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meine Entschleunigung - mein Zeitwohlstand . . .
Langsamkeit

Mit Entschleunigung wird ein Verhalten beschrieben, aktiv
der beruflichen und privaten „Beschleunigung“ des Lebens entgegenzusteuern, d. h. wieder langsamer zu werden.

Das Leben hat sich in den letzten hundert Jahren massiv beschleunigt. Alles ist schneller geworden. Das Reisen, das Kommunizieren, das Haushalten und das Arbeiten. Zeitmangel und Zeitdruck prägen das heutige Lebensgefühl.

Dem Streben nach Verlangsamung liegt die Auffassung zugrunde, dass die gesellschaftliche und vor allem wirtschaftliche Entwicklung in den entwickelten Industriegesellschaften eine Eigendynamik gewonnen habe, die Hektik und sinnlose Hast in alle Lebensbereiche hineintrage und dabei jedes natürliche und insbesondere menschliche Maß ignoriere.

Komplexität, Effektivität, Hast, Hektik, schneller, höher, weiter, mehr - dem wird die Entschleunigung entgegengesetzt. Dabei geht es nicht um Langsamkeit als Selbstzweck, sondern um angemessene Geschwindigkeiten und Veränderungen in einem umfassenden Sinn: im Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur.

Entschleunigung

Der Begriff Entschleunigung (Ent-Schleunigung) wurde erstmals 1979 von Jürgen vom Scheidt in seinem Buch "Singles - Alleinsein als Chance" eingeführt, danach in drei weiteren seiner Bücher behandelt.

Das Wort tauchte weiter Anfang der 90er Jahre in Publikationen der Evangelischen Akademie Tutzing und des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie auf. Die Idee ist aber älter und mindestens bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgbar, als es in England Tendenzen gab, Eisenbahnen Geschwindigkeiten von mehr als zehn Kilometern pro Stunde zu verbieten.

Entschleunigung besitzt ein Begriffsumfeld, das aus Worten wie Bremsen, Abbremsen, Temporeduktion, Verlangsamen, langsam werden besteht. Diese Begriffe taugen gegenwärtig noch kaum zum Werbeträger für Richtungsänderungen. (Werbeträger sind eher Begriffe wie Relaxen, Wellness, Begriffe, die mit Gewinnen und nicht mit Verlusten assoziiert werden. Bremsen ist als Begriff völlig uncool, konservativ etc.).

Der Drang nach Beschleunigung und Raum greifender Verflechtung ist ein Sediment des 19. Jahrhundert. Denn es war die Lokomotive, welche Dauer und Entfernung jene zuvor fast unverrückbaren Gegebenheiten einer Reise in drastisch neuer Weise beweglich gemacht hat. Bis zur Mitte des vorletzten Jahrhunderts konnte man die Transportgeschwindig-keit nur in engen Grenzen steigern, weil die Fortbewegung von Mensch, Pferd und Schiff an ein von der Natur vorgegebenes Mass gebunden war.

Erst die auf Räder gesetzte Dampfmaschine liess dieses Mass hinfällig werden. Im 20. Jahrhundert trat sodann eine lange Reihe technischer Erfindungen an, um die ideale Beschleunigung und Verflechtung auf immer neuem Niveau in die Tat umzusetzen. Die Utopie, immer schneller und weiter bringe Glück und Zufriedenheit prägte das Jahrhundert. Aber auch Utopien kommen ins Alter. Über die Zeit verlieren sie oft ihre ursprüngliche Frische, erstarren in Gewohnheiten und zeigen sich schliesslich vor den Herausforderungen einer neuen Epoche kraftlos.

Gerade die Utopie der Beschleunigung und Verflechtung bleibt nicht von diesem Schicksal verschont. Auch in der High-speed-Gesellschaft wird Wiederholung des Immergleichen zur Realität, während Veränderungs-wünsche sich an neue Bilder heften. Wo ruhelose Mobilität regiert, dort keimt eher der Geschmack für Gemächlichkeit und Gelassenheit, wo die Fernverbindungen dominieren dort wächst eher die Aufmerksamkeit für Nähe und den eigenen Ort. Weil neue Wünsche sich zunehmend in Kontrast zur rasenden Gesellschaft artikulieren, wird es historisch möglich, öffentlich von Entschleunigung und Entflechtung zu sprechen.

