Ordo Templi Orientis
O.T.O. Phenomenon Books
Das OTO-Phaenomen
An Agony in 22 fits
By Peter-R. Koenig
This is the short and outdated online-version of a book with the same title. The paper
version published in 1994 is out of print. In 2001, a new and massively expanded and corrected version was available as "Der
O.T.O. Phaenomen REMIX" also out of print. Now a largely expanded, updated and revised version of 2011 is available as Der O.T.O. Phänomen RELOAD via A.R.W., Box 500 107, D-80971 Muenchen, Germany. Online
ordering via email: A.R.W.
This internet-version of the very short first edition does not contain any picture-material. 4 of 20 books on the
O.T.O. are electronically available © P.-R. Koenig |  |
"Ich sinke nieder, ich stammle verwirrtes Zeug -
der Weltgeist kommt mir wieder so gross vor -
zu gross!"
Paul Scheerbart
DAS O.T.O.-PHAENOMEN
An Agony in 22 fits
0. Einführung
1. Zusammenfassung
2. Notes Historiques sur le Rite Ancien et Primitif de Memphis-Misraim
3. Damals hinterm Mond
4. Veritas Mystica Maxima
5. Von denen Buchhändlern und Grossmeistern
6. In Nomine Demiurgi Nosferati
7. Treffpunkt der Traeumenden
8. Von der Tribuene zur Gnosis
9. Thelema im Appenzell?
10. Verlag Psychosophische Gesellschaft
11. Illuminaten und Templer
12. Tradicion Huiracocha
13. Mysteria Mystica Maxima
14. Kennen Sie Oscar R. Schlag?
15. Die Wandernden Bischöfe
16. Aleister Crowley und die haitianischen Götter
17. Die Geschichte des O.T.O.A (1921 - 1985)
18. Non c'e due senza tre
19. Per Aftera ad Astra
20. Reaktionen auf die Artikelserie
21. Dank für Material und/oder Auskunft
22. Bildmaterial und Personenregister
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0. Einführung
Kontext: Der
vorliegende Text steht in der Tradition folgender Studien, die jedoch alle
zwischen Information und Meinungsäusserung nicht klar unterscheiden. Eine
diesbezügliche Auseinandersetzung mit diesen Werken findet aus Platzmangel
nicht statt:
Ellic Howe: "The Magicians of the
Golden Dawn" (London 1972)
Karl R.H. Fricks "Licht und
Finsternis"-Bände (Graz 1973-86)
Ellic Howe/Helmut Möller: "Merlin
Peregrinus" (Würzburg 1986)
John Symonds: "The King of the
Shadow Realm" (London 1989)
Ergänzend als
Hintergrundinformation hat der Autor folgende Reader herausgegeben:
P.R. König: "Kleiner Theodor Reuss Reader,"
München 1993
P.R. König: "Materialien zum OTO," München
1994 [in Vorbereitung][1] *
P.R. König: "Der OTOA-Reader," München 1994
[in Vorbereitung]
Akteure: Alle
"irgendwie" betroffenen Personen der Zeitgeschichte. Entsprechend
finden sich Referenzangaben im Text oder als Fussnote, da dieselben als solche
zum "Phänomen" beitragen.
Konzept: Das Konzept
besteht aus der mündlichen Darlegung des Inhaltsverzeichnisses; in grossen
Teilen eine massive Erweiterung und Korrektur von Artikelserien.[2] * In den Artikeln wurde der Schwerpunkt einerseits auf
ein bestimmtes Themengewicht, anderseits auf biographische Darstellungen
gelegt. Diese komplizierte Strukturierung wird hier übernommen und mit
Untertiteln dargestellt. Überleitungen von einem Kapitel zum andern finden
keine statt. Dies macht die Studie schwer lesbar, sie soll jedoch hauptsächlich
als eine Art Nachschlagewerk dienen.
Abkürzungen
werden nur einmal eingeführt. Es wird versucht, eine einheitliche Schreibweise
bei "unsicheren" Begriffen einzuführen, z.B. "Misraïm,"
wenn kein Zitat vorliegt. Ordensnamen sind in spitzen Klammern und meist nur
einmal erwähnt. Bibliographische Quellen sind mindestens einmal vollständig
aufgeführt.
Um den
Anmerkungsapparat zu entlasten, wird bei Zahlenanhäufungen gesamthaft im Text
auf entsprechende Referenzwerke hingewiesen. Das Personenregister enthält aus
Platzgründen nur Namen mit mindestens 2 Einträgen: darin entfallen die häufig
auftretenden Namen Crowley, Reuss, Metzger und Germer.
Quellenkritik:
Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die informelle Darstellung eines
Phänomens, dessen Charakteristik massgeblich durch die Widersprüchlichkeit und
Subjektivität der Quellen geprägt ist.[3] * Diese schreiten als eine Art Literaturbericht so
chronologisch wie möglich den jeweiligen Themenbereich ab und sprechen
dokumentarisch für sich selber. Es ist jede "irgendwie" zum Thema
gehörende zugängliche Information verwendet worden. Es gibt ausser den
juristischen[4] * keine Auslassungskriterien. Die einzelnen Puzzleteile
haben sich selbständig zu einem Bild formiert. Da auf Schlussfolgerungen ohne
Quellenmaterial weitgehend verzichtet wird, können Teilbereiche aus Informationsmangel
skizzenhaft wirken.
Obwohl das
Quellenmaterial verschieden interpretierbar ist, will diese Arbeit rigoros
objektiv sein. Ganz anders sieht es ein Exponent[5] * des dargestellten Phänomens so: "Die
Geschichte eines magischen Ordens läuft nach anderen Gesichtspunkten ab als
die normale."[6] *
Diese Studie ist
kein Einführungswerk zu bestehenden Begriffen wie Freimaurerei (FM) und deren
Fachterminologie, religiösen Sondergruppen und entsprechenden Begriffen (wie
z.B. "Magie," "apostolisch")[7] * u.a. oder Personen wie z.B. Aleister Crowley und
seinen Lehren. Die vier oben unter "Kontext" erwähnten Werke sollten
dem interessierten Leser als Vorstufe dienen. Die dortigen Interpretationen
von Ereignissen werden hier jedoch kaum übernommen, da hier erneut von
Primärquellen ausgegangen wird, die für sich selber sprechen sollen. Zitate
ohne Quellenangabe beziehen sich auf Primärmaterial.
Inhalt: Die
vorliegende Studie ist keine Diskussion der "Glaubensinhalte" der
OTOs oder die Beschreibung z.B. der Initiationsrituale, sondern primär eine Dokumentation
des Verhaltens der OTO-Mitglieder untereinander. In der Folge lässt sich auch
die Historie der OTOs als Körperschaften ablesen.
Aufgrund dieser Komplexität
ist der Begriff "OTO-Phänomen" gewählt worden.
Nach einer
oberflächlichen Übersicht werden die einzelnen Themen und Personen näher
beleuchtet. Aufgrund der Komplexität ist es unumgänglich, dass einige Personen
und Organisationen nicht sofort ausführlich eingeführt werden können, da sie
erst in einem späteren Thementeil ihre Rolle spielen. Die diesbezüglichen
Querverweise im Text befinden sich in {geschweiften} Klammern und beziehen
sich auf das Kapitel, wo das Thema ausführlicher zur Sprache kommt.
Bibliographische
Referenznummern erfolgen erst wieder nach folgender Zusammenfassung.
Selbstdarstellungen der Protagonisten sind für diese Ausgabe bearbeitet und
enthalten nur notwendigste Referenzangaben. Originalzitate sind stilistisch
und faktisch unkorrigiert übernommen.
Rechtliche Lage:
Nach mehrfacher Prüfung sieht die Rechtslage wie folgt aus: Briefe sind nur
sehr bedingt des Copyrights fähig.[8] * Nach deutschem und schweizerischem Urheberrecht
besteht Zitatfreiheit im Sinne von Belegzitatfreiheit zur wissenschaftlichen
Dokumentation, was auch juristisch "schützenswerte Kunst" anbelangt.
Bei bisher unveröffentlichten Stellen wird es nur darauf ankommen, ob
Persönlichkeitsrechte (Intimbereich)[9] * tangiert sein können. Je länger die Vorgänge
zurückliegen, insbesondere bei Verstorbenen, die nur eingeschränkten Pietäts-
und Persönlichkeitsschutz geniessen, um so eher kann man publizieren (siehe die
"Mephisto-Entscheidung" zu Gustav Gründgens[10] *).[11] *
Bei allen
OTO-Gruppen handelt es sich entweder um eingetragene gemeinnützige Vereine oder
durch Publikationen wirkende Organisationen. Die in diese Bereiche fallenden
Tatsachen dürfen grundsätzlich verbreitet werden.
1. Zusammenfassung
Die Geschichte
der OTO-Gruppen (Ordo Templi Orientis) und ihrer verwandten Orden und
Privatkirchen ist eine Geschichte ihrer Protagonisten, die mit Carl August Kellner (1851-1905) und Theodor
Reuss (1855-1923) beginnt {3}.
Via Theodor Reuss/Peregrinus,
einen anglo-deutschen Freimaurer, ist der französische irreguläre, d.h. als
Winkelfreimaurerei taxierte "Alte und Primitive Ritus von Memphis und
Misraïm" (MM) 1902 aus Amerika/England nach Deutschland geraten {2}. Der
Ideenlieferant des OTO-Phänomens, der Österreicher Erfinder und Industrielle
Carl Kellner/Renatus, ist angeblich am
27.12.1903 zum "S.Ehren-General-Grossmeister in Grossbritannien und
Deutschland, 33°, 90°, 96°" ernannt worden, damit sich das
OTO-Gradsystem (10 Grade) aus einigen bestimmten Graden des Memphis-Misraïm-Ritus
(90 und 97 Grade) entwickeln kann. Reuss und sein selbsternannter Nachfolger,
Aleister Crowley (1875-1947), haben beide MM und OTO verbunden gesehen. Unter
Crowley/Baphomet wird aus dem pseudo-freimaurerischen OTO eine 11-gradige,
magische, streng hierarchische Gruppe, die auf Abhängigkeit der Mitglieder baut
und überzeugt ist, die absolute Wahrheit (Thelema) gefunden zu haben. Thelema
ist der Oberbegriff für "Das Gesetz des Neuen Aeons," das Crowley
1904 in Kairo von seinem Heiligen Schutzengel/einem Ausserirdischen,[12] * diktiert worden sein soll (als Buch: Liber Legis
oder Liber AL).[13] *
Die dem
OTO-Phänomen zugehörigen Orden und "Kirchen" sind:
- die Fraternitas Saturni (FS), 1926 in
Deutschland vom Buchhändler Eugen Grosche (1888-1964) als erste auf
Crowleys philosophisch-magischer Religion Thelema gegründete Organisation
- der neugegründete Illuminaten-Orden
(IO), dessen OTO-Prägung erst um die Jahrhundertwende durch den Drogisten
Theodor Reuss und den Schauspieler Leopold Engel (1858-1931) zustande gekommen
ist {11}
- ein Ableger der französischen Gnostisch-Katholischen
Kirchen (GKK), deren Kontakt mit dem OTO eigentlich nur um 1908-1920
wahrzunehmen ist {4, 15}
- die 1927 vom deutschen Abenteurer Arnold
Krumm-Heller (1879-1949) in Südamerika
gegründete Fraternitas Rosicruciana Antiqua (FRA) {12} und
- der Ordo Templi Orientis Antiqua (OTOA) von
1921, eine Art Voodoo-OTO mit französischen, spanischen und haïtianischen
Wurzeln.
Des weiteren wird
über den Schweizer OTO zwischen 1916-1920 {4} und Heinrich Tränkers (1880-1956) Pansophia
{5} berichtet. Der Buchhändler Tränker ist aktiv in der
Entwicklung der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland, bevor er ab 1921,
mit einer Reuss-Charta (Bewilligung) bedacht, eigene Unternehmen startet.
Auf Crowleys
Argenteum Astrum (AA, gegr. 1907) kann nicht eingegangen werden, da im
Unterschied zum OTO die AA keine fassbare Ordensstruktur aufweist. Die AA ist
Crowleys Version des Golden Dawn (lat. Aurorae Aureae).
Hingegen wird
Crowleys OTO-Zweig, die sogenannte Mysteria Mystica Maxima (MMM), mit einer
Reuss-Charta vom 24.04.1912 als Basis, eingehend beleuchtet {13}.
Überblick
Es ist fraglich, ob Kellner überhaupt einen OTO geführt hat. Auf jeden Fall ist unter Reuss einem Orden der Name OTO und eine 10-gradige Struktur gegeben
worden. Die ersten sieben freimaurerisch absolvierten Grade entsprechen den
indischen Chakras - der VIII° autosexueller und der IX° heterosexueller
Sexualmagie. Diese beiden letzteren bedürfen keines Einweihungsrituals mehr:
das Wissen um das "Geheimnis" genügt.[14] * Der X° bezeichnet allein das Amt des
Landesoberhaupts und ist stimmberechtigt, das internationale Oberhaupt, den
Outer Head of the Order (OHO), zu wählen. Inner Head des Ordens ist Baphomet,
das Idol der Tempelritter.
Seit dem
Auftauchen Crowleys zwischen 1910 und 1912 gibt es jedoch mindestens ein
hauptsächliches Unterscheidungsmerkmal, unter das man die verschiedenen
OTO-Gruppierungen einordnen kann: die schwerpunktmässige Akzeptanz des
"Gesetzes von Thelema" in den Initiationsritualen. Initiation
versteht sich im Kontext mit dem OTO-Phänomen primär als Aufnahmezeremonie in
eine hierarchische Organisation und nicht als "weltanschauliches"
persönliches Erlebnis.[15] * Dieses ist in den meisten hier beschriebenen
Organisationen erst Ergebnis der Aufnahme [Ausnahmen: Typhonian OTO {6} und
Argenteum Astrum]. Pendant der Initiation ist die christlich orthodoxe
"apostolische Sukzession."
Die von Crowley
1917-19 verfassten Initiationsrituale sind, wie damals bei allen Landeslogen
üblich, nur für den eigenen Zuständigkeitsbereich angewendet worden.[16] * Im Falle Crowleys für seine 1912 von Reuss
bewilligte Loge für England und Irland. Andere OTO-Logen unter Reuss haben
eigene Rituale entworfen. Crowley hat einen XI° eingeführt, womit homosexuelle
Sexualmagie bezeichnet wird {19}. Dieser XI° wird von den meisten OTOs als
unabhängig von der übrigen OTO-Struktur angesehen {13} und kann nur von Trägern
des XI° übermittelt werden (so wie auch der IX° nur von einem IX° oder X°
"erteilt" werden kann, was sogar zu den "Pflichten" dieser
Grade gehört).
Ausserdem
existiert ein weiterer OTO-Entwurf Crowleys, der ein auf 12 Grade erweitertes
OTO-System wiederum mit dem Memphis-Misraïm-Ritus verbindet {2}.[17] *
Theodor Reuss hat
Crowley nicht als seinen Nachfolger im Amt des OTO-Oberhaupts (Outer Head of
the Order, OHO) angesehen, diesem sogar eindeutig untersagt, den OTO als
Vehikel für Thelema zu benutzen. Ungeachtet dessen beschreibt sich Crowley
schon zu Lebzeiten Reuss' am 27.11.1921 in seinem Tagebuch als OHO.
Die Mutmassungen,
welcher der OTOs "der originale" OTO sei, bestimmen massgeblich den
Charakter des OTO-Phänomens {13}.
1921 fassen
Heinrich Tränker und seine Frau Helene die
Idee ins Auge, die "Pansophie" zu gründen, was 1922 dann mit der
finanziellen Hilfe Karl Germers (1885-1962) in die Tat umgesetzt wird.
Reuss stirbt
1923, ohne Nachfolger zu ernennen. Höchstwahrscheinlich wäre diese Ehre dem
schweizerischen Kaufmann Hans Rudolf Hilfiker (1882-1955) zugekommen,
Grossmeister der 1917 von Reuss gegründeten schweizerischen Freimaurerloge
"Libertas et Fraternitas," der jedoch angesichts der miserablen Reputation
von Reuss und Crowley diese Würden für incommunicado hält {4}.
Da Crowley in
einem Brief an Tränker 1924 indirekt zugibt, nicht
von Reuss zum Nachfolger ernannt worden zu sein, müssten laut OTO-Statuten die
restlichen X° einstimmig den OHO wählen. Tränker {5}, C.S. Jones (1886-24.2.1950) in Kanada
(1. Agape Loge) {4}, C.W. Hansen (1872-1936) in Dänemark {4},
A. Krumm-Heller in Südamerika {12}, W.T.
Smith/Velle Omnia
Velle Nihil/132 (1885-1957) in Amerika (2. Agape Loge) {13}; der spanische
Nachfolger von Encausse/Papus (1865-1916) (oder
Charles Détré?, 1855-1918) {4, 15ff.}:
Jean-François Jean-Maine (1869-1960) {15ff.} und
wahrscheinlich H.R. Hilfiker in der Schweiz {4} wären für
diese Aufgabe prädestiniert.
Crowley besucht
Tränker, Germer
und deren beider Sekretär Eugen Grosche. Als Folge bricht 1926 aus
dem inneren Kreis der Pansophie die thelemitische "Fraternitas
Saturni" hervor {6}. Tränkers OTO (ein anderer Begriff
für die Pansophie?), der nur wenig Thelema propagiert, bleibt verkümmernd
zurück.
Bis 1947 sind die
Damen aus Reuss' Zeit vom Monte Verità (1916-1918) weltweit die einzig aktiven
OTO-Mitglieder {4}, sieht man von Crowleys Versuch ab, in Amerika seine einzige
OTO-Loge als Geldbörse und Verlag zu benutzen {13}. Der schweizerische Bäcker
und Ex-Kommunist Hermann Joseph Metzger (1919-1990) wird 1943 in Davos/Schweiz
durch Alice Sprengel (1871-1947) vom Monte Verità
initiiert. Von da bestimmt Metzger die Geschichte des OTO-Phänomens mit {9}.
Als Crowley 1947
stirbt, wird der in den US lebende deutsche Ex-Pansoph Karl Germer sein
Nachfolger {5}, der aber keine Initiationen mehr vornimmt, da jeder Reuss-OTO
mehr Autorität besitzt als ein Crowley-OTO und Metzger den Eindruck erweckt,
einen Reuss-OTO zu führen {5}.
Der OTO und die Fraternitas Saturni
Eugen Grosche, der Gründer der FS, hat sich
in den 30er Jahren mehrmals im Laufe seines Exils im Tessin bei der
Reuss-Gruppe um die späteren Initiatoren Metzgers aufgehalten {6}. Metzger
nimmt 1950 erstmals mit ihm Kontakt auf, und sogleich überlässt Grosche Metzger, der eine Menge
Europareisen unternimmt, alle Ordensvollmachten ausserhalb Deutschlands. Da er
ein Visum für die besetzten Gebiete besitzt, dient Metzger als Kurier für die
verschiedensten Organisationen. Er reist für den Illuminaten-Orden umher {11},
erledigt zwischendurch FS-Angelegenheiten und besucht die verschiedenen
Thelemiten Europas, z.B. Friedrich Mellinger (1890-1970) {6, 8}.
Mellinger, ehemals Theaterdirektor im
Deutschland der 1920er Jahre, Spiritist und Crowleys zeitweiliger Sekretär nach
dem Zweiten Weltkrieg, ist von Germer beauftragt, mögliche Kandidaten für
Crowleys OTO in Europa zu prüfen und zu initiieren {8}.
1951 vereinigt
sich der Reuss-OTO unter Metzger mit dem Crowley-OTO unter Germer mit der von
Germer und Mellinger unterzeichneten
Aufnahmeurkunde Metzgers, der Germer als Oberhaupt akzeptiert (obwohl jeder
Reuss-OTO Autorität über jeden Crowley-OTO besitzt). Von 1960 bis zu seinem
Tode 1970 wendet sich Mellinger der Theosophischen
Gesellschaft in Deutschland zu {8}.
Von Metzger bald
enttäuscht, hat Grosche schon in den frühen 50er
Jahren Kontakt mit dem ehemaligen Sekretär Crowleys, Kenneth Grant (geb. 1924), und dessen
Crowley-OTO-Loge in England geknüpft {6}. Grants Kontakt mit Grosche erzürnt Germer dermassen,
dass er Grant 1955 aus dem
freimaurerähnlichen Crowley-OTO verstösst, Grant jedoch unbekümmert nun im
"Typhonian OTO" eigener Prägung Titel und Grade ohne
Initiationsrituale verteilt und sich 8 Jahre nach Germers Tod (1962) als OHO
ansieht {13}. Seine Auslegung von Thelema wird von den anderen OTOs z.T.
abgelehnt.
Nach dem Tod
Grosches 1964
versucht Metzger vergeblich, die FS zu übernehmen {6}.
OTO und Illuminaten-Orden
Schon Reuss hat
zusammen mit Leopold Engel um die Jahrhundertwende den
von Adam Weishaupt (1748-1830) im 18.
Jahrhundert geführten IO erfolglos wiederzubeleben versucht. Trotzdem haben
verschiedene Engel-Illuminatengruppen der
Neugründung die Weltkriege überlebt und sind 1963 von Metzger übernommen worden.
Dieser sieht von da an den IO als Gerüst für seine Ordenskompilation (OTO, FRA)
und baut die Gnostisch Katholische Kirche gleich auch noch in die oberen Grade
seines IO ein {11}.
OTO und Gnostisch Katholische Kirchen
Die sich oft
spaltende Gnostische Kirche ist 1890 in Frankreich gegründet worden und hat
bald apostolische Sukzessionen (d.h. Weihungen per Handauflegen) aus der
Tradition der Wandernden Bischöfe (Freikirchen) aufgenommen {15}. Reuss und
Crowley haben versucht, in ihre OTOs kirchliche Unterabteilungen als Gnostische
Kirche einzubauen, aber keine genauen Anweisungen dazu gegeben.
Innerhalb der
OTO-Tradition gibt es keine genuine apostolische Sukzession, da die
Selbstverleihung des Priester- und Bischofamtes schon innerhalb der französischen
Gnostischen Kirche gang und gäbe gewesen ist. Obwohl, historisch gesehen, das
religiöse Amt des Patriarchen nichts mit dem freimaurerischen Amt des OHO zu
tun hat und völlig ausserhalb der OTO-Ränge steht, hat Crowley sein von ihm
annektiertes Amt des OHO (Oberhaupt des OTO) dazu benutzt, 1944 den englischen
Theosophen W.B. Crow (1895-1976) per Post zum
Patriarchen der GKK zu ernennen.
Via Krumm-Heller ist auf Metzger eine
französische gnostische Linie gekommen.
Der in
Kalifornien lebende Grady L. McMurtry (1918-1985) erhält 1946 von
dem in England lebenden Crowley ein paar wenige Briefe, in denen er als
"Caliph" tituliert wird {13}. Es ist möglich, dass Crowley die alte
postalische Abkürzung "Calif" für einen dortigen Einwohner verwendet
hat. 20 Jahre nach Crowleys Tod setzt nun McMurtry "Caliph" mit OHO
und Patriarch gleich, obwohl in keiner Konstitution aus Reuss' oder Crowleys
Hand von diesem Begriff Gebrauch gemacht wird.
Der OTO und die Fraternitas Rosicruciana Antiqua
Arnold
Krumm-Heller, mit einer Reuss-Charta von
1908, gründet 1927 seine FRA, die vor allem in Südamerika, aber auch in
Spanien, Deutschland und Österreich tätig ist {12}. Infolge eines Treffens mit
Crowley und Germer in Deutschland weisen die Rituale ab 1930 thelemitischen
Charakter auf. Das Gesetz des Neuen Aeons wird in der FRA jedoch nicht so
dogmatisch vertreten wie in anderen thelemitischen Gruppierungen. Krumm-Heller erhält 1939 eine französische
apostolische Sukzession.
Nach dem Tod
ihres Gründers 1949 zerfällt die FRA vor allem in den lateinamerikanischen
Ländern in unzählige Zweige, die nun Metzger 1963 vergeblich via seiner
Kontaktperson in Venezuela unter seine Jurisdiktion zu stellen versucht.
Heute sind viele
FRA-Zweige entweder mit Metzgers OTO, dem "Caliphat" {13} oder mit
dem Ordo Templi Orientis Antiqua [sic] (OTOA) {17ff.} verbunden.
Die verschiedenen OTOs ab
1962
Pansophie
Diese von
OTO-Grossmeister (X°) Heinrich Tränker und seiner Frau um 1921 gegründete
Gruppe folgt rosenkreuzerischen Traditionen. Arnold Krumm-Heller benützt wie Theodor Reuss das
Siegel und die Bezeichnung "Frat. Herm. Lucis Societas Pansophia,"
was vermuten lässt, dass die beiden gute Kontakte mit Tränker gepflegt haben {5, 13}.
Tränker und der OTO-Grossmeister für
Amerika, C.(R.J.)S. Jones (beide mit Reuss-Chartas),
sind die einzigen beiden, die 1925 Crowleys Anspruch auf das OHO-Amt des OTO
nach Reuss' Tod 1923 unterstützen {5}. Der OHO muss, wenn nicht von seinem
Vorgänger ernannt, einstimmig von allen X° gewählt werden. Tränker widerruft nach wenigen
Wochen, Jones wird von Crowley 1934 aus
dessen OTO verstossen.
Die
Pansophie-Rituale enthalten sehr wenig thelemitisches Gedankengut, im Kern
dreht es sich jedoch wie bei Thelema und dem OTO um Sexualmagie.
Die Pansophie hat
nie aus mehr als einer Handvoll Mitgliedern bestanden und trotz eines
amerikanischen Zweiges und Beziehungen zu einem österreichischen Nachfolger der
FRA nach dem Tode Tränkers 1956 zu existieren
aufgehört {5}.
Fraternitas Saturni
In dieser
deutschen Bruderschaft des Saturn ist man der Ansicht, der magische Einfluss
des Neuen Aeons verlange, dass die Lehren Crowleys permanent den neuesten
Erkenntnissen (von Magie und Wissenschaft?) angepasst werden müssten. Folge
ist, dass die Saturn-Rituale eine seltsame Mischung aus mittelalterlicher
Magie, Astrologie und sehr wenig Thelema sind. Mehrere Spaltungen unter schnell
sich folgenden neuen Grossmeistern lähmen die FS nach Grosches Tod 1964. Ab 1978 fühlt sich
die Splittergruppe "Ordo Saturni" wieder vermehrt Thelema und dem
Ordensgeheimnis (den Logendämon Baphomet fleischlich zu inkarnieren)
verpflichtet {6}. Viele Mitglieder des "Caliphats" treten dem OS bei.
Metzgers OTO
Seit den 50er
Jahren wird bis heute in Stein (Kanton Appenzell) mit Einweihungsritualen
gearbeitet, die Ähnlichkeiten mit Einweihungsritualen von Rudolf Steiner (1861-1925) und
Memphis-Misraïm-Ritualen aufweisen {2, 4}. Nach dem Tod Germers 1962, also mit
dem Verschwinden der Kontrollinstanz, vermischt Metzger seinen OTO, den er als
von Reuss und Germer geerbt betrachtet, mit dem Illuminaten-Orden {11}.
Metzgers Initiationsrituale weisen keinen Bezug zum OTO auf, den er von nun an
als Gradstufe des IO bezeichnet.
Soweit bislang
bekannt geworden ist, werden in der Schweiz keine Rituale ausser Crowleys
sonntäglicher Gnostischer Messe zelebriert. Metzger hat Thelema nur propagiert,
um sich lieb Kind bei Germer zu machen. Dieser hat ihn dafür schriftlich als
seinen einzigen Nachfolger in Betracht gezogen, was seine Witwe bestätigt.
Obwohl Metzger 1990 stirbt und die Auswahlkriterien für Mitglieder streng sind
(im Gegensatz zum "Caliphat"), floriert der Schweizer OTO {9}. Der
zur Schweizer "Abtei Thelema" (so der Oberbegriff der Ordenskompilation)
gehörende Gasthof "Rose" kann allein von den Mitgliederbeiträgen
unterhalten werden.
Nach Germers Tod
1962 versuchen hauptsächlich vier Leute alleiniger Führer von Crowleys OTO zu
werden. Gemäss Testament Germers haben seine Witwe und Friedrich Mellinger darüber zu bestimmen {8}.
Der aus der FRA
kommende Brasilianer Marcelo Ramos Motta (1931-1987) {12, 13, 14}
wird als erster von der Witwe Sascha Germer (gest. 1975) bevorzugt, doch kommt
Frau Germer bald zum Entschluss, Metzger sei eigentlich der Favorit ihres
Mannes gewesen. So ruft sich Metzger 1963 zum Oberhaupt des OTO aus, was auch
von einigen Crowley-OTO-Mitgliedern in Amerika akzeptiert wird.
Erst 1969 rafft
sich McMurtry auf, die Spitze des
Crowley-OTO in den USA zu erklimmen, was vor allem Motta empört, der sich übergangen
fühlt {13}.
Grant, der, ebenfalls wie Metzger,
Motta oder
McMurtry, auf eine Textstelle eines
verflossenen OTO-Oberhauptes hinweisen kann, in dem ihm mit möglichen höchsten
Ämtern gewinkt wird, schwingt sich 1970 zu einem weiteren konkurrierenden OHO
auf {13}.
1969 kommt es
innerhalb Metzgers Gruppe zu einer Spaltung, so dass trotz gerichtlichem
Gerangel um das Recht der Namensführung seither ein zusätzlicher unabhängiger
OTO (d.h. mit eigenem Oberhaupt) in Deutschland existiert {11}.
Mottas Society OTO in Brasilien
und den US
Motta hat zu Lebzeiten seine
Mitglieder eher nach AA-Kriterien ausgewählt (d.h. streng auserlesene Anhänger
lernen Crowleys Bücher auswendig), als nach dem Satz "the law is for
all" (laut Crowley-OTO-Statuten hat jeder das Recht auf die ersten drei
OTO-Grade). So hat auch sein SOTO nie mehr als eine Handvoll Mitglieder
aufgewiesen. Als 1973 Crowleys OTO-Initiationsrituale publiziert werden,
kreiert Motta seine eigenen Rituale, da er
an die Gefahr einer Profanierung glaubt; im Gegensatz zum "Caliphat,"
das erstmals in den Besitz der Rituale gelangt und nun wahllos jeden als
Mitglied aufnimmt.
Motta stirbt 1987, was einen Streit
um seine Nachfolgeschaft auslöst.
"Caliphat"
Auf ein paar
Briefe Crowleys zurückgehend, hat McMurtry 1977 die kalifornische 2.
Agape Loge[18] * von 1935 nach 20 Jahren der Stillegung neugegründet
und als 3. Agape Loge zur Grossloge (d.h. mit zumindest nationalem, wenn nicht
sogar internationalem Autoritätsanspruch) aufgeblasen {13}. Zwar von Crowley
eine Zeitlang favorisiert (dieser hat nach McMurtry noch Mellinger als seinen Nachfolger
ausersehen), jedoch von Germer und anderen Mitgliedern der 2. Agape Loge in
Ungnade gestossen, hat McMurtry Motta, Grant und auch Metzger aus dem Feld
geräumt. Ersterer hat sich vor Gericht lächerlich gemacht - letztere sind vor
Gericht von McMurtry gar nicht als mögliche
OHO-Anwärter genannt worden. So hat das kalifornische Gericht des 9. Bezirkes
völlig ungeachtet der Historie dem "Caliphat" die Copyrights an
OTO-Material (d.h. Crowleys Büchern, die nicht zu seinen Lebzeiten von ihm
copyrightet worden sind) innerhalb des 9th Circuit Court of Appeals zuerkannt.
In England ist, obwohl Crowley 1947 völlig bankrott/verschuldet gestorben ist,
das Copyright an John Symonds (dem literarischen
Nachlassverwalter Crowleys) gegangen.
McMurtry stirbt 1985. Sein Nachfolger
wird der Franco-Kanadier William Breeze, der ursprünglich den Lehren
von K. Grant und M.P. Bertiaux (geb. 1935) gefolgt ist.
Typhonian OTO
Der zeitweilige
Sekretär Crowleys, Kenneth Grant, wirft in seiner englischen
Crowley-OTO-Loge Anfang der 50er Jahre die Freimaurerstruktur über Bord, d.h.
die Gradbezeichnungen werden nicht mehr durch ein Initiationsritual übertragen,
sondern weisen auf die Art der magischen Technik hin, die der Betreffende
praktiziert und die von Grant sanktioniert werden. Germer
verstösst Grant 1955 aus dem Crowley-OTO,
was dieser jedoch nicht akzeptiert. Metzger löst den Kontakt mit Grant ebenfalls auf {6, 14}.
Grants Lehren lehnen sich sehr an
Jones'
Proklamation des Maat-Aeons an (was bei Jones den Zorn Crowleys erregt
hat, der selber das Horus-Aeon propagiert), an Grosches Saturn/Set-Lehren und die
Erkenntnisse Michael P. Bertiaux' über den kabbalistischen
Lebensbaum, die Sexualmagie und Voodoo.
Ordo Templi Orientis Antiqua
Als Gründung von
1921 durch J.-H. Jean-Maine, angeblich auf einer
Reuss-Papus-Charta basierend, haben sich um den 16-gradigen OTOA im Laufe der
Zeit verschiedene gnostische Bischofssukzessionen, eine Memphis-Misraïm-und
eine XI°-Sukzessionslinie angesammelt, die alle von seinem jetzigen Führer, dem
ehemaligen Theosophen Michael Paul Bertiaux geleitet werden {15ff.}. Das
von Voodoo geprägte System basiert ausschliesslich auf magischen und nicht auf
maurerischen Praktiken.
Praktiken
und Geheimnisse des OTO
Viele
Protagonisten/Eingeweihte "wissen" selber nicht, worum sich das
Zentralthema in den Hochgraden des OTO dreht. Aus diesem Grund folgt hier eine
Kurzbeschreibung des "Steins der Weisen."[19] *
Die Gruppe unter Carl Kellner
Während
die Theosophin H.P. Blavatsky vor "unsauberen"
Yoga-Praktiken warnte, die ausserdem von den "Meistern" missbilligt
würden, lehrte Kellner Hatha Yoga, das sexuelle
Übungen beinhaltete. Er spezialisierte sich auf Yoga-Meditationen, die auf
eine Kontaktaufnahme mit früheren Inkarnationen abzielten (Patanjalis
"Yoga Sutra"). Die später von Reuss eingeführte freimaurerähnliche
Struktur hatte für Kellner keine Bedeutung, der mit
seinem Kreis von Auserwählten ohne hierarchische Struktur arbeitete, d.h. die
Yoga-Kenntnisse vermittelte. Reuss veränderte Kellners Yogalehren bezgl. der
indischen Quellen: so meinte Reuss, Sri Agamya Guru Paramahamsa habe Kellner negativ beeinflusst. Kellners Symbolik war
theosophisch-indisch-chaldäisch - Reuss' Symbolismus war aufgrund seines
Memphis-Misraïm-Ritus ägyptisch. Kellners Baphomet war nicht der des
Eliphas Lévi, sondern konnotierte Kellner selbst als babylonischen
Priester und symbolisierte die Herrschaft des Geistes (Willens) über die Natur
(männlich-weibliche Vereinigung). Seine Frau wurde die Grosse Göttin, er selber
handelte als altbabylonischer Feuerpriester. In seiner Villa befand sich 1903
ein fensterloser Kellerraum, wo die tantrischen Riten zur Herstellung des
Elixiers (d.h. weibliche und männliche Sexualsekrete) zelebriert wurden.
Der OTO unter Theodor Reuss
Der
OTO bekam sieben freimaurerähnliche Grade, die die sieben (indischen) Chakras
öffneten, während die sexualmagischen höheren Grade ohne Ritual
"erteilt" wurden. Der höchste, X°, bezeichnete allein den
Landesführer des OTO.
Die
aufgetauchten Reuss-Papiere zeigen, dass er die Yoga-Übungen Kellners fortführte, aber den
Manichäismus einbrachte. Die Sexualorgane wurden heilig und die Heilige
(Gnostische) Messe symbolisierte mit einem Koitus die Wiedererschaffung des
Universums. Die Sexualenergien konnten gespeichert werden, und mit Atemübungen
wurde diese Energie dermassen umgewandelt, dass der "Magier" ein
"Seher" wurde. Da Reuss von der Geheimorganisation "Hermetic
Brotherhood of Light" als einer seiner Quellen sprach, kann man annehmen,
dass er deren Techniken (P.B. Randolph), Drogen während des
Geschlechtsaktes zur Erleuchtung zu nehmen, übernahm. Randolph beschrieb ausserdem
Techniken, wie sich während des Orgasmus das gewünschte Objekt (z.B. ein
Talisman, der einen Wunsch symbolisiert) den sexuellen Energien unterwirft.[20] *
Reuss
hielt nicht viel von Masturbation (dem VIII° unter Crowley) und nannte sie
"Selbstpeinigung" und "widernatürlich."[21] * Trotzdem sah er im männlichen Glied (Lingam) den
Erschaffer des Universums.
Es
tauchen Hinweise auf, dass Reuss sich homoerotisch betätigte (dem XI° unter
Crowley), das Zentralthema bei Reuss kristallisierte sich jedoch aus Wagners "Parsifal" heraus.
Der Speer wurde zum Phallus, während der Gral die Vagina darstellte, die die
"Grals-Speise" (d.h. Sperma und Vaginalsekrete) enthielt. Der
geheimste Tempel (im IX°) ist jedoch der Uterus.
Sein
OTO-System sollte als utopische kommunistische Gesellschaft realisiert werden,
wo die Mutter (mit Anlehnung an Mutter Maria) eine Zentralstellung im
gesellschaftlichen wie auch sexuellen Leben einnehmen sollte: in der
"Gemeinschaft der Neo-Christen OTO."
Der OTO unter Aleister Crowley
Crowley
machte aus dem OTO ein Geschäft. Er wollte das Elixier des Lebens (unter dem
Namen "Amrita", die Magische Medizin) gewerbsmässig herstellen und
Patienten gemäss OTO-Praktiken heilen,[22] * d.h. mit Yoga und Sexualsekreten. Um seinen
Anhängern die Sache schmackhaft zu machen, behauptete er, dass jeder Orgasmus
ein Gebet sei, ein Gebet zu seinem Gott, der er selber war. Er stellte sich
alias Baphomet nicht nur in den Mittelpunkt der Rituale, die seine Anhänger
zelebrierten, er identifizierte sich mit einem erigierten Glied, das ja
Mittelpunkt des OTO-Glaubens ist.
Im
VIII° masturbieren die Gläubigen auf Talismane (die Dämonen oder Wünsche
symbolisieren) oder meditieren mit dem Bild eines Goldenen Phallus, um in Kontakt
mit ihrem Heiligen Schutzengel/Überich zu gelangen. Im IX°-Akt werden die
Sexualsekrete aus der Vagina gesaugt und, wenn nicht als heilig konsumiert, auf
einen Talisman gebracht, der wieder einem Dämon gebietet oder einen Wunsch
darstellt. Der Text, der eine diesbezügliche Technik beschreibt (Emblems and
Mode of Use) wird dermassen geheimgehalten, dass allein dessen Besitz die Inhabe
des IX° anzeigt! Im XI°, dem homosexuellen Grad, identifiziert sich das
"Mitglied" mit einem ejakulierenden Glied. Blut (oder Kot), das beim
Analverkehr oder durch rituelle Opferung entsteht, soll den Dämon anziehen,
Sperma ihn "am Leben" erhalten. Der geheimste Tempel im XI° ist die
Prostata, die 256 magische Säfte absondert.
Crowley
spielte mit verschiedenen sexuellen Techniken und Zielen. Ein Geheimnis des
OTO ist die Anbetung des alten Templeridols "Baphomet." Während die
Splittergruppe Fraternitas Saturni versucht, diesen Baphomet fleischlich als
Kind zu inkarnieren, gibt es in den OTO-Gruppen kein magisches Ziel, das dem
Orden als solchem Identität gibt. Crowley übernahm von Paracelsus nur Anweisungen
zur Herstellung eines Homunkulus, der aber nicht den Orden als solchen
darstellte.
Für
die Hostie zur Gnostischen Messe gab Crowley ein Rezept aus Blut und Sperma.
Das "Caliphat" erteilt den Rat, diese Hostie mit 160° Fahrenheit im
Ofen zu backen, um den HI-Virus abzutöten.
Fraternitas Rosicruciana Antiqua
Die
FRA bildet ein Dreieck mit OTO und GKK. Die ersten drei Grade werden freimaurerähnlich
per Initiationsritual erteilt, es folgen 4 "spirituelle" Grade, die
mit den sexmagischen des OTO abgeschlossen werden. In Krumm-Hellers Gnostischem
Credo der Heiligen Messe {15} sind FRA und GKK eins, die Initiationsrituale
stellen Baphomet in den Mittelpunkt.
Die
Lehren drehen sich weniger um Sexualmagie als um Astrologie, die Runen oder
Maya-Götter. Frauen stehen hierarchisch niedriger als Männer (ausser in der
Gruppe in Venezuela), obwohl die Gebärmutter mit der Prostata gleichgesetzt
ist, die beide Sperma (also den Logos) aufnehmen (der in den Hoden produziert
wird).
Fraternitas Saturni
Diese
m.E. einzig "magisch ernstzunehmende Organisation" bedient sich eines
Gruppengeistes, Gotos/Baphomet, der, mit den sexuellen Energien der Mitglieder
aufgepumpt, 1993 fleischlich inkarniert, als Avatar des Neuen Aeons die Menschheit
unter die friedfertige Äguide des Planeten Jupiter führen soll.
2. Notes Historiques sur le Rite Ancien et Primitif de Memphis-Misraïm
Joanny Bricaud 1.2.1881-21.2.1934)
Der hier
vorgestellte Text von 1933 kann nur einen ganz kleinen geschichtlichen Abriss
des angeblich auch im 18. Jahrhundert von Cagliostro (1743-1795) beeinflussten,[23] * ursprünglich französischen und noch nicht
zusammengeführten "Ritus von Memphis" und des "Ritus von
Misraïm" anbieten. Bricauds Artikel ist insofern
gekürzt, als er hier erst ab dem Zeitpunkt, wo der Memphis-Ritus 1856 in den US
Fuss fasst, zitiert wird. Die marginalen Daten von 1863-68, 1873-1900 sind
weggelassen.[24] *
1881 schliesst
sich der 90-gradige Misraïm-Ritus dem 97-gradigen Memphis-Ritus an.
Die reguläre
Freimaurerei lehnt den MM (sowie alle OTO-Gruppen) im allgemeinen als
Winkelfreimaurerei ab. Ebenso ergeht es dem im Text erwähnten Cerneau-Ritus.
Die verwirrliche Geschichte der unzähligen Riten und ihrer Beziehungen
untereinander ist ein dauernder Streit um Legitimität und zuweilen finanzielle
Interessen.
Einige, das
OTO-Phänomen betreffende, von Joanny Bricaud (ab 1918 Führer des MM,
eines Zweiges des französischen OTO und der Gnostischen Kirche) nicht aufgezählte
Daten sind in [eckigen Klammern] eingefügt. Manche der Protagonisten treten im
Zusammenhang mit den Gnostischen Kirchen in späteren Kapiteln auf.
Weitere Literatur:
Aleister Crowley: "Equinox" I;10, 1919,
xix-xxxix
Theodor Reuss' Oriflamme-Hefte
"Wiener Freimaurer-Zeitung" 5, Mai 1929, 12
K.H.F. Frick: "Licht und
Finsternis" II, Graz 1978
Ellic Howe: "Fringe Masonry in
England 1870-1985," London 1972, AQC 242-275
G. Ventura: "I Riti Massonici di Misraïm e
Memphis," Venedig 1975
Gérard Galtier: "Maçonnerie Egyptienne,"
Ed. du Rocher, 1989
Serge Caillet:
"Franc-Maçonnerie," Paris 1988
Pierre P. Pasleau: "Des Templiers aux
Francs-Maçons," Paris 1988
oOo
1856.- [Memphis]-Grosshierophant
Marconis begibt sich [von
Frankreich aus] in die USA, wo er am 9. November in New York einen
Souveränen Grossrat des 94° mit David Mac Lellan als Grossmeister gründet.
1861.- Harry
Seymour löst Mac Lellan als
Grossmeister des "Souverain Conseil Général" für die USA ab.
1862. Am 30.
April richtet der Grossmeister des französischen Grossorients, Marschall
Maignan, ein Schreiben an alle Obödienzen im Hinblick auf eine französische
Einheit der Maurerei. Aufgrund eines positiven Berichts von Razy, Mitglied
einer Prüfungskommission, vereinigt sich der Memphis-Ritus mit dem Grossorient.
Die Logen des Ritus von Memphis konstituieren sich unter Kontrolle des
Grossorients.
Im Juli stellt
der Grosshierophant
[Marconis in Paris] dem Bruder
Seymour eine [96°]Charta für Amerika
aus. Dieses Papier ist am 3. September vom französischen Grossorient
ausgestellt und unter der Nummer 28.911 im Grossen Siegelbuch eingetragen.
[Der 21. Juli 1862 wird von Reuss und Metzger als Gründungsdatum des OTO
angegeben. Auf Grund dieses Patentes glaubt die Symbolische Grossloge des
Schottischen Ritus in Deutschland (AASR: Alter und Angenommener Schottischer
Ritus, regulär mit 33 Graden), d.h. Reuss, das Recht für die drei ersten Grade
des Schottischen Cerneau-Ritus zu haben. Harry J. Seymour wird später vom
amerikanischen Supreme Council, einer Art Obermaurergericht, wegen Treuebruch
ausgestossen.]
Um die
Übereinstimmung mit den anderen Graden des Grossorients zu erleichtern, werden
die [aktiven]
95 Memphis-Grade [in Frankreich] vorübergehend auf 33 reduziert.
1869. Amerikas
SS [Supreme
Sanctuary] bricht mit dem französischen Grossorient, da dieser in Louisiana
ohne Einwilligung des SS Logenchartas verteilt hat, was Grossmeister Seymour am 20. März dem französischen
Grossorient verkündet.
Nach dem Tod
des Grosshierophanten [Marconis, 1868] geht das "Gouvernement
Suprême" des Ritus nach Ägypten, an den Marquis de Beauregard als Chef.
[Das
"Supreme Council" 33° des AASR verstösst John Yarker (1833-20.3.1913) am
30.11.1870. Dieser holt sich dafür am 24. August 1871 die Befugnis, die Grade
4-33 des irregulären und reduzierten Memphis-Ritus zu erteilen.]
1872.- Am 4.
Juni stellt das amerikanische [irreguläre] SS [in Manchester] John
Yarker ein Patent aus, das diesem
erlaubt, in England und Irland ein SS zu errichten [von den Graden 1-3 ist
erneut nicht die Rede, siehe 24.August 1871]. Am 8. Oktober wird dieses SS
definitiv in Londons "Freemason's Hall" (dem Sitz der englischen
Grossloge) von Seymour konstituiert.
Generalgrossmeister wird John Yarker. Das neue Sanktuarium
ernennt General Garibaldi zum Ehrenmitglied, gleichzeitig werden
freundschaftliche Beziehungen mit Sizilien und Ägypten aufgenommen.
[1891
mitbegründet Encausse in Frankreich den
Martinismus.][25] *
[Theodor Reuss
erhält am 24. Juni 1901 von Encausse/Papus eine Martinistencharta.
Encausse selber erhält in diesem Jahr
von Yarker ein Patent, die Swedenborg-Loge
INRI zu eröffnen. Diese Charta wird am 20.3.1906 erneuert.[26] * Am 15. Juni wird Reuss in der Loge Emanuel N:1 in
London "FreimaurerMeister" und A.M.5663 33° durch Max Scheuer (New York, 33°, 90°, 96°, von
1900-1904 Grosskommandeur des Cerneau-Ritus). Encausse gehört zur englischen
Souveränen Grossloge, ebenso wie der Leichenbeschauer William Wynn Westcott (1848-1925) und W.H.
Quilliams (33°, 95°). Reuss jedoch noch nicht.[27] * {Der Wortlaut der darauf folgenden Reuss-Chartas
findet sich als 3. Kapitel}.]
1902.- Der
selbständig[e] [gebliebene]
Misraïm-Ritus in Frankreich verschwindet.
John Yarker wird Grosshierophant, Oddis
Nachfolger [als
universeller Grosshierophant].
[Die Null-Nummer
der Oriflamme vom Januar 1902 erwähnt noch keinen Theodor Reuss in der
englischen und irischen Grossloge, dafür die Gründung der deutschen "Loge
und Tempel No 15: Zum heiligen Gral"/Swedenborg-Ritus unter John Yarker. Deutsche Freimaurer, die
dieser Loge beizutreten wünschen, sollen sich bei Max Rahn, August Weinholtz, Franz Held oder Leopold Engel melden.]
Das englische
SS konstituiert ein deutsches SS und wählt Theodor Reuss zum Grossmeister [Datum: 24.September 1902. Am
27.12.1903 wird Carl Kellner zum 33°, 90° und 96° von
England und Deutschland ernannt, 1904 wird er Freundschaftsrepräsentant des MM
für Amerika. Die Nachfahren von Kellner sind nicht im Besitze eines
Dokumentes, das ihn eindeutig als regulären Freimaurer im Sinne der Grossloge
von London ausweist.[28] * Reuss' Verbindung zur Theosophischen Gesellschaft
beschreibt Ellic Howe (20.9.1910-28.9.1991) in
"Theosophical History."][29] *
1905.- Der
Grossmeister von Italien tritt zurück und der Ritus in Italien schläft ein. [Carl Kellner stirbt am 8.Juni 1905 an
einem Herzschlag und hinterlässt seine Witwe Maria Antoinette aus Triest und 3
Kinder.]
[Am 24.11.1905
werden Rudolf Steiner (1861-1925) und Marie von
Sivers
(1867-1948) MM-Mitglieder und erhalten am 3.1.1906 von Reuss eine 30°, 67°,
89°-Charta {4}. Am 21. Juni 1906 veröffentlicht Reuss die "Allgemeinen
Satzungen des... O.T.O." mit dem OTO-Lamen, von dem Crowley später
behauptet,[30] * es sei seine eigene Erfindung gewesen.[31] * Das Lamen findet sich jedoch schon 1890 in Joseph
Peladans Wappen des "Ordre de la Rose-Croix du Temple et du Graal."[32] * Am 24. Juni trennt Reuss Memphis wieder von Misraïm
und macht auch den 33° wieder unabhängig von den beiden {3}. 1907 tritt der OTO
als "Bund für Internationale Versöhnung" auf.]
1908.- In der
Folge des Spiritistenkongresses in Paris im Tempel des Droit Humain [gegr. 1893] wird der
Memphis-Misraïm-Ritus in Frankreich neu konstituiert. England stellt am 24.
Juni in Berlin das konstituierende Patent aus: unterschrieben von Theodor Reuss
(Peregrinos), der in Paris dabeigewesen ist. Grossmeister für Frankreich werden
[am 24. Juni][33] * Gérard Encausse (Papus) [33°, 90°, 96°][34] * und Charles Détré (Téder) [33°, 97°, X°].[35] * [ Eitler Jubel herrschte im Lager der
Martinisten.][36] * Die ehemals dem Spanischen Ritus
angeschlossene Loge "Humanidad" wird Mutterloge des
Memphis-Misraïm-Ritus in Frankreich. [Krumm-Heller erhält am 15.3. von Reuss
eine Mexiko-Charta und am 7.4.1908 von Détré ausserdem die Bewilligung
für ein SS für Chile, Peru und Bolivien = 33°, 90°, 96°. Der später für die
Schweiz wichtige mutmassliche Nachfolger Reuss', Hilfiker, wird unter dem Ordensnamen Nothung
{4} schon im Dezember 1909 in der Oriflamme auf der Frontseite als inaktiver
General Gross-Beamter erwähnt. Reuss ruft in derselben Oriflamme zu einem
Internationalen Kongress für Experimentalpsychologie auf, der 1910 in Paris
gehalten werden soll.]
[Yarker ist mit Reuss' und Encausses Aktivitäten in Frankreich
nicht einverstanden und ernennt am 9.9.1909 George Lagrèze an dessen Stelle.][37] *
1910.- Eduardo
Frosini, Generaldelegierter Italiens
für den Spanischen Ritus, gründet in Florenz den "Rite Philosophique
Italien," der sieben Grade aufweist und die Schottischen, die Memphis- und
die Misraïm-Grade vereint. [Am 21. November 1910 wird Aleister Crowley durch John Yarker zum 33° des AASR ernannt,
obwohl Yarker seit 1869 nicht mehr in der
Gunst des AASR steht.]
