetzt mein einziger Wunsch, in die weite fremde
Welt zu
reisen, um Freud und Mühseligkeit zu erleben, und dann als ein
bekannter und
geehrter Mann in die Heimat zurückzukehren. Dazu seid Ihr ja auch,
mein Vater,
in Eurer Jugend in der Fremde gewesen, und habt Euch weit und breit
einen Namen
gemacht; aus einem fremden Lande habt Ihr Euch meine Mutter zum Gemahl
geholt,
die damals für die größte Schönheit geachtet
wurde; laßt mich ein gleiches
Glück versuchen, seht, mit Tränen bitte ich Euch
darum.«
Er nahm
eine Laute, die
er sehr schön zu spielen verstand, und sang das Lied, das er vom
Harfenspieler
gelernt hatte, und am Schlusse weinte er heftig. Die Eltern waren auch
gerührt,
besonders aber die Mutter; sie sagte: »Nun, so will ich dir
meinerseits meinen
Segen geben, geliebter Sohn, denn es ist freilich alles wahr, was du da
gesagt
hast.« Der Vater stand gleichfalls auf und segnete ihn, und Peter
war im Herzen
vergnügt, daß er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten
hatte.
Es ward
nun Befehl
gegeben, alles zu seinem Zuge zu rüsten, und die Mutter ließ
Petern heimlich zu
sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare Ringe und sagte: »Siehe,
mein Sohn,
diese drei kostbaren Ringe habe ich von meiner Jugend an
sorgfältig bewahrt;
nimm sie mit dir und halte sie in Ehren, und so du ein Fräulein
findest, das du
liebst und das dir wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr
schenken.« Er küßte
dankbar ihre Hand, und es kam der Morgen, an welchem er von dannen
schied.
3
Wie der Ritter Peter von seinen Eltern zog
Als Peter
sein Pferd
besteigen wollte, segnete ihn sein Vater noch einmal, und sagte zu ihm:
»Mein
Sohn, immer möge dich das Glück begleiten, so daß wir
dich gesund und
wohlbehalten wiedersehn; denke stets meiner Lehren, die ich deiner
zarten
Jugend einprägte: suche die gute und meide die böse
Gesellschaft; halte immer
die Gesetze des Ritterstandes in Ehren, und vergiß sie in keinem
Augenblicke,
denn sie sind das Edelste, was die edelsten Männer in ihren besten
Stunden
erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch betrogen wirst, denn das
ist der
Probierstein des Wackern, daß er selten auf rechtliche Menschen
trifft, und
doch sich selber gleichbleibt. - Lebe wohl!« -
Peter
ritt fort, allein
und ohne Knappen, denn er wollte allenthalben, wie es oft die jungen
Ritter zu
tun pflegten, unbekannt bleiben. Die Sonne war herrlich aufgegangen,
und der
frische Tau glänzte auf den Wiesen. Peter war frohen Mutes und
spornte sein
gutes Roß, daß es oft mutig aufsprang. Es lag ihm ein altes
Lied im Sinne und
er sang es laut:
»Traun! Bogen und Pfeil
Sind gut für den Feind,
Hülflos alleweil
Der Elende weint;
Dem Edlen blüht Heil
Wo Sonne nur scheint,
Die Felsen sind steil,
Doch Glück ist sein Freund.«
Er kam
nach vielen
Tagereisen in die edle und vornehme Stadt Neapolis. Schon unterwegs
hatte er
viel vom Könige und seiner überaus schönen Tochter
Magelone reden hören, so daß
er sehr begierig war, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg
in einer
Herberge ab, und erkundigte sich nach Neuigkeiten; da hörte er vom
Wirte, daß
ein vornehmer Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei, und
daß ihm zu
Ehren ein schönes Turnier gehalten werden solle. Er erfuhr
zugleich, daß auch
den Fremden der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den Turniergesetzen
geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter sogleich vor, auch
dabeizusein, und
seine Geschicklichkeit und Stärke zu versuchen.
4
Peter sieht die schöne Magelone
Als der
Tag des Turniers
erschienen war, legte Peter seine Waffenrüstung an, und begab sich
in die
Schranken. Er hatte sich auf seinen Helm zwei schöne silberne
Schlüssel setzen
lassen, von ungemein feiner Arbeit, so war auch sein Schild mit
Schlüsseln
geziert, auch die Decke seines Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu
Gefallen
getan und zu Ehren des Apostels Petrus, den er sehr liebte. Von Jugend
auf hatte
er sich ihm zum Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen wählte
er sich auch
jetzt dieses Wahrzeichen, da er unbekannt bleiben wollte.
Unter
Trompetenschall
trat ein Herold auf, der das Turnier ausrief, das zu Ehren der
schönen Magelone
eröffnet wurde. Sie selbst saß auf einem erhabenen
Söller und sah auf die
Versammlung der Ritter hinab. Peter schaute hinauf, er konnte sie aber
nicht
genau betrachten, weil sie zu entfernt war.
Herr
Heinrich von Carpone
trat zuerst in die Schranken und gegen ihn stellte sich ein Ritter des
Königes.
Sie trafen aufeinander und der Königsche wurde bügellos, aber
er traf
zufälligerweise mit seiner Lanze das Pferd des Herrn Heinrich vorn
an den
Schienbeinen, so daß das Roß mit seinem Reiter zu Boden
stürzte. Darüber wurde dem
Diener des Königes der Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn
Heinrich
umgerennt hätte. Das verdroß Petern gar sehr, denn Herr
Heinrich war ein
namhafter Renner; dazu so berühmte sich der Diener laut und
öffentlich seines
Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte. Peter stellte sich
also
gegen ihn in die Schranken und rannte ihn vom Pferde hinunter,
daß sich alle
über seine Kraft verwundern mußten; er tat aber zu aller
Erstaunen noch mehr,
denn er machte auch bald die übrigen Sättel ledig, so
daß sich in kurzer Zeit
kein Gegner vor ihm mehr finden ließ. Darüber waren alle
begierig, den Namen
des fremden Ritters zu wissen, und der König von Neapel schickte
selbst seinen
Herold an ihn ab, um ihn zu erfahren; aber Peter bat in Demut um die
Erlaubnis,
daß man ihm noch ferner erlauben möchte, unbekannt zu
bleiben, denn sein Name
sei dunkel und von keinen Taten verherrlicht; dazu so sei er ein armer
geringer
Edelmann aus Frankreich, er wolle seinen Namen daher so lange
verschweigen, bis
er es durch Taten wert geworden sei, sich nennen zu dürfen. Den
König freute
diese Antwort, weil sie ein Beweis von der Bescheidenheit des Ritters
war.
Es
währte nicht lange, so
wurde ein zweites Turnier gehalten, und die schöne Magelone
wünschte heimlich
im Herzen, daß sie des Ritters mit den silbernen Schlüsseln
wieder ansichtig
werden möchte; denn sie war ihm zugetan, hatte es aber noch
niemand anvertraut,
ja sich selber kaum, denn die erste Liebe ist zaghaft, und hält
sich selbst für
einen Verräter. Sie ward rot, als Peter wieder mit seiner
kenntlichen
Waffenrüstung in die Schranken trat, und nun die Trommeten
schmetterten, und
bald darauf die Spieße an den Schilden krachten. Unverwandt
blickte sie auf
Peter, und er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich
endlich
darüber nicht mehr, weil ihr war, als könne es nicht anders
sein. Die
Feierlichkeit war geendigt, und Peter hatte von neuem großes Lob
und große Ehre
eingesammelt.
Der
König ließ ihn an
seine Tafel laden, wo Peter der Prinzessin gegenübersaß und
über ihre Schönheit
erstaunte, denn er sah sie jetzt zum erstenmal in der Nähe. Sie
blickte immer
freundlich auf ihn hin, und dadurch kam er in große Verwirrung;
sein Sprechen
belustigte den König, und sein edler und kräftiger Anstand
setzte das Hofgesinde
in Erstaunen. Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin allein zu
sprechen,
und sie lud ihn ein, öfter wiederzukommen, worauf er Abschied
nahm, und sie ihn
noch zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entließ.
Peter
ging wie berauscht
durch die Straßen; er eilte in einen schönen Garten, und
wandelte mit
verschränkten Armen auf und nieder, bald langsam, bald schnell,
und die Zeit
verfloß, ohne daß er begreifen konnte, wie die Stunden
vorüber waren. Er hörte
nichts um sich her, denn eine innerliche Musik übertönte das
Flüstern der Bäume
und das rieselnde Plätschern der Wasserkünste. Tausendmal
sagte er sich in
Gedanken den Namen Magelone vor, und erschrak dann plötzlich, weil
er glaubte,
er habe ihn laut durch den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in
der
Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das
frische Gras hinter einem
Busche und weinte und schluchzte; es war ihm, als wenn sich der Himmel
umgewendet und nun seine Schönheit und paradiesische Seite zum
erstenmal
herausgekehrt hätte; und doch machte ihn diese Empfindung so
unglücklich, unter
allen Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen. Die Musik
floß wie ein
murmelnder Bach durch den stillen Garten, und er sah die Anmut der
Fürstin auf
den silbernen Wellen hoch einherschwimmen, wie die Wogen der Musik den
Saum
ihres Gewandes küßten, und wetteiferten, ihr nachzufolgen;
gleich einer
Morgenröte schien sie in die dämmernde Nacht hinein, und die
Sterne standen in
ihrem Laufe still, die Bäume hielten sich ruhig und die Winde
schwiegen; die
Musik war jetzt die einzige Bewegung, das einzige Leben in der Natur,
und alle
Töne schlüpften so süß über die Grasspitzen
und durch die Baumwipfel hin, als
wenn sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken wollten, als
wenn
sie, so wie der weinende Jüngling, zitterten, bemerkt zu werden.
Jetzt
erklangen die
letzten Akzente, und wie ein blauer Lichtstrom versank der Ton, und die
Bäume
rauschten wieder, und Peter erwachte aus sich selber und fühlte,
daß seine
Wange von Tränen naß sei. Die Springbrunnen
plätscherten stärker und führten
von den entferntesten Gegenden des Gartens her laute Gespräche.
Peter sang
leise folgendes Lied:
»Sind es Schmerzen, sind es Freuden,
Die durch meinen Busen ziehn?
Alle alten Wünsche scheiden,
Tausend neue Blumen blühn.
Durch die Dämmerung der Tränen
Seh ich ferne Sonnen stehn -
Welches Schmachten! welches Sehnen!
Wag ich's? soll ich näher gehn?
Ach, und fällt die Träne nieder,
Ist es dunkel um mich her;
Dennoch kömmt kein Wunsch mir wieder,
Zukunft ist von Hoffnung leer.
So schlage denn, strebendes Herz,
So fließet denn, Tränen, herab,
Ach Lust ist nur tieferer Schmerz,
Leben ist dunkeles Grab. -
Ohne Verschulden
Soll ich erdulden?
Wie ist's, daß mir im Traum
Alle Gedanken
Auf und nieder schwanken!
Ich kenne mich noch kaum.
O hört mich, ihr gütigen Sterne,
O höre mich, grünende Flur,
Du, Liebe, den heiligen Schwur:
Bleib ich ihr ferne,
Sterb ich gerne.
