|
Natürlich ist die Realität komplizierter als mein Beispiel hier. Das Beispiel zeigt aber, dass die Grundannahme des Neoliberalismus falsch ist. Es ist keineswegs immer so, dass die Reduzierung von Grenzen und der Abbau von Gesetzen zur Kostensenkung führt. Grössere Freiheit kann paradoxerweise auch ein Nachteil sein, und zwar für alle Beteiligten!
Wie gross der durch die Liberalisierung und Globalisierung angerichtete Schaden tatsächlich ist, ist nicht abzuschätzen, ebenso wie auch der Nutzen kaum geschätzt werden kann. Wir können aber - entgegen der Annahme der Neoliberalen - nicht voraussetzen, dass Liberalisierung und Globalisierung keine Nachteile bringen. Dabei rede ich nicht von sozialen Kosten durch Arbeitslose im teureren Land. Dass Neoliberale die sozialen und die ökologischen Kosten nicht berücksichtigen, wird ja seit langem kritisiert. Das obige Beispiel zeigt vielmehr, dass Liberalisierung möglicherweise auch unter rein ökonomischem Gesichtspunkt falsch ist. Die Grundannahme der Neoliberalen ist falsch. Es wäre dringend nötig, wissenschaftlich zu untersuchen, unter welchen Umständen Gesetze und Grenzen für alle ein Vorteil sind und wann sie zu einer Einengung führen.
Weitere Beispiele für das Braess-Paradoxon
Es klingt überraschend, dass ein Gesetz die Freiheit vergrössern kann. Ich denke aber, bei guten Gesetzen ist dies die Regel. Wie schon Schiller im Willhelm Tell zum Schweizerischen Bundesbrief schrieb: “Jetzt seid ihr frei, ihr seids durch dies Gesetz.” Hier einige weitere Beispiele, die dem Braess-Paradoxon zumindest sehr nahe kommen:
1. Das Kartell
Typisches Beispiel für das Braess-Paradoxon ist das Kartell: Die marktführenden Händler verzichten auf ihre Freiheit, die Preise selber festzulegen. Diese Einschränkung der eigenen Freiheit macht sie so mächtig, dass jeder einzelne von ihnen einen Vorteil hat.
Die Käufer haben natürlich einen Nachteil. Sie wehren sich mit einem Gesetz, das Preisabsprachen verbietet. Dadurch, dass sie die Freiheit einschränken, haben sie einen Vorteil.
2. Stau im Strassenverkehr
In vielen Städten sind die Strassen jeden Tag verstopft. Tausende von Autofahrern verlieren Zeit. Bereits 1995 verloren die US-Amerikaner durch Staus jährlich über 8 Mrd. Stunden, was volkswirtschaftlich einem Schaden von über 80 Mrd. Dollar entspricht (Kru 1). Die meisten dieser Autofahrer sitzen alleine in ihrem Auto, obwohl vier Leute Platz hätten und viele dieser Fahrer denselben Weg hätten. Viele könnten mit kurzen Absprachen auch zu zweit oder zu dritt in einem Auto fahren. Sie gewinnen aber nichts, wenn sie dies tun.
Würden sich aber alle dieser Fahrer absprechen, so könnten sie die Autolawine halbieren oder sogar dritteln. Dies würde wohl reichen, um das Stauproblem weitgehend zu lösen. Alle hätten einen Vorteil. Eine Einschränkung der persönlichen Freiheit wäre also eine Befreiung für alle.
In diesem Fall ist ein Gesetz wohl nicht sinnvoll. Es ist schwierig, Menschen gesetzlich dazu zu verpflichten, sich abzusprechen. Krugman schlägt aber eine Staugebühr vor. Diese Verteuerung könnte dazu führen, dass sich die Menschen besser absprechen, dass sie sich besser überlegen, ob sie wirklich in dieser Zeit fahren müssen. Die Einnahmen dieser Staugebühren könnten über Steuererleichterungen der Gesamtbevölkerung verteilt werden. Eine andere Möglichkeit wären Staugutscheine, die z. B. am Stadtrand abgegeben werden müssen. Wer seine Gutscheine nicht braucht, kann sie verkaufen.
3. Monopol für Krankenhäuser
Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage führt Konkurrenz zur Senkung Preise. Dieses Gesetz gilt aber keineswegs immer. Es ist eine mathematische Idealisierung, die viele wichtige Details der realen Welt vernachlässigt. Angenommen, in einem Land wird genau ein Apparat für Gehirntomographie gebraucht und der stehe schon bereit. In einer freien Marktwirtschaft gibt es keinen Grund, weshalb nicht ein anderes Spital ebenfalls so einen Apparat kaufen soll.
Beide Spitäler würden dann weniger verdienen. Beide würden die Preise für Gehirntomographie heraufsetzen. Sie würden zwar die Marge pro Patient herabsetzen. Dennoch müssten die Patienten, bzw. ihre Krankenkassen mehr bezahlen. Denn die Spitäler müssen nun ja beide ihren Apparat amortisieren, obwohl diese nur noch zur Hälfte ausgelastet sind.
Es könnte deshalb in vielen Fällen zu Einsparungen führen, wenn teure Apparate durch Monopole geschützt sind.
4. Flugzeugentführung oder die Macht der Machtlosigkeit
Watzlawick zeigt an einigen schönen Beispielen, dass eine Schwäche oder eine Unfähigkeit die persönliche Sicherheit massiv erhöhen kann (Wat 1). Die Idee wird schon bei einer Abbildung klar, auf der ein Banker am Schalter mit einem süffisanten Lächeln zum Bankräuber sagt: “Tut mir leid - aber unsere Bank ging heute vormittag pleite.”
Watzlawick behandelt dann die Frage, wie man sich am besten vor einer Flugzeugentführung schützen kann. Eine Methode ist, das Cockpit durch eine Sicherheitsschleuse vom Passagierraum abzuriegeln und jede Kommunikation zwischen den Passagieren und den Piloten technisch zu verunmöglichen. Sicherheitshalber wird diese Massnahme den möglichen Entführern kommuniziert: “Bitte nehmen Sie auch zur Kenntnis, dass die Schwanztüre unserer Boeing 727 während des Fluges nicht mehr geöffnet werden kann.”
Im Zeitalter der Handys ist dies wohl schwieriger zu verwirklichen als 1978, als Watzlawick die Idee aufschrieb. Aber auch in diesem Beispiel gilt: Eine Einschränkung der persönlichen Freiheit kann zu einer Verbesserung der Situation führen. Wenn ich potentielle Erpresser überzeugen kann, dass ich allfällige Forderung beim besten Willen nicht erfüllen kann, werden sie die Erpressung schon gar nicht versuchen.
Weiterführende Artikel auf dieser Homepage: Die Geldschöpfung Das Zinsproblem Die Schuldenkrise - Leben wir über unsere Verhältnisse?
Weiterführende Bücher
|