Kristin T. Schnider - Ein weites Feld - Satan - Jünger, Jäger und Justiz

Kristin T. Schnider

2002-2010 President of the Swiss German PEN Centre, 2007-2010 Member of the board of PEN International, 2011 Candidate for International Secretary of PEN International, 2010-2011 Administrative Director of the Swiss German PEN Centre. 2015 Mayor elect of Wassen (Canton Uri).

Ein weites Feld

Nachwort zu
Andreas Huettl und Peter-R. König: Satan - Jünger, Jäger und Justiz

»Was säumst du?
Wag' es auf der Stelle weise zu sein!«
[1]

Satan - Jünger, Jäger und Justiz

 

Nach der Lektüre dieses Buchers spazierenzugehen, es einmal beiseite zu legen, ist eine gute Idee. Man tritt hinaus aus diesem Raum und geht, festen Boden unter den Füssen, einen Weg entlang, nicht in den Wald, an Häusern vorbei, mit Gärtchen oder ohne, an Menschen vorbei und betrachtet Umgebung und die Insassen dieser Welt einen Moment lang »live«. Nach der Rückkehr hat man wieder Lust, sich das weite Feld, das sich während des Lesens eröffnet hat, die verschiedenen Gebiete, in die man eingeführt wurde, noch einmal anzusehen und darüber hinausdenkend, weiterzugehen.

In den besten Fällen, mit den besten Büchern tue ich das, und vor allem auch in meiner Rolle als Schriftstellerin, unwillkürlich.

Das Buch lässt einen alleine, dem Himmel sei Dank. Es ist so dicht geschrieben, dass keine Projektionsflächen bleiben, auf die man sein eigenes Ego beamen könnte, es bietet keine Figuren an, mit denen man sich nach einer Weile identifizieren könnte selbst wenn man es wollte. Der Verfasser und sein Gesprächspartner drängen sich nicht auf als selbststilisierte Freunde und Helfer oder Welterklärer. Und selbst wo von Misshandlung und Mord die Rede ist, von ritueller Kindstötung, und man sich vorzustellen beginnt, was das bedeutet und wie es sich abspielen könnte, haben sie sich nie der Sünde der Betroffenheit hingegeben, der meist diejenigen verfallen, die gar nicht betroffen sind, sondern ergriffene Betrachter des Leides. Anstatt also die Leserschaft emotional in die Pflicht zu nehmen oder an ihr Potential für moralische Entrüstung zu appellieren, präsentiert der Verfasser eine Auslegeordnung von Überlegungen und Informationen, kurz, die Ergebnisse seiner langen Recherchen.

So erhält man tiefe Einblicke in eine Welt, die angeblich okkult, also verborgen sei, und kann sich anhand der Fülle von Informationen, Dokumentauszügen und Zitaten, der Vorstellung verschiedener Meinungen im Streit um Satanismus und der ausführlichen Beschreibung solch angeblich satanistischer Gruppierungen, Sekten, Kirchen, Individuen selbst ein Bild machen. Das ist einmal der informative Teil.

Der nach der Einleitung von Andreas Huettl gewählten Schreibweise, derjenigen des Gesprächs sind hauptsächlich die inspirierenden Momente zu verdanken. Es ist der Dialog der Herren Huettl und König, aus dem die Funken überspringen, sozusagen aus dem Buch heraus. Sie animieren dazu, das Licht des eigenen Verstandes wieder einmal anzufachen, und nachzudenken, Plausibilitätsüberlegungen anzustellen.

Die Leserschaft kann Herrn Huettl und Herrn König orten, denn sie legen ihre unterschiedliche Motivation, sich mit dem Gebiet Okkultismus / Satanismus zu befassen offen, sie lassen ihre eigenen Stimmen hören, erzählen auch Anekdoten, und gewinnen dadurch an Kontur. Im Gespräch sind die Überlegungen, Einlassungen, Meinungen und Erzählungen des Verfassers und seines Gegenübers klar abgrenzbar von den Quellen, die sie herangezo­gen haben, die dank genauen Angaben der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, auffindbar und einsehbar für alle, die nicht »zu jenem grossen Teil der Menschen« gehören, die »nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; (und) warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein[2]

Ausgangspunkt war Andreas Huettls Frage gewesen, wie es denn sein könne, dass, seit Jahrzehnten unentdeckt, Kapitalverbrechen in dem ihm zunächst persönlich geschilderten Fall und dann im Laufe seiner Umtriebe weiter vorgefundenen Materialien behaupteten Ausmasse begangen werden können.

Fragen bleiben auch nach der Lektüre, neue Fragen stellen sich, was noch einmal für das Buch spricht. Es wird nie behauptet, nicht einmal insinuiert, der Erkenntnisfindung sei mit dem Schritt dieser Veröffentlichung bereits Genüge getan. Jedoch hat sich bei der Leserin die Fragestellung verändert.

