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Ungewöhnlicher Fund im Rechen des Klingnauer Kraftwerks


Marderhund Fünfter Nachweis des nicht gerade erwünschten «Einwanderers» in der Schweiz

Interessant zwar als Einzelfälle, aber nicht gerade beliebt, wenn sie sich ansiedeln, sind die Neozoen, Tiere, die aus fremden Lebensräumen einwandern. Ursprünglich östlich des Urals daheim ist der Marderhund. Ein Exemplar dieser Art ist in Klingnau gefunden worden.


Einen toten Hund glaubten Mitarbeiter des Kraftwerks Klingnau aus dem Rechen zu ziehen. Sie informierten die Regionalpolizei, um feststellen zu lassen, ob dieser Hund einen Chip trage und somit identifizierbar sei. «Gechipt», das stellte die Repol schnell fest, war der tote Hund nicht. Ausserdem schien das Tier keiner bekannten Hunderasse zu gleichen. Das machte die Repol und Aarewerk-Mitarbeiter stutzig. Der dazugerufene Wildhüter Peter Hohler ahnte sogleich, was er da vor sich hatte: einen Marderhund – ein Tier, das eigentlich in Ostasien angesiedelt ist. Die ungewöhnliche Tierleiche wurde zur genaueren Abklärung ins Tierspital Bern geschickt. Und der Befund war eindeutig: Es handelte sich tatsächlich um ein männliches, relativ junges und an sich gesundes Exemplar der Art Marderhund. «Marderhunde sind gute Schwimmer», erklärt Dominik Thiel von der Sektion Jagd und Fischerei beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt. «Dieses Tier ist vermutlich schwimmend in den Rechen des Kraftwerks gelangt, geriet in Panik, weil es die Stelle nicht passieren konnte, und ist schliesslich völlig erschöpft ertrunken.»

Explosionsartige Vermehrung

Marderhunde, die tatsächlich zur Hundefamilie gehören, ähneln in ihrer Gestalt einer Mischung aus Waschbären und Hunden. «Das ist erst der fünfte Nachweis eines Marderhundes in der Schweiz», sagt Thiel. «Der letzte Fund aus dem Aargau datiert aus dem Jahr 1997; damals wurde in Leuggern ein Marderhund überfahren.» Allerdings könnten die an sich recht putzigen Tiere in der Schweiz durchaus zur Plage werden. «Sie vermehren sich explosionsartig und als Allesfresser finden sie hier sehr gute Lebensbedingungen vor», erklärt Dominik Thiel. «Der Marderhund kann einheimische Tiere wie etwa den Fuchs konkurrenzieren.» Wie andere eingewanderte Tiere kann er das ökologische Gleichgewicht stören und verändern. Aus diesem Grunde ist der Marderhund, wie andere Neozoen auch, in der Schweiz alles andere als erwünscht.

Beliebtes Pelztier

Doch woher ist dieser Marderhund eigentlich gekommen? Dominik Thiel vermutet, das Tier sei aus Deutschland eingewandert oder vielmehr über den Rhein «eingeschwommen». Denn dort – vor allem in Ostdeutschland – ist der Marderhund schon seit vielen Jahren recht verbreitet. «Mittlerweile gibt es auch in Baden-Württemberg zahlreiche Exemplare; in Hessen erlegten die Jäger im Jagdjahr 2007/08 bereits 26 677 Marderhunde.» Zu Hause ist der Marderhund eigentlich in Ostasien – einheimisch ist er von Sibirien bis Japan. «Östlich des Urals gibt es riesige Pelztierzuchtfarmen, denn der dichte Pelz des Marderhundes ist sehr beliebt», weiss Thiel. «Pelztierzüchter waren es auch, die den Marderhund auf die andere Seite des Urals gebracht haben.» Von dort sind wohl einige Tiere ausgerissen, andere wurden ausgesetzt. Als gute Wanderer, die 300 bis 400 Kilometer zurücklegen können, sind die Marderhunde weiter europawärts gezogen – und haben sich munter fortgepflanzt.

Keine Schonzeit

Wie viele Marderhunde es im Aargau bereits gibt oder wie lange es noch dauern wird, bis sie sich hier ansiedeln, weiss man aber nicht. «Marderhunde sind nachtaktiv und leben in Bauten, darum sind sie kaum sichtbar oder können im Dunkeln mit Hunden oder anderen Tieren verwechselt werden», sagt Dominik Thiel. «Beim Fund dieses Marderhundes haben alle Beteiligten sehr gut reagiert.» Denn fast nur durch Zufall, wenn man eben auf ein totes Tier stösst, kann man Rückschlüsse auf eine allfällige die Ausbreitung des unliebsamen Einwanderers ziehen. Als invasive (gebietsfremde) Tierart fällt der Marderhund unter den Begriff «Raubzeug» und darf somit das ganze Jahr über bejagt werden. «Für Marderhunde», bestätigt Thiel, «gibt es keine Schonzeit.»

 

AZ 6. Febr. 2009
FRäNZI ZULAUF

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser junge, männliche Marderhund wurde im Klingnauer Kraftwerk-Rechen gefunden. Der Marderhund, der zur Familie der Hunde gehört, ist ein sehr scheuer, nachtaktiver Allesfresser. Der Menüplan reicht von Mäusen, Vögeln, Kröten und Fischen bis hin zu Eicheln, Beeren und Obst. Der Marderhund lebt gerne in Wäldern und im Dickicht. Er kann sehr weite Strecken zurücklegen, schwimmen und tauchen, aber nicht klettern. Sein ursprünglicher Lebensraum erstreckt sich von Sibirien über das nordöstliche China bis nach Japan. Der Marderhund ist monogam. Beide Partner kümmern sich um die jeweils sechs bis zehn Welpen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bemerkungen

Gebietsfremde Tierarten im Aargau

Während der mit Erfolg wieder angesiedelte und geschützte Luchs in die mittelländische Fauna gehört, hat man weit weniger Freude an invasiven (gebietsfremden) Tierarten. Dazu gehört der Waschbär, der im Aargau an verschiedenen Orten – beispielsweise in Böbikon, Birmenstorf, Mülligen oder Staffelbach – gesichtet wurde. Der Waschbär stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde in Europa ausgesetzt und ist aus der Gefangenschaft entwichen. Die Wanderlust der Waschbären ist aber weit geringer als jene der Marderhunde. Dafür aber können sie hervorragend klettern.

Auch die Rostgans ist ein Neozoon, eine invasive, nicht einheimische Art, die aus Asien stammt. Sie verhält sich aggressiv und ist sehr konkurrenzstark. Während der Aufzucht der Jungen hält sie Uferstreifen von anderen Nahrungskonkurrenten frei. Als Höhlenbrüter besetzt sie auch Brutplätze von Schleiereulen und Turmfalken. Auf diese Weise verdrängt sie einheimische Brutvögel. Im Herbst hält sich die Mehrzahl der Rostgänse am Klingnauer Stausee auf. Der Bund hat für die Rostgans «Totalabschuss» verordnet. Die Bisamratte aus Nordamerika ist am Rhein schon recht verbreitet und könnte noch zur Plage werden. Befürchtet wird ausserdem, dass sich das Grauhörnchen und die Biberratte (Riesennagetier) – beide aus Nordamerika – über kurz oder lang hier ausbreiten könnten.
 

 

 

 

 

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 update © ES   16. Februar 2009