Die Wildtierbestände in der Schweiz sind hoch wie nie zuvor
Es stand nicht gut um die grossen Wildtiere im Jahr
1900. Kein Steinbock stand mehr auf den Felsen in den Schweizer Alpen,
kein Biber schwamm mehr in den Flüssen, kein Wolf heulte mehr in der
Nacht, kein Bartgeierpaar zog seine Kreise am Himmel, der letzte Luchs
schlich durch die Wälder, der letzte Bär trottete durch Graubünden und
es brüteten so wenig Steinadler in den Alpen wie noch nie.
Die Chronik der aussterbenden Tiere setzte sich durchs ganze 20.
Jahrhundert fort: 1950 starben der Storch und der Lachs aus. In den
90er-Jahren verschwand der letzte Fischotter und das Rebhuhn stand vor
dem Aussterben. Doch im selben Jahrhundert fand in der Schweiz ein
Umdenken statt: Die Wildtiere wurden nicht mehr nur in «schädliche» und
«nützliche» Tiere eingeteilt.
Gleichzeitig wurde kontrolliert gejagt im Gegensatz zum 18. und 19.
Jahrhundert. «Die Grosswildbestände sind so hoch wie nie zuvor», sagt
der Direktor des Nationalparks Heinrich Haller. «Im Laufe des 20.
Jahrhunderts haben sich die Bestände völlig regeneriert. Der Lebensraum
ist perfekt – ein Sibirischer Wolf würde sich wohl wünschen, er könnte
in der Schweiz jagen.» Diese steigende Anzahl von Hirschen oder anderen
Huftieren bildete die Grundlage für die Rückkehr ihrer Jäger.
UNWILLKOMMENE RüCKKEHRER sind der Wolf und der Bär.
Die ersten Wölfe wanderten vor gut zehn Jahren vereinzelt ins Wallis
ein, der erste Bär wurde 2005 am Ofenpass gesehen. Grund dafür waren die
erstarkten Populationen der beiden Arten in Italien. Beim Braunbären
gehe dies auf eine Massnahme zur Bestandsstützung mit slowenischen Bären
im Trentino zurück, sagt Heinrich Haller. Da sie neben dem Wild auch
Nutztiere reissen, haben Bär und Wolf in der Schweiz einen schweren
Stand; immer wieder protestieren die Viehhalter. Der berühmt gewordene
Bär JJ3 wurde Mitte April 2008 wegen seiner Plünderungen im
Siedlungsgebiet abgeschossen. Momentan hält sich kein Braunbär mehr in
der Schweiz auf. Hingegen leben hier rund 7 Wölfe.
DER LUCHS, der 1909 ausstarb, wird hingegen seit den 70er-Jahren wieder angesiedelt. Heute gibt es in der Schweiz 100 bis 150 Luchse – der Bestand ist jedoch noch nicht gesichert. Wilderer machen den sonst anpassungsfähigen Luchsen zu schaffen.
DER MAJESTäTISCHE STEINBOCK, der 1850 in der Schweiz ausstarb, war schon
früher wieder willkommen. 1906 reiste der St. Galler Hotelier Robert
Mader nach Martigny und nahm dort von einem Schmuggler eine Kiste mit
zwei Steinbockkitzen aus dem königlichen Jagdrevier am Gran Paradiso in
Italien in Empfang. Mader bezahlte im Auftrag der St. Galler
Wildpark-Commission die damals horrende Summe von 1600 Franken. Es waren
noch weitere Schmuggel-aktionen nötig, weil die italienischen Könige
sich weigerten, der Schweiz Tiere zu überlassen. Doch heute leben wieder
rund 15 000 Steinböcke in den Schweizer Alpen. Der Steinbock ist die
erste und grösste Erfolgsgeschichte einer Wiederansiedelung in der
Schweiz.
AUCH DER STORCH hatte es vergleichsweise leicht, bringt er doch dem
Volksglauben nach den Nachwuchs. Schon zwei Jahre bevor der letzte
Storch in der Schweiz sein Nest baute, wurde in Staufen 1948 die erste
Storchenkolonie gegründet. Man schaffte Jungstörche aus Strassburg an
und hoffte, jährlich 20 bis 30 Jungstörche in die Freiheit entlassen zu
können. Doch erst 1957 brütete das erste Storchenpaar und man musste
noch einmal gegen 300 Jungstörche aus Algerien anschaffen, bis 1962 das
erste Storchenpaar frei gelassen werden konnte. Heute gibt es 220 Paare
in der Schweiz mit einem Zuwachs von 6 Paaren jährlich. «Der Storch ist
auf einem guten Weg», sagt Matthias Kestenholz, Biologe von der
Vogelwarte Sempach.
DER BIBER HINGEGEN verbreitet sich inzwischen so gut, dass er schon
wieder viele Gegner hat. Der eifrige Nager und Baumeister wurde schon
1805 ausgerottet. Einerseits war der Verzehr seines Fleisches während
der Fastenzeit erlaubt, weil er als fischartiges Tier galt, ausserdem
galt sein Drüsensekret, das Bibergeil, als Wundermedizin und man glaubte
irrtümlicherweise, der Vegetarier würde Fische jagen. 1950 wurde er
wieder angesiedelt und heute zählt man in der Schweiz 500 bis 1000
Biber, die an Fluss- und Seeufern ihre Spuren hinterlassen.
DER FISCHOTTER IST DER EINZIGE unter den genannten Tieren, der bis heute
ausgestorben ist. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er weit
verbreitet, 1952 wurde er unter Schutz gestellt, doch 1989 wurde
trotzdem das letzte lebende Exemplar gesichtet. Eine Wiederansiedlung
wagte man bisher nicht, da befürchtet wird, er habe kein geeigneter
Lebensraum. Hoffnung erwachte im Mai 2004, als zwei Naturfreunde im
Neuenburgersee einen Otter schwimmen sahen. Ein Jahr später fanden
Wildtierbiologen im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt, Wald und
Landschaft (Buwal) an einem Brückenpfeiler an einem Seitengewässer des
Zihlkanals zwischen dem Neuenburger- und dem Bielersee drei Portionen
mehrere Wochen alten Fischotterkot. Seither wurden keine Spuren mehr
entdeckt. Man vermutet, dass er illegal ausgesetzt wurde. In
verschiedenen Gebieten Europas scheinen sich die Fischotter jedoch
wieder auszubreiten.
DAS REBHUHN BREITET SICH sehr zaghaft wieder aus. Noch in den 60er-Jahren lebten 10 000 Vögel in den Feldern der Schweiz – in den 90er-Jahren waren sie nahezu ausgerottet. Heute schätzt die Vogelwarte Sempach den Bestand der Rebühner (nur in Schaffhausen und Genf angesiedelt) auf gut 30 Paare. «Das Rebhuhn ist immer noch auf der Intensivstation», sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach.
AUCH DER LACHS hat es noch nicht geschafft. In den 50er-Jahren starb er
aus und kehrte seither nicht mehr bis nach Basel zurück. Zwar wäre die
Schweizer Wasserqualität vermutlich wieder genug gut und es wurden hier
auch schon mehrere tausend Tiere ausgesetzt – zurückgekehrt sind sie
jedoch nicht. Dazu gibt es noch zu viele Hindernisse und zu wenige
Fischtreppen für die Lachse. Seit zwanzig Jahren wird der Lachs jedoch
weiter unten in Deutschland ausgesetzt und vermehrt sich wieder
natürlich. Ohne menschliche Hilfe könnte sich die Lachspopulation jedoch
noch nicht halten.
SABINE KUSTER / AZ Mittwoch, 18. Juni 2008






