Unter dem Schutze
von Bast
Die Treue der alten
Mutterkatze
Jim Willis
Beloved of Bast
Übersetzt aus
dem Amerikanischen von Nicole Valentin-Willis
Es war ein perfekter,
sonniger Nachmittag, gerade richtig für ein Nickerchen, und die alte
Hofkatze lag schläfrig auf einem Strohhaufen neben dem Scheunentor.
Die Sonne wärmte ihr gestreiftes Fell, und sie streckte sich und ließ
ihre Krallen ein- und ausfahren und gähnte mit weitgeöffnetem,
rosafarbenem Mäulchen. Die Bienen summten geschäftig beim Einsammeln
der Pollen, die Vögel zwitscherten in den Bäumen und lullten
die Katze, welche "Mutter" genannt wurde, in einen tiefen Schlaf. Sie träumte
vom Mäusefang in den dunklen Ecken der Scheune, und ihre Barthaare
zuckten und die Zähne klapperten erwartungsvoll ? doch, um die Wahrheit
zu sagen, die Tage des Mausens waren schon lange für sie vorüber,
und ihre Rippen zeichneten sich ab vom Hunger. Sie rollte sich fester zusammen,
als wollte sie die Kätzchen beschützen, welche seit über
einem Dutzend von Jahren einen so großen Teil ihres Lebens ausgemacht
hatten. Es war aufgrund ihrer Scharen von Kindern und Kindeskindern und
deren Kindern, dass man sie "Mutter" nannte, und es lag viele Generationen
zurück, seit jemand sich an ihren eigentlichen Namen erinnert hatte.
Eine sanfte Brise spielte
mit ihren Fellhaaren und sie atmete langsam krächzend ein und aus
im Rhythmus des tiefsten Schlafes. Sie hörte nicht, was sich ihr auf
verstohlenen Pfoten näherte, und wurde erst aufgeweckt, als ein Schatten
vor sie trat und die Sonne verstellte. "Miau?!" erwachte sie mit einem
Schlag und blinzelte mühsam auf die Silhouette einer großen
Katze, die vor ihr stand. Sie setzte sich mit steifen Gliedern auf und
blickte mit zusammengekniffenen Augen in das Sonnenlicht, während
ihr ein leichtes Keuchen entwich.
Vor ihr saß die
schönste Katze, die sie jemals gesehen hatte, mit einem Fell gleich
brüniertem Golde, Streifen aus lohfarbenem Braun, großen saphirgleichen
Augen und hochgestellten, quastigen Ohren. Um ihren Hals trug sie eine
Kette aus Gold, von welcher ein Amulett hing, und von ihrer sandsteinfarbenen
Nase bis hin zu den dunklen, fremdartigen Mustern um ihren Schwanz herum
war sie das Abbild von Katzenschönheit.
Mutter war zu überwältigt,
um sprechen zu können. Die goldfarbene Katze wandte ihren Blick von
Mutter ab und betrachtete die Umgebung abschätzend, dann sprach sie.
"Gesegnet seiest Du
Katze, welche Du "Mutter" genannt wirst. Du bist alt und müde, und
ich bin gekommen, um Dich heimzuführen. Du bist mir seit vielen Jahren
bekannt, und ich weiß von Deinen Kümmernissen und Leiden. Von
heute an wird das alles vergessen sein, und Du wirst in meinem Tempel wohnen,
wo Dir an nichts mangeln wird. Meine Diener werden für Dich sorgen.
Du wirst ein Kissenlager in der Sonne haben, frischen Fisch und die Liebe
und den Respekt aller."
Mutter hatte Mühe,
ihre Stimme wiederzufinden, nicht ganz sicher darüber, ob dies ein
Traum war oder nicht. "Und wer, wenn ich fragen darf, seid Ihr und von
woher in aller Welt kommt Ihr?!" gelang es Mutter schließlich hervorzustottern.
Die schöne Katze
lächelte mit schlauer Miene. "Ich bin Bast, und ich komme aus einer
anderen Zeit und von einem anderen Ort. Ich wohne im Tempel von Bubastis
am Ufer des Nil - der recht nett ist, jedenfalls was Tempel betrifft -
und ich bin die Erwählte des Ra, des Sonnengottes, die Beschützerin
der Mütter und Kinder, die Göttin der Fruchtbarkeit ... und verschiedener
anderer Dinge, an welche ich mich momentan nicht alle erinnere."
"Und was wolltet Ihr
mit mir anfangen, und warum sollte ich diesen Ort verlassen wollen? fragte
Mutter. "Das hier ist mein Heim."