1911.- Der
rumänische Grossmeister Constantin Moriou legt aus Altersgründen (77 Jahre)
sein Amt nieder. I.-T. Ulic wird sein Nachfolger. [Im November 1911 wird
erstmals der OTO in der französischen Zeitschrift "Initiation"
erwähnt. Bricauds Gnostische Kirche und
Encausses Martinismus gehen eine
Union ein.]
[Am 21. April
1912 wird Crowley durch Reuss in den 33°, 90°, 95° und X° für England und
Irland erhoben. Am selben Tag ernennt Reuss den 1910 von Encausse ernannten Czeslaw Czynski/Punar
Bhava zum X° für die slawischen Länder.[38] * Czynski wird laut der französischen Zeitschrift
"Mysteria" (u.a. Organ des OTO)[39] * Legat der Église Gnostique Universelle en Russie. Er
stirbt 1937.[40] * Am 25.10.1912 werden Frosini und Détré "légats gnostique de
l'Eglise Gnostique Universelle."[41] *
Der "Erste
General-Gross-Administrator" und "Ehren-Grossmeister" von MM und
OTO, Franz Hartmann/Emanuel, geboren am
22.11.1838, stirbt am 7.8.1912. Die Jubiläums-Ausgabe der Oriflamme mit vielen
Fotos der Protagonisten und einer Geschichtslektion über die Entstehung des
OTO, inklusive eines Beitrages der Mysteria Mystica Maxima (des englischen
Zweiges unter Crowley) über die Sexual-Magie erscheint kurz danach.]
1913.- Am 20.
März stirbt der Grosshierophant John Yarker. Sein Nachfolger wird Theodor
Reuss.[42] *
Nach dem Tod
des Grossmeisters des "Rite national Espagnol," Villarino del Villar,
fusioniert dieser Ritus mit der katalanischen Grossloge Baléare. [Italien: nach dem Tode von
Michele de Vincenzo Majulli (33°, 90°, 95°, VII°)[43] * im Sommer 1912, wird im Februar 1913 Eduardo Frosini/Hermes 33°, 90°, 96° und VII°[44] * (schon 1909 von Yarker beehrt).[45] * In Italien ausserdem: Arturo Reghini/Maximus (12.11.1878-1.7.1946)
33°, VI° und G. di San Fortunato 33°, 90°, 95° und VII° {4}.[46] * Frosini und Reghini tauchen in Crowleys
"Golden Book,"[47] * das nur Eintragungen zwischen 1912-1917 enthält,
auf. Encausse macht Czeslaw Czynski zum
33°, 90°, 96°, VII° und "Legat der Eglise Gnostique Universelle" für
Russland.[48] * Am 20.10.1913 wird Crowley Ehrenmitglied des "Rite
Philosophique Italien." Reghini, der nicht viel vom Martinismus
hält, wird VII°.[49] * Angeblich soll der Madrider Kardinal Mariano
Rampolla di Tindaro (1843-1913), der beinahe Nachfolger des Papstes Léon XIII
geworden wäre, Mitglied des OTO sein].[50] *
1914.- Der [1910 gegründete]
"Rite Philosophique Italien" wird durch Frosini stillgelegt. [Reuss' Oriflamme bringt
einen geschichtlichen Abriss über Leopold Engels Illuminaten-Orden und
Crowleys Manifesto der Mysteria Mystica Maxima, das 1919 als "Liber
LII" nur geringfügig verändert von Crowley als weltweit gültige
OTO-Statuten vorgelegt wird. Ebenfalls 1914 wirft Reuss in "Parsifal und
das Enthüllte Grals-Geheimnis" nochmals das Thema des
"Geschlechtsaktes" auf und stellt den "Grundriss des neuen
O.T.O.-Tempels" und dessen "Bausteine" vor.][51] *
1916.- Der
französische Grossmeister [pro Land ein Grossmeister] Gérard Encausse stirbt am 25. Oktober an den
Folgen einer Kriegskrankheit [Tuberkulose]. Charles Détré wird sein Nachfolger als
Grossmeister.
[1917 erscheint
die Beschreibung und Konstitution des OTO "Otherwise: The Hermetic
Brotherhood of Light"[52] * {11, 17} und die "Message From Master
Thirion" [sic], Postadresse: Lugano.]
1918.- Am 25.
September stirbt Grossmeister Charles Détré. Während des Krieges ist der
Ritus in England, Frankreich, Deutschland, Rumänien und Ägypten eingestellt. [Angebliche Reuss-Charta vom
10.11.1918 für die Damen Ida Hoffmann und Clara Linke: 33°, 97° und X° {4}.]
1919.- Eine
Gruppe Maurer, dem "Rite Français" (Grossorient), dem Schottischen
Ritus (Grossloge und Suprême Conseil) und gleichzeitig den Hochgraden des Memphis-Misraïm-Ritus
angehörend, möchte, ihrer Obödienz treu bleibend, den Memphis-Misraïm-Ritus in
Frankreich wiederbeleben, um eine rein initiatorische Freimaurerei zu
bearbeiten. In Lyon wird in Übereinstimmung mit der 1908er [Reuss]Charta die
Mutterloge "Humanidad" wiederbelebt. So wird am 10. September Bruder
Joanny Bricaud [durch Reuss] eine Charta
zur Errichtung des französischen Souveränen Sanktuariums des MM erteilt [33°,
90°, 96°] und am 30. September gleichermassen die französische Gründung
eines "Suprême Grand Conseil des Rites Confédérés (Early Grand Scottisch
Rite, Memphis and Misraïm, Royal Order of Scotland, etc...)" angeregt.
[Im Mai 1919 wird
Hilfiker durch Reuss zum 33°, 95°
VII° für die Schweiz. B.Thomson bestätigt den 33° am 29.8.1919. Joanny Bricaud erweitert diese Würden am
12. Mai 1920 um den 90°. In Zürich beruft Reuss Mitte Juli 1920 einen
Weltkongress der Freimaurerei ein, und veröffentlicht das "Aufbauprogramm
der Gnostischen Neo-Christen OTO," womit wohl Reuss' Versuche um
freimaurerische Anerkennung seines OTO und des MM endgültig scheitern {4}.]
1921.- In
Italien erwacht der MM mit Hilfe einer ägyptischen Charta zum Leben:
Grossmeister in Palermo ist G. Macbean. [Im Juli wird Harvey Spencer Lewis (1883-1936) 33°, 90°, 95° und
Ehrenmitglied des OTO. Am 31.7. erhält Carl William Hansen/Kadosh von Joanny Bricaud den 30° für Kopenhagen, was
von Reuss am 3. September mit dem X° bekräftigt wird. Im selben Jahr wird
Heinrich Tränker 33°, 90°, 96° und X° für
Deutschland. Später erklimmt sogar Spencer Lewis den 97°[53] * {5}. -- Seit dem 2.4.1920 auf Cefalù/Sizilien,
notiert Crowley am 27.11.1921 in sein Tagebuch, dass er sich selber zum OHO des
OTO erkoren habe.]
1923 stirbt
der Grosshierophant Theodor Reuss (Peregrinos) [ohne Nachfolger zu
ernennen,[54] * was die Legitimität aller Nachfolgeorganisationen in
Frage stellt.]
[übersetzt]
3. Damals hinterm Mond
Auszüge zu Carl Kellner
Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 (Auszüge):
"Kellner
Karl, Chemiker und Grossindustrieller, geb. Wien, 1.9.1851; gest. Wien,
7.6.1905. Stud. in Wien und Paris. In einem Wr. Privatlaboratorium arbeitend,
machte er bereits im Alter von 22 Jahren jene entscheidenden Beobachtungen,
die nach seinem 1876 erfolgten Eintritt in die Fabrik des Hektor Frh. von
Ritter-Zahony in Podgora bei Görz in dem nach ihm und Ritter benannten und
binnen kurzem von zahlreichen Papierfabriken in Verwendung genommenen
Sulfit-Zelluloseverfahren gipfelten... (Elektrochem. Bleichverfahren)... The
Castner-Kellner Alkali Ko., baute in England
die damals grösste Anlage der Welt zur Chloralkali-Elektrolyse... K. befasste
sich auch mit techn. Erfindungen... wie Gewinnung von Gespinstfasern,
Beleuchtung, Photographie, künstliche Edelsteine u.a."
Dr.
Walter, III. Band, Graz-Köln 1965, 290
Jean Paar: Weisse und Schwarze Magie
"Am 7.
Juni 1905 starb in Wien der in weitesten wissenschaftlichen und industriellen
Kreisen wohlbekannte Dr. Karl. K. eines plötzlichen unaufgeklärten Todes,
nachdem ein halbes Jahr vorher seinen Assistenten das gleiche Schicksal ereilt
hatte. Dr. K. besass einen regen und ingeniösen Geist, der ihn, nachdem er mit
diversen Erfindungen, darunter der Sulfit-Zellulose-Prozess an erster Stelle
figuriert, Glück gehabt, weiter und weiter trieb, bis er - im Lager der
schwarzen Magie landete. Zuerst nahm er Unterricht bei dem Araber Soliman Ben
Aisha, der ihn lehrte, wie man sich die Augen aus dem Kopfe nehmen und die
Zunge durchstechen kann. Dann liess er sich den Inder Bheema Sena Pratapa kommen,
von dem er die Kunst lernte, sich selbst in jenen Scheintodzustand zu
versetzen, in dem manche Fakire sich begraben zu lassen pflegen. Schliesslich
weihte ihn der Inder Sri Mahatma Agamya Guru Paramahamsa in die letzten Geheimnisse
des Hata Yoga ein.[55] * Der Enderfolg war der, dass er eine Schar niederer
Geistwesen an sich zog, die er nicht wieder los werden konnte, und die sein
Verderben wurden. In seinem Laboratorium trieben die tollsten Spukerscheinungen
ihr Unwesen, und der Unglückliche fand, trotzdem er sich seines Tuns vollauf
bewusst war, nicht mehr die Kraft, sich ihrer zu erwehren. In einem seiner
Briefe an Dr. Franz Hartmann schrieb er wörtlich: Ich
fürchte die hütenden Scharen, aber sie eröffnen doch der Erkenntnis das Feld.
Ein halbes
Jahr, nachdem sein Assistent im Laboratorium eines plötzlichen Todes
verstorben, wurde er selbst von einer geheimnisvollen Krankheit befallen, die
sich keiner seiner Aerzte erklären konnte. Er magerte zum Skelett ab und starb
eines ebenso rätselhaften Todes, nachdem er sich in Egypten, wohin man ihn mit
der Tragbahre geschafft, ein wenig erholt hatte."
J. Paar, Berlin
1912. Paar wird Ludendorffianer und publiziert 24 Jahre später unter folgendem
Pseudonym nochmals über Kellner:
S. Ipares: Geheime Weltmächte
"Der
Blavatsky-Schüler und Gründer der Internationalen
Theosophischen Verbrüderung, Dr. Franz Hartmann (33°, 90° und 95°), gehörte
dem Orden der Alten und Echten Rosenkreuzer als Frater Emmanuel an, während Dr.
Rudolf Steiner in einer Zweigabteilung des
Ordens, dem in 97 (=33) Grade arbeitenden O.T.O. (Ordo Templi Orientis,
Orientalischer Templerorden) seine Einweihung hielt. Dieser Orden ist eine Logenschöpfung
Dr. Karl Kellners, der bis zum Jahre 1904
Frater Superior des Ordens der Alten und Echten Rosenkreuzer war.
Bei der
Erwähnung Dr. Karl Kellners (1851-1905), einem
hochbegabten österreichischen Erfinder und Chemiker, schlagen wir eines der
dunkelsten Kapitel des modernen Geheimbundwesens auf. Der junge Kellner, der mit kaum 22 Jahren durch
seine Arbeiten sich in der wissenschaftlichen Welt einen Namen verschaffte, war
frühzeitig mit dem Okkultismus in Berührung geraten und freimaurerischen
Gruppen zugeführt worden. Im Jahre 1887 schloss er sich der Theosophischen Gesellschaft
an und bekleidete immer höhere Ämter und Würden im internationalen Logentum.
Als Eingeweihter wusste er um die freimaurerischen Weltverschwörungspläne und
die okkulte Einkreisung Deutschlands, die nicht zufällig mit dem Jahre 1902
politisch in Erscheinung trat, in welchem Jahr Steiner sich am 17. Januar 1902 in
die Theosophische Gesellschaft aufnehmen lies [sic] ...
Dr. Kellners Briefe sind erschütternde
Aufzeichnungen einer im dunklen Reich der Okkultbünde und ihrer Schulungen nach
Klarheit und Wahrheit ringenden menschlichen Seele. Eine Stelle aus ihnen
beleuchtet die ganze Verzweiflung seiner Lage: Endlich habe ich das gefunden,
wonach ich mein Leben lang gestrebt habe. - Ich mache meine Übungen, komme ein
wenig in die Höhe und purzle dann um so tiefer wieder hinab. Ich fürchte die
hütenden Scharen.[56] * - Dr. Franz Hartmann meint, dass es Dr. Kellner mit dem Okkultismus erging wie
dem Ikarus, von dem die Mythe erzählt, dass er versucht habe, mit wächsernen
Flügeln zur Sonne empor zu steigen, aber die Flügel schmolzen und er fiel. Als
die hütenden Scharen des Westens merkten, dass Dr. Kellner sie mit den eigenen Waffen
und denen der indischen Geheimbünde - zu welchen er vor seinem Tode engere
Verbindungen aufnahm - vernichtend schlagen und das sich immer dichter über
Europa spinnende Schicksalsnetz der Überstaatlichen vor der österreichischen
und Deutschen Öffentlichkeiten enthüllen und damit zerreissen wollte, machten
sie ihn zur rechten Zeit stumm. Zunächst schreckten sie Kellner - es ist dies ihre
beliebteste Methode - durch in seiner Umgebung eintretende Unglücksfälle und
dann durch den Tod seines Assistenten, eines jungen kerngesunden Menschen, der
plötzlich im Laboratorium leblos zu Boden stürzte, ohne dass die Ärzte bei der
Leichenöffnung die Todesursache feststellen konnten. Dann wurde Kellner selbst von jener
geheimnisvollen Krankheit befallen, für die die Ärzte keine Erklärung fanden,
und die ihn für ein halbes Jahr auf das Krankenlager warf. Stetige Abmagerung,
an den Gliedern sich einstellende Lähmungen und völlige Taubheit waren die
nächsten Krankheitserscheinungen, von denen er sich in der Sonne Ägyptens
wieder ziemlich erholte. Von dort kehrte Dr. Kellner am 6. Juni 1905 in seine
Vaterstadt Wien zurück und starb, nach einem Besuch des alchemistischen Kabinetts
seines Laboratoriums, in der darauffolgenden Nacht. Die unsichtbare Hand der
hütenden Scharen hatte einen ihrem Wirken höchst unbequem und gefährlich
gewordenen Wissenden in den innersten Osten befördert, eine Leuchte des
Rosenkreuzertums zum Verlöschen gebracht und den O.T.O. auf Wege geführt, die
keinem seiner nachfolgenden Generalgrossmeister zur Ehre gereichte."
S.Ipares, München
1936
Jubiläums-Ausgabe der Oriflamme 1912
"Der
geistige Vater des neuorganisierten Orientalischen Templer-Ordens war der
verstorbene Suveräne-Ehren-General-Grossmeister in Deutschland und Grossbritannien,
Br.Dr. Carl Kellner, 33°, 90°, 96°, X°. Auf
seinen vielen und weiten Reisen in Europa, Amerika und Klein-Asien war Br.
Kellner in Berührung gekommen mit
einer Organisation, welche den Namen führte The Hermetic Brotherhood of Light.
Die Anregungen, die er durch seine Berührung mit dieser Organisation empfangen
hatte, verbunden mit anderen, hier nicht weiter zu detaillierenden Umständen,
gebaren in Br. Kellner den Wunsch, eine Art Academia
Massonica zu gründen, welche suchenden Brüdern die Bekanntschaft mit allen
existierenden Maurer.'.Graden und Systemen ermöglichen sollte. Im Jahre 1895
hatte Br. Kellner lange Unterredungen mit Br.
Reuss in Berlin, wie diese seine Idee verwirklicht werden könnte. Im Verlaufe
der Unterhandlungen mit Br. Reuss liess Br. Kellner den zuerst vorgeschlagenen
Titel Academia Massonia fallen und legte Gründe und Unterlagen vor für die
Annahme der Bezeichnung Orientalische Templer. Diese Verhandlungen führten
damals, 1895 zu keinem positiven Resultate, da Br.Reuss zu jenem Zeitpunkte
noch mit dem von ihm re-aktivierten Illuminaten-Orden beschäftigt war, und
diese Organisation, sowie die darin neben Br. Reuss an leitender Stelle tätigen
Personen, dem Br. Kellner nicht sympathisch waren [im Januar erscheint die
0-Nummer der Oriflamme].
Als dann Juni
1902 die endgültige Trennung zwischen Br. Reuss und seinem Schüler Leopold E[ngel] eingetreten war,
setzte sich Br. Kellner sofort in Verbindung mit
Br. Reuss und veranlasste die Erwerbung eines Freibriefes für Einführung des
Memphis- und Misraim-Ritus der Freimaurerei in Deutschland, weil Br. Kellner diesen Ritus mit seinen 90
bezw. 95 Graden als den geeignetsten hielt, seine Idee betreffs Einführung
einer Art maurerischer Akademie zu verwirklichen. Die rosenkreuzerischen,
esoterischen Lehren der Hermetic Brotherhood of Light wurden reserviert für die
wenigen Eingeweihten des Okkulten Inneren Kreises. Die Erkenntnis-Stufen dieses
Inneren Kreises von Eingeweihten liefen mit den höchsten Graden des
Memphis-Misraim-Ritus parallel, und diese Eingeweihten bildeten den geheimen
Stamm des Orientalischen Templer-Ordens.
Es kann
niemand ein Eingeweihter des O.T.O. werden, der nicht vorher die drei
Johannis-Grade der Freimaurerei empfangen hat."
Bildlegende zum
Foto von Kellner aus dem Jahre 1896: "Aufgenommen
in den Freimaurer-Orden in der Loge Humanitas, Or.'.Neuhäusl."[57] *
Theodor Reuss,
Berlin und London 1912
Oriflamme vom Juli 1914
Zum Zitat aus
A.P. Eberhardts "Winkellogen Deutschlands" (Leipzig, 1914):
"Die Mitglieder forderten, und ganz besonders der bekannte Okkultist und
Freimaurer Dr. Kellner in Wien, forderte von Reuss,
dass er ihnen das Patent einer anerkannten Körperschaft bringe!"
"Dr. Karl
Kellner war niemals Mitglied des
Swedenborg-Ritus oder überhaupt Mitglied irgend einer der von mir in den Jahren
1900-1902 gegründeten Freimaurerlogen gewesen. Dr. Karl Kellner war auch nicht Mitglied des
von mir re-aktivierten Illuminaten-Ordens gewesen, so lange Leopold Engel mit demselben in irgend einer
Weise verbunden gewesen war.
Dr. Karl
Kellner war also gar nicht in der
Lage, irgend etwas als Mitglied des Swedenborg-Ritus zu fordern.
Dr. Karl
Kellner, mit dem ich allerdings
schon lange vorher befreundet und verbunden war, trat im September 1902 dem
Souveränen Sanktuarium des Alten und Primitiven Ritus der Freimaurerei bei,
nachdem ich im Einverständnis mit ihm (nach dem Ausschluss des Leopold Engel aus dem Kreise meiner
Mitarbeiter) von John Yarker in Manchester im August 1902
einen Charter (Freibrief) erbeten und zugesagt bekommen hatte." Theodor Reuss, Berlin und
London 1914
Konstitution, Statuten und Formulare des Gross=Orient
der Alten und Angenommenen, Schottischen 33° Freimaurer und Souveränen
Sanktuarium des Alten und Primitif Ritus 95° von Memphis- und Misraim, in und
für Deutschland im Tale von Berlin, des Obersten Rates und Grossrates sowie der
Schottischen Kapitel vom Rose Croix nebst deren untergeordneten Kapiteln u.
Symbolischen Logen (St. Johannislogen).
"Protektor:
Souveräner Ehren-General-Grossmeister für Deutschland und Souveräner
Grosskommandeur, A. u. A. 33°, für Deutschland, Grossbritannien und Irland:
Br.'. Dr. Carl Kellner von der Kellner-Partington Co. Ld.-der Castner-Kellner Alkali Co. Ld.-Manchester, Barrow i/f.
Runcorn, Borregaard (Norwegen), St. John (Canada), Hallein bei
Salzburg-Mitglied des k.k. Industrie-Rates in Wien etc."
Berlin 1903
Historische Ausgabe der Oriflamme 1904
"Friede
Toleranz Wahrheit... Manchester, London, Wien und Berlin am 27.Dez. 1903. Dr.
Carl Kellner, 33°, 90°, 96°
S.Ehren-General Grossmeister in Grossbritannien und Deutschland... Theodor
Reuss, 33°, 90°, 96° ad vitam G.G.M. für das Deutsche Reich." [es folgt "Von den
Geheimnissen der okkulten Hochgrade unseres Ordens. Ein Manifesto des
Gross-Orientes... Kellner u. Reuss"]
Der
Grossvater der Anthroposophischen Gesellschaft
Eingangs ein paar
Zitate aus der völkischen Hetzschrift "Der Judenkenner" von 1936.
Antisemitische Passagen sind getilgt, Ergänzungen in [eckigen Klammern].
"Der
Judenkenner" Folge 6 vom 5.2.1936. "Karl Theodor Reuss... wurde in
Augsburg im Jahre 1855... geboren. Er besuchte das Gymnasium bis zur
Untersekunda, kam dann zu einem Drogisten in die Lehre, wurde aber bald wegen
seiner schönen Stimme zum Opernsänger ausgebildet. Als solcher kam er auch [1883]
mit Richard Wagner und dessen Schirmherrn, dem
König Ludwig [II.
von Bayern], in nähere Beziehungen. Seine Laufbahn fand aber ein
unerwartetes Ende, da Reuss plötzlich (man vermutet Lustseuche) seine Stimme
verlor... als ständiger Mitarbeiter mehrerer grosser deutscher Zeitungen ging
er nach London, wo er [am 9.11.1876] in die deutsch-sprachige
"Pilger-Loge" Nr.238 aufgenommen wurde [ausgestossen 1881] ...[58] *
...so kam es,
dass er 1878 für die "Times" als hochbezahlter Kriegsberichterstatter
nach dem Balkan und 1882 nach Bosnien und die Herzegowina ging.
1880 war Reuss
für längere Zeit wieder in seiner Heimat gewesen. Dort hatte er in München mit
Nachkommen von Illuminaten einen Versuch zur Wiederherstellung des
staatszerstörenden Ordens des "Spartacus" (Prof. Adam Weishaupt von Ingolstadt) gemacht...
Auf jeden Fall
sehen wir im Jahre 1885 Herrn Reuss... in London im Vollzugsausschuss der
anarchistischen "Socialist League..."
[Seine erste] Broschüre
"The Matrimonial Question" (Die Frage der Mutterschaft) findet
keinerlei Beachtung [angeblich vertritt Reuss in seinem
"Aufbauprogramm der Gnostischen Neo-Christen OTO" dieselben
Grundsätze][59] *... am 10. Mai wird Reuss "wegen
ehrenrühriger Handlungen.".. aus der "Socialist League"
ausgestossen...
Die Aufdeckung
seiner Spitzeltätigkeit durch die Londoner Anarchisten zwang den Verräter, den
Boden Englands zu verlassen und wieder nach Deutschland zurückzukehren.
1888 [?] taucht
Reuss wieder in Berlin auf... [und] tut sich mit dem Schauspieler
Leopold Engel zusammen [zwecks Neugründung des] Illuminaten-Ordens
{11}...
Die deutschen
Grosslogen lassen zuerst Reuss und die Seinen anstandlos gewähren... Erst als
im Jahre 1900 Reuss dazu übergeht, eigene Johannislogen unter der Firma
"Grosse Freimaurerloge für Deutschland" aufzuziehen, empören sich die
"hochwürdigsten Grossmeister" über den unlauteren Wettbewerber...
Daraufhin trennt sich Leopold Engel von Reuss, dem er Betrug
vorwirft; das war am 3. Heuerts 1901... die grosse Mehrzahl der Mitglieder des
Illuminatenordens bleibt bei Reuss, nur eine kleine Minderheit unternimmt mit
Engel den Versuch, einen
"Weltbund der Illuminaten" unabhängig von den in- und ausländischen
Grosslogenbehörden aufzuziehen..."
Folge 7 vom
12.2.1936: "Innerhalb dieses Ordenssystems [Memphis-Misraïm]
aber hatte Reuss die Zuverlässigsten in eine besondere Gruppe, den
Orientalischen Templer-Orden (OTO) zusammengefasst... Über den
"Geist" [der dazugehörigen prä-Crowley-] Kirche braucht nur
gesagt werden, was in ihren Werbeschriften selbst steht...: "Die
Israeliten brauchten, wenn sie wollten, nicht viel aufzugeben, um zu uns zu
gehören... die Gnostische Kirche unterstützt die parlamentarisch-liberale
Republik..." (Le Réveil des Albigeois, Nr. 1, 1900) [Organ von Jules
Doinels Eglise
Gnostique de France {15}].
Erstes
Oberhaupt (C[aput]
O[rdinis])... war aber nicht Reuss selber, sondern der... Wiener
Grossfabrikant Dr. Karl [sic] Kellner...
Reuss wohnte
seit 1905 in Hamburg. Im Sommer 1906 aber begab er sich zur Johannisfeier[60] * nach München, um einige Anwärter in die
Geheimnisse des Templer-Ordens einzuführen. Die "Novizen" wurden
dermassen angewidert von den ihnen gewordenen "Offenbarungen,"[61] * dass sie die Polizei alarmierten, um den Lüstling
Reuss festnehmen zu lassen, der nur mit Mühe seiner Verhaftung an der
Mittagstafel des Hotels "Metropol" entging, dann aber schleunigst zu
seinem Vertrauten Yarker {2} nach England
flüchtete...
In Deutschland
war die Regelung der Angelegenheiten nach dem höchst ungeordneten Rückzug des
General-Grossmeisters bedeutend schwieriger. Die Leitung der Johannislogen
erhielt zwar schon am 11. November 1906 Herr A.P.Eberhardt in Leipzig, aber die
Leitung der höheren Grade behielt sich Reuss bis November 1909 immer noch vor.
Dann aber übertrug er seine Vollmachten seinem vielgetreuen Schildknappen Dr.
Carl Lauer[62] * in Ludwigshafen.
Nun war nur
noch das oberste Stockwerk des Systemgebäudes, der Memphis-Misraim-Ritus oder
OTO zu vermieten. Ein passender Pächter aber fand sich auch hier in Gestalt
des... Doktors Rudolf Steiner, der schon im Winter 1906/07
den ganzen Betrieb als General-Grossmeister für den Spottpreis von 1500 Mark erwarb {4}...
Steiner selbst hat immer wieder
seinen Vertrauten gegenüber geäussert, dass der höchste Grad seines
maurerischen Systems der unterste Grad eines weiteren Okkultsystems sei, an
dessen Spitze ein "Rex summus maximus"[63] *... stehe..."
Folge 8 vom
19.2.1936: "Reuss hatte - als Broterwerb - in London eine
"Hochschule für hermetische Wissenschaften" aufgemacht... Ende 1913
aber siedelte er nach Paris über...
Sechs Monate
nach der Niederlassung des "Professors T.Reuss-Willsson" in Basel
brach der Weltkrieg aus... [Seine Aktivitäten werden in {4} beschrieben.]
Nach
Beendigung des Krieges blieb Reuss noch zwei Jahre in Basel wohnen... [Kurtzahn wird als führendes Mitglied
der Gnostischen Kirche erwähnt, der seit 1922 persönlich in Verbindung mit
Reuss stehe {15}].
Reuss hatte
damals seinen Wohnsitz nach München verlegt... und war Angestellter des
städtischen Reisebüros geworden. Immer noch hielt er seine OTO-Kapitel ab [so auch mit Krumm-Heller {12}]. Krumm-Heller krebst heute [1936?] als Agent der
Rosenkreuzergesellschaft in Brasilien herum. Wir bitten unsere Freunde in
Brasilien, auf ihn besonders achtzugeben und uns über sein Treiben zu
berichten...
Über neuen
Plänen... brütend, starb [Reuss] 1923 im 68. Lebensjahr in München."[64] *
Dieser Text und
Reuss' Oriflamme vom Juli-Dezember 1906 dürfte wohl die Grundlagen für alle
Reuss-Biographien geliefert haben. Bislang unbekannt geblieben ist der Text von
Leslie[ey] Fry (Paquita Shismarev) in der "Révue Internationale des
Sociétés Secrètes," "Les Missionnaires du Gnosticisme,"[65] * der aber für die vorliegende Studie nichts
massgebliches beigesteuert hat. "If the editor of Judenkenner was
Ulrich Fleischauer (and this is by no means certain), he was in regular contact
with Mgr Jouin of Révue Internationale des Sociétés Secrètes, and Hamilton
Beamish of The Patriot in England. All these journals were preoccupied to some
extent with this topic. Judenkenner published every week for almost two years
during 1935-1936. Heydrich ordered the Security Service (SD), and the Secret
Police (Gestapo) to seize documents from, and suppress, occult organisations on
20th July 1937, and the freemasonic lodges on 23rd April 1938. Whilst I am sure
the SD and Gestapo did acquire juicy documents before these dates, I question
whether they really acquired the most interesting information until after the
suppression dates. For this reason, Ulrich Fleischauer's vast sources for
Judenkenner remain a mystery, as does the nature of Heydrich's and Dr Francis
Six's relationship with Fleischauer. Fleischauer later worked for Alfred
Rosenberg, after Heydrich closed down Judenkenner in late 1936 (reason
unknown)."[66] *
Absolute Beginners
"Erste
Stiftungsurkunde: [der]
Geheime[n] Areopag[s] des Illuminaten-Ordens... hat beschlossen, ab Januar 1900
von seinem durch den Begründer des Illuminaten-Ordens Adam Weishaupt rechtmässig[67] * erworbenen Ordensrecht, Freimaurer-Logen zu
begründen, wieder Gebrauch zu machen.
Der Geheime
Aeropag des Illuminaten-Ordens übergab hiemit zu diesem Zwecke seinem
Ordens-Mitglied dem Bruder Theodor Reuss... in Berlin... das alleinige Recht
Freimaurer-Logen nach dem Schottischen Ritus der Alten und Angenommenen
Maurer... zu begründen und einzuweihen... Dresden, den 1. Dimeh 1900... Theodor
Reuss, Leopold Engel..." [Wortlaut gemäss der Oriflamme vom Juli 1914[68] *. Das Patent soll laut Reuss am 6. Mai 1901
ausgestellt worden sein]
"Ordre
Martinist Theodor Reuss -- Par la Présente Le F. Theodor Reuss de Berlin est
autorisé à Représenter L'ORDRE à titre de: Inspecteur Spécial (I.M.) avec siège
à Berlin... 24 Juin 1901[69] *... Papus" [Abschrift nach dem Original. Im Sommer
1901 ist Papus in Russland, wo er möglicherweise den Zar als Kopf einer
Martinistenloge einsetzt.[70] *]
"THE
SWEDENBORG RITE OF FREEMASONRY [hier nur der deutsche Auszug der zweisprachigen
Charta] Hiermit wird beurkundet, dass unser würdiger Bruder Theodor Reuss
ein gesetzmässiger Freimaurer Meister, dessen Unterschrift nebenan steht, am
25. Tag des Monats Juli A.D. 1901... in der Loge und Tempel Emanuel N:1 in
London (England) zum erleuchteten, erhabenen und vollkommenen Freimaurer
Meister erhoben, und dass sein Name in den Matrikeln der Souveränen Grossloge
von Grossbritannien und Irland eingetragen worden ist. Urkundlich dessen ist
gegenwärtiges Certifikat ausgefertigt, unterschrieben und mit dem grossen
Siegel versehen worden zu London am 26. Tage des Monats Juli A.D.1901...
William Wynn Westcott" [Abschrift nach dem
Original]
Fraternitas Lucis
Hermetica (FLH) = Hermetic Brotherhood of Light (HBL)?[71] *
"die wahren
aktiven Glieder des O.T.O. werden Hermetische Brüder des Lichts oder
Illuminaten genannt, was von Fra. Peregrinus X° O.T.O. (Theodor Reuss) und
Baphomet XI° O.T.O. (Aleister Crowley) historisch festgelegt wurde."
(Metzgers Attest, 9.1.1963)[72] *
"The
Hermetic Brotherhood of Light" {16}, ist eine der Organisationen, aus
denen Carl Kellner angeblich (so die "Historie" von Reuss und Crowley verbreitet) den OTO aus der Taufe
gehoben haben soll. "The Hermetic Brotherhood of Luxor" ist von
Pascal Beverly Randolph (1825-8.10.1875) gegründet
worden. Der innere Zirkel hat sich "Fraternity of Eleusis" genannt.
1886 ist die allein in Boston existierende HBL geschlossen worden, worauf man
die "Eulis Brotherhood" gründet, welche den OTO, d.h. Carl Kellner (oder auch Papus),
beeinflusst haben soll.
Am 22.1.1917
stellt Reuss in seinem Manifesto "Anational Grandloge & Mystic
Temple: Verità Mistica, Or. Ascona" den OTO noch als "Hermetic
Brotherhood of Light" vor. Hin und wieder hat auch Heinrich Tränker diese Bezeichnung verwendet,
zum Beispiel auf der "2nd Fama" von 1930 {5}. Reuben Swinburne
Clymer {12} ist
einer der Nachfolger der HBL.
"From the
East of the Supreme Grand Council of the Sovereign Grand Inspector General of
the 33rd and last Degree of the
Ancient and Accepted Rite of Freemasonry in and for Great Britain &
Ireland... Know Ye that we the undersigned Sovereign Grand Inspector General do
hereby certify, acknowledge and proclaim, our Ill.Brother Theodor Reuss of
Berlin to be an Expert Master Mason, Secret Master, Perfect Master, ... Grand
Elect Knight Kadosh, 30°, Grand Inquisitor Commander, 31°, Prince of the Royal
Secret, and a Sov.Gd.Inspector Gen. 33°...
Signed and
delievered by us Sovereign Grand Inspector General of the Thirty-third and last
Degree with the Seal of our said Supreme Council affixed in the Valley of
Manchester this... 24th day of September A.D.1902. John Yarker 33°..."
[Abschrift nach
dem Original! Ein beinah wortwörtlich identisches Papier erhält Aleister
Crowley am 29. November 1910 von John Yarker. Vom angeblich am selben Tag
des Jahres 1902 ausgestellten Freibrief für Reuss von Yarker ist bislang kein Original
aufgetaucht, sondern es sind nur Abschriften zu finden:]
"We..
do... issue.. this our Warrant empowering our Illustrious and Enlightened Brothers:
Theodor Reuss 33.° 90.° 96.° to act as Most Illustrious Sovereign Grand Master
General, Franz Hartmann 33.° 90.° 95.°, Thrice
Illustrious Grand Administrator General... with power to oppoint [sic] the other necessary
officers of a Sovereign Sanctuary etc. to be holden in the Valley of Berlin or
other german city, aforesaid by the name and title of the Sovereign Sanctuary
33.°-95.° in and for the Empire of Germany... [es folgt die Bewilligung,
Logen, Kapitel etc. zu eröffnen und alle Grade zu vergeben] 24. day of Sept.
1902 E.V... John Yarker 33.° 90.° 96.° Gr. Master
Gen. ad vitam..."[73] * Die Niederschrift der deutschen Version in "Der
Cerneau-(Neuyork 1807) Ritus"[74] * zitiert jedoch andere Grade: Theodor Reuss: 33°,
90°, 95°; Franz Hartmann 33°, 90°, 96°. Die
"Konstitution, Statuten und Formulare"[75] * gibt zwar dieselben Grade an, lässt aber Hartmanns pompösen Titel aus.]
"33° and
last degree SUPREME COUNCIL... Sovereign Grand Inspector General -- Ancient and
Accepted Scottish Rite Masonry sitting in the Valley of New York, where abideth
Peace, Tolerance and Truth: From the Grand Orient of 'IERODOMON,[76] * at New York, in the State of New York, near
the B.B. and under the C.C. of that Zenith, which answers unto 40°42'N.Lat. I,
Max Scheuer 33° by the authority in me
vested as Most Puissant Sovereign Grand Commander, do appoint the Most
Illustrious Brother Theodor Reuss Sovereign Grand Inspector General,
Thirty-third degree, Deputy as Representative of the Supreme Council of the
United States of America, its territories and dependencies, to the Supreme
Council of the Grand Orient of Germany, Thirty-third degree Ancient and
Accepted Scottish Rite... this twenty-first day of Sivan A.M.1663. Max Scheuer 33°..." [Abschrift nach dem
Original]
"Im Namen
des Grand Orient des Schottischen Ritus und des Ritus von Misraim und
Memphis... Hiermit
wird bekundet, dass der Hocherleuchtete und Hochwürdigste Bruder JOHN YARKER, 33°, 90°, 96°, Souveräner
General Grossmeister ad vit. des Antient and Primitif Rite of Masonry des
Schottischen Ritus, Ancien et Accepté 33° (Cerneau New York 1807), und des
Orientalischen (Egyptischen) Ritus von Misraim in und für das Vereinigte
Königreich von Grossbritannien und Irlands Kraft seines Amtes und der ihm auf
Grund eines Patentes des Souveränen Grand Orient de France vom 21. Juli 1862 [unleserlich] vom
M.Ill.Sovereign Grand Master General von Amerika Bruder Harry J.Seymour übergebenen Rechte den [unleserlich] Brüdern
Theodor Reuss, 33°, 96°, Dr. Franz Hartmann, 33°, 95°, Heinrich Klein, 33°, 95° und den mit
denselben verbundenen Brüdern ein Patent erteilt hat ein Souveränes Sanktuarium
für das Deutsche Reich zu constituieren mit der Berechtigung, die sämtlichen
Grade des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus 33°, des Orientalischen
Ritus von Misraim 90° und des Ritus von Memphis 95°, vom ersten bis 33°
(90°-95°) und letzten Grad zu bearbeiten und Symbolische Logen, Kapitel,
Senate, Räte und Grossräte in Deutschland zu stiften und einzuweihen... [es folgt die Gründung des
Hamburger Orients "Phönix zur Wahrheit"]
Urkundlich
dessen ist gegenwärtiger Freibrief ausgefertigt, gesiegelt und unterschrieben
worden... 1. Tage des Monats Juli 1904 E.V.
John Yarker 33° 90° 96° G.M.G. of
Gr.Britain + Irland
Theodor Reuss
33° 90° 96° General Grossmeister für das Deutsche Reich ad Vitam..." [Abschrift nach einer
Fotokopie des Originals]
[Eine weitere
Version einer Charta, die Reuss erlaubt, eigene MM-Logen zu gründen, ist 1916
von der Symbolischen Grossloge des Schottischen Ritus in Deutschland als
"Vademekum für Lichtsuchende" im Wortlaut wiedergegeben:]
"Hiermit wird bekundet, dass... John Yarker, 33°, 90°, 96°, Souveräner
General-Grossmeister ad vitam des Antient and Primitive Rite of Masonry, des
Schottischen Ritus, Ancien et Accepté 33° (Cerneau-Neuyork 1807) und des
Orientalischen (Egyptischen) Ritus von Misraim.... auf Grund eines Patentes des
Souveränen Grand Orient de France vom 21. Juli 1862... vom Harry J. Seymour übertragene Rechte den Sehr
Ehrw. BBn. Theodor Reuss 33° 96° usw. ein Patent erteilt hat, ein Souveränes
Sanktuarium für das Deutsche Reich zu konstituieren... 24. Tage des Monats
Juni 1905."
[In
"Winkellogen" von Eberhardt, 108, ist dieses 1905-Patent ebenfalls
wiedergegeben, mit dem Unterschied, dass im ersten Abschnitt nach Reuss usw.
die Namen Franz Hartmann und Heinrich Klein (gest. 23.6.1913) stehen. Es
drängt sich die Frage auf, ob den Autoren je ein Original vorgelegen hat.]
"Edikt: Wir,
Albert Karl Theodor Reuss, 33.°, 90.°, 96.°, Souveräner General-Grossmeister ad
Vitam des Ordens der vereinigten Riten der Schottischen, Memphis- und
Misraim-Freimaurer in und für das Deutsche Reich, Souveräner General-Gross-Kommandeur,
Absoluter Gross-Souverän, Souveräner Pontif, Souveräner Ordensmeister der
Orientalischen Templer-Freimaurer, Magus Supremus Soc. Frat. R.C.S.I. 33.°,
Termaximus Regens u.s.w u.s.w. tun hierdurch kund [dass Wir] drei
freimaurerische Riten voneinander trennen und die drei Riten zu drei
selbständigen freimaurerischen Körperschaften erheben.
Vom 24. Juni
1907 E.V. ab werden daher unter unserer obersten Jurisdiktion in Deutschland
bestehen:
Der Oberste
Rat des Schottischen, Alten und Angenommenen 33.° Ritus für das Deutsche Reich.
Der
General-Grossrat (90.°) des ägyptischen Ritus von Mizraim.
Das Souveräne
Sanktuarium (95.°) des Alten und Primitiven Ritus von Memphis..."
Theodor Reuss,
10.9.1906[77] *
Über den
33°-Ritus: "Durch Br. Reuss wurde unsere Symbolische Grossloge unterm
24. Juni 1905 und der Oberste Grossrat unterm 20. November 1906 konstituiert.
Die Errichtung des Grosskapitels datiert vom 24. September 1907." Carl
Lauer[78] *
4. Veritas Mystica Maxima
Rudolf Steiner und Marie von Sivers werden am 24.11.1905
Mitglieder des Memphis-Misraïm-Ritus unter Reuss, das Gelöbnis erwähnt den OTO
nicht. Beide erhalten am 3.1.1906 eine Charta zur selbständigen Führung einer
Gruppe. Dieses Papier erwähnt den OTO wiederum nicht, dafür den 30°, 67° und
89° und die Erlaubnis, dass sich Steiner ab dem 100. Mitglied als
33°, 90° und 96° ansehen dürfe. Zu dieser Zeit ist Steiner noch immer Generalsekretär
der Theosophischen Gesellschaft. Laut einem Brief des Ungarn Emil Adriányi/Ardens
ascendo (Ex-OTO- und Golden Dawn- Mitglied)[79] * vom 8.9.1906 an Steiner kenne "der Reuss'sche
Orden selber absolut keine Uebungen," das wenige sei eine Nachahmung
der Theosophen, verquickt mit dem "Alten Primitiven Ritus."[80] *
Die Steinerschen Ritualtexte zur
Logeneröffnung/Initiation sind streckenweise identisch mit denjenigen des
"OTO Orient Thuricensium," die ebenfalls bis in die 1960er Jahre vom
"Misraim-Dienst" sprechen (heute in einer leicht abgewandelten
Version immer noch vom schweizer OTO verwendet).[81] * Reuss-OTO-Hochgradrituale benutzen den Begriff
"OTO" recht ausgiebig.
Im selben Jahr,
1906, teilt Steiner Reuss mit, dass er mit
dessen Orden "nichts, aber auch gar nichts" zu tun haben
wolle, gibt aber den Begriff "Mystica Aeterna" oder
"Misraim-Dienst" erst 1914 auf. Steiner hat die Zusammenlegung von
Memphis- und Misraïm-Ritus nicht übernommen. Aleister Crowley: "Steiner is in relation with the
O.T.O., but he lets a lot of drivel go out."[82] *
Schon im März
1910 erhält Crowley den VII°. Am 12. April 1912 wird er 33°, 90°, 95° und X° "of
London" "National Grand Master General... gemäss der
Constitution des O.T.O. vom 22. Januar 1906 E.V... für Grossbritannien und Irland."
Wie bei ähnlichen[83] * Reuss-Chartas um 1912 ist auf dieser als
Memphis-Misraïm vorgedruckten Charta der Begriff "O.T.O." von Hand
als Titelkopf (nachträglich?) eingezeichnet. Crowleys OTO-Zweig bekommt den
Namen "Mysteria Mystica Maxima" (MMM).
Crowley an Heinrich Tränker, 1924: Meine Beziehung zu Dr.
Reuss
"Die
Öffentlichkeit nahm von mir in London im März 1910 Notiz, als Mathers [1854-1918, Mitbegründer des
Golden Dawn] versuchte, mich von der Veröffentlichung vom
"Equinox" Nummer 3 abzuhalten. In diesem Band habe ich, auf Instruktionen
der Geheimen Chefs hin, die 1904 zu mir in Kairo kamen, die Rituale des 5°=6
des R.R. und A.C. publiziert. Neun Tage sprach ganz London von Rosenkreuzern
und mein Studio wurde von "Authentischen Chefs" in aller Zahl
belagert. Unter diesen war auch Bruder R[euss] ... Einige Zeit später
kam er wieder in einer ganz anderen Stimmung. Er war deutscher Grossmeister,
90°-95°, unter Br. Yarker und behauptete, der OTO
vereinige alle Geheimnisse überhaupt... Er erklärte mir nun[84] * die Wichtigkeit dieser Art von Arbeit. Ich
nahm ihn nicht ernst, experimentierte jedoch hin und wieder damit. Meine persönlichen
Reaktionen Reuss gegenüber waren immer sehr heftig, seine übertrieben
aggressive Art war abstossend... R.s Stimmungen schwankten ständig, und er war
unberechenbar. In seinen letzten Lebensjahren schien er sich völlig gehen zu
lassen, selbst wenn man annahm [unleserliche Passage], was völlig absurd
war. Es scheint, dass er bis zu einem gewissen Grade [unleserlich], was
ihn veranlasste, Sie [Tränker] und Achad [Jones] zu berufen und mich in
seinem letzten Brief als Nachfolger bestellte (was mir offensichtlich scheint).
In meinem Fall handelte er bestimmt gegen seinen menschlichen Willen, was ersichtlich
werden würde, wenn ich dieser Briefe wieder habhaft werden könnte"
[zwei Worte völlig unleserlich. Übersetzt]
oOo
1913 schreiben
Prof. Emil Schaub in Basel und unabhängig davon
John Daniels Reelfs in Genf an Crowley. "I
shall be obliged to divide Switzerland" gemäss den Landessprachen,
antwortet Crowley Schaub im März. Er will keine MM-Grade
vergeben, da der OTO ja diese inkorporiere. Emil Schaub wird von Edoardo Frosini (33° 90° 96°, VII°) "appointed,"
und Crowley schickt Reelfs ebenfalls zu Frosini, da er Reelfs erst eine Charta geben will,
wenn dieser den 33° und VII° habe. Weshalb Reuss als OHO nicht eingeschaltet
wird, bleibt unbeantwortet.
In einem Bericht
von 1914 über das "Present Standing of the MM" wird Reelfs beauftragt, die
zahlungsunwilligen Mitglieder L. Waddel, J. van Notten, Florence van Notten und
Frederic Alfred Beeker an ihre finanziellen Pflichten zu erinnern. Schaub wird nicht erwähnt. In diesem
Jahr übersetzt und publiziert Reuss Crowleys Manifesto der MMM von 1912, die
letzterer 1919 als weltweite Statuten herausgibt,[85] * ohne dass Reuss davon Kenntnis erhalten hat.
Möglicherweise
hat der Ausbruch des Krieges und Crowleys Aufbruch 1914 nach Amerika weitere
Entwicklungen verhindert. In Crowleys "Golden Book," das nur
Einträge von 1912 bis 1917 enthält, ist Reelfs in der Liste der VI° aufgeführt.
Schaub fehlt auch hier.[86] *
An Frosinis Seite (dem Nachfolger von
Michele de Vincenzo Majulli, 33°, 90°, 95° und VII°)
sind G.di San Fortunato und Arturo Reghini. Letzterer macht Crowley am
20.10.1913 zum Ehrenmitglied des "Ritus Philosophicus Italicus."
Reghini schwenkt
1927 zu Julius Evolas (1898-1974) UR-Gruppe über.[87] *
Ab 12. Oktober
1915 sieht sich Crowley als Prophet seines von ihm ausgerufenen Neuen Aeon des
Horus. Zwischen 1917 und 1919 entwirft er angeblich seine eigenen OTO-Rituale
(0°-VI°),[88] * die aber Reuss' Zustimmung nicht finden. Reuss soll
Crowley sogar ausdrücklich untersagt haben, den OTO als Vehikel für Thelema zu
benützen.[89] *
Monte Verità
Die
österreichische Klavierlehrerin Ida Hoffmann (gest. 1926) und Henri
Oedenkoven, in freier Ehegemeinschaft
lebend (seine Frau Isabella Oedenkoven bekommt bald den VII°), sind
die finanziellen Hauptbeteiligten und Gründer der Vegetariersiedlung auf dem
Monte Verità, dem Berg der Wahrheit im Kanton Tessin/Schweiz. Frau Hoffmann führt im Januar 1916 Reuss
auf dem Monte Verità ein, der nun aktiv wird und die OTO-Loge "Verità
Mistica" (VM) gründet.
Frau Hoffmann schreibt "Beiträge zur
Frauenfrage," "L'Importanza della Teosofia vera" und verfasst
"Blätter zur Verbreitung vegetarischer Lebensweise."[90] *
Hans Rudolf
Hilfiker-Dunn/Nothung (geboren am
4.5.1882 in Oftringen/Aargau) wird am 2.12.1916 in der "Verità
Mistica" in den I° aufgenommen. Am 24.5.1917 erhält er den II°, am
21.8.1917 den III°.[91] * Nothung ist das Schwert Parzifals, das gemäss Reuss
sexualmagisch dem "Ur-Phallos" entspricht.[92] *
Hilfikers Geliebte Clara Linke (geb. 25.6.1875 in Görlitz,
gest. 1923) ist als Kurgast der Siedlung gekommen und gleich geblieben. Sie
wird eine wichtige Stütze des Betriebs. Während Ida Hofmann das
gesellschaftliche Leben leitet, obliegt Clara Linke die Wirtschaft.
Der aus
Oberstammheim stammende Mechaniker Oscar Bienz, am 19.8.1917 in Ascona in
die VM aufgenommen[93] * und dort "künstlerisch" tätig, rät, in
Zürich eine OTO-Loge zu gründen. So geschehen unter Reuss und Laban de Laban/Vàraljà am 24.10.17: die
Gründung der "Libertas et Fraternitas."
Der tschechische
Tänzer Rudolf Jean Baptiste Attila Laban de Varalja
(15.12.1879-1.7.1958) eröffnet einen Zweig seiner Münchner Schule in Ascona. Im
Frühjahr 1916 gründet seine Mitarbeiterin Mary Wiegmann einen Zweig der Schule in
Zürich, wo man auch bald in den Kreisen dadaistischer Protagonisten verkehrt.[94] *
Laban und Hilfiker haben ein paar Tage vorher in
Zürich, am 20.10.1917 (Reuss hält daselbst einen Vortrag über die Freimaurerei)
für teures Geld (alles in allem soll Hilfiker 1950 sFr. zahlen) je einen
OTO-Vertrag unterschrieben (Patente und Chartas werden nicht von beiden
Parteien unterschrieben, ein Vertrag regelt hingegen die finanzielle Seite).
Beide dürfen eigene Freimaurer-Logen gemäss den OTO-Statuten vom "22.1.1906/1917"
eröffnen. Laban darf bis zum VI° initiieren,
Hilfiker bis zum III°. Auf diesen
Verträgen wird der OTO als identisch mit dem Orden "der alten
Freimaurer vom Schottischen, Memphis und Misraim Ritus" bezeichnet.[95] * Die templerischen und maurerischen Utensilien der
"Verità Mistica" gehen an die "Libertas et Fraternitas."
Am 3. November
ist die konstituierende Versammlung, Laban wird erster Grossmeister
dieses "Mystischen Tempels." Hilfiker, wohnhaft in Rüti, wird am
11.11.1917 Meister vom Stuhl.
Die Frauen aus
Labans
Tanzgruppe, Elga Feldt, Suzanne Perrottet, Käthe Wulff und Frau Lederer sind
schon in der "Verità Mistica" durch deren Mysterien gerauscht, allen
voran Mary Wiegmann, die ja seit 1916 eine
Tanzschule in Zürich führt. Unter den 6 Männern und 10 Frauen der Zürcher Loge
sind neben Obenerwähnten auch der Baron Herbert von Bomsdorff-Bergen, angeblich Spielleiter am
damaligen Opernhaus,[96] * mit seiner Frau, Oskar Bienz (Labans "Lieber Freund und
Schüler")[97] * und ein Imre Schreiber. Man trifft sich bei Heinrich
Friedländer, und bald stossen die Schwestern Beraly, Coleman, de Montcabrie und
Ruckeschell sowie die Brüder Reiser und Turnibuca hinzu. W. Rosenblum wird
Schatzmeister des OTO.
