Southern Soul/Blues
und Gospel CD- und DVD-Reviews und Tipps:

CD- und DVD Reviews von 2007

weitere Reviews von *2008*  *2006*  *2005*  *2004*  *Indie-Gospel CD-Tipps*

THE WILLIAMS BROTHERS: "THE CONCERT" (DVD)

BLACKBERRY (MALACO) RECORDS BDVD-3008 (erschienen 2000)

The Williams Brothers 2000Die Williams Brothers aus Smithdale/Mississippi gehören schon seit vier Jahrzehnten zur obersten Elite der Quartettgospelwelt, sind also schon sowas wie eine legendäre Formation. Ihre Anfänge gehen zurück in die Sechzigerjahre, als sie für Don Robey's Duke/Peacock/Songbird-Schallplattenimperium in Houston/Texas die ersten Aufnahmen machen und damit bald schon beträchtliche Erfolge verbuchen konnten. Die Zukunft war dann aber nicht immer ganz so glanzvoll wie am Anfang, es gab Streit mit diversen Plattenfirmen, nebst anderen Arten von Rückschlägen, was dann schlussendlich dazu führte, dass die Brothers ihre eigenen Plattenlabels gründeten (Melendo und Blackberry Records). So wird am Ende dieses Videos noch ein kleiner Einblick geboten in die Headquarters und Büros des Wirkfeldes der Williams Brothers, resp. in den Labelbetrieb von Blackberry Records.

Was bietet nun aber die hier vorgestellte DVD in musikalischer Hinsicht: Im Gegensatz zur schlichten Auftretensweise von Lee Williams & The Spiritual QC's im oben besprochenen Live-Video, legen die Williams Brothers in ihren Konzertauftritten eindeutig mehr Wert auf "Show" und Entertainment. Ihr Projekt "The Concert" wurde vor sieben Jahren in Jackson/Mississippi gefilmt und bietet innerhalb eines generösen Programms von mehr wie zwei Stunden Dauer auf unterhaltsame Art und Weise einen abwechslungsreichen Mix aus traditionellem Quartettstil, Chor-Zwischenspielen und Auftritten bekannter Guest Stars wie von Bishop Carlton Pearson und Juanita Bynum. Sogar zwei Pantomimen treten mal kurzzeitig in Aktion, um einen Tenuewechsel der beiden Herren Doug und Melvin Williams elegant zu überbrücken. Auf der musikalischen Ebene ist das mit viel Power Dargebotene technisch Top-Class. Die Begleitband beherrscht ihre Instrumente meisterhaft und sehr professionell, und der Bishop Pearson verbreitet mit seinem strahlenden "don't worry be happy"-Gesicht aufgestellte Laune und kann daneben auch wirklich gut singen, was natürlich auch auf Frau Bynum und auf die Williams Brothers zutrifft. Trotz alldem vermisst man in diesem Projekt irgend etwas. Es ist die gewisse "spirituelle" Ausstrahlung, die andere, nicht so aufwändig inszenierte Videomitschnitte von Quartettgospel-Konzerten besitzen, Klassiker wie beispielsweise "Live In Memphis" der Canton Spirituals, "Live At Jackson State University" von Willie Neal Johnson & The Gospel Keynotes oder die Projekte von Lee Williams & The Spiritual QC's. Wer aber seinen Gospel eher unterhaltsam wie ein Theaterstück aufgeführt mag und auf gutes Musikerhandwerk viel Wert legt, der dürfte an "The Concert" der Williams Brothers sicher grossen Gefallen finden.

DIONNE WARWICK: "THE MAGIC OF BELIEVING - featuring The Drinkard Singers"

COLLECTORS' CHOICE MUSIC (RHINO) RECORDS CCM-759 (original erschienen 1968 - auf CD wiederveröffentlicht 2007)

Dionne Warwick 1968Aeltere Soul- und Rhythm & Blues-Freunde, die das goldene Zeitalter dieser Musik in den 60er Jahren noch aktiv miterlebt haben, werden sich bestimmt noch erinnern an die gefühlvoll interpretierten Lieder wie "Don't Make Me Over", "Walk On By" oder "Anyone Who Had A Heart", die damals auch aus unseren europäischen Musikboxen erklangen. Komponiert wurden diese Klassiker vom Komponistenteam Hal David/ Burt Bacharach. "Tiefe Seele" eingehaucht hat ihnen dann die gospelgeschulte Stimme der damals 23jährigen Marie Dionne Warwick. Dass die Sängerin während ihrer damaligen Hochblüte als Popstar auch mal auf Wurzelsuche gegangen ist und 1968 ein 100prozentiges Gospelalbum aufgenommen hat, blieb lange Zeit vergessen. Deshalb hat das Reissue-Label Rhino Records besonderen Dank verdient, dass es dieses Album wiederentdeckt und für den heutigen Markt in CD-Form neu aufgelegt hat.

Das Album umfasst 10 Songs und dauert 29 Minuten, was damals für eine Vinyl-LP zwar nicht gerade überwältigend lang war, aber doch noch etwa dem allgemein üblichen Rahmen entsprach. Das erste Stück ist eine Interpretation des Evergreens "Battle Hymn of the Republic". Das Lied trifft vielleicht nicht ganz den Geschmack strikter Gospelpuristen. Meiner Meinung nach gibt es aber von anderen Interpreten wesentlich kitschigere Versionen des Standards, und Dionne versteht es, der Nummer wie auf ihren früheren Bacharach/David-Balladen echt Soul zu verleihen. "Somebody Bigger Than You And I" und der James Cleveland Song "Jesus Will" sind zwei delikat vorgetragene langsame Balladen, in denen Warwicks Stimme voll zum Ausdruck kommt. "Jesus Will" wird zusätzlich schön unterstützt durch die Hintergrundstimmen der Drinkard Singers. Und es wird wohl das Stimmorgan von Warwicks Tante Cissy Houston sein, das man hier so kristallklar herausjubilieren hört. Das Stück "Old Landmark" ist ein "Traditional", arrangiert von Dionne. Man hat hier aber ein bisschen den Eindruck, der rasant schnelle Rhythmus würde ihr leicht Mühe bereiten. Man spürt, dass das wahre Herz der Sängerin eher beim Interpretieren von beschaulicheren Liedern liegt. So ist beispielsweise ihre beseelte Version des Klassikers "Steal Away" ein echtes High Light des ganzen Albums. Die Stücke "Blessed Be the Name of the Lord", "Grace" und "In The Garden" haben alle auch ihre Qualitäten und erklingen sehr schön bereichert durch die Background-Stimmen der Drinkard Singers, in deren Umfeld Dionne Warwick's Gesangskarriere einst begann.

Besten Dank geht übrigens an Bernd Grimmel in Nürnberg, durch den ich auf diese interessante Wiederveröffentlichung aufmerksam gemacht wurde.

LAMORRIS WILLIAMS: "SINGS THE BLUES - NEW SCHOOL BLUES"

MELENDO BLUES RECORDS MB-2777 (erschienen 2005)

LaMorris Williams 2005Wie vor einigen Jahren schon von Vick (oder Victor) Allen der Canton Spirituals vordemonstriert, wagt mit dem vorliegenden Album "LaMorris Williams Sings The Blues - New School Blues" nun ein weiterer begnadeter Gospelmusiker den mutigen Schritt in die illustren Gefilde des weltlichen Southern Soul/Blues. Quartettgospel-Fans werden dem Namen LaMorris Williams schon gelegentlich begegnet sein. Er war oft aufgeführt als Begleitmusiker, Komponist, Producer oder auch als Soundtechniker im Studio auf diversen Gospelproduktionen, beispielsweise der Williams Brothers, der Fantastic Violinaires, der Jackson Southernaires oder jenes ihres einstigen und unterdessen verstorbenen Frontmanns Roger Bryant Jr. (dessen Album "Simply Roger" etwas weiter unten besprochen ist). LaMorris Williams gibt heute vorallem beim in Jackson/MS beheimateten Gospellabel "Melendo Records" soundmässig den Ton an. Dort hat sein Vater Leonard Williams Sr., der das Label besitzt und managt, für das CD-Debut seines nun auch bluessingenden Sohns extra eine "Melendo Blues"-Zweiglinie gegründet. Wir sind sicher alle gespannt, ob auf dieser Plattenmarke demnächst noch andere Grössen der Soul/Blues-Welt auftauchen werden....

Musikalisch betritt unser hier vorgestellter Gospel- und nun "New School"-Blues-Mann ähnliches Territorium, wie man es auch von anderen Vertretern der Gospel-orientierten Soul/Blues-Szene her kennt, z.B. von Willie Clayton, Omar Cunningham oder vom oben erwähnten Vick Allen. LaMorris besitzt eine ausgesprochen seelenvolle Stimme, die besonders in den langsamen Balladentiteln wie "Drinkin'", "Whatever Kinda Love" oder "One Blessing" zum Tragen kommt. Die drei schönen Slowies sind denn auch die eigentlichen Highlights des Albums. Fröhliche Party-Stimmung verbreiten die beiden "Party Blues"-Songs "Hello Lady" und "It's The Weekend". "Weekend" war denn auch oft die Startnummer ins Wochenende jeweils am Freitagnachmittag in DJ Ragman's Sendestunden beim beliebten Bluessender WMPR in Jackson Mississippi, was dem Lied zu sowas wie einem kleinen Hit verholfen hatte. Ein ganz exquisiter und sexy Schmusesong ist das Stück "Pretty Lady", in welcher die auf der Aufnahme anwesende, im Booklet aber nicht namentlich erwähnte Backgroundsängerin auf LaMorris' Anrufung "pretty lady" mit himmlisch gehauchtem "that's me!" antwortet - grosse Klasse!!  Stilistisch bewegt sich LaMorris Williams mit seinem "New School Blues" ganz im traditionellen "Southern Soul"-Rahmen, unterlegt natürlich vom heute üblichen "radiofreundlichen", keyboardbetonten Studiosound. Die Stücke sind aber sehr geschmackvoll und clever arrangiert. Einzig die Nummer "The Answer Is" fällt mit seinen Anleihen aus der Pop-R'n'B-Welt ein wenig aus dem sonst hier vorherrschenden Soundkonzept und lässt vermuten, dass der Künstler bemüht ist, auch bei der jüngeren Generation Gehör zu finden (dies zeigen z.B. auch die vorgestellten Songs auf seiner eigenen MySpace-Seite). Erwähnenswert ist nebst alldem die ausgezeichnete Arbeit des hier mitwirkenden Gitarristen Chris Forrest, der das ganze Album mit seinen knackigen "Gospelblues"-Licks aufs Schönste bereichert. Mit nur 31 Minuten Spielzeit ist das CD-Album zwar etwas knapp geraten, aber trotzdem eine gefreute und willkommene Produktion und jedem Southern Soul/Blues-Fan uneingeschränkt zu empfehlen. Erhältlich ist das Album bei CD Baby, wo man auch reinhören kann.

