Kristin T. Schnider
2002-2010 Präsidentin des DeutschSchweizer PEN-Zentrums, jetzt Geschäftsführerin.
Ebenfalls im Vorstand [Board Member] des International PEN
Nach der Lektüre dieses Buchers spazierenzugehen, es einmal
beiseite zu legen, ist eine gute Idee. Man tritt hinaus aus diesem Raum und
geht, festen Boden unter den Füssen, einen Weg entlang, nicht in den Wald, an
Häusern vorbei, mit Gärtchen oder ohne, an Menschen vorbei und betrachtet
Umgebung und die Insassen dieser Welt einen Moment lang »live«. Nach der
Rückkehr hat man wieder Lust, sich das weite Feld, das sich während des Lesens
eröffnet hat, die verschiedenen Gebiete, in die man eingeführt wurde, noch
einmal anzusehen und darüber hinausdenkend, weiterzugehen.
In den besten Fällen, mit den besten Büchern tue ich das,
und vor allem auch in meiner Rolle als Schriftstellerin, unwillkürlich.
Das Buch lässt einen alleine, dem
Himmel sei Dank. Es ist so dicht geschrieben, dass keine Projektionsflächen
bleiben, auf die man sein eigenes Ego beamen könnte, es bietet keine Figuren
an, mit denen man sich nach einer Weile identifizieren könnte selbst wenn man
es wollte. Der Verfasser und sein Gesprächspartner drängen sich nicht auf als
selbststilisierte Freunde und Helfer oder Welterklärer. Und selbst wo von
Misshandlung und Mord die Rede ist, von ritueller Kindstötung, und man sich
vorzustellen beginnt, was das bedeutet und wie es sich abspielen könnte, haben
sie sich nie der Sünde der Betroffenheit hingegeben, der meist
diejenigen verfallen, die gar nicht betroffen sind, sondern ergriffene
Betrachter des Leides. Anstatt also die Leserschaft emotional in die Pflicht zu
nehmen oder an ihr Potential für moralische Entrüstung zu appellieren,
präsentiert der Verfasser eine Auslegeordnung von Überlegungen und
Informationen, kurz, die Ergebnisse seiner langen Recherchen.
So erhält man tiefe Einblicke in eine Welt, die angeblich
okkult, also verborgen sei, und kann sich anhand der Fülle von Informationen,
Dokumentauszügen und Zitaten, der Vorstellung verschiedener Meinungen im Streit
um Satanismus und der ausführlichen Beschreibung solch angeblich
satanistischer Gruppierungen, Sekten, Kirchen, Individuen selbst ein Bild
machen. Das ist einmal der informative Teil.
Der nach der Einleitung von Andreas Huettl gewählten
Schreibweise, derjenigen des Gesprächs sind hauptsächlich die inspirierenden
Momente zu verdanken. Es ist der Dialog der Herren Huettl und König, aus dem
die Funken überspringen, sozusagen aus dem Buch heraus. Sie animieren dazu, das
Licht des eigenen Verstandes wieder einmal anzufachen, und nachzudenken,
Plausibilitätsüberlegungen anzustellen.
Die Leserschaft kann Herrn Huettl und Herrn König orten,
denn sie legen ihre unterschiedliche Motivation, sich mit dem Gebiet Okkultismus
/ Satanismus zu befassen offen, sie lassen ihre eigenen Stimmen hören,
erzählen auch Anekdoten, und gewinnen dadurch an Kontur. Im Gespräch sind die
Überlegungen, Einlassungen, Meinungen und Erzählungen des Verfassers und seines
Gegenübers klar abgrenzbar von den Quellen, die sie herangezogen haben, die
dank genauen Angaben der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, auffindbar und
einsehbar für alle, die nicht »zu jenem grossen Teil der Menschen«
gehören, die »nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei
gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben;
(und) warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es
ist so bequem, unmündig zu sein.«
Ausgangspunkt war Andreas Huettls Frage gewesen, wie es denn
sein könne, dass, seit Jahrzehnten unentdeckt, Kapitalverbrechen in dem ihm
zunächst persönlich geschilderten Fall und dann im Laufe seiner Umtriebe weiter
vorgefundenen Materialien behaupteten Ausmasse begangen werden können.
Fragen bleiben auch nach der Lektüre, neue Fragen stellen
sich, was noch einmal für das Buch spricht. Es wird nie behauptet, nicht einmal
insinuiert, der Erkenntnisfindung sei mit dem Schritt dieser Veröffentlichung
bereits Genüge getan. Jedoch hat sich bei der Leserin die Fragestellung
verändert.
Die Versuchung, das Ganze mit dem beruhigenden Gedanken, es
handle sich bei diesen sogenannten Satanisten zum Glück nur um eine
marginale Erscheinung, ad acta zu legen überwiegt. Aber nur für einen Moment -
in dem man sich sagt: sind nicht selbst im traurigen Spektrum von Mord- und
Totschlag, alltäglicher Kindsmisshandlung, sadistischem Treiben, die
nachweislich mit Satansvorstellungen und neu-religiös ritueller Gewalt
zusammenhängenden Straftaten von verschwindend geringer Zahl? Sind nicht die
Mitglieder dieser desolaten Gruppen ausserstande etwas von der nur schon
logistischen Grossleistung des ihnen unterstellten Schlachtens von Frauen und
Kindern zu volbringen? Bevor man jedoch aufatmet und meint, wie gering dies
alles letztlich wiege angesichts anderer Probleme, mit denen sich die
Gesellschaft, die gesamte Welt konfrontiert sieht, sollte man noch einmal innehalten.
