
| Annotate aus der Schreibstube Kürzestgeschichten |
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| Was hiervon einmal Buch werden sollte, verschwände. Dorthin. |
Soeben erschienen: Inga Hosp, Almut Schüz, Zeno Braitenberg (Hrsg.): Tentakeln des Geistes. Begegnungen mit Valentin Braitenberg. Raetia Verlag. Mit Beiträgen von: Ad Aertsen | Wolfgang Sebastian Baur | Niels Birbaumer | Carla Braitenberg | Zeno Braitenberg | Elisabeth Braitenberg-Hanna | Stefano Crespi Reghizzi | Massimo Egidi | Martin Heisenberg | Douglas R. Hofstadter | Bruno Hosp | Inga Hosp | Domitilla Lacarbonara | Kurt Lanthaler | Giuseppe O. Longo | Donata Loss | Fabio Nieder | Günther Palm | Michael Popp | Friedemann Pulvermüller | Mary de Rachewiltz | Franz Josef Radermacher | Juan G. Roederer | Almut Schüz | Antonia Vittorelli | Marco Wehr | Karin Welponer | Hans Wielander darin L‘uomo delle macchinette
(für Valentin Braitenberg)
Sie nannten ihn also, seit Jahren: L‘uomo delle macchinette. Anfänglich hatte er sich darüber noch erregen können, durch Mund und Nase geschnaubt und dabei den Kopf geschüttelt. Bis er begriffen hatte, daß es einzig dieses uomo delle macchinette, dieses grobe Mißverständnis war, das es ihm weiterhin erlaubte, in der Halle von Roma Stazione Termini, nun: seinen Studien nachzugehen. Tagaus, tagein. Keinem sonst wäre, was er tat, nachgesehen worden, genehmigt schon gar nicht, jeder längst von den Ordnungskräften, Polizia ferroviaria, Polizia di Stato, Guardia di Finanza, Carabinieri, des Bahnhofs verwiesen, vom Ort verbracht bis an die Stadtgrenze, dort ausgesetzt bei Nacht und Nebel, wie üblich. Um im weiteren Verlauf, bei Wiederholungstäterschaft, mit Sicherheit in die staatsbahnhofseigenen, im tiefsten Souterrain gelegen Zellen gesperrt zu werden. Und schließlich dann, bestenfalls, in der Casa circondariale di Roma Regina Coeli zu enden, dem altrömischen Knast, den Rest seiner Tage. Daß es nie so weit gekommen, und daß es so gekommen: alles eine Frage der Wesen. Er war, damals noch ohne jeglichen Plan, was sein Leben und seine Tage betraf, im Schlendern auf ein Buch getroffen, irgendwann in den Achtzigern, und hatte es sich, von dem, was ihm an Handgeld noch verblieben, prompt gekauft. Noch ein Buch, von dem er nicht wußte, wie und wozu es in seinen Besitz gekommen war. Egal. Wichtig einzig: noch ein Buch. Künstliche Wesen. Die Sonne schien. Freiburg im Breisgau lag schon im Frühling, und das vereiste Berlin weitab. Eine nächtliche Transitfahrt, drei Blenden und zwölf Grad Celsius. Er hatte, wie seine Gewohnheit, von hinten her in das Buch hineingelesen und sich dabei den Bauch wärmen lassen. Daraufhin war ihm hungrig geworden. Im Garten des Brauhauses fand sich ein halbbeschienener, ruhiger Tisch. Im Essen noch begann er das Buch von vorn und las. Es wird von Maschinen sehr einfacher Bauart die Rede sein, so einfach, daß sie vom Standpunkt der mechanischen oder elektronischen Technik kaum als sehr aufregend empfunden werden können. Das Interessante an den Spielautos oder ‚Vehikeln‘ entsteht erst, wenn wir sie mit denselben Augen betrachten, mit denen wir einen Stall lebendiger Tiere betrachten würden: wenn wir sie sozusagen als Wesen begreifen.¹ Dann tauchte eine italienische Reisegruppe auf und feierte, bereits bei Ankunft unwesentlich berauscht, vorgezognes Oktoberfest. Er verzog sich. Einige Jahre später, Berlin immer noch kalt, Freiburg schon wieder sonnig, er erneut zu Besuch, stellte er fest, daß der Autor der kybernetischen Vehikel zu einem Vortrag in der Stadt war. Hatte das Buch zwar nie zu Ende gelesen, viel zu viel war, damals, in Freiburg noch dazwischen gekommen. Zwischen ihn und das Buch, die Vehikel und die Wesen. Das Leben eben. Die zwei langjährigen Assistenzärzte hinter ihm flüsterten sich Dinge zu. Daß der Vortragende wohl auch Anwärter. Unter der werten Kollegenschaft, im Saal versammelt, der eine und andere bittere Konkorrent um den Posten, den es, da das Hirnzentrum im frühen Planungsstadium, eigentlich noch gar nicht gäbe. Daß die aber sicher freundlich den Mund halten, wer aber, in der Diskussion gleich, aufstehe, um das eine oder andere anzumerken, durchaus von dem ein oder anderen vorgeschickt. Allzu durchschaubar, gewollt. Haifischbecken eben. Der vorn aber, in seiner Provokation der jargonlosen Einfachheit, durchaus mitunter auch vorgeblich, eben auch kein Zierfisch. Der des Jargons Kundige braucht nicht zu sagen, was er denkt, nicht einmal recht es zu denken: Das nimmt der Jargon ihm ab und entwertet den Gedanken.² Von all dem, wie von weiten Teilen des Vortrags, verstand er nun wiederum nichts, ging aber tagsdrauf in eine Buchhandlung und kaufte sich das Buch noch einmal. Anschließend in die Spielwarenabteilung des Kaufhauses. Sodann auf sein Zimmer. Bausteine, Motoren, Sensoren, Kabel, Räder. Und das Buch. Es war, wie sich sehr viel später herausstellen sollte, der Tag, um den herum sich sein Leben drehte wie um die Achse. Wie sie sich diese Fahrzeuge vorstellen, ist gleichgültig. Sie sollten sich an eine Denkweise gewöhnen, bei der die materielle Ausführung einer Idee viel weniger bedeutet als die Idee selbst.