Die Versuchung, das Ganze mit dem beruhigenden Gedanken, es handle sich bei diesen sogenannten Satanisten zum Glück nur um eine marginale Erscheinung, ad acta zu legen überwiegt. Aber nur für einen Moment - in dem man sich sagt: sind nicht selbst im traurigen Spektrum von Mord- und Totschlag, alltäglicher Kindsmisshandlung, sadistischem Treiben, die nachweislich mit Satansvorstellungen und neu-religiös ritueller Gewalt zusammenhängenden Straftaten von verschwindend geringer Zahl? Sind nicht die Mitglieder dieser desolaten Gruppen ausserstande etwas von der nur schon logistischen Grossleistung des ihnen unterstellten Schlachtens von Frauen und Kindern zu volbringen? Bevor man jedoch aufatmet und meint, wie gering dies alles letztlich wiege angesichts anderer Probleme, mit denen sich die Gesellschaft, die gesamte Welt konfrontiert sieht, sollte man noch einmal inne­halten.

Nicht nur, weil jede Schandtat und geschähe sie nur einem einzigen Menschen, ein Gräuel bleibt, sondern, weil was hier aufgefächert wird, über den genau definierten und sorgfältig recherchierten Problemkreis hinausweist.

Lässt man die Fülle an Informationen über »Satan. Jünger. Jäger. Justiz« noch einmal Re­vue passieren merkt man, dass hier ein Buch vorliegt, das auch von Déformations professionnelles handelt, von verengter Wahrnehmung, der Manipulation von Menschen und Daten, von Desinfor­mation, Entstellung von Tatsachen, von der Aufgabe freiwilliger Selbstkontrolle und der eigenen Mündigkeit.

Ich frage mich, wieder unwillkürlich und diesmal dringend auch in meiner Rolle als Mitglied der weltweit grössten Vereinigung von Schreibenden, dem International PEN, der sich konkret für die Meinungsäusserungs- und Pressefreiheit einsetzt. Der letzte Absatz der PEN Charta drängt sich mir auf:

»Der PEN erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft die Zensurwillkür überhaupt, und erst recht in Friedenszeiten. Er ist des Glaubens, dass der notwendige Fortschritt der Welt, hin zu einer höher organisierten politischen und wirtschaftlichen Ordnung, eine freie Kritik gegenüber den Regierungen, Verwaltungen und Einrichtungen gebieterisch verlangt. Da die Freiheit auch freiwillig geübte Zurückhaltung einschliesst, verpflichten sich die Mitglieder, solchen Auswüchsen einer freien Presse, wie wahrheitswidrigen Veröffentlichungen, vorsätzlicher Lügenhaftigkeit und Entstellung von Tatsachen, unternommen zu politischen und persönlichen Zwecken, entgegenzuarbeiten.«[3]

Was also ist zu unternehmen, was ist verlangt, was muss verlangt werden?

Von Satan ist in dieser Sache offensichtlich nicht viel zu erwarten. Er erscheint als Projek­tionsfläche, als schwer definierbare und zwangsläufig unbekannte Grösse, als nach wie vor im christlich oder muslimischen Gedächtnis vorhandene kulturelle Gestalt.

Bald stellt sich auch heraus, dass Er für diejenigen, die mit dem Begriff Satanisten versehen werden, oft kaum eine Rolle spielt, nichts mit ihnen zu tun hat, und die von seinem Namen abge­leitete Bezeichnung Satanismus lediglich als Label für eine heterogene Szene von verschie­densten Jüngern dient.

Viel verlangt wird von der Justiz, die eine bekannte, in der Gesellschaft verankerte Grösse ist. Der Ruf nach Gesetz und Ordnung ist komischerweise Jüngern wie Jägern eigen. Die einen ver­klagen sich gegenseitig, verklagen Verlage und Medienschaffende, klagen auf Copyrights und konsultieren das Gesetz, das terrestrische, geht es um Steuererleichterungen. Die Justiz ist ihnen vertraute weltliche Instanz. Die anderen zweifeln sie an, for­dern Taten, der Justizapparat soll in Bewegung versetzt werden, die Polizei muss her, was von den Jägern postuliert wird, muss auf Teufel komm raus gefunden werden, hie Tausende Leichen, die unter­sucht, und dort eine unbestimmte Anzahl Satanisten, die speziell bestraft werden sollten. Als Höhepunkt wird von der Justiz verlangt, »den Satanismus mit auf die Anklagebank zu setzen«.

Wie der Justizapparat, mit welchen Mitteln und Methoden, auf diese Ansinnen eintritt, wie Untersu­chungen und Verfahren verlaufen wird anhand von Beispielen, Auskünften zur Methodologie, Sta­tistiken und den aus Urteilsverkündungen gewonnenen Informationen detailliert dargelegt. Auch was überhaupt die Aufgabe der Justiz sei, wird in aller gewünschten Deutlichkeit vom Verfasser Andreas Huettl, der Anwalt ist, erläutert.

Dass sie sich nicht an die eigenen Grundsätze halte, die Justiz, also Informationen nicht überprüfe, Hinweisen nicht nachgehe und im gegebenen Fall der Öffentlichkeit grundlos Informationen vor­enthalte oder diese verzerre, kann ihr aufgrund der vorliegenden Dokumente und Auskünfte nicht nachgewiesen werden. In einem Punkt bewegt sie sich aber nicht: »Der Teufel steht nicht im Gesetzbuch Und da gehört er im säkularen Staat auch nicht hin.