Weitere Infos über die Aktivitäten bei Melendo Records gibt es auf der Website http://www.melendomusic.com/.

LEONARD WILLIAMS: "LEONARD WILLIAMS"

INFINITE SEVEN (MELENDO) RECORDS IFN-0077 (erschienen 2007)

Leonard Williams 2007Wie schon im obigen CD-Portrait erwähnt, ist Leonard Williams Sr. der Vater von LaMorris Williams, wie auch der Gründer, Chef und Betreiber des Melendo Labels. Zugleich war er eines der früheren Mitglieder der berühmten "Williams Brothers", bei denen er als deren Business Manager und Agent (und gelegentlichen Backgroundsänger)12 Jahre lang amtete. Für sein Melendo Label produzierte Williams Alben der "Brothers" wie auch seine eigenen Solowerke, nebst solchen bekannter Quartettgruppen. Spontan in den Sinn kommen mir LPs oder CDs von Willis Pittman and the Burden Lifters, The Gospel Miracles, Slim And The Supreme Angels, The Original Five Blind Boys of Mississippi, The Fantastic Violinaires, The Jackson Southernaires etc, die alle mal bei Melendo Records erschienen waren. Mit seiner neusten hier portraitierten und in diesem Jahr erschienenen CD tritt er wiederum mit einer eigenen Produktion an die Oeffentlichkeit. "Schützenhilfe" erhielt er hier vorallem von Ray Braswell Jr., dem Produzenten und Gospelmusiker, der auch hinter dem Erfolg des Quartettgospel-Stars Keith "Wonderboy" Johnson steht. Auch sein Sohn LaMorris Williams ist hier auf zwei Tracks (den Titeln "Hard Times" und "Ghetto Preacher") als Multiinstrumentalist mitinvolviert und ist auch als Tontechniker im Beiblatt erwähnt, während die Gitarristen Tyrone Jackson und Chris Forrest in brillianter Weise die Saitenarbeit erledigen. Es handelt sich hier um eine solide Gospelproduktion vorwiegend im traditionellen Quartett-Stil. Gefallen hat mir vorallem der swingende Einstiegssong "When Jesus Is Around (Something Good Happens)" in bester Quartettgospel-Tradition. "Leonard's Praise Party" beginnt mit der Aufforderung "If you're ready for a praise party, make some noise in the house - come on!", worauf der Gitarrist und die ganze Band mit rockigen Tönen loslegt und den "Gospel-Party"-Song damit einleitet... Eher ruhig und soulful präsentiert sich der Balladen-Titel "You Still Have A Chance" während die Stücke "Ghetto Preacher" und "He's Alright" eher bluesig-funky klingen. Sämtliche Songs sind Eigenkreationen des Sängers. Erhältlich ist dieses Album ebenfalls bei CD Baby.

ROGER BRYANT, JR.: "SIMPLY ROGER"

MELENDO RECORDS MEL-2288 (erschienen 2003)

Roger Bryant Jr. 2003Bedient werden wir hier auf diesem CD-Album mit einer weiteren Portion Mississippi-Gospel im Quartett-Genre aus den Produktionswerkstätten von Melendo Records und dem Team Leonard Williams Sr. und Sohn LaMorris Williams. Sänger Roger Bryant Jr. war 22 Jahre lang reguläres Mitglied der bekannten "Jackson Southernaires" und dort als deren zweiter Leadvokalist tätig. Mit dem 2003 erschienenen Album "Simply Roger" machte sich der Sänger auf den Weg zu einer vielversprechenden Solokarriere. Leider verstarb er im April 2004, und so ist das hier vorgestellte Werk sein letztes Vermächnis.

Das Album startet mit der Midtempo-Nummer "Ole Time Religion", komponiert und instrumentell begleitet vom Multiinstrumentalisen LaMorris Williams. Das Lied lässt diverse Highlights aus der Gospelgeschichte Revue passieren, Legenden werden genannt wie Willie Neal (Johnson), James Cleveland, Sam Cooke oder Willie Banks und klassische Songs wie Peace Be Still, Amazing Grace, Old Ship Of Zion, Rough Side Of The Mountain oder This Little Light Of Mine zitiert. Gefolgt wird dieses Stück von "Time", einer sanften Gospel-Soulballade. "Keep On Doing It" (aus der Feder und instrumental unterlegt wiederum von LaMorris) ist klassischer "Old Time"-Uptempo Quartettsound, d.h. so etwas was, wenn ich mich recht erinnere, Quartettspezialist Donnie Addison einst eine "Drive"-Nummer genannt hat... "Make Me Thru This Day" bietet in der weiteren Trackabfolge wiederum klassischen traditionellen Quartettstil und ist ein nett swingendes Stück mit Backgroundvocals, gesungen von den legendären Fantastic Violinaires, die zu jener Zeit ebenfalls bei Melendo Records unter Vertrag standen. Nun folgt mit dem Titel "I Had A Dream" das Stück, das beim amerikanischen Gospelradio wohl am meisten "air play" des ganzen Albums erhielt und zu sowas wie einem Radiohit wurde. Die (wiederum von LaMorris Williams geschriebene und instrumentell unterlegte) Nummer ist eine eindrückliche, sehr intensiv gesungene (ich will es mal so nennen:) "Southern Soul Blues Gospel Ballade". Grossartig - der legendäre O.V. Wright würde sich sogar ehrfürchtig verneigen vor diesem von Bryant gelieferten gesanglichen Kraftakt... Sehr schön ist auf diesem Stück auch die einfühlsam begleitende Bluesgitarre, gespielt vom Melendo-Studiomusiker Chris Forrest. Es folgen dann noch vier weitere Songs: "Keep Sending Blessings" ist eine weitere Uptempo-"Drive"-Nummer, "When I Feel Your Spirit" soulbluesig balladesk und "Don't Take Your Hands Off Me" und "Wonder How He Did It" wiederum southernsoulig. Das Album dürfte Quartettfreaks wie auch Southern Soul/Blues-Fans sehr gut gefallen. Roger Bryant Jr. war ein hervorragender und sehr seelenvoller Sänger und das Album "Simply Roger" ein gelungenes Zeugnis seines gesanglichen Könnens. Sein Ableben kurz nach seinem Solostart ist ein sehr grosser Verlust für die ganze Gospel- und auch Soul-Szene!

JOHNNIE TAYLOR: "LIVE AT THE SUMMIT CLUB"

STAX RECORDS STXCD-8628 (aufgenommen 1972, als CD-Album erschienen 2007)

johnnietaylor_1.jpg (8304 Byte)Die ganz am Anfang dieser Konzertaufnahme zu hörende Ansage "When you speak of blues, this is a man who knows 'em from the letter A to the letter Z" (getätigt durch den legendären Rufus Thomas, der hier als MC diente), soll dem damaligen Soul-Superstar Johnnie Taylor eher peinlich gewesen sein. "Blues", das war aus seiner Sicht doch die Vergangenheit im Chitlin' Circuit - seine Jahre bei Stax Records vor dem grossen Durchbruch in die Pop-Charts mit dem Hit "Who's Making Love". Das Ding hiess jetzt "Soul" und war der grosse Renner im Musikgeschäft. Unterdessen haben sich die Begriffe jedoch wieder etwas geändert: Was damals noch strikt als "soul music" galt, wird heutzutage längst wieder als "blues music" vermarktet - oder zumindest eben als "Soul Blues". Später in seiner Karriere wurde der vor sieben Jahren verstorbene Sänger dann folgerichtig als "The Blues Wailer Johnnie Taylor" oder als "The Reverend of The Blues" angekündigt und war bei einem der erfolgreichsten Blueslabels unter Vertrag: Bei Malaco Records.

Die hier vorgestellte Aufnahme der Johnnie Taylor Show wurde am 23. September 1972 im Summit Club in Los Angeles realisiert und war ein geplanter Teil des Filmprojekts "Wattstax". Einige Ausschnitte aus diesem Konzert wurden seinerzeit veröffentlicht auf der Doppel-LP "The Living Word - Wattstax 2". In der vollständigen Form blieben diese Aufnahmen aber 35 Jahre lang unveröffentlicht im Archiv liegen und wurden erst jetzt erstmals auf dieser CD dem Publikum zugänglich gemacht. Trotz Taylors damaligem Problem, das Etikett "Bluesartist" akzeptieren zu können, scheint der hier präsentierte Auftritt ein ganz normaler Chitlin' Circuit-Gig vor einem begeisterten schwarzen Blues-Publikum gewesen zu sein, inhaltlich nicht viel anders in seinem Ablauf wie das, was er 25 Jahre später auch im unten besprochenen Dallas/TX-Konzert seinen mehrheitlich afroamerikanischen Fans vortrug. Vielleicht war Taylor's "Bluesproblem" mit ein Grund, wieso man so lange auf die Veröffentlichung dieses Materials warten musste - oder war es doch die Begleitband, die daran schuld war, indem den Musikern ein paar kleine, meiner Ansicht nach völlig unbedeutende "Schnitzer" passiert waren, wie im Booklet-Text vermerkt ist. Was auch immer, die CD ist absolut hörenswert und die Stimmung Klasse, sei es in Taylors Interpretationen seelenvoller Blues-Balladen wie "Little Bluebird", "Steal Away", "Hello Sundown", "I Don't Wanna Lose You" und "Stop Doggin' Me" oder bei heissen Uptempo-Soul-Fetzern wie bei "Take Care of Your Homework", "Jody's Got Your Girl and Gone" oder dem Hit "Who's Making Love". Dieses feine CD-Album eines der ganz grossen Soul/Blues-Legenden sollte in keiner Southern Soul/Blues-Sammlung fehlen!