³ In den nächsten Wochen las er sich, diesmal durchaus zielgerichtet, Seite um Seite langsam durch das Buch. Holte Nachschub aus der Spielwarenabteilung. Und Batterien und Kerzen. Der Teppichboden bald ein Schlachtfeld. Der Hotelportier mißtrauisch. Der Kollege von der Nachtschicht aber ein kollaborierender Verrückter, der außerdem, vom Speisesaalabraum, für seine Minimalverpflegung sorgte. Eines Tages, früher als geplant, er war erst bei Wesen 4a angelangt in seinen Konstruktionen, Beobachtungen und Versuchsanordnungen, hatten die Baukastenanschaffungen sein Budget zum Platzen gebracht, also machte er sich zechprellend auf und davon und nach Italien. Wegen seines inzwischen umfangreichen Gepäckes, die Wesen in Holzwolle und Schuhkartons verstaut, eine beschwerliche Reise. LKWfahrer seine größten Sponsoren. Und durchaus, während der Standzeiten, an den Vehikeln interessiert, denen er, im Standlicht der Camions, etwas Auslauf ließ. In San Michele in Teverina dann, zufällig, was Lage und Liegenschaft betraf, gestrandet, landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter auf Naturaltauschbasis. Nachts und an Regentagen schließlich die Vehikel. Eine bunte Sammlung inzwischen. So verging die Zeit. Spielautos. Macchinette. Mechanákia. Gioccattoli. Spielzeuge. Vehikel. Sensoren, Motoren. Leitungen. Hemmungen. Erregungen. Schwellenfilter. Im Dorf nannten sie ihn längst »er professò«. Und klopften sich an den Kopf. Nachbar Natalino hatte das eine und andere mitbekommen und natürlich nicht geschwiegen. Schließlich hatte er festgestellt, daß es richtig nicht Wesen der Gattung 4a sondern Wesen der Sorte 4a hieß, was ihm, in großen Schritten und augenblicklich, entgegenkam, da doch La sorte: Das Schicksal. Sie werden sich schwertun, sich die ganze Vielfalt des Verhaltens vorzustellen, das Wesen der Sorte 4a an den Tag legen.⁴ Eines Tages fand man drei verendete Ziegen. Zwei Wochen drauf einige Schafe. Dann verschwand die alte Frau, die in dem in der profanierten Dorfkirche untergebrachten dopolavoro frühmorgendlich für blanke Böden gesorgt hatte. Keine gute Zeit für bereits verrufene Fremde, auch wenn sie seit zwei Jahren in der Gegend wohnten. Er hatte sich halsüberkopf aufgemacht. War nach Rom hineingefahren. Und in Roma Stazione Termini gelandet. Für den Rest seines Lebens. Wir haben uns in Sicherheit gebracht, sagt einer. Das interessiert mich nicht, ich hab auf eine ordentliche Flucht gehofft, wegen der Sicherheit bin ich nicht gerannt, sagt der andere, das hat keinen Sinn, eine Flucht ist etwas anderes.⁵ Er war in den dunkleren Ecken des Bahnhofs untergekommen. Irgendwann kannte man ihn, er war der, der einen Karton hinter sich herzog, er war der, der aus diesem Karton eine Reihe kleiner Maschinen holte, Spielzeugautos gleich, halbarchäologische Legogebilde, die ihre Runden drehten auf dem verdreckten Boden der Bahnhofshalle, meist in ihren abgelegeneren Teilen, manchmal aber durchaus zu Ausflügen quer durchs Gelände und die Menschenmassen sich aufmachten unter dem gerippten Schalentragwerk aus der Zeit des Faschismus, und dabei meist, oh Wunder, unbeschädigt blieben. So wurde er im Lauf der Zeit ein Teil des Bahnhofes, seine macchinette ebenso, und sie waren es schließlich, die für ihren und seinen Unterhalt sorgten, nachdem er ihnen leere Konservenbüchsen auf den Rücken geklebt hatte. Eines Tages, endlich, lernte er den alten Mann kennen, den er bereits an seinem ersten Tag im Bahnhof gesehen hatte, seither tagtäglich, sie waren aneinander vorbei und sich nicht ins Gehege, der andere, wie er wußte, inzwischen, seit von Anbeginn an Bewohner, Roma Stazione Termini ab 1937 gebaut, der alte Mann damals fluchtartig von seinem Arbeitsplatz an der Seite eines gewissen Cerlettis verschwunden. Und seither hier. Seit 1938, eigentlich, sagte der alte Mann. Auch wenn da noch etwas Militär und Krieg waren, und dann ein paar Jahre in einem Büro, irgendwann, und das Jahr in einem Hotel in der Schweiz, aber, eigentlich, seit 1938, Dezember, um genau zu sein. Wegen eines einzigen Reisenden, sagte der alte Mann. Salvatore Emeri, 39 Jahre, Maschinist, wohnhaft in Mailand, auf dem Bahnhof Roma Stazione Termini verhaftet, weil er ohne Fahrkarte kurz vor der Abfahrt in Zügen umherlief. Er scheint nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu sein, hatte der Kommissar geschrieben, sagte der alte Mann.⁶ Mit Wesen 4 war es dann auch schon gut. Denn mit Wesen 5 (Logik) hatte er, sobald eigentlich die Reihe an ihm gewesen wäre, sofort seine Schwierigkeiten gehabt. Und aufgegeben. Abgebrochen. Auf später verschoben. Diese Kreaturen, wird er sagen, bedenken ihre Entscheidungen.⁷ Dieses Später war nicht mehr gekommen, bisher. Und so standen ihm die Wesen 5 bis 14 als reines Andermal vor Augen. Und Wesen 1 bis 4a zur Seite. Über 4b, immerwährend in Bau und nie vollendet, bis auf eine Handvoll Testläufe auch nie in freie Wildbahn gesetzt, wollte er den Rest seiner Tage nachdenken. Vielleicht ist das nicht das schlechteste Kriterium, um die Existenz eines freien Willens zu behaupten.⁸ Unter Verwendung (kursiv) von
Valentin Braitenberg. Künstliche Wesen. Verhalten kybernetischer Vehikel. Braunschweig; Wiesbaden: Vieweg, 1986 (1,3,4,7,8) Theodor W. Adorno. Jargon der Eigentlichkeit. Zur Deutschen Ideologie. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1964. (2) Kurt Lanthaler. Roma Stazione Termini. in: Weißwein und Aspirin. Hirnrissige Geschichten. Zürich, Diogenes Tb, 2002. (6) Kurt Lanthaler. coglione! Romanfragment, 1981-1985. Wien, Wespennest 58, 1985. (5) (Annotate. AkuteZustaende. 03/01/2012)
