Rundbriefe aus 2003

 

Rundbrief März 2003     Rundbrief November 2003 


 

Liebe FreundInnen und Verwandte,                          Kinshasa, im März 2003

dank einer Einladung der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. Köln (Personaldienst der deutschen Katholiken für internationale Zusammenarbeit), dem organisatorischen Rahmen meines Einsatzes hier im Congo, zu einem Regionalseminar in Bagbé, Togo, zusammen mit 9 weiteren "Cooperants" aus den verschiedenen Ländern der Frankophonie und deren "Homologen" sowie einigen Chefs, melde ich mich wieder aus Kinshasa, dem Dreh- und Angelpunkt für alles und/oder nichts, bzw. mögliche und unmögliche der kongolesischen Welt. Für meinen Mitarbeiter, Josef Lifala - Lifala Isemoy, mit seinen 25 jungen Jahren (statistische Lebenserwartung für einen Kongolesen, männlich: 47 Jahre), war es das erste Mal überhaupt, dass er den forêt equatoriale verlassen konnte: zum ersten Mal den uferlosen Wald von oben mit Bäumen bis zum Horizont; zum ersten Mal in der Distrikthauptstadt Boende, wo wir 1 Woche lang täglich "standby" auf den "vol militaire" (FAC) gewartet haben, der uns dann über die Provinzhauptstadt Mbandaka (leider nur der Aeroport zum Reifenreparieren) in die Capitale gebracht hat; zum ersten Mal im Moloch Kinshasa, zum ersten Mal Telefon und Internet und viele andere Dinge und schlussendlich das erste Mal ausserlandes und die Füsse in einem Wasser, das nicht nur salzig schmeckt, sondern auch noch auf der Haut "pickt" (es brauchte viel Überzeugung, ihn ein zweites Mal zum Eintauchen zu bewegen...).

Mir macht es Freude zu sehen, wie er alles Neue in sich aufsaugt und versucht, seine Chancen zu nutzen - zum Beispiel in der Diskussion mit den KollegInnen aus 6 anderen afrikanischen und 2 europäischen Ländern zu "Leben und Arbeiten in instabilen gesellschaftlichen Situation". Da hatten wir was zu erzählen....

Die Situation der Diözese hat sich weiterhin verschlimmert. Die Alimente aus Rom reichen jetzt nicht einmal mehr für monatliche Subsidien. Seit März ist Schluss mit den 25 EUR monatlichem Unterhaltsgeld für die kongolesischen Pfarrer: jetzt heisst es noch mehr "débrouillez vous". Mein Freund Abbé Simon wird von Tag zu Tag dünner und an Schlafes Stelle rücken Albträume: er weiss nicht mehr vor noch weiter. Als Diözesanökonom lastet ein ganzer Wald von Sorgen und Problemen auf seinen schmal gewordenen Schulter - dabei ist er "nur" Theologe und sehnt sich nach nichts anderem als einer Pfarrei mit deren CVB's (Communautés vivantes de Base/ Lebendige Basisgemeinden) er wieder "Animation" und "Developpement" machen möchte. Ein Lichtblick: Im Togo habe ich einen deutschen Kollegen, Christian Rohardt, getroffen, der, finanziert von missio Aachen und misereor, am Sozialinstitut der Jesuiten in Kinshasa, CEPAS, eine Finanzberatung für kirchliche Einrichtungen aufbaut. Zur Zeit arbeiten die beiden jeden Tag zusammen - das war wirklich Fügung...