Ach! nur im Licht von ihrem Blick
Wohnt Leben und Hoffnung und Glück!«
Er hatte
sich selber
etwas getröstet, und schwur sich, Magelonens Liebe zu erwerben,
oder
unterzugehn. Spät in der Nacht ging er nach Hause und setzte sich
in seinem
Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort wieder vor, das sie ihm
gesagt hatte;
bald glaubte er Ursach zu finden, sich zu freuen, dann wurde er wieder
betrübt,
und war von neuem im Zweifel. Er wollte seinem Vater schreiben und
richtete in
Gedanken die Worte an Magelonen, und trauerte dann über seine
Zerstreuung, daß
er es wage, ihr zu schreiben, die er nicht kenne. Nun erschrak er vor
dem
Gedanken, daß ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen
übrigen in der Welt
so unaussprechlich teuer liebe.
Ein
süßer Schlummer
überraschte ihn endlich und durchstrich seine Zweifel und
Schmerzen, und
wunderbare Träume von Liebe und Entführungen, einsamen
Wäldern und Stürmen auf
dem Meere tanzten in seinem Gemach auf und nieder, und bedeckten wie
schöne
bunte Tapeten die leeren Wände.
5
Wie der Ritter der schönen Magelone Botschaft sandte
In
derselben Nacht war
Magelone ebenso bewegt als ihr Ritter. Es däuchte ihr, als
könne sie sich auf
ihrem einsamen Zimmer nicht lassen; sie ging oft an das Fenster und sah
nachdenklich in den Garten hinab, und alles war ihr trübe und
schwermütig; sie
behorchte die Bäume, die gegeneinanderrauschten, dann sah sie nach
den Sternen,
die sich im Meere spiegelten; sie warf es dem Unbekannten vor,
daß er nicht im
Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie, weil sie gedachte,
daß es
ihm unmöglich sei. Sie warf sich auf ihr Bett, aber sie konnte nur
wenig schlafen,
und wenn sie die Augen schloß, sah sie das Turnier und den
geliebten
Unbekannten, welcher Sieger ward und mit sehnsüchtiger Hoffnung zu
ihrem Altan
hinaufblickte. Bald weidete sie sich an diesen Phantasieen, bald schalt
sie auf
sich selber; erst gegen Morgen fiel sie in einen leichten Schlummer.
Sie
beschloß, ihre
Zuneigung ihrer geliebten Amme zu entdecken, vor der sie kein Geheimnis
hatte.
In einer traulichen Abendstunde sagte sie daher zu ihr: »Liebe
Amme, ich habe
schon seit lange etwas auf dem Herzen, welches mir fast das Herz
zerdrückt; ich
muß es dir nur endlich sagen und du mußt mir mit deinem
mütterlichen Rate
beistehn, denn ich weiß mir selber nicht mehr zu raten.«
Die Amme antwortete:
»Vertraue dich mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin ich
älter und liebe
dich wie eine Mutter, daß ich dir guten Anschlag geben möge,
denn freilich weiß
sich die Jugend nie selber zu helfen.«
Da die
Prinzessin diese
freundlichen Worte von ihrer Amme hörte, ward sie noch dreister
und
zutraulicher, und fuhr daher also fort: »O Gertraud, hast du wohl
den
unbekannten Ritter mit den silbernen Schlüsseln bemerkt?
Gewiß hast du ihn
gesehn, denn er ist der einzige, der bemerkenswert war, alle
übrigen dienten
nur, ihn zu verherrlichen, allen Sonnenschein des Ruhms auf ihn zu
häufen, und
selbst in dunkler einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann,
der
schönste Jüngling, der tapferste Held. Seit ich ihn gesehn
habe, sind meine
Augen unnütz, denn ich sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt,
wie er in
aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wüßte ich nur noch,
daß er aus einem
hohen Geschlechte sei, so wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn
setzen. Aber
er kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer wäre alsdann
edel zu nennen?
O antworte mir, tröste mich, liebe Amme, und gib mit nun
Rat.«
Die Amme
erschrak sehr,
als sie diese Rede verstanden hatte; sie antwortete: »Liebes
Kind, schon seit
lange waren meine Erwartungen so wie meine Neugier darauf gerichtet,
daß du mir
gestehn solltest, welchen von den Edlen des Königreichs, oder
welchen
Auswärtigen du liebtest, denn selbst die Höchsten und sogar
Könige begehren
dein. Aber warum hast du nun deine Neigung auf einen Unbekannten
geworfen, von
dem niemand weiß, woher er gekommen? Ich zittre, wenn der
König, dein Vater,
deine Liebe bemerkt.«
»Nun
und warum zitterst
du?« fiel ihr Magelone mit heftigem Weinen in die Rede.
»Wenn er sie bemerkt,
so wird er zürnen, der fremde Ritter wird den Hof und das Land
verlassen, und
ich werde in treuer hoffnungsloser Liebe sterben; und sterben muß
ich, wenn der
Unbekannte mich nicht wiederliebt, wenn ich auf ihn nicht die Hoffnung
der
ganzen Zukunft setzen darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein
Vater noch
du, keiner wird mich je mehr verfolgen.«
Da die
Amme diese Worte
hörte, ward sie sehr betrübt und weinte ebenfalls.
»Höre auf mit deinen Tränen,
liebes Kind«, so rief sie schluchzend aus: »alles will ich
ertragen, nur kann
ich dich unmöglich weinen sehn; es ist mir, als müßte
ich das größte Elend der
Erden erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich ist.«
»Nicht
wahr, man muß ihn
lieben?« sagte Magelone, und umarmte ihre Amme. »Ich
hätte nie einen Mann
geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn hätte; wär
es also nicht Sünde,
ihn nicht zu lieben, da ich so glücklich gewesen bin, ihn zu
finden? Gib nur
acht auf ihn, wie alle Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln
andre Ritter
edel machen, in ihm vereinigt glänzen; wie einnehmend sein fremder
Anstand ist,
daß er die hiesige italienische Sitte nicht in seiner Gewalt hat,
wie seine
stille Bescheidenheit weit mehr wahre Höflichkeit ist, als die
studierte und
gewandte Galanterie der hiesigen Ritter. Er ist immer in Verlegenheit,
daß er
niemand Besseres ist, als er, und doch sollte er stolz darauf sein,
daß er
niemand anders ist, denn so wie er ist, ist er das Schönste, was
die Natur nur
je hervorgebracht hat. O such ihn auf, Gertraud, und frage ihn
nach seinem
Stand und Namen, damit ich weiß, ob ich leben oder sterben
muß; wenn ich ihn
fragen lasse, wird er kein Geheimnis daraus machen, denn ich
möchte vor ihm
kein Geheimnis haben.«
Als der
Morgen kam, ging
die Amme in die Kirche und betete; sie sah den Ritter, der auch in
einem
andächtigen Gebete auf den Knien lag. Als er geendet hatte,
näherte er sich der
Amme und grüßte sie höflich, denn er kannte sie und
hatte sie am Hofe gesehn.
Die Amme richtete den Auftrag des Fräuleins aus, daß sie ihn
um seinen Stand
und Namen ersuche, weil es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich
verborgen
zu halten.
Peter
bekam eine große Freude
und das Herz schlug ihm, denn er sah aus diesen Worten, daß ihn
Magelone liebe;
worauf er sagte: »Man erlaube mir, meinen Namen noch zu
verschweigen, aber das
könnt Ihr der Prinzessin sagen, daß ich aus einem hohen
adelichen Geschlechte
bin, und daß der Name meiner Ahnherrn in den
Geschichtsbüchern rühmlich bekannt
ist. Nehmt indes dies zum Angedenken meiner, und laßt es einen
kleinen Lohn
sein für die fröhliche Botschaft, so Ihr mir wider alles
Verhoffen gebracht
habt.«
Er gab
hierauf der Amme
einen von den dreien köstlichen Ringen, und Gertraud eilte
sogleich zur
Prinzessin, ihr die erhaltene Kundschaft anzusagen, auch zeigte sie ihr
den
köstlichen Ring, der allein schon bewies, daß der Ritter aus
einem vornehmen
Hause stammen müsse. Er hatte der Amme zugleich ein Pergamentblatt
mitgegeben,
in Hoffnung, daß Magelone die Worte lesen würde, die er im
Gefühl seiner Liebe
niedergeschrieben hatte.
Liebe kam aus fernen Landen
Und kein Wesen folgte ihr,
Und die Göttin winkte mir,
Schlang mich ein mit süßen Banden.
Da begonn ich Schmerz zu fühlen,
Tränen dämmerten den Blick:
»Ach! was ist der Liebe Glück«,
Klagt ich, »wozu dieses Spielen?«
»Keinen hab ich weit gefunden«,
Sagte lieblich die Gestalt,
»Fühle du nun die Gewalt,
Die die Herzen sonst gebunden.«
Alle meine Wünsche flogen
In der Lüfte blauen Raum,
Ruhm schien mir ein Morgentraum,
Nur ein Klang der Meereswogen.
Ach! wer löst nun meine Ketten?
Denn gefesselt ist der Arm,
Mich umfleucht der Sorgen Schwarm;
Keiner, keiner will mich retten?
Darf ich in den Spiegel schauen,
Den die Hoffnung vor mir hält?
Ach, wie trügend ist die Welt!
Nein, ich kann ihr nicht vertrauen.
O und dennoch laß nicht wanken
Was dir nur noch Stärke gibt,
Wenn die Einzge dich nicht liebt,
Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken.
Dieses
Lied rührte
Magelonen; sie las es und las es von neuem, es war ganz ihre eigene
Empfindung,
wie von einem Echo nachgesprochen. Sie betrachtete den köstlichen
Ring, und bat
die Amme flehentlich, ihr denselben gegen ein andres Kleinod
auszutauschen; die
Amme wurde betrübt, da sie sahe, daß das Herz der Prinzessin
so ganz von Liebe
eingenommen sei, sie sagte daher: »Mein Kind, es schmerzt mich
innig, daß du
dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben willst.«
Magelone wurde
sehr zornig, als sie diese Worte hörte. »Fremd?« rief
sie aus; »o wer ist dann
meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist? Wehe müsse dir deine
Zunge auf lange
tun, für diese Rede, denn sie hat mein Herz gespalten. Wie kann er
mir denn
fremd sein, wenn ich selbst mein eigen bin, da er nichts ist, als was
ich bin,
da ich nur das sein kann, was er mir zu sein vergönnt? Die Luft,
den Atem, das
Leben, alles, alles darf ich ihm nur danken, mein Herz gehört mir
selbst nicht
mehr, seit ich ihn kenne; oh, liebe Gertraud, was wär ich in der
Welt, und was
wäre die ganze unermeßliche Welt mir, wenn er mir fremd sein
müßte?«
Gertraud
tröstete sie,
und die Prinzessin legte sich schlafen, vorher aber hing sie an einer
feinen
Perlenschnur den Ring um den Nacken, daß er ihr auf der Brust zu
liegen kam. Im
Schlafe sah sie sich in einem schönen und lustigen Garten, der
hellste
Sonnenschein flimmerte auf allen grünen Blättern, und wie von
Harfensaiten
tönte das Lied ihres Geliebten aus dem blauen Himmel herunter, und
goldbeschwingte Vögel staunten zum Himmel hinauf und merkten auf
die Noten;
lichte Wolken zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosenrot
gefärbt und
tönten wider. Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit aus
einem dunkeln
Gange, er umarmte Magelonen und steckte ihr einen noch köstlichern
Ring an den
Finger, und die Töne vom Himmel herunter schlangen sich um beide
wie ein
goldenes Netz, und die Lichtwolken umkleideten sie, und sie waren von
der Welt
getrennt nur bei sich selber und in ihrer Liebe wohnend, und wie ein
fernes Klaggetön
hörten sie Nachtigallen singen und Büsche flüstern,
daß sie von der Wonne des
Himmels ausgeschlossen waren.