Das Schöne aber an der Sache ist: Schön ist daran so gut wie gar nichts. Auf den ersten Blick nicht, auf den zweiten noch weniger, und, gäbe es so etwas wie den Letzten Blick ... Nun, wir wollten ihn nicht wirklich tun. Auf das Schöne schon gar nicht, ich bitt'Sie. Also, was ist: Kaufen Sie?« Wie das eben so kommt, an einem warmen Frühherbsttag, die Welt aus dem Urlaub längst wieder zurück in der Welt, also am Arbeitsplatz, und du wieder am Nichtstun (und vom Nichtstun bräuchte es zwar auch einen Urlaub, gibt es aber keinen) und so, also nichtstuend, querst du den Platz, an dessen einen Seite die Museen, an dessen anderen Seite die Einkaufsstraßen alles zu bieten haben, was schön und gut ist. Sagt man. Anfänglich hatte ich auf der Sitzbank einer Bushaltestelle am Platzrand gesessen und in einer dieser Gratiszeitungen gelesen. Im Wartehäuschen einer Bushaltestelle geriet am frühen Montagmorgen ein Mann in Brand. Es handelt sich um einen Nichtraucher. Daraufhin war ich aufgestanden, hatte mir eine angezündet, und war losgegangen, auf die Platzmitte zu. Und dabei war er mir ins Auge gefallen. Er stand stumm da, drehte sich langsam um sich selbst, eine Art Radnabe inmitten des Platzes, vor dem breiten Brustkorb ein Koffer, mit Gurten so am Körper befestigt, daß er waagrecht von seinem Bauch abstand. »Kommen Sie!«, rief er. Drei solcher Brustvorbautentypen hatte ich in meinem Leben schon gesehen. Der eine trug nichts als eine Art Frühstückstablett vor sich her, auf dem, es war in meiner Kindheit, irgendwelche gummigzotteligen Fabelwesen wie wild herumsprangen, angetrieben von einer unsichtbaren inneren, nun, ich dachte damals: Wut. Und ging weiter. Dann kamen die Herren in Uniform im nächtlichen Korridorzug durch den deutschen Osten. Aktenkoffer vorm Bauch, kaum unterarmbreit, aufgeklappt, so daß so etwas wie ein mobiler, bauchladiger Amtsschreibtisch entstand, wobei der offenstehende Aktenkofferdeckel jeden Zublick verhinderte, mein Reisepaß also im Nirwana, weil dahinter, verschwand, um dann, nach geduldigem Geblättere, währenddessen Zeit war, sich nach Mitgeführtem zu erkundigen, also »Waffen, Sprengstoff, Drogen?«, was mich etwas ratlos ließ, da ich mir das in dieser Reihenfolge noch nicht überlegt hatte, um dann, der Paß, ratsch-ratsch, einen Durchreise-Eintritts-Stempel abzubekommen. Sodann, vor kurzem, der Würstlgriller. Kleiner Koffer wiederum, Deckel diesmal, aus gutem Grunde, brustseitig aufgeklappt, wenn auch nicht ganz: am Kofferboden glühte Asche, der Deckel heizte von oben schräg aufs Grillgut. Im Hüfthalfter Servietten, Senf, Ketschup und Kasse. Und nun der hier. Mit verschlossnem Koffer. Ich hatte ihn gefragt, was er denn da: Schönes verkaufe? »Das werden Sie sehen, sobald Sie es gekauft haben.« »Schön und gut«, sagte ich, »aber ist das nicht, unter Umständen, etwas spät?« Worauf er, wie gesagt, aufs Schöne zu sprechen kam. Um dann aufs Gute zu kommen. »Und gut gibts schon mal gar nicht, mein Lieber. Also?« »Besser spät als gar nicht«, sagte ich. »Ich nehm zwei.« Kessels Chorta ![]() Ein Gutes hat der neue Arbeitsplatz, von dem ansonsten nur zu sagen ist, daß es ein Arbeitsplatz ist, und neu ist daran auch nicht viel. Ein Gutes hat der neue Arbeitsplatz auf jeden Fall: er kennt sich seitdem aus am Flughafen. Und man kennt ihn. Nicht daß er Flughäfen liebte. Hat sich, und ist fast fünfzig Jahre alt geworden damit und hat auf drei Kontinenten gearbeitet, er hat sich bis jetzt erfolgreich dagegen gewehrt, in so einen Flieger zu steigen und selbst zum Flieger zu werden. Eine Frage des Gefühls mehr noch als eine Frage der Geschwindigkeit. War durchgekommen damit, meistens. Dann nehmen Sie eben den Dampfer, verehrter Meister, Oberdeck. Wem das zu langsam gegangen wäre, dem wäre er selbst mit Sicherheit auch zu langsam gewesen. Dreimal war es soweit gekommen, er hatte eine Postkarte geschickt. Sorry. Beim letzten Mal hatten sie es mit einem Messer der Messerschmiede Aoki des Meister Doi versucht. Er hatte es behalten: höchste Kunst. Und ihnen die runde Million Yen angewiesen, achttausend Euro. Sorry. Das Geld war wieder zurück überwiesen geworden. Wir erlauben uns, bei Gelegenheit wieder auf Sie zuzukommen, best wishes. Er hatte die Yen noch einmal übers Wasser geschickt. Kommentarlos. Daraufhin hatten sie kapituliert. Und ungefähr zeitgleich gings Gerede im Gewerbe. Er hat kapituliert. War abzusehen. Weltfern. Irgendwie dann doch auch ein Sonderling. Und das ist was anderes, als unserseins, die wir nur leicht extrovertiert sind. Wofür wir nichts können, weils eine Berufskrankheit ist und von uns verlangt wird. Und reden wir nicht von denen, dies im Fernsehen treiben. Aber. Aber was der sich. So wie der. Muß auch nicht. Und außerdem. Die langfristigen Kredite. Hat man ja alles, so wenig man auch hinhört, im Ohr. Bis man sich aus dem Staub macht. Und am Flughafen landet. Zweite Ebene. Mövendingsda. Grillplatte. Fleisch warm machen in zwei Schichten. Nix mehr dran zu tun. Portionsweise abgepackt samt Geschmacksverstärkern und Weichmachern. Sekundentakt. Blatt Salat beilegen. Und auf die Pass. Dazu kleine Absteige im Kreis Fünf, zwei Stockwerke über einem italienischem Gemüsehändler, der noch nicht mitbekommen hat, daß das Loch, das er mit seinem sturen Laden in die Haushaltskasse reißt, seit mindestens fünf Jahren durch die kleinen Nebengeschäfte seines Sohnes geflickt wird. Die Zeit zwischen den Schichten auf Spaziergang den Hang hinauf. Einfach drauflos bis in die Dunkelheit hinein. Den Grillplattengeschmack aus dem Körper bekommen. Und dann irgendwie wieder