Nicht nur, weil jede Schandtat und geschähe sie nur einem
einzigen Menschen, ein Gräuel bleibt, sondern, weil was hier aufgefächert wird,
über den genau definierten und sorgfältig recherchierten Problemkreis
hinausweist.
Lässt man die Fülle an Informationen über »Satan. Jünger.
Jäger. Justiz« noch einmal Revue passieren merkt man, dass hier ein Buch
vorliegt, das auch von Déformations professionnelles handelt, von
verengter Wahrnehmung, der Manipulation von Menschen und Daten, von Desinformation,
Entstellung von Tatsachen, von der Aufgabe freiwilliger Selbstkontrolle und der
eigenen Mündigkeit.
Ich frage mich, wieder unwillkürlich und diesmal dringend
auch in meiner Rolle als Mitglied der weltweit grössten Vereinigung von
Schreibenden, dem International PEN, der sich konkret für die
Meinungsäusserungs- und Pressefreiheit einsetzt. Der letzte Absatz der PEN
Charta drängt sich mir auf:
»Der PEN erklärt sich für die Freiheit der Presse und
verwirft die Zensurwillkür überhaupt, und erst recht in Friedenszeiten. Er ist
des Glaubens, dass der notwendige Fortschritt der Welt, hin zu einer höher
organisierten politischen und wirtschaftlichen Ordnung, eine freie Kritik
gegenüber den Regierungen, Verwaltungen und Einrichtungen gebieterisch
verlangt. Da die Freiheit auch freiwillig geübte Zurückhaltung einschliesst,
verpflichten sich die Mitglieder, solchen Auswüchsen einer freien Presse, wie
wahrheitswidrigen Veröffentlichungen, vorsätzlicher Lügenhaftigkeit und
Entstellung von Tatsachen, unternommen zu politischen und persönlichen Zwecken,
entgegenzuarbeiten.«
Was also ist zu unternehmen, was ist verlangt, was muss
verlangt werden?
Von Satan ist in dieser Sache offensichtlich nicht viel zu
erwarten. Er erscheint als Projektionsfläche, als schwer definierbare
und zwangsläufig unbekannte Grösse, als nach wie vor im christlich
oder muslimischen Gedächtnis vorhandene kulturelle Gestalt.
Bald stellt sich auch heraus, dass Er für diejenigen,
die mit dem Begriff Satanisten versehen werden, oft kaum eine Rolle
spielt, nichts mit ihnen zu tun hat, und die von seinem Namen abgeleitete
Bezeichnung Satanismus lediglich als Label für eine heterogene Szene von
verschiedensten Jüngern dient.
Viel verlangt wird von der Justiz, die eine bekannte, in der
Gesellschaft verankerte Grösse ist. Der Ruf nach Gesetz und Ordnung ist
komischerweise Jüngern wie Jägern eigen. Die einen verklagen sich gegenseitig,
verklagen Verlage und Medienschaffende, klagen auf Copyrights und konsultieren
das Gesetz, das terrestrische, geht es um Steuererleichterungen. Die Justiz ist
ihnen vertraute weltliche Instanz. Die anderen zweifeln sie an, fordern Taten,
der Justizapparat soll in Bewegung versetzt werden, die Polizei muss her, was
von den Jägern postuliert wird, muss auf Teufel komm raus gefunden werden, hie
Tausende Leichen, die untersucht, und dort eine unbestimmte Anzahl Satanisten,
die speziell bestraft werden sollten. Als Höhepunkt wird von der Justiz
verlangt, »den Satanismus mit auf die Anklagebank zu setzen«.
Wie der Justizapparat, mit welchen Mitteln und Methoden, auf
diese Ansinnen eintritt, wie Untersuchungen und Verfahren verlaufen wird
anhand von Beispielen, Auskünften zur Methodologie, Statistiken und den aus
Urteilsverkündungen gewonnenen Informationen detailliert dargelegt. Auch was
überhaupt die Aufgabe der Justiz sei, wird in aller gewünschten Deutlichkeit
vom Verfasser Andreas Huettl, der Anwalt ist, erläutert.
Dass sie sich nicht an die eigenen Grundsätze halte, die
Justiz, also Informationen nicht überprüfe, Hinweisen nicht nachgehe und im
gegebenen Fall der Öffentlichkeit grundlos Informationen vorenthalte oder
diese verzerre, kann ihr aufgrund der vorliegenden Dokumente und Auskünfte
nicht nachgewiesen werden. In einem Punkt bewegt sie sich aber nicht: »Der
Teufel steht nicht im Gesetzbuch.« Und da gehört
er im säkularen Staat auch nicht hin.