Als
Magelone von ihrem
schönen Traume erwachte, erzählte sie alles der Amme, und
diese sah jetzt ein,
daß sie ihren ganzen Sinn auf den Unbekannten gesetzt hätte,
und daß er ihr
Glück oder Unglück sein müsse, worüber sie sehr
nachdenklich wurde.
6
Wie der Ritter Magelonen einen Ring übersandte
Die Amme
wandte vielen
Fleiß an, den Ritter wieder anzutreffen, und es geschah,
daß sie sich in derselben
Kirche wiederfanden. Peter war froh, als er die Amme ansichtig wurde,
und ging
sogleich auf sie zu und erkundigte sich nach dem Fräulein. Sie
erzählte ihm
alles, wie sie für großer Liebe den Ring für sich
behalten, und die
geschriebenen Worte gelesen, und wie sie in der Nacht von ihm
geträumt. Peter
ward rot vor Freuden, als er diese Umstände erzählen
hörte und sagte: »Ach,
liebe Amme, sagt ihr doch die Empfindungen meines Herzens, und
daß ich vor
Sehnsucht verschmachten muß, wenn ich sie nicht bald sprechen
kann; spreche ich
sie aber mündlich, so will ich ihr, wie ich sonst niemand tue,
meinen Stand und
Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer Liebe, wie kein andres
Herz es
fähig ist, und alle meine Gebete zum Himmel sind nur der Wunsch,
daß ich sie
zum ehelichen Gemahl überkommen möchte, und daß ihre
Gedanken nur etlichermaßen
so nach mir gerichtet wären, wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr
auch diesen
Ring, und bittet sie, ihn als ein geringes Andenken von mir zu
tragen.«
Die Amme
eilte schnell zu
Magelonen zurück, die vor übergroßer Liebe krank war
und auf ihrem Ruhebette
lag. Sie sprang auf, als sie ihre Kundschafterin erblickte, umarmte sie
und
fragte nach Neuigkeiten. Die Amme erzählte ihr alles und gab ihr
auch den
kostbaren Ring. »Sieh!« rief die Prinzessin aus, »das
ist eben der Ring, von
dem ich geträumt habe; oh! so muß auch das übrige in
Erfüllung gehn.« Ein Blatt
enthielt dieses Lied:
Willst du des Armen
Dich gnädig erbarmen?
So ist es kein Traum?
Wie rieseln die Quellen,
Wie tönen die Wellen,
Wie rauschet der Baum!
Tief lag ich in bangen
Gemäuern gefangen,
Nun grüßt mich das Licht;
Wie spielen die Strahlen!
Sie blenden und malen
Mein schüchtern Gesicht.
Und soll ich es glauben?
Wird keiner mir rauben
Den köstlichen Wahn?
Doch Träume entschweben,
Nur lieben heißt leben:
Willkommene Bahn!
Wie frei und wie heiter!
Nicht eile nun weiter,
Den Pilgerstab fort!
Du hast überwunden,
Du hast ihn gefunden,
Den seligsten Ort!
Magelone
sang das Lied,
dann küßte sie den Ring, und dann auch den ersten, um ihn
nicht zu kränken;
dann las sie die Worte von neuem, und sprach sie laut, und so trieb sie
es in
der Einsamkeit bis spät in die Nacht.
7
Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing von der schönen
Magelone
Der
Ritter befand sich am
folgenden Morgen wieder in der Kirche, weil er hoffte, von der
Geliebten seiner
Seele dort eine Nachricht zu überkommen. Die Amme fand ihn, und es
traf sich,
daß sie beide in der Kirche allein waren. Er erkundigte sich nach
Magelonen und
die Amme Gertraud erzählte ihm alles, worauf sie sagte:
»Wenn Ihr mir
versichert, Herr Ritter, daß Ihr mein Fräulein in aller
Zucht und Tugend lieben
wollt, so will ich Euch auch nunmehr sagen, wo Ihr sie sprechen
könnt.« Peter
ließ sich auf ein Knie nieder und hob seine Finger in die
Höhe. »Ich schwöre«,
sagte er, »daß meine reinsten Gedanken stets um Magelone
sind; ich liebe sie in
aller Zucht und Anständigkeit, wie es dem ehrbaren Ritter ziemt,
und so dies
nicht wahr ist, so verlasse mich Gott in meiner allergrößten
Not. Amen!« Die
Amme war mit diesem Schwure wohl zufrieden, sie vertraute ihm nun
gänzlich und
sagte: »Ich sehe, daß Ihr nicht nur der tapferste, sondern
auch der edelste
Ritter seid auf Gottes weiter Erde; Ihr sollt Euch daher auch alles
Beistandes
von mir gewärtiget sein. Ihr seid glücklich in Magelonen und
sie ist glücklich
in Euch; macht Euch daher morgen nachmittag fertig, durch die heimliche
Pforte
des Gartens zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu sprechen. Ich
will euch
allein lassen, damit ihr ganz unverhohlen eure Herzensmeinungen
ausreden
könnt.«
Sie
nannte ihm die
Stunde, und verließ ihn. Der Ritter stand noch lange und sah ihr
im trunkenen
Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was er gehört hatte.
Das Glück, das
er so sehnlichst erharrt, rückte ihm nun so unerwartet näher,
daß er es im
frohen Entsetzen nicht zu genießen wagte. Der Mensch erschrickt
über den
Zufall, selbst wenn er ihn glücklich macht; wenn unser Schicksal
sich plötzlich
zur Wonne umändert, so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar zu
leicht an der
Wirklichkeit des Lebens. Dies dachte auch Peter bei sich, als er alle
seine
Sinne in trüber Verwirrung bemerkte. »Wie bin ich so vom
Glücke überschüttet«,
rief er aus, »daß ich gar nicht zu mir selber kommen kann!
Wie wohl würde mir
jetzt ein Besinnen auf meinen Zustand tun, aber es ist unmöglich!
Wenn wir
unsre kühnen Hoffnungen in der Ferne sehn, so freuen wir uns an
ihrem edlen
Gange, an ihren goldnen Schwingen, aber jetzt flattern sie mir
plötzlich so
nahe ums Haupt, daß ich weder sie noch die übrige Welt
wahrzunehmen vermag.«
Er ging
nach Hause, und
glaubte in manchen Augenblicken, die Zeit stehe seit der Stunde still,
in der
er die treue Amme gesprochen hatte, denn es wollte nicht Abend werden;
als es
Abend war, saß er ohne Licht in seiner Kammer und betrachtete die
Wolken und
Sterne, und sein Herz schlug ihm ungestüm, wenn er dann
plötzlich an sich und
Magelonen dachte. Er glaubte nicht, daß es wieder Tag werden
könne, und daß es
die bezeichnete Stunde wagen werde, heraufzukommen. Eingedämmert
von
Erwartungen, banger Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er
auf seinem
Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen in seine Kammer
hereinspielten, und hell und fröhlich an den Wänden zuckten.
Er raffte
sich auf, und
dachte, was er ihr sagen wolle; er erschrak jetzt vor dem Gedanken,
daß er sie
sprechen müsse; dennoch war es sein herzinniglichster Wunsch, er
konnte sich
nicht besänftigen, darum nahm er die Laute und sang:
»Wie soll ich die Freude,
Die Wonne denn tragen?
Daß unter dem Schlagen
Des Herzens die Seele nicht scheide?
Und wenn nun die Stunden
Der Liebe verschwunden,
Wozu das Gelüste,
In trauriger Wüste
Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn,
Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblühn?
Wie geht mit bleibehangnen Füßen
Die Zeit bedächtig Schritt vor Schritt!
Und wenn ich werde scheiden müssen,
Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt!
Schlage, sehnsüchtige Gewalt,
In tiefer treuer Brust!
Wie Lautenton vorüberhallt,
Entflieht des Lebens schönste Lust.
Ach, wie bald
Bin ich der Wonne mir kaum noch bewußt.
Rausche, rausche weiter fort
Tiefer Strom der Zeit,
Wandelst bald aus Morgen Heut,
Gehst von Ort zu Ort;
Hast du mich bisher getragen,
Lustig bald, dann still,
Will es nun auch weiter wagen,
Wie es werden will.
Darf mich doch nicht elend achten,
Da die Einzge winkt,
Liebe läßt mich nicht verschmachten,
Bis dies Leben sinkt;
Nein, der Strom wird immer breiter,
Himmel bleibt mir immer heiter,
Fröhlichen Ruderschlags fahr ich hinab,
Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab.«
8
Wie Peter die schöne Magelone besuchte
Jetzt war
die Zeit da,
und die Stunde gekommen, in welcher der Ritter seine geliebte Magelone
besuchen
sollte. Er ging heimlicherweise durch die Pforte des Gartens und auf
die Kammer
der Amme, wo er die Prinzessin fand. Magelone saß auf einem
Ruhebett und wollte
aufstehn, als sie den Ritter eintreten sah, und ihm um den Hals fallen,
und ihn
mit Tränen und Küssen in die Wette bedecken. Doch
mäßigte sie sich und blieb
sitzen, aber eine scharlachene Röte überzog ihr ganzes
Gesicht, so daß sie
aussah wie eine Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die jetzt
der
warme Sonnenschein badet, und ihre Blätter auseinanderlockt.
Ebenso war auch
der Ritter, der mit verschämtem Gesicht vor ihr stand, auf welchem
holdselige
Freude und Verwirrung sich wechselsweise ablösten.
Die Amme
verließ das
Gemach, und Peter warf sich ohne zu sprechen auf ein Knie nieder;
Magelone
reichte ihm die schöne Hand, hieß ihn aufstehn und sich
neben sie niedersetzen.
Peter tat es, und zitterte an ihrer Seite; seine Augen waren wie zwei
glänzende
Sterne, so trunken war er vor Entzückung, daß er nun die
Geliebteste seiner
Seele so dicht vor seinen Augen sah. Lange wollte kein Gespräch in
den Gang
kommen; ihre zärtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten,
störten die
Worte; aber endlich entdeckte sich ihr der Jüngling, und sagte,
daß er sich ihr
ganz zu eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, daß ihr
sein ganzes
Leben gewidmet sei, und daß er sich durch ihre Liebe wie von
Engelshänden
berührt, aus einem tiefen Schlafe erwacht fühle.
