Wolfgang Leinen - im Kongo

 Reisebericht Kongo, Mai 2003

 

 

MBOTE!

 

 

 

 

Liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,

Am 30. März habe ich mich auf den Weg in den Kongo gemacht. Von Brüssel aus bin ich direkt in das Herz Afrikas oder wie manchmal in der Literatur beschrieben, in das Herz der Finsternis geflogen um dort Wolfgang Leinen zu besuchen, der in der Regenwalddiözese Bokungu - Ikela versucht den Gesundheitsdienst wieder ins Leben zu rufen und so einen entscheidenden Beitrag für die Gesundheitsversorgung der dortigen Bevölkerung zu leisten.

Es war meine erste Reise nach Afrika und so war ich bereits bei meiner Ankunft in Kinshasa überrascht. Eine riesige, pulsierende Stadt, in der ca. 8.000.000 Menschen leben, meist auf der Strasse, da die Infrastruktur nur für 600 000 Menschen gedacht ist. Die Stadt, die früher einmal schön gewesen sein muss, ist ein einziger Jahrmarkt. Meist sind es Frauen, die Brot, Wasser oder andere Lebensmittel in riesigen Körben auf dem Kopf transportierend, die ihre Waren zum Verkauf anbieten. Als öffentliche Verkehrsmittel dienen die sogenannten „Taxibus“, Pkws und Kleintransporter, aus denen die Sitzbänke herausgerissen wurden und in die sich die Menschen wie Ölsardinen quetschen. Die Strassen sind in einem erbärmlichen Zustand, riesige Schlaglöcher gilt es geschickt zu umfahren, ohne dabei die anderen Verkehrsteilnehmer zu touchieren.  Die Hupe, das wichtigste Instrument am Auto, ersetzt alle Verkehrsregeln. Kinshasa, eine Stadt in der man als Tourist nicht alleine unterwegs sein sollte.

Diese Reise war geprägt von Improvisation. Da es an allen erdenklichen Mitteln fehlt, weiß man am Morgen nicht, wo man am Abend ist. Um weiter nach Bokungu zu reisen, konnten wir bei einer Handelsgesellschaft einen Flug bis Boende, ca. 200 Km vor unserem Zielort buchen. Die Maschine wurde kurzfristig vom Militär beschlagnahmt und so mussten wir noch einige Tage, quasi auf dem Gepäck warten, bis wir zwischen Kisten und Säcken sitzend losfliegen konnten. Übrigens mit einer Antonow, die zum Glück aber nicht ihre Ladeklappe samt Ladung verlor. Von Boende ging es nach einigen Tagen mit dem Einbaum auf dem Tschuapa nach Bolukutu weiter. Dort brachen gerade die Masern, eingeschleppt durch ein Handelsschiff aus. Da die Bevölkerung nicht durchgeimpft und ein entsprechender Impfstoff nicht aufzutreiben ist, mussten wir mit ansehen, wie Kinder und Erwachsene an dieser Krankheit sterben und die Masern sich ungebremst zu einer Epidemie ausweiten. Das letzte Stück des Weges konnten wir mit einem Auto, das uns „Bokette“, ein deutscher Missionar, zur Verfügung stellte zurücklegen. Die Sandpisten waren in einem noch übleren Zustand als in Kinshasa. In Bokungu wurde ich freundlich von einer Kinder- und Jugendgruppe, den Kizitu Anuarite, empfangen. Da ich in der Woche vor Ostern im Regenwald ankam, konnte ich miterleben, wie die Menschen dort ihren Glauben Leben. Die heiligen Messen, die oft über 2 Stunden dauerten, waren sehr beeindruckend, vor allem die wunderschönen afrikanischen Gesänge. In Bokungu wurden wird oft eingeladen, von Menschen die sich zu Initiativen oder Genossenschaften  zusammengeschlossen haben. Dank ihnen beginnt man wieder die Felder zu bestellen, denn eine funktionierende Landwirtschaft gab es nicht mehr. Wer Getreide oder Gemüse anbaute oder gar Vieh hielt, musste damit rechnen, dass ein anderer es ihm stiehlt. Ich erinnere mich noch gut an Maman Collette, die uns stolz ihre Fischzucht präsentierte oder an die Frauengruppe, die aus Raphia, einer Palmfaser, in einem aufwändigen Verfahren Tischdecken knüpfen. Mit diesen Arbeiten finanzieren sie sich ihren Lebensunterhalt und müssen nicht auf der Strasse leben. In meinen Augen sind diese Menschen Überlebenskünstler, auch wenn sie manchmal nicht (mehr) wissen ihren Reichtum, die Natur zu nutzen.