JOHNNIE TAYLOR: "LIVE AT THE LONGHORN BALLROOM" (DVD)

MALACO RECORDS MDVD-9042 (erschienen 2001)

johnnietaylor_2.jpg (12799 Byte)Wie schon erwähnt, war Johnnie Taylor in der letzten Phase seiner Karriere eine der Hauptfiguren im "Blues-Stall" des in Jackson Mississippi beheimateten "Malaco"-Labels. Intensiv vorgetragene Bluesnummern in diversen Formen waren immer die grosse Stärke seiner Live-Shows und die Uptempo-Hitnummern eher sowas wie "würzige" Beigaben. Das war schon in den Stax-Jahren so und blieb auch so bis zum abrupten Ende seines Lebens durch die fatale Herzattacke, die er im Mai 2000 erlitt. Malaco Records veröffentlichte zwei von Taylors Live-Konzerten als Video/DVD-Produktionen. Beide fanden in Taylors Heimatstadt Dallas/Texas statt. Der hier vorgestelle Live-Mitschnitt wurde am 17. August 1997 im legendären "Longhorn Ballroom" aufgenommen und beginnt ziemlich langatmig mit dem "warming up" genannten Rumgedudel der vom Gitarristen Bernard Jenkins geleiteten Band auf den 12 Blues-Takten. Irgendwann (nach dieser etwa 10 Minuten dauernden Jam-Session) schreitet noch Bandmitglied und Tenorsaxophonist Joe Graham vors Mikrophon, um eine Version von Latimore's "Let's Straighten It Out" anzustimmen. Das dauert dann weitere 14 Minuten - im Ganzen also 24 Minuten "Intro", die man getrost überspringen kann. Nun sind wir beim eigentlichen Track 1 angelangt, der MC kündigt "Showtime" an, und unser Star betritt zusammen mit seinen zwei Background-Sängerinnen, "Taylor Made Ladies" genannt, die Bühne, um mit einer Version vom Hit-Oldie "Who's Making Love" sofort mit Volldampf loszulegen. Es folgen dann drei Blues-Nummern aus diversen Epochen von Taylor's Karriere: "Little Bluebird", "Still Called The Blues" und "Last Two Dollars" mit einer dazwischengeschobenen Soul-Ballade namens "Just Because". Auf "Ain't That Lovin' You" stellt Johnnie seine singende Tochter Tasha Taylor vor, eine der 4 oder 5 Nachkommen des Stars, die sich alle mehr oder weniger erfolgreich ebenfalls der Soul/Blues-Musik verschrieben haben. Tasha wirkt hier ein bisschen nervös - einen besseren Eindruck hinterlässt die Sängerin auf ihrem eigenen (von CD Baby vertriebenen) Album "Revival", das 2003 erschienen war. Es folgt nun wieder eine sehr schöne Blues-Nummer im Titel "Gotta Love Somebody's Baby", dem "medleymässig" ein paar Takte von O.V. Wrights "You Gonna Make Me Cry" beigefügt sind. "Good Love" war einer der letzten Hit-Erfolge für Taylor, am Ende seiner Karriere bei Malaco. Das Funk-Stück wird hier gestartet mit einer Rap-Einlage von einer der beiden "Taylor Made Ladies". Das Konzert schliesst in der Folge mit einer ziemlich kurz gefassten und eher flauen Version von Johnnie's grösstem Pop-Hit "Disco Lady". Vielleicht war dem "Blues Wailer" Taylor zu dieser Zeit seiner Karriere das "Disco"-Etikett seiner Musik ebenso peinlich geworden wie früher die Identifikation mit dem "Blues".

Die Besprechung von drei weiteren Live-DVDs aus dem Hause Malaco-Records ("Bobby Blue Bland - Live From Beale Street", "Shirley Brown & Denise LaSalle - Divas In The Delta, Live In Greenwood, MS" und "Blues Views" mit diversen Künstlern) wird an dieser Stelle zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

SOULFINGER: "SUMMER SOUL NIGHT 2004" (DVD)

SWEET SOUL MUSIC RECORDS (erschienen 2004)

soulfinger.jpg (50743 Byte)Schnell vergisst man bei der grossen Flut von USA-CD-Neuheiten, welche momentan auf dem Soul/Blues-Markt erscheinen, dass es auch auf unserem europäischen Kontinent einige exzellente Live-Formationen gibt, die den USA-Originalen in nichts nachstehen. Die hier vorgestellte Aufnahme einer Live-Show der Band "Soulfinger" aus Deutschland zeigt, wie professionell auch europäische Formationen arbeiten können. Die Band, die sich auf Sixties-Soul und Stax-Covers spezialisiert hat, wurde vom Saxophonisten und Gitarristen Klaus Gassmann gegründet und beschäftigt auf diesem Live-DVD-Album zwei bemerkenswerte USA-gebürtige Vokalisten: Victor Nellum und Jimmy James. Nellum bestreitet hier eher das "funkige" Uptempo-Material, während Jimmy James sich vorallem in den "tiefen" Southern Soul-Balladen heimisch zu fühlen scheint. Der hier gezeigte Soulfinger-Auftritt vom 31. Juli 2004 in Heidelberg startet in beschwingtem Rhythmus mit Solomon Burke's "Everybody Needs Somebody To Love", gesungen von Victor Nellum, dessen Gesang von solider und satter Bandarbeit unterstützt wird. Dann begibt sich Jimmy James mit "Try A Little Tenderness" in Otis Redding-Territorium. Der Popsong "Lady Marmelade" wirkt ein bisschen fremd hier, die Gastsängerin Karin Rühle überzeugt uns Southern Soul-Freunde eher in den beiden Coverversionen von Aretha's "Respect" und "I Never Loved A Man". Auch "Natural Woman" ist ein A. Franklin-Stück, das von einer weiteren hier mitinvolvierten Vokalistin namens Monika Hofmann mit viel Soulfeeling interpretiert wird. Schön (von Jimmy James) gesungen sind die Oldies "Sweet Soul Music", "I've Been Loving You Too Long", "When Something Is Wrong With My Baby" und "My Girl". Weitere Old Time Klassiker sind die allseits bekannten Hits "Nutbush City Limits", "Hold On I'm Coming","When A Man Loves A Woman", "Dock Of The Bay" oder "I Feel Good" etc etc, um nur einige der vielen hier vereinigten Soul-Gassenhauer zu nennen. Von der instrumentalen Seite der ausgezeichneten Band speziell erwähnen möchte ich ein schönes Gitarrensolo im Stück "Something Is Wrong With My Baby" und die exzellenten Saxophonsolos im Titel "Groovin'". Auch die knackige Funk-Nummer "Funky Street" ist vom Spiel der Band inkl. dem Gesang von Jimmy James echt Klasse. Infos punkto Auftritte von "Soulfinger" und der Möglichkeit, die DVD zu bestellen, gibt es auf der Website http://www.sweetsoulmusic.de/. Speziellen Dank geht an Peter Nock aus Lorsch, Deutschland, der mir die DVD zugeschickt hat.

WILLIE CLAYTON: "GIFTED"

MALACO RECORDS MCD 7529 (erschienen 2006)

Willie Clayton 2006Willie Claytons aktuelles Album startet mit dem Radio-Hit "Boom Boom Boom" etwas ungewohnt flauschig-weich in modischem Pop-"R'n'B"-Sound. Das Stück ist ein einschmeichelnder sexy Schmusesong mit Textzeilen, die von Dingen wie "Let me take you in my bedroom - make your body go boom boom boom" etc handeln. Im Hintergrund hört man dazu die Stimme der Backgroundsängerin Tonya Youngblood säuseln und schmachten. Diese Nummer fällt auf dem Album deshalb etwas aus dem Rahmen, weil es ab hier dann mit viel mehr "Downhome-Pfiff" und knackig-robustem Southern Soul weitergeht; beispielsweise in der schönen und sehr beseelt gesungenen Ballade "Beautiful" als Track 2 in der Titelabfolge - eine echte Perle! "Can I Change My Mind" ist eine hübsche Cover-Version des Tyrone Davis-Klassikers, gefolgt von der von Clayton wunderbar gesungenen Country-Soul-Ballade "When I Think About Cheating", die ein bisschen an die besten Momente in diesem Genre des verstorbenen Johnny Adams erinnert. Original stammt das Stück von einer Country-Lady namens Gretchen Wilson. "A Little Bit More" und "Missing You" sind zwei leicht uptempo-arrangierte Soul/Blues-Nummern. Eine solche ist auch das vom bekannten Southern Soul-Songschreiber George Jackson mitverfasste Stück "She Holding Back". "My Lover My Friend" hingegen ist ein langsamer Lovesong, in dem Willie einmal mehr als toller Sänger brilliert! Und was Willie Clayton hier aus dem Blues-Oldie "Running Out Of Lies" gemacht hat, ist ebeso sensationell gut wie Johnnie Taylor's 1976er-Original. In "Sweet Lady" und "My Miss America" betritt Clayton stilistisch typisches Tyrone Davis-Territorium. Schluss-Song "Trust", gesungen im Duett mit Shirley Brown, ist eine ausgesprochen schöne Deepsoul-Nummer aus der Feder des weissen Southern Soul Sänger/Songschreibers George Soule. Für den tollen Sound von Clayton's neuem Album mitverantwortlich sind in erster Linie Gospel- und Soul/Blues-Sänger-Produzent-Instrumentalist Vick Allen, der für 9 der 13 vorhandenen Songs die Backing-Tracks kreiert und die CD mitproduziert hat, sowie Horns-Altmeister Harrison Calloway und die Muscle Shoals Horns.

Ein sehr beeindruckendes Album einer der grössten heute lebenden Stimmen der Soul/Blues-Welt!

