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Im Herz der Finsternis

Wo bleibt die Selbstkritik? Zwei Ausstellungen in Brüssel zeigen die Kolonialzeit Belgiens

von Peter Dittmar

"Doctor Livingstone, I presume" - man kennt die knappe Begrüßungsformel als Inbegriff britischen Understatements. Und man kennt die Szene von 1871, wie Henry Morton Stanley schließlich im "dunkelsten Afrika" am Tanganjika-See David Livingstone fand. Damals und noch einige Jahrzehnte danach hatte die westliche Welt ein ungebrochenes Verhältnis zur Eroberung unerforschter Kontinente und zu den Kolonien. Heutzutage ist das anders. Das deutet mit der Zurückhaltung des Betroffenen die Ausstellung "Kongo - Gedächtnis und Erinnerung" verbunden mit "Kongo: Natur & Kultur" im Königlichen Museum für Zentral-Afrika in Tervuren vor Brüssel an.

"The Congo, I presume" steht auf einem "Denkmal" von Tom Frantzen im Park hinter dem Museum, einem 125 Meter langen, 71 Meter tiefen schloßähnlichen Bau, der zwischen 1904 und 1910 als "Kongomuseum", Forschungsstätte und Verwaltungshochschule für Belgiens künftige Kolonialbeamte errichtet wurde. Die spöttische Inschrift korreliert mit dem Figurenschmuck. Denn drei Afrikaner auf hohem Sockel überragen eine Büste von König Leopold II. von Belgien, dem Herrscher und Besitzer des "Freistaates Kongo". Mit Belgien war die Kolonie nur durch den Monarchen verbunden. Er schickte Stanley, den das Museum mit einem Gedenkraum ganz naiv ehrt, mehrfach zu Forschungsreisen in den Kongo. Und in Leopolds Privatschatulle verschwanden alle Gewinne aus dem lukrativen Handel mit den vier "K": Kautschuk, Kupfer, Kobalt und Kaffee.

Von diesen Geldern hat Brüssel allerdings in großem Umfang profitiert, als es um die Jahrhundertwende ein völlig neues, weltstädtisches Gesicht gewann. Aber aus dieser Zeit stammt auch das Trauma der Stadt und des Staates, das mit dem Schlagwort "Kongogreuel" benannt wurde. Daran änderte sich erst etwas, nachdem Leopold 1908, ein Jahr vor seinem Tode, unter dem Druck der sich empört gebenden "Weltöffentlichkeit" den Kongo an den belgischen Staat verkaufte. Wiewohl die Ausbeutung der Kolonien, vielleicht nicht ganz so rigoros wie unter Leopold, auch den anderen Mächten nicht fremd war. Und Kolonialmuseen, die die Kolonialgeschichte als Erfolgsgeschichte erzählten, gab es nicht nur in Belgien.

Als Belgien 1960 seine Kolonie in die Unabhängigkeit entließ und Lumumba, Mobutu, Kabila Vater und Sohn ihre "kleptokratische" Herrschaft errichteten, schien in Tervuren erst einmal die Zeit angehalten worden zu sein. Noch immer verkünden die überlebensgroßen allegorischen Bronzefiguren in der Rotunde des Eingangs: "Belgien schenkte dem Kongo die Zivilisation" oder "Belgien brachte dem Kongo Wohlstand". Zwar wurden die Forschungen, die ursprünglich auf die Förderung - und das hieß wesentlich: die Rentabilität - der Kolonie ausgerichtet waren, nun auf den gesamten Kontinent wie auf Ozeanien und einige Gebiete Nord- und Südamerikas ausgedehnt. Aber "Das Herz der Finsternis", wie Joseph Conrad seine berühmte Kongo-Erzählung nannte, stand und steht nach wie vor im Zentrum. Und noch immer sind unter den 250 Angestellten des Museums mehr als 70 Wissenschaftler, deren Fachgebiete von der Geologie und Mineralogie über Land- und Forstwirtschaft bis zur Zoologie, Anthropologie, Geschichte und Kunstgeschichte reichen. Immerhin besitzt das Museum rund 250 000 ethnographische Objekte und Dokumente sowie etwa zehn Millionen Tierpräparate. Davon ist kaum mehr als ein Prozent in der permanenten Präsentation zu sehen. Und deshalb soll künftig wechselnden Ausstellungen mehr Platz freigeräumt werden.

Auch die bedeutende Sammlung afrikanischer Kunst darf nur einen kleinen Teil des Museums beanspruchen. "Verborgene Schätze aus Tervuren" hieß eine Wanderausstellung, die 1997/99 in Kanada, den USA, Spanien sowie in Düsseldorf gezeigt wurde - und der man vorwarf, die "Kongogreuel" mit der Flucht in die Ästhetik zu kaschieren. Auch die historische Abteilung führt vorerst noch eine zwiespältige Existenz. Sie steht jedoch bei allen Debatten um die Zukunft des "Kolonialmuseums" im Mittelpunkt. Bis zur Hundertjahrfeier des Hauses 2010 soll sie ein neues Gesicht erhalten.

Dann sollen die Kolonialjahre zwar kritisch, aber zugleich als Teil einer - wiewohl schwierigen und konfliktreichen - gemeinsamen Geschichte dargestellt werden. Deshalb sind bei allen Projekten Wissenschaftler aus Afrika beteiligt. Die Ausstellung über "Gedächtnis und Erinnerung", die über das Dreivierteljahrhundert der Kolonialzeit hinaus auch die Zeit davor und danach betrachtet, deutet an, wie man sich behutsam der eigenen Vergangenheit nähern will - eingedenk jenes Skeptizismus, der den Erzähler im "Herz der Finsternis" bedrängt: "Wir konnten uns nicht erinnern, weil wir durch die Nacht der ersten Zeitalter dahinfuhren, der Zeitalter, die dahingegangen sind, kaum ein Merkmal hinterlassen haben - und keine Erinnerung."

Bis 9. Oktober; Kataloge (niederl. oder franz.) 39 u. 20 EUR

Artikel erschienen am Di, 1. März 2005

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