In unserem Gebiet ist die Lage weiterhin schwierig. Man kommt schlecht rein und schlecht raus - es gibt keine regelmässigen und zuverlässigen Transportmittel - zumindest nicht für eine lokale kongolesische Organisation wie die unsere. Die staatlichen Einrichtungen liegen buchstäblich im Sand: will man eine Bescheinigung, muss man das Papier mitbringen (und als Expatriier natürlich erst noch zahlen). Die Gehälter verdienen kaum den Namen (der Verwaltungschef eines Secteur hat nach über 30 Jahren Dienst 3000 FC pro Monat, umgerechnet sind das noch keine 7 EURO; 5kg Zucker kosten 2500 FC, 1 Flasche Bier 900 FC, der billigste Kugelschreiber 70 FC); sie werden unregelmäßig geliefert und erst noch mit Abzügen - der Weg von Kinshasa ist weit.... Die Diözese war im Dezember übrigens auch nicht in der Lage, die Gehälter auszuzahlen: zu Weihnachten gingen die Leute in den Wald, Blätter suchen... Kein Wunder, dass die Institutionen, weder der Kirche, vielmehr noch des Staates, nicht (mehr) das sind, was ihr Name vorzugeben scheint. "Débrouillez vous" partout: tracasserie, Ausbeutung. Dann nimmt man sich das, was man braucht, halt beim anderen.... Eigentlich hätte die Kirche hier eine gewaltige Aufgabe....

In dem Buch "RDC, la guerre, vue d'en bas" habe ich einige Kinderzeichnungen gefunden, die die Realität unserer Leute anschaulich wiedergeben - eine Realität, die schon in Kinshasa surrealistisch und unglaublich scheint.

 

links:

ein Auto der MONUC/UNO; sie sind zahlreich im Land, aber die Bevölkerung ist verzweifelt, die Invasoren nicht das Land verlassen zu sehen (mittlerweile sind die ausländischen Armeen offiziell ausser Landes). Der öffentliche Transport hat aufgehört zu existieren, die Unternehmen liegen darnieder und auf den Gleisen wachsen die Bäume. Schüler treiben sich im Hof der Schule rum: sie können die hohen Schulgelder nicht bezahlen und wurden von ihren Lehrern kurzerhand rausgeschmissen.

 

rechts:

die Invasoren lassen Tote und Güter zurück; Impfkampagne gegen Polio; Rotkreuzhelfer beerdigen die zurückgelassenen Kadaver; das Volk revoltiert: May-May gegen die Aggressoren.

unten:

die Bevölkerung im Stich gelassen und ausgeliefert; anstatt sie zu beschützen misshandelt die kongolesische Armee die Bevölkerung (auch heute noch sieht man Kolonnen von jungen Männern, gezwungen Lasten kilometerweit zu tragen...); Plünderung des Reichtums des Landes.

Das kongolesische Volk, besonders unsere isolierten Leute im Landesinneren, fern der internationalen Öffentlichkeit, sind auf einem wahren Kreuzweg.

Gott-sei-Dank gibt es den Rotkreuzhelfer, der die Toten beerdigt und den Krankenpfleger, der nicht gegen Menschen, sondern Krankheiten kämpft.

Diesbezüglich hat sich das "Herz der Finsternis" etwas aufgehellt: Mit der COOPI (Cooperazione Internationale) und der CSI-Belge (Caritas Secours International) haben wir zwei internationale Partner, die, z.T. schon seit dem letzten Jahr, unseren Zentren auf die Beine helfen, bzw. den mittellosen Kranken den Zugang zur medizinischen Versorgung ermöglichen. Ihr Engagement im Rahmen der Notfallhilfe haben sie zugesagt für das laufende Jahr 2003. Das gibt uns Zeit und Atem, die Developpementprojekte im Gesundheitswesen zu entwickeln, bzw. voranzutreiben - immer mit wachsamem Auge und immerwährendem Dialog, um unsere bestehenden Strukturen zu stützen, oder wenigstens nicht zu gefährden (wie z.B. die Diözesanapotheke, die seit dem Engagement unserer Freunde kaum noch Kunden hat - zahlende schon gar nicht...).

Und mehr als das: nach dem Verlust des langjährigen Partners und einer darauffolgenden fast einjährigen Durststrecke, die Gott-sei-es-gedankt durch das Engagement von FreundInnen und Verwandten (Heimatpfarrei und -gemeinde eingeschlossen) nicht zur Wüste wurde, gibt es Silberstreifen am Horizont: mit missio Aachen und der Diözese Rottenburg-Stuttgart haben sich potente Partner zu uns in die Piroge gesetzt, die dem oeuvre médical nicht nur den Neuanfang ermöglichen, sondern auch die Durchführung unseres ambitionierten 3-Jahres-Programms "Medizin mit lokalen Ressourcen/Gesundheit für alle". Für die Mitarbeiter, die z.T. jahrelang ohne alle Mittel auskommen mussten und teilweise hundert und mehr Kilometer zu Fuss zurückgelegt haben - im Dienst am Nächsten, ist das ein ganz dicker Regenbogen. Auch die Deutsche Botschaft in Kinshasa und die österreichische MIVA haben Farbe dazugegeben. Und mit all den anderen sieht die Zukunft zwar noch nicht rosig aus, die Konturen werden jedoch mehr und mehr sichtbar und die Menschen schöpfen Hoffnung, das Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. Herzlichen Dank für alles und für das Mitgehen auf unserem gemeinsamen Weg nach Ostern.