Ein weiteres beeindruckendes Erlebnis war ein Fußmarsch nach Yangambo. 2 Tage waren wir unterwegs und kamen der Landbevölkerung sehr nahe und besuchten einige Gesundheitsposten und Centre Médicale. Der Operationssaal, der mir gezeigt wurde, entsprach keinem hygienischen Standard. Mit fast nichts wird hier versucht die Kranken zu behandeln. Wer operiert werden oder länger bleiben muss, bringt meist noch Familienangehörige mit, die ihn versorgen und bekochen. Auf dem weg wurden wir immer wieder begleitet von Kindern und Dorfbewohnern, die, oft nur mit schäbigen Lumpen bekleidet, die fast nur aus Löchern bestanden, die beiden „Mondele“, die Weißen sehen wollten. Überrascht war ich von den Reaktionen. Einige sagten: „Der Weiße ist zurück und er hat noch einen anderen mitgebracht; jetzt ist der Krieg wirklich vorbei!“ Unsere Ankunft in Yangambo stand nicht gerade unter guten Zeichen. Unmittelbar nach uns traf auch die Nachricht, dass eine Tochter des Papa Chef, bei dem wir eingeladen waren, ums Leben gekommen sei, ein. Eine über sieben Tage dauernde Trauerfeier, Matanga genannt, begann. Die Frauen jammern und beklagen den Tod, in der Nacht sitzen alle um das Lagerfeuer und erzählen Geschichten, singen und tanzen. Gegen Ende der Woche schloss sich der Kreis des Lebens, ein Kind wurde geboren und nach einem der Besucher benannt. Jetzt gibt es einen Michel d’Imbao.

In seiner Arbeit sieht Wolfgang Leinen sich mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Neben einer fehlenden Infrastruktur und nur bescheidenen zur Verfügung stehend Fortbewegungsmitteln, fehlt es auch an Geld. Die bisher, bzw. vor dem Krieg engagierten Hilfswerke halten sich angesichts eigener Finanzknappheit sehr zurück; Die Tatsache, dass Wolfgang lange Zeit der einzige Weiße in Bokungu war, inzwischen sind noch 2 Ärzte der italienischen Hilfsorganisation COOPI vor Ort, erleichtert nicht gerade seine Arbeit. Auch der „Reichtum“, über den das BDOM Bokungu verfügt, 2 Motorräder und einige Fahrräder (der Toyota ist noch per Schiff von Kinshasa nach Bokungu unterwegs), bereiten manchmal Schwierigkeiten. Wegen der schlechten Sandpisten leidet das Material und vernünftiges Werkzeug und erfahrene Mechaniker fehlen, oder aber das Militär versucht die Fahrzeuge für seine Zwecke zu beschlagnahmen. Eine vorausschauende Planung ist fast nicht möglich, da man hier seit Jahren von Tag zu Tag lebt, leben musste. Und neben der eigentlichen Arbeit, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung wieder zu beleben, ist es auch wichtig, den Menschen Werte und Moralvorstellungen zu vermitteln.

In der kurzen Zeit, in der ich in Bokungu Gast sein durfte, habe ich viele Menschen kennen gelernt und einige sind zu Freunden geworden. Langsam beginnen sie wieder die Felder zu bestellen und Vieh zu halten. Und, was ich ebenfalls für ein gutes Zeichen halte, die Zweikämpfe verlagern sich von der Straße auf das Fußballfeld, auch wenn dafür noch die rechte Ausrüstung fehlt. Für die Menschen hier in Bokungu, die mir in diesen acht Wochen sehr ans Herz gewachsen sind, ist das Wirken von Wolfgang eine gelebte Solidarität, die ihnen Mut und Hoffnung für die Zukunft gibt.

Herzliche Grüße

 

 Michael Jochem

  

p.s. Gruß und Dank auch von Wolfgang Leinen und den Menschen in Bokungu an all jene, die diese Arbeit in Gedanken, Gebeten oder durch Taten ermöglichen und unterstützen!