Southern Soul/Blues
und Gospel CD- und DVD-Reviews und Tipps:

CD- und DVD Reviews von 2005

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LAST EDITION: "MID-LIFE CRISIS"

MYSTERIOUS RECORDS MRD 43006 (erschienen 2005)

last_edition.jpg (11146 Byte)"Mysterious Records" aus Oakland Park/Florida präsentiert uns mit diesem Projekt des Vokal-und Instrumental-Quartetts "LAST EDITION" ein hübsches modernes R&B/Soul-Album der gepflegten Art. Mit anderen Worten: Diese Produktion hat zwar keine speziellen Blues-Bezüge, besitzt jedoch Klasse und Stil, ist sexy, funky und süss zugleich und ist mit den schön unter die Haut gehenden Vokal-Eskapaden des Gruppenchefs, Multi-Instrumentalisten und Leadsängers Kevin Foster auch sehr soulful. Acht der hier präsentierten dreizehn Tracks sind Eigenkompositionen und gehen vorallem auf das Konto des Leaders. Co-Sängerin Julia Foster und Saxophonist Gary Palmer haben beim Songwriting auf einigen Nummern ebenfalls mitgeholfen. Von den Fremdkompositionen  überzeugt in erster Linie Beabo Brysons "FEEL THE FIRE", eine Soulballade, die durch die Background-Vocals eine gospelintensive Stimmung generiert und die von Kevin sehr gut gesungen ist. "3 TIMES (I'M IN LOVE)" ist sanfter Soft-Soul mit einem heissen Saxophon-Solo von Gruppenmitglied Gary Palmer, die ideale Musik für gehobene Stimmung zu später Nachtstunde in trauter Zweisamkeit... Ein sehr eindrücklicher Song ist das Titelstück "MID LIFE CRISIS". Er geht in bitter-süsser Art auf das im Song angesprochene Thema ein. Jazziges, gepaart mit kühlen Sade-inspirierten Gesangsparts von Julia Foster hören wir in "IS IT A CRIME", während Kevin sich in "ONLY YOU" die Interpretation eines Old School-Titels von Teddy Pendergrass vornimmt. Ein spezielles Hi-Lite ist die sehr intensiv gesungene Loveballad "SPECIAL KIND OF FOOL". Dies ist ein Song mit echtem Hitpotential, bei dem Erinnerungen an Bobby Womack in seinen besten Momenten wach werden. Sehr "catchy" ist auch die sanfte Ballade "COME OVER FOR DINNER" mit ihrem cleveren Keyboard-Arrangement.

CHUCK ROBERSON: "EXPRESSIONS OF YESTERDAY"

CRUISE ON RECORDS CRO-001 (erschienen 2004)

Chuck Roberson 2004Nach einer mehrjärigen Episode beim Memphis Label Ecko-Records werden wir hier zur Abwechslung mit einer netten Compilation aus älteren Aufnahmen des erfolgreichen Southern Soul/Blues-Veteranen überrascht. Einige der hier wiederveröffentlichten Tracks erschienen ursprünglich auf Roberson's 1987er-LP "I DON'T THINK YOU HEARD ME YET" (Traction Records). So z.B. die Titel "HIT IT AND GET IT" (original "HIT & GIT"), "GOOD THING MAN" (eine Coverversion des Frank Lucas-Hits), und "I CAN'T LEAVE YOUR LOVE ALONE". Weitere Songs haben ihren Ursprung im 1988er LP-Album "LOLLY POP MAN" (Vision Records) wie z.B. das Titelstück "LOLLYPOP MAN" (hier natürlich in der Original-Version), "DO IT ALL OVER" oder "LET'S STAY TOGETHER". Diese letzterwähnte hübsche Nummer könnte stilistisch fast eine Hommage an den verstorbenen Tyrone Davis sein. Schade, hatten hier nicht auch noch einige von Chuck's älteren Aufnahmen aus den Siebzigern ein Plätzchen gefunden. Seine simpel produzierten, aber sehr seelenvollen Downhome Southern Soul-Juwelen von Jesse Boones Soul-Po-Tion/Albradella Label wie "You Gonna Miss Me When I'm Gone" oder "Are You Woman Enough?" wären auf diesem Album sicher viel besser platziert gewesen wie beispielsweise der altmodisch klingende Dance-Pop-Song "GIVE ME SOME OF THAT". Und noch ein kleiner Kritikpunkt: Wieso wurde nicht die viel bessere Version von "YOU GONNA MAKE ME CRY" aus der Traction LP gewählt als Einstiegsnummer? Die hier verwendete, mit lauten Synthesizer-Horns überladene Version ist der knackig-schlanken Traction-Produktion wohl kaum ebenbürtig. Trotz der erwähnten kleinen Unstimmigkeiten ist Chuck Roberson's "EXPRESSION OF YESTERDAY" aber eine sehr gefreute Sache mit einigen ganz tollen Hi-Lites und sicher eines von Chuck's besten Alben, wie auch eine wohltuende Abwechslung zu seinen meist voll "durchprogrammierten" Projekten auf dem Ecko-Label. Die Puristen unter den Soul-Blues-Fans werdens ihm verdanken!

