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 Die Weltbevölkerung

Die Weltbevölkerung

Philipp Wehrli, 1. Juni 1995

Für das Doomsday-Argument benötige ich eine Abschätzung der Anzahl bewusst denkender Lebewesen, die je auf der Erde gelebt haben und leben werden. Genauer: Gesucht ist die Zahl der Lebewesen auf der Erde, die über ihr Dasein auf der Erde nachdenken und sich fragen, wie viele andere Lebewesen dies wohl auch tun. Wie im Artikel Gibt es philosophierende Tiere? gezeigt, ist diese Zahl zumindest in unserer Vergangenheit praktisch identisch mit der Anzahl Menschen. Ich schätze hier deshalb die Anzahl Menschen in unserer Vergangenheit und in der Zukunft ab.

 

Wie viele Menschen lebten vor uns auf der Erde?

Die folgende Schätzung der Anzahl Ichs, die vor uns auf der Erde lebten unterscheidet sich etwas von einer Schätzung der Anzahl Menschen. Es interessiert für das Doomsday-Argument nicht die Anzahl Menschen, die vor uns lebten, sondern die Anzahl derjenigen Menschen, die das anthropische Prinzip erfüllten, die also zu tieferen Gedanken fähig waren. Ich brauche deshalb insbesondere die Säuglinge und die sehr jungen Kinder nicht mitzuzählen. Dies macht auf die Schätzung einen grossen Einfluss, weil die Kindersterblichkeit besonders in der Frühzeit wohl bei gut fünfzig Prozent lag. Ein Neandertaler hatte gute Aussichten, 50 oder mehr Jahre alt zu werden, wenn er nur einmal die Kindheit überstanden hatte.

Die Aussage des Doomsday-Arguments wird umso dramatischer, je weniger bewusst denkende Lebewesen vor uns auf der Erde lebten. Damit ich meine Schlussfolgerung dort nicht dramatischer ausfällt als nötig, schätze ich die Bevölkerungszahlen hier eher zu hoch.

Für die Berechnung der Anzahl Ichs, die bisher auf der Erde lebten, benötige ich drei Schätzungen:

    - den Beginn des Bewusstseins

    - die Entwicklung der Weltbevölkerungszahl in der Zeit (eine sorgfältige Abschätzung hierzu liefert Rolf Krengel (Kre 1)).

    - die Alterserwartung eines dreijährigen Kindes.

Alle drei Punkte sind zwar mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Die Unsicherheit wird sich zahlenmässig aber als unwesentlich erweisen.

Um die Anzahl Ichs zu berechnen, die in einem bestimmten Zeitraum geboren wurden, verwendete ich die folgende Formel:
 

Anzahl Menschen zwischen Jahr A und Jahr B

}


=

Durchschnittl.
Bevölkerungszahl      


x   ( B-A ) Jahre   :

Durchschnittl. Alterserwartung eines Dreijährigen

 


Anhand dieser Formel kann man ganz einfach die Anzahl Ichs der verschiedenen Zeiträume berechnen und zusammenzählen. Die folgende Schätzung ist insofern eher hoch, als ich als Bevölkerungszahl jeweils die Bevölkerungszahl am Ende der betrachteten Periode in die Formel einsetzte. Die durchschnittliche Alterserwartung scheint mir dagegen eher zu tief geschätzt, was ebenfalls ein höheres Endresultat für die Anzahl Menschen in der Vergangenheit zur Folge hat.
 

Tabelle A: Anzahl anatomisch moderner Menschen in der Vergangenheit, die älter als drei Jahre wurden.

Zeitperiode

Anzahl Jahre

Weltbevölkerung in Millionen (106)

Durchschnittl. Alterserwartung eines Dreijährigen

Anzahl Neugeborene in Milliarden (109)

Anzahl Neugebo-
rene kumuliert in Milliarden (109)

1960-1995 n.Chr

35

3´000-5´800

55

3,6

3,6

1900-1960 n. Chr.

60

1´700-3´000

50

3,6

7,2

1800-1900 n. Chr.

100

900-1´700

45

3,8

11,0

1500-1800 n. Chr.

300

450-900

45

6,0

17,0

1000-1500 n. Chr.

500

310-450

45

5,0

22,0

AD-1000 n. Chr.

1´000

210-310

40

7,8

29,8

1500 v. Chr.-AD

1´500

62-210

40

7,9

37,7

4000-1500 v. Chr.

2´500

19-62

40

3,9

41,6

8000-4000 v. Chr.

4´000

7-19

35

2,2

43,8

20´000-8´000 v. Chr.

12´000

1-7

30

2,8

46,6

40´000-20´000 v. Chr.

20´000

0,1-1

30

0,7

47,3

70´000-40´000 v. Chr.

30´000

0,003-0,1

25

0,1

47,4

100´000-70´000 v. Chr.

30´000

0,000´1-0,003

25

0,004

47,404

 

 

Zu den Unsicherheiten:

- Die Alterserwartung hat kaum einen entscheidenden Einfluss auf die Rechnung. Selbst wenn man die geschätzte Alterserwartung in allen Perioden halbiert, würde sich die Gesamtzahl der bisherigen Ichs lediglich verdoppeln, was die Überlegungen des Doomsday-Argumentes kaum beeinflussen würde. Würde man die Alterserwartung in der Schätzung erhöhen, so verschärfte sich das diskutierte Problem noch, indem noch weniger Ichs in unserer Vergangenheit lägen. Wir würden damit eine noch extremere Sonderstellung ganz am Anfang aller Ichs einnehmen.

