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Abscheu und Liebe, Faszination Ratte
Dr. Yair Schiftan

Es gibt kaum ein Tier in meiner Tierarztpraxis, das in der Zuneigung und Abneigung widerspruchsvoller ist als die Ratte.
Was steckt dahinter? 

In unserem Unterbewusstsein sitzt die nackte Angst vor der Ratte, ihrem schmuddeligen Pelz und dem langen nackten Schwanz. Kloake, Schmutz und Krankheiten sind die ersten Assoziationen, die uns in den Sinn kommen, wenn wir das Wort Ratte hören.

In der Medizin, in der Erforschung von Krankheiten und der Überprüfung von Arzneimitteln jedoch, ist die Ratte jenes Tier, das der Menschheit den grössten Dienst erweist ­ gerade weil sie dem Menschen so ähnlich ist. Die Intelligenz, ihre Anpassungsfähigkeit sind es, die die Ratte umgekehrt in der Freiheit zum gefährlichen Feind der Menschen macht. In Asien fressen die Ratten bis zu zehn Prozent der Ernten auf. Es gibt mehrere internationale Institute, die versuchen, ein Mittel gegen die Ratten zu finden ­ bis jetzt erfolglos. Ihre Intelligenz und der Überlebensinstinkt lässt die Ratten kluge Strategien anwenden. Wird ein Gift verstreut, sterben maximal ein paar Ratten als Vorhut. Der Rest überlebt. Als einziges Tier hat es den Atombombenabwurf und die enorme Radioaktivität auf dem Bikini-Atoll überlebt. 

Wenn ich im Wartezimmer einen Teenager sitzen sehe, alleine, ohne Käfig oder angeleintes Tier, dann erahne ich, dass sich in seinen weiten Ärmeln oder am Nacken unter den langen Haaren mein nächster Patient befindet. Diese Ratten ­ meistens aus der Laborrattenzucht stammend ­ sind eine Tierart, die sehr viele Interaktionen mit dem Menschen eingehen, sich an eine Person binden lassen. Es lässt sich gut mit ihr schmusen, spielen, sie lässt sich herumtragen ­ und natürlich erregt sie Aufsehen. Also alles, was ein echter Teenager braucht. Aus tierärztlicher Sicht jedoch ist es auffallend, wie häufig diese Ratten diverse Tumore entwickeln und dass sie relativ kurz, nur etwa zwei Jahre, überleben.

Die Faszination Ratte, die Liebe, Zuneigung, die ihr entgegengebracht wird, wenn sie zu Hause als Haustier gehalten wird, steht im enormen Gegensatz zur Angst, Abscheu und zu den Vernichtungsbemühungen auf der Seite der Bekämpfer der wild lebenden Sorte. Wir empfinden soviel Liebe und soviel Hass gegenüber dem gleichen Tier ­ eigentlich sollte man sich über uns Menschen wundern, über die Faszination MenschÖ 

Fragen, Bemerkungen an den Autoren Dr. Yair Schiftan Rapperswil SG

Mit frdl. Genehmigung des Autoren und der Zeitung «Obersee Nachrichten»
 

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