WILLIE CLAYTON: "FULL CIRCLE" (CD/DVD)

ENDZONE RECORDS EZR 2068 (erschienen 2005)

Willie Clayton CD + DVD 2005Auf diesem, im Jahr 2005 erschienenen Vorgänger des oben besprochenen Willie Clayton-Albums finden sich einige der selben Hintergrund-Namen, die auch auf seinem neusten Projekt "Gifted" mitgewirkt haben: Der Hauptakteur hier ist wiederum Jackson/Mississippi Allrounder Vick Allen. Allen begann seine Musikkarriere seinerzeit bekanntlich als Gospelmusiker und Keyboarder bei den berühmten "Canton Spirituals" und wirkt auch hier wieder als Multi-Instrumentalist, Songwriter und Co-Producer mit. Gedacht war "Full Circle" als Widmung an den verstorbenen Soul/Blues Altmeister Tyrone Davis. Das Album ist in zwei diversen Versionen im Handel: Erstens als eine mit dem zusätzlichen Track "Going Crazy" versehene, "normale" CD, die auf Malaco Records erschienen ist (MCD-7521) - und zweitens als die hier vorgestellte Doppel-CD/DVD auf dem "Endzone"-Label, die der Malaco-Ausgabe darum vorzuziehen ist, weil sie auf der zusätzlichen DVD auch sehr schön Clayton's Arbeit als Live-Entertainer in diversen Kurz-Mitschnitten einiger seiner Konzerte dokumentiert. Der Audio-(CD)-Teil ist (mit Ausnahme der Einstiegs-Nummer "If You Ever Get Lonely - Call Me" und des Lee Fields-Coversongs "Meet Me Tonight") vielleicht nicht ganz so stark "downhome" oder "southern soul-betont" wie das neue Album "Gifted", aber trotzdem sehr schön anzuhören. High Lights sind nebst den erwähnten zwei Songs auch die schöne Moll-Bluesballade "All My Love" mit einem netten Gitarrensolo, den feinen Soul-Blues "I'll Make It Good To You" (auf welchem Clayton auch seine Pfeifkünste demonstriert) und "Hold Me" (ein bewegend gesungenes Stück, auf welchem deutlich wird, dass Clayton seine Inspiration tief aus der Gospelmusik bezieht). Vorhanden ist auch eine nette Interpretation des Oldies "Georgia On My Mind". Ein bisschen HipHop und Rap gibt es zusätzlich auf der Nummer "Take It 2 Da Club" zu hören. Aber, wie schon erwähnt: Die eigentliche Stärke dieses Albums liegt in seiner zusätzlichen Bonus-DVD mit den Live-Konzert-Ausschnitten.

OMAR CUNNINGHAM: "WORTH THE WAIT"

ENDZONE RECORDS EZR 2080 (erschienen 2006)

Omar Cunningham 2006Mit "Worth The Wait" stellt Omar Cunningham aus Gadsden/Alabama sein drittes CD-Album vor. Die beiden Vorgänger "Hell At The House" von 2003 und "Omar Cunningham" von 2004 sind auf der Reviews-Seite von 2004 besprochen. "Worth The Wait" erschien wiederum bei "Endzone Records", dem Label von Willie Clayton, der als Gast auf diversen Songs ebenfalls zu hören ist (beispielsweise im Intro von "Made My Move" oder auf "Shysters and Wannabes"). Cunningham ist ein Sänger mit einer wunderbar kräftigen Stimme, die nach der eher etwas belanglosen Eröffnungsnummer "Party Have A Good Time" spätestens dann auf dem zweiten Stück "Something's Gotta Give" sehr schön zum Tragen kommt. Solche Deep-Soul-Perlen sind genau das Material, mit dem der Sänger sein ausdrucksstarkes und kräftiges Stimmorgan voll zum Einsatz bringen kann. Einen sehr guten Eindruck hinterlässt in diesem Sinne auch der Titel "Give Me A Chance", hier zusätzlich noch mit einem interessanten "Doo-Wop"-Arrangement der Background-Vokalisten versehen - ein echter Ohrenschmaus! "Better Days" ist eine unter die Haut gehende Blues-Ballade in Moll-Tönen. Noch mehr balladesken Blues in Moll bietet auch der schon erwähnte, mit Willie Clayton als Duettpartner ausgeführte Song "Shysters and Wannabes" - ein wahres Feuerwerk in Sachen Soulgesang der beiden grossartigen Sänger! Die beiden letzten Songs der CD "Over Yonder" und "Have Faith" verweisen mit ihren religiös motivierten Texten auf den starken Bezug des Sängers zur Gospelmusik. Alles in allem ein sehr schönes CD-Album!

EARL GAINES: "THE DIFFERENT FEELINGS OF BLUES & SOUL"

BLUE-FYE RECORDS BFY-3735 (erschienen 2005)

Earl Gaines 2005Mit diesem Album werden endlich wieder einmal all jene Blues- und Soul/Blues-Freunde zufriedengestellt und beglückt, die mit der heutzutage so üblichen keyboardlastigen resp. "elektronischen" Produktionsweise der modernen Soul/Blues-Projekte so ihre kleineren oder auch grösseren Probleme haben. "Earl Gaines Is Back - The Different Feelings of Blues & Soul" macht zu ihrem Glück hier ganz auf "Retro": Alles ist voll "akustisch" und mit "real instruments" aufgenommen und klingt ein bisschen so, als sei das Album vor mindestens 40 oder mehr Jahren entstanden. Damit wird aber auch angedeutet, dass die Produzenten des Werks verkaufstechnisch vermutlich eher den Markt vom (weissen) "Blues-Rock" und weniger jenen des (schwarzen) Chitlin Circuit im Visier hatten. Wie es auch sei: Die Musik, die uns Nashville-Soul/Blues-Veteran Earl Gaines hier auftischt, ist natürlich erstklassig, auch wenn sie nach dem Anhören der oben besprochenen Willie Clayton- und Omar Cunningham-Produktionen im Vergleich dazu ein bisschen "altmodisch" wirkt. Interessant ist, dass das Album vom gleichen Mann namens Ted Jarrett produziert wurde, der schon für Earl's allerersten Hit "It's Love Baby - 24 Hours a Day" verantwortlich war. Dieser Song war 1955 ein Top-Ten R&B-Hit, erschienen damals auf dem legendären "Excello"-Label, allerdings noch unter dem Namen des Bandleaders und Saxofonisten Louis Brooks, bei dessen Band Gaines damals als Gesangsattraktion angestellt war. Als Künstler unter eigenem Namen hatte der Sänger dann erst wieder 1966 einen kleinen Hit-Erfolg mit der Bobby Bland-inspirierten Blues-Ballade "Best of Luck To You". In der Folge war Gaines aber nie ein richtig erfolgreicher Durchbruch vergönnt, obwohl er vor etwa 10 Jahren als Mitglied der "Excello Legends" auch in Europa auftreten konnte.

Was erwartet uns nun auf dem Album "Earl Gaines Is Back - The Different Feelings of Blues & Soul?". Mit kurzen Worten umschrieben: Funkiger Blues, Soul-Blues oder Rhythm & Blues mit satten Bläserarrangements, wie er beispielsweise auf Labels wie etwa "Duke-Peacock" in den späten Fifties oder frühen Sixties von Künstlern wie Bobby Bland, Junior Parker oder Buddy Ace aufgenommen und produziert wurde. In die Richtung Soul oder "Soul/Blues gehen hier Songs wie "So Satisfied", "Mistreated Woman", "Let Me Live My Life My Way", "Slipping Around Must Be Catching" oder I Got To Sit Down And Get a Hold Of Myself". Eher traditionell bluesig, vornehmlich im 12-Takt-Format sind dagegen: "Let's Sit Down And Talk Things Over", "I've Kissed My Last Ass", die exzellente Bluesballade "Goodbye My Love" und "You Don't Love Me" (hier mit einem lustigen Detail: Gitarrist Jimmy Frierson stimmt seine Gitarrensaiten einfach ein paar Töne tiefer und nennt das Instrument dann "Baritone Guitar"). Auch die uptempo Nummern "Let's Party" und You're My Baby" sind Bluesstücke. Unter den mit-involvierten Musikern der Begleitband findet man drei bekannte Veteranen der Nashville Blues-Szene: Gitarrist Johnnie Jones, Drummer Freeman Brown und Saxofonist Aaron Varnell. Wer gut arrangierten und liebevoll produzierten klassischen Blues und Soul ganz im Stil der frühen Sixties mag, sollte sich das Album unbedingt zulegen.

MEL WAITERS: "THROW BACK DAYS"

WALDOXY RECORDS WCD 2842 (erschienen 2006)

Mel Waiters 2006In der diesjährigen Februarnummer der Blueszeitschrift "Living Blues" erschien erstaunlicherweise ein Artikel über den texanischen Sänger Mel Waiters. Sein Bild schaffte es sogar bis auf die Frontseite des Magazins. Schön, dass die Soul-Blues-Szene von unseren Mainstream-Blues Brüdern wieder einmal etwas Beachtung erhält! Dass Mel Waiters mittlerweile einer der grössten Stars des Genres ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Liste der aktuellen "Top Ten Soul/Blues Hits in den USA vom 20. April 2007". Dort ist unterdessen die Nummer "Friday Night Fish Fry" ab Waiters aktuellem Album "Throw Back Days" bis auf die erste Stellung vorgerückt, indem sie den bisherigen Dauerbrenner "Scat Cat, Here Kitty Kitty" von Billie Soul Bonds auf den zweiten Platz verdrängt hat. Nun- wie klingt denn nun Waiters neustes Projekt? Wie auf den Vorgängern finden wir auch hier wieder eine Reihe von Songs, die von Parties, Whiskey, grilliertem Fisch, Tanzen mit den Ladies und ganz allgemein von den samstagabendlichen Vergnügungen in den von Waiters "Hole In The Wall" genannten kleinen Juke Joints der Region handeln. Oder einfacher ausgedrückt: Es ist fröhliche "Party Blues"-Musik, die der Sänger uns hier serviert. Viele seiner Songs sind deshalb auch eher tanzbare Midtempo- und Uptempo-Nummern, wie beispielsweise das erwähnte Stück "Friday Night Fish Fry", "Ladies Party Night", "Half Pint", "How You Do It", der Lenny Williams-Song "I Like Your Sister" und das von Theodis Ealey-Mitarbeiter Bruce Billups produzierte Titel-Stück "Throw Back Days". Bluesiger und "deepsouliger" sind die beiden Tracks "Blues Radio" und der Z.Z. Hill Cover "Bump And Grind". Wie seine Vorgänger ist das Mel Waiters-Album "Throw Back Days" ein gutes und vergnügliches Werk des Sängers.