Laut Oscar R.
Schlag (1907-1991) {14} bezeichnet
Bomsdorff-Bergen seine Narbe über der Nase
als Zeichen Baphomets.[98] * Nach seinem Austritt aus der L+F 1922 schreibt
Bomsdorff-Bergen alias Christian Schweizerkreuz
Pamphlete gegen die Freimaurerei in antisemitischem Tonfall. Mit den Tessiner
Rosenkreuzern hält er noch Verbindung, lebt in Morcote, nennt sein Anwesen
"Klingsors Zaubergarten" und stirbt 1925 (?). John Symonds lässt Bomsdorff in seinem
Roman "The Medusa's Head or Conversations between Aleister Crowley and
Adolf Hitler" an der Wahl Crowleys
zum OHO durch Heinrich Tränker et alii 1925 in
Weida/Thüringen teilnehmen.[99] *
Laban de Laban schreibt als "Grossrat
und Senat der Alten Freimaurer vom Schottischen und Memfis und Misraim
Ritus" am 14. November 1917 an seine Mutter: "Die Loge in
Monte ist geschlossen, die dortigen ungeeigneten Mitglieder Henri, Jda etc.
sind ausgeschlossen worden und ich habe die dortige Zentrale hierher verlegen
lassen."
Der schweizer
OTO, der unter Hermann Joseph Metzger prosperiert {9}, produziert Anfang der
60er Jahre folgendes Papier: eine von Reuss am 10.11.1918 ausgestellte Charta
für die Damen Ida Hoffmann, Clara Linke "et socii"
für die Schweiz "in generale" (Veritas Mystica Maxima). Beide
haben, wie die Charta ausweist, den 33°, 97° und X° OTO inne. Die amerikanische
Self-Realization Fellowship {13}, die Anfang der 1950er Jahre angeblich Reuss'
"Golden Book" haben will, zitiert daraus den Eintrag für eine
Vollmacht für Ida Hoffmann, Alice Sprengel und Clara Linke und erwähnt keine 1918-Charta
mit obigem Wortlaut.
Der Text auf
diesem Papier weicht sprachlich und formal von den anderen bekannten
Reuss-Chartas ab. Ebenso ist es fraglich, ob die Unterschrift von Reuss stammt.[100] *
Nach 1918
errichtet Clara Linke ein Kinderheim auf dem Monte
Verità.
Streit zeichnet
sich in der Zürcher Loge ab: Die Frauen zeigen sich wenig zahlungswillig, die
Männer geraten ins Gerede, da eine respektable Person nicht Mitglied eines
finsteren Tempels sein darf. So finden keine Neuaufnahmen mehr statt. Was in
den Höhen des Monte Verità ohne weiteres möglich gewesen ist, wird im
puritanischen Zürich zum Stein des Anstosses. Die 10 Frauen treten aus.[101] *
Mary Wiegmann erhält die Erlaubnis, eine
eigene Frauenloge zu gründen, unterlässt dies aber und trennt sich am 16.
November 1918 vom OTO. Frau Wiegmann gründet 1920 in Dresden eine
eigene Tanzschule.
Laban verlässt im November 1918
Zürich Richtung München und Stuttgart, um sich seiner Tanzkarriere zu widmen,
ruft aber noch unter dem OTO-Siegel als "Secrétaire de l'Ordre"
zu einer "Alliance Internationale des Dames De La Rose + Croix"
auf.[102] * Sein Nachfolger wird
Hilfiker, doch möchte sich die Loge
von Reuss trennen. Am 1.2.1919 wird "der Ausdruck O.d.O [sic] ...
gänzlich fallengelassen," am 26. April 1919 trennt die "Libertas
et Fraternitas" sich offiziell von MM und OTO, um nur noch den
Cerneau-Ritus zu bearbeiten, für den Reuss bis zum Juli 1920 immer noch
Rechnung stellt und der dann vom reichen Kaufmann Hilfiker mit sFr.3000.- ausbezahlt
wird.[103] * Am 10.5.1919 erfolgt der
langerwartete "Freibrief des Gr.Or. für d. Schweiz des A.&A.
Schott. 33° Rit." Es ist eine typische Reuss'sche Charta aus dieser
Zeit mit dem gedruckten Begriff "O.T.O." als Briefkopf. "Br.
Reuss knüpft daran die Bedingung, dass wir ihn als höchste Autorität
anerkennen." Dies folgt Reuss' finanziellen Forderungen und dem
Bericht eines Briefes des "Generalgrossmeisters für Amerika, Bruder
Crowley," der die Hoffnung ausdrückt, den OTO dort gross aufzuziehen.[104] * Allein in der Oriflamme
1914, im Manifest der MMM, wird Crowley als X° von Amerika erwähnt (siehe
weiter unten).
Am 27.4.1919 wird
"Unter Leitung des Hochehrwürdigen General-Grossmeisters ad Vitam,
Br.:Theodor Reuss, 33, 90, 97, X° und unter Mithilfe von Schw.:Ida Hoffmann, 33, 90, 95, IX°
Br.:H.R.Hilfiker, welcher am 9. November 1918
von Br.:Grossmeister Laban de Laban per communicatio[105] * in den IV° und am
11.Dezember 1918 von Br.:Generalgrossmeister Th.Reuss p.c. in den V. und VI°
befördert worden, rituell in die Grade IV/15, V/18 und VI/30 eingeführt.," etc., etc. Ebenfalls
erfolgen die Ernennungen Engelhard Pargaetzis, Rolf Merlitscheks und Martin Bergmaiers. Schnell geschehen am 28. Juni
weitere Beförderungen.[106] * Hilfiker wird Ehrenmitglied des Gr.Or.
von Frankreich, des Martinistenordens, wird Freundschaftsvertreter beim S.S.
des OTO und des 33° AASR und MM für Europa.[107] * In seinen Händen befindet
sich ein Reuss'sches VII°Initiationsritual[108] * und das
"Instruktions-Büchlein des O.T.O.," nämlich Reuss' "Parsifal und
das Enthüllte Grals-Geheimnis." In Hilfikers Manuskript findet sich ein
Auszug aus Crowleys Manifesto der MMM im Anhang: "MMM ist ein
Begleitname des OTO."[109] *
Hilfiker unterstützt seine Zürcher
Geliebte H. Walder mit einem Mercerieladen,
wohl um seinem unehelichen Kind eine Zukunft zu sichern.[110] * 1920 verlassen Oedenkoven und Ida Hofmann den Berg der
Wahrheit und gelangen via Spanien nach Brasilien.
Reuss stattet
weiterhin Mitglieder der Zürcher Loge mit OTO-Graden aus, was die Mitglieder
der Loge, die sich vom OTO getrennt sehen wollen, aufregt. "Wenn Papa
Reuss privatim Leute befördert, so geht das nur den O.T.O. etwas an, -- nicht
aber unsern Ritus" (Pargaetzi/Tristan an Hilfiker, 4. April 1920, nicht ahnend,
dass auch Hilfiker schon zum VIII° avanciert
ist. Ausserdem hat dessen Nachlass die geheimen Passworte, ein magisches
Siegel und den Schwur für den IX° und den X° preisgegeben, wo der 96° unter die
Autorität des OHO des OTO gestellt wird).[111] *
Am 12.5.1920 wird
Hilfiker durch Joanny Bricaud (33°, 90°, 96°)[112] * zum 33°, 90°, 95°.
Zur selben Zeit,
in der Crowley meint, Reuss liege gelähmt darnieder,[113] * plant dieser jedoch, im
Hochgefühl ein nationaler Grossorient zu sein, im Sommer 1920 in Zürich einen
Weltkongress der Freimaurer einzuberufen, analog zum 1908-Kongress in Paris, wo
unter Papus, Blanchard und Détré fleissig Würden und Ämter
u.a. mit Krumm-Heller ausgetauscht worden sind
{15}.[114] * Ziel soll sein, einen
"Internationalen Freimaurerbund" zu gründen. Als dritter Programmpunkt
des Kongresses wird Patriarch Joanny Bricauds Vorschlag aufgesetzt,
Aleister Crowleys angeblich 1913 verfasste[115] * Gnostische Messe (das
Zentrum der OTO-Rituale und gedacht zur öffentlichen Aufführung) "zur
officiellen Religion aller Mitglieder der Univ.:Frm.:Welt-Föderation, welche
den 18. Grad[116] * des Schottischen Ritus
besitzen, zu erklären."[117] * "Im Memphis und
Misraim Ritus hat der Rose-Croix Grad nicht christlichen Charakter, sondern
wird mystisch-gnostisch gedeutet... Die restlose Deutung... bleibt den mystischen
Graden VII°, VIII° und IX° vorbehalten."[118] * Reuss lässt sein
"Aufbauprogramm und Leitsätze der Gnostischen Neo-Christen O.T.O.,"[119] * eine Verteidigungsschrift
wegen angeblichen Sexskandalen[120] * und einen Text mit dem Titel
"Das wahre Geheimnis der Freimaurerei und das Mysterium der hl.
Messe" zirkulieren.
Heinrich Tränker schickt "Ein Schreiben
der Brüderschaft vom Goldenen und Rosenkreuz," was aber wenig Erfolg
beschert. Weshalb Tränker nicht am Kongress
teilgenommen hat, bleibt unbeantwortet.
Hilfiker und Merlitschek, Reuss-treu, sind zugegen am
freimaurerischen Kongress in Zürich am 17.-19.Juli 1920 im Tempel der Loge
"Libertas et Fraternitas." Theodor Reuss als Bricauds "Légat Gnostique
pour la Suisse" ist nur am Eröffnungstag dabei. Crowley und Charles
Stanfeld Jones/Achad sind auch geladen,
aber nicht erschienen.[121] * Der Kongress spricht sich
gegen den OTO aus:
Rosenkreuzer-Kapitel
vom 3. Oktober 1920. Zweiter Beschluss: [es wird vorausgesetzt] "dass
die Beziehungen des Gross-Orientes zu Br.Th.Reuss definitiv der Vergangenheit
angehören und dass die sogenannte gnostische katholische Kirche ausserhalb des
Internat. Freimaurer-Bundes bleibt. Das Kapitel [18°] betrachtet es als
selbstverständlich, dass Angehörige jener Kirche im Intern.Freimaurer-Bund mit
Rücksicht auf dessen Prestige nach Aussen zum mindesten keine Aemter bekleiden
dürfen..."
Protokoll über
die Sitzung des Obersten Rates vom 6./7. Nov. 1920: "Weder der Gr Or,
noch einzelne seiner Mitglieder haben zu der von Herrn Reuss herausgegebenen
Gnostischen Messe irgendwelche Beziehungen. Die Verteilung der Druckschrift
war rein persönliche Angelegenheit des Herrn Reuss, sodass niemand in unserer
Körperschaft für die Dummheiten dieses Herrn verantwortlich gemacht werden
kann... [wir sind bestrebt] jede Beziehung unseres Gr Or zum Namen Reuss
oder zu seinen Schriften seit 18. Juli 1920 abzulehnen."
Am 17.5.1925 wird
die L+F in die 1844 gegründete schweizer Grossloge Alpina aufgenommen, was den
Verzicht auf Grossorient und Hochgrade bedeutet. Ihre Historie hat seitdem
nichts mehr mit dem OTO-Phänomen zu tun, obwohl die unabhängige Rolle Hilfikers nicht ohne weitere Bedeutung
bleiben wird (siehe unten). Am 1.2.1921 wird er 33°, 90°, 96°.
-+-
Via Reuss fragt
C.S. Jones (wohl vergeblich) Ende 1920
Hilfiker um ein 33°Certifikat an. Es
ist Reuss, der C.S. Jones am 10. Mai 1921 zum X° von
Nordamerika macht, und ihm so die Möglichkeit gibt, alias Parzival die Agape
Loge Nummer 1 in Vancouver/Kanada auf maurerische Beine zu stellen.[122] *
Im Juli 1921 wird
Spencer Lewis (33°, 90°, 95°, VII°), der
Gründer des AMORC (gegr. am 1.4.1915, Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis), "Honorary
Member... for Switzerland, Germany and Austria" des OTO.[123] * Im selben Jahr werden auch
Heinrich Tränker/Recnartus (33°, 90°, 96°,
X°), Krumm-Heller/Huiracocha (96°, VIII° und
X°) und Carl William Hansen/Kadosh mit mächtigen Würden
und Bürden ausgestattet {5, 13}. Nachdem Spencer Lewis den AMORC nicht an Crowley
abtreten will ("prepared to take over the whole of the AMORC"),[124] * äussert sich dieser W.T.
Smith gegenüber
(die obige Reuss-Charta betreffend): "Lewis... not a full member... is
not a warrant, it is not a charta."[125] * Als Lewis das OTO-Lamen in seinen
Publikationen benützt, behauptet Crowley, er hätte es erfunden. (Lewis stirbt am 2.8.1936).
Hansen ist schon 1898 Martinist in
Kopenhagen geworden. 1906 wird er 32°, aber 1930 stossen ihn die Freimaurer aus
ihren Reihen.[126] *
Am 31.7.21 wird
Hansen via
Bricaud 30° (?)[127] * in Kopenhagen und via Reuss
am 3.9. X°. Von Thelema ist nicht die Rede. Da Reuss keine Hochgrad-Initiationsrituale
zur Verfügung stellt, erteilt Hansen seinen Kandidaten sofort den
IX°.
Der schon
eingangs erwähnte Italiener Frosini (der seit 1909 eine Yarker-Charta sein eigen nennt)
erweitert die Grade am 3.7.1924 um den 33° und sendet die Reuss-Rituale.[128] *
Baron Alphons
Wallen führt Hansen in Bricauds Martinisten-Orden ein, der
1911 mit der Gnostisch Katholischen Kirche fusioniert hat. Im September 1923 erstellt
ihm Bricaud eine Charta, worauf sich
Hansens Orden
nun "Grand Orient de la vrai et haute Maçonnerie esoterique et gnostique
de Danmark" nennt.[129] * Grunddahl Sjallung/Sâr Uriel/Neutralis/Lucius
(1895-1976) schliesst sich 1923 an.
W.C. Hartmanns "Who's Who, The Occult
Press" von 1927 gibt auf Seite 62 folgende Titel Hansens an: "Chemist,
Author, Kabbalist, Astrologer, Patriarch and Primas, Naassenic Gnostic Synode
(Scandinavia), Grand Master General, Grand Orient of Denmark, President
Alchemical Society of Denmark; General Delegate and Hon. Member Societas
Alchemica Italiana; President, Kabbalistic Order (Denmark)." Francis
King findet 1927
OTO, MM und AMORC an derselben dänischen Adresse.[130] *
1928 macht sich
der Schatzmeister von Hansens Ordenskompilation mit der
Kasse auf und davon,[131] * und als die Mitglieder nun
versuchen, Genaueres über ihren "Danske Stor-Orient" zu erfahren,
gelangen ihnen nur negative Berichte über die "Schwindler" Reuss und
Frosini zu
Ohren. Am 21.6.1931 schreibt Hansen an Spencer Lewis: "I am no more
interested in great orders and societies." 1934 taucht Sjallung als Repräsentant des auf 99
Grade aufgeblasenen MM an der FUDOSI auf (Fédération Universelle des Ordres et
Sociétés Initiatiques), die nur eine Sammelorganisation aller Lewis-treuen
Rosenkreuzerorganisationen ist, um dessen Anspruch auf "Legalität" zu
unterstützen.
Nach Hansens Tod 1938 wird Grunddahl
Sjallung neuer OTO-Grossmeister und
fügt obigen Titeln noch "President United Rosicrucian and Hermetic
Orders (Denmark)"[132] * hinzu. Von nun an nennt er
sich Baphomet[133] * und korrespondiert mit
Crowley. Er schreibt sich seine eigenen Initiationsrituale.
1976 stirbt
Sjallung in einer Nervenheilanstalt.
Eric Ericson verarbeitet in seiner Novelle "Master of the Temple"
(London 1983) eine Menge historischer und fiktiver Daten über Hansen.
---
Die Bernerin
Alice Sprengel (28.9.1871-1947),
uneheliches Kind eines lutheranischen Pastors aus Pommern, ist enge
Mitarbeiterin Rudolf Steiners in Berlin.[134] * Sie spielt in dessen erstem
mystischen Drama "Die Pforte der Einweihung" am 15.8.1910 in München
die Rolle der Theodora.
Als Steiner aber am 24.12.1914
Mademoiselle Sivers heiratet, schwenkt sie 1915
zu Theodor Reuss über, bekommt eine Autorisation zur Gründung von OTO-Logen[135] * und gehört 1921 dem "executive
council of 3 (supreme council)"[136] * des OTO an: "Anational
Grandloge & Mystic Temple Verità Mistica, Or. Ascona." Um Frau
Sprengel sind Frau Hardegger und Frau Jantzen.
Clara Linke wird von Reuss als
Universalerbin in seinem Testament vom 20.12.1922 eingesetzt. Da aber Frau
Linke bald
darauf in Rom stirbt, schreibt Reuss das Testament am 27.6.1923 zugunsten seiner
Frau und seiner Haushälterin um und stirbt am 28.10.1923, ohne dass von ihm
ernannte Nachfolger in MM, GKK oder OTO bekannt geworden wären.
Aleister Crowley
notiert schon am 27.11.1921 in sein Tagebuch: "I have proclaimed myself
O.H.O. Frater Superior of the Order of Oriental Templars." Aber:
"We do not have any papers, documents, letters, or diaries," die
beweisen würden, dass Crowley von Reuss als OHO ernannt worden wäre.[137] *
Nach dem Tod von
Reuss eröffnet Crowley im Dezember 1924 Heinrich Tränker: "I wish to obtain
control of all existing movements" und meint W.T. Smith {13} gegenüber am 3. Januar
1935: "Reuss was working with me almost every day and if he had made
any objection to my claim [sovereignty] he would have done so."
Die Tatsache, dass ihn Reuss nicht als seinen Nachfolger auserkoren hat, interpretiert
Crowley später in einem Brief an Smith vom März 1943 folgendermassen:
"he [Reuss] had been misled by some rumour that I was dead or in
trouble or something."[138] *
1926 stirbt Ida
Hofmann, "die Frau im Uranfang,"[139] * in Sâo Paolo.
Crowley an Smith am 3. Januar 1935
"Sie
sprechen von meiner Souveränität. Es war Reuss, der sie hatte und ich ordnete
mich unter. Mein Preis (um es mal vulgär auszudrücken) war die Charta, auf die
in der Oriflamme Bezug genommen wird.(a) Sie werden sehen, dass diese Charta Amerika abdeckt,(b) und zwar nur, weil Reuss und
ich die einzigen Personen waren, fähig, eine solche Position einzunehmen.
Diese Charta ist momentan nicht zur Hand,(c) aber das Manifesto des OTO
wurde publiziert und machte 1913 in weiten Kreisen die Runde.(d) Reuss arbeitete fast täglich
mit mir(e) und falls er irgendwelche
Einwände gegen meinen Anspruch(f) gehabt hätte, würde er sie gemacht haben.(g) Es existiert auch ein
Reuss'sches Pamphlet, mit Photos der Grossmeister und anderer Würdenträger,
worin auch meine Photographie erscheint. Diese Publikation ist gewiss später
datiert als oberwähntes Manifest."(h) [übersetzt]
(a) Crowley meint die Oriflamme vom Juli 1914, 19
(b) in der Tat nennt diese Oriflamme Crowley als X°
von Amerika, ein Amt, das aber nicht für ihn gechartert ist und am 10.5.1921
von C.S. Jones bis zu dessen Tod am
24.2.1950 eingenommen wird {5}. Crowley expediert den Konkurrenten Jones am 1.10.1934 aus seinem OTO
(c) es existiert nämlich nur eine 1912-Charta für
England und Irland, teilweise abgebildet in: AHA 8/91, 12. Crowley wird "33°,
90°, 95°, X° of London... National Grand Master General der von Uns im Vereinigten
Königreich von Grossbritannien + Irland gegründeten Mysteria Mystica Maxima
(M.M.M.) gemäss der Constitution des O.T.O. vom 22. Januar 1906 E.V...,"
unterschrieben am 24. April 1912 von Reuss, Heinrich Klein und Frau Best. Heinrich Klein stirbt am 23.6.1913 in London,
John Yarker ist am 20.3.1913 in
Manchester verstorben
(d) einerseits in der Oriflamme vom Juli 1914, aber
zuvor schon, 1913, als 22seitige Broschüre in England zirkulierend. Dieses 1912
verfasste Manifest erwähnt Crowley als X° von Amerika, England und Irland.
Obwohl die 1917-Reuss-Konstitution oberste Autorität hat, wird es fast
wortwörtlich 1919 im Blue Equinox (Seite 201 mit der X°-Stelle) erneut
publiziert und gilt als DIE Grundlage für Crowleys OTO-Zweig. 1919 sind
Crowleys Geldreserven erschöpft. Folgerichtig nimmt er nun den OTO als neue
Bezugsquelle ins Visier. Es stellt sich die Frage, ob sich Reuss selber der
heiklen Angelegenheit, wer nun X° von Amerika sei, bewusst gewesen ist. Crowley
verlässt England am 24.10.1914. Im Mai 1915 übersetzt und publiziert Reuss
dessen "Honesty is the best Policy," wo Crowley nur als
OTO-Grossmeister von England beschrieben wird![140] * Francis King meint ebenfalls, dass Reuss "disregarded
Crowley's claim to occult supremacy in America"[141] * 1917 ruft das Manifesto vom
Monte Verità zu einem "Anationalen Kongress" auf. Hier sind zwei
Hauptzentren des OTO erwähnt: Ascona und New York...[142] *
(e) So intensiv kann die Zusammenarbeit nicht gewesen
sein, wenn Reuss im Anhang der "Constitution des OTO" 1917 und auch
in der Gnostischen Messe von 1917/18 dauernd von Master Thirion und "Thelima"
spricht
(f) X°
(g) die "Zusammenarbeit" endet aber 1914 in
London mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges {15}
(h) es handelt sich hier um die Jubiläumsausgabe der
Oriflamme 1912, wo Crowley aber nur als X° von England und Irland auftritt.
Falls Reuss tatsächlich Crowley als X° von Amerika akzeptiert hätte, warum ist
dann C.S. Jones zum X° bestallt worden, der
es ablehnt, Crowleys Autorität über die USA anzuerkennen?[143] *
Im März 1943
Crowley erneut an Smith über Reuss: "the
late O.H.O., after his first stroke of paralysis, got into a panic about the
work being carried on... He hastily issued honorably diplomas of the Seventh
Degree to various people, some of whom had no right to anything at all and some
of whom were only cheap crooks."
Karl Germer
berichtet Carl Heinz Petersen (1912-1957) am 6.1.54, dass
Crowley und Reuss sich in Palermo getroffen hätten, um die OHO-Frage zu klären.
Eine Behauptung, die sich bislang nicht hat belegen lassen.
Martin Patrick
Starr (geb.
1959), Koryphäe auf dem Gebiet "Crowley" {13!}, weiss von "Reuss'
letter to Crowley telling the latter not to spread Thelema through the
O.T.O."[144] *
oOo
Hilfiker schreibt am 14.4.1936 an
Constant Chevillon (geb. 26.10.1880), den
Nachfolger von Joanny Bricaud {13, 16}: "La charta
original de Yarker [an Reuss] ... avait été
endossée en mon nom comme son successeur authorisé." An Chevillon am 21.7.36: "Concernant
la charte de Reuss qui est en possession de Tr[a]enker je vous informe
que cette charta était endossée à mon nom et une dame [Clara Linke?] était chargée de me
l'apporter avec les documents de cession. Or cette dame est morte en route et
presque en même temps Reuss a succombé." Und doch hat sich genau diese
Yarker-Charta
vom 24.9.1902 im Nachlass Hilfikers auffinden lassen. Auf
dieses Datum nimmt Reuss in seinen Freibriefen, Chartas und in den OTO-Statuten
Bezug, obwohl das vorliegende Papier zu nichts berechtigt und Reuss
"nur" in die 30°, 31°, 33° und ins Amt des "Sovereign Grand
Inspector General" erhebt. Ob Reuss am selben Tag ein noch
unauffindbares Papier von Yarker erhalten hat, das manchmal
zitiert wird?
Hilfiker an Patriarch Chevillon am 13.6.1936: Obwohl sich
Heinrich Tränker als OHO ausgebe (Arnoldo
Krumm-Heller, der sich zur Zeit grad in
Berlin aufhalte, interessiere sich nicht sehr dafür): "L'O.T.O. est
mort avec Reuss." Im Brief Hilfikers an Chevillon vom 23.7.1936 distanziert Hilfiker sich von Crowley und schlägt
vor "de considérer l'O.T.O. comme non existant." Hilfiker erweckt nun 1936 unter
Chevillon das schweizerische Souveräne
Sanktuarium des Memphis-Misraïm-Ritus unabhängig von der "Libertas et
Fraternitas" wieder zum Leben[145] * und wird 1947 bei Reuben
Swinburne Clymers (25.11.1878-1966)
Bestreben, alle Rosenkreuzer-Orden unter sich zu vereinen {12}, aktiv;
wahrscheinlich im Zusammenhang mit Clymers und Chevillons Bemühungen um eine Art
anti-FUDOSI gegen Spencer Lewis' AMORC {5}.[146] *
Chevillon konsekriert 1939 den X°
Krumm-Heller. Er wird 1944 von der
Gestapo ermordet.
Hilfiker und Clymer treffen sich am 7.5.1947 und
vom 1.-5.6.1948 in Zürich im Hotel Baur au Lac. Krumm-Heller wird kurz vor seinem Tode
Mitglied in Clymers Rosenkreuzer-Organisation
{12}.[147] *
Oscar Schlag {14} erinnert sich, Hilfiker habe sich immer als Prophet,
als ein Gesandter gefühlt, und unterstützt die Hypothese, Hilfiker könnte sich als Erbe von
Reuss gesehen, möglicherweise aber seine Papiere, Chartas und Orden von Reuss
wegen dessen angeschlagenen Rufes geheimgehalten haben.[148] *
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Zu Margerite
Faas-Brunner-Hardegger (20.2.1882-23.9.1962), in
deren Nachlass sich ein Wagner-Textbuch mit Reuss' Stempel
(dat. nach 1914) hat finden lassen, sei Harald Szeemann zusammengefasst:
"gelernte Telegrafistin, holt Jurisprudenzstudium nach, 1905-1909
Sekretärin des Schweiz. Gewerkschaftsbundes, nähert sich den anarchistischen
Ansichten Landauers und Mühsams,leitet in Bern die Gruppe Hammer und muss ihre
Gesundheit in Ascona pflegen. 1912 wird sie wegen falscher Zeugenaussage im
Prozess gegen Ernst Frick verhaftet, lebt dann mit Hans Brunner [1887-1960]
zuerst in einer sozialistischen Kommune in Herrliberg dann ab 1919 mit ihm auf
dem Monte Veritá in der Villa Graciella, [dem ehemaligen Wohnsitz Karl
Vesters]."[149] *
Der deutsche
Kriegsdienstverweigerer Giovanni Brunner führt ein Geschäft für Kleinmöbel und
Innenausbau in Minusio. Alias Sr. Hyazinte sieht sich Margerite Hardegger seit dem Tod Frau Sprengels 1947, rivalisierend mit
Genja Jantzen, als deren
Rechtsnachfolgerin. Ein Kampf um das Amt des Meisters vom Stuhl hat die
Hardegger auch mit der Sprengel schon entzweit.[150] *
In der
nahegelegenen Villa Verbanella lebt Frau Dr. Appia (eine Verwandte des
Bühnenreformators auf dem Monte Verità?), die sich für ihre Meditationen einen
Tempel bauen lässt und, aus den USA zurückkehrend, angeblich ein amerikanisches,
anonym erschienenes und nicht näher bekanntes Buch "Meister im fernen
Osten" übersetzt hat. Bei ihr ist die Ex-Geliebte des Grossmeisters der
Fraternitas Saturni, Eugen Grosche, Frau Hanne Wildt, die auch bei Frau Hardegger zuweilen wohnt. Grosche {6} ist 1937 Gast bei den
Damen der Tessiner OTO-Loge gewesen, mit der nicht die aufgelöste "Veritá
Mistica" gemeint sein kann. Die Frage bleibt offen, wo der Hauptsitz des
schweizer OTO ist. Hilfikers Geliebte Frl. H.Walder in Zürich und eine Frau
Billwiler sind beide gegen Genja Jantzen eingestellt.[151] *
Eugen Grosche erzählt ausserdem von einem
Dr. Maag.[152] *
Felix L. Pinkus
Dr. phil. Felix
Lazerus Pinkus ( 13.8.1881 in
Breissgau/Preussen - 12.2.1947), ist an der Universität Breslau eingeschrieben
für Nationalökonomie und Naturwissenschaften und promoviert mit "Die
moderne Judenfrage." Er gehört dem Allgemeinen Zionistenverband an. 1907
stellt ihn das Stadttheater Lindau als Dramaturg ein. 1908 nimmt er zusammen
mit seiner Frau Elsbeth Flatau ein gemeinsames Engagement am Volkstheater in
Zürich an und wird alsbald Lehrer am Privatgymnasium Minerva. 1910 wird Pinkus Redakteur der Schweizerischen
Zeitschrift für Jugenderziehung, 1914-18 Redaktor der Wirtschaftszeitung
"Economist" und übernimmt die Präsidentschaft des Zionistenbundes
Zürich. 1918 verfasst er die Broschüre "Von der Gründung des Judenstaates"
und erleidet mit seinem Finanzgeschäft Konkurs. Daraufhin wird Pinkus in Wien verhaftet und muss
sich vor den Behörden Zürichs verantworten.[153] * Er setzt sich nach Albanien
ab. 1931 findet sich die Familie wieder in Berlin zusammen. Pinkus wird Wirtschaftsexperte in
der Handelsvertretung der Sowjetunion. "Dem eigenwilligen jüdischen
Bürgertum Preussens entsprungen, bemüht einen bankiersgemässen Lebensstil mit
einer 'liberalsozialidealistischen' Weltanschauung zu verbinden"
führt Pinkus mit seiner Frau einen
aufwendigen Haushalt in seiner Zürcher Villa "Krystall," der keine
kulturellen Verlockungen auslässt. Er ist ausserdem aktiv in der Loge Bnai
Brith[154] * und zeitweise Journalist
beim Völkerbund.
"IX°
O.T.O."
F.L. Pinkus wird Gründer und Sekretär
der Sektion für Psychische Forschung der Schweizerischen Kulturgesellschaft und
gründet 1945 in Zürich eine "Psychosophische Gesellschaft" {10}, um "esoterische
Werte und psychische Hilfe zu vermitteln" {9}.
Um Pinkus/Elieser: Hilfiker und sein Adlatus Reichel,
Merlitschek, Baumgartner aus Aarau
(Loge zur Treue), Struppler und Karl Brodbeck vom Illuminaten-Orden {11}.
Der zum Kreis
gehörende Ingenieur Traugott Egloff aus der Badenerstrasse in
Zürich interessiert sich sehr für die Abramelin-Beschwörungen und macht sich
diesbezüglich in den brasilianischen Dschungel auf, wo er angeblich spurlos
verschwindet und am Karfreitag 1969 stirbt.[155] * Zeit seines Lebens hat
Egloff Kontakt
mit C.G. Jung (1875-1961) gehalten. In
Band Drei von Jungs Briefsammlung finden sich
vier Briefe Egloffs.[156] * Dessen Beitrag zur Esoterik
besteht in einem Manuskript mit dem Titel "Zauberei, eine Studie über das
Besprechen. Die Kunst des Heilens und des Wirkens durch das gesprochene oder
geschriebene Wort."[157] *
Frater Paragranus
H.J. Metzger {9}
wird 1943[158] * alias Paragranus von Genja
Jantzen und
Alice Sprengel im Tessin (oder Davos?)
initiiert.[159] * Die Jantzen fungiert nur als Ja-Sagerin.[160] * Unter Pinkus durchläuft Metzger die drei
unteren Reuss-OTO-Initiationsrituale {9} und "die Grade I-IX."[161] *
Frau Alice Herder (geboren 1902), seit den 20er
Jahren Theosophin, erinnert sich lebhaft an die Zeit, in der Pinkus als jüdischer Flüchtling in
die Schweiz gekommen und ungefähr 10 mal in der Zürcher Theosophischen Gruppe
aktiv geworden ist. Diese unorganisierte Gruppe habe Pinkus niemals akzeptiert, da seine
Ideen zu revolutionär gewesen seien, worauf er eine eigene Gruppe gebildet
habe. Pinkus' magische Grundlage basierte
auf Eliphas Lévi (1810-1875). Auch Metzger "studierte [Lévis
Bücher] in französisch, italienisch und deutsch."[162] *
Bald habe Pinkus Metzger, alias Peter Mano,
2-3 mal in die Theosophengruppe gebracht, dieser sei jedoch nur an
geschäftsmässiger Werbung für seine Horoskope interessiert gewesen.[163] * In der Tat habe Frau Herder beide, Pinkus und Metzger, als
"charakterschwache Schwarzmagier" empfunden, und vor allem Metzger
habe ihr jedesmal Gänsehaut verursacht, wenn er sich neben sie gesetzt habe.
Wie Pinkus sei Metzger bald von der
Theosophengruppe "abgefallen," er sei doch nur "ein komischer
Kerl, der sich in alles ohne Ernst hineinbegab" gewesen. Die Leute, die
Metzger mitgebracht habe, sind für Frau Herder "Zirkusleute,
Schauspieler," "heisse Luft, ohne Tiefe," gewesen.
Frau Herder weiss sich zu erinnern, dass
Metzger von Pinkus zu seinem Nachfolger
auserkoren worden sei und deshalb schon zu Lebzeiten dessen magische Kristallkugel
erhalten habe.[164] *
Der Sohn von F.L.
Pinkus, Theo
Pinkus: "Ich
habe nicht davon Kenntnis genommen, dass er [der Vater] bestimmte
Funktionen in dieser [sic] OTO hatte. Ich wusste nur, und darüber
erzählte er mir auch, dass er viele Vorträge in den theosophischen Kreisen
gehalten und dort auch immer wiederholt hatte, (was ihn auch mit Herrn Metzger
verband) dass eigentlich die theosophischen Ideale nur in einer kommunistischen
Gesellschaft Wirklichkeit werden könnten und man deshalb für eine solche
kämpfen müsse."[165] *
Als Frau Sprengel und sein "geistlicher
Vater" Pinkus 1947 sterben, erleuchtet
Metzger in Zürich seine eigene OTO-Loge. Eine der Anwesenden an Metzgers
Initiation, Gundula Bader (deren Mutter, eine V°, Frau
Jantzens
Superiorin gewesen sei) hält es "für unwahrscheinlich," dass
Metzger je die originalen Sprengel-Dokumente erhalten habe,[166] * die ja (in der Anwesenheit
von Oscar Schlag {14}) an Genja Jantzen geschickt worden seien.[167] *
Metzger
beschreibt die Ereignisse folgendermassen: "Die letzten Reste eines
Landeszweiges des OTO lagen also in den Handen von Dr. P. und jener Frau
Sprengel... Durch eine besondere
Anrufung, bezw. ein bed. Ritual, haette das ganze verjuengt werden sollen um
damit die Pforte zur geist. Welt und einem neuem Impuls zu eroeffnen. Dabei
spielte die juengere Freundin der Frau Sprengel eine bes. Rolle und versagte,
worauf dann kurze Zeit spaeter, jedoch nicht bevor Dr. P. die Dinge in m.
Haende gelegt hatte und alles Wesentliche in den Haenden dieser Frauen
vernichtet wurde, Dr. P. in das Lichtreich einging. Zu sagen ist, dass die
Freundin von Frau Sprengel [Jantzen?] weder von der Stellung
und Mission m. Vaetl. Freundes [Pinkus] noch von mir
wusste." Metzger bezeichnet die angebliche Linke/Hofmann-Charta als seine
Grundlage. Dort wird von "Helvetiae in generale" gesprochen.
In den Ritualen des Metzgerschen "Orient Thuricensium
O.'.T.'.O.'." taucht der Begriff "Veritas Mystica Maxima"
auf, der aber in der aktuellen Version durch "Loge Thelema"
ausgetauscht worden ist.
"Später
versuchte sie [Jantzen?] mit Zuzug einer Freundin
eine selbständige Gruppe aufzubauen, indem sie behauptete von ihrer muetterl.
Freundin [Bader?] die Konstitution zu
haben und rechtmaessiger, oberster Pontifex des Ordens zu sein, bezw.
alleiniger Herr und Meister. Diese Konstitution, auf welche sie sich beruft,
enthaelt aber nur die Ermaechtigung fuer die 3 ersten Grade und wurde ihr nie
rechtmaessig uebertragen."[168] *
Was etwas
wundert: Metzger will in der Davoser Loge unter Alice Sprengel (Charta von 1921) initiiert
worden sein, beruft sich auf die Linke-Hoffmann-Charta von 1918 und kennt
Theodor Reuss' Übersetzung von Crowleys Gnostischer Messe noch nicht, die schon
1917 auf dem Monte Verità und dann 1920 in Zürich im Tempel der "Libertas
et Fraternitas" verteilt worden ist.
Als Metzger via
Hilfiker Freimaurer werden möchte,
wird sein Gesuch nicht weitergeleitet. Hilfiker "warnt" am
17.9.1951 den Basler G. Imhof vor Metzger, der zwar eine bewegte Vergangenheit
als Kommunist habe, esoterisch aber nur als Streber anzusehen sei. Ausserdem
entsprängen "seine Absichten nicht ganz reinen Motiven." Ob
Hilfiker sich da wohl an Metzgers
Motto Paragranus erinnert, das sich stark an dasjenige von Reuss, Peregrinus,[169] * anlehnt - und sich sogar in
Metzgers Unterschrift die Mottos, zumindest auf der angeblichen Reuss-Charta
von 1918 an Linke/Hoffmann, sehr ähneln?
1963 bezeichnet
Metzger Frau Sprengel als "älteste
Schwester des Ordens," was er im selben Jahr auch von der 1962
verstorbenen Frau Hardegger behauptet. Eine Frau M.
Leutenegger inseriert in Metzgers Oriflamme 1962 für die Villa Aurora als
Ferienort im Tessin. Als Karl Vester (geb. 1879) am 24.9.63
stirbt, wird er von Metzger mit einer kleinen Todesanzeige gewürdigt. Vester wurde Verwalter des Monte
Verità-Besitzes nach Ödenkovens Auszug und ist von Metzger besucht worden.[170] *
Hilfiker stirbt am 15.10.1955. Laban de Laban ist am 1. Juli 1958 in
England, Mary Wiegmann 1973 auf dem Weg zum Monte
Verità und Oskar Bienz am 28.Juli 1988 in
Johannesburg verstorben.[171] *
Crowleys OTO und die
Freimaurerei
1900 erhält
Crowley in Mexiko den 33°. In Paris erwirbt er den "Master Mason" am
17.12.1904. Da die französische Grossloge von England nicht anerkannt wird, ist
demzufolge Crowley nie regulärer englischer Freimaurer geworden.[172] * Als ihm Reuss 1910 den VII°
anbietet, ist das nur eine Bestätigung des 33°, der im OTO als VII° gilt, aber
ebenfalls irregulär ist. Trotzdem sieht sich Crowley als "sole and
supreme authority in Freemasonry" (so in seinen OTO-Aufnahmeformularen,
z.B. für den australischen Zweig).
"The
O.T.O. is so to speak the quintessence of Freemasonry and is run on strictly
masonic lines."[173] * "So far as the OTO
is at all concerned with FM, it is that the whole of the knowledge of the 33.
of the Reduced Rite is incorporated in the first seven degrees of the
OTO."[174] *
"Many
older branches of the O.T.O. especially those that did not adopt the M.M.M.
Rite of Crowley, would admit 33° masons to the VII° directly, considering the
33° to be equivalent to what we call VI°. This accounts for high incidence of
VII° members in such groups. Of course, the entire value of the Thelema Rite of
M.M.M. is lost in them, and they could scarcely be expected to adopt and work
without having undergone it, but nevertheless that it was done at the time. We
require 33° masons to take Minerval [0°] and continue from there, since it is not the
same system any longer, although it does include the older Rites in a thelemic
fashion. But in the old days you have passed through ordinary freemasonry to
become an O.T.O. member. One of the most important changes Crowley introduces
was to revise the entire FM system along thelemic lines. Which of course
requires that the thelemic O.T.O. derived from Crowley performs initiation
within the O.T.O. proper, and not simply accept 33° from other systems to our
system or (as Crowley once proposed in the Blue Equinox) III° masons to our
III°."[175] *
Vereinigte
Grosslogen von Deutschland: "Bei dem orientalischen Templerorden
handelt es sich um eine Organisation, die Männer und Frauen aufnimmt und daher
nach den Massstäben der Weltfreimaurerei irregulär ist."[176] *
Allgemein sieht
die Freimaurerei den OTO/IO als paramaurerischen Cerneau-Ritus.[177] *
5. Von denen Buchhändlern und Grossmeistern
Heinrich Tränker
In den
Enstehungswirren der Theosophie in Deutschland ist Heinrich Tränker (geb. 6.8.1880) Verlagsinhaber
und Buchhändler der "Theosophischen Zentralbuchhandlung" in Leipzig.
Nach dem Ersten Weltkrieg (Ende: November 1918) muss die TZB Konkurs anmelden
und Tränker scheidet aus der Leipziger
Theosophengruppe aus.
1919 nimmt
Tränker via
Franz Hartmann brieflich Kontakt mit Reuss
auf[178] * und gründet zusammen mit
A.A. Otto und Otto Wilhelm Barth 1921 in München die
"Lotus-Gesellschaft," die sich vor allem mit den Lehren Franz
Hartmanns beschäftigt {3}. Hartmann soll aber Tränker nie ganz getraut haben.
1920/21 kreieren
Tränker und
seine Frau Helene die "Pansophie." Zu dieser Zeit hat er von Reuss,
ohne ihn jemals zu treffen, eine deutsche X°-OTO-Charta bekommen. Tränker, der Henkelkreuzmann, legt
sich, neben Tartarus, eine Reihe zoologischer Namen zu: Recnartus, Greif, und Garuda
(der Vogel Wischnus).
1922 stösst Karl
Germer, den er schon 1919 in Leipzig erstmals getroffen hat, zum
"Collegium Pansophicum." Dieser, als Maschinentechniker, finanziert
die Logenpublikationen und wird dafür alias Saturnus zumindest theoretisch in
die Esoterik eingeführt. Tränker kontaktiert Eugen Grosche, der nun die Pansophische
Loge, Orient Berlin, installiert. Erster Stuhlmeister wird der UFA-Architekt
Albin Grau/Pacitius {6}.
Wahrscheinlich
setzen sich die Mitglieder aus der "Rosenkreuzergesellschaft Franz
Hartmann" und der "Heindl-Bewegung" zusammen.[179] * Mitglieder der Theosophischen
Gesellschaft (TG) werden nicht ohne weiteres Mitglieder der Pansophia.[180] *
Nach dem Tod
Reuss' 1923 holt sich Tränker bei der Witwe die
Ordensunterlagen, deponiert sie bei O.W. Barth, wo sie Frau Reuss jedoch
bald wieder abholt.[181] * Über seine esoterischen
Aspirationen berichtet Tränker fleissig dem amerikanischen
X°, C.S. Jones (alias Fr. Arctaeon alias O.I.V.V.I.O
alias Parzival alias Achad). Der OTO als solcher habe "no particular
value" für ihn,[182] * er selber sei der Führer
aller Organisationen im Hintergrund. Nach aussen solle entweder C.S. Jones oder Crowley als OHO
fungieren. So wird Crowley, zur Zeit in Tunis, nach Deutschland eingeladen.
"Liber I,
Das Buch der Null-Stunde," vom Logensekretär Eugen Grosche signiert, verkündet in
"Mitleidloser Liebe": "Das Ende naht! ... in dieses Vakuum
fliesse ein das Gesetz: Tue was du willst."[183] * So taucht nun am 22. Juni
1925 die Personifikation dieses Gesetzes, Crowley, in Tränkers Haus in Hohenleuben/Weida
auf und wird, anfänglich unterstützt von Mudd, Hirsig, Olsen, Germer, Martha
Küntzel und
deren Geliebten Otto Gebhardi,[184] * zum Weltheiland ausgerufen.
Karl Germer fungiert als Dolmetscher (über ihn gleich mehr). Max Schneider übersetzt Crowleys "Buch
des Gesetzes."
Bald zieht
Crowley zu Germer, macht diesen zum IX°, denn immerhin hat ja Germer seine
Reise nach Deutschland bezahlt, und lässt verschiedene "Stellungsnahmen
gegen Tränker" zirkulieren. Ob
Crowley sich mit Tränker zerstritten hat, weil
Tränker wichtige
Reuss-Unterlagen besessen hat, bleibt ungeklärt.[185] *
Allein Germer und
die Küntzel sind dem Weltheiland treu
geblieben. Alle anderen haben ihre Wahl Crowleys zum OHO widerrufen.[186] * Angeblich habe Tränker bei der Polizei um einen
Ausweisungsbefehl gegen Crowley/Therion nachgesucht und eine magische
Beschwörung gegen Crowley vollzogen, um "diesen unschädlich zu
machen." Darüber empört, fordert Albin Grau Tränker auf, das Grossmeisteramt der
Pansophischen Loge niederzulegen. Da Tränker aber nicht weicht, erfolgt
in "ritueller Feierlichkeit die Auflösung" der Pansophie in
Berlin, der Bruch Graus mit dem OTO Tränkers, und zusätzlich die
Absplitterung des Berliner Pansophischen Arbeitskreises "Fraternitas
Saturni" von der Pansophie {6}.
Stellungnahmen zu Heinrich
Tränker[187] *
1. Briefentwurf Crowleys an Tränker (November 1924)
"Zur
jetzigen Zeit gibt es keine kontinuierlich arbeitende Organisation mit einer
authentischen Tradition.
Abschnitt III.
Es muss ganz
klar herausgestrichen werden, dass ich persönlich keine Beweise historischer
Authentizität brauche.[188] * Einerseits halte ich nicht
viel von Geschichte und anderseits überzeugt mich meine Autorität über die AA
völlig, da der OTO ja die Tradition der AA nur auf einer geringeren Ebene
weiterführt.
Klar
ausgedrückt geht es um folgendes: Es ist mein Wahrer Wille, das Gesetz von
Thelema auszubreiten, und zu diesem Zweck möchte ich Kontrolle über alle
existierenden Bewegungen erhalten.
Beziehung zwischen mir, Aleister Crowley, und
Heinrich Tränker
Abschnitt C. Im
Herbst 1924 schrieb mir mein damaliger amerikanischer Stellvertreter [?]
C. Stansfield Jones, dass er mit einem Heinrich
Tränker Kontakt aufgenommen habe.
(5) Tränker führte einen Teil seiner
Autorität auf den verstorbenen Theodor Reuss/Merlin[189] */Peregrinus zurück. Ich
kannte Reuss und wusste, dass er Deutschland als Folge eines Skandals im
Zusammenhang mit seinem Orden [OTO] verlassen hatte [XI°].
Er lud mich
als Sommergast in sein Haus ein. Zwei Gründe waren ausschlaggebend. Erstens
sollten verschiedene Brüder des Ordens aus dem ganzen Lande ebenfalls
eingeladen werden, damit ich zum Absoluten Oberhaupt des Planeten ausgerufen
werden konnte.
Zweitens
wollte man sich in einigen ungeklärten Punkten über Theorie und Praxis des
Werkes näherkommen und nach meinen von Karl Germer übersetzten Anweisungen
arbeiten.
Abschnitt E.
Die zunehmende
Unbequemlichkeit in Hohenleuben zwang uns, immer mehr Zeit in Herrn Germers
Haus in Weida zu verbringen.
Statement betreffs Heinrich Tränker
...Sein
Benehmen war dermassen empörend, dass er sogar bei der Polizei angezeigt
werden musste. Er entkam nur mit knapper Not einer Verhaftung.[190] * Er übernahm nun aus einer
meiner Publikationen eine Auflistung der Orden, die ich selber repräsentiere,
und machte sich selbst zum Grossmeister."
[übersetzt und
gekürzt][191] *
Ein
Nachwort zu Karl Germer[192] *
H.C. Birven
"Ich habe
damals [1924]
schon mit Barth, der ein gebildeter Mann
war, korrespondiert und ihn persönlich kennen gelernt. Aus welchen Gründen H.
Tränker bald darauf nach Berlin zog,
wo er eine Zeitlang unweit vom Halleschen Tor in einer Dachwohnung zusammen mit
Barth wohnte, ist mir unbekannt.
Letzterer war damals mittellos, er brachte mir häufig Bücher, die ich bei ihm
bestellte, zu korrekten Preisen. Nach einem Besuche in dieser Dachwohnung begleitete
mich Frau Tränker, eine Wirtstocher, ein Stück
auf die Friedrichstrasse. Sie war nicht unsympathisch und half dem ungewandten
Tränker bei schriftlichen Arbeiten.
Aus Andeutungen konnte ich entnehmen, dass ihr eheliches Verhältnis bereits
getrübt war, da sie kinderlos blieb.
Einige Zeit
später, als ich in B. Hermsdorf wohnte, stellte ich zufällig fest, dass auch
Tränker daselbst eine Wohnung
bezogen hatte. Da konnte ich seine riesige Bibliothek bewundern. Es war das im
Anfang der Nazi-Regierung. Ich nahm auch wahr, dass Tränker unter dem Diktat seiner Frau
schrieb; er selbst kam nie mit sich ins Reine. Es fand nun auch ein häufigerer
gegenseitiger Verkehr statt. Dann als ich zufällig bei Tränker vorbeikam, sah ich, wie bei
strömendem Regen die ganze Bibliothek auf 6 Lastwagen verladen wurde; nicht ein
Stück Schreibpapier, nicht eine einzige Schreibfeder hatte man ihm gelassen.
Er wurde mitgenommen, verhört und geschlagen, er hatte eine Wunde am Auge. Am
Abend, nach dem Verhör, kam Tränker zu mir und erzählte die
Schurkerei... - Da Tränker sich bald darauf von seiner
Frau, die kinderlos blieb, trennte, wurde vermutet, dass diese ihn angezeigt
habe.
Tränker heiratet in zweiter Ehe eine
ganz junge Frau, die ihm mehrere Kinder gebar. Auch von dieser trennte er sich
nach Jahren, um eine dritte Frau zu ehelichen. Auf seinen Wunsch war ich der
eine der beiden Trauzeugen. Später war Tränker wieder im Besitz einer
stattlichen Büchersammlung, die ihm von seinen Anhängern überlassen worden war.
Tränker war im Grunde ohne Bildung,
er kannte genau die Titel seiner Bücher und was in Katalogen darüber zu lesen
war, aber er war ein blosser Büchernarr und als solcher glücklich.[193] *
Im August 1925
erschien Crowley, der sich damals in Afrika befand, zu einem Besuche bei
Tränker in Weida. Er folgte damit
einer Einladung von Tränker, der von ihm gehört hatte.
Crowley erschien aber mit hohem Gefolge seiner Anhänger Dorothy Olsen, Norman
Mudd und Leah Hirsig... Nach einigen Tagen wurde
ein Zeugnis der Suchenden abgefasst, das den Crowley als Lehrer der Welt bezeichnete,
abgefasst und von folgenden Personen unterzeichnet: Heinrich Tränker. - Helene Tränker. - Karl Germer. - Dorothy
Olsen. - Norman Mudd. - Leah Hirsig. - Martha Küntzel. - O.G.-
Zu einer
vollen Auswirkung dieses Zeugnisses kam es jedoch nicht, da das Ehepaar Tränker als die finanzielle Stütze
nach wenigen Tagen seine Unterschrift widerrief. Am 24. Februar 1926 widerrief
auch Mudd; desgleichen am 18. August 1927 Leah Hirsig. Die schriftlichen Absagen
von Mudd und Hirsig haben mir vorgelegen.[194] * Dagegen sind Germer und
Martha Küntzel dem Meister lebenslänglich
treu geblieben. Der O.G. hatte nur Frau Küntzel zu Gefallen unterzeichnet.
Dorothy Olsen war längere Zeit eine Geliebte Crowleys. Germer lernte also
Crowley erst 1925 kennen."