MARVIN SEASE: "LIVE WITH THE CANDY LICKER"

MALACO RECORDS MCD 7520 (erschienen 2005, auch als DVD)

Marvin Sease 2005Auf ein Live-Album des "King of the Chitlin Circuit" Marvin Sease haben viele Southern Soul/Blues-Fans mit Sicherheit schon lange gewartet. Endlich gingen nun die Wünsche in Erfüllung mit dieser Live-Aufnahme eines Konzerts, das am 14. Januar 2005 in Montgomery/Alabama stattfand. Malaco Records bietet das Werk als Bonus gleich in 2 Versionen an, als normale CD wie auch in einer DVD-Version. Zu erwähnen ist vielleicht, dass dieses Live-Projekt praktisch kein neues Songmaterial enthält. Unser "Candy Licker" gibt hier ganz einfach sein normales Show-Programm zum Besten, mit all den unvergessenen Songs und vergangenen wie auch neueren Hits seiner nun fast schon 20-jährigen Erfolgskarriere. "Hoochie Mama" fehlt da ebensowenig wie "Double Crosser", "I Can't Believe", "Sit Down On It", "I Ate The Whole Thing", der Anti-Drogensong "Live My Life Again" oder "Please Take Me". Ein angemessenes Plätzchen auf dem Album findet natürlich auch Marvins erster grosser Hit "Candy Licker". Dieser legendäre "Party-Blues"-Heuler fungiert hier als Schlussnummer der Show. Viele Momente des Albums erinnern in der Interpretationsweise stark an Gospel, wie beispielsweise im Stück "Marvin's Testimony" oder in "I'm Mr. Jody". Nur die profanen Texte der Songs lassen uns zwischendurch immer wieder bewusst werden, dass hier erdverbundener Rhythm&Blues und keine spirituelle Kirchenmusik zelebriert wird. Erinnerungen an Joe Tex tauchen auf, oder auch an klassische Live-Alben wie "Soul Alive!" von Solomon Burke. Ganz super in Form präsentiert sich auf dem Werk auch die Begleitband des Sängers, bestehend aus einer soliden Rhythm Section, einem Background-Vokalisten und vier Bläsern - eine echte Wohltat im Vergleich zu den oft saft- und kraftlos wirkenden Sounds der heutzutage gängigen, meist "synthetischen" Studio-Produktionen der Southern Soul/Blues-Musik. Fazit: Ein Album, das (am besten in der DVD-Version!) unbedingt in jede Southern Soul/Blues-Sammlung gehört!

WILLIS PUGH: "SIT DOWN ON IT"

HEP ME RECORDS HP-1124 (erschienen 2005)

Willis Pugh 2005Erstaunlich, wie es Produzent Senator Jones immer wieder schafft, für sein kleines "Hep' Me"-Label neue junge schwarze Gesangstalente mit bewundernswürdigen Ambitionen in Richtung Southern-Soul und Blues-Musik zu finden. Dass auch in dieser Musikgattung Karriere zu machen ist und nicht nur im schnelllebigen HipHop- und "R'n'B"-Schnulzen-Business, hat vor einigen Jahren ja schon einmal Sir Charles Jones eindrücklich vordemonstriert. Der 26-jährige Willis Pugh ist der neuste Soul/Blues-"Star" im Hause Hep' Me-Records. Der Sänger bedeutet zwar kaum eine direkte Konkurrenz für den erwähnten Sir Charles Jones; dazu fehlt ihm ganz eindeutig das exquisite Stimmorgan des gefeierten "New King of Southern Soul". Trotzdem ist der Newcomer und sein CD-Debut "Sit Down On It" eine willkommene Bereicherung für die aktuelle Southern Soul-Szene.