Niedriger sind den Erwartungen oder Vorurteilen gemäss Ansprüche an Jünger jedweder Couleur. Jegliche Gefolgschaft ist eine Einschränkung der eigenen Mündigkeit und die Wahrnehmung der Welt durch die Linse einer einzigen Lehre und deren Auslegungen zieht eine Verengung der Welt­sicht nach sich. Die hier im Mittelpunkt stehenden Jünger oder der Jüngerschaft Bezichtigten teilen eines: sie betrachten sich als Lehrlinge und Nachfolger von Meistern, deren Schriften und deren Auslegungen, deren Lehren so weit von der Norm abweichen und sich Vorstellungen, Ritu­alen und Emblemen einer bestimmten, von der Mehrheit negativ aufgeladenen oder tabuisierten Art bedienen, dass es möglich wird, sie allesamt in denselben, den Satanistentopf zu werfen.

Die Erwähnung von Ritualen, Tieropferungen, Blut, Sperma und Sexualität als Mittel höhere Ebenen zu erreichen, der Gebrauch von Abbildungen von Pentagrammen und weiteren satanischen, magischen Symbolen, von Darstellungen des Teufels, reicht aus.

Gleichgültig ob diese Reli­gions-Ingredienzen für abscheulich, interessant oder angemessen befunden werden, was von je­nen, die sie teils als Allegorien betrachten oder tatsächlich in rituelle Handlungen miteinbeziehen, wie von allen Mitgliedern der Gesellschaft verlangt wird und werden muss, ist, dass sie sich an die all­gemeingültigen Gesetze halten und das Recht respektieren.

In Form von Grundrechten geniessen sie Religions- bzw. Bekenntnisfreiheit, und damit es hier schon gesagt sei: ihre Kritiker und Jäger die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre und die Meinung­säusserungs- und Pressefreiheit.

Es bleiben die Jäger. Wo anhand der Präsentation der Welten und Weltsicht, der religiösen An­sichten und Praktiken der Jünger sich Alarm einstellt, tritt während der Betrachtung der Vorgehensweise der Jäger keineswegs eine Beruhigung ein. Au contraire. Im Laufe der Lektüre wird offensichtlich, was zu ihrer Titulierung - da die üblicheren Bezeichnungen ja lauten: Experten, Expertinnen, Medien­schaffende - geführt hat.

Ihr hier dokumentiertes Verhalten ist weit weniger vielfältig als dasjenige der unter ein und derselben Definition Gejagten. Graduelle qualitative Unterschiede in ihrer Arbeit und ihren Auftritten sind glücklicherweise festzustellen. Gemeinsam ist ihnen: sie fühlen sich dazu berufen, die Öffentlichkeit zu warnen und aufzuklären über ein Phänomen, das sie Satanismus nennen, was Synonym gewor­den ist für religiös motivierte oder verbrämte Gräueltaten, rituelle Misshandlungen, Missbräuche und sogar Morde in angeblich grossem Stil. Davor wollen sie die Gesellschaft geschützt sehen, die wirklichen und vermeintlichen Opfer dieses Satanismus gerächt, der ihnen so zum Ziel wird, auf das sie sich mit allen Mitteln, die ihnen von Berufs wegen zur Verfügung stehen, einschiessen. Da die gewünschten Resultate nicht eintreffen, gehen sie davon aus, dass ihre Munition - bei der es sich offensichtlich um Schrot handelt - nicht ausreicht und rufen daher nach schwererem Ge­schütz.

Und das tun sie, wie gesagt, in der Absicht Gutes zu bewirken, indem sie sich an die Öffentlich­keit wenden, als Akteure mit Absichten in die Arena treten.

Exakt deswegen kann von den Expertinnen und Medienschaffenden, die sich im Gegensatz zu einigen hier geschilderten Selbsteinschätzungen der Jünger als integrale Bestandteile der Gesell­schaft betrachten, einiges verlangt werden. Sie müssen es sich erst recht gefallen lassen, an ihren Taten gemessen zu werden.

Öffentlichkeit ist die Grundlage der Demokratie. Darin gilt, dass das Volk über sich selbst bestimmt, die selbst gewählte Regierung kontrolliert, und sich zur Gesellschaft formiert. Zugang zu Informationen und Wissen und die Möglichkeit, diese Informationen zu überprüfen, zu vergleichen, das Wissen auszutauschen sind unabdingbar. Dazu ist Öfffentlichkeit, eine von den Massenmedien zur Verfügung gestellte Kommunikationsstruktur, da. Hier reflektiert die Gesellschaft über sich. Hier entstehen und verändern sich gesellschaftliche Strömun­gen, bildet sich die öffentliche Meinung, im Wechsel zwischen einem Gespiesenwerden von gesellschaftlichen Entwicklungen und einem Diese-Nähren fliesst der Mainstream, aus dem sich letztlich die politischen Entscheidungen ergeben. In "Öffentlichkeit" wird natürlich nicht nur debattiert und Wissen ausgetauscht, in dieser Struktur bewegt sich - und wird bewegt - eine immer grösser werdende Fülle von Daten, Reizen, In­formationen in aller Form, die Einfluss auf Weltsicht und Meinungsbildung nehmen, und so ist es von grösster Wich­tigkeit, dass sich alle Akteure verantwortungsbewusst verhalten.