retour. Torkelnd, als ob besoffen. Dabei sturznüchtern. Wie selten noch. Nase in Wind, Mund sperrangelweit auf, Durchzug. Und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Ein Gutes hat der neue Arbeitsplatz, von dem ansonsten nur zu sagen ist, daß es ein Arbeitsplatz ist, und neu ist daran auch nicht viel. Ein Gutes hat der neue Arbeitsplatz auf jeden Fall: er kennt sich seitdem aus am Flughafen. - Kessel, Sie wissen, daß Ihnen ein Strafverfahren bevorsteht? - Weiß ich. - Heikle Sache. Amtsanmaßung, Erschleichung, und unter Umständen Mißbräuchliches Tragen Staatlicher Hoheitszeichen. - Nur weil ich mir eine Jacke ausgeliehen und ein paar Taschen kontrolliert habe. EU-Einreise-Zollkontrolle. Was ist das schon. - Eben. Zollkontrolle. Aber Sie sind Koch. - War ich. Ist lange her. Heut bin ich Fleischverbrenner. Aus freien Stücken. - Auf Ebene zwei. - Ja. - Wir haben eben die Analysen reinbekommen. - Ja. - Und jetzt begreif ich gar nichts mehr. - Weil? - Na ja. Das Zeug ist ganz gewöhnliches Unkraut. Keine Halluzinogene, keine wie auch immer gearteten Wirkstoffe. Also nichts, was auf dem Index steht. Wieso haben sie die Koffer dann nach dem Kraut abgesucht? Und es, wie sagen, beiseite gebracht? - Das Zeug heißt Chorta. Deswegen. - Und? - Chorta schmeckt einzigartig. - Und kommt aus Griechenland. Alle Koffer kamen daher. Man könnte sagen, sie hatten es auf den Flug aus Saloniki abgesehen. - Feiertagsreiseverkehr. Jeder richtige Grieche, also jeder fünfte, hat ein Kilo, also eine Plastiktüte voll, davon im Koffer. - Das ist kein Verbrechen. - Doch. Chorta schmeckt einzigartig. Und mir war danach. Nach diesem einzigartigen Geschmack. Der alles aufhebt. Einfach, wie er ist. - Sie können es nicht wissen, aber: Ich bin ein passionierter Hobbykoch. - Und? - Ich kenne Ihre Vergangenheit. - Dabei sind Sie wohl eher für meine nähere Zukunft zuständig. - Und wie sollte die aussehen? - Naja. Ein einfacher Herd, irgendwo. Ein Topf. Etwas Wasser. Olivenöl. Weinessig. Salz. Pfeffer. Und … - Und? - Chorta. - Gehen wir. - In den Knast. - Zu mir. Im Knast essen mir zu viele mit. |
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Die Geschichte mit dem Elefanten und der Elefant, um den es geht, war in mehrfacher Hinsicht ein Unikat. Zum einen besaß der Elefant keinen Namen. Was damit zusammenhängen mag, daß er unter der Brücke hauste, jedem aus dem Weg ging, auf Fragen, der nach dem Weg zur nächsten Tankstelle etwa, höchstens etwas mürrisch mit dem Rüssel wackelte, und ansonsten tat, als ginge ihn alles nichts an. Die Brücke, unter der der Elefant hauste, stand in einer Gegend am Rande der Stadt, in der vor dreißig Jahren noch die Ziegen das Kommando über gehabt hatten; dann aber war die Stadt zur Großstadt gewachsen wie eine Eiterbeule bei achtzig Grad im Bratofen, Lagerhallen, Garagen, Häuser, und, zwischen ihnen, die Stadtautobahnen auf ihren Stelzen, und die schattigen, wenn auch menschenvergessenen Ecken darunter, dunkle Flecken, an die sich kaum einer traute, nachts schon gar nicht, ans Nichts verlorene Landschaften, tagsüber derart betonheiß, daß die Schweißtropfen zischend verdampften. Hier, unter einer dieser Brücken, hatte sich also eines vergangenen Tages der Elefant niedergelassen, wortlos, und unbeobachtet. Die ersten, die ihn im sommerbrütendheißen Schatten leise schaukelnd stehen sahen, trauten ihren Augen nicht, wischten sich den Schweiß von der Stirn und schüttelten den Kopf. Unmöglich. Punkt. Bei der nächsten Vorüberfahrt dann stand er immer noch da. Es hatte in diesen Tagen aber ein junger Bulgare eine Geschäftsidee auf die Füße gestellt: Er erntete, zusammen mit vier seiner bulgarischen Cousins, auf den Feldern der Bauern in der Nähe der Stadt, noch in den Nachtstunden, was auf deren Feldern wuchs; also Pfirsiche, Wassermelonen, Zuckermelonen. Fuhr sie mit seinem uralten bulgarischen LKW in den allerersten Minuten der Dämmerung an den Rand der Stadt, wo dann die nächtliche Tagesernte auf die offene Ladefläche genauso klapprige Transporter verladen wurde, jeder der Transporter zudem mit einem weiteren Cousin und dessen Kindern oder Frauen sowie einem Megafon bestückt und also bestens vorbereitet für den ambulanten Straßenverkauf in den kochenden Straßen der Stadt. Nächtens dann trafen sie sich wieder unter der Brücke am Rande der Stadt, schaufelten das zugrunde gegangene Obst von der Ladefläche und versuchten, drei Stunden Schlaf zu bekommen, bevor der neue Tag und das neue Geschäft wieder anging. Der Elefant aber tat sich an den Obstabfällen seiner neuen Nachbarn gemütlich, und ab und an schleuderte er Wassermelonen gegen den Brückenpfeiler und sammelte die Brocken ein. Einen Teil des Obstes allerdings schob er regelmäßig zur Seite, ließ es einen Tag in der Hitze liegen und machte sich dann über die vergorenen Fruchtzucker her. Am 14. August aber war der Elefant verschwunden. (Man traf sich dann, Obstbulgaren und Elefant, am 15. August oben auf Panagia Soumela, bei der Heiligen Muttergottes der reisenden Balkanen, hundert Kilometer westlich von Thessaloniki; und feierte bis tief in die Nacht.) |