JOHNNY RAWLS: "HEART & SOUL"

DEEP SOUTH RECORDS (erschienen 2006)

Johnny Rawls 2006Der 1951 in der Nähe von Hattiesburg/Mississippi geborene Soul/Blues-Veteran Johnny Rawls arbeitete einst als Gitarrist und Bandleader bei diversen bekannten "Chitlin' Circuit"-Bluesgrössen wie Little Johnny Taylor, Z.Z. Hill oder O.V. Wright. Als Rawls ab den 90er-Jahren die Chance bekam, für Blues-Labels wie "Rooster Blues" oder "JSP" als Produzent zu wirken und dabei auch seine eigenen Album-Projekte zu realisieren, wurde der Mann langsam aber sicher auch von einer wachsenden Zahl von Fans der (weissen) Blues-Rock-Szene wahrgenommen. So ist es nicht verwunderlich, dass seine CD-Projekte oft etwas "rockig" oder auch "folky"angehaucht sind, wie beispielsweise seine 2005er Scheibe "No Boundaries". Auf Rawls neustem Album "Heart & Soul" hält sich dies jedoch (zum Glück für uns Southern Soul-Fans) in Grenzen. Die meisten Stücke hier sind im Bereich "mittleres Tempo" angesiedelt. "You're My Girl" ist eine uptempo-Tanznummer und "Still A Woman" eine langsame Ballade. Mit der Anwesenheit von Live-Musikern mit "echten Instrumenten" wie Horns und Bluesharp dürften hier auch die Blues-Puristen nicht allzuviel zu meckern haben. Ob's für einen Erfolg im Chitlin Circuit reicht, ist allerdings fraglich. Der Sound ist zwar sehr "southern", aber stellenweise halt doch ein bisschen "weiss". Das Album macht Spass beim Anhören, die Spielzeit ist mit nur 40 Minuten aber für eine CD-Produktion ziemlich bescheiden.

DAVID BRINSTON: "MISSISSIPPI BOY"

R&B RECORDS (erschienen 2006)

David Brinston 2006Wer je im Sinn hat, den US-Südstaat Mississippi zu bereisen, sollte sich vorher unbedingt David Brinston's Songtitel "Mississippi Boy" aus seinem gleichnamigen aktuellen CD-Album anhören! Kein Tourismusbüro der Welt könnte je bessere Werbung machen für einen Trip runter in den Süden Richtung Bundesstaat Mississippi! Laut Brinston's Songtext lockt dort im Nu das Vergessen sämtlicher Alltagssorgen durch fröhliches Party-Leben, Tanzen, gutes Essen und Trinken etc. Gut nur, dass der Mann in seinem Lied auch noch vor den lästigen Moskitos, die dort ihr Unwesen treiben, warnt und die Mitnahme eines wirksamen Mückensprays empfielt...  Der Song basiert auf der Melodie von Brinston's 1999er Hits "Two-Way Love Affair", wobei hier sogar dessen berühmtes Gitarren-Intro von Thomas Bingham gesampelt und recycelt nochmals Verwendung und sein richtiges Plätzchen findet. Besungen wird auf dem Album "Mississippi Boy" aber nicht nur ausschliesslich Fun und Party-Plausch. "It Just Don't Pay" ist beispielsweise ein beeindruckender Midtempo Soul-Blues, der musikalisch Erinnerungen an Johnnie Taylor's alte Stax-Aufnahmen erweckt, textlich jedoch diverse Missstände anprangert, wie die von der Regierung im Elend sitzengelassenen Katrina-Opfer oder einen Präsidenten, der alles Geld in Uebersee verschwendet etc. Die beiden langsamen Blues-Balladen "Good Woman (with Some Bad Habits)" und "Staying Power" sind weitere exzellente High-Lights - und ein solches ist auch die von Brinston's Soul/Blues-Kollegen Mel Waiters komponierte Nummer "Whiskey & Blues". Mit Textphrasen wie "please mister bartender, keep my whiskey glass filled" oder dem an den DJ geäusserten Wunsch nach etwas Bluesmusik von Bobby Bland, Z.Z. Hill und Johnnie Taylor, erwähnt der Sänger hier all die wichtigen Dinge, die es braucht, um einen saftigen Liebeskummer zu kurieren...

"Mississippi Boy" von David Brinston wurde in Mobile, Alabama aufgenommen und ist eines der gelungendsten Alben des Künstlers.

DAVID BRINSTON: "ROCKIN'

WALDOXY (MALACO) RECORDS WCD-2838 (erschienen 2005)

David Brinston 2005Schade, dass ausgerechnet dieses (vor etwa zwei Jahren veröffentlichte) David Brinston-Album nicht ganz dem Niveau entspricht, das man bei der Ankündigung "David Brinston nun bei Malaco Records unter Vertrag" ursprünglich erhofft und erwartet hatte. Die Einstiegsnummer, die ja sowas wie die "Visitenkarte" eines Albums sein sollte, ist jedenfalls ein ziemlich banales und leichtgewichtiges Tanzliedchen namens "Junk In The Trunk". Gefolgt wird dieses Ding von "You Can't Trust Anybody" als Track zwei in der Abfolge. Das Lied besteht aus einer ausführlichen Aufzählung, wem alles nicht zu trauen ist heutzutage: Dem Zahnarzt, dem Friseur, dem Arzt und auch dem Gesetz nicht, geschweige denn dem Schwager, dem Freund, dem Rechtsanwalt oder gar dem Girlfriend oder der Ehefrau... Der Schreiber dieses Songs, Robert Conerly, hat schon wesentlich geistreichere und witzigere Songs wie diesen kreiert, die auch echte Hits wurden, wie z.B. das von Marvin Sease gesungene "Sit Down On It". Das nächste Stück, "Hard Working Lady", ist eine leicht modifizierte Cover-Version eines Titels des Ecko-Records-Artisten Dr. 'Feelgood' Potts. Mit der sehr schönen Deep-Soul/Blues-Ballade "Woman Enough" (ebenfalls aus der Feder von Robert Conerly) alsTrack vier, haben wir unsern David Brinston dann endlich so, wie wir ihn am liebsten in voller Album-Länge geniessen möchten, eben richtig "soulful" und bluesig. Auch die drei toll gesungenen Balladen "Memories", "I Don't Wanna Loose Your Love" und "Fantasy" gehören in diese Kategorie und hören sich sehr nett an. Ausgefüllt ist der Rest der CD mit einem Mix aus eher durchschnittlichem "Party Soul-Blues".

Zum Vergleich seien unten noch ganz kurz drei ältere Alben des aus der Region von Clarksdale/Mississippi stammenden Sängers David Brinston vorgestellt (ein weiteres Review einer Brinston CD, nämlich von "Somebody's Cuttin' My Cake" von 1999 findet sich auf der Reviews-Seite vom Jahr 2005).

DAVID BRINSTON: "THE REAL DEAL"

R&B RECORDS (erschienen 2004)

David Brinston 2004Co-Produzent Carl Marshall, ein Multi-Instrumentalist und vorallem Gitarrist mit Roots in der R&B-Szene von New Orleans gibt bei diesem Brinston-Werk von 2004 unüberhörbar den Ton an. Seine rockig-verzerrte Gitarre sägt und kreischt hier zwischendurch immer mal wieder wie weiland Jimmy Hendrix in kurzen, aber prägnanten Solo-Einlagen. Trotzdem strahlt Brinston's "The Real Deal" ein echt nettes, bluesiges Downhome-Feeling aus. Das Album startet mit einem gut gemachten Remake von "Hit & Run" (Brinston's Hit aus seinem gleichnamigen Debut-Album aus den 90er-Jahren). "Shake Your Pants", "Friday Night Ladies Night" und "Double Clutch" sind originell gemachte funkige Tanz-Stücke und "Party Time" ein stimmungsvoller Uptempo Party-Blues. "My Wife", "I'm Tangled Up", "I'm With You Baby" und "Just For Me" brillieren dagegen eher als langsame und sehr seelenvoll gesungene Blues-Balladen. Als eines der besten David Brinston-Projekte ist "The Real Deal" ein uneingeschränkt empfehlenswertes Album, das eigentlich in keiner Southern Soul-Sammlung fehlen sollte.

DAVID BRINSTON: "TOO HOT"

R&B RECORDS R&BCD-0001 (erschienen 2003)

David Brinston 2003Im Gegensatz zu Brinston's "The Real Deal" hinterlässt "Too Hot" einen eher zwiespältigen Eindruck. Die Tanznummern "Cha' Cha'", "Shake That Booty" und "Too Hot" klingen alle ziemlich banal und langweilig und sind nichts anderes als überflüssige Album-Füller. Besser schneiden auch hier wiederum die Balladen ab. Herausragend und wirklich brilliant darunter ist der schöne und intensiv gesungene Southern Soul/Blues "She Robbed Me" mit einem feinen Tenorsax-Solo. Ein nettes Blues-Stück (in Moll) ist auch "Work With Me Baby", dessen Melodie ein wenig an den Klassiker "St. James Infirmary" erinnert. Empfehlenswert ist das Album "Too Hot" aber nur für wirklich "vergiftete" David Brinston-Fans!