-+-
Tränker trennt sich 1925 nicht nur
von Crowley, sondern auch von seiner Frau, von der Tränker nun behauptet, sie sei nicht
Ordensmitglied, nimmt sich eine Geliebte ("mein Schatzi" Sr. Jehewidah?)
und zeugt mit dieser zwei Kinder. Seine Frau zieht die Polizei mit ins Spiel
und klagt ihren Ex-Gatten "verabscheuungswürdiger, sexueller
Perversionen" an.[195] * Tränker wird ebenfalls gerichtlich
von Karl Germer belangt, der wieder etwas von dem Geld sehen möchte, das er in
Tränkers
Publikationen und seine Übersetzungen gesteckt hat, da Tränker "did not invest a
Pfennig into Pansophia."[196] *
Germer schlägt
sich definitiv auf Crowleys Seite und wird ihn bis zu dessen Lebensende
finanziell unterstützen. Das oben erwähnte " Collegium
Pansophicum was an invention of Tränker's. He used the term partly to
bluff other people; he hinted darkly at a body of high Initiates in distant
countries whose agent for Germany, if not Europe, he claimed to be.
These initiates never revealed themselves to him. The C.P. actually stood
for Tränker and myself,"
so Germer an Max Schneider am 8.11.1935.
Der Juwelier Max
Schneider/Viator/687 (ein IX°, da im
Besitze von Crowleys "Emblems and Modes of Use"), ehemaliger Freund
Tränkers (von
ihm hat Tränker Crowleys Adresse), lebt in
Antwerpen, wird 1935, zusammen mit W.T. Smith, Mitbegründer der 2. Agape
Loge in Kalifornien {13}. Crowley, der Schneider nie getroffen hat,[197] * schreibt diesem im Juni
1934: "I advice strongly against starting O.T.O. until I am personally
present. This time it has got to be done correctly right." Crowley ist
jedoch zeit seines Lebens in keiner Agape Loge gewesen {13}.
Der spätere
Gründer der deutschen Freimaurerforschungsloge "Quatuor Coronati,"
der Nervenarzt Bernhard Beyer (1879-1966), veröffentlicht 1925 in Tränkers immer noch existierenden Pansophie-Verlag
ein 7-bändiges "Freimaurer-Museum," darunter auch Rosenkreuzer-Werke
von Franz Hartmann.[198] *
Tränker wohnt in Gera/Thüringen, in
seiner "Waldeinsamkeit." Die dortige pansophische Loge nennt
sich "Zum hütenden Greif," Aufnahmegebühr: 4 Mark. Am 5.12.1926 wird
die Loge "Zur siegenden Morgenröte" in Königsberg erleuchtet.
Recnartus
versucht 1928 in der Zeitschrift "Pansophia", "Zentral-Organ
des Collegium Pansophicum... Korrespondenzblatt... des O.T.O.,"
als "neue, vollkommen gesetzmässige Oberleitung, Nationaler Grossmeister
für Deutschland" folgende Organisationen für sich zu
beanspruchen und unter seiner Jurisdiktion zu vereinen: "Alter und
Primitiver Schottischer Ritus der Freimaurerei von Deutschland, Swedenborg
Ritus der Maurerei, Orientalischer Templer Orden, Hermetischer Orden der G[oldenen]
D[ämmerung], Der Misraim Ritus 90°, Der Orientalische Memphis Ritus
97°, Der alte u. angenommene Ritus von Heredom, Die hermetische Bruderschaft
des Lichts, Fraternitas Rosae Crucis etc., Neue Gnostische Kirche, Neuer
Illuminat."[199] *
Hinweise auf das
Gesetz von Thelema lassen sich in den vielen Schriften Tränkers, abgesehen von kryptischen
Anspielungen auf Pan, Babalon oder "das hochheilige Buch" des
Gesetzes (Liber AL), nur vereinzelt finden. Trotzdem gibt er seinen Schülern
dieselben bibliographischen Anweisungen, die Crowley seinen AA-Studenten
aufgibt (Liber XIII).
Der Gradaufbau
der Pansophie weist 10 Stufen auf.[200] * Die
"Sexualmysterien," gemäss dem thelemitischen Kernspruch nach
Reuss'scher Übersetzung "Liebe ist das Gesetz. Liebe unter der
Kontrolle des Willens!" sprechen z.T. deutlich aus, was Crowley zum
Beispiel in Sachen Vaginalsekrete nur andeutet.[201] * Die internen Manuskripte und
Rituale unterzeichnet Tränker mit "O.H.O."
Harvey Spencer Lewis
Spencer Lewis/Profundis hat am 1.4.1912 den
"Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis (AMORC) gegründet (auf den hier aus
Platzgründen nicht näher eingegangen wird) und ist mit einem Theodor
Reuss-Papier vom Juli 1921 "Honorary Member... for Switzerland,
Germany and Austria" des OTO geworden. Auf diesem Diplom sind neben
dem OTO-Siegel auch der Pansophie-Stempel Tränkers zu sehen.
Lewis schreibt an M.Carl am
16.2.1934 über Reuss, dieser sei der "secret chief of the OTO and the
Oriental Pansophia" gewesen. Ebenfalls verwendet Krumm-Heller in seinen Briefköpfen der
20er Jahre u.a. die Bezeichnung "Societas Pansophia" {12}.
Nicht an die
zuerst in seiner Charta genannte Schweiz wendet sich Lewis, sondern an Heinrich Tränker. Im August 1930 planen die
beiden ein "Pansophia International Rosicrucian Council," verschicken als OTO und AMORC eine "Second Fama" ("kommet alle
herbei - tretet ein! ... 33° 90° 96° X°)," was aber alles nur Schachzüge in Lewis' Bemühen um Legalität seines
AMORC sind.[202] *
1931 nennt sich
Tränkers
Organisation zuerst "Pansophische Rosenkreuzer-Grossloge zum Hütenden Greif,"
am 19.9.1931 dann "Pansophische Rosenkreuzerloge zur Weltenesche."
Ihr ist kein langes Leben beschieden.
Bald macht Lewis im April 1933 Tränker lächerlich[203] * und veranstaltet 1934 die
FUDOSI (Federation Universalis Dirigens Ordines Socientesque Initiatiques), wo
auch Vertreter der Église Gnostique Universelle {15} teilnehmen. "The
term Pansophia is referred to as a division of the Rosicrucian studies
and work and not as a separate school or a separate organisation."[204] *
Die FUDOSI,
allein einberufen, um Lewis' Ansprüche auf
rosenkreuzerische Legalität seines AMORC zu untermauern, wird nach Erfolg
wieder aufgelöst - ruft aber Reuben Swinburne Clymer auf den Plan, der als
Gegenzug alle allein ihm freundlich gesinnten Rosenkreuzer-Organisationen unter
seinem Hut zu vereinen sucht {4, 13}. Die französische Literatur gibt
erschöpfend Auskunft über die FUDOSI. Es sei hier allein auf Serge Caillet: "Sar Hiéronymus,"
Paris 1986, und R.S. Clymers Bücher verwiesen.
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1932 gründet
Tränker in New
York die "Societas Pansophia Universalis."
Ab Mitte April
1935 publiziert Tränker von Kalifornien und Illinois
aus seinen "Pansophic Intellectualizer," wo auch G.W. Surya
(1873-1949) Artikel verfasst. Die Statuten und die Zeitschriften erscheinen
unter dem Siegel "Universal Pansophic Society, North America/Mexico
Societas Pansophia Universalis." Der Stempel erinnert stark an Reuss'
SOTOM.[205] *
Mit C.S. Jones wird reger Kontakt gehalten;
Tränker
übersetzt dessen wichtigste Bücher ins Deutsche.[206] * Am 1.10.1934 verstösst
Crowley Jones, der zur Römisch
Katholischen Kirche übertritt, um sie von Thelema zu überzeugen. Am 8. April
1948 verschickt C.S. Jones "An open letter,"
in dem er "the sixth day after the Incoming of the Aeon of Truth and
Justice" [Maat/Ma-Ion] verkündet. Er gründet die "Fellowship of
Ma-Ion."
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Obwohl Tränker seit 1921 legaler
OTO-Grossmeister (X°) für Deutschland ist, besitzt Germer einen Crowley-Brief
zur Ernennung zum "Grand Master General" (X°) über die "German
Speaking Peoples" von 1941. Die Frage der OTO-Souveränität sieht der
Crowleyfreund- und experte Gerald Yorke in einem Brief an Germer so:
"Jones and Tranker's X degrees go
back to Reuss and not to A.C. They therefore in the Constitution of the O.T.O.
are the ones who establish the next O.H.O., and even if you are X degree from
Crowley, they can outvote you in a council to choose the new O.H.O. They could
then appoint their own Treasure General, and he could I think lay legal claim
to the effects and the copyright," 3.7.1948 (ein halbes Jahr nach dem Tode Crowleys).
Dies dürfte die Unsicherheiten Germers betr. seines OHO-Amtes erklären und die
Zurückhaltung Metzgers und Germers in Europa bis zum Tode Tränkers 1956. Dieser Brief würde
bestätigen, dass jeder Crowley-OTO jedem Reuss-OTO untergeordnet wäre.[207] *
C.S. Jones stirbt am 24.Februar 1950,
was Germer etwas aufatmen lässt.[208] *
Von Buenos Aires
aus erscheint nun die Pansophische Zeitschrift "Aus der Schatzkammer des
Wissens und Glaubens."
Metzger unterhält
zunächst freundschaftlichen Verkehr mit Heinrich Tränker, dessen Adresse er via
Buchhändler Paul Dörge Ende Juli 50 von Grosche/Gregorius persönlich in
Berlin erfahren hat {6}. Metzger fährt spornstreichs hin, weil der Henkelkreuzmann
sich selbst ja als Nachfolger von Theodor Reuss sieht, was ihn zum "ernsthaftesten
Gegner" mache.
Tränker soll nichts von Metzgers
Beziehungen zur Fraternitas Saturni wissen. Einerseits ist die FS 1926/28 im
Streit aus der Pansophie hervorgegangen, andererseits fürchten Metzger und
Grosche einen
Gerichtsprozess, falls Tränker auf die Herausgabe von
Papieren pochen würde, worauf er als Supremum Sanctuarium Recht hätte. Zum
Schutz vor Tränker wird der Metzger-OTO in
Deutschland in den 18. Grad[209] * der nun auf 33 Grade
aufgeblasenen FS eingebaut. "Dann steht [juristisch und magisch?]
die Loge [FS] davor und er kann an diese Körperschaft nicht
angehen. Als eingetragene Vereinigung geniesst sie gesetzlichen
Schutz," meint Gregorius am 27.10.50.
Und doch hofft
Metzger, dass Recnartus eines Tages von seiner Meinung, der
"Pontifice" des OTO zu sein, abkomme. Von ihm gewinnt Metzger nun
Einblick in die Papiere des OTO und verkracht sich daraufhin mit Tränker, weil er diese Schriften
ungefragt "mit nach Hause nahm, um sie in aller Ruhe zu verdauen."[210] * Metzger hat Tränker mehr zu fürchten als Grosche, worauf dieser
beschwichtigt, Recnartus habe zwar seine Versandbuchhandlung und vielleicht
Kontakte nach Westberlin, der Schweiz und Südamerika (Krumm-Heller oder Gabriel Montenegro {12}?), aber die Pansophie
sei doch völlig unbedeutend.
Nichtsdestotrotz
hat Tränker 1950 "junge,
intelligente und tatkräftige Freunde an der Hand, die besonders in bezug auf
pansophisches Gedankengut regsam sind."[211] *
Enger Freund
Tränkers (und
auch Friedrich Lekves {7}) ist Walter Studinski/Waltharius (geb. 9.11.1905),
der im September 1954 nach sechs Jahren Mitgliedschaft aus der FS ausscheidet[212] * und die bald scheiternde
Neugründung "Mystischer Kreis Kether zum leuchtenden All"
unternimmt. Wie sein Freund Tränker findet Studinski, dass Crowleys Weg "bestimmt
nicht jener Weg zu Gott, den die alten Rosenkreuzer gingen" war.
Über Metzger
weiss Studinski, dass er via Tränker "nur Nachteiliges
erfahren habe."[213] * Entsprechend verschickt der
schweizer OTO im Frühjahr 1962 ein Rundschreiben, in dem man sich deutlich von
Grosche, der FS,
der Pansophie und eben Studinski distanziert.[214] * Dazu Studinski: "es war mir völlig
gleich."[215] * Im August 1964 versteift
sich Metzger darauf, dass Tränker kein OTO-Mitglied gewesen
sei.[216] *
Nach dem Zweiten
Weltkrieg wiederbelebt 1949 der Ingenieur Martin Erler/Albinus (geb.
24.6.1920) den AMORC in Deutschland. Metzger bezieht dessen Fernkurse, was er
als "freundschaftlichen Verkehr" bezeichnet.
Erler gibt 1954 sein Amt als
Grossmeister des AMORC ab und gründet mit einigen Interessierten 1956 im Raum
München die ORA (Ordo Roseae Aureae), die sich aus Mitgliedern der FS
zusammensetzen soll.[217] * Am 16.12.1959 wird der AMORC
mangels Mitgliedern von Amts wegen gelöscht.[218] *
Im Verlaufe der
Gerichtsverhandlungen zwischen Walter Englerts IO/OTO e.V. in Frankfurt
und Metzger um das Recht der Namensführung {11} versucht Englert 1970 Erler zur Weitergabe von Material
über den OTO/Stein, das dieser angeblich in seinem Archiv aufbewahre, zu
bewegen. Erler, in mancher Beziehung dem IO/OTO kritisch gegenüberstehend,
lehnt es jedoch strikt ab, in diese "unsinnigen Querellen"
mithineingezogen zu werden.[219] *
H.C. Birven
Henri Clemens
Birven, geb. am
10.1.1883 in Aachen, ist Dozent als Elektroingenieur, hat aber in Berlin
Philosophie studiert und am 22.2.1913 mit einem Werk über "Kants
transzendentale Reduktion" promoviert.[220] * Wohnhaft in Berlin, gibt er
"Preussen" als Staatsangabe an.[221] * Im Ersten Weltkrieg ist
Birven in russischer
Gefangenschaft in Sibirien gewesen, hat aber über China flüchten können und ist
Studienrat an der Humboldtschule in Berlin-Tegel geworden.
Ab 1927 gibt
Birven die Zeitschrift
"Hain der Isis" heraus, in der er, vertraglich seit dem 1. und 2.
Juli 1929 von Martha Küntzel {7} gestützt, Crowley-Werke
publiziert. "Mitarbeiter": Gustav Meyrink (1868-1932), Johannes Schlaf,
Karl Hans Strobl, Dr. Franz Spunda {10}, Dr. Jules Siber,
Joanny Bricaud {15ff.}, Dr. E.C.H.
Peithmann {12, 15}, Will-Erich
Peukert, Dr. Edgar Dacque, Willy Schlüter, Aleister Crowley.[222] *
Birven hat zusammen mit Gustav Meyrink[223] * und Dr. Peithmann {15} vergeblich die Strassen
Nürnbergs nach den Spuren des geheimnisvollen Fräulein Anna Sprengel, das angeblich massgeblich an
der Gründung des Golden Dawn beteiligt gewesen sein soll, abgesucht.
Meyrink (alias Dagobert 1897 Mitglied
von Leopold Engels Illuminaten-Orden[224] * {11}, bekannt mit Carl
Kellner,
Heinrich Tränker und Franz Hartmann),[225] * hält zwar nicht viel von Crowley,
lässt sich jedoch von Birven auf dem laufenden halten,
verfolgt mit Interesse Crowleys Besuch 1925 in Deutschland und erhält von ihm
via Birven den Roman
"Moonchild" mit der Widmung: "Dem Autor des Golem mein
Lieblingsbuch dieser Gattung mit meiner Künstler-Huldigung."[226] *
Franz Spunda (1.1.1890-1.7.1963) wird von
Metzger Ende November 1950 in Wien besucht und überlässt ihm das zur
Publikation bestimmte Manuskript "Magische Unterweisung des edlen und
hochgelehrten Philosophi und Medici Philippi Theophrastus Bombasti von
Hohenheim, Paracelsus genannt." Spunda/Sperontes wird Mitglied des
Metzgerschen Illuminaten-Ordens {11} und ist vom 15.-20. Juli 1955 in Stein und
nochmals in Zürich am 30.8.57 und 2. und 9. Mai 1961, wo er jeweils drei
Vorträge hält.
Tränkers ehemaliger Sekretär und
daraufhin Crowleys finanzielle Stütze, Karl Germer, nährt Aversionen gegen
Birven, die sich
eindeutig aus seinen Minderwertigkeitskomplexen erklären, die von Birvens überheblicher Art schwer getroffen
werden. Germer wird nicht müde, sich darüber bei Crowley zu beschweren. "My
contact with B ist not very fortunate or sympathetic. He education [?]
and knowledge his social standing at kind of acquintances are so far removed
from a business acquintances that he fees and manifests the fact constantly. He
would not speak to me if it were not for the fact that you know me... B. does
not want to be in touch with you or Yorke through a man like me."[227] * Gerald Yorke/Volo Intelligere (1901-1983)
ist ein ehemaliger Freund Crowleys und Besitzer der weltweit grössten Sammlung
an Crowleyana (jetzt im Warburg Institut London).
Und doch ist es
in Birvens Haus in Berlin, wo sich
alle 1930 treffen: Krumm-Heller, Germer, Gerald Yorke, Crowley... Bis zu diesem
Zeitpunkt führt Birven noch ein rel. gutes
Verhältnis mit Heinrich Tränker.
Birven, der schon Reuss' Ideen ein "Tutti
Frutti" nennt, überwirft sich folgerichtig mit Crowley.
Nachdem Birven 1930 eine 33° (Cerneau)
Charta von Joanny Bricaud erhalten hat, weigert sich
dieser, 1932 Birven zum 95° und 96° des MM zu
ernennen, worauf Birven in Berlin doch eine kleine
Gemeinschaft um sich schart[228] * und seine Eifersucht gegen
Tränker und
Krumm-Heller (mit eben diesen MM-Würden)
kaum verhehlt. Im selben Jahr, 1932, verbietet ihm Crowley, weiterhin seine
Texte im "Hain der Isis" zu publizieren.
Germer über die
Hetzartikel gegen Theodor Reuss in der deutschvölkischen Zeitschrift
"Judenkenner" von 1936 {zitiert in 3}: "In the case of Birven I know that he has a
tremendous literature of the background of O.T.O. etc. and was in touch with
the French leading circles. He was called to the Gestapo to testify or for
questioning, but I am sure not seriously molested. He [Birven] and Tränker threw it all on me, the
wicked Germer. B. may, to save his skin, have supplied the Gestapo with
additional information, not usually found in literature."[229] * Laut Adolf Hemberger/Klingsor
(4.11.1929-10.11.1991) soll Birven Mitglied des Ritterordens
EBDAR (Ermächtige Bruderschaft der Alten Riten) gewesen sein.[230] *
In den 50er
Jahren warnt Germer alle Thelemiten Europas vor Birven, der überall Lesungen gegen
Crowley halte.[231] * Birven: "Als minderwertig
und schlecht müssen alle diejenigen [Werke Crowleys] gelten, die unter
dem Einfluss von Drogen geschrieben sind. Auch das sog. Gesetzbuch, das,
soweit bekannt, nicht unter Drogeneinfluss geschrieben ist, kann nur als ein
hemmungsloser Ausbruch eines unmenschlich-perversen Geistes bezeichnet werden,
der Crowley angeblich selbst ein Rätsel war."[232] *
Nach dem Tod
Germers ruft sich Birven "zum einzigen Freund
des Verstorbenen" aus.[233] * Dass er erst durch Metzgers
Manifesto von 1963 {13} von der Existenz der Psychosophischen Gesellschaft (wie
sich Metzgers Dachorganisation von OTO, FRA, IO und GKK nennt) {10} erfahren
hat, wundert kaum. Falls Birven nämlich tatsächlich
dermassen gute Kontakte mit Crowley, Germer oder Yorke gepflegt hätte, wie er nie
müde wird zu betonen, wäre ihm die Existenz zumindest des schweizer OTO lange
vor 1963 bekannt gewesen.
Oscar Schlag {14}, der Birven ein Jahr vor dessen Tod
(9.1.69) in Berlin besucht, erzählt, dass Birven behaupte, ein Grossmeister
des OTO zu sein und ihm mit Theodor Reuss' angeblichem "Golden Book"
{13} vor der Nase gewedelt habe - jedoch nur in gehörigem Abstand, und ohne
Einsicht zu gewähren.
Nach dem Tode
Birvens bleibt
Metzgers "Oriflamme" acht Monate lang eingestellt und erscheint erst
wieder am 23.9.69 mit der Sondernummer 95, einem Werbeprospekt der "Abtei
Thelema." Der Nachlass Birvens ist in alle Winde zerstreut, Utensilien
sollen sich in Stein/Appenzell befinden, Schriften sollen von FS-Mitgliedern
gekauft worden sein...
Karl Johannes Germer
Geboren am
22.1.1885 in Elberfeld zwischen Düsseldorf und Wuppertal. Seine Geschwister
sind: Elisabeth, Margarete, Otto, Wilhelm, Gustav und Alfred. 1900-1904 lebt
Karl Germer in London.
Germer ist
1908-09 in Gefechtshandlungen in Dixmuiden, Lemberg, Stochod, Armentières-Lens
verwickelt und wird Träger des Eisernen Kreuzes Zweiter sowie Erster Klasse.[234] * 1912-1914 ist er
Repräsentant von Alfred Herbert Ltd (Coventry) in Berlin. 1914-18 an der Front,
zuerst in Belgien, dann als Führer einer Maschinengewehr-Kompanie in Russland,
zuletzt nach Frankreich versetzt.
1919 trifft
Germer Heinrich Tränker in Leipzig.
1923 verkauft
Germer seinen Besitz in Wien und macht sich nach München auf, um zusammen mit
Otto Wilhelm Barth und Tränker die Zeitschrift
"Pansophie" herauszugeben. 1925 wohnt Aleister Crowley zuerst bei
Tränker, dann in
Germers Haus. In diesem Jahr ist er Patient von Alfred Adler in Wien.[235] *
1926 lässt er
sich in Mexiko von seiner ersten Frau Maria scheiden und heiratet am 15.1.1929
die reiche Cora Eaton in New York. Zurück in Deutschland, verhaftet ihn laut
Verhaftungsbefehl am 13.2.1935[236] * die Geheime Staatspolizei
(Cora ist in den USA geblieben). Cora Eaton und Martha Küntzel versuchen vergeblich, bei
der amerikanischen Botschaft zu intervenieren.[237] *
Vom Februar bis
August 1935 ist Germer im KZ inhaftiert. Im Oktober flüchtet er nach England
und erreicht Dublin am 1.12.1936, wo er nun wieder als Maschineningenieur
arbeitet.
1939/40 entsteht
sein lang geplantes Werk "I was a prisoner" über die Zeit seines
Aufenthaltes im Konzentrationslager Esterwegen. Den Kriegsausbruch erlebt
Germer in Belgien (wo er eine Maschinenexportfirma aufbaut), von wo er am
10.5.1940 nach Frankreich deportiert und erst am 1.2.1941 entlassen wird.[238] * Am 13.7.42 stirbt Cora. Am
23.9.42 heiratet er die Wiener Klavier- und Gesangslehrerin Sascha Ernestine
André (geb. 1891), die als Elly Aszkanasy in Wien Gesangsunterricht erteilt
hat. Mit der Hilfe ihres Geldes unterstützt er Crowley.[239] *
Seine
Kriegserlebnisse nähren seine Vefolgungsangst. So glauben er und Sascha Germer,
seit 1942 permanent von Abhörwanzen umgeben zu sein. Dieses ins Uferlose
wachsende Misstrauen trifft Freund und Feind ohne Unterschied und geht sogar so
weit, dass das Ehepaar aus Angst vor Abhörwanzen zeitweise nur schriftlich
miteinander im eigenen Haus verkehrt.[240] * Germer hat Recht behalten:
über ihn gibt es 54 Seiten FBI-Akten. "His conversation is violent
Nazi-Propaganda," meldet ein unbekannter Informant. Germer habe
geäussert, "that Hitler is right in believing
Germans are the Master Race."[241] *
Nach dem Tode
Crowleys am 1.12.1947 wird, mangels eines anderen Aspiranten, Germer Oberhaupt
von Crowleys OTO. Genau zu dieser Zeit (1947) erleuchtet Metzger seine eigene
Reuss-OTO-Loge in Zürich.
1956 lebt Germer
in Barstow, Kalifornien, im Hause von Ero Shivonen. Dort wird Marcelo Ramos
Motta in den IX°
initiiert[242] * {13}. Frau Jean Shivonen, so behauptet Germer, habe
ihren Mann Max Schneider {13}, der Crowley ebenfalls
finanziell unterstützt hat, 1948 ermordet.[243] *
Motta weiss, dass sich Crowley in Germer
verliebt habe. Im Konzentrationslager sei jedoch Germers Heiliger Schutzengel
erschienen und habe ihm "Passivität" nahegelegt,[244] * was seinen Ausdruck in
ergebnislosen sexuellen Annäherungsversuchen Motta gegenüber gefunden habe.[245] * Das FBI dazu: "I do
feel something is wrong with these two men [Crowley und Germer] being in
contact with each other. Mr. Crowley secured the brains behind Germer. The
latter seemed to be a tool in his hands."[246] * "Crowley hatte die
Syph, der hat sie an Germer weitergereicht."[247] *
Germer: "O.T.O.
You must have realised that my heart and soul are not very deeply in this. A.C.
knew this. He suggested to me that after his death I may either drop this form
or system of working, or devise my own entirely independent method."[248] * "O.T.O. does not
interest me too much; mine is only the A.A. And... A.C. wanted me to set up an
entirely different system."[249] *
Der Gründer der
späteren 3. Agape Loge, "Caliph" Grady Louis McMurtry {13}, will sich von Germers
Führung des OTO lösen und findet so nur Ungnade vor Saturnus. Deshalb bemüht
sich McMurtry auch, Germers Autorität so
oft wie möglich in seinen amerikanischen "O.T.O.Newsletters" der 70er
Jahre in Frage zu stellen {13}.
Germer stirbt an
den Folgen einer unsachgemässen Behandlung von Prostata-Krebs am 25.10.1962 um
8:55 pm in Jackson und hinterlässt Chaos in seinem OTO und eine verunsicherte
Witwe {8, 14}. Sein Archiv, das vor allem Crowleys Manuskripte enthält, die
mangels Publikationsmöglichkeit lange Zeit von treuen Mitgliedern (Phyllis
Seckler, Jane
Wolfe) mit der
Schreibmaschine immer wieder von neuem abgeschrieben werden, erleidet in der
Folge einige Einbrüche {14}. Die aktuelle Liste des Archivs (nun im
"Besitz" des 1977 gegründeten "Caliphats") weist keine
historisch relevanten Materialien auf.
Germer wird von
oberflächlichen Rechercheuren[250] * manchmal mit dem Postbeamten
aus Friedrichshafen[251] * und Mitglied der Fraternitas
Saturni, Johannes Göggelmann/Saturnius, verwechselt, der
auf unzähligen Seiten seine Erfahrungen mit dem Demiurgen Saturn
niedergeschrieben hat (zum Teil von F.-W. Haack (1935-3.3.91) und Adolf
Hemberger veröffentlicht).[252] * Diese Verwechslung veranlasst
Frl. Äschbach (die Hauptbeteiligte an
Metzgers OTO in der Schweiz), sich in der schweizer Freimaurerzeitschrift
Alpina 1/89 "sehr schmerzlich" betroffen zu äussern und mit "Ordo
Templi Orientis" zu zeichnen.
Ein Nachwort zu Karl Germer
von Henri Clemens Birven[253] *
Metzger wird im
Januar 1963 schweizer OHO {8} und verfasst in seinem deutsch-englischen
Manifesto {11} einen Nachruf auf das verstorbene Crowley-OTO-Oberhaupt Karl
Germer.[254] * Henri Birven reagiert darauf mit einem
Brief, in dem er sich zum "einzigen Freund des Verstorbenen"
hochstilisiert und als Sachverständigen hinstellt, denn "Ich besitze
aber auch die einzige wertvolle und umfangreiche Korrespondenz Crowley's"
und "die umfangreichste Sammlung von Werken Crowley's selbst."[255] *
Während Henri
Birven das
Englisch im Manifesto bemängelt, wird in Amerika das Deutsch kritisiert: "The
German part seems to have been written by a person or persons who had very
little if any education and could perhaps have been a translation from the
English to German using a dictionary and some rudimentary knowledge of
German."[256]
-+-
"In einer
Broschüre, Manifesto betitelt, erschienen zum Frühlings-Äquinox 1963, wird eine
Lebensbeschreibung des am 22. Januar 1885 geborenen, am 25. Oktober 1962
verstorbenen Karl Germer veröffentlicht. Der Verstorbene wird mit seinem
Ordensnamen als Frater Saturnus bezeichnet. Er wird als Rex Summus Sanctissimus
betitelt, eine Bezeichnung, die "Allerheiligster König" bedeutet und
von Germer unseres Wissens nie geführt worden ist.
Ich [Birven] habe meinen Freund K.
Germer schon persönlich kennen gelernt, als er am 23. April 1930 mit Aleister
Crowley in meiner damaligen Wohnung in Berlin-Tegel erschien. Germer war durch
seine zweite Heirat mit einer Amerikanerin der "reiche Mann aus dem
Westen" geworden, der Crowley prophezeit worden war. Germer nahm dann eine
Wohnung in Berlin und besuchte mich öfter. Das Abendbrot schmeckte ihm bei mir
köstlich, wie er strahlend betonte...
Unseres Wissens
hatte Germer auf einem deutschen Technikum Maschinenbau studiert, war also
Maschinen-Ingenieur, aber nicht Hochschul-Ingenieur. Er besass offenbar nur die
Reife für Obersekunda, aber nicht das Abiturium. Unseres Wissens hatte er nie
als Ingenieur praktiziert. Auffallend war mir, dass er auf einige technische
Bücher zeigend bemerkte, er beschäftige sich nur mit solchen Büchern.
Nach
Beendigung seiner technischen Ausbildung muss Germer 21 alt gewesen sein. Wie
die Behauptung aufkommen kann, Germer habe ein dreijähriges Studium an der
Pariser Sorbonne absolviert, ist unerfindlich. Germer konnte meiner mit Crowley
französisch geführten Unterhaltung [...]enthalt in Frankreich erwähnte, wenn ich von
meinen Reisen in Frankreich erzählte. Ob er in Deutschland einjährig gedient
hat, ist mir nicht bekannt, auch nie behauptet worden. Ebensowenig ist er vor
dem Kriege 1914 in Russland gewesen; was hätte er wohl dort zu suchen gehabt,
ohne Kenntnis des Russischen? Germer war selbst im Deutschen wenig gewandt. Ich
betone hier, dass Germer sich niemals als Aufschneider gegeben hat.
Germer war ein
hübscher und freundlicher Mann, dem es nicht schwer fallen konnte, vermögende
Frauen zu gewinnen.[257] * Er ist dreimal verheiratet
gewesen. Seine erste Frau, eine vermögende Ärztin Dr. Med. Wys war ihm bestimmt
beträchtlich überlegen. Als sie seiner überdrüssig geworden war, bediente sie
sich einer originellen Methode, die Scheidung zu gewinnen. Germer war mit Gartenarbeiten
beschäftigt, da brachte der Briefträger seiner Frau einen Brief. Die Frau
benutzte diese Gelegenheit, unserm Germer in Gegenwart des Briefträgers eine
Ohrfeige herunter zuhauen, worauf sie sich lachend eine Zigarette anzündete.
Germer reagierte nur verzweifelt lächelnd darauf. Diese Art, auf Unangenehmes
zu reagieren, war überhaupt Germer eigen. Er war kein Mann des schnellen
Handelns. Dieser Bericht beruht auf den Angaben von H. Tränker (Recnartus), in dessen Haus
in Weida Germer damals wohnte. Durch diesen Tränker kam Germer überhaupt erst zur
Kenntnis der Hermetisch-Okkulten Philosophie. Die von Tränker herausgegebene Schrift
"Im Vorhof des Tempels der Weisheit" von Franz Hartmann ist von Germer aus dem
Englischen übersetzt worden. Sie wurde mit Copyright 1924 von O.W. Barth, damals in München wohnhaft,
herausgegeben. Germer zog es vor, nicht genannt zu werden...
Nach der
Scheidung von seiner ersten Frau heiratete Germer eine sympathische
Amerikanerin, die reich, aber viel älter als er war. Das Ehepaar war einmal bei
mir und ich einmal bei Germers zu Gast. Seit dieser zweiten Heirat konnte
Germer seinen Meister reichlich unterstützen, und der Meister lebte darauf los,
so dass Frau Germer über Crowleys Verschwendung empört, letzterem einmal die
Wahrheit ungeschminkt zu sagen für nötig hielt...
Am 23. April
1930 erschien dann Crowley in Begleitung von Karl Germer bei mir in meiner
damaligen Tegeler Wohnung. Ich selbst machte ihm des Abends einen Gegenbesuch
bei Germer, der in B. Charlottenburg eine Wohnung genommen hatte. Crowleys
Hoffnung, dass mein Verleger Wiesicke Übersetzungen seiner Werke herausbringen
würde, erfüllte sich nicht. Crowley hielt sich damals mit Unterbrechungen
längere Zeit in Berlin auf, wo auch eine Ausstellung seiner Gemälde zustande
kam...
Nach dem Tode
seiner zweiten Frau, die bedeutend älter als Germer war, heiratet dieser in
dritter Ehe die feingebildete und des Deutschen vollkommen mächtige Frau
Sascha E. André-Germer, die ihm auch eine wertvolle Hülfe in seinen
schriftlichen Arbeiten war. Als Germers Krankheit akut wurde, schrieb sie die
letzten Briefe an mich. Germer hatte mir schon vorher über seine Krankheit geklagt,
ohne jedoch über den Ernst derselben im Klaren zu sein. Als man dann zu einer
Prostata-Operation schritt, war es zu spät. Im Briefe vom 8. Juli 62 hatte er
mir am Schluss erstmalig mitgeteilt: Persönlich stehe ich vor einer grösseren
Operation. Was ich als Blasenkatarrh aufgefasst hatte, ist in Wirklichkeit
eine verhärtete Prostata...
In einem
Briefe Germers vom 3. Juni 1961 lese ich,[258] * dass er von 1914-1918 an der
Front war, zuerst in Belgien, dann als Führer einer Maschinengewehr-Kompanie
in Russland, zuletzt nach Frankreich versetzt, mit den elenden Erlebnissen des
Rückzugs. In Russland kämpfte er an derselben Stelle der Front, an der ich auch
eingesetzt war, ohne dass wir uns dabei kennen gelernt haben."
oOo
C.H. Petersen
Carl Heinz
Petersen/Fines Transcendam/Kâlikânanda,
geb. am 14.1.1912 in Bendestorf bei Hamburg nimmt via Karl Germer und Gerald
Yorke Kontakt
mit den Thelemiten Europas auf und gründet eine "Abbey Thelema" in
Hamburg. Im Februar 1952 besucht er Yorke in London. Karl Germer: "I
do not at this moment wish to pass you on to somebody who would well check on
your A.A. work."[259] * "He seems to be near
glimpsing the IX°... a man of the very highest promise!"[260] * "I hope there will
be a deep cooperation between you [Kenneth Grant] and P."[261] *
Im Mai 1953
besucht Petersen die Abtei Thelema in Stein,
worin Metzger eine erneute Bestätigung seines IX° sieht. Petersen ist jedoch hauptsächlich Germers
AA-Schützling. Wieso Metzger Petersen dermassen wichtig nimmt, da
doch Friedrich Mellinger {8} Germers Beauftragter für
den Crowley-OTO in Europa ist, bleibt unklar. Karl Germer, Petersen und bald auch Friedrich
Mellinger publizieren ihre Schriften
und Übersetzungen bei Metzger, der Druckmaschinen gekauft hat. Die
"Psychosophische Gesellschaft" dient nicht nur als Dachorganisation
für dessen verschiedene Orden, sondern auch als Verlag {10}. -- Nicht nur
Crowleys OTO-Initiationsrituale,[262] * das Liber AL, die Hymne an
Pan oder Yorkes "666, Sex und der
OTO,"[263] * im Juli 1953 übersetzt
Petersen auch Crowleys Gnostische
Messe, "den englischen Text aus freier persönlicher Neigung... ohne
ordiniert zu sein, ... und ohne an eine mögliche praktische Ausführung zu
denken," wie Metzger im Vorwort eben dieses Canon Missae bemerkt.[264] * Die nur intern gebrauchte
schweizer Version unterscheidet sich leicht von Petersens zweimal veröffentlichter
Übersetzung und auch von Reuss' Version von ca. 1917.
Karl Germer an
Petersen: "No further from
Metzger about Liber Legis; no word about financial difficulties. So I won't
evoke them. Does he expect you to be responsible for the cash? I'd be very
surprised. Metzger's translations: - so they were from him! I expect you
have meanwhile received the ones he sent me with some corrections. - I agree
with you that it is silly to operate the way he does." Und von Metzger
nicht mehr ganz überzeugt: "It should all be concentrated in your
hands," womit vielleicht die Übersetzungsarbeiten gemeint sind.[265] *
Germer bleibt
sich über Mellingers Rolle in Deutschland im
unklaren, und so schreibt er an Petersen: "I do not know
whether 2 Grandmasters can operate the OTO at the same time in one country
(Tränker still being alive), despite
the fact that A.C. appointed me Grandmaster X° of all the German-Speaking
peoples as far back as 1938 [1941!] or so. I have... such an idea... of
settling up Headquarters in Europe, Germany, Switzerland, or?" Das
Verhältnis zwischen Petersen und Friedrich Mellinger, Germers Beauftragten in
Sachen OTO für Europa, bleibt unbestimmt.[266] * Ebenfalls Petersens Verhältnis zu Crowleys
selbsternanntem persönlichen Stellvertreter für Europa: Friedrich Lekve {7}.
Trotz Germers
Aversionen gegen Eugen Grosche {6} beginnt Petersen im Juli 1954 zuerst im
Ordensorgan "Blätter für angewandte okkulte Lebenskunst" der
Fraternitas Saturni,[267] * und erst in 2. Instanz dann
bei Metzger zu veröffentlichen {10}.
Im Juli 1954
erscheint Petersens Gnostische Messe in Eugen
Grosches
"Blättern." Im August folgt dort Liber 44 und im September die Hymne
an Pan. Ebenfalls im September 1954 erscheint nun bei Metzger die Petersenübersetzung des Liber Al vel
Legis, worauf Germer Metzger einen Freibrief für alle weiteren Unternehmungen
ausstellt {13}. Ab März 1955 publiziert Metzger als "Wir, Meister
Therions bevollmächtigte Nachfolger." Im Dezember 1955 veröffentlicht
Metzger dieselbe Übersetzung der Gnostischen Messe, die Petersen ein Jahr vorher bei der
Fraternitas Saturni publiziert hat, und quengelt in seinem Vorwort, dass
Grosches Publikation
ein Diebstahl gewesen sei.
In Grosches "Blättern"
erscheint im Oktober 1955 eine von Hermann de Witt/Han Rulsow Yin (aus
Braunschweig) verfasste Analyse von Petersens Name. De Witt (Mitglied der FS vom Herbst 1950
bis zum 30.9.1962) veröffentlicht später bei Metzger.
Als Petersens sexualmagischer Partner,
seine Kusine Frau Pingwill/Kâma-Rûpâ (Begierde), 1956 Selbstmord verübt,[268] * strebt er ihr kurz darauf
nach und stirbt am 4.4.57 im Hamburger St. Georg-Hospital.[269] * Gerüchten zufolge soll
Petersen an den Folgen der
Abramelin-Operationen gestorben sein.[270] * Da diese an genaue Zeiten
gebunden sind (Beginn: ein Tag nach Ostern, Dauer: "six moons"),[271] * dürften die angeblichen
Schwierigkeiten also ein halbes Jahr nach Beendigung der Beschwörung
aufgetreten sein, oder in der Vorbereitungszeit.
- Ostern 1956: 1.4.
- Ostern 1957: 21.4.
- Tod Petersens: 4.4.57
Im Testament
Petersens sind, laut Metzger, der
schon gestorbene Friedrich Lekve (1904-1956) {7} und Metzger
als "Erben" eingesetzt. Den Nachlass Lekves hat aber ein Br. Nürnberger
in Hamburg übernommen, und er geht erst am 11.10.1962 in Metzgers Hände über.
Dem Journalisten
Horst Knaut {9} gegenüber prahlt
Metzger, er habe nach dem Tod Petersens "die ganze Macht an
sich gezogen."[272] *
Metzger ist nach
dem Tode Hilfikers, Tränkers und Lekves der einzig übriggebliebene
IX° und X° von Kontinentaleuropa. Seine Loge sieht sich als Fortführung von
Theodor Reuss' "VMM": als "Magnus Oriens Helvetiae Veritas
Mystica Maxima."
Der erst 1980 ins
Leben gerufene deutsche Zweig der 1977 gegründeten 3. Agape Loge aus
Kalifornien (das sogenannte "Caliphat" {13}) benützt Metzgers Publikationen
der Petersen-Texte in den Ritualen,
bezeichnet jedoch, ungeachtet der Tatsache, dass Petersen zu seinen Lebzeiten bei der
"Psychosophischen Gesellschaft" {10} aktiv gewesen ist, Metzger
selber seit 1947 publiziert und von Germer als "Bevollmächtigter
Nachfolger Therions" autorisiert ist, Metzgers Veröffentlichungen
selber als "illegal."[273] * Man fotokopiert Metzgers
Publikationen und deckt den Copyrightshinweis ab, resp. ersetzt ihn durch
einen eigenen. Begründung: "Es gibt ernsthaft Leute, die bezweifeln,
dass P. je gelebt hat, er sei nur erfunden worden, um Metzgers Anspruch [auf
das OHO-Amt und die Copyrights an den eigenen Übersetzungen?] zu
rechtfertigen."[274] *
Rosen in Österreich
Eduard Munninger/Medardus sieht sich als
österreichischer Nachfolger der "Fraternitas Rosicruciana Antiqua"
{12}. Auf Anraten Martin Erlers nimmt Munningers Ordens-Kompilation den
Begriff AAORRAC (Antiquus Arcanus Ordo Rosae Rubeae Aureae Crucis) an.[275] * Der Begriff AAORRAC taucht
schon 1921 im Zusammenhang mit Krumm-Heller und Theodor Reuss auf und
wird von Spencer Lewis als vollständiger Name des
AMORC bezeichnet: "The Rosenkreutz Order [Pansophia] in Germany
was (and is) a branch of the A.A.O.R.R.A.C."[276] *
Ähnlich wie bei
Metzger, wo sich die Führung verschiedener Organisationen in Personalunion
vereint, führt Munninger nun in seiner
Sammelgesellschaft AAORRAC den "Aeropag Europäischer Kulturring der
Ritterorden," den "Souveränen Orden der Tempelritter von
Jerusalem,"[277] * den "Ordre Maçonnique
Martiniste Austria" und einer "Pansophische
Weltförderation P.W.F." zusammen.[278] * Die Ordenszeitschrift nennt
sich "Die Burg," in Anlehnung an die Postadresse "Burg
Krämpelstein," die aber nur eine "unbewohnbare Ruine" in
Niederösterreich/Nähe Passau sei, wie der verwöhnte Oscar Schlag {14} enttäuscht bei seinem
Besuch festgestellt haben will. Der Pension Munningers in der Burg ist tatsächlich
kein Erfolg beschieden.
Tränker stirbt "einsam, zumal
es ihm nicht gelang, einen wirklichen geistigen Nachfolger zu finden,"[279] * am 22.5.1956 (in
Berlin-Pankow?).[280] * In seinem Nachruf bezeichnet
ihn Eugen Grosche als "letzten Vertreter
der Mystik des Fischezeitalters."
"Pansophisch-Gnostische
Riten" leben bei Munninger weiter. In der Oriflamme 302
vom April 1963 tut Metzger den AAORRAC und das Lectorium Rosicrucianum als "falsche
Orden" ab. Ebenso werden Rundschreiben gegen Grosche, die Pansophia und auch
Walter Studinski verschickt.
1964 verwendet
der Hierarch Medardus sein AAORRAC als Podium, um eine "Geistige
Kultur-Union" zu gründen. Das Unternehmen scheitert und geht mit Munningers Tod unter. Munningers Pansophisch-Gnostische Riten erscheinen
in den Publikationen der Fraternitas Saturni.[281] * Haack tut desgleichen in seiner
Schriftenreihe.[282] *
Klatsch will,
dass Eduard Korbel Junior {11} unabhängig von
Metzger den Illuminaten-Orden in Wien als vorgeschobene Organisation für einen
gewissen Babor neu gegründet. Nach dem Tode Babors 1984 soll der jetzige
Kopf des AAORRAC, Karl Plank (Mitglied der 1954 gegründeten Fama
Fraternitatis), im Hintergrund aktiv sein und auch mit Englert von Frankfurts OTO/IO e.V.
{11} Kontakt haben. Da Munningers Sohn die Ordenssammlung
seines Vaters geerbt habe, soll Planks AAORRAC unrechtmässig sein. In den
Wiener Freimaurerlogen wird angeblich vor Plank gewarnt.
Angebliches
Material der "Gerechten und Vollkommenen Pansophischen Rosenkreuzer-Loge
Zur Strahlenden Sonne, Orient Wien" wird 1991 im Umkreis der Franz Bardon-Anhänger Wiens gehandelt.
6. In Nomine Demiurgi Nosferati
Angeblich am 11.
März 1888 erblickt Eugen Grosche in Leipzig das Licht der
Welt.[283] * Wegen Verarmung der Eltern
muss Eugen die Realschule in Stollberg vorzeitig verlassen und die letzte
Klasse der Volksschule in Leipzig besuchen. Seine literarischen Interessen
lassen ihn nach der Schule Buchhändler bei der Verlagsbuchhandlung Müller-Mann
werden.
1911 übersiedelt
er nach Berlin und ist an der Mitherausgabe "Des Militär-Anwärters,"
"Des Innenarchitekts" und der "Deutschen Kohlen-Zeitung"
beteiligt. Am 29. September 1914 heiratet Grosche. Aus dieser Ehe geht eine
Tochter hervor. Ihr Name, Alraune, erinnert an H.H. Ewers' (1871-1943)
gleichnamige "Geschichte eines lebenden Wesens" von 1911.[284] *
Im Krieg wird
Grosche
Sanitäts-Unteroffizier, nach dem Krieg Volkskommissar der Unabhängigen
Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei (USPD). 1919 stellt ihm eine Dame, die ihr
Vermögen vor der Inflation retten will, 40'000 RM zur Verfügung - aber nur
unter der Bedingung der politischen Abstinenz Grosches. So übernimmt dieser ein
Papierwarengeschäft, das er zur Buchhandlung ausbaut.
Er wird nach
Ausbruch des Kapp-Putsches 1920 verhaftet und in das Zellengefängnis in der
Lehrter Strasse eingeliefert. Nach drei Monaten findet die Verhandlung vor dem
Reichsmilitärgericht statt, unter dem Vorsitz des Neffen des Grafen Zeppelin.
Grosche wird freigesprochen.
Seine Partei verschafft ihm eine Stellung als Bezirksabgeordneter von
Berlin-Schöneberg.[285] *
Grosches Mutter ist Hausdame [?] der
Theosophischen Gesellschaft in Berlin, deren Sekretär Rudolf Steiner 1921 durch den Buchhändler
Heinrich Tränker ersetzt wird. Dieser gibt
sich als geheimer Abgesandter aus und vereinnahmt sofort Grosche und seine Buchhandlung.
Grosches
Aufgabe: als Sekretär Gregor A[?]. Gregorius[286] * die "Pansophische
Loge" in Berlin zu installieren.
Das esoterische
Wissen soll sich Grosche auf Befehl von Tränker beim Astrologen Peschke, und
beim Hypnotiseur, Magnetiseur und Heilpraktiker Paul Linke aneignen.
Tränker macht Grosche nun mit den Buchverlegern
Otto Wilhelm Barth, Oswald Mutze und Hugo
Vollrath (1877-1943) bekannt, und dermassen angespornt, gründet Grosche 1924 die Buchhandlung "Okkultisten-Laden
Inveha." In den Hinterzimmern dieser Buchhandlung finden die
esoterischen Treffen statt.
Albin Grau/Pacitius wird erster
Stuhlmeister der lichtsuchenden Brüder in Berlin. Grau, geb. am 13.6.1884 in
Schönefeld bei Leipzig, zuerst Bäckerlehrling (wie Metzger), dann Student an
der Dresdener Kunstakademie, während des Ersten Weltkrieges an der russischen
Front, ist als Werbegrafiker für die norddeutsche LLoyds, für verschiedene
Schiffahrtsgesellschaften und für die Deutsche Bundesbahn tätig. Pacitius ist
Bergsteiger, verfasst Drehbücher und stellt Kostüme und Bauten für die UFA her.
So soll er an den Filmen "Dr. Mabuse," "Vampire" und
"Dr. Caligari" mitgewirkt haben. Grau hat als Filmarchitekt in den
Decla-Aufnahmegebäuden u.a. für "Pietro, der Korsar" (Dr. Robison)
und "Die Nibelungen" (Fritz Lang, 1922) mitgearbeitet.[287] *
Im Nachspann des
Films "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau, 1922, wird
"Alwin Grau" als Verantwortlicher für die Bauten genannt. Zahlende
Firma für "Nosferatu" ist die Berliner "Prana-Film."
"Prana" ist ein esoterischer Ausdruck, der schon für Hugo Vollraths
Theosophische Zeitschrift hergehalten hat. Da "Nosferatu" sich getreu
an Bram Stokers Roman "Dracula" hält, treiben die nachfolgenden
Copyrightsprozesse die Prana-Film in den Konkurs.[288] *
"Was mich
selbst betrifft, so habe ich bislang den Hochgrad des Magister Aquarii von
meinem Vorgänger Mstr. Pacitius bereits in der pansophischen Loge erhalten und
von Mstr. Recnartus den 16/18. Grad der R.C. und von ihm auch in seiner
Eigenschaft als OTO-Meister den 5. Grad im OTO, von Therion bestätigt" (Grosche am 1.7.1959).[289] *
1925 ist Crowley
zu Besuch bei Tränker und Germer. "Unhappily,
too late"[290] * bereut nicht nur Albin Grau, sich je für Crowley
eingesetzt zu haben {5}. Die deutschen Geheimbündler um Tränker trennen sich nun in drei
Gruppen. Tränkers OTO/Pansophie, Küntzels/Germers Verlag {7} und eine
Neugründung aus dem Berliner Arbeitskreis der Pansophie: die Fraternitas
Saturni.
In Nomine Demiurgi Saturni
Am 8.5.1926
bildet sich in Berlin innerhalb der Pansophie um Gregorius und vier
"Fratres" ein Arbeitskreis: die Fraternitas Saturni. In diesem Jahr
erscheint Grosches "Satanistische
Magie," worin Satan, die Jungfrau Maria und die Barbelo-Gnostiker
unmissverständlich mit Saturn in Verbindung gebracht werden.[291] *
Unter Grosches Führung trennen sich
angeblich 40 der 60 Pansophiemitglieder von Tränker und konstituieren (nach der
Auflösung des Berliner Zweiges der Pansophie) am 7.4.1928 in "Mitleidloser
Liebe" die erste eigenständige thelemitische Organisation (d.h.
unabhängig vom OTO und von Crowley, aber Crowleys Gesetz von Thelema
akzeptierend): die Fraternitas Saturni. Somit besteht die FS am Tag ihrer
Gründung mehrheitlich aus Pansophie/OTO-Mitgliedern. Die 33 AASR-Grade sind auf
10 reduziert. In welchem sexualmagisch gearbeitet wird, bleibt unklar. Der
Gradus Pentalphae ist der 5. Grad, während das sexualmagisch wichtige Tau[292] * dem 8. Grad, Templarius,
zugehörig ist.[293] *
Geworben wird
bereits ein Jahr vor der offiziellen Installierung der FS im (astrologischen)
Vehlow-Kalender.[294] * Henri Birven meint in einem Brief an
Gerald Yorke vom 24.2.1954, dass Albin
Grau als erster Grossmeister der
FS hätte eingesetzt werden sollen. Da aber Grosche 30'000 RM [sic] von einer
Exil-Prinzessin erhalten habe, sei Grau übergangen worden.
1960 publiziert
Grosche ein saturnisch
und thelemitisch ausgerichtetes Ritual der Pansophie,[295] * wohl um behaupten zu können,
dass Pansophie und FS nicht weit auseinander lägen.[296] * Dieses Ritual ist
wahrscheinlich im Arbeitskreis FS innerhalb der Pansophie entstanden und kaum
stellvertretend für die gesamte Loge.
