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Was hat Tierschutz mit wilden Wanderratten zu tun?
Deborah Millett

Nager werden häufig als «Schädlinge» bekämpft. Gesetzlich fällt diese Massnahme zwar nicht unter den Tierschutz, dennoch ist die Problematik tierschutzrelevant.

Die Geschichte der Nagerbekämpfung ist vermutlich so alt wie die der vorrathaltenden Menschheit ­ belegt ist, dass schon zur Zeitder Pharaonen Katzen gegen Nager eingesetzt wurden. In der Schweiz müssen Ratten meist nicht systematisch bekämpft werden, sondern da, wo Probleme entstehen: beispielsweise dann, wenn Ratten aus den Kanalisationen sich ­ auf der Suche nach Nahrung ­ an die Oberfläche wagen. DerWunsch der Öffentlichkeit nach Bekämpfung von Nager hat aber hier und heute weniger mit der Angst vor wirtschaftlichem Schaden und Krankheitsübertragung zu tun, als vielmehr mit unbegründeten Ekelgefühlen gegenüber diesen Tieren. Mit Begriffen wie «Schädling» oder«Ungeziefer» sollte man deshalb vorsichtig umgehen, denn es gibt sie im vollkommenen Plan der Natur nicht. Jedes Tier hat seinen Platz, seine Aufgabe und Funktion ­ auch wenn wir Menschen die Zusammenhänge nicht immer gleich erkennen und verstehen können. Obwohl Ratten Krankheiten übertragen können, ist diese Gefahr sehr gering, wenn man in normalen, hygienischen Verhältnissen lebt und ein Kontakt zu diesen ohnehin scheuen Wildtieren gemieden wird.

Wo Menschen leben, entsteht leider meist Abfall. Dieser Abfall wiederum bietet die Lebensgrundlage für andere Lebewesen. Und nur aus diesem Grundleben Ratten in der Nähe ihres eigentlich grössten Feindes, dem Menschen. In ländlichen Gebieten leben wilde Wanderratten in gewässernahen Erdbauten (die mittlerweile fast ausgerottete Hausratte in Dachstöcken), in den Städten nahrungsbedingt, in den Kanalisationen. Die im Spültrog oder im WC hinuntergespülten Speisereste, das gedankenlos weggeworfene Brötchen, der nicht ordnungsgemäss entsorgte Abfall und vieles mehr sorgen dafür, dass Futter im Überfluss vorhanden ist. Der Mensch verursacht oft so viel Abfall, dass sich Ratten, Mäuse aber auch verschiedene Insekten geradezu unverhältnismässig vermehren können, so zu Schädlingen werden, und dann bekämpft werden müssen.

Die Bekämpfung hat sich aber als gar nicht so einfach erwiesen, da es sich bei den wilden Ratten um sehr intelligente, widerstandsfähige Tiere handelt, die über ein vorbildliches Sozialverhalten verfügen. So war es den Ratten möglich, die jahrhundertelange Verfolgung durch den Menschen zu überleben. Wenn ein Rattenrudel an Futter gelangt, welches es noch nicht kennt, opfern sich junge Männchen des Rudels freiwillig als Vorkoster. Die anderen Ratten warten dann für die nächsten Stunden ab, ob den Testessern auch nichts passiert. Falls ja, rührt keine der Ratten, selbst wenn sie am verhungern sind, das Futter an. DasWissen um vergiftetes Futter können Rattenweibchen sogar ungeborenen Föten weitervererben. Hinzu kommt, dass Ratten sich an jene Nahrung halten,die sie bereits in der Muttermilch ausmachen konnten und generell von jeder Art Futter nur kleine Mengen zu sich nehmen. Ebenso erstaunlich ist die Geburtenkontrolle von Rattenweibchen: wenn Nahrung knapp wird, können sie bereits entwickelte Föten zurückbilden und später zur Welt bringen,wenn wieder genügend Futter zur Verfügung steht. Das könnten wir Menschen uns zu Nutze machen, indem wir bei einem übermässigen Auftreten von Ratten die entsprechende Nahrungsquelle versiegen lassen:

  • Möglichst keine Essensreste in den Ausguss oder WC spühlen
  • Sparsam mit Nahrungsmitteln umgehen
  • Müllsäcke immer im Container deponieren oder erst am Tag der Abfuhr bereitstellen
  • Verhindern des Eindringens in Gebäude durch bauliche Massnahmen (zum Beispiel engmaschige Gitter vor Kellerfenstern, Zubetonieren von Mauerlöchern)
  • Vorratsspeicher auf Stelzen mit Steinplatten
  • Verantwortungsbewusstes Lagern von Lebensmitteln in gesicherten Räumen und geeigneten Gefässen (Glas statt Plastik und Karton)
  • Drahtgitter um die Wurzeln von Obstbäumen
  • Keine übermässige Vogelfütterung (Tauben und Wasservögel), da solche Resten auch für Ratten willkommene Nahrung sind usw
Dennoch gibt es Problemzonen wie beispielsweise Komposthaufen, Silos oder Futtertröge, wo immer wieder Rattenpopulationen auftreten und Schädlingsbekämpfer beauftragt werden. Als Tötungsarten sind verschiedene Fallen bekannt: Zangen- und Klappfallen (zerdrücken),Schwerkraftfallen (zerquetschen), Galgen- und Schlingenfallen (erdrosseln), Schussfallen (erschiessen) oder Wasserfallen (ertränken). Fast alle Fallen können aber keinen sofortigen und schmerzlosen Tod des betroffenen Tieres garantieren und sind deshalb nicht tiergerecht. 

Tierfreundeversuchen deshalb, einzelne Tiere in Kasten- und Drahtgitterfallen lebend zu fangen und dann weit vom Haus entfernt wieder auszusetzen. 

Nichtvertretbar sind Schwingstäbe, da sie auch andere Wildtiere und unsere Haustiere belästigen. Seit das Verhalten der Ratten und die«Vorkoster Problematik» bekannt ist, werden Nager mit Giften oder Gasen getötet. Allerdings sind von Gasen, die in Erdlöcher geleitet werden, auch andere Tiere betroffen. Die am häufigsten verwendeten Nagergifte werden als Futterköder oder Pulver (bleibt im Fell der Tiere hängen und gelangtbeim Putzen in den Mund) angeboten, die als Wirkstoff Antikoagulantien (die Blutgerinnung hemmendes oder verzögerndes Mittel) enthalten. Erst nach vielen Stunden, manchmal erst nach Tagen, wenn sie sich nicht mehr an das vergiftete Futter erinnern können, sterben die Ratten ­ angeblich(!) schmerzfrei ­ an inneren Verblutungen. Alle Arten von Rodentiziden sollten aber nur von professionellen Schädlingsbekämpfern ausgelegt werden, da sie auch andere Tiere, Kinder und Gewässer gefährden könnten. Hinzukommt, dass es Ratten, die häufig zu geringe Mengen der Gifte zu sich nehmen, gelingt, sie in ihrem Stoffwechsel abzubauen und so immer höhere Toleranzschwellen festgestellt werden mussten, die letztlich zu Resistenzen führen können.

VieleRatten haben sogar die Wirkung der Blutgerinnungshemmer «durchschaut» und nahmen instinktiv Vitamin K1 (mittels viel Grünfutter) zu sich,welches als Gegenmittel wirkt. Deshalb entwickelte man eine zweite Generation von Antikoagulantien, bei denen das Vitamin keine Abhilfe mehr schafft. Sie wirken aber nur bei 98% der Ratten und die Immunen 2% vererben ihre Resistenz weiter. Bei einer beobachteten, grossen Rattenpopulation waren innerhalb von 2 Jahren nur noch resistente Tiere auszumachen. Gerade deshalb ist es in unser aller Interesse, dass wir tierschützerisch und ökologisch sinnvolle und vertretbare Wege finden, übermässig grosse Rattenpopulationen zu vermeiden, wie sie in einigen Tips bereits genannt wurden.

Auch Naturgewalten in Form von Gewittern helfen das Gleichgewicht wieder herzustellen, wenn starke Regengüsse die Kanalisationen innert wenigen Minuten überfluten und so Hunderte von Ratten ertrinken. Im Idealfall würden Nagerbestände durch natürliche Feinde (Greifvögel, Marder, Füchse, Katzen etc.) reguliert. Leider sind aber, wiederum durch Verschulden des Menschen, viele dieser Tiere nicht mehr in der dazu notwendigen Anzahl vorhanden.

Indien ist eines der Länder, das von der Rattenproblematik ganz besonders betroffen ist, dennoch werden auch Ratten als Gottesgeschöpfe anerkannt und sogar verehrt. Wer sie verletzt oder gar tötet, verliere sein gutes Karma und setze sich damit schlimmem Unheil aus . . . 

Wir Rattenfreunde möchten diese Tiere durch unsere Aufklärungsarbeit schützen, indem wir aufzeigen wie verhindert werden kann, dass diese faszinierenden Tiere als Schädlinge getötet werden müssen.

Ratten als Heimtiere? Eine ausfürliche Einführung

Alles über Ratten, Homepage «Club der Rattenfreunde» Schweiz
 

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