DAVID BRINSTON: "FLY RIGHT"

SUSIE Q RECORDS SQCD-9111 (erschienen 2001)

David Brinston 2001David Brinston's Album "Fly Right" war vor 6 Jahren auf "Susie Q Records" erschienen, dem Label von Stan Lewis aus Shreveport/Louisiana. Es gehört sicher zu den besseren Werken des Soul/Blues-Sängers aus Mississippi. Leider scheint das Projekt nun vergriffen zu sein, sodass gewisse Suchkünste nötig sind, um noch eine Kopie der CD finden zu können. Die Scheibe enthält das stilistisch typische Songmaterial, wie man es auch von den anderen Projekten des Künstlers her kennt. "Straighten Up (and Fly Right)", "You're So Freak, Girl" oder "Party ('Till The Lights Go Out" sind gut gemachte Midtempo- oder Uptempo-"Party-Blues"-Songs. Im Titel "Don't Change The Blues" drückt der Künstler deutlich sein Unbehagen gegenüber der Musikindustrie aus, die seiner Meinung nach stets darauf aus ist, Bestehendes und Bewährtes zu verändern und auf den Kopf zu stellen. Als Co-Produzent war hier Marshall Jones mitinvolviert, jener Mann von "Jomar Records", der in den Neunzigerjahren Brinston entdeckt und mit ihm damals auch den Klassiker "Hit & Run" produziert hatte. Eine andere wichtige Person in Brinston's Karriere scheint die Songschreiberin Linda Stokes zu sein, die an 6 der hier präsentierten 10 Nummern Mitarbeit geleistet hat. Stokes ist übrigens auch als beachtenswerte Southern Soul/Blues-Sängerin in Erscheinung getreten - auf ihrer MySpace-Website sind zwei ihrer Titel ("Boyfriend" und "What A Difference") zum Anhören im Netz abrufbar.

Zählt man zu den hier besprochenen fünf CD-Projekten auch noch die beiden früheren Brinston-CD's "Hit & Run" und "Somebody's Cuttin' My Cake" dazu, erhält man ein diskografisches Gesamtwerk von sieben CD-Alben, die der Southern Soul/Blues-Mann David Brinston im Verlaufe der letzten 10 Jahre auf den Markt gebracht hat.

STEVE PERRY: "IT'S OKAY"

BLUESLAND RECORDS BLC00455 (erschienen 2007)

Steve Perry 2007Southern Soul/Blues-Sänger Steve Perry (nicht zu verwechseln mit dem Rock-Star gleichen Namens), dessen neuste CD "It's Okay" hier vorliegt, stammt aus Prattville/Alabama. Er singt den Blues auf professioneller Basis, seit er, wie er selbst sagt, als Club-DJ die Bühnenangst zu überwinden gelernt hatte. Dies soll etwa um die Mitte der 90er Jahre geschehen sein. Seither hat der Sänger, beginnend im Jahr 1998, auf seinem selbstgegründeten "Bluesland"-Label fünf selbstproduzierte CD-Alben veröffentlicht. Alle sind ungefähr nach dem gleichen keyboardlastigen Strickmuster verfasst und ähneln in ihrer Art auch anderen Selfmade-Produktionen aus dem eigenen Heim-Studio, wie sie in der Southern Soul Szene in den letzten Jahren häufig auf dem Markt erschienen sind. Dies ist jetzt absolut nicht abwertend gemeint! Ganz im Gegenteil: "Selbstgebackenes" ist ja bekanntlich geschmacklich dem industriell gefertigten Massenprodukt oft um Längen überlegen, wenn hinter dem Bäcker ein echter Könner steckt, und Soul Blues-"Bäcker" Perry ist eindeutig ein solcher Könner! Die Qualitäten seiner CD-Produktionen haben dabei jeweils bei jeder Neuerscheinung sogar noch zugelegt, und so besitzt sein neustes Projekt "It's Okay" echt Klasse und viel Charme! Wie bei vielen anderen jüngeren Sängern des Genres scheint auch hier der verstorbene Altmeister Tyrone Davis einen gewissen Einfluss auf den Gesang ausgeübt zu haben, was besonders in den Uptempo-Nummern wie beispielsweise "My Life", "What Are You Talking About", "Pop It Baby" und ganz besonders bei "My Love Is The Bomb" zum Ausdruck kommt. Wirklich brilliant sind hier aber vorallem die stimmungsvollen langsamen Balladen wie "Thank You Mama" (nicht verwandt mit dem gleichnamigen, unten erwähnten LJ Echols Song), "Swang", "Women Are Tired", "Somebody Here Is Lonely Too" (in Anlehnung an Sir Charles Jones's "Is There Anybody Lonely") und last but not least natürlich den superfeinen und ganz toll gesungenen Titelsong "It's Okay". Das Album ist ohne Zweifel Perry's bestes Werk bis heute. Freunde moderner Soul-Blues-Musik werden es sehr schätzen!

LJ ECHOLS: "WELL RUNS DRY"

BABY BOY RECORDS (erschienen 2007)

LJ Echols 2007Hier kommt eine überraschend aufgestellte Southern Soul/Blues-Neuheit eines jungen Newcomers namens Herman "LJ" Echols mit einem in Dallas/TX produzierten und aufgenommenen CD-Debut. Einzelne DJ- oder Promotion-Copies von Echols's Werk waren als 8-Song starkes Minialbum zwar schon seit einiger Zeit im Umlauf. Seit der Künstler kürzlich in den USA aber für die "New Artist Jus Blues Awards" nominiert wurde, wird das Album mit einem zusätzlichen neunten Track versehen nun auch offiziell und besser vertrieben. "Well Runs Dry" macht von A bis Z wirklich echt Spass! Sei es fröhlicher "Party Blues"-Sound wie im Stück "Girl U Look Good", bluesig-Trauriges wie in "One Reason" (mit Sam Cooke-inspirierten Vokal-Phrasen), Autobiografisches wie in "Give It All You Got" und "Thank U Mama" oder Nachdenkliches wie im Song "Doin' Fine", der die Hurricane Katrina-Katastrophe zum Thema hat - das Album besticht immer wieder durch sein erstklassiges Songwriting und den guten Gesang. Der Titel "Lady In Black" ist vielleicht ein Versuch von Echols, sich bei Fans von modernem "R'n'B" Gehör zu verschaffen, und Nummern wie "Keep It Going On" lassen vermuten, dass sich der Sänger und Songwriter gewisse Inspirationen nicht zuletzt auch aus der Musik der Quartettgospel-Szene geholt haben könnte... Rund um eine sehr tolle und empfehlenswerte CD!

BILLY SOUL BONDS: "HERE KITTY, KITTY"

WALDOXY (MALACO) RECORDS WCD-2844 (erschienen 2006)

Billy Soul Bonds 2006Begegnet bin ich dem Soul Blues Sänger Billy "Soul" Bonds erstmals vor ungefähr 21 Jahren während einer Reise quer durch den Süden der USA. In Jackson/MS stand natürlich auch ein Besuch beim Blues- und Gospelplatten- Produzenten James Bennett in seinem damaligen Record Shop am Medgar Evers Boulevard auf dem Programm. Auf eine an Bennett gerichtete Frage nach eventuellen Blues-Shows am Abend nannte er einerseits das Bobby Bland-Konzert, das zufälligerweise an jenem Tag gerade in Jackson stattfand, legte uns aber vorallem den Auftritt eines seiner "Newcomer"-Artisten, von dem er sehr viel hielt und mit dem er kurz vorher gerade ein Debutalbum produziert hatte, ans Herz. Die Entscheidung fiel leicht: Bobby Bland hatten wir ein paar Tage zuvor schon an einem anderen Ort live gesehen, und so folgten wir Bennetts Empfehlung und begaben uns abends in den kleinen "Palm Garden"-Club an der Martin Luther King Drive, in welchem der "Newcomer" Billy Soul Bonds einen Gig zu absolvieren hatte. Ein bisschen unwissend darüber, wie an solchen Club-Abenden normalerweise das Programm abläuft, tauchten wir viel zu früh am Ort des Geschehens auf, bezahlten die drei Dollar Eintrittsgeld pro Person und mussten dann erstmals die langandauernde Modeschau der Kleiderfirma, die den Auftritt von Billy Soul Bonds gesponsert hatte, über uns ergehen lassen. Als dies vorbei war und der Blues-DJ am Plattenteller die anwesenden Gäste mit Z.Z. Hill-, Bobby Bland- und Johnnie Taylor-Platten in die richtige Stimmung gebracht hatte, war dann endlich "Showtime". Den Anfang des Konzerts machte Lap Baker, eine lokale Blues-Grösse in Jackson mit seiner Band, welche in der Folge auch Billy Soul Bonds zu begleiten hatte. Als der eigentliche Star des Abends dann die kleine Bühne betrat, war es schon nach Mitternacht. In einen dunkelroten Mantel gehüllt, performte der Sänger vorallem die Songs, welche er kurz vorher auf seinem Debutalbum "Deep Inside My Soul" auf Bennetts Label M&T Records veröffentlicht hatte. Eindrücklicher Höhepunkt des Auftritts damals von Billy Soul Bonds war eine ergreifende Interpretation der Ballade "Are You Leaving Me?", die das anwesende Publikum richtig zu Tränen rührte.

Dies geschah alles im Mai 1986. Unterdessen sind wie erwähnt fast 21 Jahre vergangen, und aus dem damaligen "Newcomer" ist in der Zwischenzeit ein gestandener und sehr erfolgreicher Chitlin Circuit Soul/Blues-Star geworden. Neuerdings hat Bonds das Glück, dass seine Platten von Malaco Records vertrieben werden, sonst wäre sein momentaner Hit "Scat Cat, Here Kitty Kitty" wohl kaum ein derart grosser Erfolg geworden. Diese Balladen-Nummer mit dem lieblichen Miauen seiner vier Vokalgruppen-"Katzen" Thomisene Anderson, Jewel Bass, Rose Richardson und Tonya Youngblood ist aber auch ein echter Ohrenschmaus! Auf dem Stück "Give Them Their Flowers" verteilt der Sänger dann reichlich Blumen an all die verstorbenen und noch lebenden Soul- und Blues-Legenden. Vorallem Tyrone Davis wird gegen das Song-Ende grosszügig damit beschenkt. Der Rest der CD besteht aus mehr oder weniger soliden Uptempo-Southern Soul Nummern ("Movin' On Again", "Bedroom Workout", "I Ain't No Gopher Rat") und schönen Herz/Schmerz-Balladen ("It Took Someone Like You", "I'm Gonna Do Betta, Baby"). Ja, und auch eine swingende 12Takt Bluesnummer ("I Failed") wollte der Künstler auf dem Album haben, in welcher mich der Sänger ein bisschen an die R&B-Legende Brook Benton erinnert. Die Songs wurden von Billy Soul Bonds alle selbst verfasst, während ihm beim Arrangieren der alte Muscle Shoals Horns Veteran Harrison Calloway mitgeholfen hat.