Karl Germer: "As
I was co-founder of Pansophia in 1922, I know of course all about Fraternitas
Saturni and the people back of it. Grosche was a sex-maniac, dabbled in
hypnosis and drugs - one of the lowest type of occultist I ever met. Grau was a good man, but was too
deeply entangled with Grosche and Tränker... He could not extricate
himself and never saw the light. None of these people knew Crowley well. They
met him only once - possibly twice! None could speak English. I had to
translate and they quickly fell by the wayside... The FS had nothing to do
with A.C. nor A.C. with them."[297] *
Die Adonisten[298] *
1928 ist die am
1.5.1925 gegründete[299] * sexualmagische
"Adonistische Gesellschaft" von Franz Sättler/Musallam (1884-1942?),
dem geistigen Vater von Franz Bardon, via Wilhelm Quintscher/Rah-Omir/Ophias/Chakum
Kabbalit für wenige Wochen mit der FS liiert. Am 13. März 1928 löst sich der
"Orden Mentalischer Bauherren" (so ein anderer Name für die
Adonisten) jedoch auf. Viele Mitglieder treten der FS bei[300] * und ab 3.1.1929 bestehen nur
noch "rein geschäftliche" Beziehungen zwischen der FS und den
übrigen Adonisten.[301] *
---
Um die
Fraternitas Saturni ranken sich schon in den 20er Jahren Gerüchte von Drogen
und Sex. So sei einmal ein weibliches Mitglied im Kokainrausch aus dem Bus
gefallen, was einen Skandal ausgelöst habe, erinnert sich Oscar Schlag {14}, der Grosche in dessen Buchhandlung
besucht hat.[302] * Kein Wunder: Grosches "Magische Briefe"
sprechen eine klare Sprache. Der "Logenschul-Vortrag 7" informiert
die Leser, dass Extrakt aus dem Peyotl-Kaktus über den Verlag zu beziehen sei
- ausserdem wird die Verwendung von Haschisch wärmstens empfohlen.[303] * Die "Berliner
illustrierte Nachtausgabe" publiziert am 8.12.1928 einen reich bebilderten
Artikel über Grosches Buchhandlung. Ein Vortrag,
gehalten am 8. Oktober 1929, bringt das Thema "Homosexualität und
Esoterik" zur Sprache. Ein anderer am 23. Oktober: "Vampyrismus und
Blutmagie." "Ein prominentes Mitglied aus der Weimarer Zeit war
ein Prinz zu Coburg-Gotha, sowie die Gräfin Klinckowstroem."[304] *
Ähnlich wie Henri
Birven
veröffentlicht Gregorius im Juli 1928 via Martha Küntzels
"Thelema-Verlags-Gesellschaft Leipzig" Crowley-Texte - und zwar im
ersten Band seines 5-bändigen Magazins "Saturn-Gnosis." Die
Titelblätter und Innenillustrationen schafft Albin Grau, der auch Artikel (z.B. über
Hoëne-Wronski, 1776-1853) beisteuert (Grau
stirbt am 27.3.1971, hochgelobt (wieso?) von Metzger).[305] *
Frau Küntzel entdeckt in Grosche jedoch bald einen
"Schwarzen Bruder." Die einseitige Korrespondenz Grosches mit Crowley kommt nie über
allgemeine, anfängliche Logenbekanntmachungen hinaus.[306] * Frau Küntzels Druckerei in Zeulenroda {7}
liefert nur die ersten beiden Bände der "Logenschul-Vorträge." Ab Oktober
1928 werden die Vorträge 3 bis 13/14, sowie die Saturn-Gnosis von Franz Weber
gedruckt.
Am 31.10.1929
muss Grosche seine "Esoterische
Studiengesellschaft" (unter dieser Bezeichnung tritt die FS in Prospekten
und Anzeigen an die Öffentlichkeit) auflösen. Man trifft sich von nun an unter
der Bezeichnung "Gnostische Arbeits-Gemeinschaft."[307] * Finanzieller Druck zwingt
ihn, seine Buchhandlung (d.h. auch den Vortragssaal, einen Hinterraum der
Buchhandlung) an Paul Dörge zu verkaufen. Grosche selber eröffnet angeblich
eine Praxis als Psychotherapeut. Wieso Crowley 1930 anlässlich seines Besuches
in Berlin {12}[308] * keinen Kontakt mit ihm
aufnimmt, bleibt unbeantwortet.
Nach
Beschlagnahmung seiner Bibliothek durch die Gestapo flüchtet Grosche 1936 in die Schweiz, wo er
auch Oscar Schlag in Zürich besucht.[309] *
Saturns Egregor im sonnigen Tessin
1936-37 trifft
Grosche auf die
Tessiner OTO-Gruppe um Genja Jantzen, Alice Sprengel und Frau Hardegger[310] * {4} und prophezeit den
Zweiten Weltkrieg.[311] * Seine Geliebte Hanne Wildt bleibt im Tessin zurück, als
er nach zwei Jahren Aufenthalt im Tessin die Ausreisegenehmigung nach Italien
erhält. "In der Nähe von Cannero am Lago Maggiore (12 km südlich des
Grenzdorfes Brissago) wohnte er während seines Exils in einem kleinen Haus
direkt am See. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch Arbeiten in den
Parkanlagen des damaligen Bürgermeisters von Cannero, Ing. Hencke. Die
Freizeit vertrieb er sich durch Fischfang."[312] *
Obwohl sein
Aufenthalt vom Aussenministerium in Rom genehmigt worden ist, wird Grosche 1942 nach Deutschland
ausgewiesen, wo er Geschäftsführer einer Buchhandlung wird. 1942/43 ist Gregorius
politischer Gast im Leipziger Gefängnis. "Der S.D. Sonderführer Major
Dr. Heinrich Fehsel war als Experte eingesetzt für alle Geheimlogen... Durch
ihn bin ich ja wieder in Leipzig in Freiheit gesetzt worden aus der
Schutzhaft. Er hat ja drei Jahre bei mir gewohnt."[313] *
1945 erwartet ihn
bei der Kampfpolizei ein Posten als Wachtmeister. Ihm gelingt es jedoch, aus
Dresden nach Riesa an der Elbe zu flüchten. Nach dem Krieg wird er als Stadtrat
für das Kultur-, Schul- und Museumswesen eingesetzt, muss zwangsläufig der KPD
beitreten, die ihn seiner esoterischen Aktivitäten wegen aber unter Druck
setzt, worauf er im Juli 1950 nach Westberlin zieht. Drei Jahre zuvor, im
Januar 1947, ist Karl Wedler/Giovanni (geb. 2.12.1911)
Mitglied der FS geworden.[314] * Einige biographische Daten
ohne Referenzangaben zu Anfang dieses Kapitels entstammen z.T. Wedlers Text von ca. 1957 über
Grosche.[315] *
Der ehemalige
Schüler der 1942 verstorbenen Martha Küntzel, Friedrich Lekve {7}, sieht in einem Brief an
Crowley vom 29.4.1946 Grosche wie auch Germer, C.S. Jones und Mathers als
Krebsgeschwüre am Blute geistiger Giganten. Trotzdem erfährt Hermann Joseph
Metzger wahrscheinlich im Frühjahr 1950 auf seiner Deutschlandreise von Lekve die Adresse Grosches {7}.
---
Am 14.5.1950
startet Metzger/Paragranus/Peter Mano einen regen Briefwechsel mit Gregorius.
Metzger möchte, Hilfe anbietend, Grosche bei sich in der Schweiz haben.
Schon in dessen erstem Antwortbrief offeriert Grosche Metzger die Verlags- und
Autorenrechte aller FS-Veröffentlichungen.[316] * Da beide eine legale
Zusammenlegung aller esoterischen Grüppchen anstreben, bekommt Metzger am
10.6.50[317] * die Logenleitung der
FS-Schweiz angeboten.
Grosche findet Metzgers
Ritualentwürfe für die "Esoterische Studiengemeinschaft" (ES), dem
vorläufigen Vorhof, "zuwenig magisch," worauf dieser aber auf
die eigentlichen OTO-Rituale hinweist, die erst fortgeschritteneren Mitgliedern
zugänglich sein würden. Mit Metzgers "Exertitien" [sic] kann
Grosche
ebenfalls nicht viel anfangen, da sie den "Magischen Lektionen" von
Karl Spiesberger/Eratus, die den "Blättern" beiliegen, zu ähnlich
seien. Spiessberger leitet einen 10-köpfigen "Metaphysischen
Studienkreis."
"Es ist
eben so, dass ich mich nie gerne in den Vordergrund stelle," erklärt sich Metzger am 7.9.
und weist auf eine Verbindung zum Grossmeister des AMORC, Martin Erler,[318] * in München hin. Wie Herr
Erler sich 1991 erinnert, haben
Metzger und seine Damen die Fernkurse des AMORC bezogen. Er habe aber niemals
daran gedacht, sich als Freund Metzgers zu betrachten.[319] *
Auf ein von
Metzger aufgegebenes Inserat in der Zeitschrift "Neues Europa" Nr. 19
vom 1.10.50 mit einer "Einladung zum Eintritt in den Vorhof der
Loge" gehen 100 Anfragen bei Grosche ein, und es ergeben sich 15
neue Schüler. Insgesamt bleiben Gregorius 50 Westschüler,[320] * die, nach Abzug aller
Unkosten, 150 Westmark (pro Monat?) für seinen Lebensunterhalt beisteuern. Da
die russischen Behörden gegen Okkultismus Zuchthausstrafen verteilen, finden
sich nur 20 Ostzone-Schüler ein.[321] * Grosche freut sich über das "gesammelte
Menschenmaterial."
Grosche offenbart: "Ich
werde... immer zu Ihnen halten, da ich Ihnen mein Vertrauen geschenkt habe und
habe ich das innere Gefühl, dass unsere Wege nicht nur längere Zeit harmonisch
nebeneinander laufen werden, sondern dass wir uns noch näher zusammenfinden als
Mensch, Freund und Bruder."[322] *
Metzger bietet
an, eine Historie des OTO zu schreiben, da er dazu das Material in vollem
Umfang besitze.[323] * "Weida. Darüber hat
Metzger immens viel Material, zig Ordner... Ging aber zumeist um Tränker, der rasch an Crowleys
Integrität Zweifel bekommen hatte. Mehr oder weniger schmutzige Wäsche."[324] *
Metzgers
Psychosophische Gesellschaft {10} erhält am 19.10.1950 neue Statuten und tags
darauf, auf Anfrage, sofort von Grosche "die Ermächtigung [die]
Fühler und Bemühungen schon jetzt auf die Länder Frankreich und auf Italien
auszustrecken." Der schweizerischen Loge soll die Auslandsinitiative
überlassen werden, damit sich Grosche ausschliesslich um
Deutschland kümmern kann.
Metzger besucht,
mit einem Visum für Österreich und Deutschland, im November 1950 und Mai 1951
die Brüder und Schwestern im Tale Austrien, Orient Wien, unter der Leitung von
Eduard Korbel, der, um seine Mitglieder
nicht zu verlieren, den Illuminaten-Orden {11} als Vorhof der FS wiederbelebt
hat, und reist im Oktober 1950 ins Tessin, um die dort lebenden OTO-Mitglieder
aus Reuss' Zeiten wieder für sich zu gewinnen {4}. Was Metzger Grosche völlig verschweigt, ist,
dass er vom Präsidenten des "Weltbund der Illuminaten," Julius Meyer in Berlin, den Auftrag
erhalten hat, als Kurier zwischen Meyer und Korbel in Wien zu fungieren {11}.[325] *
Metzger besucht
Ende Juli 1950 auch Tränker, der sich als Nachfolger von
Theodor Reuss sieht, was ihn zum "ernsthaftesten Gegner"
macht {5}. Tränker darf nichts von den
Beziehungen Metzgers zur FS wissen, denn sowohl Metzger wie auch Grosche fürchten einen
Gerichtsprozess, falls Tränker auf die Herausgabe von
Papieren pochen würde, worauf er als Supremum Sanctuarium des OTO ja das Recht
hätte.[326] * Zum Schutz vor Tränker wird der OTO in Deutschland
als 18° in die nunmehr 33°-gradige[327] * FS inkorporiert. "Dann
steht die Loge davor und er kann an diese Körperschaft nicht angehen. Als
eingetragene Vereinigung geniesst sie gesetzlichen Schutz."[328] *
"Die
Johannism. geht der FS voran in den drei [Graden], dann würden die Pronaos[grade:
Vorhof] der F.S. folgen und im Pentalphae[grad] würde, wie gesagt OTO
gearbeitet, etc./der OTO Gr. hat immer die Johannism. vorausgesetzt - solche
Br. & Schw. könnten ev. dann den Merkur[grad] gleichzeitig oder auf
eine besondere Weise durchgehen?"[329] *
Von den
Adonisten, die sehr offen in "erotischen Fragen" seien, möchte
Metzger (dort Mitglied alias Servius) "einiges lernen, besonders was
die Org[anisation] betrifft." Von einem nicht genannten
Professor, der den Adonisten angehöre, sei Metzger vor dem Kriege "während
zwei Jahren, jede Woche einen Tag, geschult" worden "in einer Schnellbleiche
über humanistische Bildung und wissenschaftliche Voraussetzungen auf
Hochschulstufe."[330] *
Beide stellen
sich vor, andere Gruppen an sich zu reissen, seien es die Adonisten oder Lekves "Thelem Chassidim"
{7}. Lekve, grosszügig wenn es um die
Verbreitung Thelemas geht, schickt regelmässig die "Thelemischen
Lektionen" an alle Interessierten, so auch an den ungeliebten Grosche. "Wir müssen versuchen,
die Schwächeren aufzusaugen oder unter eine organisatorische Betreuung, Leitung
zu bekommen... um der tonangebende Spiritus Rector zu werden" drückt
sich Grosche ganz deutlich am 3.11.50
aus.
Plötzlich setzt
Metzger die Korrespondenz auf Sparflamme. Grosche befindet sich in "entsetzlicher
Geldknappheit." Viele Schüler sind ihm wieder "abgesprungen,"
seine definitiven Zuzugspapiere für Berlin verschleppen sich im Laufe der
Berliner Magistratswahlen. "Was ist denn los? Sind Sie ernstlich krank
geworden" fleht Grosche am 14.3.51 Richtung Schweiz.
Was ist geschehen? Metzger hat eine Druckerei gekauft (Akzidenz-Druck, Verlag
Psychosophisches Institut {10}) und internationale Kontakte "mit Süd-
und Mittel-Amerika, sowie Frankreich" aufgenommen {9}. Der vierte
Organisationsbericht der FS, nun doch noch von Metzger geschrieben und
gedruckt, gibt auf Anraten Grosches Metzgers Postadresse als
Kontaktadresse für Europa an.[331] *
In der
schweizerischen Gruppe sind: Br. Perdurabo, Br. Cubus, Br. Johannes, Br. Doré
Rubes Giraga, Schw. Agatha, Schw. Rhodanuba (Frau Werder-Binder {9}), Schw. Ainyahita
(Frau Borgert {9}), Schw. Mechala (Frau
Metzger {9}).
Am 25.3.51 sieht
das Verhältnis FS-OTO folgendermassen aus: "Nun haben wir in
Deutschland den effektiven Vorhof der Fr.S., in der Schweiz die E.S. und der
OTO und in Österreich die Illuminaten L. alles als Vorhof der Fr.S."
Die FS ist die Dachorganisation, wobei nur qualifizierte und geprüfte Schw. und
Br. via 18° Zugang zum OTO erhalten sollen. Die FS soll das Erbe der
esoterischen Leitung übernehmen, Metzger will die Mittel besorgen und die
Beziehungen schaffen. Während in Berlin vorwiegend magische Themen und Übungen
an der Tagesordnung sind, bearbeitet die schweizerische Loge andere Gebiete:
"Rhetorik, Erfolgspsychologie, Selbstbeobachtung und das Studium der
Zentren, Ueber die Maschine Mensch, Sich selbst erinnern, Die Einheit, Das
grosse Problem, Rituelle Esoterik."
Gerne wird von
Metzger auch an die drei ersten Aufgaben der Schüler einnert: "Aufsatz,
die Personifikation eines sog. toten Gegenstandes; Tagebuchmässige Darstellung
einzelner Meditationen; Entspannungsübungen."
Die Schweizer
halten ihre Treffen seit 1945 monatlich in der "Aula Paracelsus"[332] * ab.
Metzger möchte,
dass Gregorius den Reuss-Crowley-Nachlass (vor allem die Korrespondenzen der
beiden) als Supremum Sanctuarium, für dessen Ermächtigung er sorgen könne, bei
der Besitzerin dieser Unterlagen, Frau Jantzen im Tessin, die "sich
als einziger Erbe und ermächtigter höchster OTO behaupte," anfordere.
Frau Jantzen besitze keine Ordensrituale
und berufe sich auf eine Frau Bader in Wesel, die den V°
besitze. Die Tochter dieser Frau Bader (Gundula) sei verheiratet
mit einem Mitglied aus Metzgers Gruppe (William Fischer) und soll "seinerzeit
Ursache unserer Trennung" gewesen sein. Oscar Schlag erwähnt Gundula Baders Vater, Dr. Wolf Bader in Öhningen a. Untersee
(später in Freiburg i. Br.), der ebenfalls behauptet habe, "der" OTO
zu sein.[333] *
Gregorius rät
Metzger, zuerst Tränker von dieser Spur "abzuwimmeln"
und sich dann via Mittelsmänner an "die Jantzen und Frau Hardegger heranzumachen." Als "Mittelsmann"
denkt Grosche an seine ehemalige Geliebte
Hanne Wildt, die nun die Sekretärin von
Frau Hardegger geworden ist.[334] * Er selber kann nämlich nicht
als S.S. wirken, da diese Damen seinen Status als "einfachen Bruder des
OTO" kennen. So rät Grosche am 22.3.1951, den Jantzenkreis zu überrennen, denn "wer
publiziert und veröffentlicht ist stärker."
Frau Gundula
Bader schickt nach der Auflösung
des originalen Zürcher OTO-Kreises um Pinkus und Sprengel, 1947, die Dokumente zurück
an Frau Jantzen, der Erbin Frau Sprengels. Da Frau Bader seit 1972 auf ihre Schreiben "keine
Antwort mehr erhielt, muss ich annehmen, dass" Frau Jantzen nicht mehr lebt.[335] * Ihre Ordensunterlagen sind
bis heute nicht nach Stein gelangt.[336] *
Grosches Schwierigkeiten mit den
Besatzungsmächten lassen ihn einen "Kampf gegen den Geist... schlimmer
als Sie es dort in der Schweiz wissen können!" ahnen. "Es
wird täglich schlimmer und die Gegensätze spitzen sich immer mehr zu. Der Krieg
ist unausbleiblich! Rechnen Sie auf jeden Fall damit! Disponieren Sie
damit!" Metzger bleibt ungerührt. Sein Antwortbrief umfasst sieben
Seiten, ohne auf Grosches Ängste einzugehen. Metzger
ist vielmehr an Verlagsveröffentlichungen und esoterischem Klatsch
interessiert und nicht an der Teilung der Stadt Berlin.
"Der
Kreis hat sich geschlossen" macht Metzger am 25.4.51 eine kryptische Andeutung
und stellt Grosche eine Charta aus: "Es
ist die echte O.Charter, die Tränker nicht besitzt." Möglicherweise handelt es um
das nichtssagende Diplom mit dem Text: "Wir bekunden mit heutigem
Datum, dass S.M. Gregorius = Honoris Causa = rechtmässig aufgenommenes Glied
ist."[337] * Auf diesem Diplom befinden
sich in Geheimschrift der Satz "Die Wahrheit ist die Sechste
Weisheit." Die Zeichen sind "abgefasst in der Geheimschrift der Kleriker
der Tempelherren. Diese Geheimschrift wurde im Nachlass des Theosophen J.Ch.
von Wöllner (1732-1800) entdeckt u. unter dem Titel Der Signatstern[338] * mehrmals publiziert... Dabei
erschwerte Metzger das Ganze dadurch, dass er das System nur HALB anwendete u.
es mit einer anderen Freimaurer-Schrift koppelte."[339] *
Als Gegenleistung
fordert Metzger eine entsprechende Charta und erhält eine "Vollmacht im
gesamten Lande Helvetiens einen Vorhof der Loge Fraternitas Saturni zu
errichten."[340] *
"Ich stelle
mich restlos hinter Sie!" bedankt sich Grosche[341] * und drückt seine grosse
Hoffnung aus, mit der Veröffentlichung seines Romans "Exorial," die
Metzger übernehmen will, seiner existenziellen Geldnot entfliehen zu können. "Es
geht uns sowieso zur Zeit recht dreckig, kein Geld für die Miete" und
er rechnet mit einer Auflage des "Exorial" von 70'000. Ein zweiter
Roman, "Das Dunkle Licht," verspreche ebenfalls, sich gut zu
verkaufen.[342] *
Endlich Kontakt mit Karl Germer
Im Juni 1951
meldet sich Metzger erstmals bei Karl Germers Crowley-OTO, gibt sich als
Nachfolger der Monte Verità-Gruppe zu erkennen und erzählt von Pinkus und Fräulein A. Sprengel, was Germer am meisten
beeindruckt {4}.[343] * Metzger erzählt nicht nur
nicht von Hilfiker (höchstwahrscheinlich hat
Metzger nie von Hilfikers Rolle gewusst), sondern
verschweigt auch schlauerweise[344] * den Vornamen Alice des Frl.
Sprengel. So hält Germer sie
irrtümlicherweise für das mysteriöse Fräulein Anna Sprengel, das ja so massgeblich an der
Gründung des Golden Dawn beteiligt gewesen sein soll.[345] *
In diesem Lichte
erscheint Metzger "so far genuine, with true aspiration, and cautious
in things which he may be sworn to keep silent from uninitiates."
Begeistert
berichtet Germer seinem europäischen Beauftragten Friedrich Mellinger {8}, dass Metzgers Gruppe
einen "printing shop of their own" habe. Er weist Mellinger an, für Metzger Crowley-Texte
auszuwählen. "If my optimism is not based on sand, but solid, we should
have been given a very promising connection."[346] *
"If
Metzger would have had access to all of A.C.'s works in the way [Kenneth] Grant has had, I'd be inclined to
see in him a parallel case. However - like Grant - there seems to be the lack
of money."[347] *
Durch Germer zu
internationalen Aufstiegschancen in Sachen Thelema ermutigt, wird Metzger nun
seine Beziehungen zur FS belasten. Germer lebt seine Aversionen gegen Grosche voll aus. "He was a
sex-maniac, dabbled in hypnosis and drugs."[348] * Grosche "surely is a child of
Traenker's."[349] *
"I also
heard that Grosche... has started O!T!O!-Lodge
activities again. I do not know from whom he can claim authority: perhaps from
Tränker. Metzger should know about
that"
meint der im Unwissen gelassene Germer.[350] * Offensichtlich hält Germer
die FS für eine OTO-Loge.
Am 22.5., 18.6.
und 22.7.1951 beklagt sich Grosche über fehlende Post aus der
Schweiz, bis sich Metzger am 24.7.51 mit einem neuen Briefkopf meldet, "Heute
am 89. Jahrestags unseres Ordens."[351] * Man habe nun endlich einen
eigenen OTO-Tempel,[352] * mit dem OHO (Germer) Kontakt
aufgenommen, immer noch keine FS-Rituale erhalten, wobei sich die OTO-Brüder
eigentlich gar nicht so recht für die FS-Praxis eigneten, ob Grosche noch mehr Adressen von
FS-Mitgliedern habe und ob nun das Manuskript "Das Dunkle Licht" in
die Schweiz zur Publikation geschickt werden könne.
Grosche ist verwirrt. "Ueber
das Verhältnis resp. die Organisation zwischen F.S. und O.T.O. haben wir doch
festgelegt, dass der dortige O.T.O. im Gradeinbau in die dortige F.S.
eingefügt werden soll. - !! - Nun existiert die F.S. ja dort noch gar nicht
offiziell, resp. sie ist noch nicht erleuchtet." "Wien können
Sie ja erleuchten in meinem Auftrag - Es sollte ja auch die Schweiz gewissermassen
die Patenschaft für Wien übernehmen."
Grosche schlägt Metzger noch schnell
einen Plan vor, "wie wir zu Geld kommen könnten... Nach Therion-Muster:
Der Verkauf von Hochgraden! - Es ist mir nicht sehr sympathisch, aber es würde
gehen." In den "Blättern" heisst es nun über den OTO: "dieses
Organisationssystem findet sich auch bei der Fraternitas Saturni."
"Lieber
Freund und Bruder... im OTO ist geplant sämtliches Wissen der geheimen
Bruderschaften wieder zu vereinigen und zur Wirksamkeit zu bringen - Sie werden
mich verstehen!"
deutet Metzger seinen Standpunkt am 30.7.51 an und fürchtet einen Einspruch
der regulären Freimaurerei. Geschickt fragt er Grosche um Kontaktadressen an.
Grosche versteht jedoch nicht: "Wann
beginnt die F.S. in Zürich zu arbeiten? Wann beginnt die Arbeit des O.T.O. in
Zürich als Gradarbeit der F.S.?"[353] *
Metzger erklärt
daraufhin undeutlich, dass ihn eine "verbindende Linie" "mit
Sorge erfüllt" und spricht unklar von einem Bild, das sich die
Öffentlichkeit machen könnte.[354] * Er meint wahrscheinlich
einen Artikel in QUICK 37/50 über Hypnose, in dem auf negative Weise von
Crowley die Rede ist.
Am 3.9.51 kehrt
Metzger von einer Deutschlandreise heim und verlangt von Grosche die Charta vom 25.4.51
zurück: "Es hat sich nämlich herausgestellt, dass das Vorliegende einen
sehr kritischen und wesentlichen Fehler aufweist."
Dies ist der
letzte Brief, den Metzger an Grosche schreibt. Im Oktober 1951,
auf Metzgers Reise zu Friedrich Lekve und Friedrich Mellinger, besucht er zusammen mit
Frl. Äschbach Grosche in Berlin. Aus den noch
folgenden Briefen Grosches geht nicht hervor, was sich
abgespielt hat.
Im Besitze vieler
Auslandsadressen der FS, hat Metzger im Gegensatz zu Grosche viele Mitglieder persönlich
kennengelernt. Er profitiert von Grosches Kenntnis der esoterischen
Szene und kennt dessen finanzielle Lage, seine Wünsche und Ziele.
Die zwei
Romanmanuskripte von Grosche, die für dessen
Lebensunterhalt von existenzieller Bedeutung gewesen wären, gibt Metzger nicht
mehr zurück. Die Drohungen Grosches, den Schweizerischen
Schriftstellerverband einzuschalten, bleiben ungehört.
"Ich habe
Sie bisher für einen ehrlichen und anständigen Mann gehalten, dem ich viel
Vertrauen entgegenbrachte... kann ich nur über sie den Kopf schütteln... sage
ich Ihnen offen, Sie sollten sich schämen, sich mir gegenüber derartig zu
verhalten!!"
so Grosche an Metzger.[355] *
Trotzdem bleibt
der OTO in Deutschland in der FS verankert: "Das Symbol des Tau [im
Tapis der Loge Fraternitas Saturni] ist das Zeichen dafür, dass der
Geheimorden OTO in der Loge als Grad verankert ist, resp. im Gradus Pentagrammatus
[Pentalphae] gearbeitet wird."[356] * Um diese Zeit fragt Grosche vergeblich den Sohn von
Arnoldo Krumm-Heller an {12}, der FS beizutreten.[357] *
Zwischen 1951 und
1953 erhalten folgende Personen ein OTO-Papier mit der Unterschrift Germers
und z.T. Mellingers: Metzger, Annemarie
Äschbach, Anita Borgert, Georges Bérard, Josef Haniman, Rösli
Metzger, Irene Weber, Othmar Weber und Anna Binder.
Am 11. September
1953 wird Metzger "wegen unwürdigen Verhaltens" aus der FS
ausgestossen und dessen "Vollmachten für die Schweiz" werden
annulliert.[358] * "Die Mitglieder der
Genossenschaft Psychopathia [sic] haben nicht das Recht, sich als
Logenmitglied der Fraternitas Saturni zu bezeichnen."[359] * "Diese sogenannte
Dachorganisation... existiert nicht mehr... Die sogenannte O.T.O. Vereinigung
in der Schweiz ist nur eine Luftgründung von Metzger... nicht echt."[360] *
Die Frage am
7.1.87 an Fräulein Äschbach, ob Metzger Stuhlmeister der
Fraternitas Saturni, "Orient Thuricensium," gewesen sei, beantwortet
sie knapp und bündig mit "Ach Chabis!," was sich ungefähr mit "Ach
Mumpitz!" eindeutschen lässt. In den Protokollen der FS wird aber
sogar der Schwester Äschbach/Chochmah zwischen 1951-53
regelmässig "in ritueller Feierlichkeit" gedacht und ihr
werden "gute harmonische Gedankenkräfte zugesandt."
Kenneth Grant: der Typhonian OTO in
England
1945 stellt
Crowley dem Engländer Gerald Brosseau Gardner IV° und P.I.
(13.6.1884-12.2.1964) eine OTO-Charta "to constitute a camp... in the
degree Minerval" aus. Aber Gardner hat keine Zeit für den OTO,
da er die Wicca-Orden (unter deren Bezeichnung sich "Hexen"
organisieren) leitet.[361] *
Crowley bemerkt
in seinem Tagebuch im März 1946 über den 1944 zu ihm gestossenen Grant {13}: "Value of Grant: if I die or go to U.S.A,
there must be a trained man to take care of English O.T.O."[362] *
Im Herbst 1950
knüpft Grosche Kontakt mit Grant.[363] *
Karl Germer stellt
nach Crowleys Tod Grant am 5.5.51 eine OTO-Charta "to
constitute a camp" aus. "If we want to get the OTO properly
going again, we need a competent leader, not only for England but for the whole
world. It must be somebody who knows the thing inside out;... I have often
thought that you might will be chosen for the job."[364] *
Grant wird von Friedrich Mellinger betreut {8} und erhält seine
OTO-Logenanweisungen von W.T. Smith.
Im Oktober 1954
druckt Grosche Karl Germers Übersetzung von
Crowleys "Kleinen Aufsätzen, die zur Wahrheit führen" wieder ab, die
schon 1928 in der "Saturn-Gnosis" erschienen sind.[365] *
Als nun 1955 von
Grant das
Manifest der "New Isis Lodge" in London erscheint, wo auf Seite sechs
Bezug zu Grosche genommen wird[366] * und Grosche eine Kurzversion dieses
Manifestos im April 1955 auf deutsch veröffentlicht, regt sich Germer dermassen
auf, dass er "took violent exception to my [Grant] referring to Grosche"[367] * und daraufhin Grant am 20.7.1955 aus Crowleys OTO
verstösst. Am 20.9.55 verbietet Germer Grosche, weitere Crowley-Texte zu
publizieren. Germer "had a long-standing feud with Grosche,"[368] * welche wohl noch aus der
Pansophiezeit stammt, obwohl Germer für seinen "Ordensnamen"
denselben Planeten gewählt hat, den Grosches Anhänger anrufen.
Massgebend für
diesen Zwist dürfte nicht nur Metzgers Vorwurf gewesen sein, Grosche habe ihm das Manuskript der
Gnostischen Messe {15} gestohlen,[369] * sondern auch Grosches "Sonderdruck 1"
vom Januar 55 über den mehr oder weniger sexuellen Charakter der Messe. Im März
1955 folgt der "Sonderdruck 2" mit einem Bericht über Crowleys
Besuch in Weida und die damalige Gründung der FS. Zu dieser Zeit fliessen auch
Artikel aus Grosches Feder über die
astrologischen Aspektzeichen im Zusammenhang mit den
"Coitus-Stellungen."
Grants "pleasant correspondence
with Herr Metzger" schläft ob dieser Zwisterei ein.[370] * Am 16.12. 1955 bestellt
Germer einen gewissen Edward Noel FitzGerald als "personal
representative in matters of the O.T.O. for Great Britain." Germers
Zurückhaltung drückt sich im Zusatz "valid until revoked" aus.
FitzGerald verfasst "The Works of Aleister Crowley" in Richard
Cammels Biographie "Aleister Crowley."[371] * Es fragt sich, ob es möglich
ist, OTO-Mitglieder aus dem Souveränen Sanktuarium der Gnosis (die Grade
VIII°-XI°) zu verstossen. Germer hat Grant als IX° akzeptiert.[372] *
Nach dem Tode
Germers, 1962, stellt Grants "New Isis-Lodge"
ihre Tätigkeit ein[373] * und Grant betrachtet sich als OHO. Die
Autorisation sei 1945 durch eine Art "laying on of hands" auf
Grant gekommen.[374] *
---
Trotz der
Enttäuschung durch Metzger ist Grosche immer noch bemüht, den Ordensaufbau
mit jemandem zu teilen: "Ich habe noch einmal über unsere persönliche
Unterredung nachgedacht und trage Ihnen die Bitte vor, doch einmal in
kurzgedrängter Form eine Abhandlung zu schreiben, welche klärend sein müsste
über den ganz undurchsichtigen jetzigen Zustand der geheimen Orden, angefangen
von der A.A. über die G.D. R.C. bis heute und darin müsste die Rolle der Menschen
wie Germer, Lekve, Paragranus, Tränker und Fritsche {12, 15} usw. [letzte
drei Namen handschriftlich] Dr. Peters[en?] usw. einmal klar umrissen
werden, sie auf ihren richtigen Platz gerückt und evt. von ihrem Piedestal
heruntergeholt werden.
Man müsste
versuchen, ganz neu in Deutschland aufzubauen und es wäre doch sicher richtig,
wenn Sie persönlich von der Schweiz aus, noch besser wäre es von Südamerika
aus, alles neu unter Ihrer Leitung aufzuziehen [sic]," so Grosche am 9.4.1956 an Oscar R.
Schlag {14}. Im nächsten Monat
stirbt Tränker.
Im August 1956
teilt Grosche seinen Lesern mit, dass
Germer in den USA und Lekve {7} in Deutschland die Interessen
Crowleys vertreten. Lekve habe "sich aber dann
später distanziert und seine Aufgaben an Dr. Petersen in Hamburg weitergegeben. In
der Schweiz gründete im Einverständnis mit Germer ein Herr Metzger eine Abtei
Thelema."
So "ist also festzustellen, dass zur Zeit in der BRD weder die A.A. von
Therion, noch der Orden des G.D., noch der OTO offiziell arbeitet."[375] *
Im September 1956
verbringt Grosche seinen gewohnten Urlaub in
Norditalien, im Dörfchen Cannero am Lago Maggiore, nahe der schweizer Grenze,
wo er vier Jahre bis 1942 als Emigrant gelebt hat.
Am 18.3.57 wird
die "Grossloge FS zu Berlin" amtlich eingetragen.[376] *
Im Dezember 1957
bezieht Grosche Stellung: "Der OTO
ist keine Dachorganisation der Loge FS, sondern er ist als eine in sich
selbständige rein internationale Organisation zu betrachten, welche
gewissermassen hinter den meisten geheimwissenschaftlich anerkannten Logen
steht, ohne mit ihnen organisatorisch verbunden zu sein. In Deutschland
arbeitet der Orden offiziell nicht,"[377] * da Tränker ja tot ist. Wieso Grosche die Metzgersche OTO-Loge
"Prometheus" des Hjalmar Vollkammer[378] * in Bonn nicht erwähnt,
bleibt unklar. Laut Hemberger führt Vollkammer seit 1956 den "Ordo
Illuminatorum Germaniae."[379] * In Metzgers erster Oriflamme
1961 verfasst Vollkammer noch einen Artikel,
distanziert sich aber ca. März 1965 von Metzger.
"Die
Brüder der Loge FS sind keine Thelemiten... Die starre wortgetreue Haltung
mancher Therion-Anhänger ist sowieso unseres Erachtens nach nicht gutzuheissen.
Der immer stärker werdende magische und kosmische Influxus dieses Zeitalters
verlangt eine fluktuible Anpassung und Anwendung der von Therion gegebenen
Lehren."[380] *
Im Oktober 58
annulliert Grosche Wedlers (Frater: 1954, Meister:
1957) Bestallung als Landes- und Ortsmeister von Wattenscheid und ernennt ihn
zum Grosslogen-Archivar.[381] *
Im März 1960 kann
Grosche endlich
sein "Exorial" publizieren. "Alles, was im Exorial steht, hat
mir G. versichert, ist tatsächlich passiert."[382] * Zu Ostern wird Grosche in den 33°, den höchsten
Gradus Ordo Templi Orientis Saturni (Gotos) erhoben, was eine Personalunion mit
dem Logendämon GOTOS/Baphomet bedeutet.
Am 22.7.1961 wird
der Berg Ipf rituell "in den Schutz Pans" gestellt.
1962 löst man die
FS angeblich rituell auf.[383] *
Als sich Metzger
im Januar 1963 als OHO des OTO ausruft, sieht Grosche darin einen
"Treppenwitz der Geschichte der neueren okkulten Bewegungen."[384] *
Am 21. September
1963 haben die rechte Hand Gregorius' und Grossinspektorin Margarete Berndt/Roxane,[385] * Karl Wedler und Winfried Kuennicke/Fried
(aus New York herangereist, Mitglied seit 1954) am Lago Maggiore, zusammen mit
Grosche im
Urlaub, sich verpflichtet, die Fraternitas Saturni weiterzuführen. Unterwegs
besucht man Englert, Göggelmann und Willi Hauser (Mitglied seit 1954).
1962 besteht in
Frankfurt die FS-Loge "Luminis" aus Johannes Maikowski/Immanuel (18°, 22°, Mitglied
seit 1955),[386] * seiner Frau Irmtraud/Flita
(16°), Manfred, Sara, Herbert Alfred/Johannes und Englert/Ptahotep (18°) {11}. Englert und Maikowski, beide als 18°, wollen, unter
Umgehung Wedlers allein Grosche verantwortlich sein. Dazu
Grosche: "Den
Mstr. Ptahotep treibt ja nur der bei ihm vorliegende starke Ehrgeiz."[387] *
Maikowski gründet 1963 eine eigene FS
und lässt diese beim Amtsgericht Frankfurt eintragen. Sein Meisterkreis nennt
sich "Fraternitas Luminis Ordo Regina Adeptorum," kurz FLORA.
Mitglied ist u.a. Hemberger. "Jeder wollte
Grossmeister spielen."[388] *
Begonnen hat der
Streit im Zusammenhang mit einem Kopiergerät, das ohne Zustimmung Wedlers angeschafft worden ist. Die
spätere Meinung der Rechtsanwälte: "Eine anderweitige Gründung einer
Loge gleichen Namens kann nicht verhindert werden. Auch eine gerichtliche
Eintragung (e.V.) ist kein Hindernis. Der P.57 Abs. II BGB ist eindeutig
formuliert... Damit ergibt sich automatisch, dass auch ein Namensschutz in
Deutschland nicht möglich ist."[389] *
***
Grosche stirbt am 5.1.1964 im 76.
Lebensjahr an Herzinfarkt. Den offiziellen "Totenbrief" zeichnen
Marie Grosche, Alraune und Heinz Bölke.
Die sterbliche Hülle wird auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf beigesetzt.
Die Witwe Grosches zeigt wenig Interesse an
der FS und löst das Antiquariat ihres Mannes auf. Geboren am 23.2.1888, stirbt
sie am 14.5.1967 und wird bei ihrem Gatten beerdigt. Das Grab wird 1989
aufgelöst.[390] *
Am 2.3.64 meldet
sich Metzger bei Roxane, um als "Mutterorden aller Thelemabewegungen...
über das literarische Erbe von Meister Therion zu wachen... den Weg [zu]
weisen und auf Missverständnisse aufmerksam [zu] machen." Dazu
habe er die "Autorisation, die Grundlagen und auch die Beweise."
Metzger beklagt
sich über den "Diebstahl geistigen Eigentums." Das Titelblatt
eines Prospektes für Grosches Buchantiquariat weise ein
Bild auf, dessen Original in Stein liege. Vielleicht ist das Bild des
Künstlers Kelling auf dem Werbeprospekt für Grosches Roman "Exorial"
gemeint. Der Umschlag des Buches selber ist von Martha Funk. Obwohl Metzger das
Originalmanuskript dieses "Romans eines dämonischen Wesens" nie an
Grosche
zurückgegeben hat, ist es Grosche gelungen, dieses Werk 1960
in Berlin im Eigenverlag zu drucken.[391] *
An der Osterloge
am 28./30. März 1964 wird nun Roxane durch geheime Wahl und Kugelei
inthronisiert.[392] * Der Titel der
Logenpublikation ändert sich ab September 1964 von "Blätter für
angewandte okkulte Lebenskunst" zu "Vita Gnosis," ab
Mai 1965 erscheint die überarbeitete "Saturn Gnosis" wieder.
Roxane, geboren
am 9.7.1920, beginnt im September 64 zu kränkeln, muss nach 14 Wochen im Amt
der Grossmeisterin von Wedlers Ehefrau gepflegt werden und
stirbt am 8. Juni 1965.
Nach dem Tode
Frau Berndts bildet sich aus Karl Wedler (33°), Hermann Wagner/Arminius (27°) und Willi
Hauser/Fabian
(16°) ein Triumvirat der FS. Als 33° hat Wedler jedoch das letzte Wort.
---
Wedler erhält am 19.7.1965 einen
Brief von Metzger, der "das Schifflein, die Asche des Ordens der
Saturnischen Brüder, wieder ins heimatliche Gefielde des Ordens zurück[...]führen"
möchte, denn "es war uns all die Jahre eine spezielle Aufgabe,
diese Bewegung zu studieren und still zu betreuen von unserem letzten OHO [Germer]
übergeben worden." Metzger stellt Wedler probeweise eine V°-Charta
aus. Da sich dieser aber nicht "bestechen" lässt, wird die Charta
wieder annulliert.[393] *
Das Triumvirat
kann sich angeblich aufgrund der räumlichen Entfernungen kaum verständigen, und
die gesamte Ordensarbeit konzentriert sich bei Wedler. An der Osterloge vom
8.-10.April 1966 wird der von Wedler protegierte Chemiker Guido
Wolther/Daniel
(12°, Mitglied seit dem März 1964)[394] * aus Kelkheim zum
Grossmeister gewählt.[395] * Am 13.4.1968 werden zwei
weitere 18° gekürt: Emil Forrer/Domani und Hans Buehler/Heliobas.
Innerhalb der FS
wird nun ein neuer Geheimorden installiert: der "Alte und Mystische Orden
der Saturnbruderschaft," AMOS.[396] * Der Gotos Wedler wird am 10.10.68
"Ehrenmeister des AMOS."[397] * Im bürgerlichen Leben ist
Wedler Oberinspektor
beim Bochumer Ordnungsamt, zuständig für die Gaststätten.[398] *
Obwohl beide
Parteien es abstreiten,[399] * ist es Daniel (18°, 33°),
der für Hemberger Unterlagen aus dem Archiv
holt, die Hemberger kompiliert, in dutzenden
von Bänden verkauft, und die den Ruf der FS nachhaltig prägen. Ein 18°Ritual
voller Blut und Sperma erregt die Gemüter.[400] * Die vielen sexualmagischen
Zeichnungen und Schriften Daniels machen die Runde.[401] * "Hemberger gibt sich ja selber aus als
Schüler von Fra Saturnius [Göggelmann] und Mitglied des O.T.O.
X°."[402] *
Metzger sieht
sich zu dieser Zeit genötigt, Zirkulationsschreiben zu verschicken, in denen er
behauptet, "Grosche war nie Mitglied oder Bruder
des OTO oder der Illuminaten." Hemberger kontert: "legitimer
Erbe Crowleys in Deutschland kann... nur die FS sein," die seiner
Meinung nach von Walter Englert {11} vertreten wird."[403] * Wolther ist ebenfalls mit Englerts IO/OTO e.V. in Frankfurt
verbunden.[404] *
Auf der Osterloge
5./6. April 1969 vereinigen sich die abgespaltenen Frankfurter FS-Mitglieder
(ohne Englert und dessen IO/OTO e.V. {11})
wieder mit der Mutterloge. Wedler inthronisiert den neuen
Grossmeister der "Vereinigten Grossloge Fraternitas Saturni":[405] * Walter Jantschik/Jananda (geb. 9.11.1939, 4°,
8°), Mitglied seit April 1964.[406] * Jantschik, von Beruf Justizvollzugsbeamter,
möchte eine Esoterische Universität innerhalb der FS gründen, die Doktor- und
Professorenwürden nach einer Dissertation verleihen soll.[407] * Ein Jahr nach Eintritt wird
Jantschik in Frankfurt im Beisein von Roxane,
Orpheus und Arminius rituell in den 18° initiiert.[408] * Weder von Jantschiks 18°-Initiation, noch von
seiner Grossmeister-Ernennung gibt es Dokumente.[409] *
"Ein
Schreiben, in dem Metzger die FS übernehmen wollte, habe ich nicht erhalten."[410] *
"Daniel
ist ca. 1969 von der FS weg. Es gab Schwierigkeiten mit dem Logensekretariat
unter Giovanni und hatte Schwierigkeiten mit seiner Frau Rahel [Myriam Wolther]. Ein gewisser Bruder
Heliobas [siehe oben] aus Australien hatte sich an seine Frau
herangemacht und sie vernascht."[411] * Am 18.2.1971 schliesst Daniel
in seiner Eigenschaft als Gotos die abgespaltene Frankfurter FS endgültig. Die
Streitereien und Denunziationen bei der Polizei sind von Hemberger in seiner FS-Serie
dokumentiert.[412] * Mit dem Austritt Wolthers löst sich der AMOS auf.
Nach Jantschik folgt 1969 schon der erst im
selben Jahr eingetretene Pole S.W. Wicha/Andrzey als Grossmeister der FS.
Jantschik: "Weshalb ich das
Amt als Grossmeister niedergelegt habe, waren hauptsächlich Intrigen von allen
Seiten, etc. Der Giovanni wollte als Ehrenmitglied, ebenso seine Frau, ernannt
werden... Seit meinem Austritt 1970/71 aus der FS hatte ich keine Kontakte
mehr zu dieser Loge."[413] * Jantschik lässt sich 1971 scheiden und
heiratet am 20. August 1973 ein Mädchen aus Mauritius (geb. 1.6.1953). Hin -und
Rückflug kosten ca. 5000 DM.
An der Osterloge
1977 wird Andrzey in Abwesenheit "wegen Vernachlässigung seines Amtes
einstimmig von seinem Posten abgewählt." Der neue Grossmeister heisst
Joachim Müller/Horus,[414] * der am 25.5.1982 stirbt.[415] *
1978 publiziert
der kanadische Zweig der FS im "caliphatischen" Mitteilungsblatt[416] * die eigene Adresse, worauf
im Magazin der Maat-Gruppe in Ohio ein Manifesto erscheint[417] * und das "Temple of
Set"-Mitglied S. Edred Flowers 1990 eine Kompilation aus
den Werken von Haack und Hemberger unter seinem Namen
herausgibt.[418] *
In Nomine Baphometi
Am 6.5.1970
erschiesst das FS-Mitglied Paul-Günther Diefenthal im "Auftrag Baphomets"
Walter Jantschiks Schwager, Josef Göttler.[419] * Im Zuge journalistischer
Tätigkeiten machen sich Horst Knaut {9} und Haack, ab 1969 hauptamtlicher
Beauftragter der Evangelischen Landeskirche für Sekten- und Weltanschauungsfragen,
auf und besuchen Jantschik am 22.3.1974 in seiner
Wohnung in Lehrberg. Knaut befürchtet, Jantschik könne sein noch ungeborenes
Kind kultisch opfern und lässt seine Unterlagen von Psychologen analysieren,
die "Gefahr für Geist, Leib und Leben" wittern.[420] * Knaut wundert sich, dass Guido
Wolther
ebenfalls nicht mit seinen Publikationen in QUICK u.a. einverstanden ist {mehr
darüber in 9} und droht gelassen mit einer Strafanzeige, falls Wolther seine berufliche
Journalistentätigkeit diskriminiere.[421] * Wolther schreibt empörte Briefe an
QUICK und Haack, in denen Jantschik denunziert wird.[422] * Dieser wehrt sich: "Was...
Wolther von sich gibt... spottet
jeder Beschreibung."[423] *
Jantschik bearbeitet seit dem 18.3.1965
als Mitglied des Metzgerschen Illuminaten-Ordens dessen Lehrbriefe {10} in der
"Oriflamme." Der Kontakt schläft aber bald wieder ein. "Ca. 3
Jahre war ich Mitglied im IO. Die Zusendung von Material wurde dann
eingestellt. (Grund: organisatorische Gründe!)"[424] * "Ich habe den
Metzger Weihnachten 1970 in seiner Abtei besucht. Dabei habe ich auch Frau Borgert und Frl. Äschbach sowie seinen magischen Sohn [Simon] kennengelernt. Er
behauptete, er arbeite gleichzeitig in drei Berufen: Psychologe, Kaufmann und
Schriftsteller. Er sagte mir auch, er hätte viele Kinder (magisch?). Wie dies
auch zu verstehen sei. Ausserdem sagte er mir, er sei die rechtmässige
Autorität über den OTO-Illuminaten-Orden etc."[425] *
Jantschiks Interessen weiten sich aus,
und er wird Mitglied im AMORC; beim Goden-Orden; bei Josef Grassers/Stephanios' Loge Kether
Paris; im AMOOKOS; veröffentlicht 1979 alias Aythos in F.-Wilhelm Haacks Schriftenreihe ein Büchlein
über die FS.[426] * Beim OTOA schreibt er 1983
alias CCD; wird 1981 zuerst Bruder Antomedon, dann Levum im Ordo Saturni und
Mitglied bei Michael Aquinos "Temple of Set"[427] * {13}. 1980 mitbegründet
Jantschik den deutschen Zweig des
"caliphatischen" OTO, wo sich zeitweilig auch "Temple of
Set"- und ehemalige Scientology-Mitglieder tummeln.
Jantschik, nun alias CIT, wird
"Baphometor" im Ordo Baphometis und tritt Ende 1989 aus allen obigen
Orden wieder aus, um sich allein Baphomet hinzugeben.[428] *
Der Ordo Saturni
Oswald Schrey/Aton aus Berlin gründet 1971
den "Arbeitskreis Antares." Durch Inserate in der Zeitschrift ESOTERA
gewinnt man ca. 25 Mitglieder, darunter auch Jürgen Gisselmann/Merlin, der sich gleich sehr
engagiert und auf seine Beziehungen zur selbsternannten Satanistin Ulla von
Bernus und zur
FS hinweist.[429] * Gisselmann "war seinerzeit sehr
aktiv und brachte Herrn [Dieter] Heikaus in den Arbeitskreis."[430] * Heikaus/Phosphorus lässt sich von
Gisselmann "als neues
Triumviratsmitglied einsetzen," was dazu führt, dass sich Schrey übergangen fühlt und Heikaus und Gisselmann ausgeschlossen werden. "Alle
Mitglieder distanzierten" sich daraufhin von den beiden.[431] * Der Arbeitskreis Antares löst
sich 1973 auf.[432] *
Unter Andrzey
wird am 31.3.72 eine "Magna Charta" veröffentlicht und der anhängende
"Ordo Saturni" als Meisterkreis der Fraternitas Saturni ins Leben gerufen.
Das Konzilium entscheidet aber am 27.10.78, "dass die Magna Charta und
der damit zusammenhängende Ordo Saturni für die Gesamtloge nie verbindlich gewesen
ist und dass sie [Magna Charta] durch eine Kompetenzüberschreitung des
damaligen GM und im Widerspruch zum Logengesetz [LK 11,1 und 101,]
entstanden ist." Grossmeister Dr. Conrad/Drakon erklärt den "Ordo
Saturni" für nichtexistent.[433] *
Dieter Heikaus, nun Honorius, mit angeblich
abgeschlossenem Theologie- und Pädagogik-Studium,[434] * jedoch als "Realschullehrer
für Deutsch, Geschichte, Englisch und Religion"[435] * tätig, setzt sich für die
Logenpublikationen ein.[436] * 1978 möchte sich der
Ortsorient Bersenbrück der Fraternitas Saturni selbständig machen, und Heikaus sucht FS-Mitglieder für diese
Idee. Im Januar 1980 feiert der sich nun "Ordo Saturni" nennende Ortsorient
seine rituelle Installierung als unabhängige Grossloge unter Honorius, nun Set-Horus.