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Was hast, Tschenett, was bitte ist das denn für ein Gesicht, mit dem du da herumläufst? Gegen ein kirchliches Bauwerk gelaufen? ..., ach lassen wir das. Was soll mit meinem Gesicht sein?, sagt Tschenett. Und wen interessierts? Nun, sag ich, mich. Dich, sagt Tschenett. Als ob du wer wärst. Stranulato, sage ich. So schaust drein. Wie schau ich drein?, sagt Tschenett, lange Zeit später. Sags nicht. Ich wills gar nicht wissen. Ich weiß es. Ich glaub nämlich, mir hat geträumt. Nicht du auch noch, sag ich, ich bitt dich, in diesen Obamazeiten. Ach die, ach der. Sagt Tschenett. Die sollen erst einmal die SIAE und also Vergügungssteuer zahlen für die tausende Stunden, wo sie Gefesselten in Guantanamo ungefragt und tuttociodo AC/DC, Aerosmith, Bee Gees, Springsteen, Dr. Dre, Eminem, Hed P. E., James Taylor, Limp Bizkit, Meat Loaf, Neil Diamond, Nine Inch Nails, Prince, Queen, Rage Against the Machine, Red Hot Chili Peppers vorgespielt haben. (Und Britney Spears sowie Christina Aguilera.) Geträumt, sag ich. Dir. Eben. Sagt Tschenett. Mir träumte, wir hätten ein Schiff voller Kühe geschmuggelt. Also: Der Frachter, ein langes Ding von siebzig Metern, aus Varna in Bulgarien kommend, schleicht sich nächtens ins Küstengewässer. Am Steuer mein alter Freund Pietrin Pittaluga. Ein Genoveser und ein richtiger Hund mit diesen Frachtern. Stell dir vor, der fährt da ungebremst Richtung Land an, wirft dann plötzlich Anker, läßt dem Anker nach und nach Kette und, Maschine voraus, Maschine zurück, der Frachter gleitet auf die mondnächtliche Küste zu wie Zucker, und im Spiel zwischen Maschine und Anker schafft es der Pietrin Pittaluga, dieser alte Hund, Kiel und Frachter butterweich ins Seichte zu setzen. Der Trick dabei, ich hab das oft genug erlebt mit ihm: Sobald das Schmuggelgut von Bord ist, wird er die Ankerwinde arbeiten lassen: und zieht sich und Frachter damit wieder ins offne Meer. Ein wilder Hund. Sind wir also da, wo der Pietrin uns haben wollte: So nah am Strand wie man sichs nur wünschen kann, es fehlen vielleicht fünfzig Meter aufs Trockne. Unweit Capalbio Scalo. Bis hierher ist der Traum ganz in Ordnung. Ich kenn diesen Pietrin Pittaluga, ich kenne seine Seemannstricks. Und Kühe hab ich auch schon gesehen, früher. Aber bulgarische Kühe durch die Luke ins Wasser treiben? Sie stellen sich dumm. Wir kommen ihnen mit Stöcken. Nichts. Stromstößen. Dann springen sie. Da schäumt das Wasser auf. Sie schwimmen, endlich, an Land, wir links und rechts von ihnen, Schwimmkuhhirten. Da stehen dann die Viehtransporter. Wir laden auf. Haben unseres getan, und sind sie endlich los. Na dann, sag ich, ist ja gut mit dem Traum. Gut?, sagt Tschenett. Als ob heut noch einer Kühe schmuggeln würde. Aber das ist nicht wirklich das Problem. Welches dann?, sag ich. Ich weiß nicht mehr, warens magere oder fette. Sagt Tschenett. Und weil er verstummt und eine ganze Zeit lang glasig ins Nichts schaut, sag ich: Was ist? Ich zähl grad. Sagt Tschenett. Ich zähl grad die Küh. Und? Neunundvierzig. Sagt Tschenett. Sieben mal sieben. (Annotate.
Kürzestgeschichten. 12/03/10)
Zukunft? Ich bitt Sie!, bitterschön, ich mein: Warum nur sieht alles, was Zukunft sein sollt, so nach Vergangenheit aus? Mir zumal. Könnten Sie mir das vielleicht sagen, am besten gleich?« Es war eine mir unbekannte Stimme, draußen vorm Fenster wars über Nacht schlagartig bitterkalt geworden, ich hatte vergessen, das Telefon auszustöpseln und, schlimmer noch, reflexartig zum Hörer gegriffen, als es klingelte. (...) Zudem der Kaffee längst nur noch lauwarm, weil die Zigarette aufm Balkon sich länger hingezogen wegen eines sturmverworfenen Topfbaums, der wieder gradzustellen, was zu einem zerbröselnden Untersetzer... Dermaßen ein Sautag also, daß mir Vergangenheit wie Zukunft längst schnurzegal, ernüchtert wie ich war von der Gegenwart. Ich wär, hätt ichs gemußt, nicht mehr aus dem Haus gegangen an dem Tag; da ein Ausritt aber von Haus aus nicht im Programm, blieben nur mehr wenige Möglichkeiten, die Welt und ihre Unbillen abzustrafen. Also sagte ich: »Wie bitte?« Lange Pause. Und, wenn ichs richtig verortete durch die Leitung, ein linker Lungenflügel, der leis und durchaus nicht unmelodisch vor sich hinpfiff, synkopisch. »Warum nur«, sagte die fremde Stimme schließlich, »sieht alles, was Zukunft sein sollt, so nach Vergangenheit aus?« Vielleicht habe ja irgendwer die Schraube verkehrtrum hineingedreht in die Welt, antwortete ich und las die neuesten Meldungen aus dem LHC vom Monitor ab. (Es ist dies mein täglich erstes Brot. Sehn, ob die Welt noch steht und wie es ihr geht. Der Blick in die Entdeckungsmaschine Teilchen- beschleuniger. Seit dem Tag, an dem ich den Leichtmatrosen Laik aus Leuk zum Käptn und mitsamt seinem Schiff via Wurmlochfontäne auf den Ütliberg - naja, ich will nicht anmaßend sein; also nicht: gebeamt, sondern: - befördert hatte. Um mir im Gegenzug am Röntgenplatz einen blauen, von groß zu größer werdenden Zeh zu holen. Das klingt jetzt absurd, ich weiß, ist aber pure Physik.) Preparing for stable beam to GLM. Transmission seems pretty good, now moving onto burning some paper. Gute Nachrichten, dachte ich. Da wirds dem Kaffee gleich wärmer ums schwarze Herz. Und war prompt bessrer Dinge. Also erlaubte ich mir, die Leitung stand, die Lunge pfiff noch, höflich bei der Fernsprechgegenstelle nachzufragen, wer denn da überhaupts sei, am andren Ende. »Wer ist da, wer war da, wer wird da sein?«, sagte die Stimme daraufhin. »Geben Sie mir die Antwort gestern.« Ich bedankte mich und legte auf. Der Tag endete dann, später, mit Friede, Freude, sowie Eierkuchen. Paper burning done, very nice beam spot, in the middle. That concludes this session of stable beaming. (Annotate.