 

 

 

In diesem Sinne, gute Zeit und frohes Fest,

Nzambe azala na yo,

Wolfgang.

 

 Campus-Bude (Wohn- und Arbeitsstätte für 3-4 Personen)

mit Papa Chef Lifala (coutumière, Chefferie Nkole).

 

 

 

 

 

 

 

Maison Chef, Chefferie Nkole, chez Papa Lifala, Yangambo.

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Impressionen vom Seminar

„Santé pour tous -

Médecine avec des

ressources locales"

BDOM & ANAMED

Centre Pastoral Mobokoli, M.C. Bokungu

 

 

mit 53 Teilnehmern (Heiler, Vertreter von 25 Centres: Infirmiers Titulaires, COSA - lokale Gesundheitskomitees, u.a.)

 

 

 

 

 

November 2003

„Gesundheit für alle -

 

Medizin mit lokalen

Mitteln"

 

 

M.C. Bokungu, 16.11.2003

Liebe Freunde und Verwandte,

 

le temps passe vite, die Zeit rast.

Das Jahr geht zu ende, ein Jahr bin ich schon im grossen Wald, lebe und arbeite in der kongolesischen Equateur - Diözese Bokungu - Ikela. Zeit , um nach dem Gastspiel von Freund Michael mit seinem Reisebericht, wieder den direkten Kontakt zu Euch aufzunehmen. Es fügt sich gerade gut, dass Dr. Hans Martin Hirt hier ist von ANAMED; er wird im Dezember nach Stuttgart fliegen, so dass die Post noch zu Weihnachten ankommen kann.

Der Transport ist bei uns weiterhin eine schwierige Sache. Nachdem die MONUC (Blauhelme der UNO) ihre Basis in der Provinzhauptstadt Boende aufgegeben hat, hat sich die Lage noch verschärft. Es gehen zudem Gerüchte, dass die Militärs abziehen: alles geht nach Osten. Für die Bevölkerung ein Segen, aber auch wieder eine Transportgelegenheit weniger. In Boende bleibt nur noch ein Commercantenflieger, der theoretisch 1 x die Woche die Verbindung nach Kinshasa herstellt, aber nur dann, wenn genügend Fracht da ist und die Regierung nicht mal wieder das Flugzeug, eine Antonow in noch gutem Zustand, für ihre Zwecke abgezogen hat.

Hans Martin ist mit zwei seiner kongolesischen Mitarbeiter daher per MONUC über Kisangani gekommen - nach 3 Wochen Wartezeit in Kinshasa. In Ikela gingen die Probleme dann richtig los: in der ganzen kriegszerstörten Stadt, die sich langsam wiederbelebt, kein Treibstoff, keine Mitflugmöglichkeit der AsF (Flieger ohne Grenzen), kein Platz im Schnellboot vom Erzbischof, der gerade in Ikela zur Visitation ist - und: Hans - Martin mit Durchfall.

Nachdem über Funk zwei bereitwillige Motorradfahrer mit ihren Fahrzeugen gefunden waren und COOPI, italienische ONG für die Zone de Santé, bereit war das Benzin bis Bokungu auszuleihen, konnten sich zwei der drei Animateure auf den Weg machen. Nach der ersten Flussüberquerung mit der Piroge, kam das erste „Tuckutuck" auf Kilometer 4 zum Stillstand: Reifenpanne. Also alles zurück nach Ikela. Vorschlag: alles dort abwickeln. Sei sowieso sicherer, Minen, etc..