Der neue Ordo Saturni (OS) ist keine Fortführung des ehemaligen gleichnamigen
Meisterkreises der FS, sondern eine Art Vorhof des "Ordens des Set,"
der als eine Art innerer Kreis im OS sein Dasein fristet. Dauernd wechselnde
Statuten führen neuerdings zum Beispiel auf, dass "eingereichte
Arbeiten und Gradarbeiten... in das Eigentum des Ordo Saturni"
übergehen.[437] *
1985 inseriert
der OS mit dem OTO-Lamen. Unter derselben Adresse sucht die
Gnostisch-Katholische Kirche und der "Pentalpha-Tantra-Kreis"
"Damen und Herren."[438] * Die Treffen dieses
18°-Kreises/"Studienkreis Sexulamagie" finden an den Logentreffen
statt.[439] * Ebenso inseriert Heikaus mit einer "Spezialabteilung
für Ariosophie."[440] *
Am 14.3.87 wird
Heikaus durch
Wedler zum
Grossmeister und 30° eingesetzt, nachdem Wedler durch Heikaus im Juli 86 zum Ehrenmitglied
des OS ernannt worden ist.[441] *
Der OS hat einige
FS-Meister/Hochgrad-Mitglieder aus Grosches Zeit für sich gewinnen
können. So ist zum Beispiel das schon erwähnte FS-Triumvirat, bestehend aus Giovanni,
Fabian und Arminius, in den Reihen des Ordo Saturni zu Hause. Die beiden letzteren
treten allerdings erst nach Heikaus' Einsetzung als Hierarch
über: Arminius am 19.3.1988 und Fabian am 7.2.89. Darauffolgend wird Heikaus am 4.3.89 zum Gotos
eingesetzt. Als 18° kann allein der Schweizer Emil Forrer/Domani (aus der FS
übergetreten im Dezember 87) gewonnen werden.
Der Ordo Saturni
ist in Bremen amtlich eingetragen. Die Mitgliederbeiträge gehen an die
Esoterische Studiengesellschaft in Bersenbrück. Da die beiden Vereine
verschiedene Statuten haben, sind die Ordensmitglieder ohne Mitspracherecht.
Laut der Satzung des OS (3.10.78/20.3.82) geht das Vereinsvermögen an den
obenerwähnten "Orden des Set" in Osnabrück.
Die Gnostisch
Katholische Kirche in Deutschland wird von Dieter Heikaus/Set-Horus angeblich im Januar
1980 gegründet. Die Aktivitäten dieser Kirche (nämlich Anzeigen in
Fachblättern, esot. Adressbüchern, Zuschriften usw.)[442] * können nachgewiesen werden.
Die apostolischen Weihen sind angeblich nach dem Rituale Romanum der polnischen
Mariavitenkirche vollzogen. Obwohl vom theologischen Standpunkt aus keine
Magie in der Transsubstantiation der Elemente zu sehen ist, gilt das nicht in
der "twilight world of the Wandering Bishops."[443] *
Die apostolische
Sukzession stammt angeblich aus der Mariaviten-Linie von Erzbischof Paulus N.
Maas [Michael
Kowalski konsekriert am 4.9.1938 Marc-Marie-Paul Fatome, der am 9.10.1949
Paulus N. Maas zum Bischof weiht].[444] * Der aus Polen stammende
Mariaviten-Orden, gestiftet um 1890 durch die Polin Maria Kozlowska, spendet
im Frühjahr 1991 in Köln den "Freundschafts-Segen" für homosexuelle
Paare.
---
Karl R.H. Frick, in derselben FM-Loge wie
Wedler, lernt
durch ihn Heiner Fabian/Cornelis und dessen Manuskript "Blutmessen und
Satanismus" [Teil 1] kennen.[445] * "Naiv" stellt
Frick in seinem
Buch "Satanismus und Freimaurerei" den OS als "Ordo
Satanas" vor.[446] * Ähnlich fühlt sich auch Paul
Rüdiger Audehm (geb. 1942) {11} von Frick hintergangen, dem er in gutem
Glauben Material geliefert hat.[447]
Mit göttlichem Sperma salbe ich Dein Haupt[448] *
Jürgen Gisselmann/Merlin posiert zusammen mit
Ulla von Bernus/Anata {9} für die "Hör
Zu,"[449] * ist aber zu jung, um Fraternitas
Saturni-Mitglied zu werden. Deshalb nimmt ihn Karl Wedler unter seine persönlichen
Fittiche. Die Freundschaft zwischen Anata und Merlin kriegt Risse, als
letzterer den UFO-Glauben Anatas zerpflückt. Merlin schreibt gleichzeitig für
den "Stadtanzeiger Marabo für Bochum und Umgebung" (wo auch ein
Werner Schmitz tätig ist)[450] * und den "Playboy."
Bald kriegt er es mit der Angst vor schwarzmagischer Verfolgung zu tun und
begeht, erst 25jährig, am 2.10.1979 Selbstmord. Die Geschichte dieses
Selbstmordes wird nun von obenerwähntem Schmitz, der die nötigen Informationen
sogar von Dieter Heikaus erhält, als Krimi "Auf
Teufel komm raus"[451] * verarbeitet. Nach Erscheinen
des Krimis werden Flugblätter an Wedlers Wohnort verteilt, in denen
dieser mit bürgerlichem Namen erwähnt wird.[452] * Jetzt ist Heikaus "entrüstet."
Ulla von Bernus (geb. ca. 1914) gelangt
ebenfalls zu Ruhm. Sie zelebriert am 17.9.84 im ZDF ein magisches Ritual und
gibt in der "Hör Zu"[453] * ihre Tarife bekannt: 30'000
DM pro magische Ferntötung. Pfarrer Sommerauer, der Frau von Bernus daraufhin vor Gericht bringt,
blitzt ab. Beim Tatbestand handle es sich um ein "strafloses
Wahndelikt."[454] * Mit derselben Begründung
muss Frau von Bernus allerdings 30'000 DM
zurückzahlen, da das Landesgericht Kassel die Ansicht vertritt, das ganze sei "von
Anfang an objektiv unmöglich gewesen."[455] * Wolther/Daniels Sohn, Patrick, wird
magischer Schüler der Bernus.
Heikaus bemüht sich vergeblich um Merlins
Ordensarchiv. Die Mutter Jürgen G.s vernichtet fast alles nach dessen
Selbstmord.[456] *
Im selben Jahr,
als der Krimi von Schmitz erscheint, 1987, tauchen an der Hauptschule in
Bersenbrück Werbeschriften für den OS auf. Die Eltern drohen mit einem
Schulstreik. Die Boulevard-Blätter berichten wieder von Gefahren,[457] * Kirchenblätter drucken
Saturn-Insignien ab,[458] * Horst Knaut und Haack werden zitiert.
"In
unserer Gegend ist augenblicklich der Teufel los. Die Kirchen blasen zum
Angriff, Kripo und Staatsanwaltschaft sind eingeschaltet. Ein Freitod in der
Umgebung wird mit uns in Verbindung gebracht."[459] * Heikaus wird im März 1988 seines
Amtes enthoben.
Wie die Ermittlungsbehörden
der Presse mitteilen, haben sich die Vorwürfe der Verbreitung
jugendgefährdender Schriften (und Filme) und neonationalsozialistischen
Gedankengutes als haltlos erwiesen.[460] *
Durch den
Presserummel entstehen ein paar Lücken in den oberen Rängen des OS, die aber
bald durch vorstossende Neuzugänge, vor allem von
"Caliphat"mitgliedern aufgefüllt werden, was Unruhe auslöst. Heikaus gründet den "Ordo Templi
Orientis Saturni" ("dessen Name somit gesetzlich geschützt
ist").[461] * Viele Mitglieder springen ab
und diejenigen, die versäumen, ihre Mitgliederbeiträge zu zahlen, lernen wegen
120 DM Heikaus' Anwalt kennen.[462] * Im Mai 93 wird versucht,
Heikaus
abzusetzen, da ihm juristische Unkorrektheiten in Sachen Vereinsführung u.ä.
vorgeworfen werden.[463] * Das alles wird Heikaus jedoch nicht stören, hat doch
Gertrude Zellhuber dem Ordo Saturni am 18.9.93
ein Kind, Artur, geschenkt, das nun als Inkarnation Eugen Grosches das lädierte saturnische
Boot durch weitere Stürme lotsen soll.
7.
Treffpunkt der Träumenden
Martha Küntzel
Der 1849 geborene
Telegrafensekretär und Pansoph Otto Gebhardi (Bruder Ich Will),[464] * OTO-Mitglied unter Reuss,[465] * schreibt zusammen mit seiner
1857 geborenen Geliebten Martha Küntzel (Schwester Ich Will Es)
Beiträge für die Zeitschrift "Theosophische Kultur" des
"Theosophischen Kultur-Verlags", der Nachfolge von Heinrich Tränkers "Theosophischer
Zentralbuchhandlung." Vorerst sind Goethes Faust und die Zauberflöte die
Themen der beiden Repräsentanten von H.P. Blavatsky.[466] * Als die beiden jedoch 1925
Crowley im Hause Tränkers kennenlernen, proklamieren
sie ihn zum Weltheiland und Frau Küntzel wird fanatische Anhängerin
Thelemas. Über die Freundin von Madame Blavatzky schreibt Crowleys
Nachlassverwalter und Biograph John Symonds, sie sei "begierig
von einem Kult zum anderen getorkelt, bis sie das Buch des Gesetzes auf den
richtigen Weg führte und [sie] in ihren letzten Jahren nur noch durch
das Gesetz von Thelema am Leben blieb."[467] *
Die schwangere
Gespielin Crowleys, die Schweizerin Leah Hirsig (1883-1951), wohnt bei der
Küntzel in
Leipzig,[468] * die nun die ersten drei
Bände von Crowleys Confessions ins Deutsche übersetzt und losen Briefkontakt
mit Eugen Grosche pflegt. 1926 besucht sie
Crowley, der von Deutschland aus nach Tunis gereist ist.
Am 15. März 1927
wird die "Thelema-Verlags-Gesellschaft Leipzig" als eine Art
Weiterführung von Tränkers "Pansophischer
Verlagsgesellschaft" gegründet, die selber keine Crowley-Werke mehr
publiziert und von Frau Küntzel verabscheut wird. "Das
Grosse Thier hat ein liebenswürdiges Kaffeekränzchen um sich versammelt."[469] * Teilhaber sind (die erste
Zahl gibt die Anzahl Stimmen von insgesamt 12 an, die zweite den Anteil am
Reingewinn):
1. Aleister Crowley, Paris (3, 35 %)
2. Otto Gebhardi, Leipzig (1, 10 %)
3. Karl Germer, Boston (1, 15 %)
4. Oskar Hopfer, Weissendorf (1, 15 %)
5. Martha Küntzel, Leipzig (3, 10 %)
6. Bernhard Sporn aus Zeulenroda (3, 15 %) ist für
den Druck zuständig.
"Der
Verlag war nicht in unserer Adressenkarte des Bestandes Börsenverein der
Deutschen Buchhändler nachweisbar. Recherchen in den Leipziger Adressbüchern
blieben ebenfalls ohne eindeutiges Ergebnis."[470] *
Frau Küntzels 1925 angefertigte, angeblich
auch Hitler ausgehändigte Ausgabe des Liber AL, stösst weder auf Karl Germers noch auf Henri Birvens Zustimmung. So berichtet
Germer Crowley über Birvens Meinung: "he calls
her translations childish and silly" (13.9.1929).
Im Juli 1928
veröffentlicht Grosche Texte von Crowley mit dem
Vermerk: "Copyright der Thelema-Verlags-Gesellschaft, Leipzig."
1930 kommt es zum
Treffen der Herren Germer, Krumm-Heller, Crowley und Yorke in Henri Birvens Wohnung - ohne die Küntzel {12}. Am 1. und 2. Juli unterzeichnen
Martha Küntzel (Thelema-Verlag) und Henri
Birven
(Zeitschrift "Hain der Isis") einen Vertrag, worauf Birven endlich Crowley-Texte
veröffentlichen kann, bis ihm dies Crowley 1932 verbietet. Das Verhältnis
zwischen Birven und Küntzel verschlechtert sich
ebenfalls, da die Küntzel immer eigenwilligere
Übersetzungen liefert. Frau Küntzel begeistert sich neuerdings
auch stark für ihren magischen Sohn, Adolf Hitler,[471] * was sogar dem manchmal
pro-deutschen Crowley zuviel wird und er den Kontakt mit ihr schliesslich 1935
abbricht. Ein Jahr später taucht ein neuer deutscher Protagonist auf.
Friedrich Lekve
Der am 26.2.1904
in Wesel geborene, in erster Generation Deutschland zugehörige Lekve, entstammt einem seit 1200 am
Hardanger Fjord in Norwegen ansässigen Bauerngeschlecht.[472] *
Vor der Begegnung
mit Thelema "lebte ich dem Gedanken der
Verpflichtung an das Leid. Darum ergab sich ein Suchen auf den verschiedensten
Wegen der Mystik," begleitet von einer
"ungesunden Neigung zu Mangel an Selbstvertrauen und stimmungsmässiger
Beeinflussbarkeit." Doch 1929[473] * erfolgt seine thelemitische
Berufung, die er vor allem im Lichte des Zusammentreffens seiner Geburt,
26.2.1904, mit der "Offenbarung des thelemischen Gesetzes zu
Cairo," 8.-10.4.1904, sieht. Wegweisend für Lekve wird ausserdem Martin Bubers (1878-1965) Wiederentdeckung
des Chassidismus, allein schon des Datums wegen: 1904.[474] *
1936 lernt er
Martha Küntzel kennen, die seine Mentorin
wird, und schreibt erstmals am 8.10.36 an Aleister Crowley. Er berichtet ihm
vom "Kreis um Thelema,"[475] * dem er und die Küntzel angehören, und von den sechs
Kisten voller Gemälde, die Crowley nach seiner Ausstellung 1930 in Berlin
zurückgelassen habe.
Crowley stellt
ihm nun ein Horoskop aus und will sofort diese Kisten haben.
Lekve beurteilt Eugen Grosche als "brother of
the left path," erzählt einen langen Traum und
unterschreibt mit "66 (Friedrich) + 11 (Lekve)."
Am 13.4.37
beklagt sich Lekve über mangelndes Interesse an
seinen "monthly letters" und will via Astrologie die
Menschheit für Thelema ködern. Er unterschreibt mit "Seven OZ
Seven." Am 6.11.1941 wird Crowley dann seine eigene "Charta
der Menschenrechte" "Liber OZ" nennen.[476] * Diese "Charta"
wird von Crowley in die II°-Initiationsrituale eingebaut, die also erst NACH
1941 geschrieben worden sind[477] * und 1942 erstmals
durchgeführt werden {13}.
21.4.37: Lekve möchte bei Crowley notfalls
auch ohne Bett auf einer Luftmatratze übernachten, da er als Vertreter der
Wetzel-Gummiwerke in London sein wird.
28.4.37: Crowley
lehnt ab und schlägt vor, das Hakenkreuz gewerbsmässig auf Fahnen und
Porzellantassen zu verscherbeln, was Lekve aber schwierig findet, da
das ja ein Nationalsymbol und copyrightsmässig schon gebunden sei. Lekve möchte das Hakenkreuz aber
gerne als "Sign of the German Thelema"
verwenden [Zur gleichen Zeit wird auf der Wewelsburg von den Nazis eine
Manufaktur eingerichtet, um das Hakenkreuz auf Porzellan zu bannen.].[478] *
Lekve reist nun doch nach London,
um sich seinem Meister vor die Füsse zu werfen.[479] *
In einem Brief
ohne Datum und einem darauffolgendem vom 23.9.37 bittet Lekve Crowley, keine Briefe mehr zu
schicken, da er die Gestapo fürchtet.
Im März 1955[480] * verbreitet Eugen Grosche erstmals, Martha Küntzel sei in einem KZ verschwunden,
was nicht stimmen kann, denn gemäss Lekve stirbt I.W.E. am 8.12.42 in
einem Erholungsheim.[481] * "Until the last
moment of her life I was with her." Das angebliche Küntzel-Vorwort im 1944 erschienenen
Buch Thoth[482] * stammt von Crowley selber.
Herbert Schmolke/Ishrah (in den 40er
Jahren Crowleys und Friedrich Mellingers Kontakt in Deutschland) am 2.2.46 an Germer: "Soror I.W.E. left
Leipzig in June 1937 and went to Bad Blankenburg/Thur. In a home for aged
teachers... she died by senility [85jährig]."[483] * Im Bundesarchiv können keine
Hinweise auf eine Martha Küntzel ermittelt werden.[484] *
1944 wird der
Höhepunkt in Lekves spiritueller Entwicklung:
die Erlangung der Grade Major Adept (AA) und des synthetischen IX° (OTO), wofür
das Wissen darum allein schon genügt.
Nach dem Krieg,
am 11.1.46, schreibt Lekve erneut Crowley. Er hofft,
dass die Deutschen nun nach der politischen Niederlage endlich Thelema
akzeptieren werden. Über Martha Küntzel: "from the political
point of view there was a great difference between her and myself [die
Küntzel hat ja
begonnen Hitler fanatisch zu verehren] ...
I was the friend of her except you of course to whom she had the deepest
confidence and trust. So she was very anxious that I might take over her
succesorship" (was sogar testamentlich festgelegt sei). Dann
äussert Lekve seine völlige Missbilligung
gegenüber Orden, will nie OTO-Mitglied werden, sondern schlägt die Gründung
einer "Societas Thelema" als Parallele zur "Societas Jesu"
vor. Crowley antwortet Lekve via Herbert Schmolke, was Lekve ärgert.
29.4.46: Lekve distanziert sich von "such
men as Germer, Achad, Mathers and the
many" und hält auch Grosche für ein Krebsgeschwür am
Blute geistiger Giganten, wie Crowley einer sei. Lekve ernennt sich nun selber zum
persönlichen Repräsentanten Crowleys "even if you, my Father,
would prefer to reject and push me from your
side." Er habe unter den Nazis immerhin das Liber AL verteilt, was
sehr riskant gewesen sei.
Am 14.6.46
reagiert Crowely jedoch sehr zurückhaltend auf Lekves Selbstdarstellung und will
wissen, wie Lekve, da er ja nicht dem OTO
beitreten wolle (obwohl er den IX° reklamiere), sich am Grossen Werk zu
beteiligen gedenke. Betreffend der desolaten Lage Thelemas und der
Veröffentlichung seiner Bücher möchte Crowley, dass Lekve praktische Schritte
unternehme. "However, if you are a Major Adept you ought to be able to
work miracles and that is exactly what is wanted... the secret of the Ninth Degree
which is exactly what you need most to enable you to perform those
miracles."
Lekve erhält nun von seinem Meister
als letzten Kontakt Liber OZ. Von ihm stammt 1949 die erste deutsche
Übersetzung dieses Liber OZ/77, und nicht von Metzger, wie dieser 1955, also 6
Jahre später, angibt.
Die kalifornische
Crowley-OTO Agape Loge (die zweite) {13} beschliesst Ende 1947 den Thelemiten
Deutschlands CARE-Pakete zu schicken und dafür 50% der Gelder aufzuwenden. Die
Adressenliste bekommt man von Karl Germer. Jane Wolfe (1875-1958) {13, 14} und Mary
Kay unterstützen das Ehepaar Herbert Schmolke in Berlin-Charlottenburg,
das aber bald nach Kalifornien übersiedelt. (Karl Germer warnt am 24.4.1954
Jane Wolfe vor Herbert Schmolke, der "strange"
geworden sei.) Ray und Mildred Burlingame {13} nehmen sich der Familie
Lekve und Dr.
von Oldershausen an.[485] * An diese beiden richtet sich
Friedrich Lekve, um sie als Sponsoren für
seine nun doch bevorstehende OTO-Initiation zu gewinnen, worauf Germer
verstimmt reagiert.[486] *
1948 verschickt
Lekve
"Thelemische Lektionen und Exercitien"[487] * mit dem Siegel seiner Abtei
Thelema und der Überschrift: "Institut für Individuationskurse auf
kosmologischer Grundlage." Auszüge aus Crowleys Confessions erscheinen
erstmalig und ab 1951 Teile des Liber AL mit Lekves Kommentar im "Sinne des
Thelemischen Chassidismus." "Ich will Thelemiten heranbilden, die
nicht über den Glauben, sondern ausschliesslich jeden über sein eigenes Erleben
zu Thelemiten werden."[488] * Selbst der ungeliebte
Grosche erhält
signierte Exemplare.
"Jeden
Donnerstag und Sonnabend 24 Uhr erfolgt eine Anrufung der Stele in der Abtei. Wer sich von Thelem
Chassidim in den Schwingungskreis einschalten will, hat zu dieser Stunde dazu
die Möglichkeit."[489] * Lekve verschickt kostenlos Kopien
der Stele (Papier auf Holz geklebt).[490] * Gemessen an der Papier- und
Geldknappheit der Nachkriegsjahre stellt dies eine Leistung dar. Metzger wird
diese Idee später übernehmen. "Englert und ich [Audehm] halfen ihm [Metzger]
seinerzeit dabei. Fertigten - unter Schwitzen - ca. 30 Stelen an. Werden ausgesägt;
erhalten einen Holzsockel; werden mit Sandpapier geschmirgelt; dann mit den
beiden Drucken (vorn farbig/hinten schwarz) beklebt - und mit dem Abramelin-Öl
dick eingestrichen. Letzteres ist ein Geheimnis Metzgerscher Fabrikation.
Anne... wollte verhindern, dass ich eine Stele erhielt - hatte vorausblickend
auch recht, denn ich beförderte dieselbe '74 in den Müll." [491] * Oscar Schlag besitzt ebenfalls eine
Metzgersche Stele.
In Herbert
Fritsches {12, 15} Zeitschrift
"Merlin" Nr. 3 läutet 1949 Lekves Beitrag "Der Magier
Aleister Crowley (Meister Therion)" mit der Botschaft "Der Meister
ist tot. Fort lebt das Thelemische Gesetz, fort lebt
der Orden der Thelemiten"[492] * das öffentliche Interesse an
Thelema ein.
Mit diesem
"Orden der Thelemiten" dürfte schwerlich das von Crowley zwar auf dem
Papier konstituierte, aber nie in Kraft getretene Zwischending aus OTO und A.A.
gemeint gewesen sein, das unter die Leitung von James Thomas Windram/Fra.
Semper Paratus/Fr. Mercurius, X° von Südafrika (gest. 1939), gestellt werden
sollte.[493] * Windram ernennt am
15.11.1915 Frank Bennett/Progradior (1867-1930) zum VII° von Australien. Vyvyan
Deacon/»Memnon», Medium des theosophischen Bischofs C.W. Leadbeater (1847-1932), konkurriert mit
dem "Australian Order of Oriental Templars," angeblich Reuss'schen
Ursprungs von 1908. [Mehr über den Australischen OTO in "Occult
Review"[494] * und in der angekündigten
Biographie Bennetts von Keith Richmond.[495] * Neben Mottas OTO und dem "Caliphat"
{13} existiert zur Zeit ein OTO von Gregory Tillett in Australien].
Die von Crowley
am 2.4.1920 gegründete "Abbey of Thelema" in Sizilien wird am
26.11.1922 unter seine eigenen OTO-Statuten von 1919 gestellt.[496] * Friedrich Lekves "Orden der
Thelemiten" und "Abtei Thelema" sind jedoch allein Lekves eigenes "Thelem
Chassidim" und weder mit einem OTO noch mit einer Gnostischen Kirche
verbunden. In Lekves "Abtei Thelema"
wird ein äusserer Orden, der durch Korrespondenz die Mitglieder zusammenhält,
von einem inneren, "Thelem Chassidim," unterschieden, in dem die
Berufenen mit der Kabbala als Schwerpunkt arbeiten.[497] * So ist Lekves "Orden der
Thelemiten eine geistige Hierarchie von Wesenheiten hoher Intelligenz, die
jenseits unserer Daseinsebene wirksam werden dem, der sich ihnen
erschliesst."[498] *
---
Am 16.9.49 wendet
sich Oskar R. Schlag (1907-1991) {14} an Lekve, um dessen Thelemische
Lektionen zu erwerben.
Am 17.10.49 meldet sich Lekve: "Ja, auch die FS
des Herrn Eugen Grosche hat ihre Pforten wieder
geöffnet, doch unterhalte ich mit ihr keine Verbindung, da sie sich gegen den
Meister Therion erklärt hat... In der Schweiz ist der Orden bislang nicht
vertreten." Als Vertreter der Wetzel-Gummiwerke ist Lekve oft in Zürich oder lässt durch
seinen Mittelsmann C.H. Jödicke seine Thelemischen Lektionen in der
Schweiz verteilen. Herr Schlag schickt Lekve Kaffee nach Hildesheim.
"Mitten
im zerbombten Stadtkern liegt die Abtei Thelema zu Hildesheim, wenige Räume in
einem zerbombten Haus, das schlecht und recht wieder auferstand. An der
Goslarschen Strasse liegt sie, und ihre Hausnummer ist 7." So beginnen Lekves "Thelemische Lektionen
und Exerzitien A1" am 18.11.1949.
Metzger hat in
diesen Thelemischen Lektionen erstmals Schriften Crowleys (ausser das kleine
Büchlein "Magie" der Thelema-Verlags-Gesellschaft) gelesen und
bekommt von Lekve nun Ende 1950 Germers
Adresse in New York. Somit ist Lekve Metzgers "Sponsor"
für Crowleys OTO. Alias Peter Mano reist Metzger rege umher, hält Vorträge und
Kurse über Astrologie in Zürich, Bern und St. Gallen. Er verschickt
Meditationen über den Mond und versucht mit dem zumindest auf seinem
Briefpapier existierenden "Psychosophischen Institut und Verlag"
alle bekannten und unbekannten esoterischen Grössen auf sich aufmerksam zu
machen {9, 10}.
Der
ausserordentlich aktive Lekve ist in den Rat der Stadt
aufgerückt, Mitglied im Museums-Ausschuss, ist Fraktionsvertreter,
Vorstandsmitglied des Kulturringes, erster Vorsitzender und Dozent an der
Volkshochschule, Direktor der Wetzel-Gummiwerke, zeitweise sogar
SPD-Bürgermeister von Hildesheim und auch Dolmetscher für die Besatzungsmächte.
Damit hat er wesentlichen Anteil am Wiederaufbau der Stadt Hildesheim
geleistet.
Friedrich Lekve verkündet seinen Schülern zum
Frühjahrsäquinoctium 1951 die "Grüsse höchster geistiger
Erhebung." Gleichzeitig beginnen die ersten magischen Übungen in
den "Thelemischen Exercitien."
Am 20.6.51
verschickt Lekve einen Rundbrief an die
Bezieher seiner Lektionen. Durch dreifache Arbeitsbelastung (Gummiwerke,
Thelema und Bürgermeisteramt) habe er seit April ein Herzleiden und müsse
deshalb die Lektionen vorübergehend einstellen, bis ihn seine politische
Amtsperiode nicht mehr so sehr in Anspruch nähme.
In einem Brief
vom 30.6.51 an den Schweizer Henry Graf gibt Lekve Auskunft: "Eine Gesellschaft
in der Schweiz, die sich als Ziel setzt, der
thelemischen Lehre zu leben, gibt es nicht. Es ist auch bei der
thelemischen Arbeit weniger an irgendeine Gruppenarbeit gedacht als
vielmehr an die eigene Arbeit des einzelnen Individuums."
Lekve weist
Herrn Graf nicht an Metzger, sondern an Oskar Schlag {14}.
Ebenso Germer
gegenüber äussert sich Lekve nicht sonderlich begeistert
über Metzger, wobei Germer diese Meinung nicht teilt: "I can't accept
Lekve's judgement. It is not
always reliable.
Besides, Metzger is young" (Germer an
Mellinger, 15.9.51). Die Animositäten
sind gegenseitig. Im Rahmen der Vereinnahmung aller Orden unter einer einzigen
Jurisdiktion, die, von Grosche und Metzger ausgehend,
natürlich auch Lekves Organisation erfassen soll,
hofft Grosche, dass Lekves Lektionen einen "materiellen
Fehlschlag" darstellen. Lekve komme "allein auch
nicht weiter, seine Publikationen sind viel zu hoch und zu schwer für
einen erweiterten Organisationsaufbau." Metzger: "Bei Lekve muss man darauf bedacht sein,
alles Chassidische
wegzulassen."[499] *
Lekve bietet dem Zürcher Rascher
Verlag seine Thelemischen Lektionen zur Veröffentlichung an. Am 24.8.51 wendet
sich der Verlag an Oskar Schlag als Begutachter, worauf
dieser aber am 10.9.51 meint, zu einer Veröffentlichung sei "nicht zu
raten," da sich um Aleister Crowley allerlei kuriose Gerüchte rankten.
Mittlerweile ist
Friedrich Mellinger in Europa rege geworden {8}.
Karl Germer an ihn: "I'm glad you met Lekve, and that you were satisfied
with the meeting... Lekve is worthy. He has proved it
by his work in hundreds of ways... As to the IXth itself, may-be he might
divine the ultimate secret himself if he were a little prepared for it... If
you should meet L. again, go as far as you see fit, and there is no limit. [Es folgen die Anleitungen
für den IX°, und die Erinnerung, dass Mellinger zu dessen Verteilung, resp.
Bestätigung, keine Charter benötige.] Ergo: these remarks refer to Metzger
too... One word about Lekve and his girl friend Ruth.[500] * While I go very far in respect
to L., I'd suggest caution with regard to Ruth. You can go to the III. in any
case, and then leave it to L. to give her further instruction." (Germer an Mellinger, New York, 15. September
1951) Das Verhältnis zwischen Lekve und Mellinger bleibt ungeklärt.[501] *
Ungeduldig
beginnt sich Germer über Lekves mangelnden finanziellen
Einsatz zu ärgern, was aber nur angesichts der Unterstützung, die Lekve ja anfänglich von den
kalifornischen Thelemiten erhalten hat, verständlich ist. Auch tendiere Lekve eher dazu, den OTO nach
Reuss-Muster führen zu wollen und, wie Reuss, "not take the
A.A. as the supreme Order with the obligation to accept AL as the basis
of the OTO Work," wie Mellinger am 25.9.51 geklagt wird. Es
folgen eine Menge Ratschläge, wie man einem so gutinformierten Manne wie
Metzger gegenübertreten könne, ohne sich zu blamieren.
Friedrich Lekve korrespondiert mit Martin
Buber, liest
Gershom Scholem (1897-1981), und 1952 erscheinen die Lektionen in einem neuen
Licht. "Der thelemische Chassid ist ausschliesslich RELIGIOESER
MENSCH. Thelem Chassidim ist der Treffpunkt der Träumenden."[502] * Er erbittet sich nun von
allen Korrespondierenden ihre Traumaufzeichnungen und erstellt damit eine
zusammenhängende Geschichte "in praktischer Anwendung
der methodischen Fantasie; das Traumland Thelem meditativ... die Stadt
Nephrit," zu der sich auch Crowley, astral, meldet.[503] *
In diesem
Traumland treffen sich Nathan Prager (Herbert Fritsche {12, 15}), Rebbe Ssair (Lekve selber, der sich nun als
Ismaelit ausgibt), Friedrich Oss, Anna Pawlowna, Johannes Quest und Gattin, Bogohild
und Gattin, Sr. Benedikta, Sr. Aniela Petrosi, Hans Helios, Eleazar ben
Abinadab, Aladdin, Assa und Beatrice. Lekve schickt seine Lektionen an
Smith in den
USA, doch zum OTO gewinnt er immer mehr Distanz. Bald werden Kontakte mit der
ORA in München geknüpft.[504] *
Am 4.9.53 lässt
Friedrich Lekve verlauten: "Die thelemischen
Lektionen erscheinen wieder - es werden völlig neue Wege begangen."
Das Wachstum der kleinen Gemeinde um "Thelem Chassidim" stagniert.
In einem Brief
vom 21.10.53 an Schlag {14} weiss Lekve nicht einmal mehr Germers
neue Adresse. Germer spekuliert darauf, dass Petersen (der Lekve und Metzger testamentarisch
als Erben eingesetzt hat) Lekves Unterlagen bekommt.[505] * Im Gegensatz zu Germer,
Petersen und Mellinger publiziert Lekve nie bei Metzger. Erst posthum
veröffentlicht Metzger ein paar Artikel aus der Hand Lekves, wo dieser z.B. meint: "Der
Thelemit ist letzter Träger abendländischen Lebens, abendländischen
Denkens."[506] *
---
Martin Buber, gewiss kein Thelemit,[507] * fragt Herbert Fritsche {12, 15} am 8.1.1956 über
Lekve aus, der
diesen, ihn sechsmal getroffen habend, aufs äusserste verteidigt. Als Lekve am 26.8.56 im katholischen
Hildesheim stirbt, beschreibt ihn Fritsche am 30.12.56 (in einem Brief
an Charlotte P.): "Er selbst war ein Freund des Unbekümmerten bis an
die Grenze des Nichtzumutbaren."
Als Germer
Metzger am 29.4.1958 Martha Küntzels Liber AL mit Crowleys
Widmung schickt, sieht sich Metzger darin bestätigt, das Erbe der
"Thelema-Verlagsgesellschaft Leipzig" angetreten zu haben. Doch auch
sein Verkauf von Crowley-Büchern scheint nicht ganz so schwungvoll zu
verlaufen, wie Metzger es sich wünscht {10}.
Vergeblich
schreibt Metzger die Witwe, Luise Lekve, an und fordert von ihr alle
Thelema betreffenden Unterlagen heraus.
Eine Dame aus
Hildesheim, die berichtet, Lekve habe seine Frau "wegen
der Küntzel" verlassen
[Altersunterschied: 62 Jahre], kauft nach Lekves Tod den Büchernachlass auf,
und zusammen mit Lekves Frau ordnet sie die
Unterlagen, wobei zum Teil handschriftliche Manuskripte Crowleys (die nicht
zuvor schon an C.H. Petersen gegangen sind) als "schwarzmagisch"
eingestuft und deshalb verbrannt werden [so Dieter Heikaus, Grossmeister des Ordo
Saturni, der von obgenannter Dame einige Lekve-Küntzel-Bücher erwirbt].[508] * Der Rest des Erbes geht an
einen Br. Nürnberger in Hamburg. Erst zwei Wochen vor Germers Tod, am
11.10.1962 "während der Eröffnung des Ökumenischen Konzils des
II.Vatikans - wurde die Stele der Offenbarung von Hamburg quer durch
Deutschland nach Zürich und von dort nach Stein überführt, wo sie unter
Glockengeläut in die Kapelle getragen wurde," lautet die frohe
Botschaft in der Oriflamme. Es handelt sich hier nicht um Crowleys Kopie der
Stele, sondern um Lekves Druckplatte (vermutlich
identisch mit der Druckplatte Crowleys für seine Equinox-Bände).[509] *
8.
Von der Tribüne zur Gnosis
Friedrich
Mellinger erblickt am 15. November
1890 in Berlin das Licht der Welt. 1919 wird er Mitbegründer und Schauspieler
des ersten links-politischen, aktionistischen Avantgarde-Theaters "Die
Tribüne" in Berlin, bei der Karl-Heinz Martin, eine Gestalt von einigem
Einfluss, als künstlerischer Leiter tätig ist und Schauspielergrössen wie
Fritz Kortner und Rudolf Leonhard auftreten.[510] * In der Selbsterklärung der
Tribüne spricht man von Theater "ohne Betrieb und Technik"
ohne "unnatürliche Trennung von Bühne und Zuschauer,"
stattdessen wollen die Künstler "Seele und Gesinnung offenbaren."[511] * Am 30.9.1919 triumphiert man
mit Ernst Trottes "Die Wandlung," inszeniert von Karl-Heinz Martin.[512] * Die folgenden
expressionistischen Aufführungen finden jedoch keinen einheitlichen Stil, und
die Tribüne geht bald unter sich ablösenden Spielleitern unter.[513] *
1921 gründen Dr.
phil. Mellinger und der Regisseur Eugen
Felber in München die "Schaubühne" aus den Resten des Ensembles und
der Dekoration von Felbers "Neuer Bühne." Die "Schaubühne"
im Steinicke-Saal an der Adalbertstrasse, wo hauptsächlich expressionistische
Stücke von Kaiser, Büchner und Sternheim aufgeführt werden, wird bald von
Mellinger allein übernommen und
besteht dann nur noch kurze Zeit.[514] *
Von 1927-31 ist
Mellinger Mitarbeiter des
Propyläen-Verlags und Leiter[515] * des Ullstein-Verlags
Abteilung Drama und Theaterkritik und der "B.Z. am Mittag" in Berlin.[516] * Am 30.5. 1929 wird sein Sohn
Michael Andreas geboren.[517] * Ab 1931 schreibt er als
freier Mitarbeiter der Vossischen Zeitung kunstkritische Essays fürs
Feuilleton. Bis 1932 ist Mellingers Name im Bühnenjahrbuch zu
finden. 1933 ist er nicht mehr aufgeführt.
Im Rahmen der
Reichskulturkammer ist im Spätherbst 1933 die Reichsschrifttumkammer gegründet
worden. Offen bleibt die Frage, ob er sich überhaupt um Aufnahme beworben hat
und abgelehnt worden ist. Mellingers Name taucht in diesem
Zusammenhang nicht auf.[518] * Seine schriftstellerischen
Aktivitäten klingen für seine Entwicklung programmatisch: "Der
Verführer" und "Gernegross" erscheinen 1933.[519] *
Im selben Jahr
enthüllt Mellinger seine esoterischen
Ambitionen im Buch "Zeichen und Wunder, Ein Führer durch die Welt der
Magie." Behandelt werden Astrologie, Graphologie, die Sprache der
Körperformen, Okkultismus, Mediumismus und Spiritismus. Die "Propheten
und Wundertäter" Rudolf Steiner, Helena P. Blavatsky, die Wunderdoktoren
Weissenberg und Zeileis und der Hellseher Hanussen werden gewürdigt. Der Leser
erfährt, dass sich der Autor in den Kreisen der Deutschen Gesellschaft für
Wissenschaftlichen Okkultismus umgeschaut, sich als Hypnotiseur betätigt und,
zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Eva Sinding, an Seancen und
Beschwörungen Verstorbener teilgenommen hat. Ektoplasma-Materialisationen
werden begeistert fotografiert und die Materialisation von 15 frischen
Maiglöckchen nicht als parapsychologisches Phänomen, sondern schlichtweg als
Wunder bezeichnet.[520] *
1933 emigriert
Mellinger zusammen mit seiner Frau und
seinen Söhnen Michael Andreas und Lukas nach London und schreibt das Script
"The Emperor(a) of the Sahara," von dem
sein Sohn Michael meint, sein Vater habe es jemandem übergeben, der es in
Hollywood vergeblich als sein eigenes zu verkaufen versucht hat (Brief vom
25.5.91). Mellinger erreicht Los Angeles im Jahr
1936, wo er nun als amerikanischer Staatsbürger am Theater Fuss zu fassen
versucht. "Er hatte eine Rolle als Schauspieler bei dem Exiltheater
Freie Bühne, Leiter Walter Wicclair, dem er nicht besonders auffiel. Der
nächste Versuch war eine Theatergründung DIE TRIBUENE... Ich habe für die
Tribüne hier durch Interviews ermittelt, dass nur zwei Aufführungen zustande
kamen. Dass er Gründer des Santa Monica Playhouse gewesen sein soll, konnte ich
nicht verifizieren[521] * ...Er war Mitglied im German
Jewish Club of 1933, Inc., Los Angeles. Dort gab er eine literarische Lesung
aus seinem Werk Der Kaiser(b) der Sahara [zu dieser Zeit verfasst Mellinger "The Mirage"]
... Im Uebrigen spielte er winzige Rollen (bit parts) im Hollywood-Film, zu
klein, um registriert zu werden. Eine winzige Rolle spielte er in Leopold
Jessners Bühnenproduktion Wilhelm Tell, doch das Unternehmen ging nach zwei
oder drei Vorstellungen pleite. Der Deutsch-Amerikaner [Regisseur und
Schauspieler] Wilhelm Dieterle [1893-1972] versuchte so oft wie
möglich ihm bit parts zu verschaffen. Laut Auskunft des Schauspielers Hans
Schumm war Mellinger derart arm, dass er die $
25.-- für die Mitgliedschaft in der Extra's Guild nicht aufbringen konnte. Er
wollte das Geld von Peter Lorre borgen, der es ihm nicht gab. Im April 1940
noch einmal eine Lesung für den deutsch-jüd. Club, diesmal aus The Desert
Dictator(c) in Elliot Fishers
Theaterschool...
Das allgemeine
Bild ergibt einen Emigranten, der, wie viele andere, vergeblich versuchte, in
Hollywood auf der Bühne oder im Film Fuss zu fassen. Wie viele andere auch,
wurde er als deutschsprachiger Emigran; nach Bremen/Deutschland gesandt, wo
sich ihm Chancen für einen Neuaufbau seiner Existenz boten. Von Bremen gelangte
er nach Westberlin (U.S.Sektor)."[522] * Mit Charlotte Dieterle,
einer bekannten Astrologin und der Frau von Wilhelm Dieterle, hat Mellinger in Hollywood keinen Kontakt.
Die Hilfsorganisation "European Film Fund" führt Mellinger ebenfalls nicht in den
Betreuungslisten auf.
(a-c)Vom "Emperor" über
"Kaiser" zum "Dictator" der Wüste.
Wilfred T. Smith/Voluntas Perfectas Omnia
Vincat (geb. 1885), der Crowley nur einmal getroffen hat,[523] * ist von seinem Meister am
1.1.1932 testamentarisch als "successor" bestellt worden und
lässt seine von ihm am 21.9.1935 gegründete 2. "Agape Lodge" in
Hollywood als "Church of Thelema" amtlich eintragen, was auf
Ablehnung Crowleys und auch Karl Germers stösst {13}.
Ende 1939
kontaktiert Mellinger Smith, taucht dort im Februar 1940
auf und wird Smiths "friend
indeed," der von ihm mit "great affection, sincere regards and
admiration for his intellegent [sic] judgements and frank
criticism" spricht.[524] *
Mellinger beklagt sich über die "woman-run
organisation"[525] * und vergrault die Frauen: "Whenever
he got to telling the story of their [Nazis] tortures and killing of the
Jews in Germany, I couldn't stand the narration and so fled the room."[526] *
Am 23. April 1940
unterzeichnet das OTO-Mitglied Mellinger/Merlinus ein AA-Dokument als
Probationer mit dem Motto: "Arte Unionem Manifestabo Gnosticam,"
sein Zeuge ist Smith.[527] *
Ein bisschen Geld
verdient Mellinger mit Astrologievorlesungen.[528] * Da seine Familie nie bei den
OTO-Leuten dabeisein will,[529] * sitzt er den ganzen Tag untätig
im OTO-Haus der 2. Agape Loge herum, zu stolz um "knechtische" Arbeit
im Haushalt zu leisten.[530] * Dafür erstellt er die
Horoskope der OTO-Mitglieder.[531] *
Am 8.12.42
verlässt Mellinger die 2. Agape Loge und nimmt
einen Job als Nachtportier in einem Hotel in Arizona an. Von da aus besucht er
Karl Germer in New York. Germer finanziert Mellingers Rückreise, die von Bremen
später nach West-Berlin führt. Im April 1945 wird Mellinger erneut Vater eines Sohnes.[532] *
Sofort nach dem
Zweiten Weltkrieg besucht Mellinger Aleister Crowley in
"Netherwood," in der Nähe von Hastings, Sussex, hilft ihm, seine
Papiere zu ordnen und erledigt die Korrespondenzen. Crowley ist von Mellinger derart beeindruckt, dass
dieser sein "Geistiger Sohn" wird. In einem Brief vom 15. Juli 1947
bereitet Crowley seinen "beloved son"[533] * Mellinger sogar auf "a position
of supreme responsability" vor, womit das Amt des OHO gemeint ist.[534] * Crowley unterschreibt mit "a
Father's Blessing in full measure 666."[535] * Für Mellinger ist Crowley ein
"Geistesheld unseres Jahrhunderts."[536] *
Merlinus hat Therion
wohl seine spiritistischen Neigungen verheimlicht, da letzterer diesbezüglich
eine klare Meinung hat: "I always set my face against
spiritualism."[537] *
Smith, der auf C.S.Jones als X° der 2. Agape Loge
folgt, wird bald von J.W. Parsons und dieser später von Roy
Leffingwell abgelöst {13}. Smith stirbt 1957.
---
Zurück in
Deutschland findet, Mellinger künstlerischen Nährboden.
Von 1946 bis 1949 wird er Theater-Kontrolloffizier der amerikanischen
Militärregierung in Bremen und Mitarbeiter der "Dramaturgischen
Blätter."
Anfang 1946 und
im Mai 1947 taucht Mellinger wieder bei Crowley in
England auf.
Im März 1948
führt er an den Bremer Kammerspielen Regie für Thornton Wilders "Our
Town" und im April 1949 am Berliner Hebbel-Theater. Letzteres geht bald
ein. 1948/49 ist Mellinger Schauspieler am Renaissance
Theater. Am 10. April 1948 führt er sein eigenes Stück, die "Satanische
Symphonie" auf.[538] * "Den Kritiken der
hiesigen Presse zufolge (Weser Kurier bzw. Nordseezeitung vom 12.4.48) war die
Aufnahme sehr negativ; das Publikum reagierte mit Unruhe, Pfiffen und
Zwischenrufen."[539] *
In dieser Zeit als
Theateroffizier hält Mellinger regelmässig in Berlin, Bremen
und anderen deutschen Städten Vorträge über amerikanisches Drama und Theater.
1946 in Max Reinhardts Deutschem Theater, anlässlich der
Max-Reinhardt-Gedenkfeier, oder im Juni 1948 auf der Duisburger Friedenswoche.
Mellinger schreibt auch kleine
Vorworte für Theaterprogramme, z.B. für Rose Fankens "Claudia" (Max
Reinhardts Deutsches Theater in Berlin), Sidney Kingsleys "Menschen in
Weiss" (Theater am Schiffbauerdamm in Berlin) oder Lindsay/Crouses
"Der Herr im Haus" (Bremer Künstler-Theater).
1950 publiziert
Mellinger "Das Theater am
Broadway," wo sogar Crowley in einer Fussnote Erwähnung findet.
Master of the Temple
Mellinger reist kurz in die USA, um
seine amerikanische Staatsbürgerschaft nicht zu verlieren, und hilft Germer
beim Aufräumen des Archivs.[540] * Im Januar und April 1951
scheint aus thelemitischer Sicht etwas mit Merlinus' esoterischer Entwicklung
nicht mehr zu stimmen.[541] * Als "Master of the
Temple" (ein AA-Grad) beginnt er Germers Autorität anzuzweifeln, und
Germer, ganz sensibel auf jeglichen Widerspruch, geht so weit, Mellinger "als gefährlich"
einzustufen, und meint, Mellinger möchte OHO werden.[542] *
Mellinger, kultiviert, gebildet und
ehemals aktiv, wenn auch erfolglos mitbeteiligt an der künstlerischen
Entwicklung des Berliner und Münchner Theaterlebens, langweilt sich bei den
amerikanischen Thelemiten. Wie Germer sich beklagt, dürfte er sich bestimmt
nicht zu Unrecht der 2. Agape Loge gegenüber etwas überheblich verhalten haben.
Es kann deshalb auch nicht verwundern, dass Mellinger den nach eigenen Aussagen
unbelesenen Germer schwerlich als seinen Ordensoberen akzeptieren kann.
Trotz allem zieht
Karl Germer Friedrich Mellinger Friedrich Lekve und C.H. Petersen vor und macht ihn zum
europäischen Beauftragten, um Kandidaten für Crowleys OTO zu prüfen und
gegebenenfalls zu initiieren. Grant, Lekve und Metzger haben primär mit
Mellinger zu tun.
Obwohl Metzgers
Geliebte Anita Borgert schon 1946 mit Sascha Germer
korrespondiert hat, erhält Metzger erst von Lekve die Adresse Germers, der ihn
nun an Mellinger verweist. Mellinger, als IX°, braucht "no
formal Charter," um Initiationen, selbst in den IX°, vorzunehmen,
teilt ihm Germer am 15.9.51 mit.
Germer
befürchtet, sich und Mellinger vor Metzger zu blamieren: "He
knows all about Grosche and knows Tränker personally," die Germer ja beide auch
noch aus Pansophie-Zeiten her kennt {5}. In Sachen Thelema ist Metzger aber
nicht informiert, "it seems he confuses things of which he has no
notion... He knows nothing about the A.A. at all."[543] *
---
Im Oktober 1951,
genau einen Monat nach der Geburt seines Sohnes Parcival Peter (25.9.51,
Mutter ist Anita Borgert), fährt Metzger mit Frl.
Annemarie Äschbach {9} zuerst nach Hildesheim
zu Friedrich Lekve und anschliessend nach
Hamburg, wo Mellinger zur Zeit lebt.
Mellinger berichtet am 31.10.51 Germer
nach New York, dass Metzger ganz versessen darauf sei, soviel Material wie
möglich zu besitzen. Obwohl sich Metzger gern in den Hintergrund stelle,
schimmere durch, "that he is looked at as THE authority in every
respect by his sheep."
Mellinger will Metzger bei der
Neuübersetzung der Gnostischen Messe behilflich sein und ihn nach besten
Kräften unterstützen. "In one respect, I told him, do I feel that he
could not expect your [Germers] authorisation to use the material you
might send him," was Metzger "with splendid and convincing
modesty" aufgenommen habe. Leider habe man die Papiere von Genja
Jantzen noch
nicht, aber Metzger wolle bald einen vielversprechenden Mittelsmann einschalten.
Metzger und seine
17 "brethren" hätten die drei unteren Reuss-Rituale durchlaufen
und wollten nun so schnell wie möglich die Aufnahmeformulare, wie sie auch
Lekve erhalten
habe, unterschreiben, um die Crowley-Rituale kennenzulernen. Metzger sei durch
Pinkus ins
Sanktuarium der Gnosis aufgenommen (IX°), "in a very original form, as
it seems, which P. might have devised by combining traditional instructions
with the results of his own studies and experiences."[544] *
Deshalb sieht
Metzger seinen Besuch bei Mellinger in folgendem Licht: "Im
Oktober 1951 wurde der IX° OTO von Fra. Merlinus (Dr. Frederic Mellinger) im Auftrag von Fra. Saturnus
[Karl
Germer] in Anwesenheit von Sor. Chochmah [Frl. Äschbach] in Hamburg Fra.
Paragranus [Metzger] überreicht."[545] *
Dokumentarisch
lässt sich das Geschehen vom 28.10.51 mit Metzgers und Frl. Äschbachs Aufnahmegesuchen in Crowleys
OTO belegen. Mellinger unterschreibt, und Germer
setzt später seine Unterschrift als Zeuge dazu.[546] * Germer sieht seine "authorisation
only as continuation of his previous O.T.O. work, with the exception that he
had been working the old Reuss rituals (which did not accept the Law of
Thelema) and that he now adopted our rituals."[547] * [Vorliegend sind die von
Germer und Mellinger unterzeichneten neun
Formulare für Metzgers Gruppe {6}: Äschbach, Borgert, Gérard, Hanimann, Binder,
Herr und Frau Weber und Rösli Metzger. Viele davon sind noch unter den Lebenden
als IX° OTO zu finden.]
Mellinger beginnt für Metzger
Crowley-Texte auszusuchen, die dann von Mellinger selber oder C.H. Petersen übersetzt bei der
Psychosophischen Gesellschaft {10} publiziert werden. Am 4. Dezember 1951 setzt
Germer seine Frau Sascha und Mellinger in seinem "Last Will
and Testament" ein. "I leave the whole of my property and
possessions to my beloved wife Sascha Ernestine Andre-Germer as sole heir...
As regards the property of the Order Ordo Templi Orientis... I direct that
this is passed to the Heads of the Order... my wife... has to be the executor
of this part of my Will, together with Frederic Mellinger..."[548] * Wie aus dem Briefwechsel
zwischen Germer und Grant hervorgeht, hat sich Germer
sehr intensiv von Mellinger in Sachen Thelema beraten
lassen.
Wahrscheinlich
angestachelt von seiner Frau Sascha, belastet Karl Germer im Frühjahr 1952 sein
Verhältnis mit Mellinger. "Sascha was jealous
of any person Karl was liking too much... was quite nasty to Mellinger in some way when he visited
them and Karl was probably abrupt."[549] * "Sascha caused the
split between them."[550] * Bald kommt Germer zur
Überzeugung, Mellinger arbeite als Spion für die
amerikanische Regierung, und der Kontakt bricht ab, ohne dass Germer jedoch
sein Testament ändert.
Mellinger wohnt zwischendurch auch in
Zürich und erhofft sich (wie zuweilen Friedrich Lekve) vergeblich am 9.7.57 von
Oscar Schlag {14} Protektion für sein von
Shakespeare inspiriertes Theaterstück "Timon of Detroit," das er für
ihn wieder aus der Schublade gezogen hat. Germer hat zu diesem Werk ein paar
Jahre zuvor keine Stellung nehmen können: "I do not read books."[551] *
So wie sich
Mellinger in seinem 1933
veröffentlichten Buch für Spiritismus begeistert, ist Schlag {14} in verschiedenen Werken
als Medium erwähnt, z.B. bei Fanny Moser (1872-1953), Gerda Walther... Schlag demonstriert gern die Experimente,
die unter Kontrolle von Bleuler, Jung u.a. beobachtet worden sind.