Den Start ins Album schafft Willis Pugh mit dem selbstkomponierten Titel "Cheating". Das Stück ist eine intensive, langsame Blues-Ballade, in welcher der Sänger von einer weiblichen Stimme unterstützt wird, deren Name im CD-Beiblatt leider nirgends Erwähnung findet. Wir tippen der Stimme nach beurteilt am ehesten auf Little Kim Stewart, die ebenfalls ein Jungtalent von Senator Jones' Hep' Me-Label ist. Das nachfolgende Titelstück "Sit Down On It" ist zwar keine direkte Cover-Version von Marvin Seases Antwort-Song auf Theodis Ealeys "Stand Up In It", übernimmt von den beiden Nummern aber Thematik und Melodiefragmente. Als Songwriter ist bei diesem Titel Mark Stafford angegeben, der noch vier weitere Songs beigesteuert und das Album arrangiert, aufgenommen und co-produziert hat. Ob es sich hier um den selben Mann handelt, der als Mark Safford (ohne "t") bei der Gospel-Quartettgruppe "Joyful Sounds" mitwirkt? "Party With Me", um mit der Songreihenfolge fortzufahren, ist typischer Party-Blues-Sound, wie er an Wochenenden in den Juke Joints der Südstaaten jeweils für ausgelassene und gutgelaunte Stimmung sorgt. "Let Me Be" ist eine langsame, gospelmässig gesungene, resp. "gepredigte" Southern Soul-Love-Ballade - mit ihrer zusätzlichen schönen Soul-Gitarre eine der besten Nummern der CD. Die restlichen sechs Titel sind mehr oder weniger mittelschnelle Southern Soul Songs eher traditionellen Stils, von denen die selbstgeschriebene, sehr gute Nummer "Leaving Me" herausragt und vielleicht auch Hit-Potential am Südstaaten-Soulblues-Radio hätte.

DAVID BRINSTON: "SOMEBODY'S CUTTIN MY CAKE"

METT RECORDS (erschienen 1999)

David Brinston 1999Zur Abwechslung möchte ich hier kurz ein CD-Album vorstellen, das mit dem Erscheinungsjahr 1999 schon fast zu den "Oldies" gehört. Nebst Luther Lackey, Nathaniel Kimble und O. B. Buchana gehört David Brinston zu den Top-Artisten der aktuellen Soul/Blues-Szene der Region rund um Clarksdale/Mississippi. Bis heute hat der Sänger mindestens fünf CD-Alben veröffentlicht. "Somebody's Cuttin My Cake" (sein zweites oder drittes Album-Projekt) hat Brinston in Memphis/TN eingespielt. Die CD startet mit dem Titelsong, einer über 6-minütigen, schönen und eindrücklichen Moll-Blues-Ballade, gefolgt vom ebenso gelungenen "Two-Way Love Affair". Dies ist ein superfeiner "Cheating"-Song direkt aus der Tyrone Davis-Schule mit einem knackigen Gitarren-Intro von Memphis-Studio-Gitarrenkönig Thomas Bingham und einem von Brinston effektvoll "gerappten" Mittelteil. Diese Glanznummer war seinerzeit ein grosser Radio-Hit quer durch die amerikanischen Südstaaten. Das Stück wird auch heute noch oft am Radio gespielt und ist schon sowas wie ein Southern Soul-Klassiker. Ebenso brilliante Songs (mit weiterer feiner Gitarren-Arbeit von Thomas Bingham) sind auch die Stücke "Located", "I'll Be There" und "Pay The Cost". Einzige schwache Nummer ist vielleicht der Titel "Joy"; Brinstons Versuch, hier ala Smokey Robinson zu singen, wirkt leicht gekünstelt und kitschig.

LUTHER LACKEY: "I'M TALKING TO YOU"

GOOD TIME RECORDS GOT 7606 (erschienen 2005)

