Ordo Templi Orientis

O.T.O. Phenomenon Books

Das OTO-Phaenomen

An Agony in 22 fits
By Peter-R. Koenig

This is the short and outdated online-version of a book with the same title. The paper version published in 1994 is out of print. In 2001, a new and massively expanded and corrected version was available as "Der O.T.O. Phaenomen REMIX" also out of print. Now a largely expanded, updated and revised version of 2011 is available as Der O.T.O. Phänomen RELOAD via A.R.W., Box 500 107, D-80971 Muenchen, Germany. Online ordering via email: A.R.W.
This internet-version of the very short first edition does not contain any picture-material. 4 of 20 books on the O.T.O. are electronically available

© P.-R. Koenig


                              "Ich sinke nieder, ich stammle verwirrtes Zeug -
                                 der Weltgeist kommt mir wieder so gross vor -
                                                                    zu gross!"


                                                               Paul Scheerbart



 

DAS O.T.O.-PHAENOMEN

An Agony in 22 fits 0. Einführung 1. Zusammenfassung 2. Notes Historiques sur le Rite Ancien et Primitif de Memphis-Misraim 3. Damals hinterm Mond 4. Veritas Mystica Maxima 5. Von denen Buchhändlern und Grossmeistern 6. In Nomine Demiurgi Nosferati 7. Treffpunkt der Traeumenden 8. Von der Tribuene zur Gnosis 9. Thelema im Appenzell? 10. Verlag Psychosophische Gesellschaft 11. Illuminaten und Templer 12. Tradicion Huiracocha 13. Mysteria Mystica Maxima 14. Kennen Sie Oscar R. Schlag? 15. Die Wandernden Bischöfe 16. Aleister Crowley und die haitianischen Götter 17. Die Geschichte des O.T.O.A (1921 - 1985) 18. Non c'e due senza tre 19. Per Aftera ad Astra 20. Reaktionen auf die Artikelserie 21. Dank für Material und/oder Auskunft 22. Bildmaterial und Personenregister
Das O.T.O.-Phänomen



0. Einführung


Kontext: Der vorliegende Text steht in der Tradition folgender Studien, die je­doch alle zwischen Information und Meinungsäusserung nicht klar unterschei­den. Eine diesbezügliche Auseinandersetzung mit diesen Werken findet aus Platzmangel nicht statt:
Ellic Howe: "The Magicians of the Golden Dawn" (London 1972)
Karl R.H. Fricks "Licht und Finsternis"-Bände (Graz 1973-86)
Ellic Howe/Helmut Möller: "Merlin Peregrinus" (Würzburg 1986)
John Symonds: "The King of the Shadow Realm" (London 1989)

Ergänzend als Hintergrundinformation hat der Autor folgende Reader herausgege­ben:
P.R. König: "Kleiner Theodor Reuss Reader," München 1993
P.R. König: "Materialien zum OTO," München 1994 [in Vorbereitung][1] *
P.R. König: "Der OTOA-Reader," München 1994 [in Vorbereitung]


Akteure: Alle "irgendwie" betroffenen Personen der Zeitgeschichte. Entspre­chend finden sich Referenzangaben im Text oder als Fussnote, da dieselben als solche zum "Phänomen" beitragen.

Konzept: Das Konzept besteht aus der mündlichen Darlegung des Inhaltsverzeich­nisses; in grossen Teilen eine massive Erweiterung und Korrektur von Artikel­serien.[2] * In den Artikeln wurde der Schwerpunkt einerseits auf ein bestimmtes Themengewicht, anderseits auf biographische Darstellungen gelegt. Diese kom­plizierte Strukturierung wird hier übernommen und mit Untertiteln dargestellt. Überleitungen von einem Kapitel zum andern finden keine statt. Dies macht die Studie schwer lesbar, sie soll jedoch hauptsächlich als eine Art Nachschlage­werk dienen.
Abkürzungen werden nur einmal eingeführt. Es wird versucht, eine einheitliche Schreibweise bei "unsicheren" Begriffen einzuführen, z.B. "Misraïm," wenn kein Zitat vorliegt. Ordensnamen sind in spitzen Klammern und meist nur einmal er­wähnt. Bibliographische Quellen sind mindestens einmal vollständig aufge­führt.
Um den Anmerkungsapparat zu entlasten, wird bei Zahlenanhäufungen gesamthaft im Text auf entsprechende Referenzwerke hingewiesen. Das Personenregister ent­hält aus Platzgründen nur Namen mit mindestens 2 Einträgen: darin entfallen die häu­fig auftretenden Namen Crowley, Reuss, Metzger und Germer.

Quellenkritik: Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die informelle Darstellung eines Phänomens, dessen Charakteristik massgeblich durch die Wi­dersprüchlichkeit und Subjektivität der Quellen geprägt ist.[3] * Diese schreiten als eine Art Literaturbericht so chronologisch wie möglich den jeweiligen The­menbereich ab und sprechen dokumentarisch für sich selber. Es ist jede "irgendwie" zum Thema gehörende zugängliche Information verwendet worden. Es gibt ausser den juristischen[4] * keine Auslassungskriterien. Die einzelnen Puzz­leteile haben sich selbständig zu einem Bild formiert. Da auf Schlussfolgerun­gen ohne Quellen­material weitgehend verzichtet wird, können Teilbereiche aus Infor­mationsmangel skizzenhaft wirken.
Obwohl das Quellenmaterial verschieden interpretierbar ist, will diese Arbeit rigoros objektiv sein. Ganz anders sieht es ein Exponent[5] * des dargestellten Phänomens so: "Die Geschichte eines magischen Ordens läuft nach anderen Ge­sichtspunkten ab als die normale."[6] *
Diese Studie ist kein Einführungswerk zu bestehenden Begriffen wie Freimaure­rei (FM) und deren Fachterminologie, religiösen Sondergruppen und entsprechen­den Be­griffen (wie z.B. "Magie," "apostolisch")[7] * u.a. oder Personen wie z.B. Aleister Crowley und seinen Lehren. Die vier oben unter "Kontext" erwähnten Werke sollten dem interessierten Leser als Vorstufe dienen. Die dortigen In­terpretationen von Ereignissen werden hier jedoch kaum übernommen, da hier er­neut von Primärquellen ausgegangen wird, die für sich selber sprechen sollen. Zitate ohne Quellenangabe beziehen sich auf Primärmaterial.

Inhalt: Die vorliegende Studie ist keine Diskussion der "Glaubensinhalte" der OTOs oder die Beschreibung z.B. der Initiationsrituale, sondern primär eine Do­kumentation des Verhaltens der OTO-Mitglieder untereinander. In der Folge lässt sich auch die Historie der OTOs als Körperschaften ablesen.

Aufgrund dieser Komplexität ist der Begriff "OTO-Phänomen" gewählt worden.

Nach einer oberflächlichen Übersicht werden die einzelnen Themen und Personen näher beleuchtet. Aufgrund der Komplexität ist es unumgänglich, dass einige Per­sonen und Organisationen nicht sofort ausführlich eingeführt werden können, da sie erst in einem späteren Thementeil ihre Rolle spielen. Die diesbezügli­chen Querverweise im Text befinden sich in {geschweiften} Klammern und bezie­hen sich auf das Kapitel, wo das Thema ausführlicher zur Sprache kommt.
Bibliographische Referenznummern erfolgen erst wieder nach folgender Zusammen­fassung. Selbstdarstellungen der Protagonisten sind für diese Ausgabe bearbei­tet und enthalten nur notwendigste Referenzangaben. Originalzitate sind stili­stisch und faktisch unkorrigiert übernommen.

Rechtliche Lage: Nach mehrfacher Prüfung sieht die Rechtslage wie folgt aus: Briefe sind nur sehr bedingt des Copyrights fähig.[8] * Nach deutschem und schwei­zerischem Urheberrecht besteht Zitatfreiheit im Sinne von Belegzitatfreiheit zur wissenschaftlichen Dokumentation, was auch juristisch "schützenswerte Kunst" an­belangt. Bei bisher unveröffentlichten Stellen wird es nur darauf an­kommen, ob Persönlichkeitsrechte (Intimbereich)[9] * tangiert sein können. Je län­ger die Vor­gänge zurückliegen, insbesondere bei Verstorbenen, die nur einge­schränkten Pie­täts- und Persönlichkeitsschutz geniessen, um so eher kann man publizieren (siehe die "Mephisto-Entscheidung" zu Gustav Gründgens[10] *).[11] *
Bei allen OTO-Gruppen handelt es sich entweder um eingetragene gemeinnützige Vereine oder durch Publikationen wirkende Organisationen. Die in diese Berei­che fallenden Tatsachen dürfen grundsätzlich verbreitet werden.



1. Zusammenfassung


Die Geschichte der OTO-Gruppen (Ordo Templi Orientis) und ihrer verwandten Or­den und Privatkirchen ist eine Geschichte ihrer Protagonisten, die mit Carl August  Kellner (1851-1905) und Theodor Reuss (1855-1923) beginnt {3}.
Via Theodor Reuss/Peregrinus, einen anglo-deutschen Freimaurer, ist der fran­zösische ir­reguläre, d.h. als Winkelfreimaurerei taxierte "Alte und Primitive Ritus von Memphis und Misraïm" (MM) 1902 aus Amerika/England nach Deutschland geraten {2}. Der Ideenlieferant des OTO-Phänomens, der Österreicher Erfinder und Indu­strielle Carl Kellner/Renatus, ist angeblich am 27.12.1903 zum "S.Ehren-Ge­neral-Grossmeister in Grossbritannien und Deutschland, 33°, 90°, 96°" ernannt worden, damit sich das OTO-Gradsystem (10 Grade) aus einigen bestimmten Graden des Memphis-Misraïm-Ritus (90 und 97 Grade) entwickeln kann. Reuss und sein selbsternannter Nachfolger, Aleister Crowley (1875-1947), haben beide MM und OTO verbunden gesehen. Unter Crowley/Baphomet wird aus dem pseudo-freimaurerischen OTO eine 11-gradige, magische, streng hierarchische Gruppe, die auf Abhängigkeit der Mitglieder baut und überzeugt ist, die absolute Wahrheit (Thelema) gefun­den zu haben. Thelema ist der Oberbegriff für "Das Gesetz des Neuen Aeons," das Crowley 1904 in Kairo von seinem Heiligen Schutzengel/einem Ausserirdi­schen,[12] * diktiert worden sein soll (als Buch: Liber Legis oder Liber AL).[13] *
 
Die dem OTO-Phänomen zugehörigen Orden und "Kirchen" sind:
- die Fraternitas Saturni (FS), 1926 in Deutschland vom Buchhändler Eugen Grosche (1888-1964) als erste auf Crowleys philosophisch-magischer Reli­gion Thelema gegründete Organisation
- der neugegründete Illuminaten-Orden (IO), dessen OTO-Prägung erst um die Jahr­hundertwende durch den Drogisten Theodor Reuss und den Schauspieler Leopold Engel (1858-1931) zustande gekommen ist {11}
- ein Ableger der französischen Gnostisch-Katholischen Kirchen (GKK), deren Kon­takt mit dem OTO eigentlich nur um 1908-1920 wahrzunehmen ist {4, 15}
- die 1927 vom deutschen Abenteurer Arnold Krumm-Heller (1879-1949) in Südame­rika gegründete Fraternitas Rosicruciana Antiqua (FRA) {12} und
- der Ordo Templi Orientis Antiqua (OTOA) von 1921, eine Art Voodoo-OTO mit französischen, spanischen und haïtianischen Wurzeln.

Des weiteren wird über den Schweizer OTO zwischen 1916-1920 {4} und Heinrich Tränkers (1880-1956) Pansophia {5} berichtet. Der Buchhändler Tränker ist ak­tiv in der Entwicklung der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland, bevor er ab 1921, mit einer Reuss-Charta (Bewilligung) bedacht, eigene Unternehmen startet.
Auf Crowleys Argenteum Astrum (AA, gegr. 1907) kann nicht eingegangen werden, da im Unterschied zum OTO die AA keine fassbare Ordensstruktur aufweist. Die AA ist Crowleys Version des Golden Dawn (lat. Aurorae Aureae).
Hingegen wird Crowleys OTO-Zweig, die sogenannte Mysteria Mystica Maxima (MMM), mit einer Reuss-Charta vom 24.04.1912 als Basis, eingehend beleuchtet {13}.

Überblick

Es ist fraglich, ob Kellner überhaupt einen OTO geführt hat. Auf jeden Fall ist unter Reuss einem Orden der Name OTO und eine 10-gradige Struktur gegeben worden. Die ersten sieben freimaurerisch absolvierten Grade entsprechen den indischen Chakras - der VIII° autosexueller und der IX° hete­rosexueller Sexualmagie. Diese beiden letzteren bedürfen keines Einweihungsri­tuals mehr: das Wissen um das "Geheimnis" genügt.[14] * Der X° bezeichnet allein das Amt des Landesoberhaupts und ist stimmberechtigt, das internationale Ober­haupt, den Outer Head of the Order (OHO), zu wählen. Inner Head des Ordens ist Baphomet, das Idol der Tempelritter.
Seit dem Auftauchen Crowleys zwischen 1910 und 1912 gibt es jedoch mindestens ein hauptsächliches Unterscheidungsmerkmal, unter das man die verschiedenen OTO-Gruppierungen einordnen kann: die schwerpunktmässige Akzeptanz des "Gesetzes von Thelema" in den Initiationsritualen. Initiation versteht sich im Kontext mit dem OTO-Phänomen primär als Aufnahmezeremonie in eine hierarchi­sche Organisation und nicht als "weltanschauliches" persönliches Erlebnis.[15] * Dieses ist in den meisten hier beschriebenen Organisationen erst Ergebnis der Aufnahme [Ausnahmen: Typhonian OTO {6} und Argenteum Astrum]. Pendant der Initiation ist die christlich orthodoxe "apostolische Sukzession."
Die von Crowley 1917-19 verfassten Initiationsrituale sind, wie damals bei al­len Landeslogen üblich, nur für den eigenen Zuständigkeitsbereich angewendet worden.[16] * Im Falle Crowleys für seine 1912 von Reuss bewilligte Loge für Eng­land und Irland. Andere OTO-Logen unter Reuss haben eigene Rituale entworfen. Crowley hat einen XI° eingeführt, womit homosexuelle Sexualmagie bezeichnet wird {19}. Dieser XI° wird von den meisten OTOs als unabhängig von der übrigen OTO-Struktur angesehen {13} und kann nur von Trägern des XI° übermittelt wer­den (so wie auch der IX° nur von einem IX° oder X° "erteilt" werden kann, was sogar zu den "Pflichten" dieser Grade gehört).
Ausserdem existiert ein weiterer OTO-Entwurf Crowleys, der ein auf 12 Grade erweitertes OTO-System wiederum mit dem Memphis-Misraïm-Ritus verbindet {2}.[17] *
Theodor Reuss hat Crowley nicht als seinen Nachfolger im Amt des OTO-Ober­haupts (Outer Head of the Order, OHO) angesehen, diesem sogar eindeutig unter­sagt, den OTO als Vehikel für Thelema zu benutzen. Ungeachtet dessen be­schreibt sich Crowley schon zu Lebzeiten Reuss' am 27.11.1921 in seinem Tage­buch als OHO.
Die Mutmassungen, welcher der OTOs "der originale" OTO sei, bestimmen massgeb­lich den Charakter des OTO-Phänomens {13}.

1921 fassen Heinrich Tränker und seine Frau Helene die Idee ins Auge, die "Pansophie" zu gründen, was 1922 dann mit der finanziellen Hilfe Karl Germers (1885-1962) in die Tat umgesetzt wird.
Reuss stirbt 1923, ohne Nachfolger zu ernennen. Höchstwahrscheinlich wäre diese Ehre dem schweizerischen Kaufmann Hans Rudolf Hilfiker (1882-1955) zuge­kommen, Grossmeister der 1917 von Reuss gegründeten schweizerischen Freimau­rerloge "Libertas et Fraternitas," der jedoch angesichts der miserablen Repu­tation von Reuss und Crowley diese Würden für incommunicado hält {4}.
Da Crowley in einem Brief an Tränker 1924 indirekt zugibt, nicht von Reuss zum Nachfolger ernannt worden zu sein, müssten laut OTO-Statuten die restlichen X° einstimmig den OHO wählen. Tränker {5}, C.S. Jones (1886-24.2.1950) in Kanada (1. Agape Loge) {4}, C.W. Hansen (1872-1936) in Dänemark {4}, A. Krumm-Heller in Südamerika {12}, W.T. Smith/Velle Omnia Velle Nihil/132 (1885-1957) in Amerika (2. Agape Loge) {13}; der spanische Nachfolger von Encausse/Papus (1865-1916) (oder Charles Détré?, 1855-1918) {4, 15ff.}: Jean-François Jean-Maine (1869-1960) {15ff.} und wahrscheinlich H.R. Hilfiker in der Schweiz {4} wären für diese Aufgabe prädestiniert.
Crowley besucht Tränker, Germer und deren beider Sekretär Eugen Grosche. Als Folge bricht 1926 aus dem inneren Kreis der Pansophie die thelemitische "Fraternitas Saturni" hervor {6}. Tränkers OTO (ein anderer Begriff für die Pansophie?), der nur wenig Thelema propagiert, bleibt verkümmernd zurück.

Bis 1947 sind die Damen aus Reuss' Zeit vom Monte Verità (1916-1918) weltweit die einzig aktiven OTO-Mitglieder {4}, sieht man von Crowleys Versuch ab, in Amerika seine einzige OTO-Loge als Geldbörse und Verlag zu benutzen {13}. Der schweizerische Bäcker und Ex-Kommunist Hermann Joseph Metzger (1919-1990) wird 1943 in Davos/Schweiz durch Alice Sprengel (1871-1947) vom Monte Verità initi­iert. Von da bestimmt Metzger die Geschichte des OTO-Phänomens mit {9}.
Als Crowley 1947 stirbt, wird der in den US lebende deutsche Ex-Pansoph Karl Germer sein Nachfolger {5}, der aber keine Initiationen mehr vornimmt, da je­der Reuss-OTO mehr Autorität besitzt als ein Crowley-OTO und Metzger den Ein­druck erweckt, einen Reuss-OTO zu führen {5}.

Der OTO und die Fraternitas Saturni

Eugen Grosche, der Gründer der FS, hat sich in den 30er Jahren mehrmals im Laufe seines Exils im Tessin bei der Reuss-Gruppe um die späteren Initiatoren Metzgers aufgehalten {6}. Metzger nimmt 1950 erstmals mit ihm Kontakt auf, und sogleich überlässt Grosche Metzger, der eine Menge Europareisen unternimmt, alle Ordensvollmachten ausserhalb Deutschlands. Da er ein Visum für die be­setzten Gebiete besitzt, dient Metzger als Kurier für die verschiedensten Or­ganisationen. Er reist für den Illuminaten-Orden umher {11}, erledigt zwi­schendurch FS-Angelegenheiten und besucht die verschiedenen Thelemiten Euro­pas, z.B. Friedrich Mellinger (1890-1970) {6, 8}. Mellinger, ehemals Theater­direktor im Deutschland der 1920er Jahre, Spiritist und Crowleys zeitweiliger Sekretär nach dem Zweiten Weltkrieg, ist von Germer beauftragt, mögliche Kan­didaten für Crowleys OTO in Europa zu prüfen und zu initiieren {8}.
1951 vereinigt sich der Reuss-OTO unter Metzger mit dem Crowley-OTO unter Ger­mer mit der von Germer und Mellinger unterzeichneten Aufnahmeurkunde Metzgers, der Germer als Oberhaupt akzeptiert (obwohl jeder Reuss-OTO Autorität über je­den Crowley-OTO besitzt). Von 1960 bis zu seinem Tode 1970 wendet sich Mellinger der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland zu {8}.

Von Metzger bald enttäuscht, hat Grosche schon in den frühen 50er Jahren Kon­takt mit dem ehemaligen Sekretär Crowleys, Kenneth Grant (geb. 1924), und dessen Crowley-OTO-Loge in England geknüpft {6}. Grants Kontakt mit Grosche erzürnt Germer dermassen, dass er Grant 1955 aus dem freimaurerähnlichen Crow­ley-OTO verstösst, Grant jedoch unbekümmert nun im "Typhonian OTO" eigener Prägung Titel und Grade ohne Initiationsrituale verteilt und sich 8 Jahre nach Germers Tod (1962) als OHO ansieht {13}. Seine Auslegung von Thelema wird von den anderen OTOs z.T. abgelehnt.
Nach dem Tod Grosches 1964 versucht Metzger vergeblich, die FS zu übernehmen {6}.

OTO und Illuminaten-Orden

Schon Reuss hat zusammen mit Leopold Engel um die Jahrhundertwende den von Adam Weishaupt (1748-1830) im 18. Jahrhundert geführten IO erfolglos wiederzu­beleben versucht. Trotzdem haben verschiedene Engel-Illuminatengruppen der Neugründung die Weltkriege überlebt und sind 1963 von Metzger übernommen wor­den. Dieser sieht von da an den IO als Gerüst für seine Ordenskompilation (OTO, FRA) und baut die Gnostisch Katholische Kirche gleich auch noch in die oberen Grade seines IO ein {11}.

OTO und Gnostisch Katholische Kirchen

Die sich oft spaltende Gnostische Kirche ist 1890 in Frankreich gegründet wor­den und hat bald apostolische Sukzessionen (d.h. Weihungen per Handauflegen) aus der Tradition der Wandernden Bischöfe (Freikirchen) aufgenommen {15}. Reuss und Crowley haben versucht, in ihre OTOs kirchliche Unterabteilungen als Gnostische Kirche einzubauen, aber keine genauen Anweisungen dazu gegeben.
Innerhalb der OTO-Tradition gibt es keine genuine apostolische Sukzession, da die Selbstverleihung des Priester- und Bischofamtes schon innerhalb der fran­zösischen Gnostischen Kirche gang und gäbe gewesen ist. Obwohl, historisch ge­sehen, das religiöse Amt des Patriarchen nichts mit dem freimaurerischen Amt des OHO zu tun hat und völlig ausserhalb der OTO-Ränge steht, hat Crowley sein von ihm annektiertes Amt des OHO (Oberhaupt des OTO) dazu benutzt, 1944 den englischen Theosophen W.B. Crow (1895-1976) per Post zum Patriarchen der GKK zu ernennen.
Via Krumm-Heller ist auf Metzger eine französische gnostische Linie gekommen.
Der in Kalifornien lebende Grady L. McMurtry (1918-1985) erhält 1946 von dem in England lebenden Crowley ein paar wenige Briefe, in denen er als "Caliph" tituliert wird {13}. Es ist möglich, dass Crowley die alte postalische Abkür­zung "Calif" für einen dortigen Einwohner verwendet hat. 20 Jahre nach Crow­leys Tod setzt nun McMurtry "Caliph" mit OHO und Patriarch gleich, obwohl in keiner Konstitution aus Reuss' oder Crowleys Hand von diesem Begriff Gebrauch gemacht wird.

Der OTO und die Fraternitas Rosicruciana Antiqua

Arnold Krumm-Heller, mit einer Reuss-Charta von 1908, gründet 1927 seine FRA, die vor allem in Südamerika, aber auch in Spanien, Deutschland und Österreich tätig ist {12}. Infolge eines Treffens mit Crowley und Germer in Deutschland weisen die Rituale ab 1930 thelemitischen Charakter auf. Das Gesetz des Neuen Aeons wird in der FRA jedoch nicht so dogmatisch vertreten wie in anderen the­lemitischen Gruppierungen. Krumm-Heller erhält 1939 eine französische aposto­lische Sukzession.
Nach dem Tod ihres Gründers 1949 zerfällt die FRA vor allem in den lateiname­rikanischen Ländern in unzählige Zweige, die nun Metzger 1963 vergeblich via seiner Kontaktperson in Venezuela unter seine Jurisdiktion zu stellen ver­sucht.
Heute sind viele FRA-Zweige entweder mit Metzgers OTO, dem "Caliphat" {13} oder mit dem Ordo Templi Orientis Antiqua [sic] (OTOA) {17ff.} verbunden.


Die verschiedenen OTOs ab 1962
Pansophie

Diese von OTO-Grossmeister (X°) Heinrich Tränker und seiner Frau um 1921 ge­gründete Gruppe folgt rosenkreuzerischen Traditionen. Arnold Krumm-Heller benützt wie Theodor Reuss das Siegel und die Bezeichnung "Frat. Herm. Lucis Societas Pansophia," was vermuten lässt, dass die beiden gute Kontakte mit Tränker gepflegt haben {5, 13}.
Tränker und der OTO-Grossmeister für Amerika, C.(R.J.)S. Jones (beide mit Reuss-Chartas), sind die einzigen beiden, die 1925 Crowleys Anspruch auf das OHO-Amt des OTO nach Reuss' Tod 1923 unterstützen {5}. Der OHO muss, wenn nicht von seinem Vorgänger ernannt, einstimmig von allen X° gewählt werden. Tränker widerruft nach wenigen Wochen, Jones wird von Crowley 1934 aus dessen OTO verstossen.
Die Pansophie-Rituale enthalten sehr wenig thelemitisches Gedankengut, im Kern dreht es sich jedoch wie bei Thelema und dem OTO um Sexualmagie.
Die Pansophie hat nie aus mehr als einer Handvoll Mitgliedern bestanden und trotz eines amerikanischen Zweiges und Beziehungen zu einem österreichischen Nachfolger der FRA nach dem Tode Tränkers 1956 zu existieren aufgehört {5}.

Fraternitas Saturni

In dieser deutschen Bruderschaft des Saturn ist man der Ansicht, der magische Einfluss des Neuen Aeons verlange, dass die Lehren Crowleys permanent den neuesten Erkenntnissen (von Magie und Wissenschaft?) angepasst werden müssten. Folge ist, dass die Saturn-Rituale eine seltsame Mischung aus mittelalterli­cher Magie, Astrologie und sehr wenig Thelema sind. Mehrere Spaltungen unter schnell sich folgenden neuen Grossmeistern lähmen die FS nach Grosches Tod 1964. Ab 1978 fühlt sich die Splittergruppe "Ordo Saturni" wieder vermehrt Thelema und dem Ordensgeheimnis (den Logendämon Baphomet fleischlich zu inkar­nieren) verpflichtet {6}. Viele Mitglieder des "Caliphats" treten dem OS bei.

Metzgers OTO

Seit den 50er Jahren wird bis heute in Stein (Kanton Appenzell) mit Einwei­hungsritualen gearbeitet, die Ähnlichkeiten mit Einweihungsritualen von Rudolf Steiner (1861-1925) und Memphis-Misraïm-Ritualen aufweisen {2, 4}. Nach dem Tod Germers 1962, also mit dem Verschwinden der Kontrollinstanz, vermischt Metzger seinen OTO, den er als von Reuss und Germer geerbt betrachtet, mit dem Illuminaten-Orden {11}. Metzgers Initiationsrituale weisen keinen Bezug zum OTO auf, den er von nun an als Gradstufe des IO bezeichnet.
Soweit bislang bekannt geworden ist, werden in der Schweiz keine Rituale aus­ser Crowleys sonntäglicher Gnostischer Messe zelebriert. Metzger hat Thelema nur propagiert, um sich lieb Kind bei Germer zu machen. Dieser hat ihn dafür schriftlich als seinen einzigen Nachfolger in Betracht gezogen, was seine Witwe bestätigt. Obwohl Metzger 1990 stirbt und die Auswahlkriterien für Mit­glieder streng sind (im Gegensatz zum "Caliphat"), floriert der Schweizer OTO {9}. Der zur Schweizer "Abtei Thelema" (so der Oberbegriff der Ordenskompila­tion) gehörende Gasthof "Rose" kann allein von den Mitgliederbeiträgen unter­halten werden.

Nach Germers Tod 1962 versuchen hauptsächlich vier Leute alleiniger Führer von Crowleys OTO zu werden. Gemäss Testament Germers haben seine Witwe und Fried­rich Mellinger darüber zu bestimmen {8}.
Der aus der FRA kommende Brasilianer Marcelo Ramos Motta (1931-1987) {12, 13, 14} wird als erster von der Witwe Sascha Germer (gest. 1975) bevorzugt, doch kommt Frau Germer bald zum Entschluss, Metzger sei eigentlich der Favorit ihres Mannes gewesen. So ruft sich Metzger 1963 zum Oberhaupt des OTO aus, was auch von einigen Crowley-OTO-Mitgliedern in Amerika akzeptiert wird.
Erst 1969 rafft sich McMurtry auf, die Spitze des Crowley-OTO in den USA zu erklimmen, was vor allem Motta empört, der sich übergangen fühlt {13}.
Grant, der, ebenfalls wie Metzger, Motta oder McMurtry, auf eine Textstelle eines verflossenen OTO-Oberhauptes hinweisen kann, in dem ihm mit möglichen höchsten Ämtern gewinkt wird, schwingt sich 1970 zu einem weiteren konkurrie­renden OHO auf {13}.
1969 kommt es innerhalb Metzgers Gruppe zu einer Spaltung, so dass trotz ge­richtlichem Gerangel um das Recht der Namensführung seither ein zusätzlicher unabhängiger OTO (d.h. mit eigenem Oberhaupt) in Deutschland existiert {11}.

Mottas Society OTO in Brasilien und den US

Motta hat zu Lebzeiten seine Mitglieder eher nach AA-Kriterien ausgewählt (d.h. streng auserlesene Anhänger lernen Crowleys Bücher auswendig), als nach dem Satz "the law is for all" (laut Crowley-OTO-Statuten hat jeder das Recht auf die ersten drei OTO-Grade). So hat auch sein SOTO nie mehr als eine Hand­voll Mitglieder aufgewiesen. Als 1973 Crowleys OTO-Initiationsrituale publi­ziert werden, kreiert Motta seine eigenen Rituale, da er an die Gefahr einer Profanierung glaubt; im Gegensatz zum "Caliphat," das erstmals in den Besitz der Rituale gelangt und nun wahllos jeden als Mitglied aufnimmt.
Motta stirbt 1987, was einen Streit um seine Nachfolgeschaft auslöst.

"Caliphat"

Auf ein paar Briefe Crowleys zurückgehend, hat McMurtry 1977 die kalifornische 2. Agape Loge[18] * von 1935 nach 20 Jahren der Stillegung neugegründet und als 3. Agape Loge zur Grossloge (d.h. mit zumindest nationalem, wenn nicht sogar in­ternationalem Autoritätsanspruch) aufgeblasen {13}. Zwar von Crowley eine Zeitlang favorisiert (dieser hat nach McMurtry noch Mellinger als seinen Nach­folger ausersehen), jedoch von Germer und anderen Mitgliedern der 2. Agape Loge in Ungnade gestossen, hat McMurtry Motta, Grant und auch Metzger aus dem Feld geräumt. Ersterer hat sich vor Gericht lächerlich gemacht - letztere sind vor Gericht von McMurtry gar nicht als mögliche OHO-Anwärter genannt worden. So hat das kalifornische Gericht des 9. Bezirkes völlig ungeachtet der Histo­rie dem "Caliphat" die Copyrights an OTO-Material (d.h. Crowleys Büchern, die nicht zu seinen Lebzeiten von ihm copyrightet worden sind) innerhalb des 9th Circuit Court of Appeals zuerkannt. In England ist, obwohl Crowley 1947 völlig bankrott/verschuldet gestorben ist, das Copyright an John Symonds (dem litera­rischen Nachlassverwalter Crowleys) gegangen.
McMurtry stirbt 1985. Sein Nachfolger wird der Franco-Kanadier William Breeze, der ursprünglich den Lehren von K. Grant und M.P. Bertiaux (geb. 1935) gefolgt ist.

Typhonian OTO

Der zeitweilige Sekretär Crowleys, Kenneth Grant, wirft in seiner englischen Crowley-OTO-Loge Anfang der 50er Jahre die Freimaurerstruktur über Bord, d.h. die Gradbezeichnungen werden nicht mehr durch ein Initiationsritual übertra­gen, sondern weisen auf die Art der magischen Technik hin, die der Betreffende praktiziert und die von Grant sanktioniert werden. Germer verstösst Grant 1955 aus dem Crowley-OTO, was dieser jedoch nicht akzeptiert. Metzger löst den Kon­takt mit Grant ebenfalls auf {6, 14}.
Grants Lehren lehnen sich sehr an Jones' Proklamation des Maat-Aeons an (was bei Jones den Zorn Crowleys erregt hat, der selber das Horus-Aeon propagiert), an Grosches Saturn/Set-Lehren und die Erkenntnisse Michael P. Bertiaux' über den kabbalistischen Lebensbaum, die Sexualmagie und Voodoo.

Ordo Templi Orientis Antiqua

Als Gründung von 1921 durch J.-H. Jean-Maine, angeblich auf einer Reuss-Papus-Charta basierend, haben sich um den 16-gradigen OTOA im Laufe der Zeit ver­schiedene gnostische Bischofssukzessionen, eine Memphis-Misraïm-und eine XI°-Sukzessionslinie angesammelt, die alle von seinem jetzigen Führer, dem ehema­ligen Theosophen Michael Paul Bertiaux geleitet werden {15ff.}. Das von Voodoo geprägte System basiert ausschliesslich auf magischen und nicht auf maureri­schen Praktiken.


