Liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,                                                                     Schweiz, im Sommer 2004

wieder einmal habe ich mich auf den Weg gemacht um Wolfgang Leinen im Kongo zu besuchen. 6 Wochen Zeit standen mir für meine Reise in die Regenwalddiözese zur Verfügung; Ein Unternehmen, das jene, die den afrikanischen Kontinent und den Kongo kennen eigentlich als unmöglich erachten. Und in der Tat, war es dieses mal schwieriger als im vergangenen Jahr und mein Lebensmotto „Alles wird gut" wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber fangen wir vorne an:

Von Luxemburg über Paris Charles de Gaulle (wo später der Terminal eingestürzt ist) ging es nach Kinshasa. Am Flughafen wurde ich von Abbe Charles abgeholt und durch den Zoll geschleust, was mir mit dem ganzen Übergepäck das ich dabei hatte ein wenig Sorgen bereitete. Wie im vergangenen Jahr durfte ich wieder in der Procure der Diözese Bokungu-Ikela logieren. Im gleichen Zeitraum hatte Wolfgang sich auf den Weg von Bokungu nach Kinshasa gemacht. Allerdings war für ihn die Reise beschwerlicher. In Boende hieß es warten. Die UN-Truppen haben ihren Stützpunkt dort aufgegeben und sind weiter Richtung Osten gezogen. Das Militär führt, seit im vergangenen Jahr dort eine Maschine abstürzte und zig Menschen ums Leben kamen, keine Flüge mehr durch und die einzige Handelsgesellschaft, die mehr oder weniger regelmäßig Flüge nach Kinshasa anbot hatte Konkurs angemeldet. Eine knappe Woche musste er, auf Koffern sitzend, auf eine sich plötzlich ergebende Reisemöglichkeit warten um letztlich nach Kinshasa zu gelangen.

Inzwischen versuchte ich einige Formalitäten für die weitere Reise zu regeln. Um ins Landesinnere zu gelangen benötigte ich wieder die entsprechenden Papiere. Wegen der mangelnden Reisemöglichkeiten waren wir gezwungen über das in der Nachbarprovinz gelegene Kisangani nach Ikela zu reisen. Ein „sauf conduit" reichte also nicht aus. Ich musste eine Genehmigung für eine Reise durch ein Minengebiet beantragen, was den Aufwand an Zeit und Kosten erhöhte. Und erst später verstand ich, dass ich nicht in ein Gebiet mit militärischen sondern mit Diamantenminen reiste.

Auch sonst sollte es mir in Kinshasa nicht langweilig werden. Frère Bienvenue aus Bokungu, der sich zu dieser Zeit ebenfalls in der Procure aufhielt, wurde mein steter Begleiter. Ohne ihn konnte und wollte ich keinen Schritt vor die Tür machen. In dieser Woche besuchten wir einige Bekannte, die ich im letzten Jahr kennen lernte und Jean Paul Matela, der in Kinshasa Medizin studiert zeigte mir das Krankenhaus, in dem er zu dieser Zeit ein Praktikum absolvierte. Ein krasser Gegensatz zu dem was man aus Europa kennt und gewohnt ist. Alles ist zum mehrfachen Gebrauch bestimmt. Handschuhe werden gewaschen, Tupfer selbst gedreht und Kompressen geschnitten und sterilisiert, zum Teil im Freien, zum Teil in halbgedeckten dunklen Räumen.

 

In der zweiten Woche, versuchten wir eine Reisemöglichkeit ins Landesinnere zu organisieren. Die einzige und relativ sichere Möglichkeit bot die UN mit einem Flug nach Kisangani. Von dort sollte es nach einem zweitägigen Zwischenstop mit dem Hubschrauber weiter nach Ikela gehen. Diese Route war auch für den Rückweg vorgesehen. Mit Hilfe der Caritas bekamen wir für den Flug einen Platz und konnten uns gegen Ende der Woche auf den Weg machen. Am Morgen des Abfluges wurden uns die Reisepapiere ausgehändigt und wir mussten feststellen, dass nur der Hinflug gebucht war. Da der Chauffeur der uns zum Flughafen bringen sollte bereits wartete mussten wir also versuchen, die Rückreise von Unterwegs zu organisieren. Eigentlich unmöglich, da, wollte ich wieder pünktlich nach Europa zurück, nur 2 Wochen Aufenthalt im Regenwald möglich waren. Außerdem steht dort als Kommunikationsmittel nur der Kurzwellenfunk zur Verfügung, was die Angelegenheit zusätzlich erschwert. Wir wagten es trotzdem.