Wissenschaftler wie auch Medienschaffende verfügen über ethische Richtlinien, denen sie im Sinne einer freiwilligen Selbstkontrolle nachkommen, um die Glaubwürdigkeit ihres Metiers auf­rechtzuerhalten, und zu ihrem eigenen Schutz. Für Fachleute, eben die sogenannten Experten, die durchaus nicht aus akademischen Kreisen kommen müssen, haben solche ethischen Standards ebenfalls Gültigkeit, denn auch sie sind der Öffentlichkeit gegenüber in der Verantwortung,

Verschiedene Empfehlungen, Richtlinien und Kodizes können im vollen Wortlaut auf dem Internet eingesehen werden. Im Umfeld dieses Buches lohnt es sich, einen Blick auf die Empfehlungen der international zusammenge­setzten Kommission »Selbstkontrolle in der Wissenschaft« die 1998 im Auftrag des Präsidiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft[4] zusammentrat zu werfen, auf den Kodex der Politikwissenschaft­ler[5], der sich kaum von demjenigen der Gesellschaft für Soziologie unterscheidet, und es kann nicht schaden, sich einmal das Deutsche Presserecht[6] an- und sich bei den verschiedenen Presseräten (Schweiz[7], Deutschland)[8] einmal umzusehen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass in allen Kodizes, Richtlinien und Empfehlungen die Einhaltung der Wahrheit, Ehrlichkeit - auch Ehrlichkeit gegenüber sich selbst - wichtige Kriterien sind. In sozialen Prozessen entscheidende Rollen zu spielen, die Umfeld und Mitmenschen beeinflussen, erfordert ein ethisches Bewusstsein, die Vernunft und den Mut, - dies ist mein persönliche Lieblingsempfehlung: alle Ergebnisse konsequent selbst anzuzweifeln.

Die Kodizes sind sinvollerweise nicht einheitlich, was verschiedene Zweige der Wissenschaft be­trifft, und sie können, wie im Vergleich der Ausschnitte aus den deutschen respektive schweizerischen Richtlinien sehen ist, auch von Land zu Land unterschiedliche Gewichtungen aufwei­sen. Die Grundzüge bleiben sich gleich. Die Richtung, in der die Aufforderung zu dieser Art ethi­schen Verhaltens geht und ihr Sinn und Zweck sind unübersehbar und im Grunde unbestritten.

Dennoch wird im vorliegenden Buch sowohl im Umfeld der Expertinnen wie auch der Medien­schaffenden der Nachweis, dass die eigenen Standesregeln in allzuvielen Fällen nicht eingehalten wurden und werden, mehrfach erbracht und so belegt und dokumentiert, dass er durch die Leser­schaft selbst überprüft werden kann.

Dies kann ich nicht belegen, vermute aber, dass die meisten WissenschaftlerInnen und Medienschaffenden angesichts der Schwere der Anschuldigungen, an die sie trotz bzw. wegen mangelnder Beweise selber glauben, angesichts der eigenen Faszination mit dem Bösen und Mystischen, in der Überzeugung, Gutes zu tun und das Schlimmste verhüten oder beenden wollen, überzeugt sind, per se so ethisch zu handeln, dass sämtliche Regelwerke zur Selbstkontrolle hinfällig sind. Zu befürchten wage ich ausserdem, und unterstelle somit, dass einige unter ihnen es sich aus verschiedenen Motivationen - Sendungsbewusstsein? Geltungsdrang? - herausnehmen, die Regeln nicht nur zu dehnen, sondern schlicht zu missachten.

Auch ehrenwerteste oder verständlichste Gründe - Schonung der Opfer von jeglicher Gewalttat, Erschrecken über die Grausamkeit und Abgründigkeit menschlichen Handelns - über die Exaktheit der Recherche zu stellen, verzerrt die Resultate dieser Untersuchungen und bewirkt das Gegenteil von Aufklärung, nämlich Vernebelung und endet im Handel mit puren Gerüchten.

Selbst einigermassen plausible Äusserungen taugen nichts mehr, wenn sie ununterscheidbar inmitten von Vermutungen und Übertreibungen, die nie belegt werden, stehen. Platziert man sie gar in einen Kontext von Werbung und Boulevard verlieren sie und somit diejenigen, die sie äussern, wie mit der Zeit die gesamte Zunft, alles an überhaupt noch verbliebener Glaubwürdigkeit.

Auf der Website »Kriminalportal« zum Beispiel, schreibt Frau Expertin Solveig Prass von der Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängigkeit Sachsen e.V. in ihrem Beitrag »Was ist Satanismus[9]: »Die erste Feststellung, die wir für den Bereich Satanismus treffen müssen, ist die, dass es den Satanismus gar nicht gibt!«

Eine Einschätzung, die auch vom Verfasser und seinem Gesprächspartner geteilt wird und nach Lektüre des Werkes durchaus einleuchtet.

Nur, jegliches Nachdenken darüber, was diese Aussage bedeutet, was für Konsequenzen sie haben könnte, wird beim Lesen der erwähnten Website abgelenkt durch die Irritation über die unprofessionelle Handhabung der daran anschliessenden Texte, von deren fragwürdiger sprachlichen und inhaltlichen Qualität hier einmal geschwiegen sein soll. Aufsteigender Ärger darüber, dass eigene angebliche Erfahrungen und Informationen der Autorin von ihr selbst mit der Bemerkung, »das ist so und so, aber es gibt halt keine Beweise« vorgetragen werden, lässt schliesslich nichts anderes zu, als dass man sich abwendet. Erst recht, nachdem wiederum festzustellen ist, dass die angegebenen Quellen aus den rundum bekannten Büchern rundum bekannter weiterer Satanismus-Experten bestehen. Schon bei nur ein klein wenig Nachforschung im Internet stösst man sehr bald auf einen Artikel des im vorliegenden Buch erwähnten Ingolf Christiansen[10]. Der Vergleich zwischen seinen Ausführungen und denjenigen von Frau Prass, die ihn als Quelle angibt, sei der Beurteilung der geneigten Leserschaft überlassen.

