ich -
dann der Pilot -
und hinterher der Bremsfallschirm ...

Da der Fronleichnams-Donnerstag so schön ist, fahre ich mit meiner Yamaha nach Triengen und bin genau um 13.00 h beim Flugplatz: "Flying Ranch". Was erwartet mich wohl hier. Zuerst einmal nicht, jedenfalls fast nichts. Zufällig kommt Roland um die Ecke und fragt nach meinen Wünschen, wie sich herausstellen wird, ist das mein Tandempilot. Aus der Beiz kommen noch zwei aufgestellte Personen zu uns: Beatrice und Damian aus Zug wollen's auch wissen. Wir drei gehen also mit Roland zur Theorie und füllen die "Absicherung" aus, blanko, s'wird ja nichts geschehen.

Roland Haueter ist unser Instruktor: der Tandemmaster. Er hat seit 1983 schon über 3000 Absprünge geschafft und nur einmal den Notschirm ernsthaft gebrauchen müssen (irgendwie beruhigend, nicht?). Er ist gar kein unbeschriebenes Blatt in der Para-Sport-Szene.

... Beatrice

... Damian

... Erich

Jetzt sieht es schon ernster aus. Das Overall wird verteilt und die Gstältli, die Trankappen und die Brillen genau angepasst. Um 14.00 h startet ja dann der Pilatusporter mit Bea. Dam und ich warten noch, wir starten um 14.45 resp. 15.30 h. Bea ist bereit, und jetzt kommen aus allen Winkeln plötzlich weitere Fallschirmspringer, die sich alle in "unser" Flugzeug quetschen. Sie tragen alle so komische Anzüge, die mir vorkommen wie ein Verschnitt aus Bauarbeiter-Overall und Tauchanzug. Sie trainieren für ihr Brevet - also auch alles Profis!

Spannung

Landung

Erklärung

Inzwischen ist Vroni angereist. Sie will sich diesen Spektakel nicht entgehen lassen. Jetzt muss ich meine Gefühle sammeln. Ich habe meine Montur an, wir nehmen zu hinterst in dieser Knatterkiste Platz, die sich Pilatusporter nennt. Gleich hinter mir sitzt Roland ganz nah, er hängt schon mal einen Hacken ein. Jetzt kommen sie wieder, alle die bunt bekleideten Springer. Wenn alle ins Flugzeug wollen, bekomme ich kaum Luft (wäre nichts für solche mit Platzangst). Es werden Sprüche geklopft und es wird gelacht (als ob es hier etwas zu lachen gäbe). Es bleibt kaum Zeit, über sich, über Gott und die Welt, über das Leben schlechthin nachzudenken. Wir starten und heben eigentlich nach ganz kurzer Zeit schon ab.

 

Wir sitzen so eng, dass ich ähnlich wie im Militär auf dem Lastwagen kaum den Fuss bewegen kann. Ich habe einen Fensterplatz - eigentlich sitzen ja alle am Fenster, nur ich möchte die Aussicht geniessen. Roland zeigt mit den Höhenmeter und erklärt mir was unter uns liegt. Nach dem Start wendet der Pilot schnell, wir fliegen über den Mauensee. Das Schlösschen auf der Insel müsste man kaufen können, wird erzählt. Rechts von mir kommt mir langsam der Pilatus entgegen, links liegt Luzern. Der Höhenmeter zeigt die Steigung an: schon 3000 Meter. Also bald sind wir oben. Der Tandempilot schnallt mich an. "Zieh an den Gurten, ganz fest!" Natürlich, ich will ja nicht rausfallen. Die Profis schauen mich irgendwie gelangweilt an und diskutieren weiter. Da erklärt doch einer dem anderen, "ist das da unten nicht dein Stall?". "Doch, doch, die Schweinemast muss dort etwa sein!". "Was du bist Bauer?" rutscht mir raus. Diese Profis sind also ganz normale Menschen wie ich, die alle auch wieder heil zu Boden wollen. Das hat das Eis so irgendwie geschmolzen. Jedenfalls machen jetzt alle fröhliche Gesichter (auch ich) und machen sich auf den Absprung fertig. Jetzt kommt noch ein Gruss-Ritual, das sie mir noch beibringen: mit der rechten Hand zwei Zeigfinder berühren die Finger des anderen, dann berühren sich die Faust und dann zeigt man mit dem Finger auf einander "go on!".