Jetzt war ich wieder mitten in der Diözese, mitten im Urwald und zum ersten Mal mitten in Ikela. Ikela ist erst seit kurzem wieder frei zugänglich und die Menschen kehren nach und nach aus dem Urwald zurück, in ihre Stadt. Es ist wohl der Ort in der Diözese, in dem Krieg Unruhen und Rebellengefechte am längsten tobten, und das kann man noch überall sehen. Die Häuser sind größtenteils zerstört, die Palmen sind gespickt mit Granaten und auf den Feldern und an den Wegen liegen offen und ungeschützt Antipersonenminen. Meist sind sie nur notdürftig mit wenigen Palmzweigen markiert und hin und wider kommt es leider vor, das eine Frau beim Bestellen der Felder oder ein Kind auf dem Weg zur Schule verletzt oder getötet wird. Einige Hilfsorganisationen waren bereits vor Ort, machten Bilder von den Minen und klärten die Bevölkerung über deren Gefährlichkeit auf, beseitigt haben sie die Geschosse aber nicht. Wen wundert es, wenn manch einer es dann selbst versucht in dem er die Dinger mittels Feuer zur Explosion bringen will oder einfach beiseite räumt. Auch die am Wegesrand liegenden Wracks von Militärfahrzeugen zeugen stumme von einem blutigen Bürgerkrieg. Was für die Einheimischen schon zur Normalität geworden ist bereitete mir eher Angst und Schrecken.

 

 

Aber es gab und gibt auch Gutes zu sehen. In der ganzen Stadt reden die Leute noch vom ersten Seminar „médicine naturelle – santé pour tous", das von BDOM in Zusammenarbeit mit ANAMED durchgeführt wurde. Und wichtiger noch, die Menschen bauen die Pflanzen an und nutzen sie, wie sie es dort gelernt haben, z.B. Artemisia, eine Pflanze deren Inhaltsstoffe sehr wirksam bei Malaria sind. Zu ihnen gehört auch Abbé Corneille, bei dem wir wohnen durften. Er engagiert sich sehr für den Wiederaufbau der Schulen und Kindergärten in seiner Pfarrei St. Michel.