Niedriger sind den Erwartungen oder Vorurteilen gemäss
Ansprüche an Jünger jedweder Couleur. Jegliche Gefolgschaft ist eine
Einschränkung der eigenen Mündigkeit und die Wahrnehmung der Welt durch die
Linse einer einzigen Lehre und deren Auslegungen zieht eine Verengung der Weltsicht
nach sich. Die hier im Mittelpunkt stehenden Jünger oder der Jüngerschaft
Bezichtigten teilen eines: sie betrachten sich als Lehrlinge und Nachfolger von
Meistern, deren Schriften und deren Auslegungen, deren Lehren so weit von der
Norm abweichen und sich Vorstellungen, Ritualen und Emblemen einer bestimmten,
von der Mehrheit negativ aufgeladenen oder tabuisierten Art bedienen, dass es
möglich wird, sie allesamt in denselben, den Satanistentopf zu werfen.
Die Erwähnung von Ritualen, Tieropferungen, Blut, Sperma und
Sexualität als Mittel höhere Ebenen zu erreichen, der Gebrauch von
Abbildungen von Pentagrammen und weiteren satanischen, magischen Symbolen, von
Darstellungen des Teufels, reicht aus.
Gleichgültig ob diese Religions-Ingredienzen für
abscheulich, interessant oder angemessen befunden werden, was von jenen, die
sie teils als Allegorien betrachten oder tatsächlich in rituelle Handlungen
miteinbeziehen, wie von allen Mitgliedern der Gesellschaft verlangt wird und
werden muss, ist, dass sie sich an die allgemeingültigen Gesetze halten und
das Recht respektieren.
In Form von Grundrechten geniessen sie Religions- bzw.
Bekenntnisfreiheit, und damit es hier schon gesagt sei: ihre Kritiker und Jäger
die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre und die Meinungsäusserungs-
und Pressefreiheit.
Es bleiben die Jäger. Wo anhand der Präsentation der Welten
und Weltsicht, der religiösen Ansichten und Praktiken der Jünger sich Alarm
einstellt, tritt während der Betrachtung der Vorgehensweise der Jäger
keineswegs eine Beruhigung ein. Au contraire. Im Laufe der Lektüre wird
offensichtlich, was zu ihrer Titulierung - da die üblicheren Bezeichnungen ja
lauten: Experten, Expertinnen, Medienschaffende - geführt hat.
Ihr hier dokumentiertes Verhalten ist weit weniger
vielfältig als dasjenige der unter ein und derselben Definition Gejagten.
Graduelle qualitative Unterschiede in ihrer Arbeit und ihren Auftritten sind
glücklicherweise festzustellen. Gemeinsam ist ihnen: sie fühlen sich dazu
berufen, die Öffentlichkeit zu warnen und aufzuklären über ein Phänomen, das
sie Satanismus nennen, was Synonym geworden ist für religiös motivierte
oder verbrämte Gräueltaten, rituelle Misshandlungen, Missbräuche und sogar
Morde in angeblich grossem Stil. Davor wollen sie die Gesellschaft geschützt
sehen, die wirklichen und vermeintlichen Opfer dieses Satanismus
gerächt, der ihnen so zum Ziel wird, auf das sie sich mit allen Mitteln, die
ihnen von Berufs wegen zur Verfügung stehen, einschiessen. Da die
gewünschten Resultate nicht eintreffen, gehen sie davon aus, dass ihre Munition
- bei der es sich offensichtlich um Schrot handelt - nicht ausreicht und rufen
daher nach schwererem Geschütz.
Und das tun sie, wie gesagt, in der Absicht Gutes zu
bewirken, indem sie sich an die Öffentlichkeit wenden, als Akteure mit
Absichten in die Arena treten.
Exakt deswegen kann von den Expertinnen und
Medienschaffenden, die sich im Gegensatz zu einigen hier geschilderten
Selbsteinschätzungen der Jünger als integrale Bestandteile der Gesellschaft
betrachten, einiges verlangt werden. Sie müssen es sich erst recht gefallen
lassen, an ihren Taten gemessen zu werden.
Öffentlichkeit ist die Grundlage der Demokratie. Darin gilt,
dass das Volk über sich selbst bestimmt, die selbst gewählte Regierung
kontrolliert, und sich zur Gesellschaft formiert. Zugang zu Informationen und
Wissen und die Möglichkeit, diese Informationen zu überprüfen, zu vergleichen,
das Wissen auszutauschen sind unabdingbar. Dazu ist Öfffentlichkeit, eine von
den Massenmedien zur Verfügung gestellte Kommunikationsstruktur, da. Hier
reflektiert die Gesellschaft über sich. Hier entstehen und verändern sich
gesellschaftliche Strömungen, bildet sich die öffentliche Meinung, im Wechsel
zwischen einem Gespiesenwerden von gesellschaftlichen Entwicklungen und
einem Diese-Nähren fliesst der Mainstream, aus dem sich letztlich die
politischen Entscheidungen ergeben. In "Öffentlichkeit" wird natürlich
nicht nur debattiert und Wissen ausgetauscht, in dieser Struktur bewegt sich -
und wird bewegt - eine immer grösser werdende Fülle von Daten, Reizen, Informationen
in aller Form, die Einfluss auf Weltsicht und Meinungsbildung nehmen, und so
ist es von grösster Wichtigkeit, dass sich alle Akteure verantwortungsbewusst
verhalten.