Erst nachdem wir wiederum über die Phonie von Bokungu aus in Ikela alles und jedes in Bewegung gesetzt hatten, kamen Hans - Martin und Emanuel nach einer 2-Tagesreise Motorrad über Mondombe in Bokungu an, um ihren Part des Seminars zu übernehmen, den wir mit einem Notprogramm hinausgeschoben hatten.

Was ein Ausfall bedeutet hätte für Krankenpfleger, die aus bis zu 140 km Entfernung nach Bokungu gekommen waren, um an unserem Programm teilzunehmen - zu Fuss und (seit wenigen Monaten möglich) per Velo, könnt Ihr euch leicht ausmalen.

Von der Kampagne zur natürlichen Medizin erzähle ich euch dann im nächsten Rundbrief mehr - vorerst einige erste Bilder (danach hat der Apparat die Arbeit verweigert - Hans Martin wird den Kranken zur Reparatur mit nach Deutschland nehmen; also vorerst weiter ohne Digifotos…).

Hinter uns liegt die „Assemblée Generale" der Diözese mit all ihren Strukturen - vom Pfarrer angefangen, über die Diözesanbüros bis hin zu den Kommissionen. Erzbischof Joseph Kumuondala von Mbandaka, Administrateur Apostolique von Bokungu - Ikela, hatte eingeladen und 3 lange Tage lang kam alles und jedes auf den Tisch. Für das BDOM hat sich Joseph tapfer geschlagen. Zudem tagten die Diözesanen Räte (Finanzen, Berater) und gab es Visitationsreisen zu einzelnen Pfarreien - dort, wo die Accessibilité, die Erreichbarkeit, es erlaubte.

Nach Yangambo ging es mit dem Motorrad von BDOM, begleitet vom Directeur und Secretaire, letzterer gleichzeitig Sohn vom „Chef der Chefferie". In der Pfarrei wurde der Bischof von vorwiegend Kindern herzlich empfangen. Dort, wo es keine modernen Kommunikationsmittel gibt und sogar das Funkgerät fehlt (seit dem Krieg), die traditionellen noch vorhanden, aber aus der Mode gekommen sind (Ukule), finden sich die Schüler „sur place" und die Erwachsenen im Wald und auf den Feldern.

Selbst einen Priester zu finden, der diese Isolation aushält, war bis jetzt nicht möglich: der seit einem Jahr ernannte Curé ist immer noch in Kinshasa und auch der Vicaire seit 3 Monaten abwesend. Dieses und vieles anderes kam in der Gläubigenversammlung am Sonntag-nachmittag in der Kirche, in den frühen Missionsjahren erbaut von einem deutschen Pater, zur Sprache. Die Laien sind sich überlassen und so ist es kein Wunder, dass die Sekten gross in Mode sind und vor allem junge Erwachsenen von deren Veranstaltungen angezogen werden. Der alte christliche Chef schlägt sich tapfer, steht jedoch weitgehend auf verlorenem Boden. Seine Generation ist am (Aus) Sterben. So reden eben jetzt wieder die „esprits" und die katholische Gemeinde ist „peu à peu" am Verdunsten.

 

Ein bezeichnendes Bild bieten die Anlagen, die die Missionare zurückgelassen haben. Weitgehend mit lokalem Lehm und etwas Zementbeimischung aufgerüstet, sind viele Gebäude am Zerfallen - wie der Couvent der ersten Schwestern von Bokungu - Ikela, und alle weisen Schäden auf, wie Risse, Löcher, bröckelndes Mauerwerk. Zement ist nicht zur Hand - der müsste in Kinshasa beschafft werden und dafür müsste man pro Sack 10 Dollar haben, 4000,-- FC (bei einem Gehalte von 3000,-- FC pro Monat für den Chef mit seiner über 40 köpfigen Familie). Selbst wenn die Priester stabil wären, mit ihren 24 $ Subsidien und 25 $ „Argent de Poche" kämen sie angesichts der vielfältigen Bedürfnisse nicht weit. Bokungu - Ikela ist dabei, von der vor dem Krieg als wohlhabend geltenden „Diözese der Deutschen" zu eine Kirche der Armen und Ärmsten zu werden. Ausserhalb der drei verbliebenen Missionarsinseln, ist sie es schon längstens. Nicht nur der kongolesische Staat ist im Umbruch. „Transition" ist das Zauberwort, das für vieles steht.

