Die Kastration der Hündin - wenn schon, dann richtig!
Dr. Stephan Braun

Wir Tierärzte erhalten zahlreiche Anrufe von Tierbesitzern, welche sich über die Vor- und Nachteile der Kastration der Hündin informieren möchten. Offenbar besteht diesbezüglich unter den Tierbesitzern eine grosse Unsicherheit,die uns dazu bewogen hat, den nachstehenden Artikel zu verfassen.

Die Kastration der Hündin hat Vor- und Nachteile, über welche nicht alle Hundebesitzer informiert sind. Um Ihnen die Entscheidung etwas zu erleichtern, möchten wir im Folgenden auf die wichtigsten Gesichtspunkte eingehen:

  • kein Hundenachwuchs erwünscht
  • Läufigkeit stört: Blutflecken in der Wohnung, Ansturm von Rüden
  • ausgeprägte Scheinträchtigkeit im Anschluss an jede Läufigkeit
  • Aggressivität der Hündin
  • krankhafte Veränderung der Gebärmutter und/oder der Eierstöcke


Vor- und Nachteile der Kastration

Vorteile

Die Kastration ist ein kurzer, einmaliger Eingriff und bewirkt eine zuverlässige Ausschaltung aller Sexualfunktionen. Wenn eine Hündin vor der ersten Läufigkeit kastriert wird, ist das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken massiv reduziert, und vermutlich tritt auch das Harnträufeln infolge Kastration weniger häufig auf. Scheinträchtigkeit kann mit der Kastration behoben und Aggressivität gemildert werden.
 

Nachteile

Kastrierte Hündinnen sind gefrässiger und verwerten das Futter besser als nichtkastrierte. Wenn nun ein Hundehalter keine Disziplin hat und sich aus Mitleid mit der bettelnden Hündin zu vermehrter Futterabgabe verleiten lässt, so nimmt diese selbstverständlich an Gewicht zu. Wenn aber nur einmal täglich eine ballaststoffreiche Mahlzeit verfüttert wird und genügend Auslauf  (!) geboten wird, bleibt die Hündin schlank. Die Behauptung, dass eine Hündin nach der Kastration unweigerlich dick wird, stimmt nicht!

Bei langhaarigen Hündinnen kann die Kastration Fellveränderungen bewirken im Sinne von übermässigem Wachstum der Unterwolle. Dies führt zu einem sogenannten "Babyfell". Betroffen sind in erster Linie Hunde mit langen, glatten, glänzenden Haaren (Langhaardackel, Spaniel, Setter).

Ganz selten führt die Kastration zu einem Haarausfall, vorallem beidseits in der Flankengegend. Beide Arten von Fellveränderungen können mit billigen, aber nicht ungefährlichen Medikamenten gemildert werden.

Etwa 12 Prozent aller Hündinnen mit einem Körpergewicht von mehr als 15 Kilogramm, die nach der 1. Läufigkeit kastriert worden sind, werden kurz nach der Operation oder auch Jahre danach inkontinent. Inkontinenz (Harnträufeln) äussert sich so, dass die Hündin gelegentlich oder regelmässig im Schlaf tropfenweise oder auch grössere Mengen Harn verliert. Die Ursache dieses Problems konnte bislang nicht vollständig geklärt werden. Das Risiko lässt sich jedoch vermutlich durch Kastration vor der 1. Läufigkeit auf ein Minimum beschränken. Harninkontinenz kann mit der täglichen Verabreichung von billigen, ungefährlichen Medikamenten in den allermeisten Fällen behoben werden.

Zeitpunkt der Kastration

Langjährige Untersuchungen haben folgendes gezeigt:

1. Das Risiko eventuell später auftretender Mammatumoren (Brustkrebs) ist bei unkastrierten Hündinnen siebenmal höher als bei solchen, die vor der ersten Läufigkeit kastriert worden sind.

2. Wird eine Hündin zwischen der ersten und der zweiten Läufigkeit kastriert, so ist das Brustkrebsrisiko nur noch dreimal geringer als bei nichtkastrierten Hündinnen.

3. Wenn eine Hündin erst nach der zweiten Läufigkeit kastriert wird, ist die Gefahr für die Entstehung von Brustkrebs fast gleich gross wie bei nichtkastrierten Hündinnen.

4. Das Risiko für das Auftreten von Harnträufeln (Inkontinenz) nach der Kastration wird vermutlich ebenfalls durch Kastration vor der ersten Brunst vermindert.
 

Die Operation

Der Eingriff entspricht einer Bauchhöhlenoperation, welche eine Inhalationsnarkose von etwa 60 Minuten Dauer benötigt. Die Hündin wird in Vollnarkose gelegt und in Rückenlage auf dem Operationstisch ausgebunden.

Nach dem Ausscheren und der gründlichen Desinfektion des Operationsfeldes wird der Bauch mit einem ca. handbreiten Schnitt (bei kleinen Rassen kürzer) über dem Nabel eröffnet. In unserer Praxis werden vorzugsweise sowohl die Gebärmutter als auch beide Eierstöcke entfernt. Dies, weil wir das Risiko einer Gebärmuttererkrankung nicht nur reduzieren, sondern eliminieren wollen und weil wir ausschliessen möchten, dass zweimal am gleichen Organ eine Operation vorgenommen werden muss.

Es liegen auch keine Untersuchungsergebnisse vor, welche darauf hindeuten, dass das Verhalten einer totaloperierten Hündin sich von einer solchen mit Gebärmutter unterscheidet.

Das Tier bleibt bis am Abend in der Klinik, damit die Aufwachphase überwacht werden kann. Die Hündin hat sich bis dahin im Normalfall so gut von der Operation erholt, dass sie mit entsprechenden Anweisungen an den Tierbesitzer nach Hause entlassen werden kann.

Zehn Tage nach der Operation werden die Fäden gezogen, und schon bald sind die Haare nachgewachsen.


Kastration - ja oder nein? Dies können Sie nun selbst entscheiden.
Wägen Sie Vor- und Nachteile gegeneinander ab,
dann finden Sie die beste Lösung für Ihre Hündin.

Mit frdl. Genehmigung des Autoren und der Zeitung «Zürcher-Oberländer»