Die Gewaltwelle gegen die Immigranten

CAMP PRIMROSE, KAPSTADT

Vetriebene Immigranten warten in einem notdürftig errichteten Flüchtlingslager bei Kapstadt, bis ihnen Wasser und Nahrungsmittel verteilt werden. Die Welle der Gewalt war zunächst in Johannesburg im Osten Südafrikas ausgebrochen. Ab dem 11. Mai gingen südafrikanische Bewohner der Townships mit brutaler Gewalt gegen afrikanische Immigranten aus Simbabwe, Moçambique, Malawi, aber auch gegen Chinesen und Inder vor. Am 18./19. Mai erreichten die Übergriffe in den Armenvierteln von Johannesburg einen neuen traurigen Höhepunkt und ein paar Tage später brannte es auch in Kapstadt und Durban. Die südafrikanische Regierung griff erst spät ein und setzte dann erstmals seit 1994 auch die Armee im eigenen Land ein.

Die einheimischen Township-Bewohner gingen mit äusserster Gewalt gegen die afrikanischen Immigranten vor. In gewissen Fällen wurden Menschen in Brand gesetzt, anderen wurde die Kehle durchschnitten. Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki hüllte sich neun lange Tage in Schweigen. Erst am letzten Sonntag äusserte er sich erstmals öffentlich zu den fremdenfeindlichen Unruhen, verharmloste diese aber als vereinzelte Akte einiger weniger Kriminellen.

Inzwischen haben die südafrikanischen Sicherheitskräfte die Situation in den Armenvierteln der grösseren Städte dank massiver Präsenz wieder unter Kontrolle. Zehntausende von afrikanischen Immigranten flohen jedoch aus den Townships in ihre Heimat zurück oder suchten Zuflucht in Kirchen und Polizeiwachen. Die Regierung hat zahlreiche Notunterkünfte errichtet, möchte aber die 70 000 Flüchtlinge möglichst rasch wieder in ihre Gemeinden zurückschicken.

AZ, Freitag, 30. Mai 2008:

Der Traum mit einem Aufschub
 

Nach der Apartheid Die Hoffnungen wurden enttäuscht, das Land ist im Entwicklungsstau und der Frust gross
 

AL IMFELD

SüDAFRIKA. Ist das nicht Friede und Harmonie mit dem Regenbogen über ihnen am Himmel?

Aber nun diese Eruption wie bei einem Vulkan. Die Menschen der Vorstädte von Johannesburg im Zentrum über Durban am Indischen Ozean bis Kapstadt im Süden jagen andere zum Teufel und in den Tod. Was fällt diesem Mob plötzlich ein? Die Südafrikaner sollten doch Afrikas Vorbild sein.


DREI HISTORISCH stolz vorzeigbare Gegebenheiten hat Südafrika:


1. Den friedlichen Übergang von einem rigorosen Apartheidsystem zur Demokratie bis Ende April 1994.

2. Eine einzigartige Aufarbeitung einer traurigen Vergangenheit, die in einer Versöhnungsaktion unter dem Vorsitz von Bischof Tutu endete.

3. Wie ein leuchtender Stern über allem die Heldengestalt Nelson Mandela, der auch nach 27 Jahren härtester Haft, nicht verbittert, mit fast 90 Jahren noch immer wie ein Fels dasteht.


DOCH DAS REICHTE NICHT für eine Zukunft auf dem afrikanischen Kontinent und vor allem nicht, um in längst unterschwellig glühenden Townships einen gewaltfreien Alltag zu gewährleitsten. Diese Townships gehen alle gezwungenermassen auf die Apartheid zurück. Seither wurden sie nicht einmal ansatzweise saniert und neu durchmischt.


ZUNäCHST MUSS festgehalten werden, dass alle Menschen weltweit überfordert wären, wäre ihnen geschehen wie in Südafrika. Denn plötzlich – wirklich unvorbereitet und wie ein Blitz aus heiterem Himmel – standen alle Südafrikaner, ob Schwarz oder Weiss, Reich oder arm, alle tief geschädigt, ob sie es wollten oder nicht, traumatisiert vor etwas Neuem. Viele hofften gar, denn religiös sind alle Südafrikaner, dass der Segen vom Himmel fallen würde – und Haus, Land, Schule und Arbeit vermittle. Doch vom Himmel fiel nichts. Die Kämpfer für die Unabhängigkeit, die Mitglieder des ANC (African National Congress), nahmen an, sie hätten nun ein anderes Leben verdient und es müsse nach so langem Kampf im Busch und in den Sümpfen die Glorie kommen, sie standen ebenfalls vor der Leere. Die Weissen standen vor etwas, das für sie unvorstellbar war. Bald war aus einem Südafrika der Lust ein Land des Frusts geworden.