Kürzestgeschichten. 09/11/09)
Das Geschrei des Buches der Tatjana Wpunkt war noch die ganze Nacht über zu hören. In einem ansonsten ab abends elf totstillem Viertel. Es war ein Dienstagabend gewesen. Denn Mittwoch ist Altpapierabholungs- tag, und die Bewohner dieser Stadt in den Bergen und am See pflegen, auf durchaus präzise sowie strafbewehrte Anleitung der Verwaltung hin ihre Altzeitungen fein säuberlich zu falten, sodann Stoß auf Stoß zu legen (im Falle eines sich unerwartet höher aufstockenden Stapels spätestens zur Hälfte hin um hundertachtzig Grad verdreht; aber wer liest schon so viel? Ungezügelte Personen, die es folglich auch mit dem Stapelbau nicht so genau nehmen werden. Ihre Schande, aber wir greifen vor, ist morgens vor ihrer Tür abzulesen), um schlußendlich, gemäß Teil eins und zwei, aber unter gröblicher Mißachtung von § 3 der Befehlsausgabe Papier gebündelt und verschnürt am Sammeltag vor 7 Uhr am Straßenrand bereitstellen unter Einsatz des in allen Supermärkten erhältlichen Recyklingspagats (bunt) ordnungsgemäß zu verschnüren sowie häufig, soweit verlottern die Sitten selbst hier, bereits am Vorabend vors Haus zu stellen. So landete dann auch das Buch der Tatjana Wpunkt am Trottoir. Verschnürt und verfrüht. (Zudem völlig unberechtigterweise. In den Vorschriften war nur von Zeitungen, Zeitschriften und Couverts die Rede. Wahr ist aber auch, daß nur Windeln und ähnliches ausdrücklich verboten, und Bücher, was ist das?, unerwähnt.) Das Buch der Tatjana Wpunkt war eines aus der Reihe Tiergeschichten für Backfische, Tatjana Wpunkt dem Alter aber wohl schon entwachsen, was allerdings nicht überprüft wurde. Obwohl es möglich gewesen wäre. Tatjana Wpunkt hatte nämlich Vornamen Namen Adresse Handynummer auf die drei beschreibbaren Schnittseiten ihres Buches gemalt. Groß und schwarz. So daß nun, da das Buch schreiend am Trottoir lag (zudem bereits abends acht statt morgens sechuhrfünfundfünfzig), man sie hätte durchaus zur Raison rufen können. Und um Erbarmen flehen für das Buch. Da aber zweiteres wohl unweigerlich wie ersteres ausgesehen hätte, unterblieb jede Anrufung. Ebenso die Selbstmitnahme resp. Befreiung des Buches, die ein Entschnüren des Paketes erfordert hätte, was, auch ohne Kenntnis der entsprechenden Paragraphen, alles Setzung eines ungesetzlichen Aktes zu unterlassen war. Eine Aporie. In der einzig der Titel einer frühen Gedichtsammlung des Adolf Endler Trost zu spenden vermochte. Und also flugs dem armen Buch zugeraunt zur Nacht: »Erwacht ohne Furcht«. Es half nichts. Das Geschrei des Buches der Tatjana Wpunkt war noch die ganze Nacht über zu hören. Tags darauf verstarb, ach!: ging von uns der Tarzan am Prenzlauer Berg, Adolf Endler, einer, der sein Leben lang hart gearbeitet, also: geschrieben hat. Und kein Buch vor die Tür gesetzt. (Annotate.
Kürzestgeschichten. 15/09/09) Pizzini Dreizehn Kürzestgeschichten. Für Franz Pichler. i Modulation in f franzp. pfranz. fpranz. pranzf. farpzn. fanrpz. prafnz. zranpf. pranfz. prazfn. arznpf. frapzn. frapanz. pafranz. iv Spadolins Kunst War er noch Regierungschef oder bereits der über Benitos Knobelbecher gestolperte Verteidigungsminister? Wenngleich: Spadolin in schmucker Paradeuniform: Das ja wohl ist Kunst am KörperBau. Er war jedenfalls. War da gewesen. Es hat aber, und es wird, nie jemals jemand erfahren. Selbigen Tages, das allerdings ist gewiß und belegt, kamen zwei Männer in die Stadt, entstiegen dem Zug, nur um umzusteigen. Und hatten festzustellen, daß kein weiterer Zug weiterführe; ob dem generellen oder einem spezielleren Durcheinander zu verdanken, Staatsstreich oder Streik oder simples Kataklisma, war weiter nicht auszumachen, gar auf die Schnelle nicht, und außerdem eh schetzko. Hatten sie doch tagsdraufs sich wieder in der Stadt einzufinden, in der sie heute ursprünglich eigentlich nichts als umzusteigen, nunmehr aber, wegen mangelnder weiterführender Möglichkeiten, zu verbleiben hatten. Es ging also, natürlicher Rückzugsort, in den Buko. Der Rest würde, war man, sich finden. Um einiges später dann, nach dem anderen Glas, fand sich zudem die Überlegung ein, man könne genausogut heutnächtens wie, eigentlich verabredet, morgenvormittagens sich ans Pissoir aufmachen, und gleich mit der Arbeit beginnen. Kunst bleibt Kunst ist Kunst. E vaffanculo. So wurde dann auch vergangen. Und als sich, am Pissoir am Fluß angekommen, darin der Spadolin vorfand, den die ihn wie seine Reise geheimhaltenden Dienste seit Stunden, wenngleich ohne Ergebnis, frenetisch suchten, der damit also auch den Honoratioren der Stadt abhanden, die an der Vittoria auf ihn gewartet, von ihm, das ja, seit Jahren allerhand gewohnt, auch Verschwinden, wenn auch, noch nie, so gänzlich und dermaßen auf Dauer: So denn dann begann die Kunst im am Pissoir früher als geplant, Dank Spadolin und Din und Don. Und dem Nachschub aus dem Buko. v Die Krise des Alphabets Was ist mir, sagte er, um das Alphabet der Krise. Angesichts der Krise des Alphabets. Und schnitzte sich einen Buchstaben. Legte ihn zu den anderen. Und wußte: Im nächsten Winter dann würde er sie wieder alle, in extremis, verbrennen. ix Über das Steigen in der Eiswand und das Gehen am Grad ist nichts zu sagen. Zu singen dabei aber wär: A sera quanno 'o sole se nne trase e dà 'a cunzegna a luna p' 'a nuttata lle dice dinto 'a recchia - I' vaco 'a casa: t'arraccumanno tutt' 'e nnammurate xiv Goldfishs siebzehnte reise um die halbe welt Hoert sich, sagte Goldfish, nicht dir das sich an wie ein gedicht: ? Das rauschen da, im linken ohr vor dem der fischarzt warnte Das anschwoll, ab, dann wieder an sich schlieszlich doch erbarmte (und keiner sonst, nur dieses rauschen) Koennt man das fuern reim eintauschen der oehrlings dich umarmte - schon waer das spiel getan Des tags wars Goldfish ganz aural Goldfish war sich buckelwal (...) | ![]() eben erschienen: Franz Pichler. Bildhauer. Monographie. Arunda 76. 2009. 186 Seiten ISBN 978-3-7066-2456-5 |