Er
schenkte ihr den
dritten Ring, welcher der kostbarste von allen war, wobei er ihre
lilienweiße
Hand küßte. Sie war über seine Treue innig bewegt,
stand auf und holte eine
köstliche güldene Kette, die sie ihm um den Hals legte und
sagte. »Hiemit
erkenne ich Euch für mein und mich für die Eurige, nehmt
dieses Andenken, und
tragt es immer, so lieb Ihr mich habt.« Dann nahm sie den
erschrockenen Ritter
in die Arme und küßte ihn herzlich auf den Mund, und er
erwiderte den Kuß und
drückte sie gegen sein Herz.
Sie
mußten scheiden, und
Peter eilte sogleich nach seinem Zimmer, als wenn er seinen
Waffenstücken und
seiner Laute sein Glück erzählen müsse; er war so froh,
als er noch nie gewesen
war. Er ging mit großen Schritten auf und ab und griff in die
Saiten, küßte das
Instrument und weinte heftig. Dann sang er mit großer Inbrunst:
»War es dir, dem diese Lippen bebten,
Dir der dargebotne süße Kuß?
Gibt ein irdisch Leben so Genuß?
Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten,
Alle Sinne nach den Lippen strebten!
In den klaren Augen blinkte
Sehnsucht, die mir zärtlich winkte,
Alles klang im Herzen wider,
Meine Blicke sanken nieder,
Und die Lüfte tönten Liebeslieder!
Wie ein Sternenpaar
Glänzten die Augen, die Wangen
Wiegten das goldene Haar,
Blick und Lächeln schwangen
Flügel, und die süßen Worte gar
Weckten das tiefste Verlangen:
O Kuß! wie war dein Mund so brennend rot!
Da starb ich, fand ein Leben erst im schönsten Tod.«
9
Turnier zu Ehren der schönen Magelone
Der
König Magelon von
Neapel wünschte jetzt, daß seine schöne Tochter in
kurzer Zeit mit Herrn
Heinrich von Carpone vermählt würde, der sich in dieser
Absicht schon seit
lange am Hofe aufhielt. Es ward daher wieder ein glänzendes
Turnier ausgeschrieben,
welches alle vorhergehenden an Pracht übertreffen sollte, und
viele berühmte
Ritter aus Italien und Frankreich versammelten sich. Ein Oheim Peters
kam auch
aus der Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe, der den
jungen
Grafen zum Ritter geschlagen hatte.
Das
Kampfspiel nahm
seinen Anfang, und alle die großen Ritter zogen auf den Plan, und
hielten sich
männlich. Peter war ungeduldig und einer der ersten, welche
aufzogen. Er hielt
sich so wacker, daß er viele Ritter von ihren Rossen stach, unter
andern auch
den Herrn Heinrich. Magelone stand oben auf dem Altane, und wurde vor
Furcht
und herzinnigen Wünschen bald rot und bald blaß. Gegen Peter
stellte sich
endlich sein Oheim, der ihn nicht kannte; aber Peter kannte ihn gar
wohl, er
rief deshalb den Herold zu sich, und schickte ihn mit diesen Worten an
seinen
Vetter: er habe ihm einst in der Ritterschaft einen großen Dienst
erwiesen,
deshalb möchte er nicht gegen ihn rennen, sondern er erkenne ihn
ohnedies für
den besseren Ritter. Aber der alte Rittersmann ward über den
Antrag zornig, und
sagte: »Habe ich ihm je einen Dienst erwiesen, so sollte er um so
lieber eine
Lanze mit mir brechen, um auch mir zu Gefallen zu leben; meint er denn,
daß ich
seiner nicht wert sei. Denn er wird hier für einen überaus
tapfern Ritter
geachtet, wie auch seine Taten genugsam an den Tag legen, daß dem
wirklich so
sei.« Blieb also mit seinem Rosse auf der Bahn stehn, und dem
jungen Ritter
ward vom Herolde die zornige Antwort überbracht. Sie rannten
gegeneinander,
aber Peter trug seine Lanze in der Quere, um seinen Verwandten nicht zu
verletzen. Jener, Herr Jakob genannt, rannte den Peter so an, daß
die Lanze
zersplitterte, und er selber fast bügellos wurde. Alle
verwunderten sich und
die beiden Gegner maßen noch einmal die Bahn zurück, dann
ritten sie wieder
gegeneinander, und Peter trug seine Lanze wie das erstemal; alle waren
in
Erstaunen, nur Magelone sah die Ursach ein, und wußte wohl, warum
es geschah.
Herr Jakob rannte wieder mit heftiger Gewalt auf seinen Gegner, seine
Lanze
traf auf Peters Brustharnisch, aber der junge Ritter blieb unbeweglich
im
Sattel sitzen, und der Stoß war so gewaltig, daß Herr Jakob
dadurch von sich
selber vom Pferde abfiel. Da das Jakob merkte, zog er sich zurück,
und hatte
keine Lust mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte auch
die
übrigen Ritter, so daß ihm der Preis mußte zuerkannt
werden; der König und alle
vom Hofe waren in Erstaunen, und die übrigen Herren zogen ergrimmt
nach ihrer
Heimat zurück, da sie den Namen des unbekannten Siegers durchaus
nicht erfahren
konnten. -
Peter
hatte seine
Geliebte indessen schon zum öftern heimlich besucht, und so nahm
er sich einmal
vor, ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Als er sie daher wieder sah,
tat er
sehr betrübt, und sagte mit kläglicher Stimme, daß er
bald scheiden müsse, denn
seine Eltern würden seinetwegen in der größten
Betrübnis leben, da sie ihn so
lange nicht gesehn, auch keine Nachricht von ihm bekommen hätten.
Als Magelone
diese Worte hörte, ward sie blaß, dann fing sie heftig an zu
weinen, und sank
in den Sessel zurück. »Ja, reiset nur ab«, sagte sie,
»und alle meine traurigen
Ahndungen sind dann in Erfüllung gegangen, ich sehe Euch nicht
wieder und mein
Tod ist gewiß. Was kümmert er Euch? Nun also, was
kümmert er mich?
O verzeiht, mein Geliebter, nein, es ist wahr, Ihr müßt
Eure Eltern
wiedersehn, Ihr habt Euch meinetwegen schon zu lange hier aufgehalten;
wie
werden sie um Euch trauern, wie sehr nach Eurer Anwesenheit seufzen.
Ja, lebt
darin wohl, auf ewig wohl!«
Peter
sagte: »Nein, meine
teuerste Magelone, ich bleibe; wie könnte ich fortziehn, und dich
nicht mehr
sehn, nicht mehr diese teuren Augen erblicken und Hoffnung und
Stärke in ihnen
finden, diese liebe Stimme nicht mehr hören, die wie ein Gesang
aus dem Paradiese
in mein Ohr dringt? Nein, ich bleibe; kein Gedanke nach meiner Heimat
und
meinen Eltern, denn alle meine Gedanken wohnen hier.«
Magelone
wurde wieder
fröhlicher, dann besann sie sich eine Weile. »Wenn Ihr mich
liebt«, fing sie
wieder an, »so sollt Ihr dennoch reisen. Eure Worte haben einen
Gedanken in mir
erweckt, der schon seit lange in meiner Seele schlummert, denn ich
muß Euch
sagen, es ist jetzt an dem, daß mich mein Vater mit dem Herrn
Heinrich von
Carpone vermählen will. Darum flieht von hier, und nehmt mich mit
Euch, denn
ich traue Eurem Edelmute; haltet morgen in der Nacht mit zwei starken
Pferden
vor der Gartenpforte, aber laßt es Pferde sein, die eine weite
und schnelle
Reise wohl vertragen können, denn so man uns einholte, wären
wir alle elend.«
Der
Jüngling hörte mit
frohem Erstaunen diese Worte. »Ja«, rief er aus, »wir
fliehen schnell zu meinem
Vater, und das schönste Band soll uns dann auf ewig
verbinden.«
Er eilte
sogleich fort,
um die nötigen Anstalten schnell und heimlich zu treffen. Magelone
besorgte
ihrerseits auch das Nötige, sagte aber ihrer Amme kein Wort von
ihrem
Entschlusse, aus Furcht, daß sie alles verraten möchte.
Peter
nahm Abschied von
seiner Kammer, von den Gegenden der Stadt, durch die er so oft in
seliger
Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als Zeugen seiner Liebe
betrachtete.
Es war ihm rührend, als er die getreue Laute auf seinem Tische
liegen sah, die
so oft von seinen Fingern gerührt die Gefühle seines Herzens
ausgesprochen
hatte, die eine Mitwisserin des süßen Geheimnisses war. Er
nahm sie noch einmal
und sang:
»Wir müssen uns trennen,
Geliebtes Saitenspiel,
Zeit ist es, zu rennen
Nach dem fernen erwünschten Ziel.
Ich ziehe zum Streite,
Zum Raube hinaus,
Und hab ich die Beute,
Dann flieg ich nach Haus.
Im rötlichen Glanze
Entflieh ich mit ihr,
Es schützt uns die Lanze,
Der Stahlharnisch hier.
Kommt, liebe Waffenstücke,
Zum Scherz oft angetan,
Beschirmet jetzt mein Glücke
Auf dieser neuen Bahn.
Ich werfe mich rasch in die Wogen,
Ich grüße den herrlichen Lauf,
Schon mancher ward niedergezogen,
Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf.
Ha! Lust zu vergeuden
Das edele Blut!
Zu schützen die Freuden,
Mein köstliches Gut!
Nicht Hohn zu erleiden,
Wem fehlt es an Mut?
Senke die Zügel,
Glückliche Nacht!
Spanne die Flügel,
Daß über ferne Hügel
Uns schon der Morgen lacht!«
10
Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh
Die Nacht
war gekommen.
Magelone schlich mit einigen Kostbarkeiten durch den Garten; der Himmel
war mit
Wolken bedeckt, und ein sparsames Mondlicht drang durch die Finsternis.
Sie
ging mit wehmütigen Empfindungen ihren lieben Blumen vorüber,
die sie nun auf
immer verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte durch den Garten und
ihr war,
als wenn die Gesträuche winselten und klagten, und ihr ein
zärtliches Lebewohl
nachriefen.
Vor der
Pforte hielt
Peter mit drei Pferden, darunter war ein Zelter von einem leichten und
bequemen
Gange für das Fräulein; auf einem andern Pferde waren
Lebensmittel, damit sie
auf der Flucht nicht nötig hätten in Herbergen einzukehren.
Peter hob das
Fräulein auf den Zelter, und so flohen sie heimlicherweise und
unter dem
Schutze der Nacht davon.
Die Amme
vermißte am
Morgen die Prinzessin, und so fand sich auch bald, daß der Ritter
in der Nacht
abgereiset sei; der König merkte daraus, daß er seine
Tochter entführt habe. Er
schickte daher viele Leute aus, um sie aufzusuchen; diese forschten
fleißig
nach, aber alle kamen nach verschiedenen Tagen unverrichteter Sache
zurück.
Peter
hatte die Vorsicht
gebraucht, daß er nach den Wäldern zugeritten war, die in
der Nähe des Meeres
lagen; dort waren die Wege am einsamsten und fast gar nicht besucht,
hier floh
er mit seiner Geliebten sicher unter dem dichten Schutze der Nacht
hinweg. Der
Tritt von den Pferden hallte im Forste weit hinab, die Wipfel der
Bäume
rauschten furchtbar in der Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei
und
fröhlich, denn sie hatte immer ihren Geliebten neben sich. Sie
weidete sich an
seinem Antlitze, wenn sie über einen freien Platz trabten; sie
fragte ihn
mancherlei von seinen Eltern und seiner Heimat, und so verging ihnen
unter
banger Erwartung, Gespräch und schönen Hoffnungen die
langwierige Nacht.