Praktiken und Geheimnisse des OTO


Viele Protagonisten/Eingeweihte "wissen" selber nicht, worum sich das Zentralthema in den Hochgraden des OTO dreht. Aus diesem Grund folgt hier eine Kurzbeschreibung des "Steins der Weisen."[19] *

Die Gruppe unter Carl Kellner

Während die Theosophin H.P. Blavatsky vor "unsauberen" Yoga-Praktiken warnte, die ausserdem von den "Meistern" missbilligt würden, lehrte Kellner Hatha Yoga, das sexuelle Übungen beinhaltete. Er spezialisierte sich auf Yoga-Medi­tationen, die auf eine Kontaktaufnahme mit früheren Inkarnationen abzielten (Patanjalis "Yoga Sutra"). Die später von Reuss eingeführte freimaurerähnliche Struktur hatte für Kellner keine Bedeutung, der mit seinem Kreis von Auserwählten ohne hierarchische Struktur arbeitete, d.h. die Yoga-Kennt­nisse vermittelte. Reuss veränderte Kellners Yogalehren bezgl. der indischen Quellen: so meinte Reuss, Sri Agamya Guru Paramahamsa habe Kellner negativ be­einflusst. Kellners Symbolik war theosophisch-indisch-chaldäisch - Reuss' Sym­bolismus war aufgrund seines Memphis-Misraïm-Ritus ägyptisch. Kellners Bapho­met war nicht der des Eliphas Lévi, sondern konnotierte Kellner selbst als ba­bylonischen Priester und symbolisierte die Herrschaft des Geistes (Willens) über die Natur (männlich-weibliche Vereinigung). Seine Frau wurde die Grosse Göttin, er selber handelte als altbabylonischer Feuerpriester. In seiner Villa befand sich 1903 ein fensterloser Kellerraum, wo die tantrischen Riten zur Herstellung des Elixiers (d.h. weibliche und männliche Sexualsekrete) zelebriert wurden.

Der OTO unter Theodor Reuss

Der OTO bekam sieben freimaurerähnliche Grade, die die sieben (indischen) Chakras öffneten, während die sexualmagischen höheren Grade ohne Ritual "erteilt" wurden. Der höchste, X°, bezeichnete allein den Landesführer des OTO.
Die aufgetauchten Reuss-Papiere zeigen, dass er die Yoga-Übungen Kellners fortführte, aber den Manichäismus einbrachte. Die Sexualorgane wurden heilig und die Heilige (Gnostische) Messe symbolisierte mit einem Koitus die Wieder­erschaffung des Universums. Die Sexualenergien konnten gespeichert werden, und mit Atemübungen wurde diese Energie dermassen umgewandelt, dass der "Magier" ein "Seher" wurde. Da Reuss von der Geheimorganisation "Hermetic Brotherhood of Light" als einer seiner Quellen sprach, kann man annehmen, dass er deren Techniken (P.B. Randolph), Drogen während des Geschlechtsaktes zur Erleuchtung zu nehmen, übernahm. Randolph beschrieb ausserdem Techniken, wie sich während des Orgasmus das gewünschte Objekt (z.B. ein Talisman, der einen Wunsch symbo­lisiert) den sexuellen Energien unterwirft.[20] *
Reuss hielt nicht viel von Masturbation (dem VIII° unter Crowley) und nannte sie "Selbstpeinigung" und "widernatürlich."[21] * Trotzdem sah er im männlichen Glied (Lingam) den Erschaffer des Universums.
Es tauchen Hinweise auf, dass Reuss sich homoerotisch betätigte (dem XI° unter Crowley), das Zentralthema bei Reuss kristallisierte sich jedoch aus Wagners "Parsifal" heraus. Der Speer wurde zum Phallus, während der Gral die Vagina darstellte, die die "Grals-Speise" (d.h. Sperma und Vaginalsekrete) enthielt. Der geheimste Tempel (im IX°) ist jedoch der Uterus.
Sein OTO-System sollte als utopische kommunistische Gesellschaft realisiert werden, wo die Mutter (mit Anlehnung an Mutter Maria) eine Zentralstellung im gesellschaftlichen wie auch sexuellen Leben einnehmen sollte: in der "Gemeinschaft der Neo-Christen OTO."

Der OTO unter Aleister Crowley

Crowley machte aus dem OTO ein Geschäft. Er wollte das Elixier des Lebens (unter dem Namen "Amrita", die Magische Medizin) gewerbsmässig herstellen und Patienten gemäss OTO-Praktiken heilen,[22] * d.h. mit Yoga und Sexualsekreten. Um seinen Anhängern die Sache schmackhaft zu machen, behauptete er, dass jeder Orgasmus ein Gebet sei, ein Gebet zu seinem Gott, der er selber war. Er stellte sich alias Baphomet nicht nur in den Mittelpunkt der Rituale, die seine Anhänger zelebrierten, er identifizierte sich mit einem erigierten Glied, das ja Mittelpunkt des OTO-Glaubens ist.
Im VIII° masturbieren die Gläubigen auf Talismane (die Dämonen oder Wünsche symbolisieren) oder meditieren mit dem Bild eines Goldenen Phallus, um in Kon­takt mit ihrem Heiligen Schutzengel/Überich zu gelangen. Im IX°-Akt werden die Sexualsekrete aus der Vagina gesaugt und, wenn nicht als heilig konsumiert, auf einen Talisman gebracht, der wieder einem Dämon gebietet oder einen Wunsch darstellt. Der Text, der eine diesbezügliche Technik beschreibt (Emblems and Mode of Use) wird dermassen geheimgehalten, dass allein dessen Besitz die In­habe des IX° anzeigt! Im XI°, dem homosexuellen Grad, identifiziert sich das "Mitglied" mit einem ejakulierenden Glied. Blut (oder Kot), das beim Analver­kehr oder durch rituelle Opferung entsteht, soll den Dämon anziehen, Sperma ihn "am Leben" erhalten. Der geheimste Tempel im XI° ist die Prostata, die 256 magische Säfte absondert.

Crowley spielte mit verschiedenen sexuellen Techniken und Zielen. Ein Geheim­nis des OTO ist die Anbetung des alten Templeridols "Baphomet." Während die Splittergruppe Fraternitas Saturni versucht, diesen Baphomet fleischlich als Kind zu inkarnieren, gibt es in den OTO-Gruppen kein magisches Ziel, das dem Orden als solchem Identität gibt. Crowley übernahm von Paracelsus nur Anwei­sungen zur Herstellung eines Homunkulus, der aber nicht den Orden als solchen darstellte.
Für die Hostie zur Gnostischen Messe gab Crowley ein Rezept aus Blut und Sperma. Das "Caliphat" erteilt den Rat, diese Hostie mit 160° Fahrenheit im Ofen zu backen, um den HI-Virus abzutöten.

Fraternitas Rosicruciana Antiqua

Die FRA bildet ein Dreieck mit OTO und GKK. Die ersten drei Grade werden frei­maurerähnlich per Initiationsritual erteilt, es folgen 4 "spirituelle" Grade, die mit den sexmagischen des OTO abgeschlossen werden. In Krumm-Hellers Gno­stischem Credo der Heiligen Messe {15} sind FRA und GKK eins, die Initiations­rituale stellen Baphomet in den Mittelpunkt.
Die Lehren drehen sich weniger um Sexualmagie als um Astrologie, die Runen oder Maya-Götter. Frauen stehen hierarchisch niedriger als Männer (ausser in der Gruppe in Venezuela), obwohl die Gebärmutter mit der Prostata gleichge­setzt ist, die beide Sperma (also den Logos) aufnehmen (der in den Hoden pro­duziert wird).

Fraternitas Saturni

Diese m.E. einzig "magisch ernstzunehmende Organisation" bedient sich eines Gruppengeistes, Gotos/Baphomet, der, mit den sexuellen Energien der Mitglieder aufgepumpt, 1993 fleischlich inkarniert, als Avatar des Neuen Aeons die Mensch­heit unter die friedfertige Äguide des Planeten Jupiter führen soll.



2. Notes Historiques sur le Rite Ancien et Primitif de Memphis-Misraïm

Joanny Bricaud 1.2.1881-21.2.1934)

Der hier vorgestellte Text von 1933 kann nur einen ganz kleinen geschichtli­chen Abriss des angeblich auch im 18. Jahrhundert von Cagliostro (1743-1795) beeinflussten,[23] * ursprünglich französischen und noch nicht zusammengeführten "Ritus von Memphis" und des "Ritus von Misraïm" anbieten. Bricauds Artikel ist insofern gekürzt, als er hier erst ab dem Zeitpunkt, wo der Memphis-Ritus 1856 in den US Fuss fasst, zitiert wird. Die marginalen Daten von 1863-68, 1873-1900 sind weggelassen.[24] *
1881 schliesst sich der 90-gradige Misraïm-Ritus dem 97-gradigen Memphis-Ritus an.
Die reguläre Freimaurerei lehnt den MM (sowie alle OTO-Gruppen) im allgemeinen als Winkelfreimaurerei ab. Ebenso ergeht es dem im Text erwähnten Cerneau-Ri­tus. Die verwirrliche Geschichte der unzähligen Riten und ihrer Beziehungen untereinander ist ein dauernder Streit um Legitimität und zuweilen finanzielle Interessen.
Einige, das OTO-Phänomen betreffende, von Joanny Bricaud (ab 1918 Führer des MM, eines Zweiges des französischen OTO und der Gnostischen Kirche) nicht auf­gezählte Daten sind in [eckigen Klammern] eingefügt. Manche der Protagonisten treten im Zusammenhang mit den Gnostischen Kirchen in späteren Kapiteln auf.
Weitere Literatur:
Aleister Crowley: "Equinox" I;10, 1919, xix-xxxix
Theodor Reuss' Oriflamme-Hefte
"Wiener Freimaurer-Zeitung" 5, Mai 1929, 12
K.H.F. Frick: "Licht und Finsternis" II, Graz 1978
Ellic Howe: "Fringe Masonry in England 1870-1985," London 1972, AQC 242-275
G. Ventura: "I Riti Massonici di Misraïm e Memphis," Venedig 1975
Gérard Galtier: "Maçonnerie Egyptienne," Ed. du Rocher, 1989
Serge Caillet: "Franc-Maçonnerie," Paris 1988
Pierre P. Pasleau: "Des Templiers aux Francs-Maçons," Paris 1988

oOo


1856.- [Memphis]-Grosshierophant Marconis begibt sich [von Frankreich aus] in die USA, wo er am 9. November in New York einen Souveränen Grossrat des 94° mit David Mac Lellan als Grossmeister gründet.
 
1861.- Harry Seymour löst Mac Lellan als Grossmeister des "Souverain Conseil Général" für die USA ab.
 
1862. Am 30. April richtet der Grossmeister des französischen Grossorients, Marschall Maignan, ein Schreiben an alle Obödienzen im Hinblick auf eine fran­zösische Einheit der Maurerei. Aufgrund eines positiven Berichts von Razy, Mitglied einer Prüfungskommission, vereinigt sich der Memphis-Ritus mit dem Grossorient. Die Logen des Ritus von Memphis konstituieren sich unter Kontrolle des Grossorients.
Im Juli stellt der Grosshierophant [Marconis in Paris] dem Bruder Seymour eine [96°]Charta für Amerika aus. Dieses Papier ist am 3. September vom französi­schen Grossorient ausgestellt und unter der Nummer 28.911 im Grossen Siegel­buch eingetragen. [Der 21. Juli 1862 wird von Reuss und Metzger als Gründungs­datum des OTO angegeben. Auf Grund dieses Patentes glaubt die Symbolische Grossloge des Schottischen Ritus in Deutschland (AASR: Alter und Angenommener Schottischer Ritus, regulär mit 33 Graden), d.h. Reuss, das Recht für die drei ersten Grade des Schottischen Cerneau-Ritus zu haben. Harry J. Seymour wird später vom amerikanischen Supreme Council, einer Art Obermaurergericht, wegen Treuebruch ausgestossen.]
Um die Übereinstimmung mit den anderen Graden des Grossorients zu erleichtern, werden die [aktiven] 95 Memphis-Grade [in Frankreich] vorübergehend auf 33 re­duziert.
 
1869. Amerikas SS [Supreme Sanctuary] bricht mit dem französischen Grossorient, da dieser in Louisiana ohne Einwilligung des SS Logenchartas ver­teilt hat, was Grossmeister Seymour am 20. März dem französischen Grossorient verkündet.
Nach dem Tod des Grosshierophanten [Marconis, 1868] geht das "Gouvernement Suprême" des Ritus nach Ägypten, an den Marquis de Beauregard als Chef.
[Das "Supreme Council" 33° des AASR verstösst John Yarker (1833-20.3.1913) am 30.11.1870. Dieser holt sich dafür am 24. August 1871 die Befugnis, die Grade 4-33 des irregulären und reduzierten Memphis-Ritus zu erteilen.]

1872.- Am 4. Juni stellt das amerikanische [irreguläre] SS [in Manchester] John Yarker ein Patent aus, das diesem erlaubt, in England und Irland ein SS zu errichten [von den Graden 1-3 ist erneut nicht die Rede, siehe 24.August 1871]. Am 8. Oktober wird dieses SS definitiv in Londons "Freemason's Hall" (dem Sitz der englischen Grossloge) von Seymour konstituiert. Generalgrossmei­ster wird John Yarker. Das neue Sanktuarium ernennt General Garibaldi zum Ehrenmitglied, gleichzeitig werden freundschaftliche Beziehungen mit Sizilien und Ägypten aufgenommen.
 
[1891 mitbegründet Encausse in Frankreich den Martinismus.][25] *
[Theodor Reuss erhält am 24. Juni 1901 von Encausse/Papus eine Martinisten­charta. Encausse selber erhält in diesem Jahr von Yarker ein Patent, die Swe­denborg-Loge INRI zu eröffnen. Diese Charta wird am 20.3.1906 erneuert.[26] * Am 15. Juni wird Reuss in der Loge Emanuel N:1 in London "FreimaurerMeister" und A.M.5663 33° durch Max Scheuer (New York, 33°, 90°, 96°, von 1900-1904 Gross­kommandeur des Cerneau-Ritus). Encausse gehört zur englischen Souveränen Grossloge, ebenso wie der Leichenbeschauer William Wynn Westcott (1848-1925) und W.H. Quilliams (33°, 95°). Reuss jedoch noch nicht.[27] * {Der Wortlaut der darauf folgenden Reuss-Chartas findet sich als 3. Kapitel}.]

1902.- Der selbständig[e] [gebliebene] Misraïm-Ritus in Frankreich verschwin­det.
John Yarker wird Grosshierophant, Oddis Nachfolger [als universeller Grosshie­rophant].
[Die Null-Nummer der Oriflamme vom Januar 1902 erwähnt noch keinen Theodor Reuss in der englischen und irischen Grossloge, dafür die Gründung der deut­schen "Loge und Tempel No 15: Zum heiligen Gral"/Swedenborg-Ritus unter John Yarker. Deutsche Freimaurer, die dieser Loge beizutreten wünschen, sollen sich bei Max Rahn, August Weinholtz, Franz Held oder Leopold Engel melden.]
Das englische SS konstituiert ein deutsches SS und wählt Theodor Reuss zum Grossmeister [Datum: 24.September 1902. Am 27.12.1903 wird Carl Kellner zum 33°, 90° und 96° von England und Deutschland ernannt, 1904 wird er Freund­schaftsrepräsentant des MM für Amerika. Die Nachfahren von Kellner sind nicht im Besitze eines Dokumentes, das ihn eindeutig als regulären Freimaurer im Sinne der Grossloge von London ausweist.[28] * Reuss' Verbindung zur Theosophi­schen Gesellschaft beschreibt Ellic Howe (20.9.1910-28.9.1991) in "Theosophical History."][29] *
 
1905.- Der Grossmeister von Italien tritt zurück und der Ritus in Italien schläft ein. [Carl Kellner stirbt am 8.Juni 1905 an einem Herzschlag und hin­terlässt seine Witwe Maria Antoinette aus Triest und 3 Kinder.]

[Am 24.11.1905 werden Rudolf Steiner (1861-1925) und Marie von Sivers (1867-1948) MM-Mitglieder und erhalten am 3.1.1906 von Reuss eine 30°, 67°, 89°-Charta {4}. Am 21. Juni 1906 veröffentlicht Reuss die "Allgemeinen Satzungen des... O.T.O." mit dem OTO-Lamen, von dem Crowley später behauptet,[30] * es sei seine eigene Erfindung gewesen.[31] * Das Lamen findet sich jedoch schon 1890 in Joseph Peladans Wappen des "Ordre de la Rose-Croix du Temple et du Graal."[32] * Am 24. Juni trennt Reuss Memphis wieder von Misraïm und macht auch den 33° wieder unabhängig von den beiden {3}. 1907 tritt der OTO als "Bund für Inter­nationale Versöhnung" auf.]

1908.- In der Folge des Spiritistenkongresses in Paris im Tempel des Droit Humain [gegr. 1893] wird der Memphis-Misraïm-Ritus in Frankreich neu konstituiert. England stellt am 24. Juni in Berlin das konstituierende Patent aus: unterschrieben von Theodor Reuss (Peregrinos), der in Paris dabeigewesen ist. Grossmeister für Frankreich werden [am 24. Juni][33] * Gérard Encausse (Papus) [33°, 90°, 96°][34] * und Charles Détré (Téder) [33°, 97°, X°].[35] * [ Eitler Jubel herrschte im Lager der Martinisten.][36] * Die ehemals dem Spanischen Ritus angeschlossene Loge "Humanidad" wird Mutterloge des Memphis-Misraïm-Ritus in Frankreich. [Krumm-Heller erhält am 15.3. von Reuss eine Mexiko-Charta und am 7.4.1908 von Détré ausserdem die Bewilligung für ein SS für Chile, Peru und Bolivien = 33°, 90°, 96°. Der später für die Schweiz wichtige mutmassliche Nachfolger Reuss', Hilfiker, wird unter dem Ordensnamen Nothung {4} schon im Dezember 1909 in der Oriflamme auf der Frontseite als inaktiver General Gross-Beamter erwähnt. Reuss ruft in derselben Oriflamme zu einem Internationalen Kongress für Experimentalpsychologie auf, der 1910 in Paris gehalten werden soll.]

[Yarker ist mit Reuss' und Encausses Aktivitäten in Frankreich nicht einver­standen und ernennt am 9.9.1909 George Lagrèze an dessen Stelle.][37] *
1910.- Eduardo Frosini, Generaldelegierter Italiens für den Spanischen Ritus, gründet in Florenz den "Rite Philosophique Italien," der sieben Grade aufweist und die Schottischen, die Memphis- und die Misraïm-Grade vereint. [Am 21. No­vember 1910 wird Aleister Crowley durch John Yarker zum 33° des AASR ernannt, obwohl Yarker seit 1869 nicht mehr in der Gunst des AASR steht.]

1911.- Der rumänische Grossmeister Constantin Moriou legt aus Altersgründen (77 Jahre) sein Amt nieder. I.-T. Ulic wird sein Nachfolger. [Im November 1911 wird erstmals der OTO in der französischen Zeitschrift "Initiation" erwähnt. Bricauds Gnostische Kirche und Encausses Martinismus gehen eine Union ein.]

[Am 21. April 1912 wird Crowley durch Reuss in den 33°, 90°, 95° und X° für England und Irland erhoben. Am selben Tag ernennt Reuss den 1910 von Encausse ernannten Czeslaw Czynski/Punar Bhava zum X° für die slawischen Länder.[38] * Czynski wird laut der französischen Zeitschrift "Mysteria" (u.a. Organ des OTO)[39] * Legat der Église Gnostique Universelle en Russie. Er stirbt 1937.[40] * Am 25.10.1912 werden Frosini und Détré "légats gnostique de l'Eglise Gnostique Universelle."[41] *
Der "Erste General-Gross-Administrator" und "Ehren-Grossmeister" von MM und OTO, Franz Hartmann/Emanuel, geboren am 22.11.1838, stirbt am 7.8.1912. Die Jubiläums-Ausgabe der Oriflamme mit vielen Fotos der Protagonisten und einer Geschichtslektion über die Entstehung des OTO, inklusive eines Beitrages der Mysteria Mystica Maxima (des englischen Zweiges unter Crowley) über die Se­xual-Magie erscheint kurz danach.]

1913.- Am 20. März stirbt der Grosshierophant John Yarker. Sein Nachfolger wird Theodor Reuss.[42] *
Nach dem Tod des Grossmeisters des "Rite national Espagnol," Villarino del Villar, fusioniert dieser Ritus mit der katalanischen Grossloge Baléare. [Italien: nach dem Tode von Michele de Vincenzo Majulli (33°, 90°, 95°, VII°)[43] * im Sommer 1912, wird im Februar 1913 Eduardo Frosini/Hermes 33°, 90°, 96° und VII°[44] * (schon 1909 von Yarker beehrt).[45] * In Italien ausserdem: Arturo Reghini/Maximus (12.11.1878-1.7.1946) 33°, VI° und G. di San Fortunato 33°, 90°, 95° und VII° {4}.[46] * Frosini und Reghini tauchen in Crow­leys "Golden Book,"[47] * das nur Eintragungen zwischen 1912-1917 enthält, auf. Encausse macht Czeslaw Czynski zum 33°, 90°, 96°, VII° und "Legat der Eglise Gnostique Universelle" für Russland.[48] * Am 20.10.1913 wird Crowley Ehrenmit­glied des "Rite Philosophique Italien." Reghini, der nicht viel vom Martinis­mus hält, wird VII°.[49] * Angeblich soll der Madrider Kardinal Mariano Rampolla di Tindaro (1843-1913), der beinahe Nachfolger des Papstes Léon XIII geworden wäre, Mitglied des OTO sein].[50] *
 
1914.- Der [1910 gegründete] "Rite Philosophique Italien" wird durch Frosini stillgelegt. [Reuss' Oriflamme bringt einen geschichtlichen Abriss über Leo­pold Engels Illuminaten-Orden und Crowleys Manifesto der Mysteria Mystica Ma­xima, das 1919 als "Liber LII" nur geringfügig verändert von Crowley als welt­weit gültige OTO-Statuten vorgelegt wird. Ebenfalls 1914 wirft Reuss in "Parsifal und das Enthüllte Grals-Geheimnis" nochmals das Thema des "Geschlechtsaktes" auf und stellt den "Grundriss des neuen O.T.O.-Tempels" und dessen "Bausteine" vor.][51] *
 
1916.- Der französische Grossmeister [pro Land ein Grossmeister] Gérard Encausse stirbt am 25. Oktober an den Folgen einer Kriegskrankheit [Tuberkulose]. Charles Détré wird sein Nachfolger als Grossmeister.
 
[1917 erscheint die Beschreibung und Konstitution des OTO "Otherwise: The Her­metic Brotherhood of Light"[52] * {11, 17} und die "Message From Master Thirion" [sic], Postadresse: Lugano.]

1918.- Am 25. September stirbt Grossmeister Charles Détré. Während des Krieges ist der Ritus in England, Frankreich, Deutschland, Rumänien und Ägypten einge­stellt. [Angebliche Reuss-Charta vom 10.11.1918 für die Damen Ida Hoffmann und Clara Linke: 33°, 97° und X° {4}.]

1919.- Eine Gruppe Maurer, dem "Rite Français" (Grossorient), dem Schottischen Ritus (Grossloge und Suprême Conseil) und gleichzeitig den Hochgraden des Mem­phis-Misraïm-Ritus angehörend, möchte, ihrer Obödienz treu bleibend, den Mem­phis-Misraïm-Ritus in Frankreich wiederbeleben, um eine rein initiatorische Freimaurerei zu bearbeiten. In Lyon wird in Übereinstimmung mit der 1908er [Reuss]Charta die Mutterloge "Humanidad" wiederbelebt. So wird am 10. Septem­ber Bruder Joanny Bricaud [durch Reuss] eine Charta zur Errichtung des franzö­sischen Souveränen Sanktuariums des MM erteilt [33°, 90°, 96°] und am 30. Sep­tember gleichermassen die französische Gründung eines "Suprême Grand Conseil des Rites Confédérés (Early Grand Scottisch Rite, Memphis and Misraïm, Royal Order of Scotland, etc...)" angeregt.
[Im Mai 1919 wird Hilfiker durch Reuss zum 33°, 95° VII° für die Schweiz. B.Thomson bestätigt den 33° am 29.8.1919. Joanny Bricaud erweitert diese Wür­den am 12. Mai 1920 um den 90°. In Zürich beruft Reuss Mitte Juli 1920 einen Weltkongress der Freimaurerei ein, und veröffentlicht das "Aufbauprogramm der Gnostischen Neo-Christen OTO," womit wohl Reuss' Versuche um freimaurerische Anerkennung seines OTO und des MM endgültig scheitern {4}.]

1921.- In Italien erwacht der MM mit Hilfe einer ägyptischen Charta zum Leben: Grossmeister in Palermo ist G. Macbean. [Im Juli wird Harvey Spencer Lewis (1883-1936) 33°, 90°, 95° und Ehrenmitglied des OTO. Am 31.7. erhält Carl William Hansen/Kadosh von Joanny Bricaud den 30° für Kopenhagen, was von Reuss am 3. September mit dem X° bekräftigt wird. Im selben Jahr wird Heinrich Tränker 33°, 90°, 96° und X° für Deutschland. Später erklimmt sogar Spencer Lewis den 97°[53] * {5}. -- Seit dem 2.4.1920 auf Cefalù/Sizilien, notiert Crowley am 27.11.1921 in sein Tagebuch, dass er sich selber zum OHO des OTO erkoren habe.]

1923 stirbt der Grosshierophant Theodor Reuss (Peregrinos) [ohne Nachfolger zu ernennen,[54] * was die Legitimität aller Nachfolgeorganisationen in Frage stellt.]
[übersetzt]



3. Damals hinterm Mond

Auszüge zu Carl Kellner


Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 (Auszüge):


"Kellner Karl, Chemiker und Grossindustrieller, geb. Wien, 1.9.1851; gest. Wien, 7.6.1905. Stud. in Wien und Paris. In einem Wr. Privatlaboratorium ar­beitend, machte er bereits im Alter von 22 Jahren jene entscheidenden Beobach­tungen, die nach seinem 1876 erfolgten Eintritt in die Fabrik des Hektor Frh. von Ritter-Zahony in Podgora bei Görz in dem nach ihm und Ritter benannten und binnen kurzem von zahlreichen Papierfabriken in Verwendung genommenen Sulfit-Zelluloseverfahren gipfelten... (Elektrochem. Bleichverfahren)... The Castner-Kellner Alkali Ko., baute in England die damals grösste Anlage der Welt zur Chloralkali-Elektrolyse... K. befasste sich auch mit techn. Erfindungen... wie Gewinnung von Gespinstfasern, Beleuchtung, Photographie, künstliche Edelsteine u.a."
Dr. Walter, III. Band, Graz-Köln 1965, 290

Jean Paar: Weisse und Schwarze Magie

"Am 7. Juni 1905 starb in Wien der in weitesten wissenschaftlichen und indu­striellen Kreisen wohlbekannte Dr. Karl. K. eines plötzlichen unaufgeklärten Todes, nachdem ein halbes Jahr vorher seinen Assistenten das gleiche Schicksal ereilt hatte. Dr. K. besass einen regen und ingeniösen Geist, der ihn, nachdem er mit diversen Erfindungen, darunter der Sulfit-Zellulose-Prozess an erster Stelle figuriert, Glück gehabt, weiter und weiter trieb, bis er - im Lager der schwarzen Magie landete. Zuerst nahm er Unterricht bei dem Araber Soliman Ben Aisha, der ihn lehrte, wie man sich die Augen aus dem Kopfe nehmen und die Zunge durchstechen kann. Dann liess er sich den Inder Bheema Sena Pratapa kom­men, von dem er die Kunst lernte, sich selbst in jenen Scheintodzustand zu versetzen, in dem manche Fakire sich begraben zu lassen pflegen. Schliesslich weihte ihn der Inder Sri Mahatma Agamya Guru Paramahamsa in die letzten Ge­heimnisse des Hata Yoga ein.[55] * Der Enderfolg war der, dass er eine Schar nie­derer Geistwesen an sich zog, die er nicht wieder los werden konnte, und die sein Verderben wurden. In seinem Laboratorium trieben die tollsten Spuker­scheinungen ihr Unwesen, und der Unglückliche fand, trotzdem er sich seines Tuns vollauf bewusst war, nicht mehr die Kraft, sich ihrer zu erwehren. In ei­nem seiner Briefe an Dr. Franz Hartmann schrieb er wörtlich: Ich fürchte die hütenden Scharen, aber sie eröffnen doch der Erkenntnis das Feld.
Ein halbes Jahr, nachdem sein Assistent im Laboratorium eines plötzlichen To­des verstorben, wurde er selbst von einer geheimnisvollen Krankheit befallen, die sich keiner seiner Aerzte erklären konnte. Er magerte zum Skelett ab und starb eines ebenso rätselhaften Todes, nachdem er sich in Egypten, wohin man ihn mit der Tragbahre geschafft, ein wenig erholt hatte."
J. Paar, Berlin 1912. Paar wird Ludendorffianer und publiziert 24 Jahre später unter folgendem Pseudonym nochmals über Kellner: S. Ipares: Geheime Weltmächte
"Der Blavatsky-Schüler und Gründer der Internationalen Theosophischen Verbrü­derung, Dr. Franz Hartmann (33°, 90° und 95°), gehörte dem Orden der Alten und Echten Rosenkreuzer als Frater Emmanuel an, während Dr. Rudolf Steiner in einer Zweigabteilung des Ordens, dem in 97 (=33) Grade arbeitenden O.T.O. (Ordo Templi Orientis, Orientalischer Templerorden) seine Einweihung hielt. Dieser Orden ist eine Logenschöpfung Dr. Karl Kellners, der bis zum Jahre 1904 Frater Superior des Ordens der Alten und Echten Rosenkreuzer war.
Bei der Erwähnung Dr. Karl Kellners (1851-1905), einem hochbegabten österrei­chischen Erfinder und Chemiker, schlagen wir eines der dunkelsten Kapitel des modernen Geheimbundwesens auf. Der junge Kellner, der mit kaum 22 Jahren durch seine Arbeiten sich in der wissenschaftlichen Welt einen Namen verschaffte, war frühzeitig mit dem Okkultismus in Berührung geraten und freimaurerischen Gruppen zugeführt worden. Im Jahre 1887 schloss er sich der Theosophischen Ge­sellschaft an und bekleidete immer höhere Ämter und Würden im internationalen Logentum. Als Eingeweihter wusste er um die freimaurerischen Weltverschwö­rungspläne und die okkulte Einkreisung Deutschlands, die nicht zufällig mit dem Jahre 1902 politisch in Erscheinung trat, in welchem Jahr Steiner sich am 17. Januar 1902 in die Theosophische Gesellschaft aufnehmen lies [sic] ...
Dr. Kellners Briefe sind erschütternde Aufzeichnungen einer im dunklen Reich der Okkultbünde und ihrer Schulungen nach Klarheit und Wahrheit ringenden men­schlichen Seele. Eine Stelle aus ihnen beleuchtet die ganze Verzweiflung sei­ner Lage: Endlich habe ich das gefunden, wonach ich mein Leben lang gestrebt habe. - Ich mache meine Übungen, komme ein wenig in die Höhe und purzle dann um so tiefer wieder hinab. Ich fürchte die hütenden Scharen.[56] * - Dr. Franz Hartmann meint, dass es Dr. Kellner mit dem Okkultismus erging wie dem Ika­rus, von dem die Mythe erzählt, dass er versucht habe, mit wächsernen Flügeln zur Sonne empor zu steigen, aber die Flügel schmolzen und er fiel. Als die hütenden Scharen des Westens merkten, dass Dr. Kellner sie mit den eigenen Waffen und denen der indischen Geheimbünde - zu welchen er vor seinem Tode en­gere Verbindungen aufnahm - vernichtend schlagen und das sich immer dichter über Europa spinnende Schicksalsnetz der Überstaatlichen vor der österreichi­schen und Deutschen Öffentlichkeiten enthüllen und damit zerreissen wollte, machten sie ihn zur rechten Zeit stumm. Zunächst schreckten sie Kellner - es ist dies ihre beliebteste Methode - durch in seiner Umgebung eintretende Un­glücksfälle und dann durch den Tod seines Assistenten, eines jungen kerngesun­den Menschen, der plötzlich im Laboratorium leblos zu Boden stürzte, ohne dass die Ärzte bei der Leichenöffnung die Todesursache feststellen konnten. Dann wurde Kellner selbst von jener geheimnisvollen Krankheit befallen, für die die Ärzte keine Erklärung fanden, und die ihn für ein halbes Jahr auf das Kranken­lager warf. Stetige Abmagerung, an den Gliedern sich einstellende Lähmungen und völlige Taubheit waren die nächsten Krankheitserscheinungen, von denen er sich in der Sonne Ägyptens wieder ziemlich erholte. Von dort kehrte Dr. Kellner am 6. Juni 1905 in seine Vaterstadt Wien zurück und starb, nach einem Besuch des alchemistischen Kabinetts seines Laboratoriums, in der darauffol­genden Nacht. Die unsichtbare Hand der hütenden Scharen hatte einen ihrem Wir­ken höchst unbequem und gefährlich gewordenen Wissenden in den innersten Osten befördert, eine Leuchte des Rosenkreuzertums zum Verlöschen gebracht und den O.T.O. auf Wege geführt, die keinem seiner nachfolgenden Generalgrossmei­ster zur Ehre gereichte."
S.Ipares, München 1936

Jubiläums-Ausgabe der Oriflamme 1912

"Der geistige Vater des neuorganisierten Orientalischen Templer-Ordens war der verstorbene Suveräne-Ehren-General-Grossmeister in Deutschland und Grossbri­tannien, Br.Dr. Carl Kellner, 33°, 90°, 96°, X°. Auf seinen vielen und weiten Reisen in Europa, Amerika und Klein-Asien war Br. Kellner in Berührung gekom­men mit einer Organisation, welche den Namen führte The Hermetic Brotherhood of Light. Die Anregungen, die er durch seine Berührung mit dieser Organisa­tion empfangen hatte, verbunden mit anderen, hier nicht weiter zu detaillie­renden Umständen, gebaren in Br. Kellner den Wunsch, eine Art Academia Massonica zu gründen, welche suchenden Brüdern die Bekanntschaft mit allen existierenden Maurer.'.Graden und Systemen ermöglichen sollte. Im Jahre 1895 hatte Br. Kellner lange Unterredungen mit Br. Reuss in Berlin, wie diese seine Idee verwirklicht werden könnte. Im Verlaufe der Unterhandlungen mit Br. Reuss liess Br. Kellner den zuerst vorgeschlagenen Titel Academia Massonia fallen und legte Gründe und Unterlagen vor für die Annahme der Bezeichnung Orientalische Templer. Diese Verhandlungen führten damals, 1895 zu keinem positiven Resultate, da Br.Reuss zu jenem Zeitpunkte noch mit dem von ihm re-aktivierten Illuminaten-Orden beschäftigt war, und diese Organisation, sowie die darin neben Br. Reuss an leitender Stelle tätigen Personen, dem Br. Kellner nicht sympathisch waren [im Januar erscheint die 0-Nummer der Oriflamme].
Als dann Juni 1902 die endgültige Trennung zwischen Br. Reuss und seinem Schü­ler Leopold E[ngel] eingetreten war, setzte sich Br. Kellner sofort in Verbin­dung mit Br. Reuss und veranlasste die Erwerbung eines Freibriefes für Einfüh­rung des Memphis- und Misraim-Ritus der Freimaurerei in Deutschland, weil Br. Kellner diesen Ritus mit seinen 90 bezw. 95 Graden als den geeignetsten hielt, seine Idee betreffs Einführung einer Art maurerischer Akademie zu verwirkli­chen. Die rosenkreuzerischen, esoterischen Lehren der Hermetic Brotherhood of Light wurden reserviert für die wenigen Eingeweihten des Okkulten Inneren Kreises. Die Erkenntnis-Stufen dieses Inneren Kreises von Eingeweihten liefen mit den höchsten Graden des Memphis-Misraim-Ritus parallel, und diese Eingeweihten bildeten den geheimen Stamm des Orientalischen Templer-Ordens.
Es kann niemand ein Eingeweihter des O.T.O. werden, der nicht vorher die drei Johannis-Grade der Freimaurerei empfangen hat."
Bildlegende zum Foto von Kellner aus dem Jahre 1896: "Aufgenommen in den Frei­maurer-Orden in der Loge Humanitas, Or.'.Neuhäusl."[57] *
Theodor Reuss, Berlin und London 1912 Oriflamme vom Juli 1914

Zum Zitat aus A.P. Eberhardts "Winkellogen Deutschlands" (Leipzig, 1914): "Die Mitglieder forderten, und ganz besonders der bekannte Okkultist und Freimaurer Dr. Kellner in Wien, forderte von Reuss, dass er ihnen das Patent einer aner­kannten Körperschaft bringe!"
"Dr. Karl Kellner war niemals Mitglied des Swedenborg-Ritus oder überhaupt Mitglied irgend einer der von mir in den Jahren 1900-1902 gegründeten Freimau­rerlogen gewesen. Dr. Karl Kellner war auch nicht Mitglied des von mir re-ak­tivierten Illuminaten-Ordens gewesen, so lange Leopold Engel mit demselben in irgend einer Weise verbunden gewesen war.
Dr. Karl Kellner war also gar nicht in der Lage, irgend etwas als Mitglied des Swedenborg-Ritus zu fordern.
Dr. Karl Kellner, mit dem ich allerdings schon lange vorher befreundet und verbunden war, trat im September 1902 dem Souveränen Sanktuarium des Alten und Primitiven Ritus der Freimaurerei bei, nachdem ich im Einverständnis mit ihm (nach dem Ausschluss des Leopold Engel aus dem Kreise meiner Mitarbeiter) von John Yarker in Manchester im August 1902 einen Charter (Freibrief) erbeten und zugesagt bekommen hatte." Theodor Reuss, Berlin und London 1914

Konstitution, Statuten und Formulare des Gross=Orient der Alten und Angenomme­nen, Schottischen 33° Freimaurer und Souveränen Sanktuarium des Alten und Pri­mitif Ritus 95° von Memphis- und Misraim, in und für Deutschland im Tale von Berlin, des Obersten Rates und Grossrates sowie der Schottischen Kapitel vom Rose Croix nebst deren untergeordneten Kapiteln u. Symbolischen Logen (St. Jo­hannislogen).