Bast betrachtete das
Scheunentor, welches von einer Angel herunterhing, daneben den Misthaufen,
die zerfallenen und verrosteten Fahrzeuge des Menschen, und sie rümpfte
die Nase.
"Heim? Das hat nicht
viel von einem Heim, oder?"
Mutter folgte dem Blick
der goldfarbenen Katze, mit welchem diese ihre Welt abmaß, und ließ
den Kopf hängen.
"Ich weiß, das
sieht für einen Fremden nach nicht viel aus, aber es ist alles, was
ich jemals gekannt habe."
"Liebe Katze," sagte
Bast sanft, "verlasse diesen Ort. Deine Kinder sind nun fast alle fort,
auf den Strassen überfahren, gestorben vor Hunger, vermindert durch
Krankheit und Leiden, ihre Jungen von Falken gestohlen, von Hunden zu Tode
geschüttelt, von den Buben der Menschen gequält ? und die wenigen,
welche heil geblieben sind, vermehren sich einhaltlos. Euch allen gelingt
es kaum, genug zum Leben zusammenzukratzen. Dem Mann und der Frau hier
bedeutest Du nichts. Wann war das letzte Mal, dass sie Dich hielten oder
streichelten oder Deine Wunden versorgten oder Deine Toten begruben und
den Verlust beklagten? Sie werfen Dir bei Gelegenheit ein paar Krumen zu,
aber auch in den kältesten Nächten musst Du Dich zum Schutze
im Stroh eingraben. Komm mit mir zu meinem Heim, wo Du Deine alten Knochen
am Herd wärmen kannst, wo Du niemals mehr das Nagen des Hungers verspüren
wirst."
Mutter blinzelte, und
die Wahrheit ließ die Welt, welche sie Zuhause nannte, irgendwie
trostlos und heruntergekommen erscheinen. Sie schluckte schwer, bevor sie
antwortete.
"Oh Schönste der
Schönen, ich kann nicht leugnen, dass das, was Ihr sagt, wahr ist,
aber ich werde hier gebraucht. Wer wird sonst darauf achten, dass die Kätzchen
nicht in die Felder streunen und sich dort verlieren oder in den Bach fallen?
Was, wenn eine Ratte plötzlich kommen sollte oder ein Kojote ? wer
würde meine Familie warnen? Was, wenn der Mann krank werden oder sterben
sollte? ? Vielleicht würde die Frau jemanden brauchen, der sie tröstete."
Bast blickte sie an
und verengte ihre Augen zu Schlitzen. Sie war es mehr gewohnt zu befehlen
als zu überreden.
"Liebste Mutter, Du
hast einen besseren Ort verdient. Du hast Kätzchen gesäugt bis
Deine Brust schmerzte. Du hast zugesehen, wie die Jungen, um welche Du
Dich sorgtest, hinwegstarben. Die Menschen sind Narren! Sie sind blind
gegenüber Schönheit und hartherzig. Wenn sie Dich wirklich liebten,
würdest Du dann hier alleine im Stroh schlafen ohne auch nur soviel
wie ein freundliches Wort oder eine Liebkosung? Komm mit mir zu meinem
Tempel aus Gold und lebe auf alle Ewigkeit im Paradies."
Mutter schüttelte
ihren Kopf langsam ablehnend.
"Es tut mir leid,
Gütigste aller Katzen, aber ich kann nicht. Das ist mein Zuhause,
so wie es ist. Ich habe dem Mann und der Frau schon vor langer Zeit vergeben.
Ich gehöre hierhin in diese Berge ? das sind meine Bäume, mein
Bach, mein Hinterhof. Meine Kinder und Kindeskinder und deren Kinder brauchen
mich. Bitte haltet mich nicht für undankbar, aber ich bin, auf meine
eigene Weise, glücklich."
Bast bewegte ihren
Schwanz hin und her. Dass jemand ihr keinen Gehorsam zeigte, war eine neue
Erfahrung für sie, aber aus Achtung vor so viel Ehrlichkeit und Loyalität,
auch wenn es ihr töricht erschien, sprach sie freundlich.
"Es ist unleugbar,
liebe Mutter, dass ich Deine Gesinnung nicht zu ändern vermag, aber
ich kann Dich auch nicht verlassen, ohne Dich in irgendeiner Form belohnt
zu haben. Sicherlich wird es etwas geben, das Du für Dich selbst haben
möchtest?"