Beim
Anbruch des Morgens
zogen dichte weiße Nebel durch den Wald, wie Gottes Segen, der
seine Reise
antrat und durch unwegsame Büsche den Saatfeldern zueilte, wo er
als Tau
niederregnete. Sie zogen durch den Flug des Nebels weiter, und durch
den
Morgenwind, der die ganze Natur aus ihrem tiefen Schlafe
wachschüttelte.
Magelone klagte über keine Beschwer, denn sie empfand keine.
Jetzt
brach die liebliche
Sonne hervor, und äugelte mit glühendem Funkeln durch den
dichten Wald; das
grüne Gras schien am Boden zu brennen, und der wankende Tau
erbebte mit tausend
blendenden Strahlen. Die Rosse wieherten, die Vögel erwachten und
sprangen mit
ihren Liedern von Zweig zu Zweig, gelbbeschwingte badeten sich im Tau
der
Wiesen und flatterten im Glanz des jungen Lichtes dicht über dem
Boden hinweg;
durch den blauen Himmel zogen goldene Streifen herauf und bahnten der
aufgegangenen Sonne den Weg; Gesänge ertönten aus allen
Büschen, die muntern
Lerchen flogen empor und sangen von oben in die rotdämmernde Welt
hinein.
Auch
Peter stimmte ein
fröhliches Lied an, und der schönen Magelone ging
darüber das Herz vor Freuden
auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bäume hinab, und ein ferner
Widerhall
sang ihm nach. Die beiden Reisenden sahen in der Glut des Himmels, im
Glanz des
frischen Waldes nur einen Widerschein ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr
Herz an,
und erfüllte es mit wehmütiger Freude.
Die Sonne
stieg höher
hinauf, und gegen Mittag fühlte Magelone eine große
Müdigkeit; beide stiegen
daher an einer schönen kühlen Stelle des Waldes von ihren
Pferden. Weiches Gras
und Moos war auf einer kleinen Anhöhe zart emporgeschossen; hier
setzte sich
Peter nieder und breitete seinen Mantel aus, auf diesen lagerte sich
Magelone
und ihr Haupt ruhte in dem Schoße des Ritters. Sie blickten sich
beide mit
zärtlichen Augen an, und Magelone sagte: »Wie wohl ist mir
hier, mein
Geliebter, wie sicher ruht sich's hier unter dem Schirmdach dieses
grünen
Baums, der mit allen seinen Blättern, wie mit ebenso vielen
Zungen, ein
liebliches Geschwätze macht, dem ich gerne zuhöre; aus dem
dichten Walde
schallt Vogelgesang herauf, und vermischt sich mit den rieselnden
Quellen; es ist
hier so einsam und tönt so wunderbar aus den Tälern unter
uns, als wenn sich
mancherlei Geister durch die Einsamkeit zuriefen und Antwort
gäben; wenn ich
dir ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges Erschrecken, daß
wir nun hier
sind; von den Menschen fern und einer dem andern ganz eigen. Laß
noch deine
süße Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen,
damit die schöne Musik
vollständig sei, ich will versuchen ein wenig zu schlafen; aber
wecke mich ja
zur rechten Zeit, damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen
können.«
Peter
lächelte, er sah
wie ihr die schönen Augen zufielen, und die langen schwarzen
Wimpern einen
lieblichen Schatten auf dem holden Angesichte bildeten; er sang:
»Ruhe, Süßliebchen im
Schatten
Der grünen dämmernden Nacht,
Es säuselt das Gras auf den Matten,
Es fächelt und kühlt dich der Schatten,
Und treue Liebe wacht.
Schlafe, schlaf ein,
Leiser rauschet der Hain -
Ewig bin ich dein.
Schweigt, ihr versteckten Gesänge,
Und stört nicht die süßeste Ruh!
Es lauscht der Vögel Gedränge,
Es ruhen die lauten Gesänge,
Schließ, Liebchen, dein Auge zu.
Schlafe, schlaf ein,
Im dämmernden Schein -
Ich will dein Wächter sein.
Murmelt fort ihr Melodieen,
Rausche nur, du stiller Bach,
Schöne Liebesphantasieen
Sprechen in den Melodieen,
Zarte Träume schwimmen nach,
Durch den flüsternden Hain
Schwärmen goldene Bienelein,
Und summen zum Schlummer dich ein.«
11
Wie Peter die schöne Magelone verließ
Peter war
durch seinen
Gesang beinahe auch eingeschläfert, aber er ermunterte sich
wieder, und betrachtete
das holdselige Angesicht der schönen Magelone, die im Schlafe
süß lächelte.
Dann sah er über sich und bemerkte, wie eine Menge schöner
und zarter Vögel
oben in den Zweigen sich versammelten, die nicht scheu taten, sondern
hin und
her hüpften, auch jezuweilen auf den kleinen Grasplatz zu ihm
herunterkämen. Es
ergötzte ihn, daß diese unvernünftigen Kreaturen an der
schönen Magelone ein
Wohlgefallen zu bezeigen schienen. Da sah er aber in dem Baume einen
schwarzen
Raben sitzen, und dachte bei sich: »Wie kommt doch dieser
häßliche Vogel in die
Gesellschaft dieser bunten Tierchen, es dünkt mir nicht anders,
als wenn sich
ein grober ungeschliffener Knecht unter edle Ritter eindrängen
wollte.«
Ihm
däuchte, als wenn
Magelone mit Bangigkeit Atem holte, er schnürte sie daher etwas
auf, und ihr
weißer schöner Busen trat aus den verhüllenden
Gewändern hervor. Peter war über
die unaussprechliche Schönheit entzückt, er glaubte im Himmel
zu sein, und alle
seine Sinne wandten sich um; er konnte nicht aufhören seine Augen
zu weiden und
sich an dem Glanze zu berauschen. Mit jedem Atemzuge hob sich die zarte
Brust
und sank wieder. Der Ritter fühlte, daß er Magelonen noch
nie so geliebt habe,
daß er noch niemals so glücklich gewesen sei. Zwischen den
Brüsten versteckt, bemerkte
er einen roten Zindel; er war neugierig zu erfahren, was es sein
möchte; er
nahm ihn und wickelte ihn auseinander. Da fand er die drei kostbaren
Ringe, die
er seiner Geliebten geschenkt hatte, und er war innig gerührt,
daß sie sie so
liebevoll und sorgfältig bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und
legte sie
neben sich in das Gras; aber plötzlich flog der Rabe vom Baume
hernieder und
führte den Zindel hinweg, den er für ein Stück Fleisch
ansehn mochte. Peter
erschrak sehr und besorgte, daß Magelone unwillig werden
möchte, wenn ihr beim
Erwachen die Ringe fehlten. Er legte ihr also sorgfältig seinen
Mantel unter
das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu sehn, wo der Vogel mit
den
Ringen bleiben würde. Der Rabe flog vor ihm her, und Peter warf
nach ihm mit
Steinen, in der Meinung, ihn zu töten, oder ihn wenigstens zu
zwingen, seinen
Raub wieder fallen zu lassen. Aber der Vogel flog immer weiter und
Peter
verfolgte ihn unermüdet, doch keiner von den Steinwürfen
wollte den Raben
treffen. So war ihm Peter schon eine ziemliche Weile gefolgt, und kam
jetzt an
das Meerufer. Nicht weit vom Ufer stand im Meere eine spitzige Klippe,
auf
diese setzte sich der Rabe, und Peter warf von neuem nach ihm mit
Steinen; der
Vogel ließ endlich den Zindel fallen, und flog mit großem
Geschrei davon. Peter
sah im Meere nicht weit vom Ufer rot den Zindel schwimmen; er ging am
Lande hin
und her, um etwas zu finden, worauf er die wenigen Schritte in das
Wasser
hineinfahren könne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten,
verwitterten
Kahn, den die Fischer hier hatten stehenlassen, weil er ihnen nichts
mehr
nützte. Peter stieg rasch hinein, nahm einen Zweig, und ruderte
damit, so gut
er nur konnte, nach dem Zindel hin.
Aber
plötzlich erhob sich
vom Lande her ein starker Wind, die Wellen jagten sich
übereinander und
ergriffen den kleinen Kahn, in welchem Peter stand. Peter setzte sich
mit allen
Kräften dagegen, aber das Schiff ward dennoch der Klippe
vorüber, ins Meer
hinein getrieben, und weiter und immer weiter. Peter sah zurück,
und kaum
bemerkte er noch den roten Flecken, den der Zindel im Meere machte, und
jetzt
verschwand er völlig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt.
Nun gedachte
Peter an seine Magelone zurück, die er im wüsten Holze
schlafend verlassen
hatte; das Schiff trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein,
und er
kam in Angst und Verzweiflung. Er war im Begriff, sich in das Meer zu
stürzen,
er schrie und klagte, und alle seine Töne gab ein Echo
zurück, und die Wellen
plätscherten laut dazwischen.
Das Land
lag nun schon
weit zurück in einer unkenntlichen Ferne, die Dämmerung des
Abends brach
herein. »Ach teuerste Magelone!« rief Peter in der
höchsten Betrübnis seiner
Seelen heftig aus: »wie wunderlich werden wir voneinander
geschieden! Eine
schwarze Hand treibt mich von deiner Seite in das wüste Meer
hinaus, und du
bist allein und ohne Hülfe. Was willst du Unglückselige im
wüsten Walde
beginnen? Ach! ich bin schuld an deinem Tode! Mußte ich dich
darum, dich
Königstochter von deinen Eltern entführen, um dich der
härtesten Not
preiszugeben? Bist du darum so zart und edel erzogen, daß du nun
vielleicht
eine Beute der wilden Tiere werden mußt?
Was wird
sie nun machen,
wenn sie erwacht, und den vermißt, den sie für den
Getreuesten auf der ganzen
Erde hielt? Warum mußte mein Vorwitz nur die Ringe hervorsuchen,
konnte ich sie
nicht an ihrem schönsten Platze lassen, wo sie so sicher waren?
O weh mir,
nun ist alles verloren und ich muß mich in mein Verderben
finden!«
Solche
Klagen trieb er,
und gebärdete sich auf dem wüsten Meere äußerst
trübselig. Er verlor alle
Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond schien vom Himmel herab und
erfüllte
die Welt mit goldener Dämmerung; alles war still, nur die Wellen
seufzten und
plätscherten, und Vögel flatterten zuzeiten mit seltsamen
Tönen über ihn dahin.
Die Sterne standen ernst am Himmel und die Wölbung spiegelte sich
in der
wogenden Flut. Peter warf sich nieder, und sang mit lauter Stimme:
»So tönet dann, schäumende
Wellen,
Und windet euch rund um mich her!
Mag Unglück doch laut um mich bellen,
Erbost sein das grausame Meer!
Ich lache den stürmenden Wettern,
Verachte den Zorngrimm der Flut;
O mögen mich Felsen zerschmettern!
Denn nimmer wird es gut.