"Protektor: Souveräner Ehren-General-Grossmeister für Deutschland und Souverä­ner Grosskommandeur, A. u. A. 33°, für Deutschland, Grossbritannien und Ir­land: Br.'. Dr. Carl Kellner von der Kellner-Partington Co. Ld.-der Castner-Kellner Alkali Co. Ld.-Manchester, Barrow i/f. Runcorn, Borregaard (Norwegen), St. John (Canada), Hallein bei Salzburg-Mitglied des k.k. Industrie-Rates in Wien etc."
Berlin 1903 Historische Ausgabe der Oriflamme 1904

"Friede Toleranz Wahrheit... Manchester, London, Wien und Berlin am 27.Dez. 1903. Dr. Carl Kellner, 33°, 90°, 96° S.Ehren-General Grossmeister in Grossbritannien und Deutschland... Theodor Reuss, 33°, 90°, 96° ad vitam G.G.M. für das Deutsche Reich." [es folgt "Von den Geheimnissen der okkulten Hochgrade unseres Ordens. Ein Manifesto des Gross-Orientes... Kellner u. Reuss"]

Der Grossvater der Anthroposophischen Gesellschaft

Eingangs ein paar Zitate aus der völkischen Hetzschrift "Der Judenkenner" von 1936. Antisemitische Passagen sind getilgt, Ergänzungen in [eckigen Klammern].

"Der Judenkenner" Folge 6 vom 5.2.1936. "Karl Theodor Reuss... wurde in Augs­burg im Jahre 1855... geboren. Er besuchte das Gymnasium bis zur Untersekunda, kam dann zu einem Drogisten in die Lehre, wurde aber bald wegen seiner schönen Stimme zum Opernsänger ausgebildet. Als solcher kam er auch [1883] mit Richard Wagner und dessen Schirmherrn, dem König Ludwig [II. von Bayern], in nähere Beziehungen. Seine Laufbahn fand aber ein unerwartetes Ende, da Reuss plötz­lich (man vermutet Lustseuche) seine Stimme verlor... als ständiger Mitarbei­ter mehrerer grosser deutscher Zeitungen ging er nach London, wo er [am 9.11.1876] in die deutsch-sprachige "Pilger-Loge" Nr.238 aufgenommen wurde [ausgestossen 1881] ...[58] *
...so kam es, dass er 1878 für die "Times" als hochbezahlter Kriegsberichter­statter nach dem Balkan und 1882 nach Bosnien und die Herzegowina ging.
1880 war Reuss für längere Zeit wieder in seiner Heimat gewesen. Dort hatte er in München mit Nachkommen von Illuminaten einen Versuch zur Wiederherstellung des staatszerstörenden Ordens des "Spartacus" (Prof. Adam Weishaupt von Ingol­stadt) gemacht...
Auf jeden Fall sehen wir im Jahre 1885 Herrn Reuss... in London im Vollzugs­ausschuss der anarchistischen "Socialist League..."
[Seine erste] Broschüre "The Matrimonial Question" (Die Frage der Mutter­schaft) findet keinerlei Beachtung [angeblich vertritt Reuss in seinem "Aufbauprogramm der Gnostischen Neo-Christen OTO" dieselben Grundsätze][59] *... am 10. Mai wird Reuss "wegen ehrenrühriger Handlungen.".. aus der "Socialist League" ausgestossen...
Die Aufdeckung seiner Spitzeltätigkeit durch die Londoner Anarchisten zwang den Verräter, den Boden Englands zu verlassen und wieder nach Deutschland zu­rückzukehren.
1888 [?] taucht Reuss wieder in Berlin auf... [und] tut sich mit dem Schau­spieler Leopold Engel zusammen [zwecks Neugründung des] Illuminaten-Ordens {11}...
Die deutschen Grosslogen lassen zuerst Reuss und die Seinen anstandlos gewäh­ren... Erst als im Jahre 1900 Reuss dazu übergeht, eigene Johannislogen unter der Firma "Grosse Freimaurerloge für Deutschland" aufzuziehen, empören sich die "hochwürdigsten Grossmeister" über den unlauteren Wettbewerber... Darauf­hin trennt sich Leopold Engel von Reuss, dem er Betrug vorwirft; das war am 3. Heuerts 1901... die grosse Mehrzahl der Mitglieder des Illuminatenordens bleibt bei Reuss, nur eine kleine Minderheit unternimmt mit Engel den Versuch, einen "Weltbund der Illuminaten" unabhängig von den in- und ausländischen Grosslogenbehörden aufzuziehen..."

Folge 7 vom 12.2.1936: "Innerhalb dieses Ordenssystems [Memphis-Misraïm] aber hatte Reuss die Zuverlässigsten in eine besondere Gruppe, den Orientalischen Templer-Orden (OTO) zusammengefasst... Über den "Geist" [der dazugehörigen prä-Crowley-] Kirche braucht nur gesagt werden, was in ihren Werbeschriften selbst steht...: "Die Israeliten brauchten, wenn sie wollten, nicht viel auf­zugeben, um zu uns zu gehören... die Gnostische Kirche unterstützt die parla­mentarisch-liberale Republik..." (Le Réveil des Albigeois, Nr. 1, 1900) [Organ von Jules Doinels Eglise Gnostique de France {15}].
Erstes Oberhaupt (C[aput] O[rdinis])... war aber nicht Reuss selber, sondern der... Wiener Grossfabrikant Dr. Karl [sic] Kellner...
Reuss wohnte seit 1905 in Hamburg. Im Sommer 1906 aber begab er sich zur Jo­hannisfeier[60] * nach München, um einige Anwärter in die Geheimnisse des Templer-Ordens einzuführen. Die "Novizen" wurden dermassen angewidert von den ihnen gewordenen "Offenbarungen,"[61] * dass sie die Polizei alarmierten, um den Lüst­ling Reuss festnehmen zu lassen, der nur mit Mühe seiner Verhaftung an der Mittagstafel des Hotels "Metropol" entging, dann aber schleunigst zu seinem Vertrauten Yarker {2} nach England flüchtete...
In Deutschland war die Regelung der Angelegenheiten nach dem höchst ungeordne­ten Rückzug des General-Grossmeisters bedeutend schwieriger. Die Leitung der Johannislogen erhielt zwar schon am 11. November 1906 Herr A.P.Eberhardt in Leipzig, aber die Leitung der höheren Grade behielt sich Reuss bis November 1909 immer noch vor. Dann aber übertrug er seine Vollmachten seinem vielge­treuen Schildknappen Dr. Carl Lauer[62] * in Ludwigshafen.
Nun war nur noch das oberste Stockwerk des Systemgebäudes, der Memphis-Mis­raim-Ritus oder OTO zu vermieten. Ein passender Pächter aber fand sich auch hier in Gestalt des... Doktors Rudolf Steiner, der schon im Winter 1906/07 den ganzen Betrieb als General-Grossmeister für den Spottpreis von 1500 Mark er­warb {4}...
Steiner selbst hat immer wieder seinen Vertrauten gegenüber geäussert, dass der höchste Grad seines maurerischen Systems der unterste Grad eines weiteren Okkultsystems sei, an dessen Spitze ein "Rex summus maximus"[63] *... stehe..."

Folge 8 vom 19.2.1936: "Reuss hatte - als Broterwerb - in London eine "Hochschule für hermetische Wissenschaften" aufgemacht... Ende 1913 aber sie­delte er nach Paris über...
Sechs Monate nach der Niederlassung des "Professors T.Reuss-Willsson" in Basel brach der Weltkrieg aus... [Seine Aktivitäten werden in {4} beschrieben.]
Nach Beendigung des Krieges blieb Reuss noch zwei Jahre in Basel wohnen... [Kurtzahn wird als führendes Mitglied der Gnostischen Kirche erwähnt, der seit 1922 persönlich in Verbindung mit Reuss stehe {15}].
Reuss hatte damals seinen Wohnsitz nach München verlegt... und war Angestell­ter des städtischen Reisebüros geworden. Immer noch hielt er seine OTO-Kapitel ab [so auch mit Krumm-Heller {12}]. Krumm-Heller krebst heute [1936?] als Agent der Rosenkreuzergesellschaft in Brasilien herum. Wir bitten unsere Freunde in Brasilien, auf ihn besonders achtzugeben und uns über sein Treiben zu berichten...
Über neuen Plänen... brütend, starb [Reuss] 1923 im 68. Lebensjahr in Mün­chen."[64] *
 
Dieser Text und Reuss' Oriflamme vom Juli-Dezember 1906 dürfte wohl die Grund­lagen für alle Reuss-Biographien geliefert haben. Bislang unbekannt geblieben ist der Text von Leslie[ey] Fry (Paquita Shismarev) in der "Révue Internationale des Sociétés Secrètes," "Les Missionnaires du Gnosticisme,"[65] * der aber für die vorliegende Studie nichts massgebliches beigesteuert hat. "If the editor of Judenkenner was Ulrich Fleischauer (and this is by no means certain), he was in regular contact with Mgr Jouin of Révue Internationale des Sociétés Secrètes, and Hamilton Beamish of The Patriot in England. All these journals were preoccupied to some extent with this topic. Judenkenner published every week for almost two years during 1935-1936. Heydrich ordered the Security Service (SD), and the Secret Police (Gestapo) to seize documents from, and suppress, occult organisations on 20th July 1937, and the freemasonic lodges on 23rd April 1938. Whilst I am sure the SD and Gestapo did acquire juicy documents before these dates, I question whether they really acquired the most interesting information until after the suppression dates. For this reason, Ulrich Fleischauer's vast sources for Judenkenner remain a mystery, as does the nature of Heydrich's and Dr Francis Six's relationship with Fleischauer. Fleischauer later worked for Alfred Rosenberg, after Heydrich closed down Judenkenner in late 1936 (reason unknown)."[66] *

Absolute Beginners

"Erste Stiftungsurkunde: [der] Geheime[n] Areopag[s] des Illuminaten-Ordens... hat beschlossen, ab Januar 1900 von seinem durch den Begründer des Illumina­ten-Ordens Adam Weishaupt rechtmässig[67] * erworbenen Ordensrecht, Freimaurer-Lo­gen zu begründen, wieder Gebrauch zu machen.
Der Geheime Aeropag des Illuminaten-Ordens übergab hiemit zu diesem Zwecke seinem Ordens-Mitglied dem Bruder Theodor Reuss... in Berlin... das alleinige Recht Freimaurer-Logen nach dem Schottischen Ritus der Alten und Angenommenen Maurer... zu begründen und einzuweihen... Dresden, den 1. Dimeh 1900... Theo­dor Reuss, Leopold Engel..." [Wortlaut gemäss der Oriflamme vom Juli 1914[68] *. Das Patent soll laut Reuss am 6. Mai 1901 ausgestellt worden sein]

"Ordre Martinist Theodor Reuss -- Par la Présente Le F. Theodor Reuss de Ber­lin est autorisé à Représenter L'ORDRE à titre de: Inspecteur Spécial (I.M.) avec siège à Berlin... 24 Juin 1901[69] *... Papus" [Abschrift nach dem Original. Im Sommer 1901 ist Papus in Russland, wo er möglicherweise den Zar als Kopf einer Martinistenloge einsetzt.[70] *]

"THE SWEDENBORG RITE OF FREEMASONRY [hier nur der deutsche Auszug der zwei­sprachigen Charta] Hiermit wird beurkundet, dass unser würdiger Bruder Theodor Reuss ein gesetzmässiger Freimaurer Meister, dessen Unterschrift nebenan steht, am 25. Tag des Monats Juli A.D. 1901... in der Loge und Tempel Emanuel N:1 in London (England) zum erleuchteten, erhabenen und vollkommenen Freimau­rer Meister erhoben, und dass sein Name in den Matrikeln der Souveränen Grossloge von Grossbritannien und Irland eingetragen worden ist. Urkundlich dessen ist gegenwärtiges Certifikat ausgefertigt, unterschrieben und mit dem grossen Siegel versehen worden zu London am 26. Tage des Monats Juli A.D.1901... William Wynn Westcott" [Abschrift nach dem Original]

Fraternitas Lucis Hermetica (FLH) = Hermetic Brotherhood of Light (HBL)?[71] *

"die wahren aktiven Glieder des O.T.O. werden Hermetische Brüder des Lichts oder Illuminaten genannt, was von Fra. Peregrinus X° O.T.O. (Theodor Reuss) und Baphomet XI° O.T.O. (Aleister Crowley) historisch festgelegt wurde." (Metzgers Attest, 9.1.1963)[72] *
"The Hermetic Brotherhood of Light" {16}, ist eine der Organisationen, aus denen Carl Kellner angeblich (so die "Historie" von Reuss und Crowley verbreitet) den OTO aus der Taufe gehoben haben soll. "The Hermetic Brotherhood of Luxor" ist von Pascal Beverly Randolph (1825-8.10.1875) gegrün­det worden. Der innere Zirkel hat sich "Fraternity of Eleusis" genannt. 1886 ist die allein in Boston existierende HBL geschlossen worden, worauf man die "Eulis Brotherhood" gründet, welche den OTO, d.h. Carl Kellner (oder auch Papus), beeinflusst haben soll.
Am 22.1.1917 stellt Reuss in seinem Manifesto "Anational Grandloge & Mystic Temple: Verità Mistica, Or. Ascona" den OTO noch als "Hermetic Brotherhood of Light" vor. Hin und wieder hat auch Heinrich Tränker diese Bezeichnung verwen­det, zum Beispiel auf der "2nd Fama" von 1930 {5}. Reuben Swinburne Clymer {12} ist einer der Nachfolger der HBL.

"From the East of the Supreme Grand Council of the Sovereign Grand Inspector General of the 33rd and last Degree of the Ancient and Accepted Rite of Freemasonry in and for Great Britain & Ireland... Know Ye that we the undersigned Sovereign Grand Inspector General do hereby certify, acknowledge and proclaim, our Ill.Brother Theodor Reuss of Berlin to be an Expert Master Mason, Secret Master, Perfect Master, ... Grand Elect Knight Kadosh, 30°, Grand Inquisitor Commander, 31°, Prince of the Royal Secret, and a Sov.Gd.Inspector Gen. 33°...
Signed and delievered by us Sovereign Grand Inspector General of the Thirty-third and last Degree with the Seal of our said Supreme Council affixed in the Valley of Manchester this... 24th day of September A.D.1902. John Yarker 33°..."
[Abschrift nach dem Original! Ein beinah wortwörtlich identisches Papier er­hält Aleister Crowley am 29. November 1910 von John Yarker. Vom angeblich am selben Tag des Jahres 1902 ausgestellten Freibrief für Reuss von Yarker ist bislang kein Original aufgetaucht, sondern es sind nur Abschriften zu finden:]
"We.. do... issue.. this our Warrant empowering our Illustrious and Enlightened Brothers: Theodor Reuss 33.° 90.° 96.° to act as Most Illustrious Sovereign Grand Master General, Franz Hartmann 33.° 90.° 95.°, Thrice Illustrious Grand Administrator General... with power to oppoint [sic] the other necessary officers of a Sovereign Sanctuary etc. to be holden in the Valley of Berlin or other german city, aforesaid by the name and title of the Sovereign Sanctuary 33.°-95.° in and for the Empire of Germany... [es folgt die Bewilligung, Logen, Kapitel etc. zu eröffnen und alle Grade zu vergeben] 24. day of Sept. 1902 E.V... John Yarker 33.° 90.° 96.° Gr. Master Gen. ad vitam..."[73] * Die Niederschrift der deutschen Version in "Der Cerneau-(Neuyork 1807) Ritus"[74] * zitiert jedoch andere Grade: Theodor Reuss: 33°, 90°, 95°; Franz Hartmann 33°, 90°, 96°. Die "Konstitution, Statuten und Formulare"[75] * gibt zwar dieselben Grade an, lässt aber Hartmanns pompösen Titel aus.]

"33° and last degree SUPREME COUNCIL... Sovereign Grand Inspector General -- Ancient and Accepted Scottish Rite Masonry sitting in the Valley of New York, where abideth Peace, Tolerance and Truth: From the Grand Orient of 'IERODOMON,[76] * at New York, in the State of New York, near the B.B. and under the C.C. of that Zenith, which answers unto 40°42'N.Lat. I, Max Scheuer 33° by the authority in me vested as Most Puissant Sovereign Grand Commander, do appoint the Most Illustrious Brother Theodor Reuss Sovereign Grand Inspector General, Thirty-third degree, Deputy as Representative of the Supreme Council of the United States of America, its territories and dependencies, to the Supreme Council of the Grand Orient of Germany, Thirty-third degree Ancient and Accepted Scottish Rite... this twenty-first day of Sivan A.M.1663. Max Scheuer 33°..." [Abschrift nach dem Original]

"Im Namen des Grand Orient des Schottischen Ritus und des Ritus von Misraim und Memphis... Hiermit wird bekundet, dass der Hocherleuchtete und Hochwürdig­ste Bruder JOHN YARKER, 33°, 90°, 96°, Souveräner General Grossmeister ad vit. des Antient and Primitif Rite of Masonry des Schottischen Ritus, Ancien et Accepté 33° (Cerneau New York 1807), und des Orientalischen (Egyptischen) Ri­tus von Misraim in und für das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irlands Kraft seines Amtes und der ihm auf Grund eines Patentes des Souveränen Grand Orient de France vom 21. Juli 1862 [unleserlich] vom M.Ill.Sovereign Grand Master General von Amerika Bruder Harry J.Seymour übergebenen Rechte den [unleserlich] Brüdern Theodor Reuss, 33°, 96°, Dr. Franz Hartmann, 33°, 95°, Heinrich Klein, 33°, 95° und den mit denselben verbundenen Brüdern ein Patent erteilt hat ein Souveränes Sanktuarium für das Deutsche Reich zu constituieren mit der Berechtigung, die sämtlichen Grade des Alten und Angenommenen Schotti­schen Ritus 33°, des Orientalischen Ritus von Misraim 90° und des Ritus von Memphis 95°, vom ersten bis 33° (90°-95°) und letzten Grad zu bearbeiten und Symbolische Logen, Kapitel, Senate, Räte und Grossräte in Deutschland zu stif­ten und einzuweihen... [es folgt die Gründung des Hamburger Orients "Phönix zur Wahrheit"]
Urkundlich dessen ist gegenwärtiger Freibrief ausgefertigt, gesiegelt und un­terschrieben worden... 1. Tage des Monats Juli 1904 E.V.
John Yarker 33° 90° 96° G.M.G. of Gr.Britain + Irland
Theodor Reuss 33° 90° 96° General Grossmeister für das Deutsche Reich ad Vitam..." [Abschrift nach einer Fotokopie des Originals]

[Eine weitere Version einer Charta, die Reuss erlaubt, eigene MM-Logen zu gründen, ist 1916 von der Symbolischen Grossloge des Schottischen Ritus in Deutschland als "Vademekum für Lichtsuchende" im Wortlaut wiedergegeben:] "Hiermit wird bekundet, dass... John Yarker, 33°, 90°, 96°, Souveräner Gene­ral-Grossmeister ad vitam des Antient and Primitive Rite of Masonry, des Schottischen Ritus, Ancien et Accepté 33° (Cerneau-Neuyork 1807) und des Orientalischen (Egyptischen) Ritus von Misraim.... auf Grund eines Patentes des Souveränen Grand Orient de France vom 21. Juli 1862... vom Harry J. Seymour übertragene Rechte den Sehr Ehrw. BBn. Theodor Reuss 33° 96° usw. ein Patent erteilt hat, ein Souveränes Sanktuarium für das Deutsche Reich zu kon­stituieren... 24. Tage des Monats Juni 1905."
[In "Winkellogen" von Eberhardt, 108, ist dieses 1905-Patent ebenfalls wieder­gegeben, mit dem Unterschied, dass im ersten Abschnitt nach Reuss usw. die Na­men Franz Hartmann und Heinrich Klein (gest. 23.6.1913) stehen. Es drängt sich die Frage auf, ob den Autoren je ein Original vorgelegen hat.]

"Edikt: Wir, Albert Karl Theodor Reuss, 33.°, 90.°, 96.°, Souveräner General-Grossmeister ad Vitam des Ordens der vereinigten Riten der Schottischen, Mem­phis- und Misraim-Freimaurer in und für das Deutsche Reich, Souveräner Gene­ral-Gross-Kommandeur, Absoluter Gross-Souverän, Souveräner Pontif, Souveräner Ordensmeister der Orientalischen Templer-Freimaurer, Magus Supremus Soc. Frat. R.C.S.I. 33.°, Termaximus Regens u.s.w u.s.w. tun hierdurch kund [dass Wir] drei freimaurerische Riten voneinander trennen und die drei Riten zu drei selbständigen freimaurerischen Körperschaften erheben.
Vom 24. Juni 1907 E.V. ab werden daher unter unserer obersten Jurisdiktion in Deutschland bestehen:
Der Oberste Rat des Schottischen, Alten und Angenommenen 33.° Ritus für das Deutsche Reich.
Der General-Grossrat (90.°) des ägyptischen Ritus von Mizraim.
Das Souveräne Sanktuarium (95.°) des Alten und Primitiven Ritus von Mem­phis..."
Theodor Reuss, 10.9.1906[77] *
 
Über den 33°-Ritus: "Durch Br. Reuss wurde unsere Symbolische Grossloge unterm 24. Juni 1905 und der Oberste Grossrat unterm 20. November 1906 konstituiert. Die Errichtung des Grosskapitels datiert vom 24. September 1907." Carl Lauer[78] *



4. Veritas Mystica Maxima


Rudolf Steiner und Marie von Sivers werden am 24.11.1905 Mitglieder des Mem­phis-Misraïm-Ritus unter Reuss, das Gelöbnis erwähnt den OTO nicht. Beide er­halten am 3.1.1906 eine Charta zur selbständigen Führung einer Gruppe. Dieses Papier erwähnt den OTO wiederum nicht, dafür den 30°, 67° und 89° und die Er­laubnis, dass sich Steiner ab dem 100. Mitglied als 33°, 90° und 96° ansehen dürfe. Zu dieser Zeit ist Steiner noch immer Generalsekretär der Theosophi­schen Gesellschaft. Laut einem Brief des Ungarn Emil Adriányi/Ardens ascendo (Ex-OTO- und Golden Dawn- Mitglied)[79] * vom 8.9.1906 an Steiner kenne "der Reuss'sche Orden selber absolut keine Uebungen," das wenige sei eine Nachah­mung der Theosophen, verquickt mit dem "Alten Primitiven Ritus."[80] *
Die Steinerschen Ritualtexte zur Logeneröffnung/Initiation sind streckenweise identisch mit denjenigen des "OTO Orient Thuricensium," die ebenfalls bis in die 1960er Jahre vom "Misraim-Dienst" sprechen (heute in einer leicht abgewan­delten Version immer noch vom schweizer OTO verwendet).[81] * Reuss-OTO-Hochgrad­rituale benutzen den Begriff "OTO" recht ausgiebig.
Im selben Jahr, 1906, teilt Steiner Reuss mit, dass er mit dessen Orden "nichts, aber auch gar nichts" zu tun haben wolle, gibt aber den Begriff "Mystica Aeterna" oder "Misraim-Dienst" erst 1914 auf. Steiner hat die Zusam­menlegung von Memphis- und Misraïm-Ritus nicht übernommen. Aleister Crowley: "Steiner is in relation with the O.T.O., but he lets a lot of drivel go out."[82] *
 
Schon im März 1910 erhält Crowley den VII°. Am 12. April 1912 wird er 33°, 90°, 95° und X° "of London" "National Grand Master General... gemäss der Constitution des O.T.O. vom 22. Januar 1906 E.V... für Grossbritannien und Ir­land." Wie bei ähnlichen[83] * Reuss-Chartas um 1912 ist auf dieser als Memphis-Misraïm vorgedruckten Charta der Begriff "O.T.O." von Hand als Titelkopf (nachträglich?) eingezeichnet. Crowleys OTO-Zweig bekommt den Namen "Mysteria Mystica Maxima" (MMM). Crowley an Heinrich Tränker, 1924: Meine Beziehung zu Dr. Reuss
"Die Öffentlichkeit nahm von mir in London im März 1910 Notiz, als Mathers [1854-1918, Mitbegründer des Golden Dawn] versuchte, mich von der Veröffentli­chung vom "Equinox" Nummer 3 abzuhalten. In diesem Band habe ich, auf Instruk­tionen der Geheimen Chefs hin, die 1904 zu mir in Kairo kamen, die Rituale des 5°=6 des R.R. und A.C. publiziert. Neun Tage sprach ganz London von Rosenkreu­zern und mein Studio wurde von "Authentischen Chefs" in aller Zahl belagert. Unter diesen war auch Bruder R[euss] ... Einige Zeit später kam er wieder in einer ganz anderen Stimmung. Er war deutscher Grossmeister, 90°-95°, unter Br. Yarker und behauptete, der OTO vereinige alle Geheimnisse überhaupt... Er er­klärte mir nun[84] * die Wichtigkeit dieser Art von Arbeit. Ich nahm ihn nicht ernst, experimentierte jedoch hin und wieder damit. Meine persönlichen Reak­tionen Reuss gegenüber waren immer sehr heftig, seine übertrieben aggressive Art war abstossend... R.s Stimmungen schwankten ständig, und er war unbere­chenbar. In seinen letzten Lebensjahren schien er sich völlig gehen zu lassen, selbst wenn man annahm [unleserliche Passage], was völlig absurd war. Es scheint, dass er bis zu einem gewissen Grade [unleserlich], was ihn veranlasste, Sie [Tränker] und Achad [Jones] zu berufen und mich in seinem letzten Brief als Nachfolger bestellte (was mir offensichtlich scheint). In meinem Fall handelte er bestimmt gegen seinen menschlichen Willen, was er­sichtlich werden würde, wenn ich dieser Briefe wieder habhaft werden könnte" [zwei Worte völlig unleserlich. Übersetzt]

oOo


1913 schreiben Prof. Emil Schaub in Basel und unabhängig davon John Daniels Reelfs in Genf an Crowley. "I shall be obliged to divide Switzerland" gemäss den Landessprachen, antwortet Crowley Schaub im März. Er will keine MM-Grade vergeben, da der OTO ja diese inkorporiere. Emil Schaub wird von Edoardo Frosini (33° 90° 96°, VII°) "appointed," und Crowley schickt Reelfs ebenfalls zu Frosini, da er Reelfs erst eine Charta geben will, wenn dieser den 33° und VII° habe. Weshalb Reuss als OHO nicht eingeschaltet wird, bleibt unbeantwor­tet.
In einem Bericht von 1914 über das "Present Standing of the MM" wird Reelfs beauftragt, die zahlungsunwilligen Mitglieder L. Waddel, J. van Notten, Florence van Notten und Frederic Alfred Beeker an ihre finanziellen Pflichten zu erinnern. Schaub wird nicht erwähnt. In diesem Jahr übersetzt und publi­ziert Reuss Crowleys Manifesto der MMM von 1912, die letzterer 1919 als welt­weite Statuten herausgibt,[85] * ohne dass Reuss davon Kenntnis erhalten hat.
Möglicherweise hat der Ausbruch des Krieges und Crowleys Aufbruch 1914 nach Amerika weitere Entwicklungen verhindert. In Crowleys "Golden Book," das nur Einträge von 1912 bis 1917 enthält, ist Reelfs in der Liste der VI° aufge­führt. Schaub fehlt auch hier.[86] *
An Frosinis Seite (dem Nachfolger von Michele de Vincenzo Majulli, 33°, 90°, 95° und VII°) sind G.di San Fortunato und Arturo Reghini. Letzterer macht Crowley am 20.10.1913 zum Ehrenmitglied des "Ritus Philosophicus Italicus." Reghini schwenkt 1927 zu Julius Evolas (1898-1974) UR-Gruppe über.[87] *
Ab 12. Oktober 1915 sieht sich Crowley als Prophet seines von ihm ausgerufenen Neuen Aeon des Horus. Zwischen 1917 und 1919 entwirft er angeblich seine eige­nen OTO-Rituale (0°-VI°),[88] * die aber Reuss' Zustimmung nicht finden. Reuss soll Crowley sogar ausdrücklich untersagt haben, den OTO als Vehikel für The­lema zu benützen.[89] *

Monte Verità

Die österreichische Klavierlehrerin Ida Hoffmann (gest. 1926) und Henri Oedenkoven, in freier Ehegemeinschaft lebend (seine Frau Isabella Oedenkoven bekommt bald den VII°), sind die finanziellen Hauptbeteiligten und Gründer der Vegetariersiedlung auf dem Monte Verità, dem Berg der Wahrheit im Kanton Tes­sin/Schweiz. Frau Hoffmann führt im Januar 1916 Reuss auf dem Monte Verità ein, der nun aktiv wird und die OTO-Loge "Verità Mistica" (VM) gründet.
Frau Hoffmann schreibt "Beiträge zur Frauenfrage," "L'Importanza della Teosofia vera" und verfasst "Blätter zur Verbreitung vegetarischer Lebens­weise."[90] *
 
Hans Rudolf Hilfiker-Dunn/Nothung (geboren am 4.5.1882 in Oftringen/Aargau) wird am 2.12.1916 in der "Verità Mistica" in den I° aufgenommen. Am 24.5.1917 erhält er den II°, am 21.8.1917 den III°.[91] * Nothung ist das Schwert Parzi­fals, das gemäss Reuss sexualmagisch dem "Ur-Phallos" entspricht.[92] *
Hilfikers Geliebte Clara Linke (geb. 25.6.1875 in Görlitz, gest. 1923) ist als Kurgast der Siedlung gekommen und gleich geblieben. Sie wird eine wichtige Stütze des Betriebs. Während Ida Hofmann das gesellschaftliche Leben leitet, obliegt Clara Linke die Wirtschaft.
Der aus Oberstammheim stammende Mechaniker Oscar Bienz, am 19.8.1917 in Ascona in die VM aufgenommen[93] * und dort "künstlerisch" tätig, rät, in Zürich eine OTO-Loge zu gründen. So geschehen unter Reuss und Laban de Laban/Vàraljà am 24.10.17: die Gründung der "Libertas et Fraternitas."