 

Für die Kirche gilt es, einen Weg in die Zukunft zu finden, der mit den lokalen Mitteln die Basis für ein menschenwürdiges Leben schafft und den Traum von einer gerechten, menschenfreundlichen Gesellschaft wach hält, den Traum vom Reich Gottes unter uns. Da muss wieder Einer Mensch werden…Beten wir dafür, dass dies gelingen möge und um unsere Bereitschaft, sie auf diesem Weg zu begleiten.

Das Jahr geht zuende; eben haben wir zur „Ouverture" unseres Seminaire „Santé pour tous - Medecine avec des ressources locales" mit einer Soirée die einjährige Wiederbelebung des BDOM gefeiert.

Angefangen haben wir im letzten Jahr ganz ohne Mittel. Da nur mein Einsatz finanziert war von Misereor für 3 Jahre, begann alles mit einem Provisorium: ein geliehener Tisch von Bureau Develeopement, ein Stuhl vom Pfarreisekretär, ein Regal vom Bischof, ein Lehnstuhl vom Coordinateur, die Schreibmaschine von der Chefferie Nkole, etc.. Das Gehalt meiner Mitarbeiter beträgt immer noch im Durchschnitt 2.500,-- FC und der Bedarf für die Ernährung einer durchschnittlichen Familie liegt bei ca. 30.000,--.

Allerdings haben wir in der Zwischenzeit Projektpartner gefunden, so dass wir arbeiten können, und ich meine Kollegen wenigstens mit Projektgeldern wie „frais de mission" etwas entschädigen kann - mit den von der Diözese angesichts der Zahlungsunfähigkeit reduzierten Arbeitszeiten und dem einhergehenden Produktivitätsverlust, kommt man auch hier nicht weit….

Partner, die uns helfen, das BDOM wieder mit dem nötigsten auszustatten und Mittel für die Arbeit bereitgestellt haben und bereit stellen, sind missio Aachen, misereor, miva autriche, Deutsche Botschaft Kinshasa, Deutscher Missionsrat, Diözese Rottenburg - Stuttgart, DIFAEM. So haben wir zum Beispiel bis auf eine (von 14) alle Pfarreien der 42.000 km grossen Diözese besuchen können und ca. 80 % unserer 42 Einrichtungen (vom Poste d’Animation bis zum Centre de Reference). Dank der Caritas Secours International Belge mit UNICEF und COOPI ist die medizinische Versorgung der Bevölkerung weitgehend sichergestellt. Es leidet wie immer die Peripherie; und natürlich dort finden sich die kleinsten Einrichtungen mit den ärmsten Kranken…

Die Urgencepartner haben ihre Hilfe noch bis Ende 2004 zugesagt - bis dahin gilt es, die Centres und die Bevölkerung wieder fit zu machen fürs „Autofinancement". Gemeinsam mit den Kollegen vom Developement und zum Beispiel ANAMED sind wir an der Arbeit… Eines der traurigsten Ereignisse war die „Rougeole"- Epidemie, die hier in der Zone de Santé Bokungu 8 Monate lang gewütet hat und jetzt Gott-sei-Dank abklingt. Die Masern wurden über ein Schiff aus Kinshasa eingeschleppt und fanden bei der durch die kriegsbedingten Unterbrechungen der Routineimpfungen ungeschützten Bevölkerung reichlich Nahrung. Ueber 3000 Fälle sind registriert und über 100 Tote, vor allem Kinder, zu beklagen. Die Partner vor Ort haben versucht, so gut es ging gegen die Epidemie zu kämpfen und sich der Kranken anzunehmen, z.B. mit kostenloser Medikamentenabgabe. In Bokungu wurde ein Komitee „Lutte contre les epidemies" gegründet, um die Bevölkerung zu sensibilisieren und mobilisieren. Leider kennt eine Epidemie keine Grenzen - mittlerweile ist sie nach Ikela übergeschwappt.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Dank einem Rekrutierungsprogramm gemeinsam mit der COOPI und den sanitärpolitischen Einrichtungen von Distrikt und Provinz, ist es gelungen, in Kinshasa und Mbandaka qualifizierte Pflegekräfte anzuwerben. Dank der schweizerischen „Ökumenischen Kommission für die Kollekte des Weltgebetstags der Frauen", WGT, und der Equipe einer Krankenpflegestation des Kantonsspital Baden, ebenfalls Schweiz, konnten eine Frau in Kinshasa ihr Medizinstudium beginnen und 2 Frauen und 2 Männer am Institut Technique Médicale in Mondombe, mitten in der Diözese gelegen, die Ausbildung in Allgemeiner Krankenpflege.