Falsche wie richtige Informationen, Meinungen und Vermutungen werden, umgeben mit der immerselben Aura von Kompetenz, kolportiert, die immerselben Geschichten, als untaugliche, weil nie nachgewiesene Belege der Postulate hervorgezogen, werden ad nauseam wiederholt. Jedoch gilt weder in der Wissenschaft noch in der Medienlandschaft die »Regel der Snarkjagd [11]«: auch was dreimal - oder noch öfter - gesagt wird, wird dadurch nicht wahr.

Die Krönung des speziellen »Leseerlebnisses Prass« war aber die penetrante Unterbrecherwerbung in Form eines Links zur sogenannten Sachbuchliste, der nach jedem dieser Texte zu sämtlich auffindbaren Formen von Satanismus zu finden ist: »In unserer Kriminalportal-Bücherliste haben wir einige spannende Titel zum Thema. Interessiert Ein Blick auf die Liste erledigt den Begriff Sachbuch gleich zusammen mit der Bezeichnung Expertin. Erwähnt sei nur eines dieser Werke, das mit dem Titel »Satans Handbuch« lockt, und dessen Beschreibung auf dem unvermeidlichen Link zur Internetbuchandlung Amazon grosse Unterhaltung verspricht »...Der Satanist ist der ›Trickster‹, ›The Great Pretender‹, der sich mit Hilfe genialer Zau­bertricks durchs Leben schlägt und den ›Herdenschafen‹ stets um ein paar Nasenlängen voraus ist

In der Tat.

Und so wird weiterhin in dieser Weise, in der von den Verfassern des Buches geschilderten, munter von Satanismus geredet und geschrieben, abgehandelt, erläutert, es höret nimmer auf, es schallt und schwallt, siedet und wallet und zischt.

Das pure Gegenteil von Aufklärung. Das Gegenteil von Erkenntnissuche wird zelebriert. In die zur Zeit wieder wachsende anti-rationale, anti-intellektuelle Strömung mündet ein weiterer Redefluss.

Die Glaubwürdigkeit der Presse, die ohnehin schwer gelitten hat in den letzten Jahrzehnten wird weiterhin unterminiert, seriöse Wissenschafter und gewissenhaft Schreibende werden missachtet, es sei denn, es liessen sich reine Informationen bei ihnen als Quelle holen, ihre guten Namen liessen sich in die eigenen Abhandlungen als Ausweis der eigenen Expertenhaftigkeit setzen.

Die Öf­fentlichkeit nun wird in regelmässigen Abständen in Wallung versetzt. (Dies auf ein Ziel hin? Das Gute gar? Es bleibt diffus, denn Gutes tun allein ist richtungslos.) Sämtliche Register werden gezogen und alle bekannten Reaktionen auf der emotionellen Skala abgerufen. Betroffen­heit soll evoziert werden und geteilt mit den Vortragenden, weiter geht es zur sittlichen Empörung, über Zorn, der sich, Lynchjustiz suggerierend, in Leser- oder anonymen Briefen äussert, bis hin zur Panik, die einige ergreifen mag, die sich die unwahrscheinlichen und widerlegbaren Zahlen vor Augen führen, mit denen die Jäger das Ausmass des Unrechts und der Mordtaten bis ins Fantastische hin­ein aufplustern.

Zurückdenkend an die Aussage, dass es den Satanismus nicht gäbe, will man noch einmal aufatmen, und kehrt vielleicht auch wieder an den Ort zurück, von dem aus man die gesamte Angelegenheit als marginal betrachtet hat. Und immerhin, mag man denken, ist damit ein für allemal klar, dass, was es nicht gibt, auch beim besten Willen nicht auf eine Anklagebank zu setzen ist.

Aber Halt. Schon der geschichtliche Abriss, den Andreas Huettl bezüglich der gesellschaftlichen Tradition, ausgesuchten Bevölkerungsgruppen ganz bestimmte und immer wieder dieselben Verbrechen in Einheit mit Teufelspakten zu unterstellen, und sich daraus das Recht, sie zu verfemen, verfolgen und umzubringen zu konstruieren, widerlegt diesen Gedanken.

Die Bevölkerungsgruppen sind immer die Anderen, eine Minderheit, vom Mainstream Abweichende, als Gemeinschaft betrachtete, die entweder einer in der geschichtlichen Abfolge neuen Religion anhängen gegen die es sich zu verteidigen gilt, oder jene, die von ihrer alten nicht lassen wollen. Christen zum Beispiel. Juden immer wieder. Die unterstellten Verbrechen: ritueller Mord, allen voran der bis heute endlos wiederholte Vorwurf, dass im Namen der jeweiligen Religion im grossen Stil und Ausmass, Kinder, Babies, bis hin zu noch Ungeborenen geschändet, geschlachtet, sogar gefressen würden.

 

Das ist das ultimate Verbrechen.

Das ist es auch in meinen Augen: Kinderschändung ist nicht verhandelbar.