Wissenschaftler wie auch Medienschaffende verfügen über
ethische Richtlinien, denen sie im Sinne einer freiwilligen Selbstkontrolle
nachkommen, um die Glaubwürdigkeit ihres Metiers aufrechtzuerhalten, und zu
ihrem eigenen Schutz. Für Fachleute, eben die sogenannten Experten, die
durchaus nicht aus akademischen Kreisen kommen müssen, haben solche ethischen
Standards ebenfalls Gültigkeit, denn auch sie sind der Öffentlichkeit gegenüber
in der Verantwortung,
Verschiedene Empfehlungen, Richtlinien und Kodizes können im
vollen Wortlaut auf dem Internet eingesehen werden. Im Umfeld dieses Buches
lohnt es sich, einen Blick auf die Empfehlungen der international zusammengesetzten
Kommission »Selbstkontrolle in der Wissenschaft« die 1998 im Auftrag des
Präsidiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft zusammentrat zu werfen, auf den Kodex der
Politikwissenschaftler,
der sich kaum von demjenigen der Gesellschaft für Soziologie unterscheidet, und
es kann nicht schaden, sich einmal das Deutsche Presserecht
an- und sich bei den verschiedenen Presseräten (Schweiz,
Deutschland)
einmal umzusehen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass in allen Kodizes,
Richtlinien und Empfehlungen die Einhaltung der Wahrheit, Ehrlichkeit - auch
Ehrlichkeit gegenüber sich selbst - wichtige Kriterien sind. In sozialen
Prozessen entscheidende Rollen zu spielen, die Umfeld und Mitmenschen
beeinflussen, erfordert ein ethisches Bewusstsein, die Vernunft und den Mut, -
dies ist mein persönliche Lieblingsempfehlung: alle Ergebnisse konsequent
selbst anzuzweifeln.
Die Kodizes sind sinvollerweise nicht einheitlich, was
verschiedene Zweige der Wissenschaft betrifft, und sie können, wie im
Vergleich der Ausschnitte aus den deutschen respektive schweizerischen
Richtlinien sehen ist, auch von Land zu Land unterschiedliche Gewichtungen aufweisen.
Die Grundzüge bleiben sich gleich. Die Richtung, in der die Aufforderung zu
dieser Art ethischen Verhaltens geht und ihr Sinn und Zweck sind unübersehbar
und im Grunde unbestritten.
Dennoch wird im vorliegenden Buch sowohl im Umfeld der
Expertinnen wie auch der Medienschaffenden der Nachweis, dass die eigenen
Standesregeln in allzuvielen Fällen nicht eingehalten wurden und werden,
mehrfach erbracht und so belegt und dokumentiert, dass er durch die Leserschaft
selbst überprüft werden kann.
Dies kann ich nicht belegen, vermute aber, dass die meisten
WissenschaftlerInnen und Medienschaffenden angesichts der Schwere der
Anschuldigungen, an die sie trotz bzw. wegen mangelnder Beweise selber glauben,
angesichts der eigenen Faszination mit dem Bösen und Mystischen, in der
Überzeugung, Gutes zu tun und das Schlimmste verhüten oder beenden wollen,
überzeugt sind, per se so ethisch zu handeln, dass sämtliche Regelwerke zur
Selbstkontrolle hinfällig sind. Zu befürchten wage ich ausserdem, und
unterstelle somit, dass einige unter ihnen es sich aus verschiedenen
Motivationen - Sendungsbewusstsein? Geltungsdrang? - herausnehmen, die Regeln
nicht nur zu dehnen, sondern schlicht zu missachten.
Auch ehrenwerteste oder verständlichste Gründe - Schonung
der Opfer von jeglicher Gewalttat, Erschrecken über die Grausamkeit und
Abgründigkeit menschlichen Handelns - über die Exaktheit der Recherche zu
stellen, verzerrt die Resultate dieser Untersuchungen und bewirkt das Gegenteil
von Aufklärung, nämlich Vernebelung und endet im Handel mit puren Gerüchten.
Selbst einigermassen plausible Äusserungen taugen nichts
mehr, wenn sie ununterscheidbar inmitten von Vermutungen und Übertreibungen,
die nie belegt werden, stehen. Platziert man sie gar in einen Kontext von
Werbung und Boulevard verlieren sie und somit diejenigen, die sie äussern, wie
mit der Zeit die gesamte Zunft, alles an überhaupt noch verbliebener
Glaubwürdigkeit.
Auf der Website »Kriminalportal« zum Beispiel, schreibt Frau
Expertin Solveig Prass von der Eltern- und Betroffeneninitiative gegen
psychische Abhängigkeit Sachsen e.V. in ihrem Beitrag »Was ist Satanismus?«: »Die
erste Feststellung, die wir für den Bereich Satanismus treffen müssen, ist die,
dass es ›den Satanismus‹ gar nicht gibt!«
Eine Einschätzung, die auch vom Verfasser und seinem
Gesprächspartner geteilt wird und nach Lektüre des Werkes durchaus einleuchtet.