Die Tür geht auf - das ist aber kalt hier oben auf 4'300 Metern: knapp null Grad. Die Profibauern klettern aus dem Flugzeug, hängen sich an den Flügel, das Rad oder weiss nicht wo, und machen den gemeinsamen Absprung. Jetzt bin ich dran - ja natürlich auch noch mein Tandempilot - aber ich bin voraus, hock am Flugzeugrand, kann mich nirgends halten und schau in die Tiefe:

Jetzt kommt das einzige Mal eine Art Angst auf. Ich kann mich nicht mehr halten, muss die Beine ins Nichts baumeln lassen und sehe nur noch die grosse weite Landschaft weit unter mir. Es geht nun alles sehr schnell. Ich halte die Hände an die Gurten, bin also bereit und gib das dem Piloten zu merken, indem ich in die Sterne gucke, also schön Kopf in den Nacken und das Kinn vorstrecke.

Sprung ins Leere. Beine Anwinkeln, kreuz durchdrücken. Richtig draussen klopft der Pilot auf die Schulter, jetzt darf ich die Arme ausstrecken. Verblüffend, ich kann sogar etwas steuern. Liege wie ein Polster auf der Luft. Die Wangen schlappern stirnwärts. Im freien Fall donnere ich mit über 200 km/h in die Tiefe. Hinter mir angekoppelt saust Roland mit und er hat noch einen kleinen Bremsfallschirm dabei. Dass da einer noch Video aufnimmt, merke ich erst unten. Aber ich kann mich ganz gut orientieren. Suche immer wieder den Flugplatz als Orientierungshilfe, der mir atemberaubend entgegen-saust. Ich fliege wie ein Vogel, spüre den Wind, realisiere aber kaum die Geschwindigkeit.

Nach etwa 35 Sekunden, wir sind etwa bei 1500 Metern über Boden, klopft Roland auf die Schultern, also Hände wieder an die Gurten! Ein leichter Ruck, der Fallschirm über uns öffnet sich mit einem Knattern. Jetzt kehrt Ruhe ein. Wir können miteinander gemütlich sprechen und schauen wie die Profis unten bereits die Schirme zusammenräumen. Ich darf sogar etwas steuern, dann machen wir noch ein paar Drehungen mit dem Fallschirm, linksrum dann rechtsum.

Wir gleiten sanft nach unten, schweben kreisend über dem Flugplatz, sehen auch schon unsere Begleiter und landen schliesslich sanft auf der Wiese beim Flugplatz.

Das im Freifall empfundene Glücksgefühl klingt nur leise ab. Der Adrenalinkick lässt das Herz Purzelbäume schlagen. Glückwünsche, "super hast Du das gemacht", Komplimente tun gut, vor allem wenn sie von diesen Profis kommen.

Irgendwie gehöre ich ja nun auch ihrer Gilde an!

das geilste Geschenk ...

Vor knapp 2 Jahren konnte ich das 20 jährige Arbeitsjubiläum in der Gemeinde Turgi feiern. Das hat meine Arbeitskollegen und den Gemeinderat bewogen, mir einen Tandem-Absprung aus dem Flugzeug zu schenken.

Letzten Sommer wollte das Wetter (und vielleicht auch ich) nicht so recht. Aber vor einer Woche habe ich's gepackt und der PSC (Para-Sport-Club Triengen, Fallschirm-Sprungschule) gemailt. An Fronleichnam könnte es klappen - und prompt: es hat gerade noch einen Platz frei!  :-) 
"soll ich, kann ich, trau ich?"
"ich gehe !"

Der Tag der Tage kommt immer näher! Lieber Petrus, lieber Herr Bucheli, könnte es vielleicht doch noch ...
- oder so?
Tel. 041 933 25 55:  nein; sowohl Wettermacher als auch Wetterfrosch scheinen auf beiden Ohren taub zu sein. Weit und breit keine Schlecht-wetterfront auszumachen!

Profi Roland zeigt uns drei Erstlingen also anhand eines Videos was wir zu tun haben (Theorie):
- möglichst wenige unterm Overall
- Gstältli anziehen
- Schutzkappe und Brille anpassen
- sich in den Pilatusporter quetschen
- warten bis auf 4'200 m.ü.M.
- Türe öffnet sich
- kalter Wind saust um die Ohren
- an die Türlucke hängen
- Griff an die Gurte
- zum Sternenhimmel sehen = ready
- Schupps
- Banane drücken, Beine hoch
- freier Fall
- Hände hervor - gleiten !
- Gstältli fassen
- Fallschirm öffnet sich
- zu Boden gleiten
- Knie anziehen bei der Landung

 

 

 

 

 

Das Gefühlt ist unbeschreiblich ...        Spannung    Angst    Ungewissheit    Glück    Tollheit    Adrenalin    Fröhlichkeit   Freiheit    Leere    Übersicht    Weitsicht    Schnelle    Staunen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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    Copyright ©          E. Schmid, Turgi

 update © ES   05. Januar 2008