 

Die Obsession von unterstellten, nicht nachzuweisenden Massenschlachtungen von Säuglingen verstellt aber den Blick auf die alltäglich, jederzeit weltweit stattfindenden und nachweisbaren Vergehen an Kindern, die von der Abtreibung weiblicher Föten, der ungewollten Tötung von Säuglingen, die nerven, über Kinderarbeit, Kinderhandel bis hin zu sexuellen Handlungen mit Kindern und der krassen Vernachlässigung des Nachwuchses aus wirtschaftlichen Gründen reichen.

Das ultimate Verbrechen wird auch im säkularen Bereich fantasiert, und dient dort beispielsweise der Verteufelung eines Kriegsgegners, was den eigenen Einzug in den Krieg erleichtert oder rechtfertigt.

Wir erinnern uns, im Auftakt zum Einschreiten der alliierten Truppen im zweiten Golfkrieg, an die 1990 weltweit mit Entsetzen und Empörung quittierte Geschichte von den mehr als 300 Babies, die von irakischen Soldaten aus Inkubatoren genommen Kult und gestorben seien. Sie wurde von Amnesty International aufgenommen, recherchiert und in einem langen Bericht bestätigt. Die Öffentlichkeit war hell empört. Aus allen Gründen, weswegen die Befreiung von Kuwait ins Auge gefasst werden mochte, war dieser Babymord der publicitywirksamste. Wir erinnern uns, so hoffe ich, auch noch an die Aufdeckung der Lüge, und daran, dass sich Amnesty International anhand der im Nachhinein erbrachten Beweise für die Fabrikation von ihrem Bericht distanzierte. Das ist lange her.

Wir erinnern uns aber auch, und dies täglich, wenn wir uns von aktuellen Nachrichten aus dem Irak nachdenklich stimmen lassen, an die dubiosen Begründungen, mit denen der Öffentlichkeit, wenn auch diesmal ohne Babymorde, die Notwendigkeit der Befreiung Iraks nahegelegt wurde. Es geht hier nicht um eine Diskussion des Für und Wider der Operation Iraqi Freedom. Sondern darum, dass eine solche Diskussion, die in einer Demokratie zur Legitimation eines Krieges geführt werden muss, von der Öffentlichkeit, von den politisch Verantwortlichen auf der Grundlage von Informationen, die nicht gemäss der gebotenen ethischen Standards verbreitet und nicht mit der notwendigen Sorgfalt aufgenommen werden, im Grunde nicht geführt werden kann.

Sie wurde geführt, der US-Kongress debattierte Stunde um Stunde, das Resultat war das Erwünschte. Heute wissen wir, dass einer der acht Hauptgründe, die angeführt wurden, in den Krieg zu ziehen, hinfällig ist.

Die bis heute nicht aufgefundenen irakischen Massenvernichtungswaffen waren in diesem Fall die publicitywirksamste massive Bedrohung gegen die es sich zu wehren gälte. Mittlerweile haben die massgeblichen Politiker eingestanden, dass diese Waffen möglicherweise niemals gefunden würden.

Das Vorgehen im Vorfeld erinnert stark an ein Zitat aus dem Buch "Satanismus - die unterschätzte Gefahr" der Brüder Grandt, das im vorliegenden Buch Erwähnung findet:

»Wir sind allerdings der Meinung, dass das Nichtvorhandensein eines Beweises noch kein Beweis für das Nichtvorhandensein sein muß«[12]

Die Methoden der Berichterstattung und der Einsatz von Experten, die verwendeten Argumente »Wir glauben, wir vermuten, etc.«. erinnern stark an die geschilderten Zustände im Umgang mit Satanismus.

Die daran Beteiligten sind alles andere als eine marginale Gruppe, der Schaden der in diesem Falle der Glaubwürdigkeit der Medien und der Politik beigefügt wurde reicht aus, die Demokratie wie wir sie kennen in Frage zu stellen und die gesellschaftlichen Verhandlungen, die in der Öffentlichkeit wie definiert, stattfinden müssen, zu reinen Scharaden verkommen zu lassen.

Medienvertreter wie auch Experten vor allem in den Bereichen Psychologie, So­ziologie, Poli­tologie, zu schweigen vom Bereich Kommunikationswissenschaft wissen sehr gut um die Gefahren und ungeahnten Möglichkeiten der Einfluss­nahme, der Manipulation, die zu vermeiden sie durch ihre Standesregeln angehalten sind.

Die Erörterung dessen, was zu unternehmen, was zu tun sei, was verlangt werden kann, ist an dieser Stelle nicht beendet, solange in der Aufzählung derer, an die ich Ansprüche gestellt habe noch etwas fehlt:

Die Öffentlichkeit als Publikum, als Allgemeinheit, gemeines Volk, als Gesamtheit der Zuhörer und Betrachter - ich, als Teil all dessen, als weiterer Akteur.

Oh weh, mir scheint, ich rufe nach dem mündigen Bürger und der mündigen Bürgerin.