Nur, jegliches Nachdenken darüber, was diese Aussage
bedeutet, was für Konsequenzen sie haben könnte, wird beim Lesen der
erwähnten Website abgelenkt durch die Irritation über die unprofessionelle
Handhabung der daran anschliessenden Texte, von deren fragwürdiger sprachlichen
und inhaltlichen Qualität hier einmal geschwiegen sein soll. Aufsteigender
Ärger darüber, dass eigene angebliche Erfahrungen und Informationen der Autorin
von ihr selbst mit der Bemerkung, »das ist so und so, aber es gibt halt
keine Beweise« vorgetragen werden, lässt schliesslich nichts anderes zu,
als dass man sich abwendet. Erst recht, nachdem wiederum festzustellen ist,
dass die angegebenen Quellen aus den rundum bekannten Büchern rundum bekannter
weiterer Satanismus-Experten bestehen. Schon bei nur ein klein wenig
Nachforschung im Internet stösst man sehr bald auf einen Artikel des im
vorliegenden Buch erwähnten Ingolf Christiansen.
Der Vergleich zwischen seinen Ausführungen und denjenigen von Frau Prass, die
ihn als Quelle angibt, sei der Beurteilung der geneigten Leserschaft
überlassen.
Falsche wie richtige Informationen, Meinungen und
Vermutungen werden, umgeben mit der immerselben Aura von Kompetenz,
kolportiert, die immerselben Geschichten, als untaugliche, weil nie
nachgewiesene Belege der Postulate hervorgezogen, werden ad nauseam wiederholt.
Jedoch gilt weder in der Wissenschaft noch in der Medienlandschaft die »Regel
der Snarkjagd «:
auch was dreimal - oder noch öfter - gesagt wird, wird dadurch nicht wahr.
Die Krönung des speziellen »Leseerlebnisses Prass«
war aber die penetrante Unterbrecherwerbung in Form eines Links zur sogenannten
Sachbuchliste, der nach jedem dieser Texte zu sämtlich auffindbaren Formen von Satanismus
zu finden ist: »In unserer Kriminalportal-Bücherliste haben wir einige
spannende Titel zum Thema. Interessiert?« Ein
Blick auf die Liste erledigt den Begriff Sachbuch gleich zusammen mit
der Bezeichnung Expertin. Erwähnt sei nur eines dieser Werke, das mit
dem Titel »Satans Handbuch« lockt, und dessen Beschreibung auf dem
unvermeidlichen Link zur Internetbuchandlung Amazon grosse Unterhaltung
verspricht »...Der Satanist ist der ›Trickster‹, ›The Great Pretender‹, der
sich mit Hilfe genialer Zaubertricks durchs Leben schlägt und den
›Herdenschafen‹ stets um ein paar Nasenlängen voraus ist.«
In der Tat.
Und so wird weiterhin in dieser Weise, in der von den
Verfassern des Buches geschilderten, munter von Satanismus geredet und
geschrieben, abgehandelt, erläutert, es höret nimmer auf, es schallt und
schwallt, siedet und wallet und zischt.
Das pure Gegenteil von Aufklärung. Das Gegenteil von
Erkenntnissuche wird zelebriert. In die zur Zeit wieder wachsende anti-rationale,
anti-intellektuelle Strömung mündet ein weiterer Redefluss.
Die Glaubwürdigkeit der Presse, die ohnehin schwer gelitten
hat in den letzten Jahrzehnten wird weiterhin unterminiert, seriöse
Wissenschafter und gewissenhaft Schreibende werden missachtet, es sei denn, es
liessen sich reine Informationen bei ihnen als Quelle holen, ihre guten
Namen liessen sich in die eigenen Abhandlungen als Ausweis der eigenen
Expertenhaftigkeit setzen.
Die Öffentlichkeit nun wird in regelmässigen Abständen in
Wallung versetzt. (Dies auf ein Ziel hin? Das Gute gar? Es bleibt
diffus, denn Gutes tun allein ist richtungslos.) Sämtliche Register werden
gezogen und alle bekannten Reaktionen auf der emotionellen Skala abgerufen. Betroffenheit
soll evoziert werden und geteilt mit den Vortragenden, weiter geht es zur
sittlichen Empörung, über Zorn, der sich, Lynchjustiz suggerierend, in Leser-
oder anonymen Briefen äussert, bis hin zur Panik, die einige ergreifen mag, die
sich die unwahrscheinlichen und widerlegbaren Zahlen vor Augen führen, mit
denen die Jäger das Ausmass des Unrechts und der Mordtaten bis ins Fantastische
hinein aufplustern.
Zurückdenkend an die Aussage, dass es den Satanismus
nicht gäbe, will man noch einmal aufatmen, und kehrt vielleicht auch wieder an den
Ort zurück, von dem aus man die gesamte Angelegenheit als marginal betrachtet
hat. Und immerhin, mag man denken, ist damit ein für allemal klar, dass, was es
nicht gibt, auch beim besten Willen nicht auf eine Anklagebank zu setzen ist.
Aber Halt. Schon der geschichtliche Abriss, den Andreas
Huettl bezüglich der gesellschaftlichen Tradition, ausgesuchten
Bevölkerungsgruppen ganz bestimmte und immer wieder dieselben Verbrechen in
Einheit mit Teufelspakten zu unterstellen, und sich daraus das Recht, sie zu
verfemen, verfolgen und umzubringen zu konstruieren, widerlegt diesen Gedanken.