Luther Lackey 2005Nach zwei Kleinlabel-Produktionen für den Lokalmarkt in Mississippi und einem "Flirt" mit Countrymusic erscheint das neuste Album von Soul/Blues-Sänger Luther Lackey nun auf dem in den USA relativ gut vertriebenen "Good Time Records"-Label (siehe auch die auf dem gleichen Label erschienene CD "Blues Party" von O.B. Bryant etwas weiter unten). Der heute etwa 35 jährige Luther Lackey soll der Sohn sein von Blueslegende Wade Walton - des verstorbenen, singenden Haareschneiders aus Clarksdale/Mississippi. Die traditionellen Downhome-Blues-Einflüsse seines Vaters kommen hier denn auch in Titeln wie "Knock The Dust Off" oder "She Cheated, She Lied" deutlich zum Vorschein. Die Songs auf dem vorliegenden Album hat Lackey im Alleingang zu Hause im Homestudio produziert und begleitet seinen Gesang auf geschmackvolle Art und Weise eigenhändig auf diversen Keyboard-Instrumenten, Perkussion und an der Gitarre. Auch die Background-Vocals singt der Künstler selbst. Nebst den erwähnten zwei Downhome-Bluesnummern hören wir hier Funk-Blues ala Bobby Rush ("Hell In The Bed", "Can I Tap That", "I Smell Funk") und vorallem ausgiebig gospel-inspirierten Southern Soul, der stilistisch gelegentlich etwas an Bobby Womack oder manchmal auch an Clarence Carter erinnert. Beeindruckend sind hier vorallem Nummern wie Titelstück "I'm Talking To You", "Scared Of Gettin' Caught", "Thang Played With", "I'm Going Home" und "Trapped In The Walk" wegen ihrem sehr intensiven und emotionellen, richtiggehend "gepredigten" Gesang. Eine schöne, auf dem Keyboard gespielte "Bluesgitarre" ist auf "She Only Wants To See Me On Friday" zu hören. Dieses Stück war letztes Jahr in der Cover-Version von "Mr. Zay" (auf Mardi Gras Records) übrigens ein vielgespielter Hit am US-Südstaaten-Radio.

Obwohl ein mit bescheidenen Mitteln produziertes Projekt, ist Luther Lackey's "I'm Talking To You" ein sehr überzeugendes Album, das nachhaltig Freude bereiten wird!

THE CANTON SPIRITUALS: "LIVE IN MEMPHIS"

BLACKBERRY RECORDS BBD 1600 (erschienen 1993)

Canton Spirituals 1993Dieses klassische, vor 11 Jahren erschienene Album der aus Canton, Mississippi stammenden "Canton Spirituals" stellen wir hier aus Anlass des Todestages des vor 10 Jahren verstorbenen Harvey Watkins Senior, der ein originales Gründungsmitglied der Gruppe war, vor. Das Album ist mit Abstand eines der besten, das die legendäre Formation je aufgenommen hat. Die auch heute noch sehr erfolgreichen "Canton Spirituals" wurden vor etwa 60 Jahren, d. h. anfangs oder Mitte der 40er-Jahre gegründet. Ihre originalen Mitglieder waren der damals erst 14-jährige Harvey Watkins Sr., Eddie Jackson, Theodore Thompson und Roscoe Lucious. Jahrzehntelang blieb das Quartett ohne Plattenvertrag und war höchstens ein "Insidertipp" der lokalen Gospelszene, bis sich in den "Seventies", d.h. gut 30 Jahre später der Schallplatten-Produzent James Bennett aus Jackson/MS um die Karriere der Gruppe zu kümmern begann und sie vertraglich für sein Label "J&B Records" verpflichtete. Das während dieser Zeit entstandene Album "MISSISSIPPI PO' BOY" (J&B LP 0069) war ein erster grosser nationaler Hit-Erfolg für die Cantons. Einem Disput mit ihrem Produzenten Bennett (wegen finanzieller Belange) folgend, wechselte die Gruppe anfangs der 90er-Jahre ihr Plattenlabel und unterzeichnete einen Vertrag bei "Blackberry Records", dem Label der "Williams Brothers". Ihr erstes Projekt für Blackberry, "Live In Memphis", ist leider auch das letzte vollständige Album, auf welchem der originale Leadsänger Harvey Watkins Sr. nochmals zu hören ist. Er verstarb ein Jahr später an einer Krebserkrankung am 16. November 1994, noch bevor die Gruppe ihre Aufnahme-Session für ihr Nachfolgealbum "Live In Memphis II" durchführen konnte. Seither werden die Cantons von Harveys Sohn Harvey Watkins Junior geleitet. Auch er ist eine starke Gospel-Persönlichkeit, doch fehlt der Gruppe seit dem Tod seines Vaters irgendwie ihr früheres Markenzeichen, d.h. die unverwechselbare Tenor- (und gelegentliche Falsett-)Stimme des Original-Mitgliedes. "LIVE IN MEMPHIS I" wurde 1993 im "Greater Community Temple C.O.G.I.C." in Memphis aufgenommen und erschien nebst der CD/LP-Ausgabe auch noch als Konzert-DVD/Video (sehr empfehlenswert - aber im amerikanischen NTSC-Format!). Die meisten Stücke des Albums sind Live-Versionen von Nummern, die die Cantons früher für J&B-Records aufgenommen hatten und die somit zu diesem Zeitpunkt zum Standard-Repertoir der Gruppe gehörten. Das Projekt startet mit einer imposanten Version des bluesigen Hits "MISSISSIPPI POOR BOY" - Harvey Jr. singt sich hier buchstäblich seine Seele aus dem Leib. Auf der ultra-langsamen und sehr seelenvollen, von einem zusätzlichen Gospelchor begleiteten Ballade "HE'S THERE ALL THE TIME" hören wir im Text nebst gospeltypischen auch sozialkritische Töne. Sehr, sehr "tiefen" Gospelsoul ist auch in der von James Bennett geschriebenen Ballade "I'M IN YOUR CARE" zu hören. Soliden "Old School"-Quartettsound bieten die beiden Titel "HELLO MOTHER" und "FIX IT JESUS". "HEAVENLY CHOIR" startet nicht mit einem Chor, sondern mit einem "himmlischen" Gitarrensolo von Dwayne Watkins, welches in ein Gospel-Lied mit solidem Gesang von Harvey Jr. und grossartigen Falsetteinwürfen seines Vaters einmündet - eine superschöne, wiederum sehr "beseelte" Nummer! In "I'M COMING LORD" und "RIDE THIS TRAIN" führt uns Watkins Senior weitere Falsett-Passagen vor und lässt uns die Stimme des legendären Claude Jeter in Erinnerung rufen. Auf dem von einer bluesigen Gitarre unterstützten Stück "CERTAINLY LORD" treten nebst den Leadvokalisten Harvey Watkins Junior und Senior auch die drei übrigen originalen Canton Spirituals-Mitglieder Eddie Jackson, Theo Thompson und Roscoe Lucious als "Guests" in Aktion. Grossartig, hier die originale Formation aus den "Forties" noch einmal vereint zu hören! Das Album endet mit "RISE ABOVE IT ALL", gesungen vom Gitarristen Dwayne Watkins (Harvey Watkins Sr's Enkel). Das Stück deutet schon hier den künftigen Wechsel an zu einem moderneren Sound, den die Gruppe unter Harvey Jr's Führung aktuell auf ihren CD-Projekten für Verity-Records praktiziert. 