Der tschechische Tänzer Rudolf Jean Baptiste Attila Laban de Varalja (15.12.1879-1.7.1958) eröffnet einen Zweig seiner Münchner Schule in Ascona. Im Frühjahr 1916 gründet seine Mitarbeiterin Mary Wiegmann einen Zweig der Schule in Zürich, wo man auch bald in den Kreisen dadaistischer Protagonisten verkehrt.[94] *
 
Laban und Hilfiker haben ein paar Tage vorher in Zürich, am 20.10.1917 (Reuss hält daselbst einen Vortrag über die Freimaurerei) für teures Geld (alles in allem soll Hilfiker 1950 sFr. zahlen) je einen OTO-Vertrag unterschrieben (Patente und Chartas werden nicht von beiden Parteien unterschrieben, ein Ver­trag regelt hingegen die finanzielle Seite). Beide dürfen eigene Freimaurer-Logen gemäss den OTO-Statuten vom "22.1.1906/1917" eröffnen. Laban darf bis zum VI° initiieren, Hilfiker bis zum III°. Auf diesen Verträgen wird der OTO als identisch mit dem Orden "der alten Freimaurer vom Schottischen, Memphis und Misraim Ritus" bezeichnet.[95] * Die templerischen und maurerischen Utensilien der "Verità Mistica" gehen an die "Libertas et Fraternitas."

Am 3. November ist die konstituierende Versammlung, Laban wird erster Grossmeister dieses "Mystischen Tempels." Hilfiker, wohnhaft in Rüti, wird am 11.11.1917 Meister vom Stuhl.
Die Frauen aus Labans Tanzgruppe, Elga Feldt, Suzanne Perrottet, Käthe Wulff und Frau Lederer sind schon in der "Verità Mistica" durch deren Mysterien ge­rauscht, allen voran Mary Wiegmann, die ja seit 1916 eine Tanzschule in Zürich führt. Unter den 6 Männern und 10 Frauen der Zürcher Loge sind neben Obener­wähnten auch der Baron Herbert von Bomsdorff-Bergen, angeblich Spielleiter am damaligen Opernhaus,[96] * mit seiner Frau, Oskar Bienz (Labans "Lieber Freund und Schüler")[97] * und ein Imre Schreiber. Man trifft sich bei Heinrich Friedländer, und bald stossen die Schwestern Beraly, Coleman, de Montcabrie und Ruckeschell sowie die Brüder Reiser und Turnibuca hinzu. W. Rosenblum wird Schatzmeister des OTO.
Laut Oscar R. Schlag (1907-1991) {14} bezeichnet Bomsdorff-Bergen seine Narbe über der Nase als Zeichen Baphomets.[98] * Nach seinem Austritt aus der L+F 1922 schreibt Bomsdorff-Bergen alias Christian Schweizerkreuz Pamphlete gegen die Freimaurerei in antisemitischem Tonfall. Mit den Tessiner Rosenkreuzern hält er noch Verbindung, lebt in Morcote, nennt sein Anwesen "Klingsors Zaubergar­ten" und stirbt 1925 (?). John Symonds lässt Bomsdorff in seinem Roman "The Medusa's Head or Conversations between Aleister Crowley and Adolf Hitler" an der Wahl Crowleys zum OHO durch Heinrich Tränker et alii 1925 in Weida/Thüringen teilnehmen.[99] *
 
Laban de Laban schreibt als "Grossrat und Senat der Alten Freimaurer vom Schottischen und Memfis und Misraim Ritus" am 14. November 1917 an seine Mut­ter: "Die Loge in Monte ist geschlossen, die dortigen ungeeigneten Mitglieder Henri, Jda etc. sind ausgeschlossen worden und ich habe die dortige Zentrale hierher verlegen lassen."
 
Der schweizer OTO, der unter Hermann Joseph Metzger prosperiert {9}, produ­ziert Anfang der 60er Jahre folgendes Papier: eine von Reuss am 10.11.1918 ausgestellte Charta für die Damen Ida Hoffmann, Clara Linke "et socii" für die Schweiz "in generale" (Veritas Mystica Maxima). Beide haben, wie die Charta ausweist, den 33°, 97° und X° OTO inne. Die amerikanische Self-Realization Fellowship {13}, die Anfang der 1950er Jahre angeblich Reuss' "Golden Book" haben will, zitiert daraus den Eintrag für eine Vollmacht für Ida Hoffmann, Alice Sprengel und Clara Linke und erwähnt keine 1918-Charta mit obigem Wort­laut.
Der Text auf diesem Papier weicht sprachlich und formal von den anderen be­kannten Reuss-Chartas ab. Ebenso ist es fraglich, ob die Unterschrift von Reuss stammt.[100] *
Nach 1918 errichtet Clara Linke ein Kinderheim auf dem Monte Verità.

Streit zeichnet sich in der Zürcher Loge ab: Die Frauen zeigen sich wenig zah­lungswillig, die Männer geraten ins Gerede, da eine respektable Person nicht Mitglied eines finsteren Tempels sein darf. So finden keine Neuaufnahmen mehr statt. Was in den Höhen des Monte Verità ohne weiteres möglich gewesen ist, wird im puritanischen Zürich zum Stein des Anstosses. Die 10 Frauen treten aus.[101] *
Mary Wiegmann erhält die Erlaubnis, eine eigene Frauenloge zu gründen, unter­lässt dies aber und trennt sich am 16. November 1918 vom OTO. Frau Wiegmann gründet 1920 in Dresden eine eigene Tanzschule.
Laban verlässt im November 1918 Zürich Richtung München und Stuttgart, um sich seiner Tanzkarriere zu widmen, ruft aber noch unter dem OTO-Siegel als "Secrétaire de l'Ordre" zu einer "Alliance Internationale des Dames De La Rose + Croix" auf.[102] * Sein Nachfolger wird Hilfiker, doch möchte sich die Loge von Reuss trennen. Am 1.2.1919 wird "der Ausdruck O.d.O [sic] ... gänzlich fallen­gelassen," am 26. April 1919 trennt die "Libertas et Fraternitas" sich offiziell von MM und OTO, um nur noch den Cerneau-Ritus zu bearbeiten, für den Reuss bis zum Juli 1920 immer noch Rechnung stellt und der dann vom reichen Kaufmann Hilfiker mit sFr.3000.- ausbezahlt wird.[103] * Am 10.5.1919 erfolgt der langerwartete "Freibrief des Gr.Or. für d. Schweiz des A.&A. Schott. 33° Rit." Es ist eine typische Reuss'sche Charta aus dieser Zeit mit dem gedruckten Be­griff "O.T.O." als Briefkopf. "Br. Reuss knüpft daran die Bedingung, dass wir ihn als höchste Autorität anerkennen." Dies folgt Reuss' finanziellen Forde­rungen und dem Bericht eines Briefes des "Generalgrossmeisters für Amerika, Bruder Crowley," der die Hoffnung ausdrückt, den OTO dort gross aufzuzie­hen.[104] * Allein in der Oriflamme 1914, im Manifest der MMM, wird Crowley als X° von Amerika erwähnt (siehe weiter unten).

Am 27.4.1919 wird "Unter Leitung des Hochehrwürdigen General-Grossmeisters ad Vitam, Br.:Theodor Reuss, 33, 90, 97, X° und unter Mithilfe von Schw.:Ida Hoffmann, 33, 90, 95, IX° Br.:H.R.Hilfiker, welcher am 9. November 1918 von Br.:Grossmeister Laban de Laban per communicatio[105] * in den IV° und am 11.Dezember 1918 von Br.:Generalgrossmeister Th.Reuss p.c. in den V. und VI° befördert worden, rituell in die Grade IV/15, V/18 und VI/30 eingeführt.," etc., etc. Ebenfalls erfolgen die Ernennungen Engelhard Pargaetzis, Rolf Merlitscheks und Martin Bergmaiers. Schnell geschehen am 28. Juni weitere Be­förderungen.[106] * Hilfiker wird Ehrenmitglied des Gr.Or. von Frankreich, des Martinistenordens, wird Freundschaftsvertreter beim S.S. des OTO und des 33° AASR und MM für Europa.[107] * In seinen Händen befindet sich ein Reuss'sches VII°Initiationsritual[108] * und das "Instruktions-Büchlein des O.T.O.," nämlich Reuss' "Parsifal und das Enthüllte Grals-Geheimnis." In Hilfikers Manuskript findet sich ein Auszug aus Crowleys Manifesto der MMM im Anhang: "MMM ist ein Begleitname des OTO."[109] *
 
Hilfiker unterstützt seine Zürcher Geliebte H. Walder mit einem Mercerieladen, wohl um seinem unehelichen Kind eine Zukunft zu sichern.[110] * 1920 verlassen Oedenkoven und Ida Hofmann den Berg der Wahrheit und gelangen via Spanien nach Brasilien.

Reuss stattet weiterhin Mitglieder der Zürcher Loge mit OTO-Graden aus, was die Mitglieder der Loge, die sich vom OTO getrennt sehen wollen, aufregt. "Wenn Papa Reuss privatim Leute befördert, so geht das nur den O.T.O. etwas an, -- nicht aber unsern Ritus" (Pargaetzi/Tristan an Hilfiker, 4. April 1920, nicht ahnend, dass auch Hilfiker schon zum VIII° avanciert ist. Ausser­dem hat dessen Nachlass die geheimen Passworte, ein magisches Siegel und den Schwur für den IX° und den X° preisgegeben, wo der 96° unter die Autorität des OHO des OTO gestellt wird).[111] *
Am 12.5.1920 wird Hilfiker durch Joanny Bricaud (33°, 90°, 96°)[112] * zum 33°, 90°, 95°.

Zur selben Zeit, in der Crowley meint, Reuss liege gelähmt darnieder,[113] * plant dieser jedoch, im Hochgefühl ein nationaler Grossorient zu sein, im Sommer 1920 in Zürich einen Weltkongress der Freimaurer einzuberufen, analog zum 1908-Kongress in Paris, wo unter Papus, Blanchard und Détré fleissig Würden und Ämter u.a. mit Krumm-Heller ausgetauscht worden sind {15}.[114] * Ziel soll sein, einen "Internationalen Freimaurerbund" zu gründen. Als dritter Programm­punkt des Kongresses wird Patriarch Joanny Bricauds Vorschlag aufgesetzt, Aleister Crowleys angeblich 1913 verfasste[115] * Gnostische Messe (das Zentrum der OTO-Rituale und gedacht zur öffentlichen Aufführung) "zur officiellen Re­ligion aller Mitglieder der Univ.:Frm.:Welt-Föderation, welche den 18. Grad[116] * des Schottischen Ritus besitzen, zu erklären."[117] * "Im Memphis und Misraim Ri­tus hat der Rose-Croix Grad nicht christlichen Charakter, sondern wird my­stisch-gnostisch gedeutet... Die restlose Deutung... bleibt den mystischen Graden VII°, VIII° und IX° vorbehalten."[118] * Reuss lässt sein "Aufbauprogramm und Leitsätze der Gnostischen Neo-Christen O.T.O.,"[119] * eine Verteidigungs­schrift wegen angeblichen Sexskandalen[120] * und einen Text mit dem Titel "Das wahre Geheimnis der Freimaurerei und das Mysterium der hl. Messe" zirkulieren.

Heinrich Tränker schickt "Ein Schreiben der Brüderschaft vom Goldenen und Ro­senkreuz," was aber wenig Erfolg beschert. Weshalb Tränker nicht am Kongress teilgenommen hat, bleibt unbeantwortet.

Hilfiker und Merlitschek, Reuss-treu, sind zugegen am freimaurerischen Kongress in Zürich am 17.-19.Juli 1920 im Tempel der Loge "Libertas et Frater­nitas." Theodor Reuss als Bricauds "Légat Gnostique pour la Suisse" ist nur am Eröffnungstag dabei. Crowley und Charles Stanfeld Jones/Achad sind auch ge­laden, aber nicht erschienen.[121] * Der Kongress spricht sich gegen den OTO aus:
Rosenkreuzer-Kapitel vom 3. Oktober 1920. Zweiter Beschluss: [es wird voraus­gesetzt] "dass die Beziehungen des Gross-Orientes zu Br.Th.Reuss definitiv der Vergangenheit angehören und dass die sogenannte gnostische katholische Kirche ausserhalb des Internat. Freimaurer-Bundes bleibt. Das Kapitel [18°] betrach­tet es als selbstverständlich, dass Angehörige jener Kirche im In­tern.Freimaurer-Bund mit Rücksicht auf dessen Prestige nach Aussen zum minde­sten keine Aemter bekleiden dürfen..."
Protokoll über die Sitzung des Obersten Rates vom 6./7. Nov. 1920: "Weder der Gr Or, noch einzelne seiner Mitglieder haben zu der von Herrn Reuss herausge­gebenen Gnostischen Messe irgendwelche Beziehungen. Die Verteilung der Druck­schrift war rein persönliche Angelegenheit des Herrn Reuss, sodass niemand in unserer Körperschaft für die Dummheiten dieses Herrn verantwortlich gemacht werden kann... [wir sind bestrebt] jede Beziehung unseres Gr Or zum Namen Reuss oder zu seinen Schriften seit 18. Juli 1920 abzulehnen."
 
Am 17.5.1925 wird die L+F in die 1844 gegründete schweizer Grossloge Alpina aufgenommen, was den Verzicht auf Grossorient und Hochgrade bedeutet. Ihre Hi­storie hat seitdem nichts mehr mit dem OTO-Phänomen zu tun, obwohl die unab­hängige Rolle Hilfikers nicht ohne weitere Bedeutung bleiben wird (siehe un­ten). Am 1.2.1921 wird er 33°, 90°, 96°.

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Via Reuss fragt C.S. Jones (wohl vergeblich) Ende 1920 Hilfiker um ein 33°Certifikat an. Es ist Reuss, der C.S. Jones am 10. Mai 1921 zum X° von Nordamerika macht, und ihm so die Möglichkeit gibt, alias Parzival die Agape Loge Nummer 1 in Vancouver/Kanada auf maurerische Beine zu stellen.[122] *
 
Im Juli 1921 wird Spencer Lewis (33°, 90°, 95°, VII°), der Gründer des AMORC (gegr. am 1.4.1915, Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis), "Honorary Member... for Switzerland, Germany and Austria" des OTO.[123] * Im selben Jahr werden auch Heinrich Tränker/Recnartus (33°, 90°, 96°, X°), Krumm-Heller/Huiracocha (96°, VIII° und X°) und Carl William Hansen/Kadosh mit mächtigen Würden und Bürden ausgestattet {5, 13}. Nachdem Spencer Lewis den AMORC nicht an Crowley abtreten will ("prepared to take over the whole of the AMORC"),[124] * äussert sich dieser W.T. Smith gegenüber (die obige Reuss-Charta betreffend): "Lewis... not a full member... is not a warrant, it is not a charta."[125] * Als Lewis das OTO-Lamen in seinen Publikationen benützt, behauptet Crowley, er hätte es erfunden. (Lewis stirbt am 2.8.1936).

Hansen ist schon 1898 Martinist in Kopenhagen geworden. 1906 wird er 32°, aber 1930 stossen ihn die Freimaurer aus ihren Reihen.[126] *
Am 31.7.21 wird Hansen via Bricaud 30° (?)[127] * in Kopenhagen und via Reuss am 3.9. X°. Von Thelema ist nicht die Rede. Da Reuss keine Hochgrad-Initiations­rituale zur Verfügung stellt, erteilt Hansen seinen Kandidaten sofort den IX°.
Der schon eingangs erwähnte Italiener Frosini (der seit 1909 eine Yarker-Charta sein eigen nennt) erweitert die Grade am 3.7.1924 um den 33° und sen­det die Reuss-Rituale.[128] *
Baron Alphons Wallen führt Hansen in Bricauds Martinisten-Orden ein, der 1911 mit der Gnostisch Katholischen Kirche fusioniert hat. Im September 1923 er­stellt ihm Bricaud eine Charta, worauf sich Hansens Orden nun "Grand Orient de la vrai et haute Maçonnerie esoterique et gnostique de Danmark" nennt.[129] * Grunddahl Sjallung/Sâr Uriel/Neutralis/Lucius (1895-1976) schliesst sich 1923 an.
W.C. Hartmanns "Who's Who, The Occult Press" von 1927 gibt auf Seite 62 fol­gende Titel Hansens an: "Chemist, Author, Kabbalist, Astrologer, Patriarch and Primas, Naassenic Gnostic Synode (Scandinavia), Grand Master General, Grand Orient of Denmark, President Alchemical Society of Denmark; General Delegate and Hon. Member Societas Alchemica Italiana; President, Kabbalistic Order (Denmark)." Francis King findet 1927 OTO, MM und AMORC an derselben dänischen Adresse.[130] *
 
1928 macht sich der Schatzmeister von Hansens Ordenskompilation mit der Kasse auf und davon,[131] * und als die Mitglieder nun versuchen, Genaueres über ihren "Danske Stor-Orient" zu erfahren, gelangen ihnen nur negative Berichte über die "Schwindler" Reuss und Frosini zu Ohren. Am 21.6.1931 schreibt Hansen an Spencer Lewis: "I am no more interested in great orders and societies." 1934 taucht Sjallung als Repräsentant des auf 99 Grade aufgeblasenen MM an der FUDOSI auf (Fédération Universelle des Ordres et Sociétés Initiatiques), die nur eine Sammelorganisation aller Lewis-treuen Rosenkreuzerorganisationen ist, um dessen Anspruch auf "Legalität" zu unterstützen.
Nach Hansens Tod 1938 wird Grunddahl Sjallung neuer OTO-Grossmeister und fügt obigen Titeln noch "President United Rosicrucian and Hermetic Orders (Denmark)"[132] * hinzu. Von nun an nennt er sich Baphomet[133] * und korrespondiert mit Crowley. Er schreibt sich seine eigenen Initiationsrituale.
1976 stirbt Sjallung in einer Nervenheilanstalt. Eric Ericson verarbeitet in seiner Novelle "Master of the Temple" (London 1983) eine Menge historischer und fiktiver Daten über Hansen.

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Die Bernerin Alice Sprengel (28.9.1871-1947), uneheliches Kind eines luthera­nischen Pastors aus Pommern, ist enge Mitarbeiterin Rudolf Steiners in Ber­lin.[134] * Sie spielt in dessen erstem mystischen Drama "Die Pforte der Einwei­hung" am 15.8.1910 in München die Rolle der Theodora.
Als Steiner aber am 24.12.1914 Mademoiselle Sivers heiratet, schwenkt sie 1915 zu Theodor Reuss über, bekommt eine Autorisation zur Gründung von OTO-Logen[135] * und gehört 1921 dem "executive council of 3 (supreme council)"[136] * des OTO an: "Anational Grandloge & Mystic Temple Verità Mistica, Or. Ascona." Um Frau Sprengel sind Frau Hardegger und Frau Jantzen.
Clara Linke wird von Reuss als Universalerbin in seinem Testament vom 20.12.1922 eingesetzt. Da aber Frau Linke bald darauf in Rom stirbt, schreibt Reuss das Testament am 27.6.1923 zugunsten seiner Frau und seiner Haushälterin um und stirbt am 28.10.1923, ohne dass von ihm ernannte Nachfolger in MM, GKK oder OTO bekannt geworden wären.
Aleister Crowley notiert schon am 27.11.1921 in sein Tagebuch: "I have proclaimed myself O.H.O. Frater Superior of the Order of Oriental Templars." Aber: "We do not have any papers, documents, letters, or diaries," die bewei­sen würden, dass Crowley von Reuss als OHO ernannt worden wäre.[137] *
Nach dem Tod von Reuss eröffnet Crowley im Dezember 1924 Heinrich Tränker: "I wish to obtain control of all existing movements" und meint W.T. Smith {13} gegenüber am 3. Januar 1935: "Reuss was working with me almost every day and if he had made any objection to my claim [sovereignty] he would have done so." Die Tatsache, dass ihn Reuss nicht als seinen Nachfolger auserkoren hat, in­terpretiert Crowley später in einem Brief an Smith vom März 1943 folgendermas­sen: "he [Reuss] had been misled by some rumour that I was dead or in trouble or something."[138] *
1926 stirbt Ida Hofmann, "die Frau im Uranfang,"[139] * in Sâo Paolo.

Crowley an Smith am 3. Januar 1935

"Sie sprechen von meiner Souveränität. Es war Reuss, der sie hatte und ich ordnete mich unter. Mein Preis (um es mal vulgär auszudrücken) war die Charta, auf die in der Oriflamme Bezug genommen wird.(a) Sie werden sehen, dass diese Charta Amerika abdeckt,(b) und zwar nur, weil Reuss und ich die einzigen Perso­nen waren, fähig, eine solche Position einzunehmen. Diese Charta ist momentan nicht zur Hand,(c) aber das Manifesto des OTO wurde publiziert und machte 1913 in weiten Kreisen die Runde.(d) Reuss arbeitete fast täglich mit mir(e) und falls er irgendwelche Einwände gegen meinen Anspruch(f) gehabt hätte, würde er sie gemacht haben.(g) Es existiert auch ein Reuss'sches Pamphlet, mit Photos der Grossmeister und anderer Würdenträger, worin auch meine Photographie er­scheint. Diese Publikation ist gewiss später datiert als oberwähntes Mani­fest."(h) [übersetzt]

(a) Crowley meint die Oriflamme vom Juli 1914, 19
(b) in der Tat nennt diese Oriflamme Crowley als X° von Amerika, ein Amt, das aber nicht für ihn gechartert ist und am 10.5.1921 von C.S. Jones bis zu dessen Tod am 24.2.1950 eingenommen wird {5}. Crowley expediert den Kon­kurrenten Jones am 1.10.1934 aus seinem OTO
(c) es existiert nämlich nur eine 1912-Charta für England und Irland, teil­weise abgebildet in: AHA 8/91, 12. Crowley wird "33°, 90°, 95°, X° of London... National Grand Master General der von Uns im Vereinigten König­reich von Grossbritannien + Irland gegründeten Mysteria Mystica Maxima (M.M.M.) gemäss der Constitution des O.T.O. vom 22. Januar 1906 E.V...," unterschrieben am 24. April 1912 von Reuss, Heinrich Klein und Frau Best. Heinrich Klein stirbt am 23.6.1913 in London, John Yarker ist am 20.3.1913 in Manchester verstorben
(d) einerseits in der Oriflamme vom Juli 1914, aber zuvor schon, 1913, als 22seitige Broschüre in England zirkulierend. Dieses 1912 verfasste Mani­fest erwähnt Crowley als X° von Amerika, England und Irland. Obwohl die 1917-Reuss-Konstitution oberste Autorität hat, wird es fast wortwörtlich 1919 im Blue Equinox (Seite 201 mit der X°-Stelle) erneut publiziert und gilt als DIE Grundlage für Crowleys OTO-Zweig. 1919 sind Crowleys Geldre­serven erschöpft. Folgerichtig nimmt er nun den OTO als neue Bezugsquelle ins Visier. Es stellt sich die Frage, ob sich Reuss selber der heiklen Angelegenheit, wer nun X° von Amerika sei, bewusst gewesen ist. Crowley verlässt England am 24.10.1914. Im Mai 1915 übersetzt und publiziert Reuss dessen "Honesty is the best Policy," wo Crowley nur als OTO-Grossmeister von England beschrieben wird![140] * Francis King meint eben­falls, dass Reuss "disregarded Crowley's claim to occult supremacy in America"[141] * 1917 ruft das Manifesto vom Monte Verità zu einem "Anationalen Kongress" auf. Hier sind zwei Hauptzentren des OTO erwähnt: Ascona und New York...[142] *
(e) So intensiv kann die Zusammenarbeit nicht gewesen sein, wenn Reuss im An­hang der "Constitution des OTO" 1917 und auch in der Gnostischen Messe von 1917/18 dauernd von Master Thirion und "Thelima" spricht
(f) X°
(g) die "Zusammenarbeit" endet aber 1914 in London mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges {15}
(h) es handelt sich hier um die Jubiläumsausgabe der Oriflamme 1912, wo Crow­ley aber nur als X° von England und Irland auftritt. Falls Reuss tatsäch­lich Crowley als X° von Amerika akzeptiert hätte, warum ist dann C.S. Jones zum X° bestallt worden, der es ablehnt, Crowleys Autorität über die USA anzuerkennen?[143] *
 
Im März 1943 Crowley erneut an Smith über Reuss: "the late O.H.O., after his first stroke of paralysis, got into a panic about the work being carried on... He hastily issued honorably diplomas of the Seventh Degree to various people, some of whom had no right to anything at all and some of whom were only cheap crooks."
 
Karl Germer berichtet Carl Heinz Petersen (1912-1957) am 6.1.54, dass Crowley und Reuss sich in Palermo getroffen hätten, um die OHO-Frage zu klären. Eine Behauptung, die sich bislang nicht hat belegen lassen.
Martin Patrick Starr (geb. 1959), Koryphäe auf dem Gebiet "Crowley" {13!}, weiss von "Reuss' letter to Crowley telling the latter not to spread Thelema through the O.T.O."[144] *

oOo


Hilfiker schreibt am 14.4.1936 an Constant Chevillon (geb. 26.10.1880), den Nachfolger von Joanny Bricaud {13, 16}: "La charta original de Yarker [an Reuss] ... avait été endossée en mon nom comme son successeur authorisé." An Chevillon am 21.7.36: "Concernant la charte de Reuss qui est en possession de Tr[a]enker je vous informe que cette charta était endossée à mon nom et une dame [Clara Linke?] était chargée de me l'apporter avec les documents de cession. Or cette dame est morte en route et presque en même temps Reuss a succombé." Und doch hat sich genau diese Yarker-Charta vom 24.9.1902 im Nach­lass Hilfikers auffinden lassen. Auf dieses Datum nimmt Reuss in seinen Freibriefen, Chartas und in den OTO-Statuten Bezug, obwohl das vorliegende Pa­pier zu nichts berechtigt und Reuss "nur" in die 30°, 31°, 33° und ins Amt des "Sovereign Grand Inspector General" erhebt. Ob Reuss am selben Tag ein noch unauffindbares Papier von Yarker erhalten hat, das manchmal zitiert wird?
Hilfiker an Patriarch Chevillon am 13.6.1936: Obwohl sich Heinrich Tränker als OHO ausgebe (Arnoldo Krumm-Heller, der sich zur Zeit grad in Berlin aufhalte, interessiere sich nicht sehr dafür): "L'O.T.O. est mort avec Reuss." Im Brief Hilfikers an Chevillon vom 23.7.1936 distanziert Hilfiker sich von Crowley und schlägt vor "de considérer l'O.T.O. comme non existant." Hilfiker erweckt nun 1936 unter Chevillon das schweizerische Souveräne Sanktuarium des Memphis-Mis­raïm-Ritus unabhängig von der "Libertas et Fraternitas" wieder zum Leben[145] * und wird 1947 bei Reuben Swinburne Clymers (25.11.1878-1966) Bestreben, alle Rosenkreuzer-Orden unter sich zu vereinen {12}, aktiv; wahrscheinlich im Zu­sammenhang mit Clymers und Chevillons Bemühungen um eine Art anti-FUDOSI gegen Spencer Lewis' AMORC {5}.[146] *
Chevillon konsekriert 1939 den X° Krumm-Heller. Er wird 1944 von der Gestapo ermordet.
Hilfiker und Clymer treffen sich am 7.5.1947 und vom 1.-5.6.1948 in Zürich im Hotel Baur au Lac. Krumm-Heller wird kurz vor seinem Tode Mitglied in Clymers Rosenkreuzer-Organisation {12}.[147] *
Oscar Schlag {14} erinnert sich, Hilfiker habe sich immer als Prophet, als ein Gesandter gefühlt, und unterstützt die Hypothese, Hilfiker könnte sich als Erbe von Reuss gesehen, möglicherweise aber seine Papiere, Chartas und Orden von Reuss wegen dessen angeschlagenen Rufes geheimgehalten haben.[148] *

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Zu Margerite Faas-Brunner-Hardegger (20.2.1882-23.9.1962), in deren Nachlass sich ein Wagner-Textbuch mit Reuss' Stempel (dat. nach 1914) hat finden las­sen, sei Harald Szeemann zusammengefasst: "gelernte Telegrafistin, holt Ju­risprudenzstudium nach, 1905-1909 Sekretärin des Schweiz. Gewerkschaftsbundes, nähert sich den anarchistischen Ansichten Landauers und Mühsams,leitet in Bern die Gruppe Hammer und muss ihre Gesundheit in Ascona pflegen. 1912 wird sie wegen falscher Zeugenaussage im Prozess gegen Ernst Frick verhaftet, lebt dann mit Hans Brunner [1887-1960] zuerst in einer sozialistischen Kommune in Herr­liberg dann ab 1919 mit ihm auf dem Monte Veritá in der Villa Graciella, [dem ehemaligen Wohnsitz Karl Vesters]."[149] *
Der deutsche Kriegsdienstverweigerer Giovanni Brunner führt ein Geschäft für Kleinmöbel und Innenausbau in Minusio. Alias Sr. Hyazinte sieht sich Marge­rite Hardegger seit dem Tod Frau Sprengels 1947, rivalisierend mit Genja Jantzen, als deren Rechtsnachfolgerin. Ein Kampf um das Amt des Meisters vom Stuhl hat die Hardegger auch mit der Sprengel schon entzweit.[150] *
In der nahegelegenen Villa Verbanella lebt Frau Dr. Appia (eine Verwandte des Bühnenreformators auf dem Monte Verità?), die sich für ihre Meditationen einen Tempel bauen lässt und, aus den USA zurückkehrend, angeblich ein amerikani­sches, anonym erschienenes und nicht näher bekanntes Buch "Meister im fernen Osten" übersetzt hat. Bei ihr ist die Ex-Geliebte des Grossmeisters der Fra­ternitas Saturni, Eugen Grosche, Frau Hanne Wildt, die auch bei Frau Hardegger zuweilen wohnt. Grosche {6} ist 1937 Gast bei den Damen der Tessiner OTO-Loge gewesen, mit der nicht die aufgelöste "Veritá Mistica" gemeint sein kann. Die Frage bleibt offen, wo der Hauptsitz des schweizer OTO ist. Hilfikers Geliebte Frl. H.Walder in Zürich und eine Frau Billwiler sind beide gegen Genja Jantzen eingestellt.[151] *
Eugen Grosche erzählt ausserdem von einem Dr. Maag.[152] *

Felix L. Pinkus

Dr. phil. Felix Lazerus Pinkus ( 13.8.1881 in Breissgau/Preussen - 12.2.1947), ist an der Universität Breslau eingeschrieben für Nationalökonomie und Natur­wissenschaften und promoviert mit "Die moderne Judenfrage." Er gehört dem All­gemeinen Zionistenverband an. 1907 stellt ihn das Stadttheater Lindau als Dra­maturg ein. 1908 nimmt er zusammen mit seiner Frau Elsbeth Flatau ein gemein­sames Engagement am Volkstheater in Zürich an und wird alsbald Lehrer am Pri­vatgymnasium Minerva. 1910 wird Pinkus Redakteur der Schweizerischen Zeit­schrift für Jugenderziehung, 1914-18 Redaktor der Wirtschaftszeitung "Economist" und übernimmt die Präsidentschaft des Zionistenbundes Zürich. 1918 verfasst er die Broschüre "Von der Gründung des Judenstaates" und erleidet mit seinem Finanzgeschäft Konkurs. Daraufhin wird Pinkus in Wien verhaftet und muss sich vor den Behörden Zürichs verantworten.[153] * Er setzt sich nach Alba­nien ab. 1931 findet sich die Familie wieder in Berlin zusammen. Pinkus wird Wirtschaftsexperte in der Handelsvertretung der Sowjetunion. "Dem eigenwilli­gen jüdischen Bürgertum Preussens entsprungen, bemüht einen bankiersgemässen Lebensstil mit einer 'liberalsozialidealistischen' Weltanschauung zu verbin­den" führt Pinkus mit seiner Frau einen aufwendigen Haushalt in seiner Zürcher Villa "Krystall," der keine kulturellen Verlockungen auslässt. Er ist ausser­dem aktiv in der Loge Bnai Brith[154] * und zeitweise Journalist beim Völkerbund.