Die Bevölkerungsgruppen sind immer die Anderen, eine
Minderheit, vom Mainstream Abweichende, als Gemeinschaft betrachtete, die
entweder einer in der geschichtlichen Abfolge neuen Religion anhängen
gegen die es sich zu verteidigen gilt, oder jene, die von ihrer alten
nicht lassen wollen. Christen zum Beispiel. Juden immer wieder. Die
unterstellten Verbrechen: ritueller Mord, allen voran der bis heute endlos
wiederholte Vorwurf, dass im Namen der jeweiligen Religion im grossen Stil und
Ausmass, Kinder, Babies, bis hin zu noch Ungeborenen geschändet, geschlachtet,
sogar gefressen würden.
Das ist das ultimate Verbrechen.
Das ist es auch in meinen Augen: Kinderschändung ist nicht verhandelbar.
Die Obsession von unterstellten, nicht nachzuweisenden
Massenschlachtungen von Säuglingen verstellt aber den Blick auf die alltäglich,
jederzeit weltweit stattfindenden und nachweisbaren Vergehen an Kindern, die
von der Abtreibung weiblicher Föten, der ungewollten Tötung von Säuglingen, die
nerven, über Kinderarbeit, Kinderhandel bis hin zu sexuellen Handlungen mit
Kindern und der krassen Vernachlässigung des Nachwuchses aus wirtschaftlichen
Gründen reichen.
Das ultimate Verbrechen wird auch im säkularen Bereich
fantasiert, und dient dort beispielsweise der Verteufelung eines Kriegsgegners,
was den eigenen Einzug in den Krieg erleichtert oder rechtfertigt.
Wir erinnern uns, im Auftakt zum Einschreiten der alliierten
Truppen im zweiten Golfkrieg, an die 1990 weltweit mit Entsetzen und Empörung
quittierte Geschichte von den mehr als 300 Babies, die von irakischen Soldaten
aus Inkubatoren genommen Kult und gestorben seien. Sie wurde von Amnesty
International aufgenommen, recherchiert und in einem langen Bericht bestätigt.
Die Öffentlichkeit war hell empört. Aus allen Gründen, weswegen die Befreiung
von Kuwait ins Auge gefasst werden mochte, war dieser Babymord der
publicitywirksamste. Wir erinnern uns, so hoffe ich, auch noch an die
Aufdeckung der Lüge, und daran, dass sich Amnesty International anhand der im
Nachhinein erbrachten Beweise für die Fabrikation von ihrem Bericht
distanzierte. Das ist lange her.
Wir erinnern uns aber auch, und dies täglich, wenn wir uns
von aktuellen Nachrichten aus dem Irak nachdenklich stimmen lassen, an die
dubiosen Begründungen, mit denen der Öffentlichkeit, wenn auch diesmal ohne
Babymorde, die Notwendigkeit der Befreiung Iraks nahegelegt wurde. Es geht hier
nicht um eine Diskussion des Für und Wider der Operation Iraqi Freedom.
Sondern darum, dass eine solche Diskussion, die in einer Demokratie zur
Legitimation eines Krieges geführt werden muss, von der Öffentlichkeit, von den
politisch Verantwortlichen auf der Grundlage von Informationen, die nicht
gemäss der gebotenen ethischen Standards verbreitet und nicht mit der
notwendigen Sorgfalt aufgenommen werden, im Grunde nicht geführt werden kann.
Sie wurde geführt, der US-Kongress debattierte Stunde um
Stunde, das Resultat war das Erwünschte. Heute wissen wir, dass einer der acht
Hauptgründe, die angeführt wurden, in den Krieg zu ziehen, hinfällig ist.
Die bis heute nicht aufgefundenen irakischen
Massenvernichtungswaffen waren in diesem Fall die publicitywirksamste massive
Bedrohung gegen die es sich zu wehren gälte. Mittlerweile haben die
massgeblichen Politiker eingestanden, dass diese Waffen möglicherweise niemals
gefunden würden.
Das Vorgehen im Vorfeld erinnert stark an ein Zitat aus dem
Buch "Satanismus - die unterschätzte Gefahr" der Brüder Grandt, das im vorliegenden Buch Erwähnung
findet:
»Wir sind allerdings der Meinung, dass das
Nichtvorhandensein eines Beweises noch kein
Beweis für das Nichtvorhandensein sein muß«
Die Methoden der Berichterstattung und der Einsatz von
Experten, die verwendeten Argumente »Wir glauben, wir vermuten, etc.«.
erinnern stark an die geschilderten Zustände im Umgang mit Satanismus.
Die daran Beteiligten sind alles andere als eine marginale
Gruppe, der Schaden der in diesem Falle der Glaubwürdigkeit der Medien und der
Politik beigefügt wurde reicht aus, die Demokratie wie wir sie kennen in Frage
zu stellen und die gesellschaftlichen Verhandlungen, die in der Öffentlichkeit
wie definiert, stattfinden müssen, zu reinen Scharaden verkommen zu lassen.
Medienvertreter wie auch Experten vor allem in den Bereichen
Psychologie, Soziologie, Politologie, zu schweigen vom Bereich
Kommunikationswissenschaft wissen sehr gut um die Gefahren und ungeahnten
Möglichkeiten der Einflussnahme, der Manipulation, die zu vermeiden sie durch
ihre Standesregeln angehalten sind.
