«Der Mensch ist in der Natur immer zu Gast und hat sich auch dementsprechend zu benehmen und Respekt zu zeigen»

Jagd in der Schweiz

Die Schweiz zählt gegenwärtig rund 6,5 Millionen Einwohner. Davon sind ungefähr 30 000 oder 0,5 Prozent Jäger.

Zwei Drittel der Schweizer Jäger üben die Patentjagd aus, ein Drittel die Revierjagd. Auch das Verhältnis der Patent- zu den Revierkantonen verhält sich etwa wie 2 : 1. Ein Sonderfall ist der Kanton Genf, der 1974 durch Volksentscheid die Jagdausübung durch Private abgeschafft hat. Die Patentjagd ist die Jagd der Gebirgskantone (Ausnahme: St. Gallen), der Westschweiz und des Tessins. Revierjagd findet man in den Kantonen des Mittellandes mit Ausnahme von Bern.

Die beiden Jagdsysteme

Beim Patentjagdsystem darf jede Person, die gewisse persönliche Voraussetzungen wie Volljährigkeit, guten Leumund usw. erfüllt, die Jägerprüfung bestanden und die Patentgebühr entrichtet hat, auf dem ganzen Gebiet des Kantons mit Ausnahme der eidgenössischen und der kantonalen Jagdbanngebiete das Weidwerk ausüben. Dabei ist genau umschrieben, was jeder Jäger erlegen darf, eventuell sogar in welcher Reihenfolge. Die Jagdzeit ist auf wenige Wochen im Herbst beschränkt.

Beim Revierjagdsystem verpachten die politischen Gemeinden das Jagdrecht durch Vertrag an eine Gruppe von Jägern (Jagdgesellschaft) für eine bestimmte Periode (meist acht Jahre).

Wichtig: Im Gegensatz zu verschiedenen anderen Staaten verleiht der Grundbesitz in der Schweiz keinerlei Jagdrechte.

Die Lage des Wildes in der Schweiz

 
Es gibt in der Schweiz starke Bestände an Schalenwild, d.h. an Tieren mit Hufen: Hirsch, Reh, Gams, Steinbock, Wildschwein. Auch dem Raubwild (Fuchs, Dachs, Steinmarder) geht es gut. Eine Ausnahme bildet der Edelmarder als Kulturflüchter.

Prekär ist die Situation beim Hasen, beim erwähnten Edelmarder sowie beim Rebhuhn. Probleme haben aber auch viele kleine Säuger, Lurche, Reptilien und Vögel, die kaum je in einer Statistik erscheinen.

Gesamthaft befriedigend geht es schliesslich einer dritten Gruppe von freilebenden Tieren: Murmeltier, Schneehase, Birk- und Schneehuhn weisen stabile Bestände auf. Sie leben übrigens alle an oder über der oberen Waldgrenze, was darauf hindeutet, dass viele Gebiete in unseren Alpen noch relativ unberührt geblieben sind.
 

Ein kurzer Blick zurück

 
In der Frühzeit war jeder, der physisch dazu in der Lage war, Jäger. Jagd war Nahrungsbeschaffung und bildete einen wesentlichen Teil des Daseins.
In späteren Zeiten bildeten sich in der menschlichen Gesellschaft die Sozialstrukturen der Feudalepoche heraus, die auch auf die Jagd ihren Einfluss hatten. Das Weidwerk auf grosse und wehrhafte Tiere (sogenannte Hohe Jagd) war Privileg des Adels und des Klerus. Das gewöhnliche Volk musste sich mit der Niederjagd, d.h. mit Hasen und Vögeln begnügen.

Als dann im 19. Jahrhundert der revolutionäre oder evolutionäre Übergang vom Feudalismus in demokratische Staatsformen erfolgte, wurde auch die Jagd wieder jedem Bürger zugänglich gemacht. Die neu verliehene Freiheit und vielleicht auch der Umstand, dass gewisse Tierarten teilweise als Symbole alter Machtstrukturen gesehen wurden, führte gerade auch in der Schweiz zu rücksichtslosem Schiessen und zur Dezimierung der Wildbestände. Dazu kam, dass verschiedene grössere Raubtiere (Bär, Luchs, Adler) als Beutekonkurrenten und Schädlinge am Volksgut betrachtet wurden, die im Interesse des Fortschritts der Menschheit eliminiert werden mussten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Bestände von Wildarten wie Hirsch, Gams und Reh in unserem Lande in bedenklichem Zustand. Noch in den Jahren 1890 - 1900 war die Erlegung eines Rehs im Mittelland Anlass für eine Pressenotiz.