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Ein Blick in die Welt verschafft ja durchaus, wenn auch nicht immer, Einblick. Und ab und an sind es die sogenannten Kleinen Dinge (die sich selbst wohl nur äußerst ungern als solche bezeichnen würden; für heut aber müssen sie es eben dulden), an denen sich das eine oder andere ablesen läßt. Ob man sich dann darauf auch einen Reim bilden kann, ist eine andere Frage. Die wäre dem Lyriker zu stellen. Es hat irgendwann begonnen, unauffällig; in der Folge dann hat es sich peu à peu in dieser Stadt ausgebreitet wie (und hier wäre eigentlich ein Vergleich aus der Medizin am Platz, Abteilung eklige Infektionen, Unterabteilung: Zweitsemester erschrecken bzw. aktuelle deutsche Bestsellerlisten, wir lassen den Vergleich aber an seinem Platz und sagen lieber:) ausgebreitet wie ein Ölfleck. Nun ist allein die Anzahl der Frisörläden, die es in dieser Stadt gibt, verwunderlich. Und ist einem das erst einmal ins Auge gestochen, notiert man, durch die Stadt wandernd, mit und addiert es sich auf. Sieht, im Vorübergehn, hinein und stellt fest: Da sitzen tatsächlich auch welche, immer. Unsereins kannte das noch anders, vom Dorffrisör. Der war im Schwarzen Adler abzuholen. Und falls man zu jung dazu war, hatte man eben in seinem Laden auf seine Rückkunft zu warten. Konnte dauern. Man hätte, angesichts des leicht erregbaren Meisters Schnittechnik am jugendlichen Kopf - einmal über die Welt schimpfend quer drüber mit der Maschine - sich in der Schwarzadlerzeit auch ruhig selbst echauffieren sowie coiffieren können, dann aufkehren, das Geld abgezählt hinlegen, und gehen. Tat man aber nicht. Seither hat man ein Auge aufs Gewerbe. Und stellt fest: Sie werden von Tag zu Tag vorwitziger, diese Frisöre. Und heißen etwa nicht mehr Salon Susi oder Coiffeur Charlie, sondern (und sowas kann man sich auf einem mittellangen Spaziergang durch die Stadt einsammeln): Spitzenbetrieb. Hauptsache. Schnittpunkt. Methaarmorphosen. Kopfgeldjäger. Kaiserschnitt. Freischneiderloge. Aufschnitt. Zuschnitt. Scherenschnitt. Kopfsache. ChicSaal. Fairschnitt. Haarmonie. Haarlekin. Hairgerichtet. Haar und Zimmermann. Wellkamm. Für Wortspielereien, hatte man eigentlich gedacht, sei der Dichter zuständig. Und hoffentlich glücklicher darin. Dann aber rief gestern ein Bekannter an: Sein Freund mache sich jetzt dann doch, endlich durchgerungen, gerade in Zeiten wie diesen, also: selbstständig. Geschäftslokal ist ins Auge gefaßt, Finanzierung dank einer Erbtante klar (bis auf eine kleine Bergtour in die Schweiz), fehlte nur noch: der Name. Und da habe man, du machst das doch von Berufs wegen, auch nicht immer ganz unwitzig, also, ... Ich dachte nur: Wenn du jetzt auf einem Nein behaarst, wird dir das haarscheinlich als verhairend lächaarliche Haaroganz ausgewaschenundlegt. (Annotate.
Kürzestgeschichten. 13/03/09)
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Dieser Tage also ging
ich durch ein flaches Tal, schreibt er, an einem Fluß gelegen. Und fand
mich unversehens im Nebel wieder. Und da es Winter war, war plötzlich
alles weißer noch als weiß. Unten, oben, linkszurseit, rechtsrüber.
Falls überhaupt etwas in der Landschaft stand, tauchte es erst im allerletzten Augenblick vor mir aus dem Weiß auf, wobei allerletzter Augenblick keine fünf Meter sind. Ein paar dürre Bäume, beispielsweise, es war ansonsten eine eher zivilisationsferne Gegend, durch die einzig und allein eine Autobahn führte, was für sich allein genommen wohl noch kein Ausweis von zivil, aber als ein Summen vor dem Eintritt in den Nebel noch zu hören gewesen war. Irgendwann dann, im Nachhinein meine ich: nach Ewigkeiten, die wohl keine vierzig Schritte lang gedauert haben können, standen drei schlanke Holzstümpfe vor mir auf (oder waren es zwei, vier?), gewissermaßen bis zu den Knien versunken im Schnee, behangen mit Reif. Und ich wußte es mir nicht zu deuten. Sah die Überbleibsel von Galgen. Ging weiter, drehte mich um, und fand sie nicht mehr. Und noch mehr Reif überall, allerfeinste Kristalle, die bis in den hintersten Lungenflügel zu rieseln schienen. Dann wurde es licht. Nicht daß der Nebel sich gehoben hätte. Er strahlte. Leuchtete auf, warm, als ob man in einem orangenem Zelt plötzlich säße mitten im Gehen. Der Reif golden. Der Atem auch. Ich blieb stehen. Da aber drehte sich die Welt und verschob sich das Licht und alles mit ihm, Schnee und Reif und Nebel und das Nichts. Ein dunkles Stahlblau stülpte sich langsam über uns, dem finstre Kälte folgte. Halleluja!, was, um G'swillen hast du jetzt wieder angestellt. Wofür fährst du da in die Hölle? Ich gestehe, schreibt er, daß mir genau das durch den Kopf ging. Nicht daß ich mir keiner Schuld bewußt gewesen wäre, ein paar davon trägt man immer mit sich herum, das leichte Reisegepäck eben, nur: hier, und jetzt, und so? In Nebel und Schnee und Reif und Nichts, ein sekundenschneller Weltuntergang, und gänzlich lautlos dazu auch noch? An diesem Punkt endlich, schreibt er, kam ich wieder zu Sinnen. Denn: Keine Abfahrt in die Hölle (wohl auch keine Auffahrt in den Himmel, aber davon versteht unsereins nicht allzuviel), kein Weltuntergang, nichts davon wird je ohne: Fanfaren, Flageolette, Flügelhörner, Fagotte, was weiß ich: stattfinden. Undenkbar. Und als ich in der folgenden Nacht fieberschweißig wach wurde, simpler Grippalinfekt, wie sich herausstellen sollte, stand mir endlich eine vernünftige Erklärung vor Augen. In Kurzfassung: Inversion, unten Nebel, drüber Sonne, vor die dann, doch, eine Wolke gezogen war. Was vorkommen soll. (Annotate.
Kürzestgeschichten. 17/01/09)
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die b-protokolle / #53 / 200409 ![]() Am kaelbermarkt reiszt eine kuh aus. sie fluechtet zuerst in die lampenabteilung eines moebel geschaeftes und hinterlaeszt dort einen scherbenhaufen. dann rennt sie, verfolgt von bauern und polizisten, in richtung stadtrand weiter (Annotate.