Die Erörterung dessen, was zu unternehmen, was zu tun sei,
was verlangt werden kann, ist an dieser Stelle nicht beendet, solange in der
Aufzählung derer, an die ich Ansprüche gestellt habe noch etwas fehlt:
Die Öffentlichkeit als Publikum, als Allgemeinheit, gemeines
Volk, als Gesamtheit der Zuhörer und Betrachter - ich, als Teil all dessen, als weiterer
Akteur.
Oh weh, mir scheint, ich rufe nach dem mündigen Bürger und
der mündigen Bürgerin.
Und spaziere also in der Öffentlichkeit vom Verhandlungsraum
zum Aufmerksamkeitsraum, um einmal nachzusehen, wer da so sitzt, wer da
agiert. Im Gedanken, dass Assoziationen an Privatheit sofort kommen, redet man
von Einzelpersonen, eben den BürgerInnen, muss ich mich daran erinnern, dass
diese Bereiche im Medienzeitalter ineinander übergehen, miteinander verwechselt
werden, austauschbar sind. Vor allem in den neueren Medien, mässig: Fernsehen,
jung: Internet, verwischen sich die Grenzen. Beim Betrachten der zig Talkshows,
Reality Shows, Shows, die in Eigenheimen und Privatwohnungen gefilmt werden,
stellt sich der Eindruck her, dass viele Teile der Menschheit diese Räume
als Striptease Bars betrachten, in denen sie ihre seelischen private parts
mit dem grössten Vergnügen einer unbekannten grossen Zahl von Zuschauern, also
einer breiten Öffentlichkeit, vorführen. Oft werden diese Shows von ExpertInnen
begleitet. Und noch sind sie nicht so inflationär, dass sie ihre Wirkung
verfehlen, sie offerieren die begehrten »15 Minuten Berühmtheit« des
bekannten Warholschen Spruches. »Im Fernsehen zu kommen« bedeutet etwas.
Man wird noch immer zum Star.
Das kann zu Trouble führen. »Female Trouble«.
Ein kleiner Exkurs. Im vorliegenden Buch geschildert wird
unter anderen der Fall des Ehepaares Ruda, die 2001 einen Arbeitskollegen Daniel
Rudas ermordeten. Im Verhör und vor Gericht geben die Rudas an, auf Befehl
Satans gehandelt zu haben. Der Fall wird zum »Satansmord von Witten«. Das Paar
wird wegen heimtückischens und aus niedrigen Beweggründen begangenen Mordes zu
15 bzw. 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Unterbringung der Angeklagten
in einem psychiatrischen Krankenhaus wird angeordnet. In seinem 2004
veröffentlichten Buch schiebt Ehemann Daniel Ruda die Tat seiner Frau und einem
unsichtbaren Dritten zu, stellt alles satanische, von dem er geredet
hat, in Abrede, ja impliziert, dass er sich seine Rolle anhand von gängigen
Klischees zurechtgelegt habe. Manuela Ruda hingegen zeigt sich in einer
Reportage des ZDF
reuig und meint, dass die Rolle, die sie gegen aussen hin getragen habe, sich
verselbständigt hätte und »gekippt sei«. Gemäss des
psychiatrischen Gutachtens litten beide an einer narzisstischen
Persönlichkeitsstörung. Während des Prozesses herrscht Medienrummel, vor allem
Manuela Ruda wird zum Star und verhält sich eigenen Aussagen zufolge
dementsprechend. »Ja, es gab so aus den ersten Reihen schon konkrete
Aufforderungen, weiter zu posieren.« Auf Fotos zieht sie grimmige Grimassen
und zeigt obszöne Gesten.
Auch bei einem späteren Verbrechen, das ebenfalls schnell
dem satanistischen Umfeld zugerechnet wird, - der im Buch besprochene
Mord an Kim Becker in der Umgebung von Hamburg - weil sich die drei dessen
überführten jungen Männer in der Gothic Scene aufhalten und mit satanistischem
Zimmerdekor und Vokabular auffallen, wird nach den ausführlichen Untersuchungen
der Justiz keine Verbindung zu einer satanistischen Sekte festgestellt. Was
offenbar wird, ist, dass speziell einer der Täter ausgesprochen fasziniert von
der Berichterstattung zum Fall Ruda war.
Beim Betrachten der veröffentlichten Aufnahmen von Manuela
Ruda geraten mir Bilder von Divine
als Dawn Davenport im Film »Female Trouble«, 1974 von John Waters gedreht, ins
innere Blickfeld.
Dazu angemerkt sei, dass für die Entwicklung der Filmidee,
wie Waters in seinem Buch »Shock Value«
erzählt, seine Eindrücke von Gerichtsprozessen, die er damals mit grossem
Interesse besucht hatte, in diesem Falle die Verhandlungen gegen Manson und die
Mitglieder der »Family«, ausschlaggebend waren.