Die Botschaften, die vom "Egregor" von Schlags Gruppe, ihn als
Schreibmedium benützt habend, überliefert sind, harren, laut, seinem Testament,
ihrer Veröffentlichung in einer Auflage von 999 Exemplaren.
Für Metzgers
Publikationen übersetzt und schreibt Mellinger kleinere Artikel, Crowleys
"Khing Kang King," und bespricht Bücher. Er behauptet, Richard Wagner sei OHO des OTO gewesen.[552] * Als Metzger im Mai 1956 in
den Militärdienst einrückt,[553] * scheint Mellinger für drei Monate die Redaktion
übernommen zu haben. Herbert Fritsche möchte 1956 Ernst Klett nach
Stein lotsen, wissend, dass "Frederic Mellinger aufs beschnittenste in Stein
ist, frisch von Amerika herbeigeeilt, vermutlich um neue Hochgrade zu
verteilen."[554] *
Mellingers Mitspieler wird Charles
Waldemar, der laut Schlag unter dem Pseudonym Gerhard
Zacharias ein massgebliches Buch über Kulte veröffentlicht.[555] *
Am 12.10.1955
nimmt Waldemar erstmals unter s"einem
Namen in der Maya-Welt" Kontakt mit "Frater" [sic] Anita
Borgert in
Stein/Appenzell auf. Er besitze seltene Manuskripte Crowleys, über die er sich
begeistert äussert. Charles Waldemar unterzeichnet [zumindest
einen Brief] als 5=6 und schreibt Formeln "für die Liebe ohne Coitus-Kummer,"
Selbstvertrauen, Potenz, Beliebtsein und Yoga. Im Handel sind Waldemarsche
Elektro-Akupunktur-Geräte, vergoldete Rückenrollen, Strahlenschutzdecken,
Sauerstoff-Ionengeräte und Fuss-Reflexonatoren erhältlich.[556] *
Mellinger distanziert sich um diese
Zeit von Metzger, um sich mehr theosophischen Aktivitäten zu widmen.
Als Karl Germer
1962 stirbt und sich Metzger im Januar 1963 zum OHO wählen lässt, bearbeitet
Metzger nun die Witwe Sascha Germer.
Bühne frei für den OHO
"Wir,
General Gross Sekretär des Souveränen Sanctuariums des Ordens der Templer vom
Orient geben hiermit Nachricht... dass... eine Zusammenkunft der Prinzen
Patriarchen Gross Konservatoren... den Erlauchten [Metzger] Gross Meister
X° des Ordens der Templer vom Orient, Souveräner Gross Meister des Ordo
Illuminatorum, Souveräner General Gross Meister der Fraternitas Rosicruciana
Antiqua und Souveräner Patriarch Ecclesiae Gnosticae Catholicae zum Souveränen
General Gross Meister O.H.O. des Ordens der Templer vom Orient berufen haben.
Weil an Uns
die Reihe und auf Uns die Wahl fiel, nehmen Wir demütig auf Uns das Amt, das
Uns der Orden übertragen," bedankt sich Metzger im Manifesto vom Frühjahr 1963.[557] * Am 6. Januar 1963 haben
Harnisch/Hilarius, Naber/Nathan, Scheidegger/Thaddäus, Romanus und Elieser
[vielleicht Pinkus posthum?] Metzger zum OHO
gewählt. Die "minutes" sind wortwörtlich übernommen aus Reuss'
Oriflamme vom Juli 1913,[558] * Seite 3 und Crowleys
Equinox-Band I,10 vom September 1913, Seite xxv. Dem Wahlprotokoll liegt eine
notarielle Beglaubigung des Notariats Zürich Altstadt und ein Attest bei, das
Metzger als einen "in Ehren und Rechten stehenden Bürger"
ausweist, so dass seine Wahl zum OHO also seit Frühjahr 1963 amtlich beglaubigt
ist.
Auf diesem Attest
vom 9.1.1963 sind ausser obigen Titeln noch folgende aufgelistet: "Patriarch
Malachias, Vicarius Salomonis des Souveränen Sanctuariums der Gnosis."
Unterschrieben haben das Attest:
Ordensquästor, General-Schatzmeister: Annemarie
Äschbach/Chochmah
Gross Meister der Loge: E. Engeler/Angelus
General Ordenskanzler: Anita Borgert/Ainyahita
Ordenssekretär Germaniae: W. Harnish/Hilarius
Diakonisse Gnostisch Katholische Kirche: Dorothea
Weddigen/Dodo.
Am 9.2.63 schickt
Metzger eine zweisprachige, vom Vizekonsul der USA in Zürich, Charles Hill,
beglaubigte Aufforderung an Sascha Germer, sofort alles Ordensmaterial in die
Schweiz zu schicken. 200 Dollars folgen, um die Portokosten zu decken.
Unterschriften wie beim Manifesto.
Sascha erinnert
sich an Germers Testament, das ihr das persönliche Eigentum ihres Mannes
zuschreibt, aber Mellinger als co-executor in Sachen
OTO nennt. Frau Germer weiss jedoch seit 12 Jahren nicht mehr, wo Mellinger steckt. So schreibt sie ihrem
Anwalt Chisholm, Metzger habe "to fight for himself," aber "After
long and careful study of all Files and after Experience of 20 years of O.T.O.
work I have to say that to the best of my knowledge, he [Metzger] is the
only one who has all the Rights to be the next O.H.O."[559] *
Metzgers
Forderungen nehmen einen harscheren Ton an. "Ob es einzelne gibt, die
das nicht verstehen und quertreiben möchten oder nicht, interessiert uns nicht
im geringsten... Wir müssen von Ihnen fordern... Wir sind nur die Nachfolger...
Gott stehe Ihnen bei."[560] *
Schliesslich geht
Frau Germer die Unterlagen ihres Gatten durch und kommt zum Entschluss: "Frater
Saturnus Will and Wish was: that Frater Paragranus takes the Heavy Burden off
his shoulders."[561] * Auch anderen gegenüber
äussert sich Frau Germer eindeutig: "I had met Mrs Germer, a very fine
lady, and heard her speak rather highly of Metzger. This was after Germer's
death."[562] *
Metzgers und Frau
Germers Anwälte sind rege, und Mellinger kann ausfindig gemacht
werden. Dieser äussert nun knapp und klar am 25. September 1963 seine Meinung:
Metzger und Frau Germer hätten "violated... the Will of the
deceased." Erstens habe man ihn selber nicht gefragt, ob er Metzger
zum OHO wählen würde, und zweitens habe Metzger nur eine Autorität, auf die er
sich berufen könne: sein übersteigertes Ego.[563] * Diese Meinung Mellingers gibt später dem
"Caliphat" Anlass, Metzger nicht als OTO-Mitglied zu akzeptieren, obwohl
Mellingers Urteile gegenüber anderen
Personen "have been found incorrect and unreliable."[564] *
Für die Anwälte
ist der Fall klar, resp. "entirely useless" geworden.[565] *
Metzgers Anwalt
macht einen letzten, aber vergeblichen Versuch. "Your late husband,
Karl Johannes Germer, was a great leader of this Order and it would seem a
shame for all of his works to lie in someone's basement."[566] *
---
Seit ca. 1960 ist
Mellinger Mitglied der Theosophischen
Gesellschaft ADYAR in Berlin, wo man sich gerne an ihn erinnert: "Er
war für uns eine grosse Bereicherung und für mich ein liebevoller väterlicher
Freund."[567] * Er hält öffentliche
Vorträge und führt einen kleinen internen Arbeitskreis mit besonders interessierten
Mitgliedern. "Alles dies war erfüllt von seinem tiefen Wissen und von
grossem Idealismus."[568] *
Am 29. August
1970 stirbt Friedrich Mellinger in Bad Wiessee. Seine Bücher
sind schon 1957/58 in Oscar Schlags Sammlung gewandert, seine
28 Briefe von Crowley 1985 von Sotheby's verkauft worden. Frau Beate Mattern
hat vergeblich versucht, nach dem Tode Mellingers für dessen
autobiographischen Roman "Utinam" ["Manitu" rückwärts
gelesen] einen Verleger zu finden.
Lukas Mellinger ist Architekt in London
geworden. Michael Andreas Mellinger lebt in Kent und hat in
zahlreichen englischen Bühnen-, Fernseh- und Hörspielen und in den Filmen
"Geheimakte M" und "Weisses Blut" mitgespielt,[569] * an die er sich aber kaum
mehr erinnern kann.
9.
Thelema im Appenzell?
Annemarie Äschbach
Geboren am
26.2.1926 in Zürich als Tochter des Essigfabrikanten Robert Äschbach, hat Frl. Äschbach ihren behördlich angemeldeten
Wohnsitz bis zum Zeitpunkt von Metzgers Tod 1990 in Zürich an der Eugen
Huberstrasse. In Stein ist sie seit 1954 als Besitzerin der Liegenschaft
Schedlern gemeldet.
Zusammen mit
Metzgers Haushälterin Anna Werder-Binder, die in Zürich mit Metzger
zusammen gewohnt hat (geb. 6.10.22, Verwaltungsbeamtin, geschieden, seit 1967
mit Metzger im gleichen Haushalt, aber mit eigenem Kleinwagen), verbringt sie
die meiste Zeit in Stein, beantwortet das Telefon und erledigt die Bücherbestellungen.
Frau Werder-Binder hat am 25.4.1951
zusammen mit Charles Huber das Diplom an Eugen Grosche unterzeichnet, das letzteren
zum "rechtmässig aufgenommenen Glied" gemacht hat {6}.
1954 kauft Frl.
Äschbach ihrem Vater das Haus in der
Schedlern ab, das dann als Komturei Thelema bezeichnet wird. Im Haus sind 1986
noch an den Türen Gästezimmernummertafeln befestigt. Es ist ein dreistöckiges
Landhaus im Villenstil der Jahrhundertwende mit eng wirkenden Räumen, man
sieht direkt auf den Gasthof nebenan.[570] * Beide Gebäude stehen Seite
an Seite an der Strasse, die zum nahen Dorf Stein führt, das 1100 Seelen zählt.
Die Einweihung nach der Renovation findet am 24./25.9.55 statt.
1964 übernimmt
ein Paul Kränzlin den Gasthof Rose. Ernst Neuschwanden, der vorherige Besitzer,
steht in dauerndem Streit mit Metzger (z.B. über den Parkplatz) und hätte
diesem (laut dem Gemeindepräsident von Stein) den Gasthof "nie"
verkauft. Aber schon ein Jahr später ist Frl. Äschbach Besitzerin der Rose. Dazu
gehören 40'000 m2 Umschwung und 8 Gebäude mit
insgesamt 137 zum Teil unterirdischen Räumlichkeiten.[571] *
"Sie
arbeitete in den 60er Jahren mit in der Gallerie [sic] ihres Bruders...
Holte sie mehrfach dort ab. Weiss nur, dass Stein ohne sie nicht existieren
würde."[572] *
Die Umbauten
dauern bis 1969.[573] * Das nötige Geld erhält Frl.
Äschbach u.a. durch den Verkauf von
Häusern am Eulenweg in Altstetten. Einkommen bleibt all die Jahre hindurch
praktisch keines zu versteuern, sondern nur Vermögen, das aber zwischen
1975-1982 auch auf Null schrumpft. Am 10.10.1980 stirbt ihr Vater (geb.
27.12.1885), Besitzer der bekannten Äschbach-Essigwerke. Erst ab 1983,
als die Galerie an der Löwenstrasse in Zürich aufgegeben wird, schnellt das
Vermögen auf beinah eine 3/4 Million Schweizerfranken, ebenso wird wieder
Einkommen versteuert. Beide Zahlen sind rückläufig. Ferner ist Frl. Äschbach weder im Handelsregister in
Zürich noch in Stein eingetragen bzw. auffindbar (ausser im Zusammenhang mit
der Eintragung der Genossenschaft Psychosophia in Zürich {10} vom
3.3.1952-14.3.1957).
Einladungen zu
den Gesellschaftsabenden des "Weltbund der Illuminaten" im Cafe Münz
(Zürichstube) signiert sie mit dem Stempel "I.H. Weltbund der Illuminaten,
Chochmah," z.B. am 30.8.1975 für Franz Spundas Vortrag "Die Kunst und
das moderne Weltbild." Andere sind von A. Butz gezeichnet. Gemäss der
"Satzung des Illuminaten-Ordens in Dresden" (1903) heisst es: "man
bediene sich nur der Buchstaben J.G. zur Bezeichnung des Ordens."[574] *
Wie die
Verlagsauslieferung "Neue Bücher AG" in Zürich mitteilt, hat Frl.
Äschbach im Laufe der Jahre 4-6
Exemplare von Titeln der Verlage Sphinx (Basel) und Ansata (Interlaken) angefordert.
Frl. Äschbach fungiert als Diakonisse bei
der Gnostisch-Katholischen Messe. Horst Knaut schreibt über sie:
"Sobald von Meister Therion gesprochen wird, merkt man ihr beglückende,
verehrende Gefühle an. Sie und die Priesterin A. Borgert scheinen Metzger über alle
Massen zu lieben und zu vergöttern." (Das Testament des Bösen, Stuttgart 1979).
Der Start ihrer
Crowley-OTO-Karriere lässt sich mit dem von Karl Germer und Friedrich Mellinger unterzeichneten OTO-Formular
vom 28.10.1951 datieren.
Frl. Äschbach wirkt sehr schulmeisterlich
und lehnt alles Moderne ab. Sie legt viel Wert auf Äusserlichkeiten und gibt
sich geheimnisvoll. An ihrem Arm trägt sie ein Kupferarmband mit astrologischen
Symbolen.[575] *
Anita Elisabeth Borgert
Geb. 12.5.1918 in
Leipzig, Buchhändlerin in Sachsen, ist Frau Borgert seit dem 17.7.53 in Stein als
Haushälterin im Haushalt Äschbach tätig.
Frau Borgert hat während des Zweiten
Weltkrieges in die Schweiz geheiratet, sich am 11.9.51 scheiden lassen und ist
mit Metzger verbunden durch eine "freie Liebe im Sinne
des Gesetzes von Thelema."[576] *
Frau Borgerts Crowley-OTO-Karriere beginnt
am 3. April 1953.
Alias Ainyahita
übernimmt sie die Redaktion des Verlags "Psychosophische Gesellschaft"
{10} und arbeitet im Jahr 1965 ein paar Wochen in der Wirtsstube, bis Ende der
1970er Jahre dann im Klosterarchiv, fungiert als Priesterin bei der
Gnostisch-Katholischen Messe, liest die Daten der verschiedenen Klimamessgeräte
und agrarmeteorologischen Apparate ab, die sich auf dem Dach und im Garten des
Hauses in der Schedlern befinden.
Frau Borgert schenkt Metzger zwei Söhne,
Simon und Parcival. Joseph Grasser/Stephanios äussert darüber
ehrverletzende und hier nicht wiederzugebende Kommentare in seinem
Mitteilungsblatt "Entretien."[577] *
Joseph Isidor
Grasser, geb.
9.6.1906 in Issenheim/Elsass, 90°, S.I., gründet 1957 im Auftrag von Robert
Ambelain die "Ass-Martiniste
Int. Les Stephanios Internationale Gross-Loge Kether-Paris," die auch dem
MM angegliedert ist. (Robert Ambelain, Nachfolger der Martinisten,
Gnostiker und des MM in Frankreich, von Beruf Gasableser der Société
Five-Lille,[578] * tritt in den Kapiteln über
die Gnostiker wieder in Erscheinung.) Grasser hetzt P.R. Audehm gegen Metzger auf {11}.
Simon Metzger (in
Dietikon) arbeitet wie seine Mutter ebenfalls für eine Wetterstation. Parcival
lebt in Genf.
Über die zwei
Söhne schreibt Audehm: "Einer von ihnen
muss (so anfangs der 70er Jahre) in die Fusstapfen seines Vaters getreten sein.
Hier in Frankfurt machte er auf Rauchenentwöhnung [sic] mittels Hypnose.
Hörte das im Rundfunk."[579] *
Energisch verjagt
Frau Borgert die unliebsamen Reporter,
die sich nicht in zähem Briefverkehr entweder haben abhalten oder von der
Lauterkeit und Reinheit der Ideologie überzeugen lassen, und natürlich die
Neugierigen, die sich auf dem Anwesen herumtreiben.[580] * Im Prozess gegen den
Boulevard-Reporter Horst Knaut Mitte der 70er Jahre tritt
sie zusammen mit Metzger als Klägerin auf.
"Anita:
stand der Küche vor (meisterlich) - und sorgte dafür, dass die Oriflamme...
pünktlich erschien. Vermutlich hat sie - auch mit der Werther [sic] die Quibus licet's
bearbeitet, d.h. die ca. 50 Anwärter (Minervale) betreut."[581] *
Anita Borgert gilt bis 1980 als die engste
Vertraute des "Oberhirten." Am 31.12.1979 meldet sie sich
jedoch bei der Gemeinde in Stein ab und verlegt ihren Wohnsitz an die
Nussbaumstrasse in Zürich. Seit dem 24.6.1980 lebt sie an der F***strasse in
Dübendorf.
In einem Telefon
am 8.1.87 gibt Frau Borgert nur karge Auskunft. Ihr Amt
als General-Kanzler habe sie seit 1980 nicht mehr inne. Ihre redaktionelle
Tätigkeit habe sie von ganz Anfang an, schon 1953, mit dem
"Ketzerbrevier" begonnen. Das "Mitteilungsblatt des
Psychosophischen Instituts" von 1948 erwähnt sie nicht.
Hermann Joseph Metzger alias Peter Mano
Geboren am
20.6.1919, 21.25 Uhr, Bürger vom Bauerndorf Zezikon, TG, und Luzern, "+
47.03 und Länge 8.17."
"Also,
über Metzger's Vergangenheit ist mir so gut wie NIX bekannt. Hatte eine strenge
Mutter (psychologisch interessant), die ihn zuweilen barfuss über die
Stoppelfelder jagte."[582] *
Zuzug am 15.10.1939 von Lugano, Tessin, an die
Sonneggstrasse in Zürich
22.4.1954 an die Käferholzstrasse
6.4.1957 an die Birchstrasse 26, bei Sophie Huber
1.6.1957 an die Birchstrasse 10
7.11.59 an die Birchstrasse 26 zurück zu Sophie Huber
14.7.1966 an den H***, bei Anna Werder - eigentlich aber in Stein
anwesend
Er erstellt sich
seine eigenen Radixdaten: "Asc 14.46 Steinbock, II.H. 3.00 Fische,
III.H. 16.03 Widder, MC 14.58 Skorpion, XI.H. 6.09 Schütze, XII.H. 24.38
Schütze, Sonne 28.27.07 Zwillinge, Mond 23.55 Fische, Neptun 07.35 Löwe, Uranus
01.38 R. Fische, Saturn 24.08 Löwe, Jupiter 20.37 Krebs, Mars 17.50 Zwillinge,
Venus 13.15 Löwe, Merkur 09.27 Krebs, Pluto 05.55 Krebs, Mondknoten 02.41
Schütze, Punkt f. Glück 18.53 Widder."[583] *
"Metzger's
Daten sind: - Asc. 14.42 Steinbock, X. l5. Scorpio... Er hat 3 Planeten in
Leo, 3 in Cancer, 2 in Pisces, 2 in Gemini. Asc. und IV sind allein in
irdischen Z. Er hat Saturn und 3 andere in VII. Was machen Sie aus einer
starken Gruppierung in VII? M.E. hat das Horoskop keine starke STRUKTUR im
Sinne Therion's, der für ein starkes Hor. forderte, dass die Planeten in 2 oder
3 Gruppen gegenseitig starke Aspekte haben. - Mir gefällt der fast genaue
Trigon Sonne-Uranus."[584] *
Metzger über sich
selbst: "Von Jugend auf habe ich mit besonderen Schwierigkeiten zu
kaempfen gehabt. Die familiaeren Verhaeltnisse einerseits stopften mich mit
allen nur denkbaren Komplexen voll und die persoenliche Behandlung war derart
hart, dass schon fruehzeitig in starkem Masse die Erotik geweckt, LOSGEBUNDEN
und bewusst wurde...
Das Politische
u. Religioese ist in m. Leben nicht ganz zu trennen. Urspruenglich katholisch,
habe ich bereits mit 12 Jahren gegen gewisse Formen rebelliert. Nachdem ich
einst Priester werden wollte und in m. fruehesten Jugend durch Freunde der
Familie Foerderung in dieser Richtung genoss und mich auch sonst im Schosse der
Kirche stark betaetigte, schlug ich mich waehrend m. Entwicklungsjahre zum
krassesten Materialismus durch. Das war die Zeit des dialektischen
Materialismus, der Leugnung von Gott, m. Verbindung mit dem Kommunismus - vor
allem auch als Rebellion gegen Faschismus und Nazionalsozialismus, die ich an
der Quelle studiert hatte (Italien u. Deutschland). Meine Taetigkeit
diesbezueglich war ebenfalls aktiv und besorgte ich die Prop. und Org. versch.
Gruppen in der Schweiz... Obwohl ich bald bemerkt hatte, dass m. Ideale und
Ziele auf anderem Boden sein mussten, riss mich erst die in diesem Zusammenhang
stehende Verhaftung und Einbeziehung in Untersuchungshaft, von der Richtung
los... Suggestion und Hypnose traten in mein Leben...
Ueber alles
und jedes argwoehnisch geworden, musste ich mich entscheiden! An Leib, Seele
und Geist gebrochen, verlassen von allen Freunden, Lehrern und Autoritaeten --
doch demuetig geworden, wissend, nichts zu wissen, blieb mir kein anderer
Ausweg als neu anzufangen... In dieser Zeit begegnete ich m. vaeterl. Freund
Dr. P[inkus],
und gleichzeitig gelobte ich mir, das verbliebene Leben fuer die Gemeinschaft
und ihre geistige Entwicklung zu opfern... Von Al. Crowley besitze ich
sozusagen nichts... Ihr SOTOM H. Metzger."[585] *
"SOTOM" taucht erstmals am 17.10.1901 bei Reuss auf.[586] *
"While he
has a keen and realistic intelligence, he surprises with an attitude of a
mystico-magical miracle-man in modern attire. He reminds physiognomically of Gröning,
the famous German healer à la Rasputin, only with more suave features, a
childish smile glorifying his rotten teeth of a Tibetan rodent."[587] *
"I find
it difficult (or impossible) to take Metzger at all seriously. In fact I regard
him as a harmless nonentity. In fact he is a fairly typical occultist."[588] *
"So ein
schlechter Kerl... ist er ja nicht. Von all den Selbsternannten" ist er
noch einer der seriösesten."[589] *
"Er hat
zumeist nach Paracelsus gearbeitet... Muss in jüngeren Jahren intensiv
praktische Magie betrieben haben. - Das bewies er in vielen unseren Gesprächen."[590] *
"Metzger
hatte... immer eine grosse Verehrung für [August] Strindberg [1849-1912]
gehegt... Er war sein grosses Vorbild - und er hat es trefflich nachzuahmen
verstanden."[591] *
"Die
Äschbach hat ihm, wie einem kleinen
Kind (mit gehörig viel Stutz) alle infantilen Wünsche erfüllt. Er hat sich in
tausendundeinerlei Dinge verzettelt. Fing alles an (z.B. Spagyrik/Alchemie...)
und beendete nie etwas. Ist einfach in allem stecken geblieben,
versumpft."[592] *
Der innere Kern
um Metzger besteht aus seiner Frau Rosalie, der Geldgeberin Fräulein Äschbach, der Haushälterin Anita
Borgert in
Stein, und der Haushälterin in seinem Wohnsitz in Zürich, Anna Bertha Werder-Binder. Frau Werder-Binder wird ebenfalls am 3.
April 1953 Crowley-OTO-Mitglied.
Vom März 1954 bis
zum 14.7.1966 wohnt Metzger mehrheitlich bei Sophie Huber, nachher bei Anna Werder-Binder (siehe Liste am Anfang
dieses Kapitels).
Papst Paragranus
Durch Pinkus zur Hypnose gebracht,
avanciert Metzger alias Peter Mano (der Name kokettiert mit dem berühmten
Bühnenhypnotiseur Hermano, der 1938/39 im Zürcher "Corso" auftritt
und eine grosse Rolle im sog. Zürcher Hellseherkrieg spielt) zum
"Zauberkünstler" und wird 1943 Mitglied bei "Sicher wie
Jold," einer Internationalen Artistenbörse, die aber in ihren Unterlagen
keine Auftrittsdaten von Metzger hat. Man weiss dort nur, dass Metzger "musisch
alles gemacht" habe. Oscar Schlag besteht darauf, zu wissen,
dass Metzger öffentlich im Restaurant Hirschen im Zürcher Niederdorf als
Hypnotiseur aufgetreten sei, obwohl auch er ihn dabei nie gesehen habe. Schlag weiss, dass Metzger vom Auftreten
des Hellseherkrieges um Hermano profitiert habe und auf der Welle von
Raucherentwöhnung und Hypnose mitgeschwommen sei.[593] *
Eingeführt bei
"Sicher wie Jold" wird Metzger durch die Kabarettistin Betty
Mann-Studer. Mitglied ist er von 1943 bis 1955, hört aber dann plötzlich zu
zahlen auf und erreicht erst mit Nachzahlungen, am 1.1.71 wieder aufgenommen zu
werden.[594] * Der Skandal-Journalist Horst
Knaut und seine
Begleiterin betreiben Anfang der 70er Jahre ihre Nachforschungen bis zu
"Sicher wie Jold." Dort aber hält man viel von politischer und
religiöser Freiheit.
Das Telefonbuch
gibt "Schriftsteller" als Beruf an. Seine wahrscheinlich erste
Publikation feiert Peter Mano mit dem schwärmerischen Artikel "Mirin
Dajo - anders gesehen," 1947 in der Zeitschrift "Die Arve."[595] * Dajo (eigentlich Arnold
Gerrit Henskes 1912-1948), ein holländischer Fakir, lässt sich öffentlich unter
ärtzlicher Aufsicht von Floretten durchbohren.[596] * In der darauffolgenden
"Arve" betrachtet Metzger die "Astrologie als zeitlose
Psychologie des Mikro- und Makrokosmos," da sein vorheriger Artikel "der
Sachlichkeit [wegen] bei vielen Lesern Beachtung" gefunden hat.[597] * Gleichzeitig wird seine 1.
Ausgabe des "Mitteilungsblattes des psychosophischen Institutes" {10}
wohlwollend besprochen.[598] *
Metzger/Mano/Paragranus/Tabacum/Nemos
verfasst ca. 40 Artikel, inkl. Vorträge, Vorworte und Aufsätze für den Verlag
"Psychosophische Gesellschaft" (PG) {10}. Am 14. September 1950 hält
Metzger z.B. im Restaurant Schweizerhof in Zürich einen Vortrag über die
"Übersinnliche Welt."
Sein Vermögen und
Einkommen von z.B. 1986 beläuft sich auf ca. 10'000 Fr. Einkommen und 30'000
Fr. Vermögen. Grosse selbständige finanzielle Sprünge kann er sich seit 1944
(wie er am 24.5.50 in einem Brief an Eugen Grosche/Gregorius antönt) nicht
erlauben.
Über seine
militärische Laufbahn will die Militärdirektion aus Gründen des Datenschutzes
keine Auskunft erteilen.[599] * Man habe schon versucht, ihn
als zentralisierten Punkt der PG {10} zu verunglimpfen (wie Metzger 1950
schreibt) und auch schon Angaben an die Polizei deswegen gemacht. Was ihn aber
nicht wirklich angegriffen oder gestört habe.
Rosalie Metzger-Strickler
Geboren am
2.6.1909, gestorben am 5.3.72 im Kantonsspital St. Gallen. Als Sr. Mechala "die
Hand, die das Heiligtum schützt."[600] *
Wie ihr Mann ist
Frau Metzger eingetragenes Mitglied der Artisten- und Bühnenkünstler-Agentur
"Sicher wie Jold" in Zürich. Dort haben sich die beiden sogar
kennengelernt und daraufhin am 12. Juni 1948 geheiratet. Kurz danach wird Rösli
Mitglied des Illuminaten-Ordens.
Frau Metzger
führt ein eigenes kleines Geschäft, die "Flickstube Halde." In Stein
ist sie sehr selten zu sehen.[601] *
Anlässlich ihres
Todes hält Metzger ein ähnliches Ritual, wie es anlässlich 1990 seines eigenen
Todes gehalten wird. Die Urnen mit Rösli und Hermann J. Metzgers Asche stehen
hinter dem Altar der Gnostischen Kapelle.[602] *
Georges Bérard
Geb. am 16.9.25
in Farvagny-le-petit/Frankreich, verheiratet in Zürich seit dem 19.5.64.[603] *
Laut
Handelsamtsblatt ist Bérard vom 20.3.52-14.11.56
Präsident der Genossenschaft Psychosophia mit Kollektivunterschrift.
In einem Telefon
vom 2.11.86 distanziert sich Bérard energisch seit der Auflösung
der Genossenschaft Psychosophia 1956 von Metzger und will keine Auskünfte
geben. Er weiss nicht einmal, ob Metzger noch am Leben sei.
Die "Öffentlichkeitsarbeit"
Um den
Wirkungsweisen der Natur näher zu kommen, werden vom Dach des "Hauses in
der Schedlern" und vom Garten, 788 m ü. Meer, seit dem 1.7.54 meteorologische
Beobachtungen für die Schweizerische Meteorologische Zentralanstalt (SMA) in
Zürich durchgeführt;[604] * bis 31.3.58 als
Regenmessstation, danach als Klimastation SMA. Die Station entsteht auf
Eigeninitiative der "Thelema."[605] * Die Messungen stützen sich
in den ersten Jahren vorwiegend auf selbstgebastelte Instrumente, welche später
sukzessive durch offizielle Messinstrumente der SMA ersetzt werden. Zwischen
19.11.76 und 31.12.83 erfassen die Beobachterinnen (bis 1979 Frau Borgert, dann Frl. Äschbach) zusätzlich zum normalen
Klimamessprogramm auch agrarmeteorologische Messgrössen. Die Messungen werden
dreimal täglich nach Zürich gesandt.[606] * Auf der offiziellen
Landeskarte der SMA ist "Thelema" als rel. bedeutende meteorologische
und klimatologische Station eingezeichnet.
Ergänzend wird
dazu die Astrologie benutzt, um "Einsicht in die verborgenen
Wirkungsweisen" zu gewinnen. Die phänologischen Beobachtungen
erfordern gute Kenntnisse der Pflanzen und ihrer Erscheinungsformen. In den
Publikationen der PG sind regelmässig Wetterberichte zu lesen, entsprechend
werden die Bauern per Anschlagbrett informiert.
Der
"Filmklub Thelema," als Sektion des "Schweizerischen
Kulturfilmverbandes," zeigt Kunst-, Ballett- und Reisefilme, aber auch
schon mal eine Dokumentation "Käse-Union" über die Käseherstellung
eines Betriebs im nahen Dorfzentrum von Stein. Besucherzahlen: 30-40,
Konzertbestuhlung: 80 Personen. Als aber nach ein paar Jahren Metzger die
Mitgliedsbeiträge nicht mehr zahlt, streicht ihn die
"Kulturfilmvereinigung"[607] * 1975 kommentarlos aus ihren
Listen.[608] * Im Dezember 68 will die PG
Kenneth Angers Film "Regards sur
l'Occultisme"[609] * im Saal der Rose gezeigt
haben {13}. "Kenneth Unger" [sic] wird 1960 noch als "sensationslüstern"
bezeichnet, was sich geändert haben mag, als Anger am 17.8.1966 in Stein zu
Besuch ist und dort auch Herrn Schlag {14} trifft.
Im Keller steht
das "Labor Thelema," von wo aus Frl. Äschbach per Postversand Gewürze und
Öle, ausserdem Scheidespülmittel zur Vaginalkosmetik, Kolatabletten und
Schwedisches Lebenselixier vertreibt. Für kurze Zeit gibt es 1961 auch noch das
Steiner Komturbrot aus Weizenkeimen, Weizenkeimöl, Roh-Rohrzucker, Milch,
Früchten, Kräutern und Naturhefe. Auf der Verpackung befindet sich das
Equinox-Zeichen.[610] * Die Geschäfte florieren
jedoch nicht.
Im Juni 1954
stehen in der Bibliothek 3000 Bücher. Aus Angst vor Einbrüchen wird eine
Alarmanlage eingebaut. Im Mai 1972 berichtet man dann sogar von 30'000 Büchern.
Ebenfalls eine Tonaufnahme Crowleys soll sich in dieser Bibliothek befinden:
"Heart of the Master." Eine Aufnahme, die in der rauschenden
Ton-Kompilation aus knapp einem Dutzend Gedichten, einem Auszug aus Liber XV
und zwei Äthyren, die allgemein von Crowley kursiert, nicht zu finden ist.
Im Ordensmuseum,
wo auch Logenzusammenkünfte stattfinden, sind ausser Metzgers Teddybär, seinen
Kinderschuhen, seinem Kinder-Essgeschirr, seinem Fez und dem Zauberstab aus
alten Bühnentagen, seine Version der Stele, alte Musikinstrumente und
Ordensmaterial zu sehen.
Über ein
erotisches Museum berichtet Audehm: "Englert als Drogist sollte ihm
alle im Handel erhältlichen Sonderheiten besorgen... Ebenso gab es in der Rose
über Nacht lauter Mordwerkzeuge aus dem Mittelalter (Hellebarden/Morgensterne
usw.). Als ich den Meister anfragte, was solches Mordwerkzeug bei einem
esoterischen Orden zu suchen habe, sagte er nur, ich verstünde das nicht."[611] *
Im Keller steht
die Druckerei, im Fotolabor ein Epidiaskop. Es existiert ein Tonstudio und eine
erfolglose Bienenköniginnenzuchtstätte.
Dorothea Weddigen/Dodo, geb. 1936, eine
deutsche Bürgerin (laut dem Protokollbericht von der Wahl Metzgers zum OHO {8}
wohnhaft in St. Gallen an der D...strasse), von Beruf Physiotherapeutin im
nahen Spital Herisau, übt autogenes Training im Haus oder auf Hausbesuch bei
den Bauern der Umgebung aus. Das Einwohneramt St. Gallen teilt jedoch mit: "Bei
uns war nie eine Person mit diesem Namen gemeldet."[612] *
Frau Anita
Borgert bedient
1965 hinter der Schankstube der Rose, aber nur wenige Wochen lang. Dann wird
Personal (ein Koch mit vier spanischen Gehilfen, die in einem speziellen
Anliegen ihre Unterkunft haben) angeheuert, das schnell wechselt. Das
Restaurant hat Säle für 22, 21 und 24 Personen, die Gartenwirtschaft bietet 40
Plätze. Dazu gibt es eine Sonnenterrasse, 26 Gästebetten und ein
Konferenzzimmer. "Allein in Stein waren oft ein halbes Hundert zusammen
(natürlich auch Interessenten). Dann sind auch die Wiener Brüder zu nennen (IO)
und die aus den südamerikanischen Ländern, hauptsächlich Brasilien (FRA)."[613] * Insgesamt sind es ca. 16/17
Schweizer, die regelmässig im Gasthof Rose zu Gast sind.[614] * Unter die Weihnachtsgrüsse
1962 setzen inklusive Metzger 16 Personen ihre Unterschriften.[615] *
Hinten im Garten
entsteht ein Biotop mit Weiher und Gondel. Das Heu wird verkauft, da Metzger
nicht selber wirtschaftet.
Zu
"Thelema" gehören 40'000 m2. Es wird ein Dichter-und Künstlerpavillon errichtet,
eine Appenzeller-Stube zu einer Schaubühne als Theaterraum und Saal für
Vorlesungen des "Kultur- und Stiftungszentrum Thelema" umgebaut und
sogar nebenan ein Hotel, mit für Stein modernen Errungenschaften, wie zum
Beispiel Telefon im Zimmer, errichtet.
Auch als
Patriarch der Gnostisch-Katholischen Kirche bezahlt Metzger die römisch-katholische
Kirchensteuer, deren Gottesdienste er auf überkonfessioneller Ebene ansieht.
Im Garten läutet jeden Sonntagmorgen um 9.00 Uhr die (von Erich-Viktor Beyer {15} geweihte und u.a. von
Oskar Schlag mitfinanzierte) Glocke zur
Gnostisch-Katholischen Messe in der eigens erbauten Kapelle (Kellerkrypta: 8 x
4 m, Holzbänke für ca. 40 Personen).[616] * Sonntags läuft man ganz
selbstverständlich im Ornat der Gnostisch Katholischen Kirche und Templerhabit
auf dem Anwesen herum. Schliesslich inseriert man in öffentlichen Zeitungen und
lädt zur Gnostischen Messe ein. Metzger fühlt sich ganz in den Höhen der
Geistlichkeit zu Hause, schickt dann schon mal dem Papst Johannes XXIII ein
Glückwunschtelegramm und nimmt Trauungen und Beerdigungen vor.
Am 22.9.1962 wird
die 91 kg schwere Messglocke in einer polizeilich geschützten Prozession durch
Stein in die Kapelle getragen. Weitere Mitwirkende: "Jugendtambourengruppe,
Kammerorchester Thelema etc. Hergestellt bei der altrenommierten
Glockengiesserei Rütschi, Aarau, Glocke hat den Ton G."[617] * Es ertönen Weisen von
Mozart, Schmidlin und Gounod, berichtet die "Appenzeller Zeitung."
Wie es ein
Polizeikommandant bei einer überraschenden Kontrolle in Stein formuliert,
lässt "religiöse Geltungsbedürftig"keit[618] * "Papst
Paragranus" streitlustig werden. Metzger sieht überall "dummdreiste
Versuche alberner, ehrgeiziger Leute, uns zu unterwandern oder uns zu
zerstören." Er reagiert äusserst prozessfreudig, solange er seinen
Advokaten Dr. Auer zahlen kann, und benützt jede Gelegenheit, um den Bauern
seine Ansicht von Kultur und Recht zu demonstrieren. Ein Beispiel: da Metzger
sein zum Umschwung gehörendes Wäldchen nicht selbst bewirtschaftet, ergeht das
Holznutzungsrecht an Bauern der Umgebung. Den einzigen Zugang, der durch
Metzgers Biotop führt, schaufelt er im Winter mit Schnee zu und verschliesst
das Gatter. Auf Anraten der Gemeinde, dies zu unterlassen, baut er kurzerhand
einen Künstlerpavillon hin. Man könne diesen im Winter wegschieben, was er aber
nicht tut. Des weiteren streitet Metzger über Brunnenquellenverseuchungen,
während er sich wegen nächtlicher Ruhestörung durch Lichtanlagen und grosse
schwarze Hunde zu verantworten hat. Einen Prozess um das Holznutzungsrecht
seines Anliegens verliert Metzger (da er nicht selber wirtschaftet), obwohl die
Gegenpartei, der Gemeindepräsident, überhaupt keinen Anwalt aufbietet. Der
Prozess geht als Musterbeispiel der Rechtsführung ins Protokoll ein.[619] *
Skandal
Die Morde an
Sharon Tate und anderen, begangen von
Charles Mansons "Family," gehen
durch die Presse. [Mehr dazu im Kapitel über das "Caliphat" {13}].
Am 31.10.1969
erscheint in der "Washington Post" ein Artikel über das Treiben der
"Solar Lodge," einer Crowley-OTO-Loge im Umfeld von Manson: "Boy Tells of Chaining
by Cultists".
Mit diesem
Artikel fährt Herr X. [Name von den Behörden abgedeckt] im Januar 1971 (!) nach
Bern zur Amerikanischen Botschaft, um dem Direktor des FBI Bericht zu
erstatten. Der Report "to: Director, FBI" berichtet:
"He stated that he was afraid that these people were giving his
organization a bad name in the U.S., and he wished to emphasize that they had
nothing to do with his society."[620] *
Möglicherweise
als Folgeerscheinung des Prozesses gegen Walter Englert {6, 11} und der Publikation
Ed Sanders', "The Family,"
über die "Solar Lodge" im Zusammenhang mit Charles Manson, beginnt 1972 die Hatz der
Boulevardpresse, angeführt vom 49jährigen deutschen Journalisten und
Schriftsteller Horst Knaut, gegen das "gemischte
Kloster von Appenzell."
"Horst
Knaut; Rief mich im Sommer '72 an.
Erzählte mir vom OTO und der Manson-Familie und dass in
Deutschland Ähnliches abliefe. Meines Wissens sandte ich ihm (leihweise) die
OTO-Messe und zwei Photos aus Stein (auf einem Metzger; auf dem anderen - in
Ordensgewändern - der Meister und seine Schafe, darunter Englert's, Hemberger, Heber [FS], alle Damen und ich;
Hemberger und Heber - obwohl Gäste -
im Templermantel... Dieser saubere Herr meldete sich dann nie mehr bei mir; das
entliehene Material wurde trotz meiner schriftlichen Anmahnungen zum
gestohlenen Material."[621] * Im Verlauf einer
Korrespondenz mit Walter Jantschik, der in die Schlagzeilen
geraten ist, da sein Schwager Josef G. am 6.5.1970 von einem FS-Mitglied
erschossen worden ist, erfährt Horst Knaut weitere Adressen. Am
16.1.72 recherchiert er zusammen mit seiner Frau in Stein, ohne seinen Beruf
als Journalist bekanntzugeben.
Knaut findet heraus, dass die
yugoslawische Staatsangehörige Frl. Elza Brda von Metzger dazu angehalten
worden sei, bei "sexuellen religiösen Messen" teilzunehmen, worauf
Frl. Brda sofort bei der Fremdenpolizei St. Gallen und beim jugoslawischen
Generalkonsulat Rat gesucht habe. Das Rathaus zu Trogen leitet eine amtliche
Untersuchung ein.
Knaut publiziert in QUICK und NEUE
REVUE über die "Religion der wilden Lüste" und zitiert auch
sexualmagische Rituale aus Grosches "Exorial" und das
berühmte 18°-Ritual. Haack schlägt in dieselbe Kerbe,
und beide lösen eine Lawine von Boulevard-Artikeln[622] * und Berichten[623] * aus, die eine Fortsetzung
der völkischen Ludendorffschen Werke zu sein scheinen.[624] *
Als Kuriosum (und
da der Wicca-Orden im Zusammenhang mit Kenneth Grant erwähnt worden ist) sei hier
ein Leserbrief des Frater K.W.o des deutschen Wicca-Ordens in der
deutschtümelnden Zeitschrift "Mensch und Mass" 11/74 wiedergegeben. K.W.o.
reagiert auf den Artikel "Jedoch der Schrecklichste der Schrecken"
des Gunther Duda in "Mensch und Mass" 21/73: "Horst Knaut handelte hiemit im Geiste der
NS-Mordschergen, die seinerzeit hunderte von Mitgliedern der von Knaut angegriffenen Orden zu Tode
folterten. Mit von A bis Z erlogenen Phrasen zieht dieser ruchlose und
geldgierige Angeber gegen die thelemitische Orden ins Feld." K.W.o. schickt am 16.4.73
auch ein Fernschreiben an die QUICK und meldet sich als "Grossloge des
OTO Deutschland/Hamburg."[625] *
Vielleicht
ist K.W.o ein Herr Pauli aus Hamburg, der 1974 als "Mitglied des
Thelema-Ordens... und Urheber einer Reihe merkwürdiger Briefe... diffamierenden
Inhaltes" bei Haack vorstellig wird und sich für
"unsere Schwester Sharon Tate" und Crowley ins Zeug legt.[626] * {Mehr dazu im Unterkapitel
"Memphis-Misraïm im Appenzell?"}
Solchermassen aus
dem Untergrund gespült, ist die Wirkung der Skandalpresse auf den Betrieb des
Gasthofs Rose und deren Bewohner enorm. Bisherige Gäste bleiben aus, unbekannte
neue kommen bloss aus Neugierde und machen "unflätige
Bemerkungen." Abends schleichen Leute um das Haus, um durch Fenster
und Türen hineinzuspähen. In Stein erzählen die Bauern sich sogar, dass eines
Tages einige Jungbauern mit Heugabeln eine richtige Reiterattacke gegen die
Abtei Thelema geritten seien. Ein Herr Erich Schulz offeriert sich Metzger
schriftlich als Opfer eines zukünftigen Ritualmordes.[627] *
Das örtliche
Kirchenblatt stellt sich versöhnend auf die Seite Metzgers und bietet eine "Meditation:
Satanskult" von Werner Laubi an:
"Als ich
jüngst im Blätterwalde
bei Sankt
Boulvardshausen war,
sah ich an der
Schattenhalde,
die dort ist,
ein Entenpaar.
Quack und
Quück, die muntern Kerle,
wühlten eifrig
mit dem Bein.
Doch sie
fanden keine Perle;
was sie
fanden, war nur Stein.
Und die beiden
konstruierten
eine Wand aus
Stein und Sand;
nahmen Farbe
dann und schmierten
einen Teufel
an die Wand.
Hei, wie das
die Leute freute;
kitzelt's doch
so angenehm.
Denn der
Teufel, der ist heute
weit herum
noch gern gesehn."[628] *
Verstehen Sie Spass?
Alfred Jäger besucht im Frühjahr '74 im
Auftrag des örtlichen Kirchenblattes sechs Stunden lang die Abtei Thelema:
"Und wer etwas Sinn für menschliche Züge hat, wird erstaunt bemerken, wie
hier für abseitige Ideen ein Leben und ein Vermögen voll Idealismus geopfert
wird, nicht zu reden von der Improvisiertheit und oft sogar Komik, der wir bei
allem Ernst und Eifer immer wieder begegnen. Hermann Metzgers Lieblingsbild
über dem Bett zeigt einen Clown" (Magnet, Kirchenblatt für die evangelisch-refomierten
Kirchgemeinden beider Appenzell 1974). Haack wehrt sich gegen Jägers Darstellung des OTO als "harmloser
Gasthausclub."[629] * Im Prozess gegen Knaut wird von Metzger Jägers Artikel als positive
Darstellung vor Gericht produziert.
Alfred Jäger: "Mir taten die drei
Idealisten [Metzger, Borgert, Äschbach] - auf sicher schwer
verständlichen Bahnen - vor allem irgendwie leid."[630] * Ähnlich auch Ellic Howe: "I find it difficult
(or impossible) to take Metzger at all seriously."[631] *
Vielleicht
bezeichnend, lautet der Titel der letzten PG-Publikation (März '76) "Der
Clown," in der Frl. Äschbach von der Notwendigkeit des
Lachens als Lebenshilfe spricht. Es werden zitiert: Crowley, Grock,
Ringelnatz, Charly Chaplin und der Schweizer "Teleboy" und
"Supertreffer" Kurt Felix.
---
Metzger und
Borgert klagen
Horst Knaut wegen Ehrverletzung ein.
Mitangeklagt: der verantwortliche Redakteur der Neuen Revue, Dr. W. Kuntze. Die
beiden Kläger verlangen 20'000 Fr. "nebst Zins zu 5% seit 25. März
1972" als Schadenersatz und Genugtuung.[632] * Es kommt sogar zu einer "Durchsuchung
der Wohnung und Geschäftsräume des Beschuldigten Knaut,"[633] * um Beweismittel für das
anhängige Ermittlungsverfahren zu finden. Knaut führt Nichtigkeitsbeschwerde
gegen Metzger und Borgert, die am 20. Januar 1976 vom
Schweizerischen Bundesgericht abgewiesen wird. Knaut werden Gerichtskosten und
Entschädigungen von insgesamt Fr. 1000.- auferlegt.
Der Prozess
findet knapp einen Monat vor der absoluten Verjährung[634] * am 12.Juli 1975 in Trogen
vor der Strafkammer des Kantongerichts Appenzell-Ausserrhoden vor fünf Laienrichtern
und dem Verhörrichter Dr. Dörig statt.
Es ergeht
Berufung an das Obergericht von Appenzell A.Rh. Hans Schiele verurteilt am 20.
Februar 1976 dann den Journalisten wegen eines Satzes, in dem von einer "heiligen
Sexmesse... die nur eine Vorbereitung sei für später stattgefundene
unheilige Sexorgien und Schwarze Messen"
die Rede ist. Metzger und Borgert verlieren in 7 von 8
Punkten.[635] * Kuntze wird freigesprochen,
Knaut nur der
Gehilfenschaft zu übler Nachrede für schuldig befunden: er zahlt eine Busse von
800 Fr, eine Schadenersatz- und Genugtuungssumme von 1000 Fr., eine
aussergerichtliche Entschädigung von 3000 Fr. (Anwaltskosten) sowie die Verfahrenskosten
von 1495.70 Fr und eine Staatsgebühr von 400 Fr.[636] * Knaut legt Berufung ein, die am
21.12.76 in Lausanne abgewiesen wird, was ihm wiederum ca. 400 Fr. kostet.[637] * Knaut möchte sein Anwaltshonorar
von ca. 2500 sFr. auf 1500 sFr. kürzen.[638] * All das hindert Knaut aber nicht daran, 1979 wiederum
ausführlich über Metzger zu schreiben (Das Testament des Bösen). Knaut hat sich nämlich beim
Direktor des Max Planck Institutes für Ausländisches und Internationales
Strafrecht erkundigt, und erfahren, dass es an einer Rechtsgrundlage für die
Vollstreckung eines schweizerischen Strafurteils in der Bundesrepublik fehlt.[639] * Deshalb klagt Frl. Äschbach, sei Knaut "uns noch viel
Geld schuldig."[640] *
Hansruedi Giger/Ulla von Bernus
"Alien"-Oscarpreisträger
Hansruedi Giger wird 1977 von der
Satanspriesterin Ulla von Bernus {6} kontaktiert, um zusammen
mit ihr und ihrer Freundin nach Stein zu fahren und dort eine Nacht zu
verbringen. Frau von Bernus, so Giger, soll der Meinung
gewesen sein, dass "man dort draus komme"
und die Absicht gehabt haben, eine Menge magischer Rituale zu zelebrieren.
Giger hat vergeblich nach
Crowley-Zeichnungen gesucht, hat eine Flasche Schwedisches Lebenselixier und einen
Buchumschlag Gustav Meyrinks mitgenommen; letzteren
verloren, was ihm "sehr peinlich" sei. Nach dem Besuch
in Stein sind Frau Bernus und Herr Giger noch bei Oscar Schlag zu Gast, der beide sehr beeindruckt
habe.
Giger ist der Ansicht, Frl.
Äschbach und Metzger seien sehr nett
und harmlos. Trotzdem möchte er weder mit Frau von Bernus noch mit Stein je wieder
etwas zu tun haben, das sei ihm doch "zu komisch und zu
heavy."[641] *
Frau Bernus bezeichnet Metzger als "mausgrauen
Magier" und berichtet über den Abend der Ankunft und den Verlauf der
Gnostischen Messe am nächsten Morgen:
Am Samstagabend
habe ein "Besäufnis" mit Messwein, "dem besten,"
stattgefunden, das die "Weiber nervös" gemacht habe. Frau
Borgert und Frl.
Äschbach seien "hysterisch
eifersüchtig" auf Frau Bernus gewesen. Im Gästezimmer habe
Frau Bernus mit ihrer Freundin kaum
gesprochen, denn sie habe gewusst, dass da "überall Wanzen"
gewesen seien. In der Nacht habe sie ein Bohren am Schlüsselloch gehört.
Metzger habe "rein!" gewollt. Vergeblich. Morgens bei der
Gnostischen Messe habe als "Messbube" ein 72jähriger "Opa"
fungiert, unter dessen Messgewändern die Schuhe noch mit Gartenlehm beschmiert
gewesen seien. Auf der vordersten Kirchenbank seien, auffallend für Frau Bernus, Papiertaschentücher gelegen.
An der Stelle der Messe, wo Frau Borgert kniet, habe Metzger plötzlich
den Text nicht mehr weiter gewusst. "Wo ist meine Brille?"
soll er hörbar gefragt haben. Die Brille sei jedoch nicht aufzufinden gewesen,
und Metzger habe den Text nur noch "runtergestottert." Die
Taschentücher sollten also zur Brillenreinigung dienen, mutmasst die
Satanspriesterin. Die Brille habe dann Frau Bernus am Boden neben ihrer
Zimmertür gefunden, wo Metzger nachts gekniet habe, und diese beim Mittagessen
zurückgegeben, was sie "köstlich amüsiert" hat.[642] *
---
Am 11.Mai 1977
hält Ernst Bienz (33°) (Neffe des Oscar Bienz, der 1917 in Ascona seinen
Militärdienst absolviert[643] * und gleichzeitig Mitglied
der dortigen Reuss-OTO-Loge geworden ist {4}) im Kapitel Humanitas "unter
dem Schutze des obersten Rates der
Schweiz des 33° und letzten Grades des alten und angenommenen Schottischen
Ritus" auf dem Lindenhof in Zürich einen Vortrag. Man vernimmt,
Metzger sei "rehabilitiert" und der Richter habe zu seinen
Gunsten entschieden. Wer trotzdem das Gegenteil glaube, "kann uns
nur leid tun." Oscar Schlag macht sich Notizen zu den
Diskussionen, aus denen hervorgeht, dass Metzger in Zürich und Stein je zwei
Logen habe. Zwischen Freimaurerei und dem OTO sei keine gegenseitige
Anerkennung, sondern nur eine "literarisch-intuitive Beziehung"
möglich. Stein befinde sich im Niemandsland zwischen Wahrheit und Dichtung.
