Das Umsiedlungswerk
Hans Bernhard
Die Schweizerische Vereinigung für Innenkolonisation und industrielle Landwirtschaft (SVIL) wurde am 15. Juli 1918 in Zürich von Dr. Hans Bernhard, Professor für Agrikultur an der ETH und späterer Zürcher Ständerat, mit dem Ziel gegründet, die landwirtschaftliche Lebensmittelproduktion in der Schweiz zu fördern, Kleinbauernbetriebe leistungsfähiger und den bestehenden Kulturboden nutzbarer zu machen, die Alpwirtschaft zu verbessern und die Ödländer für die Landwirtschaft und die Besiedlung zu erschliessen.
Mit der sich steigernden Industrialisierung nahm sich die SVIL der Umsiedlung von Bauern aus jenen Gebieten an, die von Kraftwerkanlagen oder anderen kulturvernichtenden Werken betroffen waren. Zu dieser Zeit war es üblich, die Bauern zwangsweise auszukaufen und mit einem mehr oder weniger grossen Geldsack sich selbst zu überlassen. Dies widersprach den Grundsätzen der SVIL, welche die ausgesiedelten Bauern wenn immer möglich mit besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen wieder ansiedeln wollte. So schrieb Bernhard einmal auf die Aussiedlung am Etzelwerk bezogen:
„Was nützt dem Einsiedlerbauer das Stümplein Geld, wenn er keine Existenz, kein Heim mehr hat? Er wird wie schon so viele schweizerische Gebirgsbewohner auswandern. Dem einen wird es in der Fremde besser, dem andern schlechter gehen, glücklich werden sie, deren ganze Eigenart und deren ganzes Streben auf die heimatliche Scholle zugeschnitten war, allesamt nicht. Der Schweiz dagegen wird ein tüchtiges Stück Volkskraft verloren gehen. Wäre es nicht besser, man würde diesen Leuten unter gleichen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, aber in der Nähe, einen neuen Wirkungskreis bieten?“
Bernhard erstellte im Jahre 1925 ein Gutachten über «Die Wiederansiedlungsmöglichkeiten im Sihlseegebiet», worin er umfassende Möglichkeiten der Wiederansiedlung aufzeigte und eingehend begründete.

Durch das Etzelwerk wurden 356 landwirtschaftliche Heimwesen mit einer Bevölkerung von 1762 Personen in Mitleidenschaft gezogen.
55 Landwirtschaftsbetriebe wurden mit allem Land und allen Gebäuden vollständig vernichtet. Bei 75 Höfen überschwemmte das Wasser die Gebäude und Teile des Wirtschaftslandes. Die restlichen 226 Heimwesen mussten nur Landparzellen der Stauung preisgeben.

Für 107 Bauerngüter wurde nun wie von Bernhard gefordert Realersatz ermöglicht, dh. diese Bauern wurden nicht mit Geld abgefunden, sondern es wurden ihnen gleichwertige Betriebe in der näheren Umgebung angeboten. Das Umsiedlungswerk sollte durch die Besiedlung von Ödländern, die bisher extensiv, meist nur für die Streuegewinnung, genutzt wurden, erreicht werden. Durch Bodenverbesserungen und Erschliessungen rund um den See konnte zusätzliches fruchtbares Land gewonnen werden.

Von den zur Ausführung in zwei Bauetappen geplanten 60 Siedlungen wurden von 1931 bis 1940 schliesslich 27 mit einer Gesamtbodenfläche von 252 Hektaren verwirklicht (vgl. nebenstehende Karte). Die Reduktion der ursprünglich geplanten Siedlungszahl ist im mangelnden Interesse der ausgesiedelten Bevölkerung an den neuen Siedlungen und im nicht vorhandenen Vertrauen zu den neu meliorierten Böden zu suchen.

Bild unten: Die Fotografie zeigt vier der am Waldweg erstellten Siedlungen.

Die restlichen Bewohner des heutigen Sihlseegebietes sowie die Randbewohner, die zwar nicht im Staubereich gelebt hatten, aber durch den Stau wirtschaftliche Einbussen erlitten, wurden mit Geld entschädigt.
Trotz all dieser Massnahmen vermochten sich bis in die heutige Zeit nicht alle betroffenen Bauern über den Landverlust und die Schmälerung ihrer Existenz hinwegzusetzen.

Aus: Kälin/Hensler/Ochsner (1986). Das Etzelwerk – Ein See verändert eine Landschaft. Einsiedeln: Schriften des Vereins „Fürs Chärnehus“.

Weitere Informationen über die Bewohner des Sihl-Hochtals vor dem Bau des Stausees finden Sie im Buch «Das Sihl-Hochtal» von Marlis Schuler-Kälin.

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