Nicht klag ich, und mag ich nun scheitern,
In wäßrigen Tiefen vergehn!
Mein Blick wird sich nie mehr erheitern,
Den Stern meiner Liebe zu sehn.
So wälzt euch bergab mit Gewittern,
Und raset, ihr Stürme, mich an,
Daß Felsen an Felsen zersplittern!
Ich bin ein verlorener Mann.«
Er lag im
Kahne
ausgestreckt, und eine dumpfe Betäubung ergriff ihn; er
wußte vor Übermaß des
Schmerzes nicht mehr, wo er war, und ließ sich gleichgültig
von Wind und Wellen
weitertreiben; endlich verfiel er in einen Zustand, der fast einem
Schlafe
glich.
12
Die Klagen der schönen Magelone
Magelone
erwachte,
nachdem sie sich durch einen süßen Schlaf erquickt hatte,
und meinte, daß ihr
Geliebter noch bei ihr säße. Sie erschrak, als sie sich
aufrichtete und ihn
nicht mehr fand; sie wartete erst eine Weile, ob er nicht wiederkommen
möchte,
dann ging sie hin und her, und rief seinen Namen mit lauter Stimme aus.
Da sie
keine Antwort vernahm, fing sie an zu weinen und zu schluchzen, wandte
sich
dann im Holze nach allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser
war, aber
sie erhielt keine Antwort. Da wurde sie so betrübt, daß sie
einen heftigen
Schmerz im Haupte empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine
Weile in
einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder zu sich erwachte,
däuchte ihr, daß
es ein leichtes sein müsse, jetzt gar zu sterben; nun sah sie
nicht mehr auf
die Vögel, die scherzend um sie hüpften, denn wenn sie die
Augen aufschlug, war
es ihr zu Sinne, daß jede Kreatur, die sich regte und bewegte,
glücklicher sei,
als sie.
Mit
vieler Mühe stieg sie
auf einen Baum, um sich in der Gegend umzusehn, ob sie nichts entdecken
könne,
aber sie sah nichts als Wälder auf der einen Seite, keine Wohnung,
kein Dorf,
so weit ihr Auge reichte, auf der andern Seite das wüste
unabsehliche Meer.
Trostlos stieg sie wieder herab, und weinte und klagte von neuem:
»O ungetreuer
Ritter«, rief sie aus, »warum hast du deine unschuldige
Geliebte verlassen?
Hast du mich darum meinen Eltern geraubt, damit ich hier in der
Wüstenei
verschmachten soll? Was hab ich dir getan? Hab ich dich zu sehr
geliebt? Bist
du mein überdrüssig, weil ich dir mein schwaches Herz zu
früh zu erkennen gab?
Oh, so bist du der Elendeste unter den Menschen!«
Sie ging
wie wahnsinnig
im Walde hin und her; da traf sie die Rosse, die noch so angebunden
standen,
wie Peter sie festgemacht hatte. »O vergib mir, mein
Geliebter!« rief sie aus,
»jetzt werde ich wohl gewahr, daß du unschuldig bist und
daß du mich nicht
vorsätzlicherweise verlassen hast. Welches Abenteuer hat uns denn
voneinander
getrennt?«
Die
Finsternis brach mit
der Nacht herein, und der Mond warf gebrochne Strahlen durch den Wald;
seltsame
fremde Stimmen ließen sich in der Ferne hören, und Magelone
fürchtete, daß es
das Geschrei wilder Tiere sei. Mühsam stieg sie wieder auf einen
Baum. Die
Wolken wechselten am Himmel wunderlich vom Monde beglänzte und
jagten sich
durcheinander; bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren Ritter,
der mit
Ungeheuern kämpfte und sie besiegte; dann verwandelte sich im Zuge
das
Wolkengebilde in ein andres; ihr dämmerndes Auge glaubte dann am
Himmel Städte
mit hohen Türmen zu erblicken, oder Berge, auf denen feurige
Kastelle brannten,
Reiter, die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde im Tale begegneten.
Wie
Blitze flatterte es dann durch die Landschaft, und die hellgrüne
Himmelsebene
lag prächtig zwischen den getrennten Wolkenbildern; dann
fühlte sie, daß sie
nur geschwärmt habe, und mit bangem Grauen warf sie den Blick auf
die Wälder
unter sich, die schwarz in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie
sah nach
der See hinab, die in unermeßlicher Fläche vor ihren Augen
bebte und dämmerte.
In der stillen Nacht kam das Plätschern der Wellen zu ihrem Ohre,
das bald wie
Gewinsel, bald wie zürnende Scheltworte klang; dann glaubte sie
die Stimme
ihres Vaters und ihrer Mutter zu hören, und so trieb sich ihr
Gemüt unter
Phantasieen auf und ab, bis der Morgen emporkam. Wie verschieden war
diese
Morgenröte von der gestrigen! Wie weit stand jetzt die Hoffnung
weg, die
gestern noch mit leichten Flügeln wie ein blauer Schmetterling vor
ihr
hintanzte, die ihr den Weg nach einer lieben Heimat wies, und alle
Blumen am
Wege aufsuchte und auf sie hindeutete.
Das
Waldgeflügel ließ
seine Gesänge wieder klingen, das frühe Rot arbeitete sich
durch den dichten
Wald, schlich gebückt und wundersam durch die niedrigen
Gesträuche, und weckte
Gras und Blumen auf; der Wald brannte in dunkelroten Flammen und der
Nebel wand
sich in goldenen Säulen um die Baumstämme. Magelone hatte in
der Nacht
beschlossen, nicht zu ihrem Vater zurückzukehren, denn sie
fürchtete seinen
Zorn, sie wollte irgendeine stille Wohnung aufsuchen, von den Menschen
abgesondert, dort immer an ihren Geliebten denken und so in
Frömmigkeit und
Treue hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und ging wieder zu
den
treuen Pferden, die noch angebunden standen, und den Kopf betrübt
zur Erde
senkten. Sie löste ihre Zügel, so daß sie gehn konnten,
wohin sie wollten,
indem sie sagte: »So wandert nun auch hin durch die weite
traurige Welt, und
suchet euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen will.« Die Rosse
gingen betrübt
fort, jedes einen andern Weg.
Magelone
wanderte durch
die dichten Wälder, sie hatte einige Nahrung mit sich genommen. Um
sich
unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen goldenen Haare und zog
einen
Schleier über ihr Gesicht; sie suchte auch ihre Kleidung zu
verändern. So kam
sie durch manche Dörfer und Städte und blieb immer
betrübt.
Nach
einer Wanderung von
vielen Tagen stand sie gegen Abend auf einer freundlichen stillen
Wiese,
gegenüber lag eine kleine Hütte, und Vieh weidete auf den
nahen Hügeln, das mit
seinen Glocken ein angenehmes Getöne durch die Ruhe des Abends
machte: auf der
andern Seite lag ein Wald, und Magelonens Seele wurde hier zum ersten
Male nach
langer Zeit ruhig und heiter. Sie faßte daher den Wunsch, in
dieser friedlichen
Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Hütte zu, aus der ihr ein alter
Schäfer
entgegentrat, der hier mit seiner Frau sich angesiedelt hatte, und fern
von der
Welt und den Menschen fromme Lämmer großzog, und einen
kleinen Acker baute. Sie
redete ihn an, und flehte als eine Unglückliche um Schutz und
Hülfe. Er nahm
sie gerne auf, und sie unterzog sich den Diensten willig, die sie
leisten
konnte, dabei aber verschwieg sie ihrem Wirte ihre Geschichte. Es
geschah
manchmal, daß sie einem Unglücklichen beistehn konnten, wenn
ihn der
Schiffbruch an die nahgelegene Küste trieb, und dann zeigte sich
besonders
Magelone hülfreich und tätig. Wenn die Alten ausgingen,
bewachte sie das Haus,
und sang dann manchmal in der Einsamkeit mit der Spindel vor der
Türe sitzend:
»Wie schnell verschwindet
So Licht als Glanz,
Der Morgen findet
Verwelkt den Kranz,
Der gestern glühte
In aller Pracht,
Denn er verblühte
In dunkler Nacht.
Es schwimmt die Welle
Des Lebens hin,
Und färbt sich helle,
Hat's nicht Gewinn;
Die Sonne neiget,
Die Röte flieht,
Der Schatten steiget
Und Dunkel zieht:
So schwimmt die Liebe
Zu Wüsten ab,
Acht daß sie bliebe
Bis an das Grab!
Doch wir erwachen
Zu tiefer Qual:
Es bricht der Nachen,
Es löscht der Strahl,
Vom schönen Lande
Weit weggebracht
Zum öden Strande,
Wo um uns Nacht.«
13
Peter unter den Heiden
Peter
erholte sich aus
seiner Betäubung, als die Sonne eben in aller Majestät
über die große
Meeresflut heraufstieg. Ein furchtbarer Glanz schwang sich durch den
Himmel und
löschte Mond und Sterne mit glühenden Strahlen aus; die
Wasser erklangen und
verwandelten sich in Purpur, Wolkenzüge trieben vor der Sonne her
und segelten,
wie von der Majestät geschreckt, über das Meer hinweg, und
ein sprühender Regen
von Funken verbreitete sich weit umher, und ergoß sich in Bogen
über die Flut.
Peter fühlte wieder männlichen Mut in seiner Brust, die
Qualen des Lebens so
wie seine Freuden zu erdulden.
Ein
großes Schiff segelte
auf ihn zu, das von Mohren und Heiden besetzt war; sie nahmen ihn ein
und
freuten sich über diese Beute, denn Peter war gar schön und
herrlich von
Gestalt, dazu gab ihm seine Jugend ein zartes und einnehmendes Wesen,
so daß
niemand sein Feind sein konnte. Der Anführer des Schiffes
beschloß, ihn dem
Sultan als ein Geschenk mitzubringen.
Man
landete, und Peter
ward sogleich dem Sultan vorgestellt, der einen großen Gefallen
an ihm fand,
und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm auch die Aufsicht
über einen schönen
Garten anvertraute. Peter war allgemein beliebt, weil er vom Sultan so
gnädig
angesehen wurde. Oft ging er einsam zwischen den Blumen des Gartens,
und dachte
an seine geliebte Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine
Zither und
sang:
»Muß es eine Trennung geben,
Die das treue Herz zerbricht?
Nein dies nenne ich nicht leben,
Sterben ist so bitter nicht.
Hör ich eines Schäfers Flöte,
Härme ich mich inniglich,
Seh ich in die Abendröte,
Denk ich brünstiglich an dich.
Gibt es denn kein wahres Lieben?
Muß denn Schmerz und Trauer sein?
Wär ich ungeliebt geblieben,
Hätt ich doch noch Hoffnungsschein.
Aber so muß ich nun klagen:
Wo ist Hoffnung, als das Grab?
Fern muß ich mein Elend tragen,
Heimlich stirbt das Herz mir ab.«
14
Die Heidin Sulima liebt den Ritter
Peter
mochte hier
vergnügt leben, wenn die Liebe nicht seine Jugend verzehrt
hätte. Er war nun
schon seit lange am Hofe des Sultans und von ihm und den übrigen
geschätzt; er
hatte viele Freiheit und ward von manchem Hofdiener beneidet; aber er
verdiente
diesen Neid nicht, denn er ward von seiner Unruhe hin und her
getrieben, er
seufzte und klagte laut, wenn er sich im Garten allein befand.