Um diese Zeit
gibt es weltweit nur eine Handvoll Akademiker, die sich "ernsthaft"
mit dem OTO befassen und darüber recherchieren. Es sind fast mehr
Wissenschaftler, die sich für den OTO interessieren, als es überhaupt OTO-Mitglieder
gibt. Neben Haack; K. Frick, H. Möller, O. Schlag, Fritz Bolle (der Annoncen
zur Materialsuche darüber in der ALPINA aufgibt), Ellic Howe, Gerald Yorke, Francis King[644] * und John Symonds. Letzere drei sind Sammler
von Crowleyana. Später stösst noch Harald Szeemann dazu, der für seine Monte
Verità-Sammlung ebenfalls OTO-Material sucht. Die meisten davon, Freimaurer,
überlassen ihr begrenztes Material[645] * Howe und Möller, die daraus eine geschwätzige
und moralinsaure Biographie von Theodor Reuss basteln.[646] *
Die finanziellen
Mittel Frl. Äschbachs gehen durch die
Realisierung der verschwenderisch ausgestatteten Abtei Thelema zur Neige. Die
Öffentlichkeitsarbeit (Verlag, Filmklub, Labor, Kurbetrieb) wird eingestellt.
Im örtlichen Kirchenblatt distanziert sich die Psychosophische Gesellschaft
{10} von den "Verrücktheiten eines Verrückten namens
Crowley" und unternimmt mit Schreiben an die Verfasser von Lexika
Bemühungen, nicht mehr genannt zu werden. Da das Landnutzungsrecht nicht
eingehalten wird, kommt es 1978 und 1979 zu durch den Bundesrat bewilligten
Zwangsversteigerungen von Land. Nur wenige Seminar-Vorlesungen hält man noch,
was aber gegen 1980 ganz versiegt. Frau Borgert verlässt Stein. Restaurant
Rose und Gebäude des Umschwungs werden im Laufe der folgenden Jahre immer
wieder neu verpachtet, ab 1981 an den WWF, der ein Ostschweizer Ökozentrum mit
Jahresumsatz von 200'000 Franken und einem ähnlichen Kulturprogramm wie die PG
einrichtet.[647] *
Der Berner
Bundesbeamte Hermann Gilomen/Roland[648] * hat auf eigene Anfrage nach
Mitgliedschaft bei Metzgers OTO monatliche Aufsätze über die in Metzgers
Oriflamme abgedruckten Lehrbriefe {10} zu schreiben. Da jedoch in Stein infolge
des Presseskandals die Tätigkeiten eingeschränkt werden, verläuft die
Korrespondenz im Sande. Gilomen fährt nach Stein und
unterhält sich längere Zeit mit Metzger und Frl. Äschbach. Daraufhin schläft der
Kontakt ein.
Ende der 70er
Jahre erhält er überraschend eine telefonische Einladung Metzgers und fährt
hin, um das Amt des OHO angeboten zu bekommen. Da dieses aber nebst den
esoterischen Pflichten auch noch die Aufgaben eines Hoteliers und Landwirts
umfasst, lehnt Gilomen ab, um daraufhin
Landesmeister und Grosskanzler der aus vier Mitgliedern bestehenden FS-Schweiz
zu werden. "Ich brachte Herrn Metzger dann mit zwei Berner
Geschäftsleuten (Esoteriker) in Verbindung, die sich beide das Ganze
anschauten, aber offenbar ohne Erfolg."[649] *
Oscar Schlag bietet ihm eine Mitgliedschaft
in seiner "Hermetischen Gesellschaft" an. Da aber die samstäglichen
Treffen in Zürich für Gilomen eine zu starke Belastung
wären, verzichtet er. Gilomen hat Karl Brodbeck/Brunolf, den Hüter des schweizer
Illuminaten-Ordens {11}, persönlich aus der Berner Freimaurerloge "Zur
Hoffnung" gekannt, wo Gilomen bis 1961 Mitglied gewesen
ist.
Roland ist am
2.2.1988 verstorben.
---
Versuch einer
Auflistung der "Schicksalsschläge":
- Abspaltung von der Tessiner und Zürcher
"Original"-Gruppe, ca. 1947
- Streit mit Eugen Grosche, ca. 1953
- Germer distanziert sich, ca. 1960
- Nichtanerkennung durch Mellinger, 1963
- Vergebliche Aneignung der FS, 1964 und 1965
- die Beatles führen 1967 Crowleys Portrait auf dem
Cover von "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band"
- Gerichtsprozesse gegen Englert, ab 1968 {11}
- Charles Manson wird im Zusammenhang mit dem
OTO gebracht, ab 1969
- Adolf Hemberger publiziert ab 1971
- Horst Knaut schreibt für
Boulevardblätter, unterstützt durch Haack, ab 1972
- finanzieller Ruin, ab 1975
- Frau Borgert gibt ihr Amt auf, Ende der
1970er Jahre?
"Freundeskreis
Thelema, Psychosophische Gesellschaft, Aufruf, Das Kurs- und Ferienzentrum
Thelema... ist dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen... benötigen wir ein
Barkapital von Fr. 120'000.--. Damit hätte THELEMA eine Chance, wieder auf die
Beine zu kommen, d.h. selbsttragend zu werden."[650] *
Ab 1982 verfügt
Frl. Äschbach wieder über mehr als eine
halbe Million Franken. Sofort erscheint eine Neuauflage von Crowleys Texten.
Der Lebensabend
Jeden Mittwoch,
wenn das Wetter danach ist, fährt Metzger mit seinem Kleinwagen von Stein nach
Zürich in sein Stammbierlokal, den "Hinteren Sternen," zur Runde der
eingetragenen Bühnenkünstler, die für ihn eine Art "Familie" scheint.[651] * Oft sitzt sein Sohn Simon
dabei, der auch Mitglied, ist und man hört den Gesprächen zu. 1971 ist der
ganze Verein sogar nach Stein eingeladen; Esoterisches kommt nicht zu Gespräch,
man vergnügt sich im Garten und lauscht der über Lautsprecher erklingenden
Marschmusik. "Hermanns" Spitzname laute "Warum?"
weil das sein einziger Beitrag zu den Diskussionen sei. Sein Charme komme nur
noch wenig zum Tragen, was ihn aber nicht davon zurückhalte ihn dennoch
einzusetzen, weiss die Leiterin der Artistenbörse zu erzählen. Metzger
telefoniere ihr des öfteren, um ihr Avancen zu machen; sie erinnere ihn stark
an seine "grosse Liebe Anita Borgert," was die Leiterin doch
erstaunt.[652] *
Letztlich ist
Metzgers Gesundheit stark in Mitleidenschaft gezogen. Er wird 1983 im
Notfallwagen ins nahe Spital eingeliefert, bezeichnet sich selbst als "am
Ende"[653] * und sucht einen Nachfolger.
Theo Pinkus, Sohn von Felix Lazerus
Pinkus, dem
"geistigen Vater" Metzgers, ist am 14.6.88 "in Stein...
Leider hatte Herr Metzger vor einiger Zeit einen schweren Schlaganfall und
braucht seither immer etwas Zeit, bis er sich bei einer Unterhaltung an
Einzelheiten aus der Vergangenheit erinnert."[654] *
Oskar Schlag ist Anfang Juli '89 in Stein
und berichtet ebenfalls von der Unfähigkeit Metzgers, noch an einem Gespräch
teilnehmen zu können.
Allen Unkenrufen
des sog. "Caliphats" zum Trotz, ist der schweizer OTO jedoch aktiv.
Der
Tages-Anzeiger der Stadt Zürich berichtet am 22.9.89 (Seite 9), dass die
Besitzerin des Gasthof Rose (also A. Äschbach) den Pachtvertrag mit dem
WWF gelöst habe, um "das Haus zum Eigengebrauch [wieder zu] übernehmen."[655] * Es sind wieder genügend
Mitglieder vorhanden, die das (nicht mehr der Öffentlichkeit zugängliche)
Gebäude der ehemaligen Rose finanziell tragen und so das Gedränge im Haus zur
Schedlern, vor allem am Frühstückstisch, vermieden werden kann.[656] * Der Gasthof selber hört zu
existieren auf. Das Gebäude ist am Verfallen.[657] *
Die
Mitgliederzahl soll sich Anfang 1994 nur noch auf ca. 10 Personen beschränken.[658] *
Abgang Zauberkünstler
Metzger stirbt am
14. Juli 1990 "nach langem Leiden und schwerem Unfall" an
einer Embolie. -- Der Aufforderung "Wir bitten um ehrendes
Andenken" gemäss Todesanzeige[659] * nachkommend, will ich in der
Friedhofskapelle am 18. Juli, einem heissen Sommertag, in St. Gallen anwesend
sein.
Es sind ca. 35
Personen da, die Hälfte davon um die 30 Jahre alt. Der OMCT (Ordo Militiae
Crucis Templi) schickt eine Delegation. Die jungen, meist gutgekleideten
Leute, gleichviel Frauen wie Männer, scheinen alle nach dem gleichen Muster
geschnitten zu sein und gleichen sich im "seriösen" Aussehen und
Auftreten wie ein Ei dem anderen. Dadurch unterscheiden sie sich stark von allen
anderen OTO-u.ä.-Gruppierungen, die ich bislang kennengelernt habe.
Frl. Äschbach lässt mich durch Markus Kumer vom Platz weisen. Mehrere
Zeugen berichten anstelle:[660] *
In der Kapelle
können Religionen aller Art mit Angehörigen anstelle eines Pfarrers ihre Messen
feiern. Frl. Äschbach hat sogar ihren hauseigenen
Organisten und einen Trompeter mitgebracht. Das Ganze dauert nur eine halbe
Stunde. Der "Leiter" der Artistenbörse hält aus Höflichkeit eine
kurze Rede für den "Ehrenjoldjungen," in der einzig Metzgers Daten
als Mitglied der Börse erwähnt werden, und dass er "Zauberkünstler"
gewesen sei. Zwischen den Musikteilen wird Metzger von einem weiteren Herrn
gewürdigt. Genaue Lebensdaten bleiben im Dunkeln. Es fallen keine
thelemitischen Kernsprüche, und der Begriff OTO taucht nicht auf. Am Schluss
legt eine junge Frau drei Rosen auf den Sarg: "Die weisse Rose bedeutet
Weisheit, ich lege sie Dir aufs Haupt, die rote Rose bedeutet Stärke, ich lege
sie Dir zu Füssen, die rosarote Rose bedeutet Schönheit, ich lege sie Dir aufs
Herz." Dies sei eine gekürzte Version des Ritus, den Metzger 1972 für
seine Frau Rösli gehalten habe.
Am nächsten
Morgen beklagt sich Frl. Äschbach telefonisch über den Begriff
"Zauberkünstler," denn Metzger habe "nicht mit Tricks
gearbeitet." Die Urne mit Metzgers Asche holt sie später ab.
Dem Diktat der Stunde
folgend, übernimmt Frl. Äschbach das Amt der Nachfolge
interim, da Metzger weder testamentarisch noch mündlich einen Nachfolger bestellt
hat [mehr darüber im Kapitel über das "Caliphat" {13}].[661] * Sie löst ihren Haushalt in
Zürich auf. Zwei Lastwagen Material gehen nach Stein.
"Grandmaster Satan"
als Modegag und philosophisierter Partyschreck
Am 15. Januar
1994 soll der Wiener "Satanologe" Josef Dvorak[662] * in der Diskothek
"Palais Xtra" in Zürich eines seiner "satanistischen Spektakel"
im Rahmen der einwöchigen Veranstaltungsreihe "Lucifers Rising"
abhalten und darüber referieren, was er für den OTO hält. Nachher seien Tanz
und Drinks geboten. Kein Wunder, dass Frl. Äschbach, ebenfalls eingeladen, dieses
Tamtam als "unseriös" ablehnt.[663] * Die ganze Show wird auf
Anfang März verschoben.[664] * Der Autor der vorliegenden
Studie ist ebenfalls zur Diskussion mit Dvorak, Sergius Golowin und lokalen
Pfarrersgrössen geladen und lehnt aus denselben Gründen wie Frl. Äschbach ab.
Die schicken
Grufties treffen sich ab 25.2. zum Tanz der Vampire "und verwandeln
den Tanzanlass in eine Art schwarze Chilbi" (Kirmes). Die spärlich besuchte
Ausstellung in der Galerie "Mangisch" wirkt "eher harmlos und
etwas verstaubt... aufziehbare Enten, Hunde und Pinguine stahlen am Abend der
Eröffnung manch satanischem Objekt die Show."[665] *
Am 25.2.94
entzieht Roland Meyer vom Hochbauinspektorat die Bewilligung für eine im Rahmen
des Spektakels geplante "Satans-Performance." Der nicht medienscheue,
sympathische Dvorak, der den Satanismus für die Religion der Zukunft hält,
veranstaltet am 4.3. im "Gothic Club" seine Aufführung, wo die
dilettantische Organisation der Veranstalter, lange Wartezeiten,
Gummifledermausflügel, Totenschädel aus Plastik, Särge, Crowley und die
"Church of Satan" eine Personalunion mit Pornobildchen und Langeweile
unter den rund 100 Anwesenden eingehen. Am nächsten Tag plaudert der
selbstgekürte Baphomet in der "In-people"-Galerie
"Mangisch" in Zürich vor rund 80 Anwesenden "Vom Wiener O.T.O.
zum modernen Satanismus." Dvorak beginnt mit einer amüsanten und
intelligenten Tour de force durch die populär-wissenschaftlichen Ur-Gründe des
Satanismus. Als er aber zur Biographie Carl Kellners ausholt, wird er leider
ebenso ausdauernd wie ausufernd. Die hochinteressanten Dias von Kellners Villa
auf der Hohen Warte in Wien, der Roten Villa in Hallein, Memphis-Misraim-Schmuckstücken,
der Bogumilen-Maria auf Kellners Grab und der Familie (alles wiederum vom
Veranstalter miserabel organisiert) gehen in der Unruhe des Publikums unter. "Josef,
es wird fad," ertönen Rufe und man beginnt, das Büffet zu räubern. So
bleibt nichts weiter übrig, als auf Dvoraks Buch "Satanismus,"
(Frankfurt am Main, 1989) hinzuweisen.
10.
Verlag Psychosophische Gesellschaft
Der Begriff
"Psychosophisch" stammt von einem Vortrag Rudolf Steiners von 1910:
"Anthroposophie - Psychosophie - Pneumatosophie."[666] *
Aus den Statuten
vom 18.10.1945: "Die Gründung der PG geht auf das Jahr 1940 zurück,"[667] * während die Statuten vom
18.10.50 den 18.10.45 als Gründungsdatum angeben.
Nach dem Tode
Pinkus' am
12.2.1947 publiziert Metzger im "Verlag Psychosophisches Institut" 5
(?) Mitteilungsblätter mit "Beiträgen aus okkulter und exakt wissenschaftlicher
Forschung." Zum Beispiel: Peter Mano (Metzger): "Okkultismus,
Alchymie, Magie,"[668] * Felix Lazerus Pinkus: "Mann und Weib,"[669] * Thomas Egloff: "Urfeuer."[670] *
1948 habe ein
Bruder [Brodbeck oder Metzger?] des IO
erreicht, "dass der Orden wieder zu funktionieren begann. Die
österreichischen [Korbel oder Medinger? {11}] und deutschen
Brüder [Grosche] wollten nun ebenfalls
eine PG für die Arbeit in der Öffentlichkeit konstituieren. Davon sah man aber
ab und lediglich die Schweizer Brüder behielten diese Form als konstitutionelle
Körperschaft um die verschiedenen Arbeitsgruppen des Ordens juristisch zu
fundieren."[671] * "Die eigentliche PG
hatte sich inzwischen aufgelöst... während M. die PG à la Metzger von Stein
aus weiter betrieb."[672] *
Im August 1950
taucht erstmals das IAO-Emblem der PG auf, das bis heute verwendet wird. Ein
Briefkopf Metzgers gibt Auskunft:
"Verlag
Psychosophisches Institut. Leiter: Peter Mano, Abteilung: Psychosophie,
Literatur, Natur und Kunst, Okkulte Forschungen, Erfolgs- und Lebensberatung,
Graphologie, Astrologie, Biologie."[673] *
Am 18.10.1950
gründet nun Metzger seine Psychosophische Gesellschaft als Nachfolge des
Verlages Psychosophisches Institut.[674] * "Die Geschichte
unseres Verlages begann, als wir im Jahre 1950 beschlossen, nicht mehr durch
Vorträge an die Öffentlichkeit zu gelangen, sondern... durch Druckschriften und
Bücher."[675] *
Unterschrieben
sind die Statuten der PG von 1950 von Charles S. Huber (dem Präsidenten der
Genossenschaft, der einen Artikel über "Cagliostro" verfasst hat)[676] * und Anna Werder-Binder/Rhodanuba (Metzgers
Haushälterin {9} und Verfechterin rassischer "Erbhygiene"). Frl.
Äschbach/Chochmah ist Aktuarin,
Metzger zeichnet als Peter Mano.
In den Statuten
wird auf Anraten eines Anwalts jeglicher Hinweis auf eine freimaurerähnliche
Organisation vermieden. Metzger fürchtet eine Parallelfolge zu der 1936
nationalsozialistisch inspirierten Fonjallaz-Initiative, die die Freimaurerei
verbieten lassen wollte, aber massiv vom Schweizer Volk mit 500'000 Stimmen[677] * verworfen worden ist.[678] * Deshalb konstituiert sich "die
PG in der Schweiz als wissenschaftlicher Verein nach Art. 60 ZGB."
"Wir
beabsichtigen nicht in der Schweiz, noch in irgendeinem Lande Logen oder eine
geheime Gesellschaft zu gründen oder zu konkurrenzieren."[679] *
Metzger und
Grosche
diskutieren eine mögliche deutsche PG: "Voraussetzung für die Leitung
der PG ist, dass die Vorstandsmitglieder Schw. & Br. des OTO sind. In
Deutschland wäre es die FS."[680] *
Der Vorhof der
schweizer PG nennt sich "Esoterische Studiengesellschaft" (ES), ein
Begriff, den Eugen Grosche für den Vorhof der Ur-FS
kreiert hat. Für die jeweiligen Propagandaausgaben denkt Metzger an einen
jährlichen Aufwand von 4000 sFr. Die Veröffentlichungen "im Sinne der
ehemaligen Oriflamme, der Saturn Gnosis oder der Sphinx" "plant man
mit einer Auflage von 300, wovon rund 100 nach Deutschland gehen sollen.
Gerechnet wird mit einem doppelten Zweck: Geld und Propaganda."[681] *
Im Februar/März
1951 tauchen auf Metzgers Briefkopf die Bezeichnungen
"Akzidenz-Druck" und "Verlag Psychosophisches Institut"
auf, da nun Druckmaschinen gekauft sind.
In den Vorworten
zu den Heiligen Büchern von Thelema (Crowleys Texte von 1904-11)[682] * verwendet Metzger das Siegel
der AA: "Wir, die wir seine [Crowleys] Lehren studiert,
verstanden und angenommen haben, fühlen in uns die Verpflichtung, an ihrer
Verbreitung zum Wohle der Menschheit und zur Förderung der menschlichen
Evolution mitzuhelfen."[683] *
"Die
Aufgabe des Verlages: die Schriften der A.A. herauszubringen."[684] * Der OTO dient ja seit
Crowley als Vehikel für dessen Thelema, das aber mehr der AA verpflichtet ist.
Eine Historie der AA zu schreiben ist unmöglich, da diese keine Ordensstruktur
aufweist, sondern per Selbsteinweihung oder vom "Meister auf den
Schüler" funktioniert.
Am 3. März 1952
gründet Metzger den Verlag Genossenschaft Psychosophia "zur Verbreitung
von Weisheitslehren." Das zahlungskräftige Frl. Äschbach wird am 20.3. als
Eigentümerin eingetragen. Als Präsident zeichnet Georges Bérard (der sich ja bald
distanziert). Geschäftssitz und Druckerei ist die Akzidenz-Druck des Ehepaars
Metzger in Zürich.[685] *
Am 20. März 1953
startet die 5bändige Ketzerbrevier-Reihe, deren letzte Nummer im Juli 1958
erscheint. Abgelöst wird das Ketzerbrevier durch das "Ex Occidente
Lux-Mitteilungsblatt (EOL)," das schon im Oktober 1954 startet und bis zum
August 1960 74 Ausgaben zustande bringt. Angeblich hat man das Ketzerbrevier
allein des Namens wegen eingestellt.[686] *
Ebenfalls 1954,
im September, beginnt die 10bändige Äquinox-Reihe, die im März 1959 endet.
Am 3. August 1953
werden die GP-Statuten abgeändert.[687] *
Am 5.6.54
beziehen Metzger und die Druckerei der GP ein neues Geschäftsdomizil an der
Birchstrasse in Zürich.
Am 14.11.1956
wird die Genossenschaft Psychosophia aufgelöst: sechs Monate nach Tränkers, drei Monate nach Lekves Tod. Übrig bleibt die
Psychosophische Gesellschaft, die die Verlagsrechte übernimmt.[688] * Die Auflagenzahlen der
Äquinox-Reihe (Nr. V vom September 56) schrumpfen von 1000 auf 500 Stück, diejenigen
des Ketzerbreviers (Nr. 4 vom Dezember 1957) von 2000 auf 500 Stück.
Angeblich allein
aus dem Grund "um auf dem Umschlag Werbung zu betreiben,"[689] * erscheint am 20.3.1961 die
erste von Metzgers 150 Oriflammen, die ab Dezember 1974 als 15bändige
Oriflamme-Seminar-Vorlesung bis 1976 weitergeführt werden. Auflage angeblich 3400/3500,
verteilt auf 45 Länder. 28 Firmen inserieren bis zur Oriflamme 51 vom Mai 1965.
Zwischen Oktober 1964 und Januar 1972 werden insgesamt 59 Leserbriefe
beantwortet.
Die
Akzidenz-Druck besteht vom 5.6.54 bis zum Dezember 1969 an der Geschäftsstelle
und ab 1957 auch an Metzgers Wohnadresse in Zürich. Am 31.5.66 werden die
Statuten geändert, denn die rechtliche Lage macht jede Arbeitsgruppe (worunter
OTO, IO, GKK und FRA zu verstehen sind) souverän und eigenständig.[690] *
Nach einem
Quartal Pause erscheint die Oriflamme Nr. 97 im Mai 1970, obwohl noch in Zürich
copyrightet, von Stein aus.
Eingestellt wird
die Oriflamme im Dezember 1974, weil keine Manuskripte mehr vorhanden sind.[691] *
In den 80er
Jahren macht Markus Kumer aus der PG den "Verein für
Humanistische Forschung," der aber weder in Zürich noch in Stein amtlich
eingetragen ist. Meine entsprechende Anfrage an das Gemeindeamt wird
unaufgefordert an Frl. Äschbach weitergeleitet.[692] *
Societas Totius Mundi
Illuminatorum
Im Verlauf der
Ordenskompilationen meint Metzger im November 1962: "Im Kriege
versuchte die PG eine Plattform zu bilden. Leider umsonst. Über zwei Vorträge
kam diese Bestrebung nicht hinaus."[693] * Gemeint sind vielleicht
"Uebersinnliche Welt" und "Mystik und Magie." Ebenfalls, so
Metzger weiter, habe man inseriert, was aber eine "Verrechnung"
gewesen sei. Die Vorträge werden gehalten in Bern, Zürich, Biel und St. Gallen.
Auf Inserate hin hätten sich nur "Halbversch[r]obene"
gemeldet.[694] *
"Unser
Orden will eine Plattform darstellen nach dem idealen Bild der universalen
Bruderkette."[695] * "Das Ziel: die
Bruderschaft der Menschen in einem Tempel, der die ganze Menschheit
umfasst."[696] *
Und so macht sich
Metzger auf, Bruderschaften zu suchen, die sich in seine Kette eingliedern lassen.
Metzger wird bei
der Graf Keyserling Schule (1880-1946), bei der Gräfin Zoë Wassilko-Serecki
vorstellig, interessiert sich für Joseph-Marie Hoëné/Wronski (1776-1853), der eine
Sukzession zum Tempelritterorden konstruiert oder Johann Baptist Kerning/Krebs
(1774-1851), der Arnold Krumm-Heller beeinflusst hat.[697] * Bei den Adonisten, die sehr
offen in "erotischen Fragen" sind, sei Metzger
"während zwei Jahren, jede Woche einen Tag, geschult" worden, "in
einer Schnellbleiche" {6}.
Die
Johannisfeiern[698] * werden 1950-52 in der
Ritterhauskapelle Bubikon des evangelischen Johanniterordens abgehalten. Obwohl
Metzger und seine Damen die Fernkurse des AMORC beziehen, werden AMORC und
AAORRAC als "falsche Orden" abgetan.[699] *
Am 10.1.1953 wird
Metzger "Grosskreuzträger des Verdienstordens von Frankreich," den
der "Ordre Universel des Chevaliers de l'Honneur et Compagnons du
Mérite" "pour reconnaître les services rendus à l'humanité"
erteilt. Zusätzlich erhält er auch noch das Grosskreuz des Joachim-Ordens
{11}.
Metzger hat sich
schon im Dezember 1950[700] * für "den letzten
Grossmeister der Templer" Lanz Liebenfels (1874-1954, den "Mann,
der Hitler die Ideen gab,")
interessiert,[701] * der den "Ordinis Novi
Templi" (ONT) gegründet hat.[702] * In Liebenfels' Todesanzeige (gest. 22.4.54)
vom Juni 54 spricht Metzger von "ungebeugtem Bekennertum und höchster
Tugend... Alle, die ihn kannten, werden ihm ein ehrendes Andenken
bewahren."[703] * Kapitel aus Liebenfels' höchst antisemitischem Werk
"Theozoologie"[704] * weisen Ähnlichkeiten mit
Crowleys Ideen auf.[705] * Rudolf J. Mund, einer von Liebenfels' Nachfolgern, besucht Stein[706] * (Mund wird selber von Dieter
Heikaus, dem
Grossmeister des Ordo Saturni, aufgesucht).[707] * Metzgers Mitbewohnerin Anna
Werder-Binder: "Es
gibt ein Recht auf Leben... [und] zur Erhaltung der Rasse. Dies schrieb
1918 ein bekannter Erbhygieniker."[708] *
Franz Bardon (1.12.1909-10.7.1958)
"Metzger
wurde auch, im Auftrage von Germer, in die Tschechoslowakei gesandt, um mit
Bardon (AA) Kontakt aufzunehmen
(1956), schmuggelte das erste Mano, welches Bauer, völlig überarbeitet,
veröffentlichte."[709] * "Metzger zeigte uns
sogar Photos, auf denen er mit Bardon zu sehen ist. Hemberger hat diese auch gesehen."[710] *
"Herr
Metzger war bei B. hat aber von ihm nichts bekommen... B. war nicht beim AA...
Frau Maria Pravica war bei dem Besuch... dabei."[711] *
"Nach
meinem Wissen lag die Verantwortung dafür zu jener Zeit in den Händen von Frau
Maria Pravica... Es ist mir bekannt, dass Herr Metzger behauptet, im Besitz des
Originalmanuskripts von Der Weg zum wahren Adepten zu sein, aber ich glaube es
nicht, da das Werk schliesslich vom H. Bauer Verlag aufgelegt wurde."[712] *
"I have
no reference to Franz Bardon as a member of the A.A., and
would rather doubt it; all I know was that in the early 1930 he wrote to A.C.
for permission to translate Magick in Theory and Practice into Czech;
considering that his English was so bad, A.C. thought his effort was
comical."[713] *
---
Im Juli 1958 kommt Br. "Ketoris der Ältere" vom Monte Verita di Roma (?) "als
Minerval des Ordens" in seiner "Magia Illuminatorum Herausgegeben durch die
Academia Masonica Illuminatorum" zur Überzeugung "Der wahre Orden hat keinen
Namen: alle Orden sind nur Stufen." Schmückendes Beiwerk: Metzgers persönliches Siegel, das IO-Siegel (Pentagramm auf flammender Sonne mit Pi), das Magische Quadrat für die Zahl 666 und ein Gedicht an "To Mega Therion" mit dem
solar-phallischen Briefkopf Aleister Crowleys.[714] *
Im Mai 1959 ergeht die "Anregung eine Zusammenarbeit initiieren [zu] können... Wir beabsichtigen nicht Mittelpunkt einer solchen Zusammenarbeit bleiben zu wollen, um diese Idee durch keine Bindungen an Oboedienzen oder Vorurteile zu verunmöglichen."[715] *
Am 20.3.1961 erscheint die erste Nummer der Metzgerschen Oriflamme, nachdem
das EOL-Mitteilungsblatt im August 1960, zwei Monate nach Herbert Fritsches
Tod {12, 15}, sang- und klanglos eingestellt wird.
---
"Weltbund der Illuminaten, Illuminaten-Orden, Ordo
Templi Orientis, Gnostisch Katholische Kirche (Episkopat), Abbey Thelema,
Hamburg - jetzt: Komturei Thelema, Stein/Appenzell, Schweiz."[716] * Die Fraternitas Rosicruciana
Antiqua (FRA) taucht erst im Januar 1963 im Manifesto zu Metzgers OHO-Wahl auf.
In den Medien wirbt
Metzger als "Veranstalter: die alten und modernen Theosophen,
Pansophen, Illuminaten und Rosenkreuzer." Gemeint ist ein öffentlicher
Vortrag am 10.1.64 mit dem Thema: "Das Denkvermögen." Als Mitarbeiter
[sic] werden die Theosophin Annie Besant (1847-1933, 33°, 90°, 96°) und
Metzgers "geistiger Vater," F.L. Pinkus, genannt.[717] *
"Wir [kennen] weder Diplome
noch sonstige Papiere, noch festgelegte Mitgliederbeiträge... es seien denn
freiwillige Zuschüsse zum Unterhalt der Institutionen. Über diese besteht eine
Buchhaltung, die nach den üblichen Normen funktioniert."[718] *
Ordo Militiae Crucis Templi
Marcel Claude, irregulärer Hierophant des
schon an sich selbst irregulären Memphis-Misraïm-Ritus {siehe unten} schlägt
Metzger als Mitglied für diesen deutschen Templerorden vor.[719] * So wird Metzger am
Martinitag 1962 Mitglied des OMCT.[720] * Prominente Mitglieder finden
das unverständlich und treten demonstrativ aus. So gibt der Baron E.B.
Pflüger, Prior des schweizerischen OMCT-Zweiges, am 3.1.63 in seiner
Austrittserklärung als Punkt 5.6. an, dass Metzger ohne seine Befragung zum
Ritter geschlagen worden sei, dass Metzger von seiner Frau lebe, die mit
Waschen und Flicken den Lebensunterhalt verdiene und in keiner eigenen Wohnung
lebe.[721] *
1964 gibt Hans
Heuer (1908-1975), Gründer des OMCT, sein Amt auf. Der Orden wird 1966 von
Grund auf neu organisiert und Professritter werden nicht mehr anerkannt.[722] * Heuer gründet ein
Jakob-de-Molay-Kollegium.
Beim
Generalkapitel des OMCT am 18./19.6.1966 in Wiesbaden erscheint Metzger ohne
Einladung und wird sofort von der Mitgliederliste gestrichen. Metzger wird
ersucht, nicht mehr an den Treffen teilzunehmen, da der OMCT nur noch
Mitglieder der Römisch Katholischen Kirche, anderen orthodoxen Kirchen oder Landeskirchen
aufnimmt.[723] * Nichtsdestotrotz bezeichnet
sich Metzger am 11.11.66 immer noch als "Professritter des OMCT"
{11}.
-+-
"Zum
Wintersolistitium [1969]
wurde das Licht aus dem Mutterhaus der Abtei Thelema, neu eingebracht in den
Tempel im Burghof... Verschiedentlich wurden die Räume in speziellen Fällen zur
Verfügung gestellt für Wochenendkurse, sei es für Naturärzte, Balletschüler und
Musikstudenten."[724] *
18. Oktober 1970:
"Die PG ist ein Gönnerverein um die Existenz des Ordo Illuminatorum,
Weltbund der Illuminaten mit den Gradstufen OTO, FRA, GKK zu sichern... Die
Gesetze des IO und die Statuten der PG entsprechen dem Zivilgesetzbuch und
Obligationenrecht der Schweiz. Durch unterschiedliche Statuten und
Vereinsführungen stellen sie zwei selbständige Körperschaften dar. Die Funktion
der Arbeitsgruppen wird in verschiedenen Fällen durch Personalunion
erleichtert."[725] * Dies im Hinblick auf die
Gerichtsprozesse mit Englert {11}.
Mit vollem Recht
wird behauptet: "Wir sind wohl die Realisation einer Abtei Thelema, die
am längsten gedauert hat und existiert."[726] *
Seminarsprecher
des "Kurs- und Ferienzentrums Thelema," "Freie Geistes- und
Lebensschule" sind 1977: Metzger, Äschbach, Manfred Örterer, Adalbert
Schmid, Robert
Kehl, Franz Matouschek, Werner Stephan und Adrian Monk aus England. Zwischen
1975 und 1978 werden noch von folgenden Personen Seminare gehalten: Peter
Oswald, A. Bühler, Elimario Sommer, Paul Heynisch, Alfred A. Droz {siehe "Memphis-Misraïm
im Appenzell?"}, Ernst Meier, Walter Biland, Kurt Hochreutener und
Metzgers Sohn, Simon.
Fürs profane Volk
wird als "Luftkurort - die Perle des Appenzellerlandes" geworben.
"Vor
einigen Jahren versuchte Metzger einen (freisinnigen) katholischen Erzbischof [Padre J. Archimandrita]
für seine(n) Orden einzuspannen. Umwarb ihn mit allen Mitteln -
erfolglos."[727] * Herr Archimandrita hat dazu
nur ausweichende Auskunft gegeben.
Kopenhagen
"In
Kopenhagen traf ich Per Pelle Jorgensen, wo er im Viertel Christiania als eine
Art alternativer Therapeut arbeitete. Er hatte Crowley studiert und behauptete,
eine OTO-Loge in Kopenhagen zu führen, ich glaube, von Metzgers OTO. Er
behauptete, eines der Mitglieder sei eine alte Lady im Rollstuhl noch aus
Kadoshs Tagen
{4}. Pelle erzählte mir, er hätte Metzger besucht und im Gasthof Rose
übernachtet. Er beschrieb einige der Räume, die für jeden Planeten mit
entsprechenden Farben etc. zur Ausübung von Planetenmagie eingerichtet seien.
Jahre später
erhielt ich von einem Bekannten von Pelle weitere Informationen:
Da Pelle keine
Johannisgrade innehatte, wurde er von Paragranus' OTO nicht akzeptiert.
Trotzdem unterhielt Pelle mit einem Ägyptologen namens Anker Pedersen einen
Dänischen OTO in den 70er Jahren. Da Motta zu der Zeit behauptete, der
OHO zu sein, wollten sie unter ihm arbeiten. Ihr Tempel besass folgende
Paraphernalien: ein Erinnerungsschwert, die Flaggen von Osten und Westen à la
Golden Dawn, und zwei (unbemalte) Säulen. Sie nannten sich selber Thelema-Loge
und initiierten Kandidaten in die Grade 0=0 bis 4=7 des Golden Dawn. Die
Rituale waren bearbeitet und gekürzt, so dass sie von vier Offizieren
durchgeführt werden konnten. Diese Operation dauerte etwa ein Jahr. Alles in
allem waren etwa 15 Leute mit dieser Loge verbunden. Nur ein Mitglied blieb
lange genug, um alle Grade zu erlangen...
Die Loge traf
sich monatlich, ihre Eröffnungszeremonie bestand aus einer Mond-Meditation, wie
sie Metzger in seiner Oriflamme regelmässig veröffentlicht hat.... Nachdem die
Loge geschlossen war, startete die Gruppe The Archives for Psychic
Investigation und publizierte ein Magazin, von dem aber nur eine Nummer
erschienen ist."[728] *
Memphis-Misraïm im
Appenzell?
Alfred Andreas
Droz (geb.
6.11.1906) wird 1955 "rechtmässiger Minerval" des
"Illuminaten-Ordens Helvetiens" in der "Grossloge zum Flammenden
Stern." Metzger gibt ihm zum Geleit den Spruch II,3 aus Crowleys Liber
AL. Im selben Jahr wird Droz/Alanus Gross-Magus in Wien
und am 31.12.1955 "Deputierter Meister des Collegium
Psychosophicum," Charta-Nummer 151. 1956 folgt der Magus-Grad
Helvetiens, doch Anfang 1957 will sich Droz von Metzger lösen, weil ihn
angeblich die Gleichberechtigung der Frauen im Illuminaten-Orden störe.
Zusammen mit fünf weiteren Illuminaten/OTO-Mitgliedern aus Stein sucht er
vergeblich Anschluss an die französische Misraïm-Gruppe (vom Belgier Jean
Mallinger aus dem AMORC geführt).[729] * Später wird Droz' Gruppe als Blaue Loge von
der schweizer Grossloge Alpina regularisiert und hält ihre Arbeiten im Tempel
an der Roswiesenstrasse in Zürich ab. Droz bezieht bis 1962 Metzgers
Oriflamme und hält in Stein Vorträge bis 1978. Er stirbt 1983.
Marcel Claude wirbt 1958 in Metzgers Publikationen
mit einer Einladung nach Brüssel zum Konvent aller ägyptischen Riten der
Maurerei, d.h. des Memphis-Misraïm-Ritus.[730] * Claude hat einen irregulären
C.B.C.S.[731] * inne und lässt sich an
diesem Kongress als einziger Kandidat zum Grand Hierophant des MM wählen. 1962
muss er von seinem Amt zurücktreten, unfähig, seine Legitimität beweisen zu
können.[732] *
Audehm {11} trifft Monsieur Claude 1964 in Stein: "Bis
Sonntagabend konnten wir ihn genügsam bewundern. Lustiger Knabe von ca. 60;
gute Statur; rüstig; grauhaarig; grösserer Oberlippenbart und das fliehende
Kinn verdeckender Spitzbart. Trat im Templerhabit auf (weisser Umhang,
achtzackiges rotes Templerkreuz). Sahen ihn nur beim mehr geselligen Teil.
Begegneten sich beide [Metzger und Claude] wie Altvertraute und mit
Hochachtung. Uns [Audehm und Englert] gegenüber war der Claude sehr leutselig und
spassig."[733] * Pierre Pasleau publiziert
ein Foto von Claude.[734] *
Des Todes würdig
Unter diesem
Titel berichtet der STERN vom Oktober 1988 von einer Memphis-Misraïm Gruppe
Hamburgs, deren Leiter, angeblich Grossmeister für das Deutsche Reich,
Lothar-Arno Wilke (mit 50 Logen und insgesamt
2000 Mitgliedern), veranlasst habe, dass das ausgetretene Mitglied Hans Senkel überfallen, bedroht und
festgebunden worden sei. Rituale sowie Urkunden dieser MM-Gruppe seien von
Wilke gefälscht,
schreibt STERN, was auch von Jean Mallingers MM-Erbe für Deutschland,
Martin Erler, bestätigt wird.
Markus Kumer (aus Metzgers innerem Kreis)
berichtet, dass Frau Christiane Schwarzweller aus Wilkes MM-Gruppe regelmässig Gast
bei Metzgers Tempelarbeiten ist.[735] * Wilke bezieht angeblich
Sukzessionen von Georges Delaire und François Bruyninckx, ebenfalls in der
Nachfolge Jean Mallingers. Die Gruppe ist beim
Amtsgericht unter E.R.M Brandt eingetragen und publiziert als "Gross-Herrenmeister
des Ordens der Internationalen Co-Freimaurerei Memphis-Misraim" eine
Verteidigungsschrift gegen Howe/Möllers verwirrende
"Biographie" von Reuss. Gezeichnet ist diese Schrift von Elizabeth
Gould, Christiane-Marie Schwarzweller und Lothar-Arno Wilke.[736] *
In der Tat
bezieht Wilke sein System und die Rituale
aus den veröffentlichten Rudolf Steiner-Ritualen, die, ähnlich wie
Metzgers ältere "OTO Orient Thuricensium-Rituale" nur den "Misraim-Dienst"
erwähnen {4}. Der bedrohte Senkel versendet vom Frühjahr 1987
bis Frühjahr 1988 mehrere Schreiben an die regulären Freimaurerlogen
Deutschlands, um den Sachverhalt zu klären. Aus diesen Schreiben ist
ersichtlich, dass in Europa eine Menge konkurrierender Memphis-Misraïm-Logen
existieren. Senkel erleuchtet in diesen
Schreiben die Hintergründe von Wilkes Orden, nennt unzählige
Beteiligte und meint, dass Wilkes Gruppe keine Tradition habe.
Ob dieser
Hamburger MM-Zweig identisch mit dem OTO-Zweig Hamburgs von 1973 ist, der auf
Horst Knaut in QUICK und in "Mensch
und Mass" {6} reagiert hat, bleibt unklar. Ein Hamburger OTO soll in den
1960er Jahren Kontakte mit Grant in London gepflegt haben.[737] *
THELEMA IM APPENZELL!
Das sporadisch ab
1948 erscheinende "Mitteilungsblatt des psychosophischen Institutes"
weist, abgesehen von einem kleinen Crowley-Zitat, keine thelemitischen
Referenzen auf. Crowleys Thelema wird von der Schweiz aus erstmalig publik mit
dem Ketzerbrevier 1 vom März 1953. Der OTO selber wird von Metzger öffentlich
erstmalig im Ketzerbrevier 3 vom 21. Juni 1955 und im Äquinox II vom März 1955
erwähnt.
Ab Oriflamme 23
vom Januar 1963, dem Monat, wo sich Metzger zum OHO ausruft, wird der OTO an
zweiter Stelle in der Aufzählung der der Psychosophischen Gesellschaft
zugehörigen Körperschaften aufgelistet. Von jetzt an tritt die PG hauptsächlich
als "Ordo Illuminatorum" auf {11}.
Die Oriflamme
gibt sich ab Nummer 110 vom Juni 1971 als "Amtlicher Ordensanzeiger
für alle Provinzen deutscher Zunge" aus.
Metzger, in
dessen "Herzen und Wirken Theodor Reuss unbeirrbar weiterlebt,"[738] * "erwirbt sich
Verdienste" mit der Herausgabe der Schriften Aleister Crowleys, zumal
er es in einer Zeit tut, als Crowley noch kein Renner ist.[739] * Heutzutage gehört es ja zum
chicen Zeitgeist, Crowley als Satanist zu zelebrieren, wie die Zürcher
"Satanswoche" vom Februar/März 1994 gezeigt hat {Schluss von 9}.
Bis zu Karl
Germers Tod 1962 scheint in Metzgers Lager eine eher positive Beurteilung
Crowleys die Publikationen zu bestimmen, was im Zusammenhang mit Metzgers
Ambitionen auf das OHO-Amt gesehen werden kann.[740] *
Crowley ist "die
bedeutendste Figur in der modernen Literaturgeschichte."[741] *
"Er hat
unvorstellbare, hervorragende Qualitäten - ist aber auf groteske Art unfähig,
seine soziale und ökonomische Position zu sichern."[742] *
"Wer ein
so schönes Wort [jeder
Mensch ist ein Stern] prägen kann, der muss von hohen Idealen, wahrem Ethos
und echter Menschenliebe durchdrungen sein. Es muss sich um einen edlen und
vornehmen Charakter handeln."[743] *
"Unser
Vorbild, Meister Therion, das heisst Meister des Tieres."[744] *
"Der Tod
wird eine Wissenschaft, der Beruf das tägliche Opfer, Liebe wird zur Technik, wird
reguliert und steht unter wissendem Willen."[745] *
"Nach dem
Gesetz des neuen Zeitalters, "Tu was du willst soll sein das ganze
Gesetz"; lösen sich die Konflikte familiärer, sozialer und finanzieller
Gründe von selbst."[746] *
"Thelema
ist eine eminent praktische Lehre. Sie vereinfacht das Leben des Menschen, da
sie alles - bisher für unentbehrlich gehaltene, überflüssige Beiwerk
rücksichtlos abstreift. Thelema ist aber auch eine sehr schöne Lehre, da sie
radikal mit all den Hemmnissen und Widerständen Schluss macht."[747] * Aus einer Rede anlässlich
der Aufführung von Aleister Crowleys Mysterienspiel "Das Herz des
Meisters." Uraufgeführt am 21.3.54 im Theater am Neumarkt in Zürich, "unter
dem Patronat der Genossenschaft Psychosophia... zum 100. Equinox im 50. Jahre
thelemischer Arbeit."[748] * Keiner der interviewten
Theaterleute und -besitzer kann sich an diese Aufführung oder ein gedrucktes
Programm erinnern. Das Lokal gehört 1954 einer Zürcher Zunft, die es privat für
eine einmalige Aufführung vermietet hat.
Der Morgen in
Stein wird eröffnet mit "Tu, was du willst soll sein das ganze
Gesetz" - die letzten Worte abends lauten: "Liebe ist das
Gesetz, Liebe unter Willen." Die Worte werden via Lautsprecher in den
Garten übertragen.[749] *
"Am
Silvesterabend um 23 Uhr begaben wir uns in den Tempel, um dort nach kurzer
Zeit unsere Fackeln am Feuer, das seit der Sonnenwende brannte, zu entzünden
und liefen unter den Klängen der Trommeln und Pfeifen dreimal um den Garten,
bezogen zuletzt um den Haufen abgetackelter Christbäume Stellung und warfen
die brennenden Fackeln hinein. Nun begannen im Dorf die Glocken zu läuten.
Einige liessen es sich nicht nehmen, über das Feuer zu springen, wo bald das
Neujahrsmahl serviert werden konnte."[750] *
Laut Aussagen
zweier unmittelbarer Anwohner haben solche nächtliche Feiern bis in die 1970er
Jahre hinein stattgefunden. Als sich das Gut durch Landkauf vergrössert, wird
eine Parade durch den ganzen Garten gehalten. Die Musik via Lautsprecher sei
schwerfällig gewesen. Geschätzte Teilnehmer: höchstens 20. Nachher sei die
ganze "Gesellschaft" in den Gasthof Rose.[751] *
Genauere Auskunft
über die Johannisfeste (24. Juni und 27. Dezember), die 1950-52 in der
Ritterhauskapelle Bubikon des Johanniter-Ordens abgehalten worden sind, ist
kaum zu erhalten. Man "erinnerte sich nur noch ganz schwach an die
Ritual-Feier" und ist eigentlich "nicht gesonnen,"
Fragen zu beantworten. "Es scheint uns denkbar, dass sich Leute heute
nur ungern daran erinnern."[752] *
"Tischritual mit Kindern: Vor dem Essen;
Das Jüngste beginnt: Tu was du willst soll sein das
ganze Gesetz.
Alle: Es ist unser Wille zu essen und zu trinken, den
Leib zu kräftigen, um fähig zu sein, in Weisheit, Stärke und Schönheit das
Gesetz Gottes zu erfüllen.
Das Älteste: So sei es.
Nach dem Essen: Das Jüngste: Wir danken dem
Allmächtigen Baumeister Aller Welten für Speis und Trank.
Alle: Man muss wissen um zu wagen, wagen um zu
wollen, wollen um das Reich zu erhalten, und um zu herrschen, muss man
schweigen."
Das Älteste: Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen."[753] *
Zu den
Templersymbolen: "Es ist müssig daran zu erinnern, dass all diese Symbole,
wie die Templer, je und je verleumdet wurden, gleich wie das Bespucken und
Treten auf das Kreuz missverstanden wurde. Das Kreuz, das Zeichen des Lichts
(das lichte Kreuz), ist älter als das Kirchenchristentum. Jedoch das Kreuz, auf
das man tritt, ist der Schatten des Zeichens des Lichts (das schwarze Kreuz,
das Zeichen der Materie.)"[754] *
---
Nach dem Tod
Germers vermischt Metzger OTO, FRA, GKK {15} und IO {11} und verändert die
Haltung Crowley gegenüber: "Wir sind keine Crowleyaner."[755] *
"Nicht
die Werke des Crowley sind an sich verderblich, sondern ihre
populär-pamphletartige Veröffentlichung durch die Boulevard-Presse ist das
Verhängnis."[756] *
Annemarie
Äschbach hält viele Schriften
Crowleys als von "missratenen Schülern" gefälscht. Ausserdem
sei die zweite Auflage von John Symonds (geb. 1914) Biographie über
Crowley[757] * gar nicht mehr von Symonds geschrieben. Genausowenig
seien die Bücher von Kenneth Grant (geb. 1924) von Grant verfasst: beide seien dazu
viel zu alt.[758] * Fotos von Grant sind in seinem Buch
"Remembering Aleister Crowley" zu sehen. Ein Foto von Symonds in dessen "King of the
Shadow Realm." Mit beiden kann man rel. einfach korrespondieren.
Der Schwerpunkt
der Lehren verlegt sich von Thelema auf die Adam Weishauptsche Selbstkenntnis. Diese
Lehrbriefe werden ab September 1968 in der Oriflamme Nr. 86 veröffentlicht.
Begründet wird diese Renovation ganz einfach: "Der Orden interpretiert
die historischen Grundlagen nach Massgabe der Situationen für die Gegenwart. Um
die Jahrhundertwende trat im IO eine Spaltung ein, ein Teil davon nannte sich
OTO. Beide Äste sind nun wieder vereinigt"[759] * {11}.
"Metzgers
Lehrbriefe, selten so einen Stuss gelesen, der unter dem Etikett Thelema im
weitesten Sinne verbraten wurde... All das Zeugs von Leiden, dieser
moralinsaure Unterton wenn's z.B. um Genuss geht, diese rührenden Diagramme,
diese ei tucke tucke tei Mentalität. Thelema quo vadis?"[760] * "Inhaltlich völlig
unbrauchbar! Reine Philosophie!"[761] *
Quibus Licet
Adam Weishaupt 1781: "Ende jeden
Monat giebt der Untergebene an seinen Oberen ein verschlossenes Blatt oder auch
mehrere mit der Aufschrift Quibuslicet, oder soli, in solchen zeigt er an:
1. wie ihm sein Oberer begegne, ob er fleissig oder
nachlässig, hart, oder gelind mit ihm verfahre?
2. was er gegen die Gesellschaft für Beschwerden
habe?
3. was ihm der Obere dieses Monats hindurch für
Befehle kund gemacht? - was er an den Orden bezahlt hat?"[762] *
Weishaupt 1787: "jedes
Vierteljahr... in welchem er frey und ohne Scheu namhaft macht, wie er mit dem
Betragen seiner Obern zufrieden sey; ob etwas binnen dieser Zeit ihm widrige
Begriffe von dem Orden beygebracht, seinen Eifer und Anhänglichkeit
herabgestimmt habe; ob und warum er sich in seinen Erwartungen betrogen
finde."[763] *
Das
Illuminaten-Quibus Licet wird nun unter Metzger zum magischen Tagebuch, das
folgende Punkte enthalten soll: Personenbeschreibungen, erhabene Gedanken und
Kernsprüche, gesammelte Charaktere, Personifikationen [?], Resümees und
Beantwortungen von Fragen, die der "Orden" stellt.[764] * Ausser einem curriculum
vitae wird das Studium des Ordensnamens verlangt, die Wahl eines Spezialgebietes
und das Studium der Geschichte der Mysterieneinrichtungen: "Es zeigt
sich daraus und zwar für den Schüler selbst, wie weit er sein Erleben als eine
Beschäftigung Gottes mit seiner Seele zu betrachten fähig ist. Es besteht die
Möglichkeit, im Quibus Licet besondere Fragen an den Provinzialen oder O.H.O.
(äusseres Haupt des Ordens) einzuschliessen, was unter besonderem Verschluss
beigefügt und im ersten Fall mit primo und im zweiten mit soli gekennzeichnet
wird."[765] *
Es ist unüblich,
in den anderen OTO-Zweigen von den Ordensmitgliedern die Abgabe ihres
Tagebuches zu verlangen. Allein Crowley hat regelmässig Einsicht genommen und
so Kontr