Das erste Bundesgesetz über Jagd und Vogelschutz von 1875 war denn auch ein ausgesprochenes Artenschutzgesetz. Insbesondere durch die Ausscheidung von Banngebieten wurde - sehr erfolgreich, wie die Zukunft zeigen sollte - die Weiterexistenz und die Vermehrung der bekannten Schalenwildarten ermöglicht.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts änderte sich die Situation erneut. Immer deutlicher erkannte man die vitale Bedeutung eines intakten Lebensraums für Wildtiere, Haustiere und Menschen. Noch einige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde bei der Erweiterung des Flughafens Kloten die «Urbarisierung» der dortigen Ried- und Sumpflandschaft als zivilisatorischer Fortschritt gefeiert. Heute würde man gegen solche Arbeiten auf die Barrikaden gehen.
 

Wie wird bei uns gejagt?

 
Aus dem historischen Exkurs ergibt sich, dass im 19. Jahrhundert die Feudaljagd durch die Volksjagd abgelöst wurde. Diese Volksjagd war eine Patentjagd. Der Versuch, im Verlauf der Jahrzehnte in einigen Kantonen die Revierjagd einzuführen, brachte teilweise heftige und mit Erbitterung geführte Systemkämpfe mit sich. Heute sind die Fronten klar abgesteckt. Die vier schweizerischen Jagdverbände, nämlich:
 
Schweizerischer Patentjäger- und Wildschutzverband (SPW)
Diana Suisse (Westschweizer Jäger)
FACTI (Tessiner Jäger)
RevierJagd Schweiz
 
haben einen gemeinsamen Dachverband gebildet (CHJV) und arbeiten loyal zusammen.

Die Ausübung der Jagd ist bei beiden Systemen grundsätzlich die gleiche. Sie erfolgt durch Pirsch, durch Ansitz und durch verschiedene Formen der Gemeinschaftsjagd.

Pirsch und Ansitz sind Einzel-Jagdarten. Vereinfacht kann man sagen, dass bei der Pirsch versucht wird, dem Wild zu folgen und es anzuschleichen. Beim Ansitz wartet man auf einem als günstig eingeschätzten Ort (Wechsel), vielfach auf einem Hochsitz, auf das Näherkommen (Austreten) des Wildes.

Spezielle Jagdarten sind ferner die Fallenjagd, die bei uns für die Erbeutung von Fuchs und Steinmarder eingesetzt wird; die schweizerischen Gesetze erlauben erfreulicherweise nur den Einsatz von sogenannten Kasten- oder Lebendfallen, also keine Fangeisen; ferner die Baujagd auf den Fuchs mit Hilfe von Hunden.
 

Wann wird gejagt?

 
Grundsätzlich immer, ausser in der sogenannten Notzeit (Winter) und während der Aufzuchtzeit der Jungtiere (Frühjahr).

Hier besteht ein markanter Unterschied zwischen der Revier- und der Patentjagd. In den Patentkantonen konzentriert sich die Jagd auf einige Wochen im Herbst. Dies hat vor allem mit der Überwachung des Jagdbetriebs durch die staatlichen Wildhüter zu tun. Sie werden in diesen Wochen bis zum äussersten gefordert; eine solche Parforceleistung kann ihnen nicht während Monaten zugemutet werden.

Im Revierbereich dagegen beginnt die Jagd auf den Rehbock bereits im Mai oder Juni, wobei die Anfangszeiten von Kanton zu Kanton variieren. Im September werden auch schon weibliche Tiere zum Einzelabschuss mit der Kugel freigegeben. Ab Oktober finden dann die Gemeinschaftsjagden statt, die grundsätzlich bis zum Jahresende durchgeführt werden können.
 

Die Probleme der Schweizer Jäger

 
Jagen wurde in früheren Zeiten - ich verwende bewusst diesen schwammigen Ausdruck - als natürliche Beschäftigung betrachtet und akzeptiert. Der Jäger war wohlgelitten und angesehen. In der Märchen- und Sagenwelt war er, um in der Sprache der Psychologen zu reden, ein positiv besetzter Archetyp: Der gute Jäger rettete das im finsteren Wald ausgesetzte Prinzesschen.

Ein solches selbstverständliches Einvernehmen herrscht auch heute noch in ländlichen Gebieten und in den Bergregionen vor.

Anders ist die Lage in den Agglomerationen und teilweise bei der städtischen Bevölkerung. Hier zeigen sich die verschiedenen Handicaps der Jäger bzw. in der öffentlichen Wahrnehmung von Jägern und Jagd:
 
Wir sind eine kleine Minderheit, eine Randgruppe, und solche Gruppen werden in jeder Gesellschaft besonders aufmerksam und misstrauisch beobachtet.
Unser Tun in Feld und Wald ist auf Anhieb wenig transparent.
Wir fügen als Teil unseres Wirkens anderen Lebewesen den Tod zu. Der Mensch wird ja heute, wenigstens in der nördlichen Hemisphäre, in Bezug auf sein Verhalten gegenüber Tieren sensibilisiert, was wir als positiv beurteilen. Gleichzeitig findet aber ein grosser Verdrängungsprozess statt: Man will zwar Fleisch essen, aber das Töten der Tiere soll möglichst anonym und möglichst weit weg erfolgen. Man will das klinisch sauber verpackte Fleischstück, aber das Blut, das daran klebt, lehnt man ab.
 