"IX° O.T.O." F.L. Pinkus wird Gründer und Sekretär der Sektion für Psychische Forschung der Schweizerischen Kulturgesellschaft und gründet 1945 in Zürich eine "Psychosophische Gesellschaft" {10}, um "esoterische Werte und psychische Hilfe zu vermitteln" {9}.
Um Pinkus/Elieser: Hilfiker und sein Adlatus Reichel, Merlitschek, Baumgart­ner aus Aarau (Loge zur Treue), Struppler und Karl Brodbeck vom Illuminaten-Orden {11}.
Der zum Kreis gehörende Ingenieur Traugott Egloff aus der Badenerstrasse in Zürich interessiert sich sehr für die Abramelin-Beschwörungen und macht sich diesbezüglich in den brasilianischen Dschungel auf, wo er angeblich spurlos verschwindet und am Karfreitag 1969 stirbt.[155] * Zeit seines Lebens hat Egloff Kontakt mit C.G. Jung (1875-1961) gehalten. In Band Drei von Jungs Briefsamm­lung finden sich vier Briefe Egloffs.[156] * Dessen Beitrag zur Esoterik besteht in einem Manuskript mit dem Titel "Zauberei, eine Studie über das Besprechen. Die Kunst des Heilens und des Wirkens durch das gesprochene oder geschriebene Wort."[157] *

Frater Paragranus

H.J. Metzger {9} wird 1943[158] * alias Paragranus von Genja Jantzen und Alice Sprengel im Tessin (oder Davos?) initiiert.[159] * Die Jantzen fungiert nur als Ja-Sagerin.[160] * Unter Pinkus durchläuft Metzger die drei unteren Reuss-OTO-Initiationsrituale {9} und "die Grade I-IX."[161] *
 
Frau Alice Herder (geboren 1902), seit den 20er Jahren Theosophin, erinnert sich lebhaft an die Zeit, in der Pinkus als jüdischer Flüchtling in die Schweiz gekommen und ungefähr 10 mal in der Zürcher Theosophischen Gruppe ak­tiv geworden ist. Diese unorganisierte Gruppe habe Pinkus niemals akzeptiert, da seine Ideen zu revolutionär gewesen seien, worauf er eine eigene Gruppe ge­bildet habe. Pinkus' magische Grundlage basierte auf Eliphas Lévi (1810-1875). Auch Metzger "studierte [Lévis Bücher] in französisch, italienisch und deutsch."[162] *
Bald habe Pinkus Metzger, alias Peter Mano, 2-3 mal in die Theosophengruppe gebracht, dieser sei jedoch nur an geschäftsmässiger Werbung für seine Horoskope interessiert gewesen.[163] * In der Tat habe Frau Herder beide, Pinkus und Metzger, als "charakterschwache Schwarzmagier" empfunden, und vor allem Metzger habe ihr jedesmal Gänsehaut verursacht, wenn er sich neben sie gesetzt habe. Wie Pinkus sei Metzger bald von der Theosophengruppe "abgefallen," er sei doch nur "ein komischer Kerl, der sich in alles ohne Ernst hineinbegab" gewesen. Die Leute, die Metzger mitgebracht habe, sind für Frau Herder "Zirkusleute, Schauspieler," "heisse Luft, ohne Tiefe," gewesen.
Frau Herder weiss sich zu erinnern, dass Metzger von Pinkus zu seinem Nachfol­ger auserkoren worden sei und deshalb schon zu Lebzeiten dessen magische Kri­stallkugel erhalten habe.[164] *
 
Der Sohn von F.L. Pinkus, Theo Pinkus: "Ich habe nicht davon Kenntnis genom­men, dass er [der Vater] bestimmte Funktionen in dieser [sic] OTO hatte. Ich wusste nur, und darüber erzählte er mir auch, dass er viele Vorträge in den theosophischen Kreisen gehalten und dort auch immer wiederholt hatte, (was ihn auch mit Herrn Metzger verband) dass eigentlich die theosophischen Ideale nur in einer kommunistischen Gesellschaft Wirklichkeit werden könnten und man des­halb für eine solche kämpfen müsse."[165] *
 
Als Frau Sprengel und sein "geistlicher Vater" Pinkus 1947 sterben, erleuchtet Metzger in Zürich seine eigene OTO-Loge. Eine der Anwesenden an Metzgers Initiation, Gundula Bader (deren Mutter, eine V°, Frau Jantzens Superiorin ge­wesen sei) hält es "für unwahrscheinlich," dass Metzger je die originalen Sprengel-Dokumente erhalten habe,[166] * die ja (in der Anwesenheit von Oscar Schlag {14}) an Genja Jantzen geschickt worden seien.[167] *
Metzger beschreibt die Ereignisse folgendermassen: "Die letzten Reste eines Landeszweiges des OTO lagen also in den Handen von Dr. P. und jener Frau Sprengel... Durch eine besondere Anrufung, bezw. ein bed. Ritual, haette das ganze verjuengt werden sollen um damit die Pforte zur geist. Welt und einem neuem Impuls zu eroeffnen. Dabei spielte die juengere Freundin der Frau Sprengel eine bes. Rolle und versagte, worauf dann kurze Zeit spaeter, jedoch nicht bevor Dr. P. die Dinge in m. Haende gelegt hatte und alles Wesentliche in den Haenden dieser Frauen vernichtet wurde, Dr. P. in das Lichtreich einging. Zu sagen ist, dass die Freundin von Frau Sprengel [Jantzen?] weder von der Stellung und Mission m. Vaetl. Freundes [Pinkus] noch von mir wusste." Metzger bezeichnet die angebliche Linke/Hofmann-Charta als seine Grundlage. Dort wird von "Helvetiae in generale" gesprochen. In den Ritualen des Metzger­schen "Orient Thuricensium O.'.T.'.O.'." taucht der Begriff "Veritas Mystica Maxima" auf, der aber in der aktuellen Version durch "Loge Thelema" ausge­tauscht worden ist.
"Später versuchte sie [Jantzen?] mit Zuzug einer Freundin eine selbständige Gruppe aufzubauen, indem sie behauptete von ihrer muetterl. Freundin [Bader?] die Konstitution zu haben und rechtmaessiger, oberster Pontifex des Ordens zu sein, bezw. alleiniger Herr und Meister. Diese Konstitution, auf welche sie sich beruft, enthaelt aber nur die Ermaechtigung fuer die 3 ersten Grade und wurde ihr nie rechtmaessig uebertragen."[168] *
 
Was etwas wundert: Metzger will in der Davoser Loge unter Alice Sprengel (Charta von 1921) initiiert worden sein, beruft sich auf die Linke-Hoffmann-Charta von 1918 und kennt Theodor Reuss' Übersetzung von Crowleys Gnostischer Messe noch nicht, die schon 1917 auf dem Monte Verità und dann 1920 in Zürich im Tempel der "Libertas et Fraternitas" verteilt worden ist.
Als Metzger via Hilfiker Freimaurer werden möchte, wird sein Gesuch nicht wei­tergeleitet. Hilfiker "warnt" am 17.9.1951 den Basler G. Imhof vor Metzger, der zwar eine bewegte Vergangenheit als Kommunist habe, esoterisch aber nur als Streber anzusehen sei. Ausserdem entsprängen "seine Absichten nicht ganz reinen Motiven." Ob Hilfiker sich da wohl an Metzgers Motto Paragranus erin­nert, das sich stark an dasjenige von Reuss, Peregrinus,[169] * anlehnt - und sich sogar in Metzgers Unterschrift die Mottos, zumindest auf der angeblichen Reuss-Charta von 1918 an Linke/Hoffmann, sehr ähneln?

1963 bezeichnet Metzger Frau Sprengel als "älteste Schwester des Ordens," was er im selben Jahr auch von der 1962 verstorbenen Frau Hardegger behauptet. Eine Frau M. Leutenegger inseriert in Metzgers Oriflamme 1962 für die Villa Aurora als Ferienort im Tessin. Als Karl Vester (geb. 1879) am 24.9.63 stirbt, wird er von Metzger mit einer kleinen Todesanzeige gewürdigt. Vester wurde Verwalter des Monte Verità-Besitzes nach Ödenkovens Auszug und ist von Metzger besucht worden.[170] *
 
Hilfiker stirbt am 15.10.1955. Laban de Laban ist am 1. Juli 1958 in England, Mary Wiegmann 1973 auf dem Weg zum Monte Verità und Oskar Bienz am 28.Juli 1988 in Johannesburg verstorben.[171] *

Crowleys OTO und die Freimaurerei

1900 erhält Crowley in Mexiko den 33°. In Paris erwirbt er den "Master Mason" am 17.12.1904. Da die französische Grossloge von England nicht anerkannt wird, ist demzufolge Crowley nie regulärer englischer Freimaurer geworden.[172] * Als ihm Reuss 1910 den VII° anbietet, ist das nur eine Bestätigung des 33°, der im OTO als VII° gilt, aber ebenfalls irregulär ist. Trotzdem sieht sich Crowley als "sole and supreme authority in Freemasonry" (so in seinen OTO-Aufnahmefor­mularen, z.B. für den australischen Zweig).

"The O.T.O. is so to speak the quintessence of Freemasonry and is run on strictly masonic lines."[173] * "So far as the OTO is at all concerned with FM, it is that the whole of the knowledge of the 33. of the Reduced Rite is incorporated in the first seven degrees of the OTO."[174] *
"Many older branches of the O.T.O. especially those that did not adopt the M.M.M. Rite of Crowley, would admit 33° masons to the VII° directly, considering the 33° to be equivalent to what we call VI°. This accounts for high incidence of VII° members in such groups. Of course, the entire value of the Thelema Rite of M.M.M. is lost in them, and they could scarcely be ex­pected to adopt and work without having undergone it, but nevertheless that it was done at the time. We require 33° masons to take Minerval [0°] and continue from there, since it is not the same system any longer, although it does include the older Rites in a thelemic fashion. But in the old days you have passed through ordinary freemasonry to become an O.T.O. member. One of the most important changes Crowley introduces was to revise the entire FM system along thelemic lines. Which of course requires that the thelemic O.T.O. derived from Crowley performs initiation within the O.T.O. proper, and not simply accept 33° from other systems to our system or (as Crowley once proposed in the Blue Equinox) III° masons to our III°."[175] *
 
Vereinigte Grosslogen von Deutschland: "Bei dem orientalischen Templerorden handelt es sich um eine Organisation, die Männer und Frauen aufnimmt und daher nach den Massstäben der Weltfreimaurerei irregulär ist."[176] *
Allgemein sieht die Freimaurerei den OTO/IO als paramaurerischen Cerneau-Ri­tus.[177] *



5. Von denen Buchhändlern und Grossmeistern


Heinrich Tränker


In den Enstehungswirren der Theosophie in Deutschland ist Heinrich Tränker (geb. 6.8.1880) Verlagsinhaber und Buchhändler der "Theosophischen Zentral­buchhandlung" in Leipzig. Nach dem Ersten Weltkrieg (Ende: November 1918) muss die TZB Konkurs anmelden und Tränker scheidet aus der Leipziger Theosophen­gruppe aus.
1919 nimmt Tränker via Franz Hartmann brieflich Kontakt mit Reuss auf[178] * und gründet zusammen mit A.A. Otto und Otto Wilhelm Barth 1921 in München die "Lotus-Gesellschaft," die sich vor allem mit den Lehren Franz Hartmanns be­schäftigt {3}. Hartmann soll aber Tränker nie ganz getraut haben.
1920/21 kreieren Tränker und seine Frau Helene die "Pansophie." Zu dieser Zeit hat er von Reuss, ohne ihn jemals zu treffen, eine deutsche X°-OTO-Charta be­kommen. Tränker, der Henkelkreuzmann, legt sich, neben Tartarus, eine Reihe zoologischer Namen zu: Recnartus, Greif, und Garuda (der Vogel Wischnus).
1922 stösst Karl Germer, den er schon 1919 in Leipzig erstmals getroffen hat, zum "Collegium Pansophicum." Dieser, als Maschinentechniker, finanziert die Logenpublikationen und wird dafür alias Saturnus zumindest theoretisch in die Esoterik eingeführt. Tränker kontaktiert Eugen Grosche, der nun die Panso­phische Loge, Orient Berlin, installiert. Erster Stuhlmeister wird der UFA-Ar­chitekt Albin Grau/Pacitius {6}.
Wahrscheinlich setzen sich die Mitglieder aus der "Rosenkreuzergesellschaft Franz Hartmann" und der "Heindl-Bewegung" zusammen.[179] * Mitglieder der Theoso­phischen Gesellschaft (TG) werden nicht ohne weiteres Mitglieder der Panso­phia.[180] *
 
Nach dem Tod Reuss' 1923 holt sich Tränker bei der Witwe die Ordensunterlagen, deponiert sie bei O.W. Barth, wo sie Frau Reuss jedoch bald wieder abholt.[181] * Über seine esoterischen Aspirationen berichtet Tränker fleissig dem amerikani­schen X°, C.S. Jones (alias Fr. Arctaeon alias O.I.V.V.I.O alias Parzival alias Achad). Der OTO als solcher habe "no particular value" für ihn,[182] * er selber sei der Führer aller Organisationen im Hintergrund. Nach aussen solle entweder C.S. Jones oder Crowley als OHO fungieren. So wird Crow­ley, zur Zeit in Tunis, nach Deutschland eingeladen.
"Liber I, Das Buch der Null-Stunde," vom Logensekretär Eugen Grosche signiert, verkündet in "Mitleidloser Liebe": "Das Ende naht! ... in dieses Vakuum fliesse ein das Gesetz: Tue was du willst."[183] * So taucht nun am 22. Juni 1925 die Personifikation dieses Gesetzes, Crowley, in Tränkers Haus in Hohenleu­ben/Weida auf und wird, anfänglich unterstützt von Mudd, Hirsig, Olsen, Ger­mer, Martha Küntzel und deren Geliebten Otto Gebhardi,[184] * zum Weltheiland aus­gerufen. Karl Germer fungiert als Dolmetscher (über ihn gleich mehr). Max Schneider übersetzt Crowleys "Buch des Gesetzes."
Bald zieht Crowley zu Germer, macht diesen zum IX°, denn immerhin hat ja Ger­mer seine Reise nach Deutschland bezahlt, und lässt verschiedene "Stellungsnahmen gegen Tränker" zirkulieren. Ob Crowley sich mit Tränker zer­stritten hat, weil Tränker wichtige Reuss-Unterlagen besessen hat, bleibt un­geklärt.[185] *
Allein Germer und die Küntzel sind dem Weltheiland treu geblieben. Alle ande­ren haben ihre Wahl Crowleys zum OHO widerrufen.[186] * Angeblich habe Tränker bei der Polizei um einen Ausweisungsbefehl gegen Crowley/Therion nachgesucht und eine magische Beschwörung gegen Crowley vollzogen, um "diesen unschädlich zu machen." Darüber empört, fordert Albin Grau Tränker auf, das Grossmeisteramt der Pansophischen Loge niederzulegen. Da Tränker aber nicht weicht, erfolgt in "ritueller Feierlichkeit die Auflösung" der Pansophie in Berlin, der Bruch Graus mit dem OTO Tränkers, und zusätzlich die Absplitterung des Berliner Pan­sophischen Arbeitskreises "Fraternitas Saturni" von der Pansophie {6}.

Stellungnahmen zu Heinrich Tränker[187] *
1. Briefentwurf Crowleys an Tränker (November 1924)

"Zur jetzigen Zeit gibt es keine kontinuierlich arbeitende Organisation mit einer authentischen Tradition.
 
Abschnitt III.
Es muss ganz klar herausgestrichen werden, dass ich persönlich keine Beweise historischer Authentizität brauche.[188] * Einerseits halte ich nicht viel von Ge­schichte und anderseits überzeugt mich meine Autorität über die AA völlig, da der OTO ja die Tradition der AA nur auf einer geringeren Ebene weiterführt.
 
Klar ausgedrückt geht es um folgendes: Es ist mein Wahrer Wille, das Gesetz von Thelema auszubreiten, und zu diesem Zweck möchte ich Kontrolle über alle existierenden Bewegungen erhalten.
Beziehung zwischen mir, Aleister Crowley, und Heinrich Tränker
Abschnitt C. Im Herbst 1924 schrieb mir mein damaliger amerikanischer Stell­vertreter [?] C. Stansfield Jones, dass er mit einem Heinrich Tränker Kontakt aufgenommen habe.
(5) Tränker führte einen Teil seiner Autorität auf den verstorbenen Theodor Reuss/Merlin[189] */Peregrinus zurück. Ich kannte Reuss und wusste, dass er Deutschland als Folge eines Skandals im Zusammenhang mit seinem Orden [OTO] verlassen hatte [XI°].
Er lud mich als Sommergast in sein Haus ein. Zwei Gründe waren ausschlagge­bend. Erstens sollten verschiedene Brüder des Ordens aus dem ganzen Lande ebenfalls eingeladen werden, damit ich zum Absoluten Oberhaupt des Planeten ausgerufen werden konnte.
Zweitens wollte man sich in einigen ungeklärten Punkten über Theorie und Pra­xis des Werkes näherkommen und nach meinen von Karl Germer übersetzten Anwei­sungen arbeiten.
 
Abschnitt E.
Die zunehmende Unbequemlichkeit in Hohenleuben zwang uns, immer mehr Zeit in Herrn Germers Haus in Weida zu verbringen.
Statement betreffs Heinrich Tränker
...Sein Benehmen war dermassen empörend, dass er sogar bei der Polizei ange­zeigt werden musste. Er entkam nur mit knapper Not einer Verhaftung.[190] * Er übernahm nun aus einer meiner Publikationen eine Auflistung der Orden, die ich selber repräsentiere, und machte sich selbst zum Grossmeister."
[übersetzt und gekürzt][191] *

Ein Nachwort zu Karl Germer[192] *

H.C. Birven

"Ich habe damals [1924] schon mit Barth, der ein gebildeter Mann war, korrespondiert und ihn persönlich kennen gelernt. Aus welchen Gründen H. Tränker bald darauf nach Berlin zog, wo er eine Zeitlang unweit vom Halleschen Tor in einer Dachwohnung zusammen mit Barth wohnte, ist mir unbekannt. Letzte­rer war damals mittellos, er brachte mir häufig Bücher, die ich bei ihm be­stellte, zu korrekten Preisen. Nach einem Besuche in dieser Dachwohnung be­gleitete mich Frau Tränker, eine Wirtstocher, ein Stück auf die Friedrich­strasse. Sie war nicht unsympathisch und half dem ungewandten Tränker bei schriftlichen Arbeiten. Aus Andeutungen konnte ich entnehmen, dass ihr eheli­ches Verhältnis bereits getrübt war, da sie kinderlos blieb.
Einige Zeit später, als ich in B. Hermsdorf wohnte, stellte ich zufällig fest, dass auch Tränker daselbst eine Wohnung bezogen hatte. Da konnte ich seine riesige Bibliothek bewundern. Es war das im Anfang der Nazi-Regierung. Ich nahm auch wahr, dass Tränker unter dem Diktat seiner Frau schrieb; er selbst kam nie mit sich ins Reine. Es fand nun auch ein häufigerer gegenseitiger Ver­kehr statt. Dann als ich zufällig bei Tränker vorbeikam, sah ich, wie bei strömendem Regen die ganze Bibliothek auf 6 Lastwagen verladen wurde; nicht ein Stück Schreibpapier, nicht eine einzige Schreibfeder hatte man ihm gelas­sen. Er wurde mitgenommen, verhört und geschlagen, er hatte eine Wunde am Auge. Am Abend, nach dem Verhör, kam Tränker zu mir und erzählte die Schurke­rei... - Da Tränker sich bald darauf von seiner Frau, die kinderlos blieb, trennte, wurde vermutet, dass diese ihn angezeigt habe.
Tränker heiratet in zweiter Ehe eine ganz junge Frau, die ihm mehrere Kinder gebar. Auch von dieser trennte er sich nach Jahren, um eine dritte Frau zu ehelichen. Auf seinen Wunsch war ich der eine der beiden Trauzeugen. Später war Tränker wieder im Besitz einer stattlichen Büchersammlung, die ihm von seinen Anhängern überlassen worden war. Tränker war im Grunde ohne Bildung, er kannte genau die Titel seiner Bücher und was in Katalogen darüber zu lesen war, aber er war ein blosser Büchernarr und als solcher glücklich.[193] *
Im August 1925 erschien Crowley, der sich damals in Afrika befand, zu einem Besuche bei Tränker in Weida. Er folgte damit einer Einladung von Tränker, der von ihm gehört hatte. Crowley erschien aber mit hohem Gefolge seiner Anhänger Dorothy Olsen, Norman Mudd und Leah Hirsig... Nach einigen Tagen wurde ein Zeugnis der Suchenden abgefasst, das den Crowley als Lehrer der Welt be­zeichnete, abgefasst und von folgenden Personen unterzeichnet: Heinrich Tränker. - Helene Tränker. - Karl Germer. - Dorothy Olsen. - Norman Mudd. - Leah Hirsig. - Martha Küntzel. - O.G.-
Zu einer vollen Auswirkung dieses Zeugnisses kam es jedoch nicht, da das Ehepaar Tränker als die finanzielle Stütze nach wenigen Tagen seine Unter­schrift widerrief. Am 24. Februar 1926 widerrief auch Mudd; desgleichen am 18. August 1927 Leah Hirsig. Die schriftlichen Absagen von Mudd und Hirsig haben mir vorgelegen.[194] * Dagegen sind Germer und Martha Küntzel dem Meister lebens­länglich treu geblieben. Der O.G. hatte nur Frau Küntzel zu Gefallen unter­zeichnet. Dorothy Olsen war längere Zeit eine Geliebte Crowleys. Germer lernte also Crowley erst 1925 kennen."

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Tränker trennt sich 1925 nicht nur von Crowley, sondern auch von seiner Frau, von der Tränker nun behauptet, sie sei nicht Ordensmitglied, nimmt sich eine Geliebte ("mein Schatzi" Sr. Jehewidah?) und zeugt mit dieser zwei Kinder. Seine Frau zieht die Polizei mit ins Spiel und klagt ihren Ex-Gatten "verabscheuungswürdiger, sexueller Perversionen" an.[195] * Tränker wird ebenfalls gerichtlich von Karl Germer belangt, der wieder etwas von dem Geld sehen möchte, das er in Tränkers Publikationen und seine Übersetzungen gesteckt hat, da Tränker "did not invest a Pfennig into Pansophia."[196] *
Germer schlägt sich definitiv auf Crowleys Seite und wird ihn bis zu dessen Lebensende finanziell unterstützen. Das oben erwähnte " Collegium Pansophicum was an invention of Tränker's. He used the term partly to bluff other people; he hinted darkly at a body of high Initiates in distant countries whose agent for Germany, if not Europe, he claimed to be. These initiates never revealed themselves to him. The C.P. actually stood for Tränker and myself," so Ger­mer an Max Schneider am 8.11.1935.
Der Juwelier Max Schneider/Viator/687 (ein IX°, da im Besitze von Crowleys "Emblems and Modes of Use"), ehemaliger Freund Tränkers (von ihm hat Tränker Crowleys Adresse), lebt in Antwerpen, wird 1935, zusammen mit W.T. Smith, Mit­begründer der 2. Agape Loge in Kalifornien {13}. Crowley, der Schneider nie getroffen hat,[197] * schreibt diesem im Juni 1934: "I advice strongly against starting O.T.O. until I am personally present. This time it has got to be done correctly right." Crowley ist jedoch zeit seines Lebens in keiner Agape Loge gewesen {13}.

Der spätere Gründer der deutschen Freimaurerforschungsloge "Quatuor Coronati," der Nervenarzt Bernhard Beyer (1879-1966), veröffentlicht 1925 in Tränkers im­mer noch existierenden Pansophie-Verlag ein 7-bändiges "Freimaurer-Museum," darunter auch Rosenkreuzer-Werke von Franz Hartmann.[198] *
 
Tränker wohnt in Gera/Thüringen, in seiner "Waldeinsamkeit." Die dortige pan­sophische Loge nennt sich "Zum hütenden Greif," Aufnahmegebühr: 4 Mark. Am 5.12.1926 wird die Loge "Zur siegenden Morgenröte" in Königsberg erleuchtet.

 Recnartus versucht 1928 in der Zeitschrift "Pansophia", "Zentral-Organ des Collegium Pansophicum... Korrespondenzblatt... des O.T.O.," als "neue, voll­kommen gesetzmässige Oberleitung, Nationaler Grossmeister für Deutschland" folgende Organisationen für sich zu beanspruchen und unter seiner Jurisdiktion zu vereinen: "Alter und Primitiver Schottischer Ritus der Freimaurerei von Deutschland, Swedenborg Ritus der Maurerei, Orientalischer Templer Orden, Her­metischer Orden der G[oldenen] D[ämmerung], Der Misraim Ritus 90°, Der Orien­talische Memphis Ritus 97°, Der alte u. angenommene Ritus von Heredom, Die hermetische Bruderschaft des Lichts, Fraternitas Rosae Crucis etc., Neue Gno­stische Kirche, Neuer Illuminat."[199] *
 
Hinweise auf das Gesetz von Thelema lassen sich in den vielen Schriften Tränkers, abgesehen von kryptischen Anspielungen auf Pan, Babalon oder "das hochheilige Buch" des Gesetzes (Liber AL), nur vereinzelt finden. Trotzdem gibt er seinen Schülern dieselben bibliographischen Anweisungen, die Crowley seinen AA-Studenten aufgibt (Liber XIII).
Der Gradaufbau der Pansophie weist 10 Stufen auf.[200] * Die "Sexualmysterien," gemäss dem thelemitischen Kernspruch nach Reuss'scher Übersetzung "Liebe ist das Gesetz. Liebe unter der Kontrolle des Willens!" sprechen z.T. deutlich aus, was Crowley zum Beispiel in Sachen Vaginalsekrete nur andeutet.[201] * Die internen Manuskripte und Rituale unterzeichnet Tränker mit "O.H.O."

Harvey Spencer Lewis

Spencer Lewis/Profundis hat am 1.4.1912 den "Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis (AMORC) gegründet (auf den hier aus Platzgründen nicht näher eingegan­gen wird) und ist mit einem Theodor Reuss-Papier vom Juli 1921 "Honorary Member... for Switzerland, Germany and Austria" des OTO geworden. Auf diesem Diplom sind neben dem OTO-Siegel auch der Pansophie-Stempel Tränkers zu sehen.
Lewis schreibt an M.Carl am 16.2.1934 über Reuss, dieser sei der "secret chief of the OTO and the Oriental Pansophia" gewesen. Ebenfalls verwendet Krumm-Hel­ler in seinen Briefköpfen der 20er Jahre u.a. die Bezeichnung "Societas Panso­phia" {12}.
Nicht an die zuerst in seiner Charta genannte Schweiz wendet sich Lewis, son­dern an Heinrich Tränker. Im August 1930 planen die beiden ein "Pansophia In­ternational Rosicrucian Council," verschicken als OTO und AMORC eine "Second Fama" ("kommet alle herbei - tretet ein! ... 33° 90° 96° X°)," was aber alles nur Schachzüge in Lewis' Bemühen um Legalität seines AMORC sind.[202] *
1931 nennt sich Tränkers Organisation zuerst "Pansophische Rosenkreuzer-Grossloge zum Hütenden Greif," am 19.9.1931 dann "Pansophische Rosenkreuzer­loge zur Weltenesche." Ihr ist kein langes Leben beschieden.
Bald macht Lewis im April 1933 Tränker lächerlich[203] * und veranstaltet 1934 die FUDOSI (Federation Universalis Dirigens Ordines Socientesque Initiatiques), wo auch Vertreter der Église Gnostique Universelle {15} teilnehmen. "The term Pansophia is referred to as a division of the Rosicrucian studies and work and not as a separate school or a separate organisation."[204] *
 
Die FUDOSI, allein einberufen, um Lewis' Ansprüche auf rosenkreuzerische Lega­lität seines AMORC zu untermauern, wird nach Erfolg wieder aufgelöst - ruft aber Reuben Swinburne Clymer auf den Plan, der als Gegenzug alle allein ihm freundlich gesinnten Rosenkreuzer-Organisationen unter seinem Hut zu vereinen sucht {4, 13}. Die französische Literatur gibt erschöpfend Auskunft über die FUDOSI. Es sei hier allein auf Serge Caillet: "Sar Hiéronymus," Paris 1986, und R.S. Clymers Bücher verwiesen.

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1932 gründet Tränker in New York die "Societas Pansophia Universalis."
Ab Mitte April 1935 publiziert Tränker von Kalifornien und Illinois aus seinen "Pansophic Intellectualizer," wo auch G.W. Surya (1873-1949) Artikel verfasst. Die Statuten und die Zeitschriften erscheinen unter dem Siegel "Universal Pan­sophic Society, North America/Mexico Societas Pansophia Universalis." Der Stempel erinnert stark an Reuss' SOTOM.[205] *
 
Mit C.S. Jones wird reger Kontakt gehalten; Tränker übersetzt dessen wichtig­ste Bücher ins Deutsche.[206] * Am 1.10.1934 verstösst Crowley Jones, der zur Rö­misch Katholischen Kirche übertritt, um sie von Thelema zu überzeugen. Am 8. April 1948 verschickt C.S. Jones "An open letter," in dem er "the sixth day after the Incoming of the Aeon of Truth and Justice" [Maat/Ma-Ion] verkündet. Er gründet die "Fellowship of Ma-Ion."

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Obwohl Tränker seit 1921 legaler OTO-Grossmeister (X°) für Deutschland ist, besitzt Germer einen Crowley-Brief zur Ernennung zum "Grand Master General" (X°) über die "German Speaking Peoples" von 1941. Die Frage der OTO-Souveräni­tät sieht der Crowleyfreund- und experte Gerald Yorke in einem Brief an Germer so: "Jones and Tranker's X degrees go back to Reuss and not to A.C. They therefore in the Constitution of the O.T.O. are the ones who establish the next O.H.O., and even if you are X degree from Crowley, they can outvote you in a council to choose the new O.H.O. They could then appoint their own Treasure General, and he could I think lay legal claim to the effects and the copyright," 3.7.1948 (ein halbes Jahr nach dem Tode Crowleys). Dies dürfte die Unsicherheiten Germers betr. seines OHO-Amtes erklären und die Zurückhaltung Metzgers und Germers in Europa bis zum Tode Tränkers 1956. Dieser Brief würde bestätigen, dass jeder Crowley-OTO jedem Reuss-OTO untergeordnet wäre.[207] *
C.S. Jones stirbt am 24.Februar 1950, was Germer etwas aufatmen lässt.[208] *
Von Buenos Aires aus erscheint nun die Pansophische Zeitschrift "Aus der Schatzkammer des Wissens und Glaubens."