So
verstrich eine Woche
nach der andern und er war nun beinahe zwei Jahr unter den Heiden, ohne
daß er
Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes Vaterland zurückzukehren,
denn der
Sultan liebte ihn so sehr, daß er ihn durchaus nicht von sich
entfernen wollte.
Dies zog sich Peter auch zu Sinne und ward darüber mit jedem Tage
betrübter,
denn er dachte unaufhörlich an seine Eltern und seine Geliebte.
Nichts machte
ihm Freude, und da der Frühling wiederkam, weinte er bei seiner
Ankunft, und
trauerte tief, indem die ganze Natur ihr holdseligstes Fest beging.
Der
Sultan hatte eine
Tochter, die im ganzen Lande ihrer Schönheit wegen berühmt
war, mit Namen
Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu sehn, und ohne
daß sie es
anfangs wußte, hatte sich eine heftige Liebe zu ihm in ihr Herz
geschlichen.
Die Traurigkeit des Ritters zog sie vorzüglich an, sie
wünschte ihn trösten zu
können, ihm näherzukommen, und mit ihm zu reden. Die
Gelegenheit dazu fand sich
bald. Eine vertraute Sklavin führte den Jüngling heimlich in
einen Saal des
Gartens zu ihr. Peter war erstaunt und in Verlegenheit; er verwunderte
sich
über die Schönheit der Sulima, aber sein Herz hing an
Magelonen fest.
Doch der
süße Trieb, sein
Vaterland wiederzusehn, bemeisterte sich bald aller seiner Sinnen so
sehr, daß
er einem kühnen Anschlage nachdachte. Er sah das
Heidenmädchen öfter, und sie
sagte ihm, daß sie aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle,
erst zu einem
Verwandten, der ein Schiff segelfertig liegen habe, das auf ihren Wink
sogleich
die Anker lichten würde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht
durch eine Laute
und ein kleines Lied ein Zeichen geben, wann er kommen und sie abholen
solle.
Peter überlegte diesen Vorschlag und willigte endlich ein, denn er
überzeugte
sich, daß Magelone gewiß gestorben sei, und er komme doch
so in die
Christenheit und zu seinen Eltern zurück.
Der
Garten des Sultans
lag am Ufer des Meeres, und die bestimmte Nacht war jetzt
herbeigekommen. Gegen
Abend hatte Peter ein wenig unter den kühlen Bäumen
geschlummert, und Magelone
war ihm in aller Herrlichkeit, aber mit einer drohenden Gebärde,
im Traum
erschienen. Die ganze Vergangenheit zog mit den lebhaftesten Bildern
durch
seinen Busen, jede Stunde seiner glücklichen Liebe kam mit allen
seligen
Empfindungen zurück, und als er nun erwachte, erschrak er vor sich
selber und
seinem Vorsatze. Er hätte sich selber entfliehen mögen, und
das Andenken an
sich und sein Bewußtsein aus seinem Busen vertilgen.
Die Nacht
brach indes
herein, und alle Sterne glänzten schon am Himmel; der Mond ging
auf und warf
sein goldenes Netz über das Meer hin, als Peter nachdenklich am
Ufer auf und
nieder ging. Ein frischer Wind blies vom Lande her durch den Garten,
und die
Bäume rauschten munter und fröhlich, aber Peter ward dadurch
nur desto
betrübter.
»O
ich Treuloser! ich
Undankbarer!« rief er aus, »will ich so ihre Liebe
belohnen, will ich als ein
Meineidiger in mein Vaterland zurückkehren? Das wäre mir ein
schlechter Ruhm
unter meinen Verwandten und der ganzen Ritterschaft; und wie sollte ich
gegen
Magelonen die Augen aufschlagen dürfen, wenn sie noch lebt? Und
warum sollte
sie nicht leben, da ich so wunderbar erhalten bin? O ich bin ein
feiger
Sklave, daß ich für mich selber noch nichts gewagt habe!
Warum überlaß ich mich
nicht dem gütigen Schicksal, und fahre in einem dieser Nachen in
das Meer
hinein? Überließ ich mich nicht auf einem zerbrochenen
Brette der empörten
Flut, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht auf Gott vertraun, wenn
von Vaterland,
wenn von meiner Liebe die Rede ist?«
Er stieg
beherzt in ein
kleines Boot, das er vom Lande ablöste, dann nahm er ein Ruder und
arbeitete
sich in die See hinein. Es war die schönste Sommernacht; alle
Gestirne sahen
freundlich in die mondbeglänzte Welt hinein, das Meer war eine
stille ebene
Fläche, und warme Lüfte spielten über dem ruhigen
Spiegel hin. Peters Herz ward
groß von Sehnsucht, er überließ sich dem Zufall und
den Sternen, und ruderte
mutig weiter; da hörte er das verabredete Zeichen, eine Zither
erklang aus dem
Garten her, und eine liebliche Stimme sang dazu:
»Geliebter, wo zaudert
Dein irrender Fuß?
Die Nachtigall plaudert
Von Sehnsucht und Kuß.
Es flüstern die Bäume
Im goldenen Schein,
Es schlüpfen mir Träume
Zum Fenster herein.
Ach! kennst du das Schmachten
Der klopfenden Brust?
Dies Sinnen und Trachten
Voll Qual und voll Lust?
Beflügle die Eile
Und rette mich dir,
Bei nächtlicher Weile
Entfliehn wir von hier.
Die Segel sie schwellen,
Die Furcht ist nur Tand:
Dort, jenseit den Wellen,
Ist väterlich Land.
Die Heimat entfliehet; -
So fahre sie hin!
Die Liebe sie ziehet
Gewaltig den Sinn.
Horch! wollüstig klingen
Die Wellen im Meer,
Sie hüpfen und springen
Mutwillig einher,
Und sollten sie klagen?
Sie rufen nach dir!
Sie wissen, sie tragen
Die Liebe von hier.«
Peter
erschrak im Herzen,
als er diesen Gesang vernahm; das Lied rief ihm seine Untreue und
seinen
Wankelmut nach. Er ruderte stärker, um sich vom Lande zu entfernen
und dem
Kreise zu entfliehen, den die lieblich lockenden Töne in der
stillen Abendluft
bildeten. Der Geist der Liebe schwang sich durch den goldenen Himmel;
Liebe
wollte ihn rückwärts ziehn, Liebe trieb ihn vorwärts,
die Wellen murmelten
melodisch dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder Sprache,
dessen Sinn
man aber dennoch errät.
Der
Gesang vom Ufer her
ward immer schwächer. Schon sah Peter die Bäume am Gestade
nicht mehr; es war,
als wenn sich ihm die Musik über das Meer nacharbeitete, und
endlich matt und
kraftlos nicht weiterzuschwimmen wagte, sondern zum einheimischen Ufer
zurückschlich; denn jetzt hörte er den Gesang nur noch wie
ein leises Wehen des
Windes, und jetzt erlosch auch die letzte Spur, und die Wellen
rieselten nur,
und der Ruderschlag ertönte durch die einsame Stille.
15
Wie Peter wieder zu Christen kam
Wie der
Gesang
verschollen war, faßte Peter wieder frischen Mut; er ließ
das Schifflein vom
Winde hintreiben, setzte sich nieder und sang:
»Wie froh und frisch mein Sinn sich
hebt,
Zurück bleibt alles Bangen,
Die Brust mit neuem Mute strebt,
Erwacht ein neu Verlangen.
Die Sterne spiegeln sich im Meer,
Und golden glänzt die Flut. -
Ich rannte taumelnd hin und her,
Und war nicht schlimm, nicht gut.
Doch niedergezogen
Sind Zweifel und wankender Sinn,
O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen,
Zur längst ersehnten Heimat hin.
In lieber dämmernder Ferne
Dort rufen einheimische Lieder,
Aus jeglichem Sterne
Blickt sie mit sanftem Auge nieder.
Ebne dich, du treue Welle,
Führe mich auf fernen Wegen
Zu der vielgeliebten Schwelle,
Endlich meinem Glück entgegen!«
Als das
Morgenrot
aufging, sah er das Land nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke
weit
hinunter liegen, und er erschrak beinah, als ihn das allmächtige
Meer und der
gewölbte Himmel so unermeßlich umgab. In der Ferne segelte
ein Schiff auf ihn
zu, und er hätte beinah geglaubt, daß er sein ehemaliges
Unglück nur von neuem
träume; aber als es näher gekommen, sah er, daß die
Schiffer Christen waren,
die ihn sogleich willig aufnahmen. Er freute sich, als er hörte,
daß sie nach
Frankreich segelten.
16
Der Ritter auf der Reise
Um die
Zeit war der Graf
von der Provence nebst seiner Gemahlin sehr betrübt, weil sie noch
gar keine
Nachrichten von ihrem geliebten Sohne bekommen hatten. Besonders aber
war die
Mutter in Angst, denn sie hatte eine große Sehnsucht, ihren
einzigen Sohn nach
so langer Zeit wiederzusehn. Sie sprach oft mit dem Grafen von ihrem
Kummer,
und daß ihr schöner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da
sollte ein Fest
gegeben werden, und ein Fischer brachte einen großen Fisch in die
gräfliche
Küche; als ihn der Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen
Bauche, die er
der Gräfin überbrachte. Die Gräfin verwunderte sich
über die Maßen, denn sie
erkannte sie für eben diejenigen, die sie ihrem Sohne gegeben
hatte. Sie sagte
daher zu ihrem Gemahl: »Jetzt bin ich getröstet, denn da ich
so unvermutet und
auf so wunderbare Weise Kundschaft von meinem Sohn bekommen habe, so
bin ich
auch überzeugt, daß Gott ihn nicht verlassen hat, sondern
daß er ihn nach
vielen überstandenen Mühseligkeiten in unsre Arme
zurückführen wird.« -
Peter
stand im Schiffe
und sah immer nach der Gegend hin, wo die erwünschte Heimat lag.
Die Fahrt war
glücklich, und man landete an einer kleinen unbewohnten Insel, um
süßes Wasser
einzunehmen. Alles Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter. Er
ging durch
ein anmutiges Tal und verlor sich hinter einigen Hügeln in das
Land hinein; da
setzte er sich nieder und sah viele schöne Blumen um sich stehn.
Alle blickten
ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen an, und er dachte innig an
Magelonen, und wie sie ihn geliebt hatte. »Wie kann der
Liebende«, rief er aus,
»sich nur jemals einsam fühlen? Erinnern mich nicht diese
blauen Kelche an ihre
holdseligen Augen, dieses goldene Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser
Lilie
und Rose nebeneinander, an ihre zarten Wangen? Ist es doch, als wenn
der Wind
in den Blumen sich bewegt, und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren
süßen
Namen auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ihn, für die
übrigen Menschen
unverständlich, aber mir laut und vernehmlich.«
Er
erinnerte sich eines
Gesanges, den er vor langer Zeit gedichtet hatte, und wiederholte ihn
jetzt:
»Süß ist's, mit Gedanken
gehn,
Die uns zur Geliebten leiten,
Wo von blumbewachsnen Höhn
Sonnenstrahlen sich verbreiten.
