Der Traum mit einem Aufschub
Nach der Apartheid
Die Hoffnungen wurden enttäuscht, das Land ist im
Entwicklungsstau und der Frust gross
AL IMFELD
SüDAFRIKA.
Ist das nicht Friede und Harmonie mit dem Regenbogen über ihnen
am Himmel?
Aber nun diese Eruption wie bei einem Vulkan. Die Menschen der
Vorstädte von Johannesburg im Zentrum über Durban am Indischen
Ozean bis Kapstadt im Süden jagen andere zum Teufel und in den
Tod. Was fällt diesem Mob plötzlich ein? Die Südafrikaner
sollten doch Afrikas Vorbild sein.
DREI HISTORISCH
stolz vorzeigbare Gegebenheiten hat Südafrika:
1. Den friedlichen Übergang von einem rigorosen Apartheidsystem
zur Demokratie bis Ende April 1994.
2. Eine einzigartige Aufarbeitung einer traurigen Vergangenheit,
die in einer Versöhnungsaktion unter dem Vorsitz von Bischof
Tutu endete.
3. Wie ein leuchtender Stern über allem die Heldengestalt Nelson
Mandela, der auch nach 27 Jahren härtester Haft, nicht
verbittert, mit fast 90 Jahren noch immer wie ein Fels dasteht.
DOCH DAS REICHTE NICHT
für eine Zukunft auf dem afrikanischen Kontinent und vor allem
nicht, um in längst unterschwellig glühenden Townships einen
gewaltfreien Alltag zu gewährleitsten. Diese Townships gehen
alle gezwungenermassen auf die Apartheid zurück. Seither wurden
sie nicht einmal ansatzweise saniert und neu durchmischt.
ZUNäCHST MUSS
festgehalten werden, dass alle Menschen weltweit überfordert
wären, wäre ihnen geschehen wie in Südafrika. Denn plötzlich –
wirklich unvorbereitet und wie ein Blitz aus heiterem Himmel –
standen alle Südafrikaner, ob Schwarz oder Weiss, Reich oder
arm, alle tief geschädigt, ob sie es wollten oder nicht,
traumatisiert vor etwas Neuem. Viele hofften gar, denn religiös
sind alle Südafrikaner, dass der Segen vom Himmel fallen würde –
und Haus, Land, Schule und Arbeit vermittle. Doch vom Himmel
fiel nichts. Die Kämpfer für die Unabhängigkeit, die Mitglieder
des ANC (African National Congress), nahmen an, sie hätten nun
ein anderes Leben verdient und es müsse nach so langem Kampf im
Busch und in den Sümpfen die Glorie kommen, sie standen
ebenfalls vor der Leere. Die Weissen standen vor etwas, das für
sie unvorstellbar war. Bald war aus einem Südafrika der Lust ein
Land des Frusts geworden.
DER ANC IST MENTAL
noch im Busch, ist noch längst keine politische Partei in einer
Demokratie mit Opposition geworden; dafür wurden ihre
Funktionäre nie geschult, die Bewegung lebte von Feinden und
nicht von Bürgern. Im Kopf gab es keinen Übergang. Der typische
Vertreter ist der neue, mächtige Mann und wohl Nachfolger von
Mbeki, Jacob Zuma, der wie ein Haudegen daherkommt und mit
Schlagworten und billigen Erklärungen kundtut, dass er von
Demokratie gleich viel versteht wie von Aids: Man duscht einfach
bei jedem Problem alles Heikle ab und macht ein paar faule
Bemerkungen gegen ehemalige Kolonialisten (also Fremde).
VOR KURZEM ERSCHIEN
bereits eine Biografie von Thabo Mbeki. Der Titel ist typisch
und lautet übersetzt etwa so: «Der verschobene Traum».
Verschieben, aufschieben bis demnächst, das sind die häufig
gebrauchten Worte in ganz Südafrika. Ob das ein Prozess gegen
den der Korruption angeklagten Mr. Zuma ist – verschoben. Ob es
die dringende Erneuerung des Stromnetzes ist – verschoben. Ob es
der Bau von Häusern in Townships ist – verschoben. Ob es die
Schaffung von Arbeitsstellen ist – verschoben. Landreform –
verschoben.
Nach einem blendenden Start musste bald alles verschoben werden,
aus Geldmangel, der sowohl auf Korruption als auch auf
wirtschaftliches Unvermögen zurückging. Südafrika befindet sich
im historischen Entwicklungsstau. Eigentlich möchten alle, doch
man kann nicht – es ist verschoben.
DIE REGIERUNG
konnte das Versprochene nicht liefern. Es war nicht nur Geld,
sondern auch die verpasste Ausbildung während der Apartheidzeit.
Dazu kommt überall dasselbe Bild: Die Apartheidzeit hat die
Infrastruktur verlottern lassen und nichts für die Zukunft
vorgekehrt, und so zerfallen Stromleitungen und bald müssen die
Minen geschlossen werden. Ihr Zustand ist entspricht etwa dem
von 1920 und entsprechend anfällig. Strassen zerfallen. Die
Wasserversorgung zerfällt. Die ganze Infrastruktur wurde
schlecht gepflegt und nicht erneuert. Und jetzt hats überall
Baustellen. Man weiss gar nicht mehr, wo anfangen.
DIE STADT, DAS NEUE
ZION. Schon während der Apartheid strömten alle, die
konnten, in die Townships, für sie war es die Stadt. Die
Schwarzen im südlichen Afrika sind ausserordentlich fromm und
gründeten eine Kirche nach der anderen, es entstand eine
zionistische und apokalyptische Bewegung nach der anderen.
Biblisch gedacht: Für sie war die Stadt das neue Zion.
Und nun kommen auch andere in die Stadt, in ihr Zion. Was hatte
da Gott nur versprochen? Ein Durcheinander? Ein Gemisch? Und
schon war man im Kopf in der alten Apartheidmentalität zurück,
denn diese konnte nicht über Nacht im Bewusstsein einfach
gelöscht werden: Du dort, ich hier – für jeden ein anderes Zion.
AUCH DIE KIRCHEN schauten auf Zion statt auf die
Nachbarn, sie predigten Flucht und Vertreibung. Allein in Soweto
existieren etwa 3000 verschiedene Kirchen – auch pfingstlerische.
Der Heilige Geist möchte doch die einstigen Flammen vom Himmel
durch Geldscheine ersetzen, so wird gesungen.
ÜBERALL HAT ALSO
Frust die Euphorie von 1994 ersetzt. Eigentlich sind nicht die
Fremden die direkte Ursache der Explosion, sondern dieser Frust
auf allen Ebenen – von der Politik bis zur Religion, über den
Geldstau bis zum Stau auf den Strassen mit ihren metertiefen
Schlaglöchern. Wo nur ist Zion geblieben? Auch die Hoffnung will
verzweifeln: Vielleicht kann es jetzt nur noch besser kommen.
DAS EINZIGE,
das bleibt, ist die Hoffnung auf die Fussballweltmeisterschaft
2010. Ob man diese nicht doch mit einer auch nur winzigen
Erneuerung der Townships verbinden könnte?
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