Das Tal des Nebels
Eine Pluto/Uranus Geschichte

Trinchen lebte in einem Tal, eingeschlossen zwischen Bergen und Felsen. Ihre Welt war grau in grau, denn kein Sonnenstrahl vermochte je den dichten Schleier des Nebels zu durchdringen, so, dass nicht einmal die Gipfel der Berge zu sehen waren. Da die Sonne niemals bis auf den Boden des Tals zu scheinen vermochte, war es hier immer feucht und moderig. Die Berge wirkten wie unüberwindbare Gefängnismauern. Niemand im Dorf war je auf einen Gipfel gestiegen, verschwiegen denn, er hätte das Tal verlassen. Trotzdem wurden viele bösen Geschichten erzählt. Über Kobolde, Trollen und Berggeister, die es dem Menschen übel nahmen, wenn sie sich auf einen der Gipfel wagen sollten. So wurde zu Beispiel erzählt, dass diese Trolle Schnee- und Steinlawinen über das Dorf schütteten, wenn die Menschen ihnen nicht die nötige Ehre erweisen würden. Andere Geschichten erzählen von Hagel, Blitz und Donner, was die ganze karge Ernte des Dorfes schon so oft vernichtet hat. Die schlimmste aller Geschichten erzählte, dass dort oben ein Sonnengott sitze, der jeden sofort verbrennen würde, der ihn zu sehen bekäme.
Dadurch blieben die Menschen in diesem Tal immer dicht beisammen. Dies gab ihnen wenigstens das Gefühl von etwas Sicherheit. Doch im Grunde mochten sich diese Menschen nicht. Zwar waren alle bösen Worte strengstens verboten, diese hätten ja die Berggeister zornig stimmen können, doch was man nicht sagen durfte, dachte man eben oder man tat es im verborgenen. Dadurch fügten sich diese Menschen viel mehr Leid zu, als wenn sie offen darüber hätten sprechen können. Die meisten waren sehr unglücklich, doch auch darüber durften sie sich nicht unterhalten.
Auch Trinchen war sehr unglücklich. Als sie einmal so ganz alleine und traurig über ihr graues Leben, spazieren ging, wurde der Nebel immer dichter und dichter. Ganz in ihren traurigen Gedanken verloren, wusste sie auf einmal nicht mehr wo sie war. Vor ihr ragte ein Felsen weit in das graue Nichts empor und hinter ihr stand eine dichte Wand aus Nebel. Nun, "schlimmer kann es nicht werden" dachte Trienchen. Mutig kletterte sie einige Meter die Felswand hoch. Alles war glitschig und feucht. Doch nichts passierte. Kein Troll, kein Kobold und auch kein Berggeist liess sich blicken. Sie kletterte noch ein wenig höher. Auch hier passierte nichts. Nun wurde der Fels etwas gängiger. Fast war ihr, als ob sich vor ihr ein Weg öffnen würde. Sie ging den Weg entlang und stieg immer höher und höher. Bald war es nicht mehr so steil und auch nicht mehr glitschig. Der Nebel wurde immer weisser und heller. Bald schien es ihr, als ob da etwas Blaues und eine gelbliche Kugel durchscheinen würde. Irgendwie fühlte sie auch so etwas wie eine wohlige Wärme. Plötzlich kam ihr die Geschichte mit dem Sonnengott in den Sinn. Nun bekam sie es aber doch mit der Angst zu tun. So schnell sie konnte kletterte und rutschte sie wieder ins Tal hinunter.
Brrrr... es wurde wieder kalt und feucht. Was sollte sie tun. Zurück konnte sie nicht, sie hätte denn Heimweg niemals gefunden. Trienchen blieb eine Weile unten am Felsen stehen. Nochmals hinauf zu klettern traute sie sich nicht. So wartete sie und wartete, aber der Nebel lichtete sich nicht und allmählich begann sie auch noch zu frieren. Irgendwie vermochte sie sich an die Wärme zu erinnern, die sie dort oben empfand. Trinchen gab sich einen Ruck. Sie brauchte ja nicht ganz hinauszuklettern. Nur gerade bis dorthin, wo sie vorher diese Wärme spürte und diese Lichtkugel sah. Wenn vorher nichts passiert war, so würde ja jetzt wohl auch nichts passieren. Sie kletterte also noch einmal hinauf. Wieder spürte die diese Wärme und sah dieses Licht. Sie traute sich noch ein wenig weiter hinauf. Es wurde immer wärmer und heller. Auf einmal wurde es dermassen hell, dass Trinchen die Augen schliessen musste. Und warm wurde es, wärmer als es je in ihrem Haus sein konnte, wenn sie auch noch so heizten. Aber Angst hatte sie auch. Sie wagte es nicht die Augen zu öffnen. Würde sie der Sonnengott nun verbrennen?
