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Geburtskette oder Kälberstrick anlegen?
Dr.
Yair Schiftan
Die
Geburtshilfeprüfung an meinem Staatsexamen ging schon dem Ende entgegen.
Wie glatt war bisher alles gelaufen! Fast wagte ich schon aufzuschnaufen,
als mein Professor zu dem Tisch ging, auf welchem die Geburtshilfeinstrumente
lagen. Alle Namen und Anwendungen der Instrumente repetierte ich in Gedanken
blitzschnell. Der Professor zog die Geburtskette
hervor,
deutete auf unsere lederne Übungskuh und sagte: "Legen Sie die Kette
an!"
Schon
während meines ganzen Studiums galt mein Interesse den Kleintieren.
Mit dem Grossvieh hatte ich mich wenig beschäftigt. Meine Erfahrung
war auf diesem Gebiet also gar keine. Nun stand ich da mit der Geburtskette
in der Hand, probierte, hantierte, fummelte, um sie dem ausgestopften Kalb
über die Füsse zu stülpen (ziehen, befestigen. Ich brachte
die notwendige Schlaufe einfach nicht zustande! Schrecken und Panik ergriffen
mich. Noch getraute ich nicht zu sagen: "Eigentlich bevorzuge ich für
diesen Eingriff Kälberstricke, Herr Professor." Seine Antwort war
erbarmungslos: "Obwohl ich ihre Vorliebe respektiere, währe ich doch
froh, wenn sie jetzt die Ketten anwenden Würden." Ich musste passen.
Unter Schmunzeln führe mir der Professor die einfachste Sache von
der Welt vor. Am Ende der Kette befand sich ein Ring. Da hindurch zog er
die Kette. So entstand eine Schlaufe. Ich war entsetzt über mich,
ja frustriert! Alle komplizierten Instrumente konnte ich anwenden und bei
diesem simplen Vorgang versagte ich völlig, noch dazu an einer Prüfung!
Ich bestand das Examen trotzdem, aber ich schämte mich zutiefst. Lang,
lang ist es her aber leider ja wohl doch nicht vergessen, wie sich später
zeigen wird.
Ein
befreundeter Grosstierarzt hatte seine Praxis in den Bergen. Ich hatte
zugesagt, ihn für zwei Wochen lang zu vertreten. Zwar hatte ich überhaupt
keine Erfahrung mit Grosstieren, da ich als Kleintierarzt schon praktizierte.
Aber die vermeintlichen Ferien mit meiner Familie in der herrlichen Bergwelt
zu verbringen hatte mich zu dieser kühnen Zusage bewegt. Es zeigte
sich sehr bald: von geruhsamen Ferien konnte für mich nicht die Rede
sein. Ich war den ganzen Tag bis in die Nacht auf den Beinen und im Einsatz.
Besonders ein Tag ist mir im Gedächtnis haften geblieben. Erst um
23.00 Uhr war ich heimgekehrt, todmüde sank ich ins Bett. Gegen 2.00
Uhr nachts riss mich das schrille, klingelnde Telefon aus dem Tiefschlaf:
"Herr Doktor, eine Kuh kann nicht kalbern. Kommen sie bitte rasch!" Dieses
war meine erste Kalberkuh nach meinem Staatsexamen, obwohl ich schon drei
Jahre praktizierte. Aber ich war viel zu schlaftrunken, als dass mich das
bevorstehende Ereignis aufregen konnte. Nach einer halben Wegstunde erreichte
ich den Stall. Wie niedrig er war! Nicht einmal aufrecht stehen konnte
ich darin. Zwei Männer und eine Frau waren bei der Kuh. Erleichtert
schauten sie mich an, als ich zu ihnen trat. Ich griff in die Hebammentasche
meines Tierarztkollegen. Da hinein hatte er alle Geburtsutensilien gelegt.
Handschuhe und Geburtskette nah ich heraus. Beim Untersuchen der Kuh ertastete
ich die Vorderklauen und den Kopf des Kalbes und sagte zu mir: "Das schaffst
Du!" Ich nahm die Geburtskette in die Hand und ja, da war es wieder: die
gleiche Gedankenleere, wie sie mich beim lang zurück liegenden Staatsexamen
befallen hatte, erfasste mich wieder. Nicht eine Spur einer Ahnung hatte
ich, wie diese Geburtskette anzulegen war. Neben mir standen die Bauersleute,
die von mir den helfenden Eingriff erwarteten.
Plötzlich
entdeckte ich an der Stallwand zwei Geburtsstricke hängen. Schnell
holte ich sie herunter, befestigte sie an den Füssen des Kalbes,
zog langsam und die Kalbsfüsse wurden sichtbar. In diesem Moment kam
es mir ganz klar in den Sinn, wie die Geburtskette richtig funktioniert.
Ich legte sie und band die Stricke an und schon bald lag einmunteres Stierkälbchen
hinter der Kuh und wurde mit Stroh abgerieben. Beim anschliessenden und
obligaten Schnaps, in der Bauernküche aber erst nach der zweiten Runde,
wurde die in der luftliegende Frage endlich ausgesprochen: "Wieso haben
Sie die Geburtskette eigentlich nicht von Anfang an benutzt?"
Sehr
selbstsicher kam meine Antwort hervor: "Ich mache das immer so. Am Anfang
lege ich die Geburtsstricke und erst danach die Geburtskette an".
Was
eigentlich auch der Wahrheit entsprach, wenn man das erste Mal als "immer"
bezeichnen kann. Dann machte ich mich auf den Heimweg, schaute in den wunderschönen
mit Sternen übersäten dunklen Himmel und hinüber zu den
hohen, schneebedeckten Bergen. Ich war sehr glücklich.

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