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Industrielle Fortschrittseuphorie bäuerliches Traditionsbewusstsein
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| Die lange Dauer von 40 Jahren, die von der ersten Idee bis zur Verwirklichung des Etzelwerks verstrichen ist, erklärt sich nicht nur aus der Vielzahl an konkreten Fragen und Problemen, die es im Zusammenhang mit diesem Projekt zu regeln galt (vgl. Konzessionsverträge). Dahinter verbirgt sich auch ein grundsätzlicher, vielmehr ideell geprägter Konflikt: Landwirtschaft und Elektrizitätsindustrie verkörperten im zeitgenössischen Denken Werte, die nur schwer in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Es existierten zwei völlig gegensätzliche Vorstellungen darüber, welchen Weg die Schweiz für ein rundum sorgenfreies Dasein zu beschreiten habe: Den Weg zurück in vergangene, scheinbar glücklichere Zeiten des Einklangs zwischen Natur und gottesfürchtigen, heimatverbundenen Menschen - oder den Weg nach vorn in Zeiten des vermeintlich allgemeinen Wohlstands und sozialen Friedens dank industriell begründeter wirtschaftlicher Prosperität. So betrachtet prallten in der Sihlseefrage zwei Welten aufeinander: Tradition und Moderne. |
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Fortschrittseuphorie und Elektrifizierungsbegeisterung, wie sie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in der Schweiz mehr und mehr Einzug hielten, begleiteten das Etzelwerkprojekt seit seiner Geburtsstunde. Früh schon erfassten sie auch den Einsiedler Bezirksrat, der die Gemeindeversammlung vom 1. April 1900 mit geradezu glühender Leidenschaft um Zustimmung zur ersten Etzelwerkkonzession bat:
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| Der elektrische Funke zündet mächtig ins neue Jahrhundert hinein. Mitbürger! Bleiben wir nicht zurück, partizipieren auch wir in unserm abgelegenen Bergthal an dem allgemeinen Wettbewerb der geistigen und physischen Kräfte, der Riesenfortschritte und Errungenschaften der Menschheit. Dort, in der Nähe der Teufelsbrücke, wo die Wiege unseres berühmten Mitbürgers, des grossen Schweizerarztes Dr. Paracelsus Theoprastus gestanden, der einst im sechzehnten Jahrhundert in der medizinischen und chemischen Wissenschaft ein Licht angezündet hat, möge auch für unser Thal der elektrische Funke erglühen, die elektrische Energie ihre Macht und Kraft entfalten! [...] Stillstand ist Rückschritt. Zeigen wir uns der grossen Zeitaufgabe gewachsen. Erfassen wir den gegenwärtigen Moment und bieten wir Hand zur Verwirklichung eines Werkes, das, wie wir hoffen und vertrauen, unsern Nachkommen zum Heil und Segen gereichen wird. Die elektrische Energie gibt den Impuls zu einem neuen Aufschwung auf allen Gebieten der gewerblichen Thätigkeit, zeitigt eine neue Blüte der technischen Künste und Wissenschaften, und ihre gegenwärtige Konjunktur wirkt belebend auf die gesamte Volkswirtschaft. Überdies steht sie erst im jugendlichen Alter ihrer Entwicklung, und ihre Mannesreife wird noch staunenswerte Dinge zu Tage fördern. |
| Eine neue Dimension erhielt der Elektrifizierungsdiskurs in der Schweiz durch den Ersten Weltkrieg. Die Überzeugung, dass die Elektrifizierung im Interesse der Nation und ihrer Unabhängigkeit unbedingt durchzuführen sei, setzte sich definitiv durch. Der allgemeine Energiemangel und die damit zusammenhängenden Betriebsprobleme der SBB während der Kriegsjahre verhalfen dem Etzelwerkprojekt zu noch grösserer Legitimation. So argumentierte der Einsiedler Bezirksrat 1920 in folgender Weise: |
| Der Weltkrieg hat die Schweiz in eine Notlage gebracht, die jedermann überzeugt, dass wir uns mit allen Kräften vom Auslande wirtschaftlich unabhängig machen müssen. [...] Solange aber Industrie und Transport auf den Dampfbetrieb angewiesen waren, der seinerseits der Kohlen bedarf, [...] war eine wirtschaftliche Befreiung unseres Vaterlandes vom Auslande nicht denkbar. Die Natur hat uns allerdings reich mit Gewässern versehen, die gewaltige motorische Kräfte in sich bergen. [...] Die Schweiz hat nun das Mittel in der Hand, sich vom Auslande wirtschaftlich unabhängig zu machen. [...] Denken wir daran, dass das Etzelwerk unserm Vaterlande dient und eine wesentliche Grundlage für dessen wirtschaftliche und damit auch für dessen politische Befreiung vom Auslande bilden wird. |
| Untermauert wurde die Wünschbarkeit des Etzelwerks von seinen Befürwortern wiederholt auch mit dem Argument, was für erfreuliche Auswirkungen der Stausee auf das Landschaftsbild zeitigen werde.
Bei aller Fortschrittsbegeisterung und Überzeugung von der Notwendigkeit des Etzelwerks aber liess sich nicht einfach verdrängen, dass der Sihlsee über 350 Bauernbetriebe in ihrer Existenz bedrohte. Gerade im Ersten Weltkrieg, der nicht nur Energiemangel, sondern auch eine drastische Nahrungsmittelverknappung ausgelöst hatte, zeigte sich die Bedeutung des Agrarsektors für die Wohlfahrt des Landes in aller Deutlichkeit. Dies stärkte zum einen das bäuerliche Selbstbewusstsein; auf der anderen Seite erlebte zugleich die gesellschaftlich weitverbreitete Idealisierung des Bauernstandes und der Landwirtschaft einen Aufschwung und entwickelte sich zu einem zentralen Bestandteil des schweizerischen Nationalbewusstseins überhaupt. |
| Man vergisst [...] dabei so leicht, dass es die geliebte Heimat ist, die fast nirgends ersetzt wird. Wohl ernährte sie viele nur karg, aber sie hat schon Väter und Urgrossväter ernährt, und der heutige Bewohner ist noch viel glücklicher und zufriedener als die meisten Bewohner im Hasten einer Grossstadt. Gibt es wohl etwas Herrlicheres, etwas Trauteres, das sich mit der Zufriedenheit unseres schlichten Bergvolkes vergleichen kann? Nie und nimmer! [...] Und ist dieses Volk nicht die beste Staatsstütze und der nie versiegende Jungbrunnen unseres Volkes? Soll diesem schlichten Volke nun seine Zufriedenheit und dem Staate seine beste Stütze geraubt werden? Es wäre wahrhaftig an der Zeit, wenn dieser Elektrizitätspolitik einmal von unserm Bergvolke ein donnerndes Halt entgegengeschleudert würde. Es tut mir jedesmal in der Seele weh, wenn die Wasser zischend und gurgelnd wieder ein Stück Urschweiz, ein Stück Heimat vernichten. Arme Heimat! |
Aus: Schwager, Gery: Technischer Fortschritt in der bäuerlichen Schweiz: Die Realisierung des Etzelwerkprojekts 1897-1937. Lizentiatsarbeit an der Universität Zürich (1992). |