Und spaziere also in der Öffentlichkeit vom Verhandlungsraum zum Aufmerksamkeitsraum, um einmal nachzusehen, wer da so sitzt, wer da agiert. Im Gedanken, dass Assoziationen an Privatheit sofort kommen, redet man von Einzelpersonen, eben den BürgerInnen, muss ich mich daran erinnern, dass diese Bereiche im Medienzeitalter ineinander übergehen, miteinander verwechselt werden, austauschbar sind. Vor allem in den neueren Medien, mässig: Fernsehen, jung: Internet, verwischen sich die Grenzen. Beim Betrachten der zig Talkshows, Reality Shows, Shows, die in Eigenheimen und Privatwohnungen gefilmt werden, stellt sich der Eindruck her, dass viele Teile der Menschheit diese Räume als Striptease Bars betrachten, in denen sie ihre seelischen private parts mit dem grössten Vergnügen einer unbekannten grossen Zahl von Zuschauern, also einer breiten Öffentlichkeit, vorführen. Oft werden diese Shows von ExpertInnen begleitet. Und noch sind sie nicht so inflationär, dass sie ihre Wirkung verfehlen, sie offerieren die begehrten »15 Minuten Berühmtheit« des bekannten Warholschen Spruches. »Im Fernsehen zu kommen« bedeutet etwas. Man wird noch immer zum Star.

Das kann zu Trouble führen. »Female Trouble«.

Ein kleiner Exkurs. Im vorliegenden Buch geschildert wird unter anderen der Fall des Ehepaares Ruda, die 2001 einen Arbeitskollegen Daniel Rudas ermordeten. Im Verhör und vor Gericht geben die Rudas an, auf Befehl Satans gehandelt zu haben. Der Fall wird zum »Satansmord von Witten«. Das Paar wird wegen heimtückischens und aus niedrigen Beweggründen begangenen Mordes zu 15 bzw. 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Unterbringung der Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus wird angeordnet. In seinem 2004 veröffentlichten Buch schiebt Ehemann Daniel Ruda die Tat seiner Frau und einem unsichtbaren Dritten zu, stellt alles satanische, von dem er geredet hat, in Abrede, ja impliziert, dass er sich seine Rolle anhand von gängigen Klischees zurechtgelegt habe. Manuela Ruda hingegen zeigt sich in einer Reportage des ZDF[13] reuig und meint, dass die Rolle, die sie gegen aussen hin getragen habe, sich verselbständigt hätte und »gekippt sei«. Gemäss des psychiatrischen Gutachtens litten beide an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Während des Prozesses herrscht Medienrummel, vor allem Manuela Ruda wird zum Star und verhält sich eigenen Aussagen zufolge dementsprechend. »Ja, es gab so aus den ersten Reihen schon konkrete Aufforderungen, weiter zu posieren.« Auf Fotos zieht sie grimmige Grimassen und zeigt obszöne Gesten.

Auch bei einem späteren Verbrechen, das ebenfalls schnell dem satanistischen Umfeld zugerechnet wird, - der im Buch besprochene Mord an Kim Becker in der Umgebung von Hamburg - weil sich die drei dessen überführten jungen Männer in der Gothic Scene aufhalten und mit satanistischem Zimmerdekor und Vokabular auffallen, wird nach den ausführlichen Untersuchungen der Justiz keine Verbindung zu einer satanistischen Sekte festgestellt. Was offenbar wird, ist, dass speziell einer der Täter ausgesprochen fasziniert von der Berichterstattung zum Fall Ruda war.

Beim Betrachten der veröffentlichten Aufnahmen von Manuela Ruda geraten mir Bilder von Divine[14] als Dawn Davenport im Film »Female Trouble«, 1974 von John Waters gedreht, ins innere Blickfeld.

Dazu angemerkt sei, dass für die Entwicklung der Filmidee, wie Waters in seinem Buch »Shock Value«[15] erzählt, seine Eindrücke von Gerichtsprozessen, die er damals mit grossem Interesse besucht hatte, in diesem Falle die Verhandlungen gegen Manson und die Mitglieder der »Family«, ausschlaggebend waren.

Satan spielt im Film nicht die allergeringste Rolle. Was eine Rolle spielt, ist, dass der zuerst nur ungezogene Teenager Dawn Davenport, aus dem spiessigen Elternhaus abgehauen, die Laufbahn einer Stripperin und Kleinkriminellen einschlägt und ein grosses Ziel hat: »I am a thief and a shitkicker and I want to be famous«. Mit dem dekadenten Besitzerehepaar eines Schönheitssalons trifft sie auf das richtige Publikum. Die beiden ziehen Kriminalität Sex vor. Ihr Credo ist: »Verbrechen ist Schönheit«. »We have a theory that crime enhances one's beauty. The worse the crime gets, the more ravishing one becomes«.[16] Sie wollen Dawn möglichst beim Ausführen ihrer Einbrüche, beim Begehen von Verbrechen fotografieren und reden ihr ein, sie sei wunderschön, sie würden sie zum Top-Modell machen und ins Showbusiness bringen. Nichts als Ruhm und Glamour für ihre Zukunft. Schliesslich schiesst Dawn in ihrer ersten vom Ehepaar organisierten Show als Superstar ins Publikum. Sie schreit, wild mit einer Pistole fuchtelnd: »Who wants to die for art Einer steht auf und ruft »Ich«, grinsend. Sie schiesst und es wird klar, dass die Show vorbei ist. Nur für Dawn geht sie vor Gericht erst recht weiter, denn jetzt ist ihr Gesicht tatsächlich in jeder Zeitung zu sehen. Ihr Todesurteil hält sie für das Äquivalent einer Oscarverleihung und bereitet sich in der Todeszelle auf ihre Dankesrede vor, die sie am Ende des Films, während sie in den elektrischen Stuhl geschnallt wird, auch von sich gibt:

»I'd like to thank all the wonderful people... that made this great moment in my life come true.
And especially all those wonderful people... who were kind enough... to read about me in the newspapers... and watch me on the television news shows.
Without all of you... my career could never have got­ten this far… It is you that I burn for... and it is you that I will die for. Please remember... I love every fucking one of you…«

Da in Deutschland die Todesstrafe seit langem abgeschafft ist, hat Manuela Ruda es nicht ganz so weit gebracht, und hat Gelegenheit, sich in Haft zu läutern, wie in der ZDF-Reportage geschildert.