DER ANC IST MENTAL noch im Busch, ist noch längst keine politische Partei in einer Demokratie mit Opposition geworden; dafür wurden ihre Funktionäre nie geschult, die Bewegung lebte von Feinden und nicht von Bürgern. Im Kopf gab es keinen Übergang. Der typische Vertreter ist der neue, mächtige Mann und wohl Nachfolger von Mbeki, Jacob Zuma, der wie ein Haudegen daherkommt und mit Schlagworten und billigen Erklärungen kundtut, dass er von Demokratie gleich viel versteht wie von Aids: Man duscht einfach bei jedem Problem alles Heikle ab und macht ein paar faule Bemerkungen gegen ehemalige Kolonialisten (also Fremde).


VOR KURZEM ERSCHIEN bereits eine Biografie von Thabo Mbeki. Der Titel ist typisch und lautet übersetzt etwa so: «Der verschobene Traum». Verschieben, aufschieben bis demnächst, das sind die häufig gebrauchten Worte in ganz Südafrika. Ob das ein Prozess gegen den der Korruption angeklagten Mr. Zuma ist – verschoben. Ob es die dringende Erneuerung des Stromnetzes ist – verschoben. Ob es der Bau von Häusern in Townships ist – verschoben. Ob es die Schaffung von Arbeitsstellen ist – verschoben. Landreform – verschoben.

Nach einem blendenden Start musste bald alles verschoben werden, aus Geldmangel, der sowohl auf Korruption als auch auf wirtschaftliches Unvermögen zurückging. Südafrika befindet sich im historischen Entwicklungsstau. Eigentlich möchten alle, doch man kann nicht – es ist verschoben.


DIE REGIERUNG konnte das Versprochene nicht liefern. Es war nicht nur Geld, sondern auch die verpasste Ausbildung während der Apartheidzeit. Dazu kommt überall dasselbe Bild: Die Apartheidzeit hat die Infrastruktur verlottern lassen und nichts für die Zukunft vorgekehrt, und so zerfallen Stromleitungen und bald müssen die Minen geschlossen werden. Ihr Zustand ist entspricht etwa dem von 1920 und entsprechend anfällig. Strassen zerfallen. Die Wasserversorgung zerfällt. Die ganze Infrastruktur wurde schlecht gepflegt und nicht erneuert. Und jetzt hats überall Baustellen. Man weiss gar nicht mehr, wo anfangen.


DIE STADT, DAS NEUE ZION. Schon während der Apartheid strömten alle, die konnten, in die Townships, für sie war es die Stadt. Die Schwarzen im südlichen Afrika sind ausserordentlich fromm und gründeten eine Kirche nach der anderen, es entstand eine zionistische und apokalyptische Bewegung nach der anderen. Biblisch gedacht: Für sie war die Stadt das neue Zion.

Und nun kommen auch andere in die Stadt, in ihr Zion. Was hatte da Gott nur versprochen? Ein Durcheinander? Ein Gemisch? Und schon war man im Kopf in der alten Apartheidmentalität zurück, denn diese konnte nicht über Nacht im Bewusstsein einfach gelöscht werden: Du dort, ich hier – für jeden ein anderes Zion.


AUCH DIE KIRCHEN
schauten auf Zion statt auf die Nachbarn, sie predigten Flucht und Vertreibung. Allein in Soweto existieren etwa 3000 verschiedene Kirchen – auch pfingstlerische. Der Heilige Geist möchte doch die einstigen Flammen vom Himmel durch Geldscheine ersetzen, so wird gesungen.


ÜBERALL HAT ALSO Frust die Euphorie von 1994 ersetzt. Eigentlich sind nicht die Fremden die direkte Ursache der Explosion, sondern dieser Frust auf allen Ebenen – von der Politik bis zur Religion, über den Geldstau bis zum Stau auf den Strassen mit ihren metertiefen Schlaglöchern. Wo nur ist Zion geblieben? Auch die Hoffnung will verzweifeln: Vielleicht kann es jetzt nur noch besser kommen.


DAS EINZIGE, das bleibt, ist die Hoffnung auf die Fussballweltmeisterschaft 2010. Ob man diese nicht doch mit einer auch nur winzigen Erneuerung der Townships verbinden könnte?
 