Metzger unterhält zunächst freundschaftlichen Verkehr mit Heinrich Tränker, dessen Adresse er via Buchhändler Paul Dörge Ende Juli 50 von Grosche/Gregorius persönlich in Berlin erfahren hat {6}. Metzger fährt spornstreichs hin, weil der Henkelkreuzmann sich selbst ja als Nachfolger von Theodor Reuss sieht, was ihn zum "ernsthaftesten Gegner" mache.
Tränker soll nichts von Metzgers Beziehungen zur Fraternitas Saturni wissen. Einerseits ist die FS 1926/28 im Streit aus der Pansophie hervorgegangen, an­dererseits fürchten Metzger und Grosche einen Gerichtsprozess, falls Tränker auf die Herausgabe von Papieren pochen würde, worauf er als Supremum Sanctua­rium Recht hätte. Zum Schutz vor Tränker wird der Metzger-OTO in Deutschland in den 18. Grad[209] * der nun auf 33 Grade aufgeblasenen FS eingebaut. "Dann steht [juristisch und magisch?] die Loge [FS] davor und er kann an diese Kör­perschaft nicht angehen. Als eingetragene Vereinigung geniesst sie gesetzli­chen Schutz," meint Gregorius am 27.10.50.
Und doch hofft Metzger, dass Recnartus eines Tages von seiner Meinung, der "Pontifice" des OTO zu sein, abkomme. Von ihm gewinnt Metzger nun Einblick in die Papiere des OTO und verkracht sich daraufhin mit Tränker, weil er diese Schriften ungefragt "mit nach Hause nahm, um sie in aller Ruhe zu verdauen."[210] * Metzger hat Tränker mehr zu fürchten als Grosche, worauf die­ser beschwichtigt, Recnartus habe zwar seine Versandbuchhandlung und viel­leicht Kontakte nach Westberlin, der Schweiz und Südamerika (Krumm-Heller oder Gabriel Montenegro {12}?), aber die Pansophie sei doch völlig unbedeutend.
Nichtsdestotrotz hat Tränker 1950 "junge, intelligente und tatkräftige Freunde an der Hand, die besonders in bezug auf pansophisches Gedankengut regsam sind."[211] *
 
Enger Freund Tränkers (und auch Friedrich Lekves {7}) ist Walter Studinski/Waltharius (geb. 9.11.1905), der im September 1954 nach sechs Jah­ren Mitgliedschaft aus der FS ausscheidet[212] * und die bald scheiternde Neugrün­dung "Mystischer Kreis Kether zum leuchtenden All" unternimmt. Wie sein Freund Tränker findet Studinski, dass Crowleys Weg "bestimmt nicht jener Weg zu Gott, den die alten Rosenkreuzer gingen" war.
Über Metzger weiss Studinski, dass er via Tränker "nur Nachteiliges erfahren habe."[213] * Entsprechend verschickt der schweizer OTO im Frühjahr 1962 ein Rund­schreiben, in dem man sich deutlich von Grosche, der FS, der Pansophie und eben Studinski distanziert.[214] * Dazu Studinski: "es war mir völlig gleich."[215] * Im August 1964 versteift sich Metzger darauf, dass Tränker kein OTO-Mitglied gewesen sei.[216] *
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt 1949 der Ingenieur Martin Er­ler/Albinus (geb. 24.6.1920) den AMORC in Deutschland. Metzger bezieht des­sen Fernkurse, was er als "freundschaftlichen Verkehr" bezeichnet.
Erler gibt 1954 sein Amt als Grossmeister des AMORC ab und gründet mit einigen Interessierten 1956 im Raum München die ORA (Ordo Roseae Aureae), die sich aus Mitgliedern der FS zusammensetzen soll.[217] * Am 16.12.1959 wird der AMORC man­gels Mitgliedern von Amts wegen gelöscht.[218] *
Im Verlaufe der Gerichtsverhandlungen zwischen Walter Englerts IO/OTO e.V. in Frankfurt und Metzger um das Recht der Namensführung {11} versucht Englert 1970 Erler zur Weitergabe von Material über den OTO/Stein, das dieser angeb­lich in seinem Archiv aufbewahre, zu bewegen. Erler, in mancher Beziehung dem IO/OTO kritisch gegenüberstehend, lehnt es jedoch strikt ab, in diese "unsinnigen Querellen" mithineingezogen zu werden.[219] *

H.C. Birven

Henri Clemens Birven, geb. am 10.1.1883 in Aachen, ist Dozent als Elektroinge­nieur, hat aber in Berlin Philosophie studiert und am 22.2.1913 mit einem Werk über "Kants transzendentale Reduktion" promoviert.[220] * Wohnhaft in Berlin, gibt er "Preussen" als Staatsangabe an.[221] * Im Ersten Weltkrieg ist Birven in russi­scher Gefangenschaft in Sibirien gewesen, hat aber über China flüchten können und ist Studienrat an der Humboldtschule in Berlin-Tegel geworden.
Ab 1927 gibt Birven die Zeitschrift "Hain der Isis" heraus, in der er, ver­traglich seit dem 1. und 2. Juli 1929 von Martha Küntzel {7} gestützt, Crow­ley-Werke publiziert. "Mitarbeiter": Gustav Meyrink (1868-1932), Johannes Schlaf, Karl Hans Strobl, Dr. Franz Spunda {10}, Dr. Jules Siber, Joanny Bricaud {15ff.}, Dr. E.C.H. Peithmann {12, 15}, Will-Erich Peukert, Dr. Edgar Dacque, Willy Schlüter, Aleister Crowley.[222] *
Birven hat zusammen mit Gustav Meyrink[223] * und Dr. Peithmann {15} vergeblich die Strassen Nürnbergs nach den Spuren des geheimnisvollen Fräulein Anna Sprengel, das angeblich massgeblich an der Gründung des Golden Dawn beteiligt gewesen sein soll, abgesucht.
Meyrink (alias Dagobert 1897 Mitglied von Leopold Engels Illuminaten-Or­den[224] * {11}, bekannt mit Carl Kellner, Heinrich Tränker und Franz Hartmann),[225] * hält zwar nicht viel von Crowley, lässt sich jedoch von Birven auf dem laufenden halten, verfolgt mit Interesse Crowleys Besuch 1925 in Deutschland und erhält von ihm via Birven den Roman "Moonchild" mit der Wid­mung: "Dem Autor des Golem mein Lieblingsbuch dieser Gattung mit meiner Künstler-Huldigung."[226] *
 
Franz Spunda (1.1.1890-1.7.1963) wird von Metzger Ende November 1950 in Wien besucht und überlässt ihm das zur Publikation bestimmte Manuskript "Magische Unterweisung des edlen und hochgelehrten Philosophi und Medici Philippi Theo­phrastus Bombasti von Hohenheim, Paracelsus genannt." Spunda/Sperontes wird Mitglied des Metzgerschen Illuminaten-Ordens {11} und ist vom 15.-20. Juli 1955 in Stein und nochmals in Zürich am 30.8.57 und 2. und 9. Mai 1961, wo er jeweils drei Vorträge hält.

Tränkers ehemaliger Sekretär und daraufhin Crowleys finanzielle Stütze, Karl Germer, nährt Aversionen gegen Birven, die sich eindeutig aus seinen Minder­wertigkeitskomplexen erklären, die von Birvens überheblicher Art schwer ge­troffen werden. Germer wird nicht müde, sich darüber bei Crowley zu beschwe­ren. "My contact with B ist not very fortunate or sympathetic. He education [?] and knowledge his social standing at kind of acquintances are so far removed from a business acquintances that he fees and manifests the fact constantly. He would not speak to me if it were not for the fact that you know me... B. does not want to be in touch with you or Yorke through a man like me."[227] * Gerald Yorke/Volo Intelligere (1901-1983) ist ein ehemaliger Freund Crowleys und Besitzer der weltweit grössten Sammlung an Crowleyana (jetzt im Warburg Institut London).

Und doch ist es in Birvens Haus in Berlin, wo sich alle 1930 treffen: Krumm-Heller, Germer, Gerald Yorke, Crowley... Bis zu diesem Zeitpunkt führt Birven noch ein rel. gutes Verhältnis mit Heinrich Tränker.
Birven, der schon Reuss' Ideen ein "Tutti Frutti" nennt, überwirft sich folge­richtig mit Crowley.
Nachdem Birven 1930 eine 33° (Cerneau) Charta von Joanny Bricaud erhalten hat, weigert sich dieser, 1932 Birven zum 95° und 96° des MM zu ernennen, worauf Birven in Berlin doch eine kleine Gemeinschaft um sich schart[228] * und seine Ei­fersucht gegen Tränker und Krumm-Heller (mit eben diesen MM-Würden) kaum ver­hehlt. Im selben Jahr, 1932, verbietet ihm Crowley, weiterhin seine Texte im "Hain der Isis" zu publizieren.

Germer über die Hetzartikel gegen Theodor Reuss in der deutschvölkischen Zeit­schrift "Judenkenner" von 1936 {zitiert in 3}: "In the case of Birven I know that he has a tremendous literature of the background of O.T.O. etc. and was in touch with the French leading circles. He was called to the Gestapo to testify or for questioning, but I am sure not seriously molested. He [Birven] and Tränker threw it all on me, the wicked Germer. B. may, to save his skin, have supplied the Gestapo with additional information, not usually found in literature."[229] * Laut Adolf Hemberger/Klingsor (4.11.1929-10.11.1991) soll Birven Mitglied des Ritterordens EBDAR (Ermächtige Bruderschaft der Alten Ri­ten) gewesen sein.[230] *
In den 50er Jahren warnt Germer alle Thelemiten Europas vor Birven, der überall Lesungen gegen Crowley halte.[231] * Birven: "Als minderwertig und schlecht müssen alle diejenigen [Werke Crowleys] gelten, die unter dem Ein­fluss von Drogen geschrieben sind. Auch das sog. Gesetzbuch, das, soweit be­kannt, nicht unter Drogeneinfluss geschrieben ist, kann nur als ein hemmungs­loser Ausbruch eines unmenschlich-perversen Geistes bezeichnet werden, der Crowley angeblich selbst ein Rätsel war."[232] *
 
Nach dem Tod Germers ruft sich Birven "zum einzigen Freund des Verstorbenen" aus.[233] * Dass er erst durch Metzgers Manifesto von 1963 {13} von der Existenz der Psychosophischen Gesellschaft (wie sich Metzgers Dachorganisation von OTO, FRA, IO und GKK nennt) {10} erfahren hat, wundert kaum. Falls Birven nämlich tatsächlich dermassen gute Kontakte mit Crowley, Germer oder Yorke gepflegt hätte, wie er nie müde wird zu betonen, wäre ihm die Existenz zumindest des schweizer OTO lange vor 1963 bekannt gewesen.

Oscar Schlag {14}, der Birven ein Jahr vor dessen Tod (9.1.69) in Berlin be­sucht, erzählt, dass Birven behaupte, ein Grossmeister des OTO zu sein und ihm mit Theodor Reuss' angeblichem "Golden Book" {13} vor der Nase gewedelt habe - jedoch nur in gehörigem Abstand, und ohne Einsicht zu gewähren.

Nach dem Tode Birvens bleibt Metzgers "Oriflamme" acht Monate lang eingestellt und erscheint erst wieder am 23.9.69 mit der Sondernummer 95, einem Werbeprospekt der "Abtei Thelema." Der Nachlass Birvens ist in alle Winde zer­streut, Utensilien sollen sich in Stein/Appenzell befinden, Schriften sollen von FS-Mitgliedern gekauft worden sein...

Karl Johannes Germer

Geboren am 22.1.1885 in Elberfeld zwischen Düsseldorf und Wuppertal. Seine Ge­schwister sind: Elisabeth, Margarete, Otto, Wilhelm, Gustav und Alfred. 1900-1904 lebt Karl Germer in London.
Germer ist 1908-09 in Gefechtshandlungen in Dixmuiden, Lemberg, Stochod, Armentières-Lens verwickelt und wird Träger des Eisernen Kreuzes Zweiter sowie Erster Klasse.[234] * 1912-1914 ist er Repräsentant von Alfred Herbert Ltd (Coventry) in Berlin. 1914-18 an der Front, zuerst in Belgien, dann als Führer einer Maschinengewehr-Kompanie in Russland, zuletzt nach Frankreich versetzt.
1919 trifft Germer Heinrich Tränker in Leipzig.
1923 verkauft Germer seinen Besitz in Wien und macht sich nach München auf, um zusammen mit Otto Wilhelm Barth und Tränker die Zeitschrift "Pansophie" herauszugeben. 1925 wohnt Aleister Crowley zuerst bei Tränker, dann in Germers Haus. In diesem Jahr ist er Patient von Alfred Adler in Wien.[235] *
1926 lässt er sich in Mexiko von seiner ersten Frau Maria scheiden und heira­tet am 15.1.1929 die reiche Cora Eaton in New York. Zurück in Deutschland, verhaftet ihn laut Verhaftungsbefehl am 13.2.1935[236] * die Geheime Staatspolizei (Cora ist in den USA geblieben). Cora Eaton und Martha Küntzel versuchen ver­geblich, bei der amerikanischen Botschaft zu intervenieren.[237] *
Vom Februar bis August 1935 ist Germer im KZ inhaftiert. Im Oktober flüchtet er nach England und erreicht Dublin am 1.12.1936, wo er nun wieder als Maschi­neningenieur arbeitet.
1939/40 entsteht sein lang geplantes Werk "I was a prisoner" über die Zeit seines Aufenthaltes im Konzentrationslager Esterwegen. Den Kriegsausbruch er­lebt Germer in Belgien (wo er eine Maschinenexportfirma aufbaut), von wo er am 10.5.1940 nach Frankreich deportiert und erst am 1.2.1941 entlassen wird.[238] * Am 13.7.42 stirbt Cora. Am 23.9.42 heiratet er die Wiener Klavier- und Ge­sangslehrerin Sascha Ernestine André (geb. 1891), die als Elly Aszkanasy in Wien Gesangsunterricht erteilt hat. Mit der Hilfe ihres Geldes unterstützt er Crowley.[239] *
Seine Kriegserlebnisse nähren seine Vefolgungsangst. So glauben er und Sascha Germer, seit 1942 permanent von Abhörwanzen umgeben zu sein. Dieses ins Ufer­lose wachsende Misstrauen trifft Freund und Feind ohne Unterschied und geht sogar so weit, dass das Ehepaar aus Angst vor Abhörwanzen zeitweise nur schriftlich miteinander im eigenen Haus verkehrt.[240] * Germer hat Recht behal­ten: über ihn gibt es 54 Seiten FBI-Akten. "His conversation is violent Nazi-Propaganda," meldet ein unbekannter Informant. Germer habe geäussert, "that Hitler is right in believing Germans are the Master Race."[241] *
Nach dem Tode Crowleys am 1.12.1947 wird, mangels eines anderen Aspiranten, Germer Oberhaupt von Crowleys OTO. Genau zu dieser Zeit (1947) erleuchtet Metzger seine eigene Reuss-OTO-Loge in Zürich.

1956 lebt Germer in Barstow, Kalifornien, im Hause von Ero Shivonen. Dort wird Marcelo Ramos Motta in den IX° initiiert[242] * {13}. Frau Jean Shivonen, so be­hauptet Germer, habe ihren Mann Max Schneider {13}, der Crowley ebenfalls fi­nanziell unterstützt hat, 1948 ermordet.[243] *
Motta weiss, dass sich Crowley in Germer verliebt habe. Im Konzentrationslager sei jedoch Germers Heiliger Schutzengel erschienen und habe ihm "Passivität" nahegelegt,[244] * was seinen Ausdruck in ergebnislosen sexuellen Annäherungsver­suchen Motta gegenüber gefunden habe.[245] * Das FBI dazu: "I do feel something is wrong with these two men [Crowley und Germer] being in contact with each other. Mr. Crowley secured the brains behind Germer. The latter seemed to be a tool in his hands."[246] * "Crowley hatte die Syph, der hat sie an Germer weiter­gereicht."[247] *
 
Germer: "O.T.O. You must have realised that my heart and soul are not very deeply in this. A.C. knew this. He suggested to me that after his death I may either drop this form or system of working, or devise my own entirely independent method."[248] * "O.T.O. does not interest me too much; mine is only the A.A. And... A.C. wanted me to set up an entirely different system."[249] *
Der Gründer der späteren 3. Agape Loge, "Caliph" Grady Louis McMurtry {13}, will sich von Germers Führung des OTO lösen und findet so nur Ungnade vor Saturnus. Deshalb bemüht sich McMurtry auch, Germers Autorität so oft wie möglich in seinen amerikanischen "O.T.O.Newsletters" der 70er Jahre in Frage zu stellen {13}.

Germer stirbt an den Folgen einer unsachgemässen Behandlung von Prostata-Krebs am 25.10.1962 um 8:55 pm in Jackson und hinterlässt Chaos in seinem OTO und eine verunsicherte Witwe {8, 14}. Sein Archiv, das vor allem Crowleys Manuskripte enthält, die mangels Publikationsmöglichkeit lange Zeit von treuen Mitgliedern (Phyllis Seckler, Jane Wolfe) mit der Schreibmaschine immer wieder von neuem abgeschrieben werden, erleidet in der Folge einige Einbrüche {14}. Die aktuelle Liste des Archivs (nun im "Besitz" des 1977 gegründeten "Caliphats") weist keine historisch relevanten Materialien auf.

Germer wird von oberflächlichen Rechercheuren[250] * manchmal mit dem Postbeamten aus Friedrichshafen[251] * und Mitglied der Fraternitas Saturni, Johannes Göggelmann/Saturnius, verwechselt, der auf unzähligen Seiten seine Erfahrun­gen mit dem Demiurgen Saturn niedergeschrieben hat (zum Teil von F.-W. Haack (1935-3.3.91) und Adolf Hemberger veröffentlicht).[252] * Diese Verwechslung ver­anlasst Frl. Äschbach (die Hauptbeteiligte an Metzgers OTO in der Schweiz), sich in der schweizer Freimaurerzeitschrift Alpina 1/89 "sehr schmerzlich" be­troffen zu äussern und mit "Ordo Templi Orientis" zu zeichnen.

Ein Nachwort zu Karl Germer

von Henri Clemens Birven[253] *

Metzger wird im Januar 1963 schweizer OHO {8} und verfasst in seinem deutsch-englischen Manifesto {11} einen Nachruf auf das verstorbene Crowley-OTO-Ober­haupt Karl Germer.[254] * Henri Birven reagiert darauf mit einem Brief, in dem er sich zum "einzigen Freund des Verstorbenen" hochstilisiert und als Sachver­ständigen hinstellt, denn "Ich besitze aber auch die einzige wertvolle und um­fangreiche Korrespondenz Crowley's" und "die umfangreichste Sammlung von Wer­ken Crowley's selbst."[255] *
Während Henri Birven das Englisch im Manifesto bemängelt, wird in Amerika das Deutsch kritisiert: "The German part seems to have been written by a person or persons who had very little if any education and could perhaps have been a translation from the English to German using a dictionary and some rudimentary knowledge of German."[256]

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"In einer Broschüre, Manifesto betitelt, erschienen zum Frühlings-Äquinox 1963, wird eine Lebensbeschreibung des am 22. Januar 1885 geborenen, am 25. Oktober 1962 verstorbenen Karl Germer veröffentlicht. Der Verstorbene wird mit seinem Ordensnamen als Frater Saturnus bezeichnet. Er wird als Rex Summus Sanctissimus betitelt, eine Bezeichnung, die "Allerheiligster König" bedeutet und von Germer unseres Wissens nie geführt worden ist.
Ich [Birven] habe meinen Freund K. Germer schon persönlich kennen gelernt, als er am 23. April 1930 mit Aleister Crowley in meiner damaligen Wohnung in Ber­lin-Tegel erschien. Germer war durch seine zweite Heirat mit einer Amerikane­rin der "reiche Mann aus dem Westen" geworden, der Crowley prophezeit worden war. Germer nahm dann eine Wohnung in Berlin und besuchte mich öfter. Das Abendbrot schmeckte ihm bei mir köstlich, wie er strahlend betonte...
Unseres Wissens hatte Germer auf einem deutschen Technikum Maschinenbau stu­diert, war also Maschinen-Ingenieur, aber nicht Hochschul-Ingenieur. Er besass offenbar nur die Reife für Obersekunda, aber nicht das Abiturium. Unseres Wis­sens hatte er nie als Ingenieur praktiziert. Auffallend war mir, dass er auf einige technische Bücher zeigend bemerkte, er beschäftige sich nur mit solchen Büchern.
Nach Beendigung seiner technischen Ausbildung muss Germer 21 alt gewesen sein. Wie die Behauptung aufkommen kann, Germer habe ein dreijähriges Studium an der Pariser Sorbonne absolviert, ist unerfindlich. Germer konnte meiner mit Crow­ley französisch geführten Unterhaltung [...]enthalt in Frankreich erwähnte, wenn ich von meinen Reisen in Frankreich erzählte. Ob er in Deutschland ein­jährig gedient hat, ist mir nicht bekannt, auch nie behauptet worden. Ebenso­wenig ist er vor dem Kriege 1914 in Russland gewesen; was hätte er wohl dort zu suchen gehabt, ohne Kenntnis des Russischen? Germer war selbst im Deutschen wenig gewandt. Ich betone hier, dass Germer sich niemals als Aufschneider ge­geben hat.
Germer war ein hübscher und freundlicher Mann, dem es nicht schwer fallen konnte, vermögende Frauen zu gewinnen.[257] * Er ist dreimal verheiratet gewesen. Seine erste Frau, eine vermögende Ärztin Dr. Med. Wys war ihm bestimmt be­trächtlich überlegen. Als sie seiner überdrüssig geworden war, bediente sie sich einer originellen Methode, die Scheidung zu gewinnen. Germer war mit Gar­tenarbeiten beschäftigt, da brachte der Briefträger seiner Frau einen Brief. Die Frau benutzte diese Gelegenheit, unserm Germer in Gegenwart des Briefträ­gers eine Ohrfeige herunter zuhauen, worauf sie sich lachend eine Zigarette anzündete. Germer reagierte nur verzweifelt lächelnd darauf. Diese Art, auf Unangenehmes zu reagieren, war überhaupt Germer eigen. Er war kein Mann des schnellen Handelns. Dieser Bericht beruht auf den Angaben von H. Tränker (Recnartus), in dessen Haus in Weida Germer damals wohnte. Durch diesen Tränker kam Germer überhaupt erst zur Kenntnis der Hermetisch-Okkulten Philo­sophie. Die von Tränker herausgegebene Schrift "Im Vorhof des Tempels der Weisheit" von Franz Hartmann ist von Germer aus dem Englischen übersetzt wor­den. Sie wurde mit Copyright 1924 von O.W. Barth, damals in München wohnhaft, herausgegeben. Germer zog es vor, nicht genannt zu werden...
Nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratete Germer eine sympathische Amerikanerin, die reich, aber viel älter als er war. Das Ehepaar war einmal bei mir und ich einmal bei Germers zu Gast. Seit dieser zweiten Heirat konnte Germer seinen Meister reichlich unterstützen, und der Meister lebte darauf los, so dass Frau Germer über Crowleys Verschwendung empört, letzterem einmal die Wahrheit ungeschminkt zu sagen für nötig hielt...
Am 23. April 1930 erschien dann Crowley in Begleitung von Karl Germer bei mir in meiner damaligen Tegeler Wohnung. Ich selbst machte ihm des Abends einen Gegenbesuch bei Germer, der in B. Charlottenburg eine Wohnung genommen hatte. Crowleys Hoffnung, dass mein Verleger Wiesicke Übersetzungen seiner Werke her­ausbringen würde, erfüllte sich nicht. Crowley hielt sich damals mit Unterbre­chungen längere Zeit in Berlin auf, wo auch eine Ausstellung seiner Gemälde zustande kam...
Nach dem Tode seiner zweiten Frau, die bedeutend älter als Germer war, heira­tet dieser in dritter Ehe die feingebildete und des Deutschen vollkommen mäch­tige Frau Sascha E. André-Germer, die ihm auch eine wertvolle Hülfe in seinen schriftlichen Arbeiten war. Als Germers Krankheit akut wurde, schrieb sie die letzten Briefe an mich. Germer hatte mir schon vorher über seine Krankheit ge­klagt, ohne jedoch über den Ernst derselben im Klaren zu sein. Als man dann zu einer Prostata-Operation schritt, war es zu spät. Im Briefe vom 8. Juli 62 hatte er mir am Schluss erstmalig mitgeteilt: Persönlich stehe ich vor einer grösseren Operation. Was ich als Blasenkatarrh aufgefasst hatte, ist in Wirk­lichkeit eine verhärtete Prostata...
In einem Briefe Germers vom 3. Juni 1961 lese ich,[258] * dass er von 1914-1918 an der Front war, zuerst in Belgien, dann als Führer einer Maschinengewehr-Kompa­nie in Russland, zuletzt nach Frankreich versetzt, mit den elenden Erlebnissen des Rückzugs. In Russland kämpfte er an derselben Stelle der Front, an der ich auch eingesetzt war, ohne dass wir uns dabei kennen gelernt haben."


oOo

C.H. Petersen

Carl Heinz Petersen/Fines Transcendam/Kâlikânanda, geb. am 14.1.1912 in Bendestorf bei Hamburg nimmt via Karl Germer und Gerald Yorke Kontakt mit den Thelemiten Europas auf und gründet eine "Abbey Thelema" in Hamburg. Im Februar 1952 besucht er Yorke in London. Karl Germer: "I do not at this moment wish to pass you on to somebody who would well check on your A.A. work."[259] * "He seems to be near glimpsing the IX°... a man of the very highest promise!"[260] * "I hope there will be a deep cooperation between you [Kenneth Grant] and P."[261] *
 
Im Mai 1953 besucht Petersen die Abtei Thelema in Stein, worin Metzger eine erneute Bestätigung seines IX° sieht. Petersen ist jedoch hauptsächlich Ger­mers AA-Schützling. Wieso Metzger Petersen dermassen wichtig nimmt, da doch Friedrich Mellinger {8} Germers Beauftragter für den Crowley-OTO in Europa ist, bleibt unklar. Karl Germer, Petersen und bald auch Friedrich Mellinger publizieren ihre Schriften und Übersetzungen bei Metzger, der Druckmaschinen gekauft hat. Die "Psychosophische Gesellschaft" dient nicht nur als Dachorga­nisation für dessen verschiedene Orden, sondern auch als Verlag {10}. -- Nicht nur Crowleys OTO-Initiationsrituale,[262] * das Liber AL, die Hymne an Pan oder Yorkes "666, Sex und der OTO,"[263] * im Juli 1953 übersetzt Petersen auch Crow­leys Gnostische Messe, "den englischen Text aus freier persönlicher Neigung... ohne ordiniert zu sein, ... und ohne an eine mögliche praktische Ausführung zu denken," wie Metzger im Vorwort eben dieses Canon Missae bemerkt.[264] * Die nur intern gebrauchte schweizer Version unterscheidet sich leicht von Petersens zweimal veröffentlichter Übersetzung und auch von Reuss' Version von ca. 1917.

Karl Germer an Petersen: "No further from Metzger about Liber Legis; no word about financial difficulties. So I won't evoke them. Does he expect you to be responsible for the cash? I'd be very surprised. Metzger's translations: - so they were from him! I expect you have meanwhile received the ones he sent me with some corrections. - I agree with you that it is silly to operate the way he does." Und von Metzger nicht mehr ganz überzeugt: "It should all be concentrated in your hands," womit vielleicht die Übersetzungsarbeiten gemeint sind.[265] *
Germer bleibt sich über Mellingers Rolle in Deutschland im unklaren, und so schreibt er an Petersen: "I do not know whether 2 Grandmasters can operate the OTO at the same time in one country (Tränker still being alive), despite the fact that A.C. appointed me Grandmaster X° of all the German-Speaking peoples as far back as 1938 [1941!] or so. I have... such an idea... of settling up Headquarters in Europe, Germany, Switzerland, or?" Das Verhältnis zwischen Petersen und Friedrich Mellinger, Germers Beauftragten in Sachen OTO für Europa, bleibt unbestimmt.[266] * Ebenfalls Petersens Verhältnis zu Crowleys selbsternanntem persönlichen Stellvertreter für Europa: Friedrich Lekve {7}.

Trotz Germers Aversionen gegen Eugen Grosche {6} beginnt Petersen im Juli 1954 zuerst im Ordensorgan "Blätter für angewandte okkulte Lebenskunst" der Frater­nitas Saturni,[267] * und erst in 2. Instanz dann bei Metzger zu veröffentlichen {10}.

Im Juli 1954 erscheint Petersens Gnostische Messe in Eugen Grosches "Blättern." Im August folgt dort Liber 44 und im September die Hymne an Pan. Ebenfalls im September 1954 erscheint nun bei Metzger die Petersenübersetzung des Liber Al vel Legis, worauf Germer Metzger einen Freibrief für alle weite­ren Unternehmungen ausstellt {13}. Ab März 1955 publiziert Metzger als "Wir, Meister Therions bevollmächtigte Nachfolger." Im Dezember 1955 veröffentlicht Metzger dieselbe Übersetzung der Gnostischen Messe, die Petersen ein Jahr vor­her bei der Fraternitas Saturni publiziert hat, und quengelt in seinem Vor­wort, dass Grosches Publikation ein Diebstahl gewesen sei.
In Grosches "Blättern" erscheint im Oktober 1955 eine von Hermann de Witt/Han Rulsow Yin (aus Braunschweig) verfasste Analyse von Petersens Name. De Witt (Mitglied der FS vom Herbst 1950 bis zum 30.9.1962) veröffentlicht später bei Metzger.

Als Petersens sexualmagischer Partner, seine Kusine Frau Pingwill/Kâma-Rûpâ (Begierde), 1956 Selbstmord verübt,[268] * strebt er ihr kurz darauf nach und stirbt am 4.4.57 im Hamburger St. Georg-Hospital.[269] * Gerüchten zufolge soll Petersen an den Folgen der Abramelin-Operationen gestorben sein.[270] * Da diese an genaue Zeiten gebunden sind (Beginn: ein Tag nach Ostern, Dauer: "six moons"),[271] * dürften die angeblichen Schwierigkeiten also ein halbes Jahr nach Beendigung der Beschwörung aufgetreten sein, oder in der Vorbereitungszeit.
- Ostern 1956: 1.4.
- Ostern 1957: 21.4.
- Tod Petersens: 4.4.57

Im Testament Petersens sind, laut Metzger, der schon gestorbene Friedrich Lekve (1904-1956) {7} und Metzger als "Erben" eingesetzt. Den Nachlass Lekves hat aber ein Br. Nürnberger in Hamburg übernommen, und er geht erst am 11.10.1962 in Metzgers Hände über.

Dem Journalisten Horst Knaut {9} gegenüber prahlt Metzger, er habe nach dem Tod Petersens "die ganze Macht an sich gezogen."[272] *
Metzger ist nach dem Tode Hilfikers, Tränkers und Lekves der einzig übrig­gebliebene IX° und X° von Kontinentaleuropa. Seine Loge sieht sich als Fort­führung von Theodor Reuss' "VMM": als "Magnus Oriens Helvetiae Veritas Mystica Maxima."

Der erst 1980 ins Leben gerufene deutsche Zweig der 1977 gegründeten 3. Agape Loge aus Kalifornien (das sogenannte "Caliphat" {13}) benützt Metzgers Publi­kationen der Petersen-Texte in den Ritualen, bezeichnet jedoch, ungeachtet der Tatsache, dass Petersen zu seinen Lebzeiten bei der "Psychosophischen Gesell­schaft" {10} aktiv gewesen ist, Metzger selber seit 1947 publiziert und von Germer als "Bevollmächtigter Nachfolger Therions" autorisiert ist, Metzgers Veröffentlichungen selber als "illegal."[273] * Man fotokopiert Metzgers Publika­tionen und deckt den Copyrightshinweis ab, resp. ersetzt ihn durch einen eige­nen. Begründung: "Es gibt ernsthaft Leute, die bezweifeln, dass P. je gelebt hat, er sei nur erfunden worden, um Metzgers Anspruch [auf das OHO-Amt und die Copyrights an den eigenen Übersetzungen?] zu rechtfertigen."[274] *

Rosen in Österreich

Eduard Munninger/Medardus sieht sich als österreichischer Nachfolger der "Fraternitas Rosicruciana Antiqua" {12}. Auf Anraten Martin Erlers nimmt Munningers Ordens-Kompilation den Begriff AAORRAC (Antiquus Arcanus Ordo Rosae Rubeae Aureae Crucis) an.[275] * Der Begriff AAORRAC taucht schon 1921 im Zusam­menhang mit Krumm-Heller und Theodor Reuss auf und wird von Spencer Lewis als vollständiger Name des AMORC bezeichnet: "The Rosenkreutz Order [Pansophia] in Germany was (and is) a branch of the A.A.O.R.R.A.C."[276] *
 
Ähnlich wie bei Metzger, wo sich die Führung verschiedener Organisationen in Personalunion vereint, führt Munninger nun in seiner Sammelgesellschaft AAORRAC den "Aeropag Europäischer Kulturring der Ritterorden," den "Souveränen Orden der Tempelritter von Jerusalem,"[277] * den "Ordre Maçonnique Martiniste Austria" und einer "Pansophische Weltförderation P.W.F." zusammen.[278] * Die Ordenszeitschrift nennt sich "Die Burg," in Anlehnung an die Postadresse "Burg Krämpelstein," die aber nur eine "unbewohnbare Ruine" in Niederösterreich/Nähe Passau sei, wie der verwöhnte Oscar Schlag {14} enttäuscht bei seinem Besuch festgestellt haben will. Der Pension Munningers in der Burg ist tatsächlich kein Erfolg beschieden.

Tränker stirbt "einsam, zumal es ihm nicht gelang, einen wirklichen geistigen Nachfolger zu finden,"[279] * am 22.5.1956 (in Berlin-Pankow?).[280] * In seinem Nach­ruf bezeichnet ihn Eugen Grosche als "letzten Vertreter der Mystik des Fische­zeitalters."
"Pansophisch-Gnostische Riten" leben bei Munninger weiter. In der Oriflamme 302 vom April 1963 tut Metzger den AAORRAC und das Lectorium Ro­sicrucianum als "falsche Orden" ab. Ebenso werden Rundschreiben gegen Grosche, die Pansophia und auch Walter Studinski verschickt.
1964 verwendet der Hierarch Medardus sein AAORRAC als Podium, um eine "Geistige Kultur-Union" zu gründen. Das Unternehmen scheitert und geht mit Munningers Tod unter. Munningers Pansophisch-Gnostische Riten erscheinen in den Publikationen der Fraternitas Saturni.[281] * Haack tut desgleichen in seiner Schriftenreihe.[282] *
Klatsch will, dass Eduard Korbel Junior {11} unabhängig von Metzger den Illu­minaten-Orden in Wien als vorgeschobene Organisation für einen gewissen Babor neu gegründet. Nach dem Tode Babors 1984 soll der jetzige Kopf des AAORRAC, Karl Plank (Mitglied der 1954 gegründeten Fama Fraternitatis), im Hintergrund aktiv sein und auch mit Englert von Frankfurts OTO/IO e.V. {11} Kontakt haben. Da Munningers Sohn die Ordenssammlung seines Vaters geerbt habe, soll Planks AAORRAC unrechtmässig sein. In den Wiener Freimaurerlogen wird angeblich vor Plank gewarnt.
Angebliches Material der "Gerechten und Vollkommenen Pansophischen Rosenkreu­zer-Loge Zur Strahlenden Sonne, Orient Wien" wird 1991 im Umkreis der Franz Bardon-Anhänger Wiens gehandelt.



6. In Nomine Demiurgi Nosferati


Angeblich am 11. März 1888 erblickt Eugen Grosche in Leipzig das Licht der Welt.[283] * Wegen Verarmung der Eltern muss Eugen die Realschule in Stollberg vorzeitig verlassen und die letzte Klasse der Volksschule in Leipzig besuchen. Seine literarischen Interessen lassen ihn nach der Schule Buchhändler bei der Verlagsbuchhandlung Müller-Mann werden.
1911 übersiedelt er nach Berlin und ist an der Mitherausgabe "Des Militär-An­wärters," "Des Innenarchitekts" und der "Deutschen Kohlen-Zeitung" beteiligt. Am 29. September 1914 heiratet Grosche. Aus dieser Ehe geht eine Tochter her­vor. Ihr Name, Alraune, erinnert an H.H. Ewers' (1871-1943) gleichnamige "Geschichte eines lebenden Wesens" von 1911.[284] *
Im Krieg wird Grosche Sanitäts-Unteroffizier, nach dem Krieg Volkskommissar der Unabhängigen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei (USPD). 1919 stellt ihm eine Dame, die ihr Vermögen vor der Inflation retten will, 40'000 RM zur Ver­fügung - aber nur unter der Bedingung der politischen Abstinenz Grosches. So übernimmt dieser ein Papierwarengeschäft, das er zur Buchhandlung ausbaut.