FRANK MENDENHALL: "HARD TIMES"

WURST ACT RECORDS WAR-1448 (erschienen 2004)

Frank Mendenhall 2004Der aus Mobile/Alabama stammende und heute von Washington DC aus operierende Soul/Bluesmann Frank Mendenhall konnte sich vor etwas mehr wie 10 Jahren in der Southern Soul-Szene mit den beiden Songs "Time" und "Shon't Don't Don't" an zwei kleinen Hits erfreuen. Seitdem ist es wieder etwas ruhiger geworden um den Sänger und Gitarristen, obwohl er mit dem hier vorgestellten CD-Projekt (2004 wiederum auf seinem eigenen Label "Wurst Act Records" erschienen) zeigt, dass er immer noch präsent und musikalisch aktiv ist. "Hard Times" ist meines Wissens das letzte Album des Künstlers und seine dritte CD-Scheibe nach "Sweet Love" und "Time". Mendenhalls Musik ist ein Paradebeispiel für das, was man gemeinhin als "Downhome Southern Soul" bezeichnet. Sie hat starke Wurzeln im traditionellen Countryblues, Gospel und Southern Soul der Sixties, das heisst, sie ist zwar simpel, aber ehrlich, erfrischend und zeitlos und verzichtet auf jeglichen unnötigen und aufwändigen Mode-Produktions-Schnickschnack, wie er heutzutage sonst häufig die Regel ist. Begleiten lässt sich Mendenhall hier von einem kleinen Trio, bestehend aus einem Bassisten, einem Keyboarder und einem Drummer; d.h. die Produktion klingt "handgemacht" und "live" eingespielt. Etwas unnötig sind höchstens die beiden hier vorhandenen "Remixes" der Hits "Time" und "Shon't Don't Don't". Die Originalversionen sind ganz einfach besser.

J.J. JONES: "SAXUALLY ROMANTIC"

JAYMAN RECORDS JMR 106 (erschienen 2006)

J.J. Jones 2006Der aus Atlanta/GA stammende Saxophonist Jesse James Jones arbeitete einst als Bandleader für die Blueslegende Jimmy Witherspoon, war in den 50er und 60er Jahren aber auch als Studiomusiker tätig und als solcher bei Plattensessions von Sam Cooke, Larry Williams und anderen Grössen des Rhythm & Blues mitinvolviert. Gleichzeitig war der Musiker aber auch in der Jazzszene zu Hause. Jones soll sich danach während der letzten 30 oder mehr Jahren ganz vom Musikerjob verabschiedet und sein Instrument nicht mehr angerührt haben. Nun ist er aber "rückfällig" geworden und und will uns mit seinen warmen und gefühlvollen Saxophonsounds auf diesem Comeback-Album aufs Neue umschmeicheln und verwöhnen. Gospelstar Sandra Crouch's Zwillingsbruder Don Herron greift auf dieser Produktion als Keyboarder gekonnt in die Tasten. Wer auf sanften, romantischen Balladenjazz oder ganz allgemein auf instrumentale Entspannungsmusik steht, wird an dieser schön produzierten CD sicher seine Freude haben. Das Album hat stilistisch aber (leider für uns "Hard Core"-Soul/Blues-Fans) nur wenig Bezug zu Blues und Southern Soul.

NELLIE TIGER TRAVIS: "WANNA BE WITH YOU"

DA MAN RECORDS DAMA-9098 (erschienen 2005)

Nellie Tiger Travis 2005Nellie Tiger Travis - ist das nicht die Sängerin, die gelegentlich als Vertreterin des "Chicago-Blues" bei uns in Europa umher tourt? Genau! Die aus Mississippi stammende, aber in Chicago ansässige Künstlerin ist eben schlau genug, um zu wissen, dass unser hiesiges (sprich europäisches) Bluesfan-Publikum mit Vorliebe auf 12-Takt-Formen und "Chicago-Blues" abfährt und sich dabei nicht so sehr darum kümmert, was in den USA in der dortigen schwarzen (Soul-)Bluesszene in Wirklichkeit populär ist. Die Kunst der Anpassung beherrschten vor vielen Jahrzehnten ja schon andere clevere Bluesleute, wie beispielsweise Big Bill Broonzy, welcher seinerzeit sein eigenes (schwarzes) Publikum zu Hause mit rassigem Grossstadt-R'n'B zu unterhalten pflegte, während er sich hierzulande gleichzeitig, unseren damaligen Vorstellungen von "Blues" schön angepasst, als den verträumten ländlichen "Folkblues"-Mann mit akustischer Gitarre zu präsentieren verstand. Mit der exzellenten modernen Soul/Blues-Produktion "Wanna Be With You" wendet sich Nellie Tiger Travis nun aber an das "andere" Publikum, eben jenes in ihrer Heimat und muss dabei, der Musik nach beurteilt, vorallem die Szene des Chitlin-Circuit der Südstaaten im Visier gehabt haben. Die Songs dieser CD sind genau nach jenem Muster gestrickt, wie es die Radiostationen dort so sehr mögen, d.h. sie sind sehr "soulful" gesungen und gleichzeitig sparsam, aber prägnant instrumentiert, wobei vorallem das Keyboard den Begleitsound liefert. Die beiden Alben auf dem "Mardi Gras"-Label der Sängerin Tonya Youngblood (ganz unten auf der Reviews-Seite von 2004 besprochen) sind ein guter Vergleich dafür, was den Fan von Nellie Tiger Travis's Ausflug in die Gefilde des Southern Soul/Blues auf diesem CD-Album erwartet. Superslowies wie die Songs "Super Woman" oder "I Wanna Be With You", oder auch die Radiohits "You Gonna Make Me Cheat" und "If I Back it Up" sind Highlights der CD-Scheibe, und auf "Sex Machine" macht die Sängerin titelgerecht die beste Werbung für gute Schlafzimmer-Aktivitäten! Der Song "One Of These Days" ist (zumindest auf meiner Kopie) leider nur als 40 Sekunden-Clip vorhanden - schade! Als Produzent (und vermutlich auch als Instrumentalist) war bei diesem Projekt Floyd Hamberlin Jr zuständig, der in der Vergangenheit schon bei Stan Mosley, Charles Wilson oder Tyrone Davis für Erfolge im Soul/Blues Business gesorgt hatte. Ein echt gefreutes Album!

"THE MEMPHIS TRI-STATE BLUES FESTIVAL" featuring Willie Clayton, Latimore, Theodis Ealey, Bobby Rush, Tyrone Davis (DVD)

HEG RECORDS (erschienen 2005)

The Memphis Tri-State Blues Festival DVD 2005Erstaunlicherweise sind Veröffentlichungen im audio-visuellen DVD- oder VHS-Format von Southern Soul/Blues-Konzerten auch heute noch ein relativ rares Ding auf dem Musikmarkt angesichts der Tatsache, dass Shows dieses Genres im Süden der USA doch immer wieder grosse Massen begeisterter Fans in die Konzerthallen und an Open Air-Veranstaltungen zu locken vermögen.

Der hier vorgestellte Konzertmitschnitt der alljährlich jeweils im Sommer durchgeführten Veranstaltung wurde am 14. August 2004 im DeSoto Civic Center (das sich etwa 3 Meilen ausserhalb von Memphis TN befindet) aufgenommen. Leider lässt die Soundqualität des DVD-Projekts ziemlich zu wünschen übrig. Schuld daran ist einmal mehr die typische Akustik riesiger Veranstaltungshallen mit ihren Echo- resp. Nachhall-Problemen. Die Show startet mit Willie Clayton, der momentan bei seinem neuen Label Malaco Records grosse Erfolge feiert und hier einige seiner bekannten Soul/Blues-Hits wie "Love Mechanic", "Wiggle", "Three People" etc. zum Besten gibt. Trotz der schlechten Akustik scheint der Auftritt des Sängers bei seinem mehrheitlich weiblichen, afro-amerikanischen Fan-Publikum aber bestens anzukommen und für gute Stimmung zu sorgen. Auch der nachfolgende Set des Florida-Soul-Veteranen Benny Latimore klingt ziemlich "verscherbelt" und verhallt. Abgesehen davon ist sein Vortrag der Deep-Soul-Ballade "Mountain Top" aber echte Spitzenklasse und eines der High-Lights der ganzen DVD-Scheibe. Natürlich darf bei Latimore's Auftritt auch sein Hit "Let's Straighten It Out" nicht fehlen. Dass die Produzenten der DVD das Stück kurz nach dem Elektropiano-Solo dann aber abrupt abgeklemmt haben, ist ein echtes Aergernis! Der Sänger hätte es wahrlich verdient, hier etwas ausführlicher portraitiert zu werden! Aber: The show must go on - und der "Stand Up In It-Man" Theodis Ealey betritt als nächster Star die Bühne. Eingeblendet werden bei den meisten Künstlern auch einige ihrer Meinungen oder Statements zu ihrer Musik. So sieht sich Ealey beispielsweise mehr als Musiker und nicht so sehr als "a great singer". Zudem outet er sich als grosser Chuck Berry-Fan - "I always wanted to be like Chuck", kommentiert er mit verschmitztem Lächeln.... Wiederum werden hier einige Songs schnipselmässig gekürzt, wie z.B. die Nummer "All My Baby Left Me Was A Note, My Guitar and The Cookie Jar", und nur Ealey's Super-"Party Blues"-Hit "Stand Up In It" entging glücklicherweise dieser ärgerlichen Prozedur. Nach dieser Stimmungsbombe läuft das Programm gleich wie am Schnürchen weiter, und schon betritt mit Bobby Rush der nächste Showman die Bühne. Ja, eine Show wird hier wahrlich geboten, zumindest für das (männliche!) Auge: Gleich zu Beginn seines Sets marschieren an Rush's Seite seine berühmten Show-Tanzdamen auf, um wacker und ausgiebig die Bauchmuskulatur spielen und Hüften und vorallem Hintern wackeln zu lassen. Auf der musikalischen Seite bietet der "Folk Funk"-Meister sein bekanntes Potpourri aus Blues-Funk und traditionellem Chicago-Blues (siehe mein Konzertbericht seines schweizerischen Auftritts am 2004er Bluesfestival in Bellinzona auf der ersten Seite), wobei auch seine Blues-Harp kurz mal zum Einsatz kommt. Highlight und Schlussnummer von Rush's Auftritt ist hier natürlich das Erfolgsstück "Sue" mit der Geschichte, in welcher in humorvoller Art und Weise die Frage geklärt wird, wer schlussendlich, ob er oder seine wohlbeleibte "Sue", in der angedeuteten Affäre "die Hosen anhaben" und "Chef" spielen darf. Der Schlussakt des Konzerts ist dem legendären Tyrone Davis vorbehalten, der hier sein letzter gefilmter Auftritt vor seinem fatalen Schlaganfall mit Todesfolge absolviert. Leider scheint dieses letzte von ihm erhaltene Filmdokument qualitativ nicht gerade zu seinen Topauftritten zu zählen. Der Sänger wirkt müde und gestresst und hat sichtbar Mühe, sein Programm einigermassen zufriedenstellend über die Runden zu bringen. Ob er hier wohl schon von seiner schweren Erkrankung gezeichnet ist? Zusätzlich passiert dem Gitarristen der Begleitband gleich zu Beginn des Sets ein dummer kleiner Falschnoten-Schnitzer, der von Tyrone mit nicht gerade nettem Blick "zur Kenntnis" genommen wird und zusätzlich noch auf die Stimmung zu drücken scheint. Trotz alldem agiert das Publikum sehr loyal ihrem geliebten Blues-Idol gegenüber und applaudiert ihm zwischendurch immer wieder nett zu. Die gefreuteste hier von Tyrone dargebotene Gesangsnummer ist eindeutig seine Interpretation des Ronnie Lovejoy-Songs "Sho Wasn't Me".