Für diese Schule, mit viel Mut und Eigeninitiative von Mitarbeitern des Protestantischen Krankenhauses gegründet, ohne Unterstützung von ausserhalb, konnte das BDOM aus Mitteln des Freundeskreises eine Medizinische Bibliothek zur Verfügung stellen - die einzigen Fachbücher vor Ort, sowie etwas Schreibmaterial. Mit einer zweiten Bibliothek aus dem gleichen Fond im Gebäude des BDOM auf der Mission Catholique in Bokungu gibt das schon eine Basis für die kontinuierliche (Nach-) Qualifizierung der Krankenpfleger.

Ebenfalls mit den Mitteln des Freundeskreises konnte die Lizenziatsarbeit eines für ein zukünftiges Engagement im BDOM bestimmten Krankenpflegers zum „Einfluss ausländischer Intervenanten auf die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung von Bokungu - Ikela" unterstützt, sowie die Lizenziatsarbeit eines von Bokungu/Liunga stammenden Verwaltungswissenschafters zur Problematik der bisherigen Entwicklungshilfeprojekten im Territorium Bokungu vervielfältigt und lokalen politischen und kirchlichen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Der Eigenanteil des Programms „Natürliche Medizin" konnte ebenso finanziert werden wie die Transportkosten für Projektanschaffungen, die in der Regel am Empfänger, also am BDOM, hängen bleiben. Und nicht zuletzt speisen die Mittel des Freundeskreises den Risikofond, sichern also die Unwägbarkeiten ab, die „Imprevus", an denen es hier wahrlich nicht mangelt.

Mindestens ebenso wichtig wie die materielle Unterstützung, ist die spirituelle Weggemeinschaft, das Mitgehen in Gedanken und Gebet, im Hoffen und Bangen. Das ist der Boden aus dem ich die Kraft schöpfe für die Arbeit in dieser wie es manchmal scheint gottverlassenen Gegend (Kirche), und das gibt auch viel „encouragment" für unsere kongolesischen Freunde. Jedes Interesse, jedes Zeichen von aussen, an Zuwendung, ist eine Öffnung, ein wahrer Lichtblick in der Finsternis des Waldes. Viele fragen immer wieder nach den Freunden in Europa, z.B. ob und wann denn der „Mischäl" wieder zu Besuch kommt. Als sie von seinem Fahrradunfall erfahren haben, gab es grosse Betroffenheit und viele guten Wünschen. Als unser Freund Benno in der Schweiz seinen letzten Kampf kämpfte, haben viele unsere Trauer geteilt.

In der Begegnung liegt die Würze und die Kraft des Lebens, im gegenseitigen Aufsuchen geschehen die Wunder. Die Adventszeit handelt von diesen uralten Erfahrungen und bringt sie uns wieder deutlich in die Sinne. Lassen wir uns anstecken von einem Gott, der die Richtungen verkehrt, der sich nicht zu gross ist, um Mensch zu werden, uns aufzusuchen, unsere Leiden und Träume zu teilen, unser Leben, und uns dadurch Hoffung und Zuversicht zu geben. Und wenn es sein kann, schenken wir diese Erfahrungen weiter, an die, die in Finsternis sind, damit am Ende ein grosses Fest steht - für alle.

Nzela ezali - es gibt immer einen Weg, Nzambe azala na biso,

 

Cordialement und in der Hoffnung dass es Euch gut geht,

 

Wolfgang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  Überquerung des Tshuapa -

 

 

Mit dem Erzbischof nach Yangambo/Nkole

(o.re.: Diözesanökonom Abbé Simon Inonga, Mitte mit Papa Chef Lifala)                                

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