Hamsterrad

Fritz Reheis greift zur Beschreibung des Ist-Zustandes immer wieder zurück auf das Bild des Hamsterrades, das wir ja alle kennen:
der Hamster rennt in seinem Rad; indem
er rennt, bewegt er das Rad; weil das Rad sich bewegt, muss der Hamster rennen.... usw. Wir verursachen eine Entwicklung und sind gleichzeitig ihre Opfer; anhalten ist keine Alternative.

Wir müssen also nicht anhalten können, sondern Verlangsamen auf ein angemessenes Mass. Wie auch immer wir mit Tempo umgehen, ob es uns gut tut oder belastet, anregt oder hemmt, es geht hier einfach um einen angemessenen Umgang mit Tempo, mit Geschwindigkeit und Veränderungen. Nur, was angemessen ist, das muss neu gedacht werden.

Zeitdimensionen

Momentan schätzt die Wissenschaft das Alter des Universums auf
15 Milliarden Jahre, die Entstehung unseres Sonnensystems auf
10 Milliarden Jahre; vor 3,5 Milliarden Jahre entstanden die ersten Lebensformen auf der Erde, kürzlich, vor 500'000 Jahren, trat der Mensch auf. Wir bewegen uns hier in Zeitdimensionen, die für unser Empfinden nahe an die Ewigkeit grenzen.

Der heutige Mensch hat da ganz andere Zeitvorstellungen. Seine Zeit ist knapp. Daher bedauert es die SBB zutiefst, dass sie wegen Mängeln in einem neuen Steuerungssystem die Fahrzeit von Zürich nach Bern nur von 70 auf 58 Minuten, statt auf 56 Minuten reduzieren kann. Das ist wirklich schade. Ich frage mich nur: was werden wir mit den zwei Minuten machen, die wir vielleicht einmal dazu gewinnen? Noch wichtiger ist die Frage: was tun wir mit den 12 Minuten, die wir schon bald gewinnen? Verkürzt das den Sitzungstag um 2x12 Minuten, also 24 Minuten? Gewinnen wir 24 Minuten Freizeit? Sind wir dann 24 Minuten länger in den Ferien? Oder können wir uns für diese Zeit einer neuen Herausforderung stellen?

Was „Zeit“ wirklich ist, das wissen wir nicht. Der Mensch besitzt keinen Zeitsinn. Deshalb macht er sich ein Bild von „der Zeit“. Im Laufe der Kulturgeschichte haben sich diese Bilder der Zeit immer wieder grundlegend geändert. Sie variieren von Epoche zu Epoche und von Kultur zu Kultur. Wer Zeit sucht, sucht sie durch den Blick zur Uhr.

Andererseits erfahren Menschen Zeit nicht so, wie die Zeiger der Uhr sie anzeigt. Fünf Minuten können ganz unterschiedlich lang sein, je nachdem, was man macht, erleidet oder erfährt. Daraus ergeben sich Probleme, die wir gerne „Zeitprobleme“ nennen. Üblicherweise wird versucht, diese mit Hilfe von Zeitmanagementratgebern und Zeitmanagementkursen „in den Griff" zu bekommen. Dies führt jedoch häufig nicht zu weniger, sondern zu mehr Zeitproblemen. Denn die Zeit der Uhr ist es ja, die die Menschen unter Zeitdruck setzt.
 

Zeitwohlstand

Mit Zeitwohlstand ist ein „Wohlbefinden in der Zeit“ gemeint. Meint Wohlstand traditionell Ausstattungswohlstand (also Besitz an Gütern), so meint Zeitwohlstand Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, noch klarer: Freiheit des Willens. Also die Fähigkeit und die Möglichkeit, überhaupt wählen zu können. Im Grunde geht es bei allem auch um die „alte“ Idee von Erich Fromm, in der das Sein über dem Haben steht. Immer unter der Bedingung, dass das Haben die Grundlage bietet, aus der ja erst die
Freiheit zum Sein erwächst.

Zeitinseln

Es ist wichtig, sich Nischen zu schaffen, Zeitinseln. Kleine Fluchten. Dies alles aber nicht, wie in Managementratgebern geraten, als Möglichkeit zur Leistungssteigerung, sondern als Schaffung von Zonen, die einfach nur dem Wohlbefinden dienen. Zu den Zeitinseln gehören nicht nur individuell gestaltete, sondern auch kulturell gewachsenen Fluchtmöglichkeiten wie Wochenenden, Urlaub, Feierabend.