 

Das Ende vom Regenbogen
 

Die fremdenfeindliche Gewalt in den Armenvierteln fügte dem Regenbogen-Image von Mandelas Südafrika der 90er-Jahre schweren Schaden zu. Was sind die Ursachen?

CHRISTIAN NüNLIST


Was löste konkret Mitte Mai in den Armenvierteln von Johannesburg die Hetzjagd auf afrikanische Immigranten aus?

In Alexandra griffen ab dem 11. Mai Einheimische die Häuser ihrer Nachbarn an, die aus Simbabwe und Moçambique stammten. Die Bewohner der völlig übervölkerten Townships beschuldigten die afrikanischen Ausländer, die als Flüchtlinge nach Südafrika gekommen waren, ihnen Arbeitsplätze und Sozialleistungen streitig zu machen. Die Übergriffe weiteten sich rasch auf weitere Townships aus.


Ging es, wie Polizei und Regierung behaupteten, um rein kriminelle Übergriffe?

Zwar haben tatsächlich kriminelle Banden das Chaos bewusst für Plünderungen genutzt. In Südafrika wurde viel zu lange eine gewisse Kultur der Gewalt toleriert. Aber die Ursache der aktuellen Gewaltexplosion liegt primär im seit Anfang Jahr massiv angewachsenen Migrationsdruck aus Simbabwe.


Sind fremdenfeindliche Angriffe gegen afrikanische Immigranten in Südafrika ein neues Phänomen?

Nein, in den letzten zwei bis drei Jahren kam es in Johannesburg und Kapstadt immer wieder zu einzelnen ähnlichen Übergriffen. Opfer der xenophoben Attacken waren bislang vor allem Somalier, die in Kapstadt Kleingeschäfte eröffneten, die südafrikanischen Händler mit tieferen Preisen verdrängten und danach die Preise wieder deutlich nach oben zogen.


Wie lässt sich die paradoxe Fremdenfeindlichkeit der ehemaligen Apartheid-Opfer gegen Schwarze erklären?

Interessanterweise gab und gibt es in Südafrika praktisch keine vergleichbaren systematischen rassistischen Übergriffe von Schwarzen auf Weisse. 40 Prozent der schwarzen Bevölkerung in Südafrika sind arbeitslos und die Zuwanderung von rund 5 Millionen Immigranten in die Townships führte zum Streit um die knappen Arbeitsplätze für Wenig- oder Schlechtqualifizierte und zu Ausländerfeindlichkeit und zur jüngsten Gewaltwelle.


Droht mit dem Ausbreiten der fremdenfeindlichen Übergriffe das ganze Land instabil zu werden?

Nein, zwar ist in den Townships von Johannesburg und Kapstadt das berühmte Fass übergelaufen. Aber inzwischen haben die Polizei und die Regierung reagiert und die Situation wieder unter Kontrolle gebracht. Dank der starken Präsenz der Sicherheitskräfte in den Townships ging die Gewalt zurück. Hauptproblem sind im Moment die vielen internen Vertriebenen.


Hat irgendeine Partei aus den Unruhen politischen Profit gezogen?

Nein, alle Südafrikaner waren sehr geschockt und überrascht von den Ausschreitungen. Alle Parteien haben sich resolut gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit ausgesprochen. Präsident Mbeki hat sich jedoch erst viel zu spät zu den Unruhen öffentlich geäussert.


Mbeki will Kleinstunternehmen fördern und die Jugendarbeitslosigkeit abbauen. Ist das die richtige Reaktion auf die Misere?

Beide Programme sind sinnvoll, immerhin wird die Jugendarbeitslosigkeit in Südafrika auf 60 bis 70 Prozent geschätzt. Und durch die Förderung von Klein- und Kleinstunternehmen werden neue Arbeitsplätze geschaffen und Einkommen generiert.


Präsident Mbeki ist das letzte Jahr im Amt. Ist der «Lahme Ente»-Effekt bereits jetzt sichtbar?

Thabo Mbeki ist nur noch bis im April 2009 Präsident von Südafrika, und der «Lame Duck»-Effekt ist bereits jetzt unübersehbar. Dazu kommt, dass auf dem Parteitag des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) im Dezember 2007 eine komplett neue Führung gewählt wurde. Das Lager um den neuen Parteichef Jacob Zuma ist ein ganz anderes als dasjenige um Präsident Mbeki. Diese zwei Machtzentren blockieren sich seither gegenseitig. Es gibt auch bereits die Forderung nach Neuwahlen, um diese Pattsituation aufzulösen.


QUELLEN: THE GUARDIAN, N-TV, DER STANDARD

 

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 update © ES   25. Januar 2009