Obwohl die DVD einige Mängel aufweist, ist sie doch eine gute audio/visuelle Dokumentation, was und wer heutzutage in der afro-amerikanischen Soul/Blues-Welt Popularität geniesst. Sie ist deshalb jedem echten Fan dieser Musik zu empfehlen (die DVD ist erhältlich im Shop von BluesCritic oder von IntoDeep Music).

Zum Schluss  noch ein Tipp zu Tyrone Davis: In wirklicher Topform zu sehen ist der Sänger auf den folgenden drei YouTube-Videos:
http://www.youtube.com/watch?v=kn0nakssEok
http://www.youtube.com/watch?v=ShP0W8lg4dQ
http://www.youtube.com/watch?v=tVnZt-Bxlao

THEODIS EALEY: "I'M THE MAN YOU NEED"

IFGAM RECORDS IFG-18 (erschienen 2006)

Theodis Ealey 2006Unseren einheimischen Soul/Blues-Fans muss man den Sänger-Gitarristen Theodis Ealey wohl kaum speziell vorstellen. In den vergangenen 90er Jahren unterhielt das unterdessen eingegangene, vom Engländer John Abbey gegründete Schallplattenlabel Ichiban Records hier in der Schweiz eine Zweigstelle, was für viele damals bei diesem Label vertraglich verpflichtete Künstler gute Auftrittsmöglichkeiten in unserem Land und unseren Musikclubs bedeutete. Trudy Lynn, Vernon Garrett, der inzwischen verstorbene Buddy Ace, Charles Wilson, Travis Haddix, Jesse Graham, Millie Jackson, Willie Clayton, John Ellison, Joey Gilmore, William Bell und und und.... alle traten damals mehr oder weniger regelmässig hier auf - und eben auch Theodis Ealey, der zu jener Zeit noch nicht so recht wusste, ob er sich eher dem gitarrenlastigen "Blues-Rock" zuwenden oder den Sprung in die Welt des "Chitlin' Circuit" wagen sollte.  Dass er unterdessen eindeutig und sehr erfolgreich beim Letzteren gelandet ist, ist mindestens seit seinem 2004er-Hit "Stand Up In It" klar.

Mit "I'm The Man You Need" stellt der Künstler nun sein neustes Album vor, welches er in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Bruce Billups realisiert und wiederum auf seinem eigenen "Ifgam"-Label veröffentlicht hat. Die Scheibe startet mit "Sumpin' Sumpin'" in bester Marvin Sease-inspirierter "Party-Blues"-Manier, gefolgt von "Pop That Middle". Kommt uns dieser zweite Song nicht irgendwie bekannt vor? Recht geraten: Ealey benutzt hier den selben instrumentalen Backing-Track, den 1994 der Sänger Jesse Graham für seinen Song "Mr. Mailman" schon einmal verwendet hatte. "Please Let Me In", Nummer drei in der Folge, ist ein ausgesprochen hübsches typisches Southern Soul-Lied, das momentan im Chitlin Circuit ziemliche Hit-Erfolge feiert. Das "Drehbuch" der Story: Ein armer Theodis wird von Frau wegen ungebührlichem Verhalten vor die Türe gesetzt und muss nun "with tears in my eyes" auf die Knie gehen, um "with my heart in my hand" zu betteln: "Please let me in, let me in - let me come back home again - this time I'll be a better man". Am Schluss des Songs wird dann endlich das befreiende "come on in, Theodis" ausgesprochen... echt Klasse! Titelstück resp. Track vier ist eine Neuversion von "I'm The Man You Need", das Theodis erstmals 1992 für sein Debutalbum "Headed Back To Hurtsville" aufgenommen hatte. Der Song lieferte später bekanntlich die Grundstruktur für Ealey's Super-Hit "Stand Up In It". Von den übrigen Nummern der CD erwähnenswert ist eine hübsche Coverversion des Marvin Gaye-Klassikers "Let's Get It On", dem noch "Sexual Healing" angehängt wird, den stimmungsvollen 12-Takt-Blues "Looking Up At The Bottom" und "You And I Together", eine Southern Soul/Blues-Ballade. Auf "Baby Why" liefert Bluesmann Willie Hill (auch ein ehemaliger "Ichiban Records"-Artist) die Backing Vocals. Vorhanden ist auch ein (für meinen Geschmack eher unnötiger) "Remix" von "Stand Up In It", eine instrumentale Gitarrennummer ("Theo's Groove") und (im Schlusstitel "The Reason For The Season") ein netter, von akustischen Gitarren begleiteter Christmas-Blues. Die CD "I'm The Man You Need" ist sicher eine von Ealey's besten Alben.

BETTY PADGETT: "NEVER COMING HOME"

MEIA RECORDS (erschienen 2006)

Betty Padgett 2006Betty Padgett stammt ursprünglich aus New Jersey, baute ihre Gesangskarriere jedoch in Florida auf. Die ersten Schritte in diese Richtung tat sie, als sie dort als zweite Vokalistin der Band des Blues-Gitarristen und -Sängers Joey Gilmore beitrat. Ihr 1981 erschienenes Album "Sweet Feeling" war vielleicht der erste ernsthafte Versuch, sich als Soul-Blues-Sängerin in eigener Regie unabhängig zu machen und sich auf Solo-Pfade zu begeben. Die Künstlerin gab mal in einem Interview an, ursprünglich von Stars wie der Supremes, von Laure Lee, Betty Wright oder Aretha Franklin zum Singen inspiriert worden zu sein, in ihrer Jugend aber nie Gospel gesungen zu haben - eine grosse Rarität wohl unter Sängern, die diesen Musikstil pflegen! Spätere Albumproduktionen (beispielsweise "30 Second Man" von 1998 oder "Closet Lover" von 2004) lassen auch den grossen Einfluss erahnen, den die "Queen of the Blues" Denise LaSalle auf Betty's Gesangsstil ausgeübt haben muss.

Auf "Never Coming Home", Betty's neuestem Werk, scheint sich die Sängerin ganz selbst gefunden zu haben. Das Album klingt sehr homogen und auch "selbstbewusst" und startet mit einer wunderbar intensiven Deep-Soul-Ballade im Titel "Sneaking Around". Ueber den langsamen Balladentitel "Come On Over" und den sehr seelenvoll gesungenen Blues "Best Friend My Lover" gelangen wir zum grossen Hi-Light der CD, zum Titelstück "Never Coming Home". Ein leises Elektropiano eröffnet hier einen der besten "Cheating"-Songs, den die Szene in den letzten Jahren zu hören bekam. Die gut 5 Minuten Spielzeit des Stücks werden von der Sängerin alsdann zu einer eindringlichen "Abschiedspredigt" genutzt, die sie ihrem fremdgehenden Partner hält und ihm dabei in allen Details erklärt, wie ihr Leben von nun an ohne ihn weitergehen wird. Diese Nummer ist ein echter Knüller wie auch ein zukünftiger Klassiker des Genres - und momentan ein vielgespielter Hit an zahlreichen Soul/Blues-Radiostationen quer durch den US-Süden! Der Rest des Albums teilt sich auf in einen Mix aus Uptempo-Southern Soul ("Rock Your Boat", "Hey Boy", "Bounce" und "Check Youself"), swingendem 12 Bar-Shuffle-Blues ("Perfect Man") und einer weiteren schönen Deep Soul-Nummer ("I Found A Love"). "Never Coming Home" ist bis jetzt Betty Padgett's überzeugendstes und bestes Album. Ein Projekt solcher Klasse hätte es natürlich auch echt verdient, von einem geeigneten grösseren Schallplattenlabel (MALACO hellooo - do you hear us?) übernommen und gepusht zu werden.....

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© by Chris Lange *** Update December 23, 2007