Solche Zeitinseln, wenn sie nicht wiederum mit Aktivitäten/Konsum etc. ausgefüllt werden, appellieren natürlich auch an etwas, das auf den ersten Blick mit unangenehmen Begriffen verbunden ist: etwa dem Begriff Verzicht. Der Begriff Verzicht ist ein Begriff, der sich wie der Begriff Entschleunigung gegen die Welt, vor allem die durchökonomisierte, stemmt.

Tempo

Wer macht das Tempo und wie halten wir Schritt? In einer Zeit, in der Organisationsgeschick gefragter ist denn je, scheinen uns die Stunden mehr und mehr zu enteilen. Wer nicht Schritt halten kann, gerät leicht ins Abseits. Die Balance zwischen ruhen und arbeiten droht aus dem Lot zu geraten

 

                    

 

 

Ich nehme mir Zeit
für meine Zeit ...

 

Der Wunsch nach Gelassenheit und echter
Begegnung wird immer grösser in einer
zunehmend beschleunigten Welt

 

 

Der Mensch ist gesund und leistungsfähig, so lange er sich im Gleichgewicht

befindet

 

 

„Zeitwohlstand“ soll „materiellem Wohlstand“ vorausgehen

 

 

Ein merkwürdiger Widerspruch: Es geht alles immer schneller, aber wir haben dennoch immer weniger Zeit

 

 

Ich bin zur Ruhe gekommen. Mein Herz ist zufrieden
und still

 

 

Wer zur Entschleunigung ruft, sie sogar in die Tat umsetzt, ist sicher nicht von heute, aber auch nicht von gestern, sondern von morgen

 

 

 

 

 

 Fritz Reheis

 nonstop Stapferhaus
 Stapferhaus, Lenzburg

 timesandmore

 Zeitphilosophie

 "Italian time"

 Zeitsprünge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr Zeit zum Leben
Die Zeit rennt – und der Mensch hastet hinterher. Ein Phänomen des heutigen Alltags. Jetzt braucht es Zeit zum «Downshifting».
Sie sind immer auf der inneren und äusseren Suche. Haben sie sich etwas Materielles gegönnt, fühlen sie sich unglücklich statt glücklich.» Die Zürcher Mentaltrainerin Loretta Gloor spricht von Menschen, die dringend ihre «Work-Life-Balance» ins Lot bringen sollten, bevor es für ein
«Downshifting» zu spät ist und ein «Burnout» sie einholt. Im Klartext: Zeit ist Geld, lautet heute die Devise. Es wird Einsatz und Engagement verlangt – nicht nur beruflich sondern auch privat. Situationen, die bei vielen Managern, Unternehmensberatern und Führungskräften ein Auslöser für Erschöpfungskrankheiten bis hin zur Depression sind. Ein Volk im Dauerstress.
«Der Mensch muss unterscheiden zwischen den Dingen, die er für sich tut, um sich glücklich zu machen – oder für andere, um sein Image zu pushen», sagt die Expertin. Klingt einfach, ist es aber nicht. Schon gar nicht in einer Konsumgesellschaft. Noch ein Auto, noch ein grösseres Appartement, noch eine Luxus-Uhr – und dafür noch mehr arbeiten? Die Angst, zu versagen, steigt mit den hohen Erwartungen unserer Gesellschaft. Es ist wichtig, einen Weg
zu finden und die Balance zwischen Arbeit und Freizeit wiederherzustellen. Dazu gehört, Projekte in der Firma abzugeben, Aufgaben zu delegieren und etwas für den Körper zu tun: ihm Sport und Meditation zu gönnen, oder was sonst auch immer einem guttut – «ohne dafür Geld auszugeben».
Entschleunigen; Tipps zum «Downshifting»
Das Leben entrümpeln:
Welche Besitztümer und Kontakte bereiten mir wirklich Freude, welche sind eine Last? Zeitaufwand und Ärger dem tatsächlichen Nutzen gegenüberstellen. Konsequenter den Konsum überdenken.
Klare Prioritäten setzen:
Was bringt mir wirklich Entspannung und Genuss, und was tue ich bloss deshalb, weil es im Trend ist oder mein Image fördert?
Die innere Freiheit finden:
Weniger öffentlicher Erfolg bringt oft mehr Gestaltungsfreiheit und folglich mehr Ruhe im Arbeitsalltag.
 

   
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    Copyright ©          E. Schmid, Turgi

 update © ES   23. Juli 2010