Satan spielt im Film nicht die allergeringste Rolle. Was
eine Rolle spielt, ist, dass der zuerst nur ungezogene Teenager Dawn Davenport,
aus dem spiessigen Elternhaus abgehauen, die Laufbahn einer Stripperin und
Kleinkriminellen einschlägt und ein grosses Ziel hat: »I am a thief and a
shitkicker and I want to be famous«. Mit dem dekadenten Besitzerehepaar
eines Schönheitssalons trifft sie auf das richtige Publikum. Die beiden ziehen
Kriminalität Sex vor. Ihr Credo ist: »Verbrechen ist Schönheit«. »We have a theory that crime
enhances one's beauty. The worse the crime gets, the more
ravishing one becomes«. Sie
wollen Dawn möglichst beim Ausführen ihrer Einbrüche, beim Begehen von
Verbrechen fotografieren und reden ihr ein, sie sei wunderschön, sie würden sie
zum Top-Modell machen und ins Showbusiness bringen. Nichts als Ruhm und Glamour
für ihre Zukunft. Schliesslich schiesst Dawn in ihrer ersten vom Ehepaar
organisierten Show als Superstar ins Publikum. Sie schreit, wild mit
einer Pistole fuchtelnd: »Who wants to die for art?«
Einer steht auf und ruft »Ich«, grinsend. Sie schiesst und es wird klar,
dass die Show vorbei ist. Nur für Dawn geht sie vor Gericht erst recht
weiter, denn jetzt ist ihr Gesicht tatsächlich in jeder Zeitung zu sehen. Ihr
Todesurteil hält sie für das Äquivalent einer Oscarverleihung und bereitet sich
in der Todeszelle auf ihre Dankesrede vor, die sie am Ende des Films, während
sie in den elektrischen Stuhl geschnallt wird, auch von sich gibt:
»I'd
like to thank all the wonderful people... that made this great moment in my
life come true.
And especially all those wonderful people... who were kind
enough... to read about me in the newspapers... and watch me on the television
news shows. Without all of you... my career could never have gotten
this far… It is you that I burn for... and it is you that I will die for. Please
remember... I love every fucking one of you…«
Da in Deutschland die Todesstrafe seit langem abgeschafft
ist, hat Manuela Ruda es nicht ganz so weit gebracht, und hat Gelegenheit, sich
in Haft zu läutern, wie in der ZDF-Reportage geschildert.
Dass Satanismus, zu schweigen von einer
Zugehörigkeit zu einem satanistischen Kult nicht der Antrieb der beiden
Rudas war, sondern Vehikel ihrer Störungen, wurde belegt. Heute sagt Manuela
Ruda: »Es war bei mir so, dass
ich eine gewisse Rolle nach aussen getragen habe, die hat sich irgendwann
verselbstständigt und ist gekippt.«
Vehikel für Jäger und »all the wonderful people« waren die beiden Angeklagten und dann verurteilten
Mörder.
Leicht ermattet nach all den Spaziergängen sehnt man sich
nach etwas Bequemlichkeit. Einen Vormund herbeiziehen zu können, wäre schön.
Oder ist es der Jagdinstinkt, der in einem selbst erwacht. Einen Schuldigen
finden. Auch das wäre erleichternd. Ich fände noch einen. Einen beliebten.
Geradezu bedrohlich lockt ein Gebiet, das ich noch nicht beschritten habe. Den
Markt. In dem ein Supermarkt steht. In dem die Medien
mit der Vermarktung von Geschichten einenteils Täter sein sollen, hört man
ihnen zu, aber schnell zu Opfern werden: des Einschaltquoten- und
Auflagendrucks. Den Jahrmarkt der Eitelkeiten gibt es zu besichtigen, wo
wiederum alle anzutreffen sind und nur wenige in keinem Karussell hocken. Und
die Marktwirtschaft kann dort besucht werden, die freie, auch Kandidatin für
eine Schuldzuweisung.
Nein. Das werde ich schön bleibenlassen. Nicht Faulheit und
Feigheit sind die Ursachen.
Eine freie Entscheidung, freiwillig geübte Zurückhaltung. Auch will ich mir ein
Beispiel an den Herren Huettl und König nehmen, beabsichtige gleich ihnen
keineswegs, die ganze Welt erklären, alles besetzen zu wollen.
Und käme ich zu grundsätzlich anderen Schlüssen? Ich denke
nicht. Auch auf dem Markt sagte ich zu mir selbst »Säume nicht…« Und
bliebe bei den Argumenten aus dem Blickwinkel derjenigen, die nach den mündigen
BürgerInnen ruft, den Einsatz des eigenen Verstandes fordert und sämtlichen
Akteuren in all ihren Rollen an all ihren Orten auf dem weiten Feld - »SatanJägerJustizSchriftstellerinKonsumentWonderfulPeople…«
- und in der Öffentlichkeit zumutet, zuallererst Verantwortlichkeit für das
eigene Denken und das daraus entstehende, entschiedene Handeln zu zeigen. Dies
einmal unwillkürlich und dann gezielt und regelmässig verlauten zu lassen
gehört zu der freiwilligen Verpflichtung »wahrheitswidrigen
Veröffentlichungen, vorsätzlicher Lügenhaftigkeit und Entstellung von
Tatsachen, unternommen zu politischen und persönlichen Zwecken,
entgegenzuarbeiten.«
Es ist Zeit, das Geschriebene wegzulegen. Wieder spazieren
zu gehen. Einen anderen Weg einzuschlagen, denn ich habe kein anvisiertes Ziel,
das ich dringend erreichen muss, lieber ist auch mir die Überraschung - und
jetzt: werde ich mit dem Zweifeln beginnen.