Seien wir uns darüber im klaren: Es wird den Jägern immer gelingen, unvoreingenommenen und vernünftig denkenden Menschen den grössten Teil ihres Tuns zu erklären und verständlich zu machen. Dazu gehört u.a. die Tatsache, dass unsere Wildbestände auch bewirtschaftet werden müssen. Aber der verbleibende Teil - nämlich dass es moderne Menschen gibt, die Freude am Erlegen von Geschöpfen und am Beutemachen haben - können wir im Grunde nicht erklären, und daraus entsteht vielenorts Unverständnis und Ablehnung.
 

Schweizer Jagd wohin?

 
Wie will sich die schweizerische Jägerschaft der Zukunft stellen?

Nur der zeitgemäss denkende und ausgebildete Jäger kann überleben.
Es ist heute anforderungsreich, Jäger zu werden (grünes Lehrjahr, Zeitaufwand, strengere und breiter gestreute Prüfungsanforderungen). Die Jagd bringt kaum Sozialprestige, aber viele Anfeindungen. Die Zahl der Jungjäger in den Revierkantonen hat sich denn auch verringert, während dies bezeichnenderweise in den Patentkantonen nicht der Fall ist. der RevierJagd Schweiz begrüsst eine Entwicklung, bei der sich der Spreu vom Weizen sondert. Er weiss aber, dass genügender Nachwuchs für die Jagd von vitaler Bedeutung ist.

Primäre Sorge der Schweizer Jäger muss die Erhaltung und Neuschaffung von guten Lebensräumen für Mensch und Tier sein. Die Schweizer Jägerorganisationen haben denn auch keine Resolutionen erlassen, sondern Naturlandstiftungen gegründet. Der Jäger ist im übrigen für das Denken in Zusammenhängen sehr geeignet, da der Aufenthalt in der Natur und das Beobachten der Vorgänge ein solches vernetztes Denken ausgesprochen fördern.

Die Schweizer Jägerschaft sucht vermehrt den Schulterschluss mit Organisationen, die ähnliche Zielsetzungen verfolgen, so beispielsweise mit dem Schweizerischen Bund für Naturschutz (SBN), den Ornithologen und anderen. Solche Kontakte und Kooperationen spielen übrigens auf kantonaler und lokaler Ebene an manchen Orten schon sehr gut.

Die Schweizer Jäger versuchen, durch Öffentlichkeitsarbeit ihre Tätigkeit transparenter zu machen. Sie wollen aber auf jeden Fall dazu stehen, dass sie beim Weidwerk Freude und Befriedigung empfinden, an einem Weidwerk freilich, das eine breite Palette von Tätigkeiten umfasst und bei dem das Schiessen und Töten nur einen kleinen Teil ausmacht.

Ein ganz wesentlicher Teil unserer Aktivitäten muss in der "Erziehungsarbeit" in unseren eigenen Reihen bestehen. Es werden immer wieder Fehler gemacht und Eigentore geschossen. Aber es muss der Öffentlichkeit klar gemacht werden, dass dies Ausnahmen sind und nicht die Regel. Gleichzeitig haben wir aber im Rahmen unserer Möglichkeiten hart gegen solche Sünder vorzugehen.

Selbstverständlich beobachten wir auch die Entwicklung der Jagd ausserhalb unserer Grenzen, insbesondere in Anbetracht des europäischen Zusammenschlusses. Wir sind Mitglieder des Verbandes der EG-Jäger (FACE), der Internationalen Jagdkonferenz sowie des Internationalen Jagdrates zur Erhaltung des Wildes (CIC).

Trotz der erwähnten Schwachstellen und verschiedener ungünstiger Faktoren sind wir gerade für die Jagd in der Schweiz zuversichtlich.
 
Die Jagd in der Schweiz ist überdurchschnittlich gut in der Bevölkerung verankert. Fanatische Jagdgegner finden kaum Anhänger.
Die Jagd ist nicht, wie teilweise im Ausland, mit dem Grundeigentum gekoppelt. Wir haben keinen Grossgrundbesitz und keine übriggebliebenen Feudalstrukturen in unserem Lande.
Die Jagdausübung in der Schweiz ist recht preisgünstig und kostenmässig mit populären Sportarten (Skifahren, Tennis) vergleichbar. Entsprechend stellen die Schweizer Jäger einen Querschnitt durch die ganze Sozialstruktur dar. Eine Herrenjagd haben wir nicht.

 

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 update © ES   14. Februar 2009