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Nuruddin Farah: Geheimnisse

Somalia - Ein karges Land der Nomaden,heute zerstört durch Dürrekatastrophen und Hungersnöte. Ein afrikanisches Land, das zum Spielball im Machtpoker der Grossmächte geworden ist und in dem ein nicht endender Bürgerkrieg wütet. Somalia war einst ein Land der Geschichtenerzähler und Poeten. Erst 1972 bekam es eine Schriftsprache.

Einer der ersten grossen somalischen Schriftsteller ist Nuruddin Farah, ein kosmopolitischer Nomade. Seine üppig wuchernde Sprache erinnert an die Tradition der Geschichtenerzähler. Sein Roman «Geheimnisse» ist eine Verbindung von historischer Analyse und mythologischer Erzählung, ist real und irreal zugleich.

Farahs Roman beginnt in Mogadischu, der Hauptstadt des Landes, kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Hier lebt Kalaman, ein moderner afrikanischer Geschäftsmann. Farah setzt sein Schicksal mit dem seines Landes gleich. Der gobal vernetzte Computerspezialist, steckt in einer Lebenskrise, er arbeitet hart für seine Zukunft, doch wie sie aussehen soll, weiss er nicht. Kalaman steht an der Schwelle zwischen dem alten und dem neuen Afrika.

Als die ersten Schüsse in Mogadischu fallen, wird Kalamans Leben erschüttert. Aber nicht durch die Bedrohung des Krieges. Ein ungebetener Gast ist in seine Wohnung eingedrungen: Kalamans Jugendliebe Sholoongo will ausgerechnet von ihm ein Kind. Sholoongo ist der Inbegriff des Eros, die grosse Verführerin, eine Art Fabelwesen.

Farah über Sholoongo: «Sie ist die interessanteste Person im Roman. Manche Leser sehen in ihr die Verkörperung des Bösen, das sehe ich nicht so. Einige sehen sie als eine Art Katalysator. Diese Meinung teile ich, denn überall, wo sie hingeht, geschieht etwas. Sie erlaubt den Menschen in ihrer Umgebung, bis auf den Grund ihrer eigenen Gefühle zu sehen und zu erkennen, wer sie wirklich sind. Sholoongo ist eine Herausforderung. Obwohl ihr im Roman nur ein einziges Kapitel gewidmet ist, erfüllt sie ihn doch ganz, Sie ist immer präsent, wenn zwei Leute miteinander sprechen, wird ihr Name immer genannt.»

Die Anwesenheit Sholoongos löst bei Kalaman die Frage aus: Wer bin ich und warum bin ich der, der ich bin? Er sucht Rat auf dem Land, bei seiner Familie. In den Gesprächen mit dem Grossvater, einem weisen Mann, der das alte und das neue Afrika gleichermassen repräsentiert, tauchen die Bilder aus Kalamans Kindheit auf und er erfährt, dass es auch um seine Zeugung ein Geheimnis gibt. Als er ihm auf die Spur kommt, findet er endlich Mut zu einem Neuanfang.

Das Dilemma der Nation, sagt Nuruddin Farah, sei auch das Dilemma des Einzelnen. Das Land könne seine Ohnmacht nur bezwingen, wenn die Afrikaner endlich den Mut hätten, Einfluss auf ihr Schicksal zu nehmen. Farah geisselt Diktatur und Chauvinismus und stellt der Gier der Männer nach Macht die Stärke der Frauen gegenüber. Vielleicht hätten sie, wären sie an der Macht, den Bürgerkrieg verhindern können.

Lucie Hermann



Nuruddin Farah

Nuruddin Farah wurde 1945 in Baidoia/Somalia geboren. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaften in Indien sowie Theaterwissenschaften in London und Essex. 1974 musste er Somalia verlassen, wo er aus politischen Gründen in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, und lebte viele Jahre im Exil. Erst 1996 konnte er sein Heimatland wieder besuchen. Farah ist Autor zahlreicher Romane und Theaterstücke. Seine Bücher wurden in siebzehn Sprachen übersetzt und weltweit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zur Zeit lebt Nuruddin Farah in Kapstadt.