Die Canton Spirituals gehörten in den Tagen, als Harvey Watkins Senior noch dabei war, nebst den "Mighty Clouds of Joy", den "Supreme Angels", Tommy Ellisons "5 Singing Stars" und den "Gospel Keynotes" zu den grossen Top-Quartetten der neueren Zeit. "LIVE IN MEMPHIS I" ist ein klassisches Dokument ihrer Musik in Top-Form und ganz einfach ein "Muss" für jeden Liebhaber aktueller Quartett-Gospelmusik!

Zum Vergleich fügen wir unten noch die Kurzbesprechungen zweier neuerer CDs der "Canton Spirituals" und die eines Solo-Albums von Harvey Watkins Jr. an.

THE CANTON SPIRITUALS: "WALKING BY FAITH"

VERITY RECORDS 01241-43169-2 (erschienen 2002)

Canton Spirituals 2002Nach mehreren "Live"-Projekten der "Canton Spirituals" in den vergangenen 10 Jahren war für ihr Album "Walking By Faith" von 2002 zur Abwechslung wieder einmal Produzieren im Studio angesagt. Im Gospel gewöhnt man sich schnell einmal an den warmen, lebendigen Sound von Live-Aufnahmen, sodass Produktionen aus den heutigen High-Tech-Studios im Vergleich dazu oft steril und kalt wirken. Diesen Eindruck hinterlässt leider auch ein wenig dieses Album. Etwas störend wirkt hier zudem noch die viel zu grosse stilistische Bandbreite. Eröffnungsstück "I FEEL THE SPIRIT", "CHURCH IS GONNA MAKE IT" oder "SATISFIED" sind hübsch swingende, traditionelle Quartettnummern nach alter Cantons-Manier, die zudem noch von einer flotten Bläsergruppe aufgepeppt dargeboten werden. Es sind die weitaus überzeugendsten Momente des Albums. Interessant ist auch der Titel "BEEN GOOD", ein "sündiger", formechter  12bar-Blues im Muddy Waters-Stil, komplet mit Bluesharp (gespielt von Bobby Rush) und einer altbackenen Mississippi-Delta-Slide-Bluesgitarre. Die Gäste Glenn Jones und Genobia Jeter  bringen alsdann auf diversen Nummern einen Anflug von Pop und sentimentalem "Schmalz" ins Geschehen (beide haben ihre Wurzeln in der Gospelmusik, betätigen sich heute aber hauptsächlich als poppige "R'n'B"-Sänger). Noch weniger erfolgreich ist Dwayne Watkins' Abstecher in rockige Gefilde im Titel "HOLY GHOST GUITAR". Will er sich damit beim weissen Rock-Publikum anbiedern? Eher Cantons-untypisch ist auch Dwaynes Experiment mit "Contemporary-Sounds" in "MOMMA I LOVE YOU". Das Album hat seine guten Momente, überzeugender und empfehlenswerter ist aber ihre neue (wieder "live" eingespielte) Scheibe "New Life: Live In Harvey, IL".