Trinchen setzte sich mit geschlossenen Augen auf den Boden und wartete mit Todesangst, was da kommen werde. Doch nichts geschah. Langsam öffnete sie das linke Auge, nur ganz wenig. Das helle Licht blendete sie dermassen, dass die es aber gleich wieder schloss. Auch wenn sie das Auge nur für eine Sekunde ein wenig geöffnet hatte, konnte sie doch etwas sehen, das sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Unter ihr ein Meer aus weissester Watte und über ihr eine blaues Dach. Ein Blau, das sie sich nicht in den kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Wieder öffnete sie ein Auge, dieses mal das Rechte. Auch jetzt blendete es sie. Doch was sie sah war von solcher Schönheit, dass sie alle Geschichten über diesen Sonnengott beiseite schob und allmählich beide Augen öffnete. Trinchen sass nun da und staunte. Nun, die helle Kugel war noch immer sehr hell und Trinchen merkte wohl, dass es besser war, hier nicht hinein zu schauen. Doch die Klarheit der Berge und Hügel, dass Meer aus weissester Watte, das blaue Dach hoch über ihr. So etwas schönes hatte Trinchen noch nie gesehen. Sie stellte sich vor, wie sie das den anderen Menschen im Tal erzählen würde. 
Allmählich verschwand die helle Kugel hinter den Berggipfeln und der Nebel begann zu steigen. Er kroch ihr förmlich in die Kleider. Trinchen beschloss umzukehren und halt doch den Heimweg zu suchen. Durch denn dichtesten Nebel kletterte sie hinunter. Unten angekommen war es zwar dunkel. Da der Nebel aber nicht mehr so sehr am Boden klebte konnte sie den Heimweg erkennen. 
Zuhause angekommen versuchte Trinchen, den Menschen im Dorf zu erzählen, was sie da erlebt und gesehen hatte. Doch alle wandten sich von ihr ab. Wer da von hellen Kugeln, einem Meer aus Watte und einem Blauen Dach erzählte, dem war wohl nicht mehr zu helfen. Und was, wenn die Trolche und Berggeister oder gar der Sonnengott davon zu hören bekämen. Alle waren sicher, dass, wenn Trinchen den Sonnegott gesehen hätte, sie längst verbrannt sein musste. Trinchen verbot man, bei härtesten Strafen, je wieder davon zu sprechen. Obwohl niemand zugab, dass er Trinchen glaubte, verbot man ihr auch, je wieder an diesen Ort zu gehen. So blieb lange Zeit alles beim alten. Kein Mensch wagte darüber zu sprechen.
Doch Trinchens Wunsch, wieder einmal dieses Licht und diese Schönheit zu sehen oder diese Wärme zu spüren, wuchs und wuchs...... Zu verlieren hatte sie ja wirklich nichts in diesem grauen, unglücklichen und elenden Tal.
Eines Tages, machte sie sich in aller Heimlichkeit auf den Weg zu diesem Felsen. Sie stieg hinauf. Und wieder sah sie diese Lichtkugel, das blaue Dach, die Berge und das Meer aus Watte. Doch dieses mal stieg sie weiter hinauf..... soweit, dass es nicht mehr weiter ging. Zuoberst auf dem Gipfel angekommen, schaute sie auf die vielen anderen Berge und Täler hinunter. Das Meer aus Watte gab es nur in ihrem Tal. In anderen Tälern erkannte sie Flüsse, Wälder, Hügel und Dörfer. Etwas weiter weg glitzerte gar ein See. 
Gerne wäre sie oben geblieben. Aber das ging ja nun auch wieder nicht. Sie musste auch essen und trinken. Zudem wusste sie, dass wenn die Lichtkugel hinter den Bergen verschwindet, es empfindlich kalt werden konnte. Natürlich hätte sie auch in ein anderes Tal hinunter klettern können. Aber dort kannte sie ja wohl niemanden.
So kletterte sie gegen Abend wieder ins Tal zurück.
Von nun an stieg sie, wenn immer es ihr irgendwie möglich war, heimlich auf diesen Berg. Doch wurden die anderen Menschen allmählich misstrauisch. Immer öfter fragte sie jemand, wo sie denn den ganzen Tag gewesen sei und jedes Mal musste sie eine neue Ausrede erfinden. Eines Tages wurde es ihr zu dumm. Sie erzählte ihnen, wo sie gewesen war. Von nun an wurde es aber immer schwieriger. Bei jedem Unglück, das im Dorf geschah, machte man Trienchen verantwortlich. Die Menschen meinten, sie würde die Berggeister und Trolle mit ihrem Gerede stören und erzürnen. Eines Tages, als gerade ein heftiges Gewitter über dem Dorf wütete, kamen viele wütige Menschen auf Trinchen zu. Man beschuldigte sie und einige wollten sie sogar einsperren. Trinchen wurde sehr traurig. Eigentlich wollte sie doch nur, dass alle anderen Menschen diese leuchtende Kugel, die Berge, das blaue Dach und die weisse Watte auch einmal sehen könnten. Um wie viel schöner könnte es im Tal sein, wenn alle diese Wärme spüren und etwas davon ins Tal hinunter tragen könnten. Nun wusste Trienchen aber, dass dies wohl kaum möglich war. 
Eines Tages, stieg sie früh am Morgen auf ihren Berg. Ohne zurück zu schauen, stieg sie auf der anderen Seite des Berges wieder hinunter. Sie wurde im Tal des Nebels nie wieder gesehen......

© Urs Zimmermann