Er wird nach Ausbruch des Kapp-Putsches 1920 verhaftet und in das Zellenge­fängnis in der Lehrter Strasse eingeliefert. Nach drei Monaten findet die Ver­handlung vor dem Reichsmilitärgericht statt, unter dem Vorsitz des Neffen des Grafen Zeppelin. Grosche wird freigesprochen. Seine Partei verschafft ihm eine Stellung als Bezirksabgeordneter von Berlin-Schöneberg.[285] *
Grosches Mutter ist Hausdame [?] der Theosophischen Gesellschaft in Berlin, deren Sekretär Rudolf Steiner 1921 durch den Buchhändler Heinrich Tränker er­setzt wird. Dieser gibt sich als geheimer Abgesandter aus und vereinnahmt so­fort Grosche und seine Buchhandlung. Grosches Aufgabe: als Sekretär Gregor A[?]. Gregorius[286] * die "Pansophische Loge" in Berlin zu installieren.
Das esoterische Wissen soll sich Grosche auf Befehl von Tränker beim Astrolo­gen Peschke, und beim Hypnotiseur, Magnetiseur und Heilpraktiker Paul Linke aneignen.
Tränker macht Grosche nun mit den Buchverlegern Otto Wilhelm Barth, Oswald Mutze und Hugo Vollrath (1877-1943) bekannt, und dermassen angespornt, gründet Grosche 1924 die Buchhandlung "Okkultisten-Laden Inveha." In den Hinterzimmern dieser Buchhandlung finden die esoterischen Treffen statt.

Albin Grau/Pacitius wird erster Stuhlmeister der lichtsuchenden Brüder in Berlin. Grau, geb. am 13.6.1884 in Schönefeld bei Leipzig, zuerst Bäckerlehr­ling (wie Metzger), dann Student an der Dresdener Kunstakademie, während des Ersten Weltkrieges an der russischen Front, ist als Werbegrafiker für die norddeutsche LLoyds, für verschiedene Schiffahrtsgesellschaften und für die Deutsche Bundesbahn tätig. Pacitius ist Bergsteiger, verfasst Drehbücher und stellt Kostüme und Bauten für die UFA her. So soll er an den Filmen "Dr. Ma­buse," "Vampire" und "Dr. Caligari" mitgewirkt haben. Grau hat als Filmarchi­tekt in den Decla-Aufnahmegebäuden u.a. für "Pietro, der Korsar" (Dr. Robison) und "Die Nibelungen" (Fritz Lang, 1922) mitgearbeitet.[287] *
Im Nachspann des Films "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau, 1922, wird "Alwin Grau" als Verantwortlicher für die Bauten genannt. Zahlende Firma für "Nosferatu" ist die Berliner "Prana-Film." "Prana" ist ein esoterischer Aus­druck, der schon für Hugo Vollraths Theosophische Zeitschrift hergehalten hat. Da "Nosferatu" sich getreu an Bram Stokers Roman "Dracula" hält, treiben die nachfolgenden Copyrightsprozesse die Prana-Film in den Konkurs.[288] *
"Was mich selbst betrifft, so habe ich bislang den Hochgrad des Magister Aqua­rii von meinem Vorgänger Mstr. Pacitius bereits in der pansophischen Loge er­halten und von Mstr. Recnartus den 16/18. Grad der R.C. und von ihm auch in seiner Eigenschaft als OTO-Meister den 5. Grad im OTO, von Therion bestätigt" (Grosche am 1.7.1959).[289] *
1925 ist Crowley zu Besuch bei Tränker und Germer. "Unhappily, too late"[290] * bereut nicht nur Albin Grau, sich je für Crowley eingesetzt zu haben {5}. Die deutschen Geheimbündler um Tränker trennen sich nun in drei Gruppen. Tränkers OTO/Pansophie, Küntzels/Germers Verlag {7} und eine Neugründung aus dem Berli­ner Arbeitskreis der Pansophie: die Fraternitas Saturni.

In Nomine Demiurgi Saturni

Am 8.5.1926 bildet sich in Berlin innerhalb der Pansophie um Gregorius und vier "Fratres" ein Arbeitskreis: die Fraternitas Saturni. In diesem Jahr er­scheint Grosches "Satanistische Magie," worin Satan, die Jungfrau Maria und die Barbelo-Gnostiker unmissverständlich mit Saturn in Verbindung gebracht werden.[291] *
Unter Grosches Führung trennen sich angeblich 40 der 60 Pansophiemitglieder von Tränker und konstituieren (nach der Auflösung des Berliner Zweiges der Pansophie) am 7.4.1928 in "Mitleidloser Liebe" die erste eigenständige thele­mitische Organisation (d.h. unabhängig vom OTO und von Crowley, aber Crowleys Gesetz von Thelema akzeptierend): die Fraternitas Saturni. Somit besteht die FS am Tag ihrer Gründung mehrheitlich aus Pansophie/OTO-Mitgliedern. Die 33 AASR-Grade sind auf 10 reduziert. In welchem sexualmagisch gearbeitet wird, bleibt unklar. Der Gradus Pentalphae ist der 5. Grad, während das sexualma­gisch wichtige Tau[292] * dem 8. Grad, Templarius, zugehörig ist.[293] *
Geworben wird bereits ein Jahr vor der offiziellen Installierung der FS im (astrologischen) Vehlow-Kalender.[294] * Henri Birven meint in einem Brief an Gerald Yorke vom 24.2.1954, dass Albin Grau als erster Grossmeister der FS hätte eingesetzt werden sollen. Da aber Grosche 30'000 RM [sic] von einer Exil-Prinzessin erhalten habe, sei Grau übergangen worden.
1960 publiziert Grosche ein saturnisch und thelemitisch ausgerichtetes Ritual der Pansophie,[295] * wohl um behaupten zu können, dass Pansophie und FS nicht weit auseinander lägen.[296] * Dieses Ritual ist wahrscheinlich im Arbeitskreis FS innerhalb der Pansophie entstanden und kaum stellvertretend für die gesamte Loge.

Karl Germer: "As I was co-founder of Pansophia in 1922, I know of course all about Fraternitas Saturni and the people back of it. Grosche was a sex-maniac, dabbled in hypnosis and drugs - one of the lowest type of occultist I ever met. Grau was a good man, but was too deeply entangled with Grosche and Tränker... He could not extricate himself and never saw the light. None of these people knew Crowley well. They met him only once - possibly twice! None could speak English. I had to translate and they quickly fell by the way­side... The FS had nothing to do with A.C. nor A.C. with them."[297] *
Die Adonisten[298] *
1928 ist die am 1.5.1925 gegründete[299] * sexualmagische "Adonistische Gesell­schaft" von Franz Sättler/Musallam (1884-1942?), dem geistigen Vater von Franz Bardon, via Wilhelm Quintscher/Rah-Omir/Ophias/Chakum Kabbalit für wenige Wochen mit der FS liiert. Am 13. März 1928 löst sich der "Orden Menta­lischer Bauherren" (so ein anderer Name für die Adonisten) jedoch auf. Viele Mitglieder treten der FS bei[300] * und ab 3.1.1929 bestehen nur noch "rein ge­schäftliche" Beziehungen zwischen der FS und den übrigen Adonisten.[301] *

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Um die Fraternitas Saturni ranken sich schon in den 20er Jahren Gerüchte von Drogen und Sex. So sei einmal ein weibliches Mitglied im Kokainrausch aus dem Bus gefallen, was einen Skandal ausgelöst habe, erinnert sich Oscar Schlag {14}, der Grosche in dessen Buchhandlung besucht hat.[302] * Kein Wunder: Grosches "Magische Briefe" sprechen eine klare Sprache. Der "Logenschul-Vortrag 7" in­formiert die Leser, dass Extrakt aus dem Peyotl-Kaktus über den Verlag zu be­ziehen sei - ausserdem wird die Verwendung von Haschisch wärmstens empfoh­len.[303] * Die "Berliner illustrierte Nachtausgabe" publiziert am 8.12.1928 einen reich bebilderten Artikel über Grosches Buchhandlung. Ein Vortrag, gehalten am 8. Oktober 1929, bringt das Thema "Homosexualität und Esoterik" zur Sprache. Ein anderer am 23. Oktober: "Vampyrismus und Blutmagie." "Ein prominentes Mit­glied aus der Weimarer Zeit war ein Prinz zu Coburg-Gotha, sowie die Gräfin Klinckowstroem."[304] *
Ähnlich wie Henri Birven veröffentlicht Gregorius im Juli 1928 via Martha Küntzels "Thelema-Verlags-Gesellschaft Leipzig" Crowley-Texte - und zwar im ersten Band seines 5-bändigen Magazins "Saturn-Gnosis." Die Titelblätter und Innenillustrationen schafft Albin Grau, der auch Artikel (z.B. über Hoëne-Wronski, 1776-1853) beisteuert (Grau stirbt am 27.3.1971, hochgelobt (wieso?) von Metzger).[305] *
Frau Küntzel entdeckt in Grosche jedoch bald einen "Schwarzen Bruder." Die einseitige Korrespondenz Grosches mit Crowley kommt nie über allgemeine, an­fängliche Logenbekanntmachungen hinaus.[306] * Frau Küntzels Druckerei in Zeulen­roda {7} liefert nur die ersten beiden Bände der "Logenschul-Vorträge." Ab Ok­tober 1928 werden die Vorträge 3 bis 13/14, sowie die Saturn-Gnosis von Franz Weber gedruckt.
Am 31.10.1929 muss Grosche seine "Esoterische Studiengesellschaft" (unter die­ser Bezeichnung tritt die FS in Prospekten und Anzeigen an die Öffentlichkeit) auflösen. Man trifft sich von nun an unter der Bezeichnung "Gnostische Ar­beits-Gemeinschaft."[307] * Finanzieller Druck zwingt ihn, seine Buchhandlung (d.h. auch den Vortragssaal, einen Hinterraum der Buchhandlung) an Paul Dörge zu verkaufen. Grosche selber eröffnet angeblich eine Praxis als Psychothera­peut. Wieso Crowley 1930 anlässlich seines Besuches in Berlin {12}[308] * keinen Kontakt mit ihm aufnimmt, bleibt unbeantwortet.
Nach Beschlagnahmung seiner Bibliothek durch die Gestapo flüchtet Grosche 1936 in die Schweiz, wo er auch Oscar Schlag in Zürich besucht.[309] *

Saturns Egregor im sonnigen Tessin

1936-37 trifft Grosche auf die Tessiner OTO-Gruppe um Genja Jantzen, Alice Sprengel und Frau Hardegger[310] * {4} und prophezeit den Zweiten Weltkrieg.[311] * Seine Geliebte Hanne Wildt bleibt im Tessin zurück, als er nach zwei Jahren Aufenthalt im Tessin die Ausreisegenehmigung nach Italien erhält. "In der Nähe von Cannero am Lago Maggiore (12 km südlich des Grenzdorfes Brissago) wohnte er während seines Exils in einem kleinen Haus direkt am See. Seinen Lebensun­terhalt bestritt er durch Arbeiten in den Parkanlagen des damaligen Bürgermei­sters von Cannero, Ing. Hencke. Die Freizeit vertrieb er sich durch Fisch­fang."[312] *
Obwohl sein Aufenthalt vom Aussenministerium in Rom genehmigt worden ist, wird Grosche 1942 nach Deutschland ausgewiesen, wo er Geschäftsführer einer Buch­handlung wird. 1942/43 ist Gregorius politischer Gast im Leipziger Gefäng­nis. "Der S.D. Sonderführer Major Dr. Heinrich Fehsel war als Experte einge­setzt für alle Geheimlogen... Durch ihn bin ich ja wieder in Leipzig in Frei­heit gesetzt worden aus der Schutzhaft. Er hat ja drei Jahre bei mir ge­wohnt."[313] *
1945 erwartet ihn bei der Kampfpolizei ein Posten als Wachtmeister. Ihm ge­lingt es jedoch, aus Dresden nach Riesa an der Elbe zu flüchten. Nach dem Krieg wird er als Stadtrat für das Kultur-, Schul- und Museumswesen einge­setzt, muss zwangsläufig der KPD beitreten, die ihn seiner esoterischen Akti­vitäten wegen aber unter Druck setzt, worauf er im Juli 1950 nach Westberlin zieht. Drei Jahre zuvor, im Januar 1947, ist Karl Wedler/Giovanni (geb. 2.12.1911) Mitglied der FS geworden.[314] * Einige biographische Daten ohne Refe­renzangaben zu Anfang dieses Kapitels entstammen z.T. Wedlers Text von ca. 1957 über Grosche.[315] *
Der ehemalige Schüler der 1942 verstorbenen Martha Küntzel, Friedrich Lekve {7}, sieht in einem Brief an Crowley vom 29.4.1946 Grosche wie auch Germer, C.S. Jones und Mathers als Krebsgeschwüre am Blute geistiger Giganten. Trotz­dem erfährt Hermann Joseph Metzger wahrscheinlich im Frühjahr 1950 auf seiner Deutschlandreise von Lekve die Adresse Grosches {7}.

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Am 14.5.1950 startet Metzger/Paragranus/Peter Mano einen regen Briefwech­sel mit Gregorius. Metzger möchte, Hilfe anbietend, Grosche bei sich in der Schweiz haben. Schon in dessen erstem Antwortbrief offeriert Grosche Metzger die Verlags- und Autorenrechte aller FS-Veröffentlichungen.[316] * Da beide eine legale Zusammenlegung aller esoterischen Grüppchen anstreben, bekommt Metzger am 10.6.50[317] * die Logenleitung der FS-Schweiz angeboten.
Grosche findet Metzgers Ritualentwürfe für die "Esoterische Studiengemein­schaft" (ES), dem vorläufigen Vorhof, "zuwenig magisch," worauf dieser aber auf die eigentlichen OTO-Rituale hinweist, die erst fortgeschritteneren Mit­gliedern zugänglich sein würden. Mit Metzgers "Exertitien" [sic] kann Grosche ebenfalls nicht viel anfangen, da sie den "Magischen Lektionen" von Karl Spiesberger/Eratus, die den "Blättern" beiliegen, zu ähnlich seien. Spiessberger leitet einen 10-köpfigen "Metaphysischen Studienkreis."

"Es ist eben so, dass ich mich nie gerne in den Vordergrund stelle," erklärt sich Metzger am 7.9. und weist auf eine Verbindung zum Grossmeister des AMORC, Martin Erler,[318] * in München hin. Wie Herr Erler sich 1991 erinnert, haben Metzger und seine Damen die Fernkurse des AMORC bezogen. Er habe aber niemals daran gedacht, sich als Freund Metzgers zu betrachten.[319] *
Auf ein von Metzger aufgegebenes Inserat in der Zeitschrift "Neues Europa" Nr. 19 vom 1.10.50 mit einer "Einladung zum Eintritt in den Vorhof der Loge" gehen 100 Anfragen bei Grosche ein, und es ergeben sich 15 neue Schüler. Insgesamt bleiben Gregorius 50 Westschüler,[320] * die, nach Abzug aller Unkosten, 150 West­mark (pro Monat?) für seinen Lebensunterhalt beisteuern. Da die russischen Be­hörden gegen Okkultismus Zuchthausstrafen verteilen, finden sich nur 20 Ost­zone-Schüler ein.[321] * Grosche freut sich über das "gesammelte Menschenmate­rial."
 
Grosche offenbart: "Ich werde... immer zu Ihnen halten, da ich Ihnen mein Ver­trauen geschenkt habe und habe ich das innere Gefühl, dass unsere Wege nicht nur längere Zeit harmonisch nebeneinander laufen werden, sondern dass wir uns noch näher zusammenfinden als Mensch, Freund und Bruder."[322] *
 
Metzger bietet an, eine Historie des OTO zu schreiben, da er dazu das Material in vollem Umfang besitze.[323] * "Weida. Darüber hat Metzger immens viel Material, zig Ordner... Ging aber zumeist um Tränker, der rasch an Crowleys Integrität Zweifel bekommen hatte. Mehr oder weniger schmutzige Wäsche."[324] *
 
Metzgers Psychosophische Gesellschaft {10} erhält am 19.10.1950 neue Statuten und tags darauf, auf Anfrage, sofort von Grosche "die Ermächtigung [die] Füh­ler und Bemühungen schon jetzt auf die Länder Frankreich und auf Italien aus­zustrecken." Der schweizerischen Loge soll die Auslandsinitiative überlassen werden, damit sich Grosche ausschliesslich um Deutschland kümmern kann.

Metzger besucht, mit einem Visum für Österreich und Deutschland, im November 1950 und Mai 1951 die Brüder und Schwestern im Tale Austrien, Orient Wien, un­ter der Leitung von Eduard Korbel, der, um seine Mitglieder nicht zu verlie­ren, den Illuminaten-Orden {11} als Vorhof der FS wiederbelebt hat, und reist im Oktober 1950 ins Tessin, um die dort lebenden OTO-Mitglieder aus Reuss' Zeiten wieder für sich zu gewinnen {4}. Was Metzger Grosche völlig ver­schweigt, ist, dass er vom Präsidenten des "Weltbund der Illuminaten," Julius Meyer in Berlin, den Auftrag erhalten hat, als Kurier zwischen Meyer und Korbel in Wien zu fungieren {11}.[325] *
 
Metzger besucht Ende Juli 1950 auch Tränker, der sich als Nachfolger von Theo­dor Reuss sieht, was ihn zum "ernsthaftesten Gegner" macht {5}. Tränker darf nichts von den Beziehungen Metzgers zur FS wissen, denn sowohl Metzger wie auch Grosche fürchten einen Gerichtsprozess, falls Tränker auf die Herausgabe von Papieren pochen würde, worauf er als Supremum Sanctuarium des OTO ja das Recht hätte.[326] * Zum Schutz vor Tränker wird der OTO in Deutschland als 18° in die nunmehr 33°-gradige[327] * FS inkorporiert. "Dann steht die Loge davor und er kann an diese Körperschaft nicht angehen. Als eingetragene Vereinigung ge­niesst sie gesetzlichen Schutz."[328] *
"Die Johannism. geht der FS voran in den drei [Graden], dann würden die Pro­naos[grade: Vorhof] der F.S. folgen und im Pentalphae[grad] würde, wie gesagt OTO gearbeitet, etc./der OTO Gr. hat immer die Johannism. vorausgesetzt - sol­che Br. & Schw. könnten ev. dann den Merkur[grad] gleichzeitig oder auf eine besondere Weise durchgehen?"[329] *
 
Von den Adonisten, die sehr offen in "erotischen Fragen" seien, möchte Metzger (dort Mitglied alias Servius) "einiges lernen, besonders was die Org[anisation] betrifft." Von einem nicht genannten Professor, der den Adoni­sten angehöre, sei Metzger vor dem Kriege "während zwei Jahren, jede Woche einen Tag, geschult" worden "in einer Schnellbleiche über humanistische Bil­dung und wissenschaftliche Voraussetzungen auf Hochschulstufe."[330] *
 
Beide stellen sich vor, andere Gruppen an sich zu reissen, seien es die Adoni­sten oder Lekves "Thelem Chassidim" {7}. Lekve, grosszügig wenn es um die Ver­breitung Thelemas geht, schickt regelmässig die "Thelemischen Lektionen" an alle Interessierten, so auch an den ungeliebten Grosche. "Wir müssen versu­chen, die Schwächeren aufzusaugen oder unter eine organisatorische Betreuung, Leitung zu bekommen... um der tonangebende Spiritus Rector zu werden" drückt sich Grosche ganz deutlich am 3.11.50 aus.
Plötzlich setzt Metzger die Korrespondenz auf Sparflamme. Grosche befindet sich in "entsetzlicher Geldknappheit." Viele Schüler sind ihm wieder "abgesprungen," seine definitiven Zuzugspapiere für Berlin verschleppen sich im Laufe der Berliner Magistratswahlen. "Was ist denn los? Sind Sie ernstlich krank geworden" fleht Grosche am 14.3.51 Richtung Schweiz. Was ist geschehen? Metzger hat eine Druckerei gekauft (Akzidenz-Druck, Verlag Psychosophisches Institut {10}) und internationale Kontakte "mit Süd- und Mittel-Amerika, sowie Frankreich" aufgenommen {9}. Der vierte Organisationsbericht der FS, nun doch noch von Metzger geschrieben und gedruckt, gibt auf Anraten Grosches Metzgers Postadresse als Kontaktadresse für Europa an.[331] *
In der schweizerischen Gruppe sind: Br. Perdurabo, Br. Cubus, Br. Johannes, Br. Doré Rubes Giraga, Schw. Agatha, Schw. Rhodanuba (Frau Werder-Binder {9}), Schw. Ainyahita (Frau Borgert {9}), Schw. Mechala (Frau Metzger {9}).

Am 25.3.51 sieht das Verhältnis FS-OTO folgendermassen aus: "Nun haben wir in Deutschland den effektiven Vorhof der Fr.S., in der Schweiz die E.S. und der OTO und in Österreich die Illuminaten L. alles als Vorhof der Fr.S." Die FS ist die Dachorganisation, wobei nur qualifizierte und geprüfte Schw. und Br. via 18° Zugang zum OTO erhalten sollen. Die FS soll das Erbe der esoterischen Leitung übernehmen, Metzger will die Mittel besorgen und die Beziehungen schaffen. Während in Berlin vorwiegend magische Themen und Übungen an der Ta­gesordnung sind, bearbeitet die schweizerische Loge andere Gebiete: "Rhetorik, Erfolgspsychologie, Selbstbeobachtung und das Studium der Zentren, Ueber die Maschine Mensch, Sich selbst erinnern, Die Einheit, Das grosse Problem, Ritu­elle Esoterik."
Gerne wird von Metzger auch an die drei ersten Aufgaben der Schüler einnert: "Aufsatz, die Personifikation eines sog. toten Gegenstandes; Tagebuchmässige Darstellung einzelner Meditationen; Entspannungsübungen."
Die Schweizer halten ihre Treffen seit 1945 monatlich in der "Aula Paracel­sus"[332] * ab.

Metzger möchte, dass Gregorius den Reuss-Crowley-Nachlass (vor allem die Korrespondenzen der beiden) als Supremum Sanctuarium, für dessen Ermächtigung er sorgen könne, bei der Besitzerin dieser Unterlagen, Frau Jantzen im Tessin, die "sich als einziger Erbe und ermächtigter höchster OTO behaupte," anfor­dere. Frau Jantzen besitze keine Ordensrituale und berufe sich auf eine Frau Bader in Wesel, die den V° besitze. Die Tochter dieser Frau Bader (Gundula) sei verheiratet mit einem Mitglied aus Metzgers Gruppe (William Fischer) und soll "seinerzeit Ursache unserer Trennung" gewesen sein. Oscar Schlag erwähnt Gundula Baders Vater, Dr. Wolf Bader in Öhningen a. Untersee (später in Frei­burg i. Br.), der ebenfalls behauptet habe, "der" OTO zu sein.[333] *
 Gregorius rät Metzger, zuerst Tränker von dieser Spur "abzuwimmeln" und sich dann via Mittelsmänner an "die Jantzen und Frau Hardegger heranzumachen." Als "Mittelsmann" denkt Grosche an seine ehemalige Geliebte Hanne Wildt, die nun die Sekretärin von Frau Hardegger geworden ist.[334] * Er selber kann nämlich nicht als S.S. wirken, da diese Damen seinen Status als "einfachen Bruder des OTO" kennen. So rät Grosche am 22.3.1951, den Jantzenkreis zu überrennen, denn "wer publiziert und veröffentlicht ist stärker."
Frau Gundula Bader schickt nach der Auflösung des originalen Zürcher OTO-Krei­ses um Pinkus und Sprengel, 1947, die Dokumente zurück an Frau Jantzen, der Erbin Frau Sprengels. Da Frau Bader seit 1972 auf ihre Schreiben "keine Ant­wort mehr erhielt, muss ich annehmen, dass" Frau Jantzen nicht mehr lebt.[335] * Ihre Ordensunterlagen sind bis heute nicht nach Stein gelangt.[336] *
 
Grosches Schwierigkeiten mit den Besatzungsmächten lassen ihn einen "Kampf ge­gen den Geist... schlimmer als Sie es dort in der Schweiz wissen können!" ah­nen. "Es wird täglich schlimmer und die Gegensätze spitzen sich immer mehr zu. Der Krieg ist unausbleiblich! Rechnen Sie auf jeden Fall damit! Disponieren Sie damit!" Metzger bleibt ungerührt. Sein Antwortbrief umfasst sieben Seiten, ohne auf Grosches Ängste einzugehen. Metzger ist vielmehr an Verlagsveröffent­lichungen und esoterischem Klatsch interessiert und nicht an der Teilung der Stadt Berlin.

"Der Kreis hat sich geschlossen" macht Metzger am 25.4.51 eine kryptische An­deutung und stellt Grosche eine Charta aus: "Es ist die echte O.Charter, die Tränker nicht besitzt." Möglicherweise handelt es um das nichtssagende Diplom mit dem Text: "Wir bekunden mit heutigem Datum, dass S.M. Gregorius = Honoris Causa = rechtmässig aufgenommenes Glied ist."[337] * Auf diesem Diplom befinden sich in Geheimschrift der Satz "Die Wahrheit ist die Sechste Weisheit." Die Zeichen sind "abgefasst in der Geheimschrift der Kleriker der Tempelherren. Diese Geheimschrift wurde im Nachlass des Theosophen J.Ch. von Wöllner (1732-1800) entdeckt u. unter dem Titel Der Signatstern[338] * mehrmals publiziert... Dabei erschwerte Metzger das Ganze dadurch, dass er das System nur HALB anwen­dete u. es mit einer anderen Freimaurer-Schrift koppelte."[339] *
Als Gegenleistung fordert Metzger eine entsprechende Charta und erhält eine "Vollmacht im gesamten Lande Helvetiens einen Vorhof der Loge Fraternitas Sa­turni zu errichten."[340] *
"Ich stelle mich restlos hinter Sie!" bedankt sich Grosche[341] * und drückt seine grosse Hoffnung aus, mit der Veröffentlichung seines Romans "Exorial," die Metzger übernehmen will, seiner existenziellen Geldnot entfliehen zu können. "Es geht uns sowieso zur Zeit recht dreckig, kein Geld für die Miete" und er rechnet mit einer Auflage des "Exorial" von 70'000. Ein zweiter Roman, "Das Dunkle Licht," verspreche ebenfalls, sich gut zu verkaufen.[342] *

Endlich Kontakt mit Karl Germer

Im Juni 1951 meldet sich Metzger erstmals bei Karl Germers Crowley-OTO, gibt sich als Nachfolger der Monte Verità-Gruppe zu erkennen und erzählt von Pinkus und Fräulein A. Sprengel, was Germer am meisten beeindruckt {4}.[343] * Metzger erzählt nicht nur nicht von Hilfiker (höchstwahrscheinlich hat Metzger nie von Hilfikers Rolle gewusst), sondern verschweigt auch schlauerweise[344] * den Vorna­men Alice des Frl. Sprengel. So hält Germer sie irrtümlicherweise für das my­steriöse Fräulein Anna Sprengel, das ja so massgeblich an der Gründung des Golden Dawn beteiligt gewesen sein soll.[345] *
In diesem Lichte erscheint Metzger "so far genuine, with true aspiration, and cautious in things which he may be sworn to keep silent from uninitiates."
Begeistert berichtet Germer seinem europäischen Beauftragten Friedrich Mellinger {8}, dass Metzgers Gruppe einen "printing shop of their own" habe. Er weist Mellinger an, für Metzger Crowley-Texte auszuwählen. "If my optimism is not based on sand, but solid, we should have been given a very promising connection."[346] *
"If Metzger would have had access to all of A.C.'s works in the way [Kenneth] Grant has had, I'd be inclined to see in him a parallel case. However - like Grant - there seems to be the lack of money."[347] *
 
Durch Germer zu internationalen Aufstiegschancen in Sachen Thelema ermutigt, wird Metzger nun seine Beziehungen zur FS belasten. Germer lebt seine Aversio­nen gegen Grosche voll aus. "He was a sex-maniac, dabbled in hypnosis and drugs."[348] * Grosche "surely is a child of Traenker's."[349] *
"I also heard that Grosche... has started O!T!O!-Lodge activities again. I do not know from whom he can claim authority: perhaps from Tränker. Metzger should know about that" meint der im Unwissen gelassene Germer.[350] * Offensicht­lich hält Germer die FS für eine OTO-Loge.

Am 22.5., 18.6. und 22.7.1951 beklagt sich Grosche über fehlende Post aus der Schweiz, bis sich Metzger am 24.7.51 mit einem neuen Briefkopf meldet, "Heute am 89. Jahrestags unseres Ordens."[351] * Man habe nun endlich einen eigenen OTO-Tempel,[352] * mit dem OHO (Germer) Kontakt aufgenommen, immer noch keine FS-Ri­tuale erhalten, wobei sich die OTO-Brüder eigentlich gar nicht so recht für die FS-Praxis eigneten, ob Grosche noch mehr Adressen von FS-Mitgliedern habe und ob nun das Manuskript "Das Dunkle Licht" in die Schweiz zur Publikation geschickt werden könne.
Grosche ist verwirrt. "Ueber das Verhältnis resp. die Organisation zwischen F.S. und O.T.O. haben wir doch festgelegt, dass der dortige O.T.O. im Gradein­bau in die dortige F.S. eingefügt werden soll. - !! - Nun existiert die F.S. ja dort noch gar nicht offiziell, resp. sie ist noch nicht erleuchtet." "Wien können Sie ja erleuchten in meinem Auftrag - Es sollte ja auch die Schweiz ge­wissermassen die Patenschaft für Wien übernehmen."
Grosche schlägt Metzger noch schnell einen Plan vor, "wie wir zu Geld kommen könnten... Nach Therion-Muster: Der Verkauf von Hochgraden! - Es ist mir nicht sehr sympathisch, aber es würde gehen." In den "Blättern" heisst es nun über den OTO: "dieses Organisationssystem findet sich auch bei der Fraternitas Sa­turni."
 
"Lieber Freund und Bruder... im OTO ist geplant sämtliches Wissen der geheimen Bruderschaften wieder zu vereinigen und zur Wirksamkeit zu bringen - Sie wer­den mich verstehen!" deutet Metzger seinen Standpunkt am 30.7.51 an und fürch­tet einen Einspruch der regulären Freimaurerei. Geschickt fragt er Grosche um Kontaktadressen an.
Grosche versteht jedoch nicht: "Wann beginnt die F.S. in Zürich zu arbeiten? Wann beginnt die Arbeit des O.T.O. in Zürich als Gradarbeit der F.S.?"[353] *
Metzger erklärt daraufhin undeutlich, dass ihn eine "verbindende Linie" "mit Sorge erfüllt" und spricht unklar von einem Bild, das sich die Öffentlichkeit machen könnte.[354] * Er meint wahrscheinlich einen Artikel in QUICK 37/50 über Hypnose, in dem auf negative Weise von Crowley die Rede ist.

Am 3.9.51 kehrt Metzger von einer Deutschlandreise heim und verlangt von Grosche die Charta vom 25.4.51 zurück: "Es hat sich nämlich herausgestellt, dass das Vorliegende einen sehr kritischen und wesentlichen Fehler aufweist."
Dies ist der letzte Brief, den Metzger an Grosche schreibt. Im Oktober 1951, auf Metzgers Reise zu Friedrich Lekve und Friedrich Mellinger, besucht er zu­sammen mit Frl. Äschbach Grosche in Berlin. Aus den noch folgenden Briefen Grosches geht nicht hervor, was sich abgespielt hat.
Im Besitze vieler Auslandsadressen der FS, hat Metzger im Gegensatz zu Grosche viele Mitglieder persönlich kennengelernt. Er profitiert von Grosches Kenntnis der esoterischen Szene und kennt dessen finanzielle Lage, seine Wünsche und Ziele.
Die zwei Romanmanuskripte von Grosche, die für dessen Lebensunterhalt von exi­stenzieller Bedeutung gewesen wären, gibt Metzger nicht mehr zurück. Die Dro­hungen Grosches, den Schweizerischen Schriftstellerverband einzuschalten, bleiben ungehört.
"Ich habe Sie bisher für einen ehrlichen und anständigen Mann gehalten, dem ich viel Vertrauen entgegenbrachte... kann ich nur über sie den Kopf schüt­teln... sage ich Ihnen offen, Sie sollten sich schämen, sich mir gegenüber derartig zu verhalten!!" so Grosche an Metzger.[355] *
Trotzdem bleibt der OTO in Deutschland in der FS verankert: "Das Symbol des Tau [im Tapis der Loge Fraternitas Saturni] ist das Zeichen dafür, dass der Geheimorden OTO in der Loge als Grad verankert ist, resp. im Gradus Pentagram­matus [Pentalphae] gearbeitet wird."[356] * Um diese Zeit fragt Grosche vergeblich den Sohn von Arnoldo Krumm-Heller an {12}, der FS beizutreten.[357] *
 
Zwischen 1951 und 1953 erhalten folgende Personen ein OTO-Papier mit der Un­terschrift Germers und z.T. Mellingers: Metzger, Annemarie Äschbach, Anita Borgert, Georges Bérard, Josef Haniman, Rösli Metzger, Irene Weber, Othmar We­ber und Anna Binder.