Lilien sagen: 'Unser Licht
Ist es, was die Wange schmücket';
'Unsern Schein die Liebste blicket':
So das blaue Veilchen spricht.
Und mit sanfter Röte lächeln
Rosen ob dem Übermut,
Kühle Abendwinde fächeln
Durch die liebevolle Glut.
All ihr süßen Blümelein,
Sei es Farbe, sei's Gestalt,
Malt mit liebender Gewalt
Meiner Liebsten hellen Schein,
Zankt nicht, zarte Blümelein.
Rosen, duftende Narzissen,
Alle Blumen schöner prangen,
Wenn sie ihren Busen küssen
Oder in den Locken hangen,
Blaue Veilchen, bunte Nelken,
Wenn sie sie zur Zierde pflückt,
Müssen gern als Putz verwelken,
Durch den süßen Tod beglückt.
Lehrer sind mir diese Blüten,
Und ich tue wie sie tun,
Folge ihnen, wie sie rieten,
Ach! ich will gern alles bieten,
Kann ich ihr am Busen ruhn.
Nicht auf Jahre sie erwerben,
Nein, nur kurze, kleine Zeit,
Dann in ihren Armen sterben,
Sterben ohne Wunsch und Neid.
Ach! wie manche Blume klaget
Einsam hier im stillen Tal,
Sie verwelket eh es taget,
Stirbt beim ersten Sonnenstrahl:
Ach, so bitter herzlich naget
Auch an mir die scharfe Qual,
Daß ich sie und all mein Glücke,
Nimmer, nimmermehr erblicke.«
Er weinte
heftig, indem
er die letzten Worte sang, denn er glaubte sein Herz zu verstehn, das
ihm ein
Unglück vorhersagte. Er betrachtete mit tränenden Blicken das
Blumenlabyrinth
um sich her, und es war ihm ein Ergötzen, die Blumen in seiner
Einbildung so zu
ordnen, daß sie den Namenszug Magelonens ausdrückten. Dann
horchte er auf das
lispelnde Gras, das ihm etwas zu sagen schien, auf die Blüten, die
sich oft
zärtlich zueinander neigten, als wenn sie ein herzliches
Gespräch von Liebe
führen wollten. In der ganzen Natur sah er liebevolle Eintracht,
und jedes
Geräusch klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang.
Darüber verlor er sich
immer mehr in Träumen; von den Tränen ermüdet schlief er
endlich unter den
Blumen ein, und es war ihm im Traum, als wenn er laut den Namen
Magelone
ausrufen hörte; darüber ging ihm sein Herz wie eine
zugeschlossene Knospe auf,
und er fühlte eine übergroße Freude.
17
Peter wird von Fischern aufgefunden
Aber der
Wind blies indes
lustig in die Segel, und das Schiffsvolk eilte wieder in das Schiff, um
abzufahren, nur Peter blieb aus; man rief ihn, aber da er nicht kam,
fuhren die
übrigen fort.
Als sie
schon weit vom
Ufer entfernt waren, erwachte Peter aus seinem erquickenden Schlafe; er
erschrak, als er gewahr ward, daß er geschlafen hatte. Er eilte
an das Ufer,
aber niemand war da, und das Schiff nirgend zu sehn. Da senkte sich
eine große
Traurigkeit in sein Herz, alle seine Hoffnungen waren wieder
verschwunden: er
stürzte nieder und lag am Ufer des Meeres ohne Besinnung und in
tiefer
Ohnmacht, so daß es finstre Nacht wurde und er es nicht bemerkte.
Als es
nach Mitternacht
kam, ging der Mond auf, und einige Fischer fuhren mit einem Kahne an
die Insel,
um ihre Arbeit hier vorzunehmen; sie fanden den Jüngling, der
für tot auf der
Erde ausgestreckt lag. Das feste Land war nicht weit von dieser Insel,
sie
luden ihn daher in ihr kleines Schiff, und fuhren wieder ab, um ihn ins
Leben
zurückzubringen. Schon unterwegs erwachte Peter; es dünkte
ihm seltsam, als ihm
der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder seufzen hörte, und
wie er
vernahm, daß zwei fremde Männer miteinander verabredeten,
wie sie ihn zu einem
alten Schäfer bringen wollten, der sein pflegen würde. Oft
kam es ihm vor wie
ein Traum, oft wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so lange, bis sie
endlich
mit dem Aufgang der Sonne landeten.
Als Peter
eine Weile in
den erquickenden Sonnenstrahlen gelegen hatte, ward er wieder munter
und
richtete sich auf; er dankte in einem Gebete Gott, daß er ihm
wieder von der
menschenleeren Insel geholfen habe, dann gab er den guten Fischern eine
Menge
Goldes, und ließ sich den Weg nach der Hütte des
Schäfers beschreiben.
Er ging
durch einen
dichten, angenehmen Wald, durch dessen dunkle Schatten der Morgen noch
dämmerte. Er folgte einem geschlängelten Fußpfade, und
überdachte schwermütig
sein Schicksal; alles Ungemach, das er erlitten, kam frisch in seine
Seele, und
er ward darüber so unmutig, daß er von Herzen wünschte,
endlich zu sterben.
Mit
diesen Gedanken trat
er aus dem Walde und stand vor einer schönen grünen Wiese,
die im Morgenlicht
glänzte; gegenüber lag eine kleine einsame Hütte, und
Schafe wurden von einem
alten Manne einen Hügel hinangetrieben. Alles schimmerte rot und
freundlich,
und die stille Ruhe umher brachte auch in Peters Seele Ruhe
zurück. Er merkte,
daß dies die Hütte sei, die ihm die Fischer bezeichnet
hatten, und er wünschte,
hier einige Tage zu rasten und sich zu erquicken. Er ging daher
über die Wiese,
auf der viele wilde Blumen rot und gelb und himmelblau blühten,
der kleinen
Hütte näher. Vor der Türe saß ein schlankes
schönes Mägdlein, zu deren Füßen
ein Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er über die Wiese
schritt:
»Beglückt, wer vom Getümmel
Der Welt sein Leben schließt
Das dorten im Gewimmel
Verworren abwärts fließt.
Hier sind wir all befreundet,
Mensch, Tier und Blumenreich,
Von keinem angefeindet
Macht uns die Liebe gleich.
Die zarten Lämmer springen
Vergnügt um meinen Fuß,
Die Turteltauben singen
Und girren Morgengruß.
Der Rosenstrauch mit Grüßen
Beut seine Kinder dar,
Im Tale dort der süßen
Violen blaue Schar.
Und wenn ich Kränze winde,
Ertönt und rauscht der Hain,
Es duftet mir die Linde
Im goldnen Mondenschein.
Die Zwietracht bleibt dahinten,
Und Stolz, Verfolgung, Neid,
Kann nicht die Wege finden
Hieher zur goldnen Zeit.
Vor mir stehn holde Scherze
Und trübe Sorge weicht;
Allein mein innres Herze
Wird darum doch nicht leicht.
Weil ich die Liebe kannte
Und Blick und Kuß verstand,
So bin ich nun Verbannte
Weitab im fernen Land.
Die Freude macht mich trübe,
Dunkelt den stillen Sinn,
Denn meine zarte Liebe
Ist nun auf ewig hin. -
Erinnre und erquicke
Dich an vergangner Lust,
Am schwermutsvollen Glücke,
Denn sonst zerspringt die Brust.
Die Morgenröte lächelt
Mir zwar noch ofte zu,
Und matte Hoffnung fächelt
Mich dann in schönre Ruh:
Daß ich ihn wiederfinde,
Den ich wohl sonst gekannt,
Und daß sich um uns winde
Ein glückgewirktes Band.
Wer weiß, durch welche Schatten
Sein Fuß schon heute geht,
Dann kömmt er über Matten
Und alles ist verweht,
Die Seufzer und die Tränen,
Sie löscht das neue Glück,
Und Hoffen, Fürchten, Sehnen
Verschmilzt in einen Blick.«
18
Beschluß
Peter
fühlte sich von dem
Gesange wie von einer lieblichen Gewalt nach der Hütte hingezogen.
Die
Schäferin, welche vor der Tür saß, nahm ihn freundlich
auf, und ließ ihn in der
Hütte ausruhn und sich erquicken. Die beiden Alten kamen auch bald
zurück, und
hießen ihren edlen Gast von Herzen willkommen.
Magelone
ging indessen im
Felde nachdenklich auf und ab, denn sie hatte auf den ersten Blick den
Ritter
erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie Schnee vor der
Frühlingssonne
hinweggeschmolzen, und ihr Lebenslauf lag grün und erfrischt vor
ihr, so weit
nur ihr Auge reichte. Sie ging in die Hütte zurück, und gab
sich noch nicht zu
erkennen.
Nach
zweien Tagen war
Peter wieder ganz zu Kräften gekommen. Er saß mit Magelonen,
ohne daß er sie
kannte, vor der Tür der Hütte. Bienen und Schmetterlinge
schwärmten um sie, und
Peter faßte ein Zutrauen zu seiner Verpflegerin, so daß er
ihr seine Geschichte
und sein ganzes Unglück erzählte. Magelone stand
plötzlich auf und ging in ihre
Kammer, da löste sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie von
den Banden
frei, die sie bisher gehalten hatten, dann zog sie ihre köstliche
Kleidung an,
die sie eingeschlossen hielt, und so kam sie plötzlich wieder vor
die Augen
Peters. Er war vor Erstaunen außer sich, er umarmte die
wiedergefundene
Geliebte, dann erzählten sie sich ihre Geschichte wieder, und
weinten und
küßten sich, so daß man hätte ungewiß sein
sollen, ob sie vor Jammer oder
übergroßer Freude so herzbrechend schluchzten. So verging
ihnen der Tag.
Dann
reiste Peter mit
Magelonen zu seinen Eltern, sie wurden vermählt, und alles war in
der größten
Freude; auch der König von Neapel versöhnte sich mit seinem
neuen Sohne, und
war mit der Heirat wohl zufrieden.
Auf dem
Orte, wo Peter
seine Magelone wiedergefunden hatte, ließ er einen
prächtigen Sommerpalast
bauen, und setzte den Schäfer zum Aufseher hinein, den er mit
vielem Lohne
überhäufte. Vor dem Palast pflanzte er mit seiner jungen
Gattin einen Baum;
dann sangen sie folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben
Stelle in
jedem Frühjahre wiederholten;
»Treue Liebe dauert lange,
Überlebet manche Stund,
Und kein Zweifel macht sie bange,
Immer bleibt ihr Mut gesund.
Dräuen gleich in dichten Scharen,
Fodern gleich zum Wankelmut
Sturm und Tod, setzt den Gefahren
Lieb entgegen treues Blut.
Und wie Nebel stürzt zurücke
Was den Sinn gefangenhält,
Und dem heitern Frühlingsblicke
Öffnet sich die weite Welt.
Errungen
Bezwungen
Von Lieb ist das Glück,
Verschwunden
Die Stunden
Sie fliehen zurück;
Und selige Lust
Sie stillet
Erfüllet
Die trunkene wonneklopfende Brust,
Sie scheide
Von Leide
Auf immer,
Und nimmer
Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust!«
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