THE CANTON SPIRITUALS: "NEW LIFE: LIVE IN HARVEY, IL"

VERITY RECORDS 82876-62945-2 (erschienen 2004)

Canton Spirituals 2002Dieses neuste "Canton Spirituals"-Album wurde ohne ihren langjährigen Gitarristen Cornelius Dwayne Watkins eingespielt. Im Weiteren "glänzt" hier auch Cantons-"Urgestein" Theodore Thompson durch Abwesenheit. Als Ersatz und gelegentlichen zweiten Leadsänger tritt dafür ein neues Gruppenmitglied in Aktion: Ray Johnson. Den Start ins Geschehen von "New Life: Live In Harvey, IL" bestreitet in gewohnter Art und Weise der Chef der Gruppe: Harvey Watkins Junior im Eröffnungsstück "GOD CAN WORK IT OUT". Die Nummer ist sehr ansprechend und wird mit swingender Bandbegleitung, inklusive "heiliger" Steel-Gitarre dargeboten. Der neue Sänger Ray Johnson setzt sich anschliessend im Song "STAND UP AND BE COUNTED" in Pose. Er singt eher in "jugendlicher", etwas leichtgewichtiger Art und Weise. Solider "Old School"-Gospelswing folgt alsdann in "THAT'S ENOUGH". Es ist eine alte Dorothy Love Coates-Nummer, gesungen wiederum vom Maestro Harvey Junior himself, die mit fabelhaften jazzig-swingenden Gitarrenpassagen untermalt wird. Danach folgt ein lüpfig munteres Liedchen mit dem Titel "I WOULDN'T BE SATISFIED", gesungen vom Gastsänger Bishop Neal Roberson, das ein wenig an weissen Country-Gospel erinnernt. Mit diesem Schmeichler könnten sich die Cantons vielleicht sogar das Herz von George W. Bush erobern... Anschliessend an dieses Scherzchen wird's dann aber wieder ernst und der Sound voll "schwarz", indem sich Harvey Watkins Jr. am Mikrofon zurückmeldet. Seine Stimme wirkt von hier weg auf den folgenden fünf traditionellen Stücken durchwegs sehr kraftvoll und muskulös, vorallem im ultralangsamen Gospel-Blues "I BEEN IN THE STORM TOO LONG", eine grossartige Nummer, die die Gruppe original schon einmal vor 24 Jahren auf ihrem Album "I'm Coming Lord" (J&B LP 0028) aufgenommen hatte. Bewundernswürdig ist auf diesem Album durchwegs auch das Spiel der beiden neuen Gitarristen der Cantons, Chalmers "Spanky" Alford und Maurice Morgan. Schön sind auch die zwei Schlussnummern "STRONGER" und "DON'T WORRY ABOUT ME" mit der zusätzlichen Stimme von Gastsänger Paul Porter, dem Leader der bekannten Quartettgruppe "The Christianaires". "Live In Harvey" ist ein feines, sehr gut gelungenes neues Live-Album der "Canton Spirituals"! Der Leadsänger Harvey Watkins Junior beweist hier, dass er ein guter Sänger ist und mittlerweile seinen ganz persönlichen, unverkennbaren Stil gefunden hat.

HARVEY WATKINS, JR.: "IT'S IN MY HEART - LIVE IN RAYMOND, MS"

VERITY RECORDS 01241-43224-2 (erschienen 2003)

Harvey Watkins 2003"It's In My Heart - Live in Raymond, MS" stellt bereits den zweiten Versuch des "Canton Spirituals"-Leaders Harvey Watkins Junior dar, die Erfolgschancen eines Solo-Projekts auszutesten. Seinen ersten Alleingang unternahm der Sänger bekanntlich in den späten 80er-Jahren, als die Cantons vertraglich noch an James Bennetts "J&B"-Label gebunden waren. Wie es nicht anders zu erwarten ist, erinnert das Werk stark an ein "normales" Cantons-Album. Da fragt es sich natürlich, ob die Gruppe ohne ihren Chef überhaupt eine reelle Ueberlebenschance hätte... Als "Specialguest" tritt auf diesem Album wiederum Paul Porter der "Christianaires" auf einigen Songs in Aktion. Auch Keith "Wonderboy" Johnson und die "Williams Brothers" lassen es sich nicht nehmen, bei diesem denkwürdigen Projekt gesanglich tatkräftig mitzuwirken. Es erübrigt sich, hier auf einzelne Songs näher einzugehen; die CD ist ganz einfach durchgehend sehr schön und hat das Potential, später einmal als zeitloses Werk von grosser Qualität in die Gospelgeschichte einzugehen.