Dass Satanismus, zu schweigen von einer Zugehörigkeit zu einem satanistischen Kult nicht der Antrieb der beiden Rudas war, sondern Vehikel ihrer Störungen, wurde belegt. Heute sagt Manuela Ruda: »Es war bei mir so, dass ich eine gewisse Rolle nach aussen getragen habe, die hat sich irgendwann verselbstständigt und ist gekippt.«

Vehikel für Jäger und »all the wonderful people« waren die beiden Angeklagten und dann verurteilten Mörder.

Leicht ermattet nach all den Spaziergängen sehnt man sich nach etwas Bequemlichkeit. Einen Vormund herbeiziehen zu können, wäre schön. Oder ist es der Jagdinstinkt, der in einem selbst erwacht. Einen Schuldigen finden. Auch das wäre erleichternd. Ich fände noch einen. Einen beliebten. Geradezu bedrohlich lockt ein Gebiet, das ich noch nicht beschritten habe. Den Markt. In dem ein Supermarkt steht. In dem die Medien mit der Vermarktung von Geschichten einenteils Täter sein sollen, hört man ihnen zu, aber schnell zu Opfern werden: des Einschaltquoten- und Auflagendrucks. Den Jahrmarkt der Eitelkeiten gibt es zu besichtigen, wo wiederum alle anzutreffen sind und nur wenige in keinem Karussell hocken. Und die Marktwirtschaft kann dort besucht werden, die freie, auch Kandidatin für eine Schuldzuweisung.

Nein. Das werde ich schön bleibenlassen. Nicht Faulheit und Feigheit sind die Ursachen[17]. Eine freie Entscheidung, freiwillig geübte Zurückhaltung. Auch will ich mir ein Beispiel an den Herren Huettl und König nehmen, beabsichtige gleich ihnen keineswegs, die ganze Welt erklären, alles besetzen zu wollen.

Und käme ich zu grundsätzlich anderen Schlüssen? Ich denke nicht. Auch auf dem Markt sagte ich zu mir selbst »Säume nicht…« Und bliebe bei den Argumenten aus dem Blickwinkel derjenigen, die nach den mündigen BürgerInnen ruft, den Einsatz des eigenen Verstandes fordert und sämtlichen Akteuren in all ihren Rollen an all ihren Orten auf dem weiten Feld - »SatanJägerJustizSchriftstellerinKonsumentWonderfulPeople…« - und in der Öffentlichkeit zumutet, zuallererst Verantwortlichkeit für das eigene Denken und das daraus entstehende, entschiedene Handeln zu zeigen. Dies einmal unwillkürlich und dann gezielt und regelmässig verlauten zu lassen gehört zu der freiwilligen Verpflichtung »wahrheitswidrigen Veröffentlichungen, vorsätzlicher Lügenhaftigkeit und Entstellung von Tatsachen, unternommen zu politischen und persönlichen Zwecken, entgegenzuarbeiten

 

Es ist Zeit, das Geschriebene wegzulegen. Wieder spazieren zu gehen. Einen anderen Weg einzuschlagen, denn ich habe kein anvisiertes Ziel, das ich dringend erreichen muss, lieber ist auch mir die Überraschung - und jetzt: werde ich mit dem Zweifeln beginnen.

 



[1] aus Horaz, 2. Brief an Maximus Lollius, Übersetzung Ch. M. Wieland

[2] aus Kant, »Definition der Aufklärung«

[3] Charta des International PEN, einsehbar in Deutsch: http://www.pen-dschweiz.ch/ und http://www.pen-deutschland.de

[7] http://presserat.ch/21690.htm, Mittwoch, 21. Juni 2006

[9] http://www.kriminalportal.de/thema/index_46951_46973.cfm, Mittwoch, 21. Juni 2006.
Da diese Seite nicht mehr greifbar ist: Der Artikel als screenshot. Die Literaturliste als screenshot

[12] Grandt, Satanismus - die unterschätzte Gefahr, 2000, 223

[13] http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,3921088,00.html, ZDF aspekte »Szenestar, Gruftie, Mörderin«, Mittwoch, 21.Juni 2006 [URL nicht mehr gültig]

[14] der 1988 verstorbene Schauspieler und Drag Artist Glen Milstead.

[15] »Shock Value - A Tasteful Book About Bad Taste«, A Delta Book, John Waters 1981

[16] Script einsehbar: http://www.script-o-rama.com/movie_scripts/f/female-trouble-script-transcript-divine.html; anhand des Kaufvideos überprüft; Mittwoch 21. Juni 2006

[17] Kant, aus »Definition der Aufklärung« -Satzanfang des eingangs zitierten Abschnittes


Bücher und Werke von Kristin T. Schnider
Online-Rezension von "O.T.O.-Rituals and Sexmagick"

Kontakt : Kristin T. Schnider



 

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