Es wird aber niemand behaupten wollen, die Alterserwartung eines Dreijährigen liege heute nur bei 28 oder beim Höhlenmenschen gar nur bei 13 Jahren. Für die Lebenserwartung eines Neandertalers bei der Geburt schätzt man rund 18 Jahre. Wenn man aber die sehr hohe Kleinkinder- und Säuglingssterblichkeit berücksichtigt, so liege ich mit den geschätzten 25 Jahren fast sicher zu tief.

- Die Bevölkerungszahlen können - was die Grössenordnung angeht - als gesichert angesehen werden. Es scheint auch sinnvoll anzunehmen, der Jetztmensch sei aus einer einst relativ kleinen Gruppe hervorgegangen, die sich anfangs nur sehr langsam über die Erde ausbreitete. Wegen der Kleinheit dieser Gruppe spielt es auch kaum eine Rolle, ob der Jetztmensch einige Zehntausend Jahre früher oder später entstand. Die Tabelle zeigt deutlich, dass die Menschen der ersten 60’000 Jahre zahlenmässig überhaupt nicht ins Gewicht fallen.

- Eine erhebliche Unsicherheit besteht lediglich zu Beginn der ‘Menge aller Ich’. Muss ich nicht vielleicht noch einige der verwandten Arten, wie beispielsweise den Neandertaler oder den homo erectus mitzählen? Die folgende Abschätzung mag zeigen, welche Auswirkungen diese Annahme auf die Rechnung hätte:

Nehmen wir an, der homo erectus habe seit seinem Auftreten vor 106 Jahren bewusst über sein Dasein nachgedacht (weshalb er das bewusste Denken nicht zu einer markanten Verbesserung seiner primitiven Werkzeugherstellung verwendete, soll uns hier nicht weiter kümmern). Ausserdem habe die Anzahl Menschen aller in Frage stehenden Gruppen 1 Million betragen (auch diese Schätzung ist mit Sicherheit zu hoch, denn der anatomisch moderne Mensch erreichte diese Zahl erst rund 15’000 Jahre nachdem der Neandertaler ausstarb. Vermutlich waren es vorher weniger als 100’000). Die Alterserwartung des Dreijährigen sei 25 Jahre (vermutlich wiederum zu vorsichtig geschätzt: Sie lag höher).

Unter diesen grosszügigen Annahmen lebten zwischen dem Jahr 106 v.Chr. und 8’000 v.Chr.:

106 Menschen x 992’000 Jahre / 25 Jahre = 39,68 x 109 Menschen

Das bedeutet: Selbst wenn ich annehme, schon der homo erectus habe von Beginn weg die Voraussetzung für das anthropische Prinzip erfüllt, und selbst wenn ich die Bevölkerungszahl der Altsteinzeit äusserst grosszügig auf 106 Menschen schätze, so haben dennoch höchstens 90 x 109 Ichs vor uns gelebt. Selbst unter den obigen unrealistischen Annahmen verliert also die Grundüberlegung des Doomsday-Argumentes kaum an Schärfe.

 

Wie viele Menschen werden in naher Zukunft geboren werden?

Weiter wird uns interessieren, wie viele Menschen in der Zukunft noch leben werden, falls die Weltbevölkerung sich ungefähr wie erwartet entwickelt. Dabei interessieren wir uns wieder nicht für Säuglinge, sondern ausschliesslich für bewusst über sich selber nachdenkende Wesen, also vielleicht Dreijährige und Ältere.

Es geht hier nur um eine grobe Abschätzung. Das Doomsday-Argument besagt, dass wir nach uns nicht wesentlich mehr Menschen erwarten sollten, als die rund 50 Milliarden, die vor uns lebten. Vielleicht kommen noch 500 Milliarden, aber fast sicher nicht 5´000 Milliarden. Die folgende Abschätzung soll lediglich zeigen, wie eingeschränkt die Möglichkeiten sind, diese Anzahl Menschen in der Zukunft zu verteilen.

Tabelle B: Anzahl Ichs in der Zukunft:

Zeitperiode

Anzahl Jahre

Weltbevölkerung in Milliarden (109)

Durchschnittl. Alterserwartung eines Dreijährigen

Anzahl Neugebo-
rene kumuliert in Milliarden (109)

1990-2000

10

5

65

0,77

2000-2010

10

6

65

1,69

2010-2020

10

7

65

2,77

2020-2030

10

8,1

65

4,02

2030-2040

10

9,2

65

5,43

2040-2050

10

10,1

65

6,98

2050-2060

10

10,9

70

8,54

2060-2070

10

11,4

70

10,17

2070-2080

10

11,8

70

11,86

2080-2100

20

12,2

80

14,91

 


Nach dem Jahr 2100 kann die Abschätzung natürlich nicht mehr genau sein. Weder die Alterserwartung noch die Bevölkerungszahl kann mit hinreichender Sicherheit vorausgesagt werden. Wenn wir aber einmal von der oft geäusserten Annahme ausgehen, die Bevölkerungszahl liege bei rund 12 Milliarden und die Alterserwartung des Dreijährigen bei etwa 80 Jahren, so kommen alle Hundert Jahre 15 Milliarden Ichs zur geschätzten Menge hinzu. Also bis ins Jahr
 

2100

14,91 Milliarden

2200

29,91 Milliarden

2300

44,91 Milliarden

2400

59,91 Milliarden

2500

74,91 Milliarden

...

...

 

 

Weiterführende Artikel

Artikel auf dieser Homepage:
Gibt es philosophierende Tiere? - Was unterscheidet den Menschen vom Tier?
Das Doomsday-Argument
 

Externer Link:
Weltbevölkerung heute

 

Weiterführende Bücher:
 

Krengel Rolf, (1994), ‘Die Weltbevölkerung von den Anfängen des anatomisch modernen Menschen bis zu den Problemen seiner Überlebensfähigkeit im 21. Jahrhundert. Dunker & Humblot Berlin

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
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