Mutter überlegte
einen Moment lang. Sie hatte noch nie sehr viel besessen, das war richtig,
aber sie konnte sich auch nur schwer vorstellen, was eine Katze sonst noch
haben könnte oder haben wollte.
"Nun, ich denke, ich
würde gerne meine Krallen behalten ? ich habe gehört, dass manchen
Katzen die ihren von den Menschen abgehackt werden, und ich kann mir ein
Leben ohne Krallen nicht vorstellen."
Nun war Bast an der
Reihe, ihren Kopf zu schütteln. Hatte es jemals eine Katze gegeben,
die weniger verlangte als diese hier, die man Mutter nannte?
"So sei es, Mutter,
Du sollst Deine Krallen behalten. Aber da sollte noch mehr sein ... lass
mich überlegen. Ja! Alle Tigerkatzen werden ab heute das Zeichen meines
Amuletts um ihren Hals tragen zum Gedenken an dieses Treffen. Doch, das
ist nicht genug. Lass mich noch weiter nachdenken.
Ich habe es! Von nun
an werden alle Katzen, und sei es auch nur kaum sichtbar, das Zeichen des
Buchstaben "M" auf ihrer Stirn tragen, zu Ehren der Katze, die Mutter genannt
wurde. Hmmm ... aber auch das scheint noch nicht genug zu sein." Bast schloss
ihre Augen und zuckte mit ihren quastigen Ohren. Sie schlug in Gedanken
mit ihrem Schwanz auf und ab und stampfte ungeduldig mit der Pfote.
"Ich weiß!" verkündete
sie und leckte ihre Pfote mit Genugtuung. "Von diesem Tage an, auch nachdem
Du Dein irdisches Zuhause verlassen hast, wird Dein Geist stets anwesend
sein. Am Rande des Waldes und der Felder wird der Mensch eine braune Tigerkatze
aus dem Winkel seines Auges heraus sehen. Wenn er in seinem Wagen fährt,
wird er Dich an der Seite der Strasse wahrnehmen. Wenn er um die Ecke biegt
in einer dunklen Nacht in der Stadt, Du wirst da sein. Unter dem Schein
der Laterne, an Zaunpfosten, in den Alleen, auf Treppenstufen, Du wirst
da sein als bleibendes Mahnmal für den Menschen an das, was er töricht
ignoriert hat - das einfache, stille, loyale und vergebende Herz einer
braunen Tigerkatze. Und das, höchstgeachtete Mutter, welche Du unter
dem Schutze von Bast stehst, ist mein Geschenk an Dich."
Mit dieser Verkündigung
schüttelte sie Goldstaub von ihrem prächtigen Fell ab und entfernte
sich gebieterischen Schrittes. Mutter nistete sich in ihrem Stroh ein und
begann, ihre Pfoten zu lecken. Sie hatte keinerlei Vorstellung davon, was
sich ereignet hatte und wunderte sich, ob es eine Art von Wachtraum gewesen
war. Die Sonne schien, die Bienen summten und die Vögel begannen erneut
zu zwitschern. Mutter schlief fest ein.
Die Tage vergingen
einer nach dem anderen, und alles war wie eh und je, so schien es jedenfalls.
Es war an einem Abend kurz vor Sonnenuntergang, nur wenige Zeit später,
als der Mann von den Feldern heimkehrte. Er lehnte schwer gegen den Pfosten
der hinteren Haustüre, als er seine Arbeitsstiefel auszog und sie
dumpf auf dem Boden aufschlagen ließ. Die Frau war damit beschäftigt,
den Tisch für das Abendessen zu decken, und ein Feuer brannte lichterloh
im Kamin.
"Ich dachte, Du sagtest,
dass Du die alte Mutterkatze gestern tot aufgefunden hättest?" sagte
er zu seiner Frau.
"So ist es auch," entgegnete
die Frau. "Ich hab sie heute morgen zum Abfall rausgesetzt."
"Merkwürdig. Ich
hab gerade gedacht, dass ich sie neben dem Holzstapel gesehen hätte,
als ich gekommen bin," sagte er.
"Komisch, dass Du das
sagst. Ich bin heute morgen vom Briefkasten zurückgelaufen und ich
hätte schwören können, dass ich sie am Feldrand gesehen
habe."
In ihrem Tempel, in
einem Land und einer Zeit weit entfernt, saß Bast und lächelte.
Das Ende der Geschichte
Unter dem Schutze
von Bast, Beloved of Bast
Copyright Jim Willis
2001
*****
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