Von Ikela ging es nach einigen Tagen, dank COOPI nach Bokungu. Von Bokungu sollte ich diesmal nicht so viel zu sehen bekommen. Es war vielmehr der Ausgangspunkt für einige Reisen mit dem Motorrad oder dem Toyota, der, bereitgestellt von MIVA Österreich, jetzt endlich an seinem Bestimmungsort angekommen ist. Aber, es hat sich einiges dort verändert. Das Büro des BDOM verfügt inzwischen über mehr als nur einen geliehenen Tisch. Das Gebäude wurde renoviert und gestrichen. Dei Rückfront des Hauses ist verziert mit Bildern von Heilpflanzen aus dem MedNat - Programm. Und es gibt einen großen und gepflegten Heilpflanzengarten, der im Rahmen dieses Projektes angelegt wurde. Von Bokungu aus besuchten wir, wie auch schon im Vorjahr, Papa Chef Lifala in Yangambo und später auch noch Pater Franz Fürnrohr in Bulukutu. Anschließend ging es wieder in Richtung Ikela. Auf den Motorrädern führte uns die Reise zunächst nach Mondombe. Dort stand ein Besuch der Krankenpflegeschule, an der einige Kandidaten dank der Stipendien des WGT Schweiz und der Station 102 des Kantonsspitals Baden, ihre Ausbildung begonnen hatten. Dem Institut stehen nur spärliche Unterrichtsmaterialien zur Verfügung und es für mich nach wie vor erstaunlich und rätselhaft, mit wie wenigen Mitteln man hier versucht etwas aufzubauen. Die Schulräume werden geteilt mit einer Primarschulklasse und die Lehrer besitzen oft nur ihre eigenen alten Schulunterlagen. Ein kleiner Lichtblick ist die vom BDOM gestiftete Bibliothek mit einigen Standardwerken. Danach hieß es weiter nach Ikela. Nur kurz das Gepäck abladen um mit den Motorrädern weiter nach Watsi zu fahren. Dieser Ort, wohl der entlegentste der Diözese, war ähnlich wie Ikela durch Rebellen von der Umwelt abgeriegelt, jetzt aber wieder zugänglich. Im Convoy machten wir uns auf den weg, Abée Simon, Dr. Ibi von COOPi und das BDOM. Auf dem Programm stand die erste Visitation des örtlichen Gesundheitszentrums und die Klärung der weiteren Zusammenarbeit, auch mit dem wichtigen internationalen Partner COOPI. Seit Jahren sollten sie das erste mal wieder Motorräder, Priester, Arzt und Mondele zu sehen bekommen. Unvorstellbar, wie wir dort in stockfinsterer Nacht empfangen wurden.

 

Zurück in Ikela blieb nicht mehr viel Zeit. Noch immer waren wir auf der Suche nach einem Rückflug nach Kinshasa. Mme. Christa (übrigens eine Schweizerin) vom internationalen Roten Kreuz hat uns wieder aus dem Busch geholt. Sie trafen wir am Anfang unserer Reise in Ikela. Das CICR war dabei seine Projekte dort abzuschließen und musste noch Material evakuieren. Christa wusste von unserem Problem und hat von Kinshasa aus, wo sie inzwischen wieder war, bei dem letzten Flug an Bord zu gehen.

Inzwischen bin ich wieder gut in Europa angekommen und von einem Extrem in das andere gefallen. Während ich es im Kongo fast nicht ausgehalten habe zu warten, denn man muss dort auf alles warten, und es ist für die Menschen dort ein durchaus sinnvoller Lebensinhalt, wird mir hier in Europa deutlich wie schnelllebig alles ist. Einmal mehr merke ich, wie wichtig ein vernünftiges Equipment zur Mobilität ist. Wie oft wurden wir durch eine Motorradpanne gezwungen anzuhalten. Und die einzige Möglichkeit weiterzufahren besteht darin, solange zu basteln, bis das Motorrad wieder läuft. Wenn man Glück hat, passiert das nur einmal, wenn nicht, hält man alle 2 Kilometer und versucht wieder zu reparieren, solange bis man am Ziel ist. Es hilft nicht sich zu ärgern und aufzuregen. Irgendwie sind wir aber immer dort angekommen wo wir hin wollten, auch wenn ich manchmal nicht mehr daran glauben wollte. Die schlechte Infrastruktur in Sachen Kommunikation erschwert die Arbeit von Wolfgang zusätzlich. 2 oder 3mal am Tag hat er via Kurzwellenfunk Kontakt zur Außenwelt, die aber nur bis Kinshasa reicht. Während der Reise durch die Diözese war es für uns die einzige Möglichkeit unseren Rückflug zu organisieren. Nicht immer sind gerade die Leute erreichbar, die man braucht. Oft muss man ein Rendez-vous vereinbaren, es zu einem späteren Zeitpunkt noch mal versuchen oder jemand anderen beauftragen etwas zu organisieren oder abzuklären (…der Bauer schickt den Jockel aus…). Umso bewundernswerter ist die Arbeit, die Wolfgang dort unter diesen Umständen leistet.

In diesem Sinne:

Ein freundliches NZAMBÉ AZLA NA YO!

Michael Jochem

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zum Reisebericht 2003