Kürzestgeschichten. 05/09/08)
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Das Hirn ist
ein soziales Organ, schrieb er. Ja, schrieb ich ihm zurück. Und eine Ricotta, so am Stück, natürlich nichts als ein redundant angebundener Zentralrechner. Daraufhin er: ... wenn du meinst. Und ich: Selbstverständlich. Die Geschichte mit dem Berliner Amtsgericht. Pasolinis Kreuzigung. Und der andere, der stolpernde Totò. Zum Beispiel. Drei Geschichten, die sich schneiden. Mitten in der Ricotta. Und wie gehen sie, die Geschichten?, schrieb er. Ein andermal, schrieb ich, verzeih. Mir ist der Hunger längst zu groß geworden. Zumal angesichts der traurigen Gewißheit, daß sich heute, auch im Umkreis einer Tagesreise, eine Ricotta, die den Namen wert ist, nicht auftreiben ließe. Wie wäre es stattdessen damit: Logarithmen, Aufgabe 20: Ein Staat mit weißer Bevölkerung gliedere sich farbige ein. Die farbige Gruppe betrage anfangs nur 0,1 vH der weißen Rasse. Welchen Hundertsatz machen die Farbigen nach 60, 120 und 180 Jahren aus, wenn die Geburtenstärke der weißen Familie 2,2 ist, die der farbigen Familie 4,8 und der Zeitabschnitt der weißen Geschlechter 30, der der farbigen Geschlechter 20 Jahre beträgt? (p bei der weißen Rasse 63, bei der farbigen 60.) ?, schrieb er zurück. Ist auch so eine Geschichte, schrieb ich, aus der eine Geschichte werden könnt. Habe in einem Antiquariat für einen Euro ein Buch erstanden, das (oramai è troppo tardi cantare miserere, sagte Rosalia gern) zu nichts nutze schien: Rechenbuch für den Unterricht in der Wehrmacht. Zweites Heft. Arithmetik und angewandtes bürgerliches Rechnen. 1938 (August, 13 Monate vor dem Überfall auf Polen). Im Vorwort stand: Die Aufgaben nationalpolitischen Inhalts sind auf den neuen Stand gebracht worden. Am linken Vorsatzblatt eine Signatur: Hildegard Bürger - Hagendorn, 17.X.41. Nun, Frau Bürger - Hagedorn hatte es auch nicht leicht, und, wiewohl bereits Krieg war, ganz andere Probleme. Die durchaus auch auf die Zeugungsrate durchzuschlagen drohten. Das wissen wir, weil sich in dem Buch ein leicht stockfleckiges, liniiertes, aus einem Spiralblock gerissenes Blatt (ehemals A5, untere Hälfte unsauber händisch abgetrennt) fand. Ich transkribiere Dir treulich den Text. Die Geschichte dazu ist erst noch zu schreiben. Bis dahin ... Liebe Hilde! Ich habe Dich mehrmals gebeten, etwas früher zu erscheinen, da ich nach der langen Zeitspanne einen großen Hunger habe. Ich halte das auf jeden Fall für unkameradschaftlich, aber wenn Du etwas vor hast, kannst Du es mir ja sagen, daß ich mir morgens 1 Paar Stullen mehr mitnehmen kann; und wenn Du es vorher nicht weißt, kannst Du mich doch anrufen, damit ich mir etwas Brot kaufen kann. So muß ich doch denken, Du kommst. Und wenn Du trotzdem nicht kommst, muß ich annehmen, daß Du es ungern tust. Dein Rudi (Annotate. Kürzestgeschichten.
17/11/08)
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Castelfeder Der
Hügel von Castelfeder hat von jeher seine eigene Geschichte. Es ist
einem, als wäre er immer schon gewesen. Was aber nicht sein kann, da er
vulkanischen Ursprungs ist, was uns, jenseits aller Sagen, belegt, dass
auch der Hügel von Castelfeder irgendwann einmal aus den Tiefen der
Erde aufstieg, ihnen entglitt, oder, wenn man so will: lauwarm
ausspuckt wurde. Weswegen der Hügel von Castelfeder und der Rote Platz
(Красная Площадь, Krasnaja Ploschtschad) in Moskau auch Cousins ersten
Grades sind. Aber das nur am Rande.
(...)Wer nun auf Castelfeder steht, der wird unwillkürlich ein leises Raunen hören. Wie fernab anrollendes Meer. Und es gibt, sagt man, durchaus auch Tage, wenn auch selten, an denen man, von Castelfeder aus nach Süden blickend, plötzlich, aus Richtung der bekannten Salurner Klause, das Meer ins Land ziehen sehen kann, mehr als doppelt kirchturmhoch, aber ansonsten recht friedlich. Es sollen, geht die Sage, sich an solchen Tagen immer wieder einige von Castelfeder aus jauchzend in die salzigen Fluten gestürzt haben; nur, um am nächsten Tag mit nassen Kleidern und wunden Knien vor ihrer Hofstatt aufgewacht zu sein. Müde, aber fröhlich, in ihrem Erinnern. In den umliegenden Dörfern nannte man sie verächtlich Die springenden Feltine von Fastelceder (was wohl eine Verballhornung sein mag.) Wenn aber wieder einmal der Etschdamm bricht und Millionen von apfeltragenden Dingern unter Wasser stehen, die in frühen Sagen noch Bäume genannt wurden, die reinsten Fabelwesen, von denen man sich erzählt, sie seien damals so hoch gewachsen wie ein Haus und man hätte ihnen mit einer einfüßigen Leiter, der sogenannten 27er-Loan, zu Leibe rücken müssen, wenn also wieder einmal der Etschdamm bricht, dann leuchtet nächtens auf Castelfeder ein Licht auf und flackert übers Tal. Und Apfelseelen steigen aus dem Wasser, fliegen ein paar Runden und lassen sich dann auf den Steinen der Burgruine auf Castelfeder nieder, um sich zu unterhalten. An ganz besonderen Tagen aber, wenn an Sommerabenden lau der Wind vom Berg herunterfällt, ist ein Saxophon zu hören. Und man sagt, es handle sich um einen einsamen, bis auf den Tod liebeskranken Saxophonisten, der im Tunnel der aufgelassenen k. u .k. Fleimstaler Bahn seine letzten Lieder spielt, einmal und noch einmal. Wissen kann man das nicht. Es war noch keiner da, um das zu überprüfen. Und falls einer da war, kam er nicht mehr zurück. Oder hat, zurückgekommen, geschwiegen über das, was er gesehen hat. Wieso auch immer. Um den seit jeher auf der Burgruine von Castelfeder hausenden Baron von Caldiff rankt sich übrigens eine ganze Reihe von Sagen, die aber bereits anderenorts wirkungsvoll erzählt wurde. Hinzugefügt sei nur diese hier: Dem Baron von Caldiff war eines Tages sehr langweilig, langweiliger noch als an gemeinen christlichen Feiertagen. Er trat vor seine Ruine, besah sich den Talboden unter ihm, den Himmel über ihm, sowie sein nicht mehr gänzlich blütenweißes Hemd. Da unten grün, da oben blau, und an mir alles grau, sagte er, das kann nicht sein, das ist nicht fein. Erhob den Arm, Hagelwolken zogen gewittrig auf, es rauschte, es krachte, der Himmel wurde graubraun, der Talboden braungrau. Und das Hemd blütenweiß. Wohlauf, sagte da der Baron von Castelfeder, jetzt kann’s zum Tanze gehn. Und zog los. (war eine Auftragsarbeit. Zu haben unter ISBN 9783852564555) (Annotate.
Kürzestgeschichten. 05/09/08)
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