O.B. BUCHANA: "SHAKE WHAT YOU GOT"

ECKO RECORDS ECD 1065 (erschienen 2004)

O.B. Buchana 2004Der 1972 in Clarksdale/Mississippi geborene Soul/Blues-Mann Aubles "O.B." Buchana war mit seinen Live-Auftritten am bekannten "Sunflower River Blues and Gospel-Festival", das alljährlich in seiner Heimatstadt Clarksdale stattfindet, schon von Anfang an jeweils eine kleine Sensation. Heute gehört Buchana mit diesem "Ausweis" und seinen drei CD-Alben im Gepäck schon fast zu den etablierten Stars des Genres. Sein neustes Album hat der Sänger für das Memphis Label "Ecko-Records" eingespielt. Die CD bietet, im Vergleich zu seinen beiden früheren Scheiben, jedoch nicht viel spektakulär Neues und hinterlässt einen mindestens teilweise eher zwiespältigen Eindruck. Einige Songs klingen irgendwie "muffig" und überladen. Nebst O.B.'s langjährigem Musik-Partner und Gitarristen Percy Friends hatten hier auch noch Labelchef John Ward und Stax-Oldie Bobby Manuel als Musiker und Soundmixer die Finger im Spiel - wie sagt man doch: "Zuviele Köche verderben den Brei". Zudem nervt das völlig übertriebene Frauengestöhn am Ende der Nummer "AFTER MIDNIGHT". Was soll dieser Unsinn? Zu den positiven Eindrücken des Albums gehören das Titelstück "SHAKE WHAT YOU GOT" und "SUE'S CAFE" , zwei flotte Party-Blues-Tanznummern. Dies ist "Juke Joint"-Sound at its best, der auch noch in dem stimmungsvollen Stück "GOOD STUFF" zum Tragen kommt. Der Titel "DADDY" ist eine eindrückliche und sehr schöne Widmung von O.B. an seinen Vater - etwas, das man in der sonst eher auf "Mamas" fixierten Soul/Blues-Welt nur selten hört. "BOTH IN THE WRONG" ist hingegen eine ziemlich überflüssige Coverversion eines Stücks des etwa gleichaltrigen Ecko-Records Soul/Bluesers Rick Lawson, die nichts zum Original beiträgt. Und noch überflüssiger sind die beiden "Mixes" der banalen Tanz-Nummer "BOOTY SCOOT", die wir vor einiger Zeit ja schon zur Genüge in den Versionen von Ollie Nightingale und Chuck Roberson (ebenfalls auf dem Ecko-Label) über uns ergehen lassen mussten. Schade für soviel für unnötige "Fillers" verschwendete CD-Spielzeit! O.B.'s neues Album mag für "hartgesottene" Southern Soul-Fans eine nette Ergänzung sein; "Einsteiger" dürften jedoch mit der unten angeführten CD "I Got Caught" besser bedient sein.

O.B. BUCHANA: "I GOT CAUGHT"

BLUES RIVER / SUSIE Q RECORDS SQCD 9108 (erschienen 2001)

O.B. Buchana 2001Im Gegensatz zur oben besprochenen neuen Ecko-Records-CD von O.B. Buchana, ist diese 2001 erschienene Scheibe des Sängers (sein zweites Album!) eine wahre Freude! Der Sound ist knackig und klar, die Stücke geschmackvoll arrangiert und produziert und der Sänger gesanglich in absoluter Topform. So gut kann Soul/Bluesmusik klingen, auch wenn das Produktionsbudget wie hier (vermutlich) relativ klein ist. Es erübrigt sich, einzelne Nummern aus dem Werk speziell herauszupicken und zu besprechen - das Niveau ist ganz einfach durchgehend von A bis Z sehr hoch. Erwähnenswert ist vielleicht die ausgezeichnete Blues-Gitarre, die auf diversen Nummern zu hören ist (sie ist zwar sehr präsent, wirkt aber nie aufdringlich!). Titelnummer "I GOT CAUGHT" ist natürlich eine "Antwort" auf O.B.s Hit "Backup Lover" aus seinem Debutalbum. Eine tolle CD!!

