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Dr. Stephan Braun Dass Krebs bei älteren Tieren häufig vorkommt, ist für Tierhalter nichts Neues. Dass allerdings Krebserkrankungen die bei weitem häufigste Todesursache unserer Haustiere, insbesondere Hunden und Katzen, darstellt, wissen vielleicht nur wenige. Und zudem ist die Häufigkeit von Krebs im Zunehmen begriffen. Der Hauptgrund für dieses Phänomen ist, dass Haustiere immer älter werden; und das Alter ist der allergrösste Risikofaktor für Krebs. Gegenüber Herzerkrankungen und z.B. Niereninsuffizienz, Krankheitsbilder, welche von uns Kleintierärzten zu hunderten therapiert werden, gelten viele Krebsformen in der Kleintiermedizin als heilbar. Unzählige ältere Patienten mit Herzklappeninsuffizienz oder mit chronischer Nierenschwäche bekommen täglich Medikamente oder eine spezielle Diät und doch schreitet die Krankheit voran - dank der Therapie vielleicht etwas langsamer als ohne Therapie. Bei Krebsleiden können wir in der Kleintiermedizin dank neuen diagnostischen- und therapeutischen Verfahren eine wesentliche Verbesserung von Lebensqualität und Lebenserwartung erreichen. Wir sprechen gar von Heilung, wenn wir eine Remission von fünf Jahren erreichen, d.h. wenn der Tumor während fünf Jahren nicht weiterwächst oder sogar kleiner wird - dies in Analogie zur Humanmedizin. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass fünf Jahre bei einem Hund etwa einem drittel oder der Hälfte der durchschnittlichen Lebenserwartung entspricht, während diese Dauer beim Menschen einem Fünfzehntel der normalen Lebenserwartung gleichkommt. Kaum eine Krankheit ruft mehr Emotionen hervor, wie Krebs. Kaum jemand, der nicht persönlich in irgendeiner Weise mit dieser Krankheit in Berührung kam, sei es bei sich selbst, bei einem Familienmitglied oder bei einem nahen Freund. Täglich erfahren wir über die Presse von Fortschritten in der Krebsvorsorge und -behandlung. Daher haben heute viele Kleintierbesitzer eine höhere Sensibilität für diese Krankheit bei ihren Tieren entwickelt. Zunehmend sehen Tierbesitzer ihre Haustiere als Familienmitglieder, und zwar als solche mit dem Anrecht auf die bestmögliche Pflege und medizinische Versorgung. Die Behandlung von Krebs bildet da keine Ausnahme. Noch vor wenigen Jahren bedeutete die Diagnose «Geschwulst-Krankheit» geradewegs das Todesurteil für unsere vierbeinigen Freunde; oft mit der selbstberuhigenden Bemerkung, wir hätten ja in der Tiermedizin das Glück, die Tiere einschläfern zu dürfen. Diese Selbstbeschwichtigung rührt wohl daher, dass bei Menschen viele ausgesprochen unangenehme Begleiterscheinungen die Krebstherapie fast schlimmer erscheinen lassen, als die eigentliche Krankheit. Dass dem in der Tiermedizin nicht so ist, werde ich weiter unten erläutern. Wenn bei Tieren bei den ersten Anzeichen einer Krebserkrankung sehr schnell, gezielt und liebevoll gehandelt wird, haben viele Tiere sehr gute Chancen auf Besserung oder gar Heilung. Die wichtigsten Anzeichen für eine Krebserkrankung sind: ungewöhnliche Schwellungen, welche gleich bleiben oder gar zunehmen, schlecht heilende Wunden, Gewichtsverlust, reduzierter Appetit, Blutungen aus irgendwelchen Körperöffnungen, unaangenehmer Körpergeruch, Schwierigkeiten zu fressen oder abzuschlucken, reduzierte Bewegungslust und Vitalität, zunehmendes Hinken oder steifer Gang, Beschwerden beim Atmen, Harnlösen oder Kot absetzen. Die allerersten Bemühungen bei einem Krebsverdacht müssen der Gewebediagnose dienen. D.h. es gilt, herauszufinden, ob wirklich Krebsgewebe vorhanden ist und welches das Muttergewebe ist. Zusätzlich erhält man Informationen darüber, wie bösartig die Geschwulst ist, wie sie sich ausbreitet, ob die Gefahr der Streuung besteht usw. Dies wird der Kleintierarzt mit Hilfe einer Nadelpunktion oder einer Gewebeprobe-Entnahme erreichen. Dieser ersten Gewebe-Diagnose folgt das sogenannte «Staging», die Ermittlung wie weit die Krankheit fortgeschritten ist. Dies geschieht unter Einbezug von klinischer Untersuchung des Patienten, von Blut- und Harnuntersuchungen, von Röntgenbildern und ev. von Ultraschall- und Knochenmarksuntersuchungen. Um den Tierbesitzern eine möglichst genaue Auskunft darüber geben zu können, wie sich die optimale Behandlung gestaltet, wie lange die Behandlung dauern wird, mit welchen Kosten zu rechnen ist und wie gut überhaupt die Prognose für den Patienten ist, sind diese Untersuchungen von grosser Wichtigkeit und auch so schnell wie möglich durchzuführen. Es stimmt längst nicht mehr, dass die einzigen Behandlungsmethoden gegen den Krebs die Chirurgie und die Euthanasie (Einschläfern) sind! Jedoch ist es wahr, dass in Europa ausschliesslich in Paris und in Zürich Strahlenbehandlungen bei vierbeinigen Krebspatienten durchgeführt werden können. Es werden heute auch unzählige, häufig vorkommende Krebsformen wie Non-Hodgkin-Lymphome bzw. das multiple Myelom sehr erfolgreich mit Zytostatika behandelt. Dabei ist es erstaunlich, wie problemlos Hunde und Katzen gewöhnlich diese Therapien überstehen. Die gefürchteten Nebenwirkungen wie Haarausfall, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen treten viel weniger deutlich in Erscheinung und lassen sich wesentlich erfolgreicher behandeln als beim Menschen. Diese chemotherapeutischen Behandlungen können heutzutags auch durchaus in gut eingerichteten Kleintierpraxen und von geübten Kleintierärzten durchgeführt werden. Die Kosten sind allerdings nicht zu unterschätzen und rechtfertigen eine gründliche Vorabklärung der Patienten und Aufklärung der Tierhalter. Auch wenn die veränderten Lebensgewohnheiten und Umweltbedingungen einerseits und die verlängerte Lebenserwartung unserer Haustiere andererseits zu einem gehäuften Auftreten von Geschwulstkrankheiten geführt haben, so sind doch die Möglichkeiten für deren Behandlung heute um ein Vielfaches grösser als noch vor wenigen Jahren. Deshalb rate ich eindringlich, bei einer verdächtigen Erscheinung nicht als erstes den Kopf in den Sand zu stecken oder hängen zu lassen und damit die Strategie «wait and see» zu wählen, sondern im Wissen und in der Hoffnung, dass Ihrem Liebling wirkungsvoll geholfen werden kann, einen Kleintierspezialisten aufzusuchen und eine Abklärung des Problems und der Behandlungsmöglichkeiten zu verlangen. Mit frdl. Genehmigung des Autoren und der Zeitung «Linth»
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