SIR CHARLES JONES AND FRIENDS: "A SOUTHERN SOUL PARTY"

HEP' ME RECORDS HP-1119 (erschienen 2004)

Sir Charles Jones and Friends 2004Bei diesem CD-Album handelt es sich nicht um ein eigentliches neues Sir Charles Jones-Album (auf das wir ja alle schon seit geraumer Zeit hoffen und ungeduldig warten!), sondern um einen Sampler aus dem Hause Senator "Uncle Bobo" Jones und seinem Label "Hep' Me Records". So sind auf dieser Scheibe nebst Sir Charles Jones auch noch die "Friends" Robert Hill, Sorrento Ussery, Wilton Lombard, Terry Wright, The Love Doctor und das Gospelquartett "Joyful" zu hören. Vertreten ist der "New King of Southern Soul" Sir Charles mit drei Stücken; bei denen es sich um Cover-Versionen aus dem Repertoir anderer Hep' Me- oder Mardi Gras Records-Sänger handelt: "THE SAME THING IT TOOK TO GET HER" findet sich im Original beispielsweise auf dem Album "Stop, Drop & Roll" der Sängerin LaKeisha, und "THE LETTER (GUILTY)" wie auch "TRIALS AND TRIBULATIONS" sind Titel aus Tonya Youngbloods "Dirty Lover"-CD. Die Nummern sind von Jones gut gecovert und mit neuen Arrangements und Backing-Tracks versehen. Nebst Sir Charles Jones macht hier auch der "Love Doctor" von dem von Senator Jones geschriebenen Tonya Youngblood-Songmaterial Gebrauch. Die von ihm gesungene Version von "COME AND WHIP THAT THANG" entwickelt sogar einiges mehr an Power und "fettem" Southern Soul-Sound wie Youngbloods Original. Wie sagt doch unser "Uncle Bobo" jeweils in seinen Sendungen des Senders WMPR: "The sound must be fat! fat! fat! - with grease dripping from it!" Sorrento Ussery und Wilton Lombard sind dagegen eher sanfte Balladen-Sänger mit einem leichten Hang zu Schmalz und Kitsch, wie ihre eigenen CD-Alben "Don't Give Up on Love" (Lombard) und "Make Sweet Love" (Ussery) deutlich belegen. Von den beiden ist Lombard ohne Zweifel der bessere Sänger. Seine Schmacht-Ballade "I WILL ALWAYS LOVE YOU" mit den gewaltigen Liebesschwüren hat durchaus gewissen Charme, und auf "IT'S A CRUEL WORLD" (der einzigen "harten" R&B-Nummer auf seinem eigenen Album) klagt er überzeugend die Missstände dieser Welt an. Terry Wright hat ebenfalls ein CD-Album auf dem Markt ("Anytime Man"). Er ist hier mit der funky R&B-Nummer "SOPHISTICATED FREAK" und der Southern Soul-Ballade "YOUR LOVE" vertreten, die nett gesungen sind, aber sonst keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Die überzeugendsten Tracks der CD nebst denjenigen von Sir Charles und dem Love Doctor sind eindeutig die Songs von Robert Hill. Der Mann scheint sowas wie ein moderner Down Home-Bluesmann zu sein. Er besitzt eine kräftige, ausdrucksstarke Bluesstimme. Sein Titel "SOMEBODY LIED ON ME" zählt jedenfalls zu den besten Momenten dieses Albums. Leider hat Hill unseres Wissens bis jetzt noch keine eigene "Hep' Me"-CD auf dem Markt. Unsere "Southern Soul Party" endet dann schliesslich im Gospel mit "THERE'S NO ONE LIKE MAMA" aus The Love Doctors gleichnamigem Gospel-Album und dem ansprechenden Quartett-Gospelsong "TAKE CARE OF ME" der Gruppe "Joyful".

Das Album bietet soweit so gut einen hübschen Querschnitt von "Uncle Bobo's" neuerem Schaffen auf seinem Hep' Me-Label. Aber: wo ist denn hier eigentlich seine weibliche Soul/Blues-Garde geblieben? Hoffentlich präsentiert er uns auf seiner nächsten "Southern Soul Party" auch mal noch eine "Best Of"-Songauswahl seiner vier attraktiven Sängerinnen Tonya Youngblood, LaKeisha, Monique Ford und Little Kim Stewart! Das wäre doch eine gute Idee!

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© by Chris Lange *** Update  May 3, 2007