Am 11. September 1953 wird Metzger "wegen unwürdigen Verhaltens" aus der FS ausgestossen und dessen "Vollmachten für die Schweiz" werden annulliert.[358] * "Die Mitglieder der Genossenschaft Psychopathia [sic] haben nicht das Recht, sich als Logenmitglied der Fraternitas Saturni zu bezeichnen."[359] * "Diese so­genannte Dachorganisation... existiert nicht mehr... Die sogenannte O.T.O. Vereinigung in der Schweiz ist nur eine Luftgründung von Metzger... nicht echt."[360] *
Die Frage am 7.1.87 an Fräulein Äschbach, ob Metzger Stuhlmeister der Frater­nitas Saturni, "Orient Thuricensium," gewesen sei, beantwortet sie knapp und bündig mit "Ach Chabis!," was sich ungefähr mit "Ach Mumpitz!" eindeutschen lässt. In den Protokollen der FS wird aber sogar der Schwester Äschbach/Chochmah zwischen 1951-53 regelmässig "in ritueller Feierlichkeit" gedacht und ihr werden "gute harmonische Gedankenkräfte zugesandt."

Kenneth Grant: der Typhonian OTO in England

1945 stellt Crowley dem Engländer Gerald Brosseau Gardner IV° und P.I. (13.6.1884-12.2.1964) eine OTO-Charta "to constitute a camp... in the degree Minerval" aus. Aber Gardner hat keine Zeit für den OTO, da er die Wicca-Orden (unter deren Bezeichnung sich "Hexen" organisieren) leitet.[361] *
Crowley bemerkt in seinem Tagebuch im März 1946 über den 1944 zu ihm gestosse­nen Grant {13}: "Value of Grant: if I die or go to U.S.A, there must be a trained man to take care of English O.T.O."[362] *
 
Im Herbst 1950 knüpft Grosche Kontakt mit Grant.[363] *
Karl Germer stellt nach Crowleys Tod Grant am 5.5.51 eine OTO-Charta "to constitute a camp" aus. "If we want to get the OTO properly going again, we need a competent leader, not only for England but for the whole world. It must be somebody who knows the thing inside out;... I have often thought that you might will be chosen for the job."[364] *
Grant wird von Friedrich Mellinger betreut {8} und erhält seine OTO-Logenan­weisungen von W.T. Smith.
Im Oktober 1954 druckt Grosche Karl Germers Übersetzung von Crowleys "Kleinen Aufsätzen, die zur Wahrheit führen" wieder ab, die schon 1928 in der "Saturn-Gnosis" erschienen sind.[365] *
 
Als nun 1955 von Grant das Manifest der "New Isis Lodge" in London erscheint, wo auf Seite sechs Bezug zu Grosche genommen wird[366] * und Grosche eine Kurzver­sion dieses Manifestos im April 1955 auf deutsch veröffentlicht, regt sich Germer dermassen auf, dass er "took violent exception to my [Grant] referring to Grosche"[367] * und daraufhin Grant am 20.7.1955 aus Crowleys OTO verstösst. Am 20.9.55 verbietet Germer Grosche, weitere Crowley-Texte zu publizieren. Germer "had a long-standing feud with Grosche,"[368] * welche wohl noch aus der Panso­phiezeit stammt, obwohl Germer für seinen "Ordensnamen" denselben Planeten ge­wählt hat, den Grosches Anhänger anrufen.
Massgebend für diesen Zwist dürfte nicht nur Metzgers Vorwurf gewesen sein, Grosche habe ihm das Manuskript der Gnostischen Messe {15} gestohlen,[369] * son­dern auch Grosches "Sonderdruck 1" vom Januar 55 über den mehr oder weniger sexuellen Charakter der Messe. Im März 1955 folgt der "Sonderdruck 2" mit ei­nem Bericht über Crowleys Besuch in Weida und die damalige Gründung der FS. Zu dieser Zeit fliessen auch Artikel aus Grosches Feder über die astrologischen Aspektzeichen im Zusammenhang mit den "Coitus-Stellungen."

Grants "pleasant correspondence with Herr Metzger" schläft ob dieser Zwisterei ein.[370] * Am 16.12. 1955 bestellt Germer einen gewissen Edward Noel FitzGerald als "personal representative in matters of the O.T.O. for Great Britain." Ger­mers Zurückhaltung drückt sich im Zusatz "valid until revoked" aus. FitzGerald verfasst "The Works of Aleister Crowley" in Richard Cammels Biographie "Aleister Crowley."[371] * Es fragt sich, ob es möglich ist, OTO-Mitglieder aus dem Souveränen Sanktuarium der Gnosis (die Grade VIII°-XI°) zu verstossen. Germer hat Grant als IX° akzeptiert.[372] *
 
Nach dem Tode Germers, 1962, stellt Grants "New Isis-Lodge" ihre Tätigkeit ein[373] * und Grant betrachtet sich als OHO. Die Autorisation sei 1945 durch eine Art "laying on of hands" auf Grant gekommen.[374] *

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Trotz der Enttäuschung durch Metzger ist Grosche immer noch bemüht, den Or­densaufbau mit jemandem zu teilen: "Ich habe noch einmal über unsere persönli­che Unterredung nachgedacht und trage Ihnen die Bitte vor, doch einmal in kurzgedrängter Form eine Abhandlung zu schreiben, welche klärend sein müsste über den ganz undurchsichtigen jetzigen Zustand der geheimen Orden, angefangen von der A.A. über die G.D. R.C. bis heute und darin müsste die Rolle der Men­schen wie Germer, Lekve, Paragranus, Tränker und Fritsche {12, 15} usw. [letzte drei Namen handschriftlich] Dr. Peters[en?] usw. einmal klar umrissen werden, sie auf ihren richtigen Platz gerückt und evt. von ihrem Piedestal heruntergeholt werden.
Man müsste versuchen, ganz neu in Deutschland aufzubauen und es wäre doch si­cher richtig, wenn Sie persönlich von der Schweiz aus, noch besser wäre es von Südamerika aus, alles neu unter Ihrer Leitung aufzuziehen [sic]," so Grosche am 9.4.1956 an Oscar R. Schlag {14}. Im nächsten Monat stirbt Tränker.
Im August 1956 teilt Grosche seinen Lesern mit, dass Germer in den USA und Lekve {7} in Deutschland die Interessen Crowleys vertreten. Lekve habe "sich aber dann später distanziert und seine Aufgaben an Dr. Petersen in Hamburg weitergegeben. In der Schweiz gründete im Einverständnis mit Germer ein Herr Metzger eine Abtei Thelema." So "ist also festzustellen, dass zur Zeit in der BRD weder die A.A. von Therion, noch der Orden des G.D., noch der OTO offizi­ell arbeitet."[375] *
Im September 1956 verbringt Grosche seinen gewohnten Urlaub in Norditalien, im Dörfchen Cannero am Lago Maggiore, nahe der schweizer Grenze, wo er vier Jahre bis 1942 als Emigrant gelebt hat.
Am 18.3.57 wird die "Grossloge FS zu Berlin" amtlich eingetragen.[376] *
Im Dezember 1957 bezieht Grosche Stellung: "Der OTO ist keine Dachorganisation der Loge FS, sondern er ist als eine in sich selbständige rein internationale Organisation zu betrachten, welche gewissermassen hinter den meisten geheim­wissenschaftlich anerkannten Logen steht, ohne mit ihnen organisatorisch ver­bunden zu sein. In Deutschland arbeitet der Orden offiziell nicht,"[377] * da Tränker ja tot ist. Wieso Grosche die Metzgersche OTO-Loge "Prometheus" des Hjalmar Vollkammer[378] * in Bonn nicht erwähnt, bleibt unklar. Laut Hemberger führt Vollkammer seit 1956 den "Ordo Illuminatorum Germaniae."[379] * In Metzgers erster Oriflamme 1961 verfasst Vollkammer noch einen Artikel, distanziert sich aber ca. März 1965 von Metzger.
"Die Brüder der Loge FS sind keine Thelemiten... Die starre wortgetreue Hal­tung mancher Therion-Anhänger ist sowieso unseres Erachtens nach nicht gutzuheissen. Der immer stärker werdende magische und kosmische Influxus die­ses Zeitalters verlangt eine fluktuible Anpassung und Anwendung der von The­rion gegebenen Lehren."[380] *
 
Im Oktober 58 annulliert Grosche Wedlers (Frater: 1954, Meister: 1957) Bestal­lung als Landes- und Ortsmeister von Wattenscheid und ernennt ihn zum Grosslo­gen-Archivar.[381] *
Im März 1960 kann Grosche endlich sein "Exorial" publizieren. "Alles, was im Exorial steht, hat mir G. versichert, ist tatsächlich passiert."[382] * Zu Ostern wird Grosche in den 33°, den höchsten Gradus Ordo Templi Orientis Saturni (Gotos) erhoben, was eine Personalunion mit dem Logendämon GOTOS/Baphomet be­deutet.
Am 22.7.1961 wird der Berg Ipf rituell "in den Schutz Pans" gestellt.
1962 löst man die FS angeblich rituell auf.[383] *
Als sich Metzger im Januar 1963 als OHO des OTO ausruft, sieht Grosche darin einen "Treppenwitz der Geschichte der neueren okkulten Bewegungen."[384] *
Am 21. September 1963 haben die rechte Hand Gregorius' und Grossinspektorin Margarete Berndt/Roxane,[385] * Karl Wedler und Winfried Kuennicke/Fried (aus New York herangereist, Mitglied seit 1954) am Lago Maggiore, zusammen mit Grosche im Urlaub, sich verpflichtet, die Fraternitas Saturni weiterzuführen. Unterwegs besucht man Englert, Göggelmann und Willi Hauser (Mitglied seit 1954).
1962 besteht in Frankfurt die FS-Loge "Luminis" aus Johannes Maikowski/Immanuel (18°, 22°, Mitglied seit 1955),[386] * seiner Frau Irm­traud/Flita (16°), Manfred, Sara, Herbert Alfred/Johannes und Englert/Ptahotep (18°) {11}. Englert und Maikowski, beide als 18°, wollen, unter Umgehung Wedlers allein Grosche verantwortlich sein. Dazu Grosche: "Den Mstr. Ptahotep treibt ja nur der bei ihm vorliegende starke Ehrgeiz."[387] *
Maikowski gründet 1963 eine eigene FS und lässt diese beim Amtsgericht Frank­furt eintragen. Sein Meisterkreis nennt sich "Fraternitas Luminis Ordo Regina Adeptorum," kurz FLORA. Mitglied ist u.a. Hemberger. "Jeder wollte Grossmei­ster spielen."[388] *
Begonnen hat der Streit im Zusammenhang mit einem Kopiergerät, das ohne Zu­stimmung Wedlers angeschafft worden ist. Die spätere Meinung der Rechtsan­wälte: "Eine anderweitige Gründung einer Loge gleichen Namens kann nicht ver­hindert werden. Auch eine gerichtliche Eintragung (e.V.) ist kein Hindernis. Der P.57 Abs. II BGB ist eindeutig formuliert... Damit ergibt sich automa­tisch, dass auch ein Namensschutz in Deutschland nicht möglich ist."[389] * ***
Grosche stirbt am 5.1.1964 im 76. Lebensjahr an Herzinfarkt. Den offiziellen "Totenbrief" zeichnen Marie Grosche, Alraune und Heinz Bölke. Die sterbliche Hülle wird auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf beigesetzt. Die Witwe Grosches zeigt wenig Interesse an der FS und löst das Antiquariat ihres Mannes auf. Geboren am 23.2.1888, stirbt sie am 14.5.1967 und wird bei ihrem Gatten beerdigt. Das Grab wird 1989 aufgelöst.[390] *
 
Am 2.3.64 meldet sich Metzger bei Roxane, um als "Mutterorden aller Thelema­bewegungen... über das literarische Erbe von Meister Therion zu wachen... den Weg [zu] weisen und auf Missverständnisse aufmerksam [zu] machen." Dazu habe er die "Autorisation, die Grundlagen und auch die Beweise."
Metzger beklagt sich über den "Diebstahl geistigen Eigentums." Das Titelblatt eines Prospektes für Grosches Buchantiquariat weise ein Bild auf, dessen Ori­ginal in Stein liege. Vielleicht ist das Bild des Künstlers Kelling auf dem Werbeprospekt für Grosches Roman "Exorial" gemeint. Der Umschlag des Buches selber ist von Martha Funk. Obwohl Metzger das Originalmanuskript dieses "Romans eines dämonischen Wesens" nie an Grosche zurückgegeben hat, ist es Grosche gelungen, dieses Werk 1960 in Berlin im Eigenverlag zu drucken.[391] *
 
An der Osterloge am 28./30. März 1964 wird nun Roxane durch geheime Wahl und Kugelei inthronisiert.[392] * Der Titel der Logenpublikation ändert sich ab Sep­tember 1964 von "Blätter für angewandte okkulte Lebenskunst" zu "Vita Gnosis," ab Mai 1965 erscheint die überarbeitete "Saturn Gnosis" wieder.
 Roxane, geboren am 9.7.1920, beginnt im September 64 zu kränkeln, muss nach 14 Wochen im Amt der Grossmeisterin von Wedlers Ehefrau gepflegt werden und stirbt am 8. Juni 1965.
Nach dem Tode Frau Berndts bildet sich aus Karl Wedler (33°), Hermann Wagner/Arminius (27°) und Willi Hauser/Fabian (16°) ein Triumvirat der FS. Als 33° hat Wedler jedoch das letzte Wort.

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Wedler erhält am 19.7.1965 einen Brief von Metzger, der "das Schifflein, die Asche des Ordens der Saturnischen Brüder, wieder ins heimatliche Gefielde des Ordens zurück[...]führen" möchte, denn "es war uns all die Jahre eine spe­zielle Aufgabe, diese Bewegung zu studieren und still zu betreuen von unserem letzten OHO [Germer] übergeben worden." Metzger stellt Wedler probeweise eine V°-Charta aus. Da sich dieser aber nicht "bestechen" lässt, wird die Charta wieder annulliert.[393] *
Das Triumvirat kann sich angeblich aufgrund der räumlichen Entfernungen kaum verständigen, und die gesamte Ordensarbeit konzentriert sich bei Wedler. An der Osterloge vom 8.-10.April 1966 wird der von Wedler protegierte Chemiker Guido Wolther/Daniel (12°, Mitglied seit dem März 1964)[394] * aus Kelkheim zum Grossmeister gewählt.[395] * Am 13.4.1968 werden zwei weitere 18° gekürt: Emil Forrer/Domani und Hans Buehler/Heliobas.
Innerhalb der FS wird nun ein neuer Geheimorden installiert: der "Alte und My­stische Orden der Saturnbruderschaft," AMOS.[396] * Der Gotos Wedler wird am 10.10.68 "Ehrenmeister des AMOS."[397] * Im bürgerlichen Leben ist Wedler Oberin­spektor beim Bochumer Ordnungsamt, zuständig für die Gaststätten.[398] *
Obwohl beide Parteien es abstreiten,[399] * ist es Daniel (18°, 33°), der für Hemberger Unterlagen aus dem Archiv holt, die Hemberger kompiliert, in dutzen­den von Bänden verkauft, und die den Ruf der FS nachhaltig prägen. Ein 18°Ritual voller Blut und Sperma erregt die Gemüter.[400] * Die vielen sexualmagi­schen Zeichnungen und Schriften Daniels machen die Runde.[401] * "Hemberger gibt sich ja selber aus als Schüler von Fra Saturnius [Göggelmann] und Mitglied des O.T.O. X°."[402] *
Metzger sieht sich zu dieser Zeit genötigt, Zirkulationsschreiben zu verschicken, in denen er behauptet, "Grosche war nie Mitglied oder Bruder des OTO oder der Illuminaten." Hemberger kontert: "legitimer Erbe Crowleys in Deutschland kann... nur die FS sein," die seiner Meinung nach von Walter Englert {11} vertreten wird."[403] * Wolther ist ebenfalls mit Englerts IO/OTO e.V. in Frankfurt verbunden.[404] *
Auf der Osterloge 5./6. April 1969 vereinigen sich die abgespaltenen Frankfur­ter FS-Mitglieder (ohne Englert und dessen IO/OTO e.V. {11}) wieder mit der Mutterloge. Wedler inthronisiert den neuen Grossmeister der "Vereinigten Grossloge Fraternitas Saturni":[405] * Walter Jantschik/Jananda (geb. 9.11.1939, 4°, 8°), Mitglied seit April 1964.[406] * Jantschik, von Beruf Justizvollzugsbeam­ter, möchte eine Esoterische Universität innerhalb der FS gründen, die Doktor- und Professorenwürden nach einer Dissertation verleihen soll.[407] * Ein Jahr nach Eintritt wird Jantschik in Frankfurt im Beisein von Roxane, Orpheus und Arminius rituell in den 18° initiiert.[408] * Weder von Jantschiks 18°-Initia­tion, noch von seiner Grossmeister-Ernennung gibt es Dokumente.[409] *
"Ein Schreiben, in dem Metzger die FS übernehmen wollte, habe ich nicht erhal­ten."[410] *

"Daniel ist ca. 1969 von der FS weg. Es gab Schwierigkeiten mit dem Logense­kretariat unter Giovanni und hatte Schwierigkeiten mit seiner Frau Rahel [Myriam Wolther]. Ein gewisser Bruder Heliobas [siehe oben] aus Australien hatte sich an seine Frau herangemacht und sie vernascht."[411] * Am 18.2.1971 schliesst Daniel in seiner Eigenschaft als Gotos die abgespaltene Frankfur­ter FS endgültig. Die Streitereien und Denunziationen bei der Polizei sind von Hemberger in seiner FS-Serie dokumentiert.[412] * Mit dem Austritt Wolthers löst sich der AMOS auf.

Nach Jantschik folgt 1969 schon der erst im selben Jahr eingetretene Pole S.W. Wicha/Andrzey als Grossmeister der FS. Jantschik: "Weshalb ich das Amt als Grossmeister niedergelegt habe, waren hauptsächlich Intrigen von allen Seiten, etc. Der Giovanni wollte als Ehrenmitglied, ebenso seine Frau, ernannt wer­den... Seit meinem Austritt 1970/71 aus der FS hatte ich keine Kontakte mehr zu dieser Loge."[413] * Jantschik lässt sich 1971 scheiden und heiratet am 20. August 1973 ein Mädchen aus Mauritius (geb. 1.6.1953). Hin -und Rückflug ko­sten ca. 5000 DM.
An der Osterloge 1977 wird Andrzey in Abwesenheit "wegen Vernachlässigung seines Amtes einstimmig von seinem Posten abgewählt." Der neue Grossmeister heisst Joachim Müller/Horus,[414] * der am 25.5.1982 stirbt.[415] *
1978 publiziert der kanadische Zweig der FS im "caliphatischen" Mitteilungs­blatt[416] * die eigene Adresse, worauf im Magazin der Maat-Gruppe in Ohio ein Ma­nifesto erscheint[417] * und das "Temple of Set"-Mitglied S. Edred Flowers 1990 eine Kompilation aus den Werken von Haack und Hemberger unter seinem Namen herausgibt.[418] *

In Nomine Baphometi

Am 6.5.1970 erschiesst das FS-Mitglied Paul-Günther Diefenthal im "Auftrag Ba­phomets" Walter Jantschiks Schwager, Josef Göttler.[419] * Im Zuge journalisti­scher Tätigkeiten machen sich Horst Knaut {9} und Haack, ab 1969 hauptamtli­cher Beauftragter der Evangelischen Landeskirche für Sekten- und Weltanschau­ungsfragen, auf und besuchen Jantschik am 22.3.1974 in seiner Wohnung in Lehr­berg. Knaut befürchtet, Jantschik könne sein noch ungeborenes Kind kultisch opfern und lässt seine Unterlagen von Psychologen analysieren, die "Gefahr für Geist, Leib und Leben" wittern.[420] * Knaut wundert sich, dass Guido Wolther ebenfalls nicht mit seinen Publikationen in QUICK u.a. einverstanden ist {mehr darüber in 9} und droht gelassen mit einer Strafanzeige, falls Wolther seine berufliche Journalistentätigkeit diskriminiere.[421] * Wolther schreibt em­pörte Briefe an QUICK und Haack, in denen Jantschik denunziert wird.[422] * Dieser wehrt sich: "Was... Wolther von sich gibt... spottet jeder Beschreibung."[423] *
 
Jantschik bearbeitet seit dem 18.3.1965 als Mitglied des Metzgerschen Illumi­naten-Ordens dessen Lehrbriefe {10} in der "Oriflamme." Der Kontakt schläft aber bald wieder ein. "Ca. 3 Jahre war ich Mitglied im IO. Die Zusendung von Material wurde dann eingestellt. (Grund: organisatorische Gründe!)"[424] * "Ich habe den Metzger Weihnachten 1970 in seiner Abtei besucht. Dabei habe ich auch Frau Borgert und Frl. Äschbach sowie seinen magischen Sohn [Simon] kennenge­lernt. Er behauptete, er arbeite gleichzeitig in drei Berufen: Psychologe, Kaufmann und Schriftsteller. Er sagte mir auch, er hätte viele Kinder (magisch?). Wie dies auch zu verstehen sei. Ausserdem sagte er mir, er sei die rechtmässige Autorität über den OTO-Illuminaten-Orden etc."[425] *
Jantschiks Interessen weiten sich aus, und er wird Mitglied im AMORC; beim Go­den-Orden; bei Josef Grassers/Stephanios' Loge Kether Paris; im AMOOKOS; veröffentlicht 1979 alias Aythos in F.-Wilhelm Haacks Schriftenreihe ein Büchlein über die FS.[426] * Beim OTOA schreibt er 1983 alias CCD; wird 1981 zu­erst Bruder Antomedon, dann Levum im Ordo Saturni und Mitglied bei Michael Aquinos "Temple of Set"[427] * {13}. 1980 mitbegründet Jantschik den deutschen Zweig des "caliphatischen" OTO, wo sich zeitweilig auch "Temple of Set"- und ehemalige Scientology-Mitglieder tummeln.
Jantschik, nun alias CIT, wird "Baphometor" im Ordo Baphometis und tritt Ende 1989 aus allen obigen Orden wieder aus, um sich allein Baphomet hinzuge­ben.[428] *

Der Ordo Saturni

Oswald Schrey/Aton aus Berlin gründet 1971 den "Arbeitskreis Antares." Durch Inserate in der Zeitschrift ESOTERA gewinnt man ca. 25 Mitglieder, darunter auch Jürgen Gisselmann/Merlin, der sich gleich sehr engagiert und auf seine Beziehungen zur selbsternannten Satanistin Ulla von Bernus und zur FS hin­weist.[429] * Gisselmann "war seinerzeit sehr aktiv und brachte Herrn [Dieter] Heikaus in den Arbeitskreis."[430] * Heikaus/Phosphorus lässt sich von Gisselmann "als neues Triumviratsmitglied einsetzen," was dazu führt, dass sich Schrey übergangen fühlt und Heikaus und Gisselmann ausgeschlossen werden. "Alle Mitglieder distanzierten" sich daraufhin von den beiden.[431] * Der Arbeits­kreis Antares löst sich 1973 auf.[432] *
 
Unter Andrzey wird am 31.3.72 eine "Magna Charta" veröffentlicht und der an­hängende "Ordo Saturni" als Meisterkreis der Fraternitas Saturni ins Leben ge­rufen. Das Konzilium entscheidet aber am 27.10.78, "dass die Magna Charta und der damit zusammenhängende Ordo Saturni für die Gesamtloge nie verbindlich ge­wesen ist und dass sie [Magna Charta] durch eine Kompetenzüberschreitung des damaligen GM und im Widerspruch zum Logengesetz [LK 11,1 und 101,] entstanden ist." Grossmeister Dr. Conrad/Drakon erklärt den "Ordo Saturni" für nicht­existent.[433] *
 
Dieter Heikaus, nun Honorius, mit angeblich abgeschlossenem Theologie- und Pädagogik-Studium,[434] * jedoch als "Realschullehrer für Deutsch, Geschichte, Englisch und Religion"[435] * tätig, setzt sich für die Logenpublikationen ein.[436] * 1978 möchte sich der Ortsorient Bersenbrück der Fraternitas Saturni selbstän­dig machen, und Heikaus sucht FS-Mitglieder für diese Idee. Im Januar 1980 feiert der sich nun "Ordo Saturni" nennende Ortsorient seine rituelle Instal­lierung als unabhängige Grossloge unter Honorius, nun Set-Horus. Der neue Ordo Saturni (OS) ist keine Fortführung des ehemaligen gleichnamigen Meister­kreises der FS, sondern eine Art Vorhof des "Ordens des Set," der als eine Art innerer Kreis im OS sein Dasein fristet. Dauernd wechselnde Statuten führen neuerdings zum Beispiel auf, dass "eingereichte Arbeiten und Gradarbeiten... in das Eigentum des Ordo Saturni" übergehen.[437] *
1985 inseriert der OS mit dem OTO-Lamen. Unter derselben Adresse sucht die Gnostisch-Katholische Kirche und der "Pentalpha-Tantra-Kreis" "Damen und Her­ren."[438] * Die Treffen dieses 18°-Kreises/"Studienkreis Sexulamagie" finden an den Logentreffen statt.[439] * Ebenso inseriert Heikaus mit einer "Spezialabteilung für Ariosophie."[440] *
Am 14.3.87 wird Heikaus durch Wedler zum Grossmeister und 30° eingesetzt, nachdem Wedler durch Heikaus im Juli 86 zum Ehrenmitglied des OS ernannt wor­den ist.[441] *
Der OS hat einige FS-Meister/Hochgrad-Mitglieder aus Grosches Zeit für sich gewinnen können. So ist zum Beispiel das schon erwähnte FS-Triumvirat, beste­hend aus Giovanni, Fabian und Arminius, in den Reihen des Ordo Saturni zu Hause. Die beiden letzteren treten allerdings erst nach Heikaus' Einsetzung als Hierarch über: Arminius am 19.3.1988 und Fabian am 7.2.89. Darauffol­gend wird Heikaus am 4.3.89 zum Gotos eingesetzt. Als 18° kann allein der Schweizer Emil Forrer/Domani (aus der FS übergetreten im Dezember 87) gewon­nen werden.
Der Ordo Saturni ist in Bremen amtlich eingetragen. Die Mitgliederbeiträge ge­hen an die Esoterische Studiengesellschaft in Bersenbrück. Da die beiden Vereine verschiedene Statuten haben, sind die Ordensmitglieder ohne Mitspra­cherecht. Laut der Satzung des OS (3.10.78/20.3.82) geht das Vereinsvermögen an den obenerwähnten "Orden des Set" in Osnabrück.

Die Gnostisch Katholische Kirche in Deutschland wird von Dieter Heikaus/Set-Horus angeblich im Januar 1980 gegründet. Die Aktivitäten dieser Kirche (nämlich Anzeigen in Fachblättern, esot. Adressbüchern, Zuschriften usw.)[442] * können nachgewiesen werden. Die apostolischen Weihen sind angeblich nach dem Rituale Romanum der polnischen Mariavitenkirche vollzogen. Obwohl vom theolo­gischen Standpunkt aus keine Magie in der Transsubstantiation der Elemente zu sehen ist, gilt das nicht in der "twilight world of the Wandering Bishops."[443] *
Die apostolische Sukzession stammt angeblich aus der Mariaviten-Linie von Erz­bischof Paulus N. Maas [Michael Kowalski konsekriert am 4.9.1938 Marc-Marie-Paul Fatome, der am 9.10.1949 Paulus N. Maas zum Bischof weiht].[444] * Der aus Polen stammende Mariaviten-Orden, gestiftet um 1890 durch die Polin Maria Koz­lowska, spendet im Frühjahr 1991 in Köln den "Freundschafts-Segen" für homose­xuelle Paare.

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Karl R.H. Frick, in derselben FM-Loge wie Wedler, lernt durch ihn Heiner Fa­bian/Cornelis und dessen Manuskript "Blutmessen und Satanismus" [Teil 1] kennen.[445] * "Naiv" stellt Frick in seinem Buch "Satanismus und Freimaurerei" den OS als "Ordo Satanas" vor.[446] * Ähnlich fühlt sich auch Paul Rüdiger Audehm (geb. 1942) {11} von Frick hintergangen, dem er in gutem Glauben Material ge­liefert hat.[447]

Mit göttlichem Sperma salbe ich Dein Haupt[448] *

Jürgen Gisselmann/Merlin posiert zusammen mit Ulla von Bernus/Anata {9} für die "Hör Zu,"[449] * ist aber zu jung, um Fraternitas Saturni-Mitglied zu wer­den. Deshalb nimmt ihn Karl Wedler unter seine persönlichen Fittiche. Die Freundschaft zwischen Anata und Merlin kriegt Risse, als letzterer den UFO-Glauben Anatas zerpflückt. Merlin schreibt gleichzeitig für den "Stadtanzeiger Marabo für Bochum und Umgebung" (wo auch ein Werner Schmitz tätig ist)[450] * und den "Playboy." Bald kriegt er es mit der Angst vor schwarz­magischer Verfolgung zu tun und begeht, erst 25jährig, am 2.10.1979 Selbst­mord. Die Geschichte dieses Selbstmordes wird nun von obenerwähntem Schmitz, der die nötigen Informationen sogar von Dieter Heikaus erhält, als Krimi "Auf Teufel komm raus"[451] * verarbeitet. Nach Erscheinen des Krimis werden Flugblät­ter an Wedlers Wohnort verteilt, in denen dieser mit bürgerlichem Namen er­wähnt wird.[452] * Jetzt ist Heikaus "entrüstet."
Ulla von Bernus (geb. ca. 1914) gelangt ebenfalls zu Ruhm. Sie zelebriert am 17.9.84 im ZDF ein magisches Ritual und gibt in der "Hör Zu"[453] * ihre Tarife bekannt: 30'000 DM pro magische Ferntötung. Pfarrer Sommerauer, der Frau von Bernus daraufhin vor Gericht bringt, blitzt ab. Beim Tatbestand handle es sich um ein "strafloses Wahndelikt."[454] * Mit derselben Begründung muss Frau von Bernus allerdings 30'000 DM zurückzahlen, da das Landesgericht Kassel die An­sicht vertritt, das ganze sei "von Anfang an objektiv unmöglich gewesen."[455] * Wolther/Daniels Sohn, Patrick, wird magischer Schüler der Bernus.

Heikaus bemüht sich vergeblich um Merlins Ordensarchiv. Die Mutter Jürgen G.s vernichtet fast alles nach dessen Selbstmord.[456] *
Im selben Jahr, als der Krimi von Schmitz erscheint, 1987, tauchen an der Hauptschule in Bersenbrück Werbeschriften für den OS auf. Die Eltern drohen mit einem Schulstreik. Die Boulevard-Blätter berichten wieder von Gefahren,[457] * Kirchenblätter drucken Saturn-Insignien ab,[458] * Horst Knaut und Haack werden zitiert.
"In unserer Gegend ist augenblicklich der Teufel los. Die Kirchen blasen zum Angriff, Kripo und Staatsanwaltschaft sind eingeschaltet. Ein Freitod in der Umgebung wird mit uns in Verbindung gebracht."[459] * Heikaus wird im März 1988 seines Amtes enthoben.

Wie die Ermittlungsbehörden der Presse mitteilen, haben sich die Vorwürfe der Verbreitung jugendgefährdender Schriften (und Filme) und neonationalsoziali­stischen Gedankengutes als haltlos erwiesen.[460] *
Durch den Presserummel entstehen ein paar Lücken in den oberen Rängen des OS, die aber bald durch vorstossende Neuzugänge, vor allem von "Caliphat"mitgliedern aufgefüllt werden, was Unruhe auslöst. Heikaus gründet den "Ordo Templi Orientis Saturni" ("dessen Name somit gesetzlich geschützt ist").[461] * Viele Mitglieder springen ab und diejenigen, die versäumen, ihre Mitgliederbeiträge zu zahlen, lernen wegen 120 DM Heikaus' Anwalt kennen.[462] * Im Mai 93 wird versucht, Heikaus abzusetzen, da ihm juristische Unkorrekthei­ten in Sachen Vereinsführung u.ä. vorgeworfen werden.[463] * Das alles wird Heikaus jedoch nicht stören, hat doch Gertrude Zellhuber dem Ordo Saturni am 18.9.93 ein Kind, Artur, geschenkt, das nun als Inkarnation Eugen Grosches das lädierte saturnische Boot durch weitere Stürme lotsen soll.



7. Treffpunkt der Träumenden


Martha Küntzel


Der 1849 geborene Telegrafensekretär und Pansoph Otto Gebhardi (Bruder Ich Will),[464] * OTO-Mitglied unter Reuss,[465] * schreibt zusammen mit seiner 1857 ge­borenen Geliebten Martha Küntzel (Schwester Ich Will Es) Beiträge für die Zeitschrift "Theosophische Kultur" des "Theosophischen Kultur-Verlags", der Nachfolge von Heinrich Tränkers "Theosophischer Zentralbuchhandlung." Vorerst sind Goethes Faust und die Zauberflöte die Themen der beiden Repräsentanten von H.P. Blavatsky.[466] * Als die beiden jedoch 1925 Crowley im Hause Tränkers kennenlernen, proklamieren sie ihn zum Weltheiland und Frau Küntzel wird fana­tische Anhängerin Thelemas. Über die Freundin von Madame Blavatzky schreibt Crowleys Nachlassverwalter und Biograph John Symonds, sie sei "begierig von einem Kult zum anderen getorkelt, bis sie das Buch des Gesetzes auf den rich­tigen Weg führte und [sie] in ihren letzten Jahren nur noch durch das Gesetz von Thelema am Leben blieb."[467] *
Die schwangere Gespielin Crowleys, die Schweizerin Leah Hirsig (1883-1951), wohnt bei der Küntzel in Leipzig,[468] * die nun die ersten drei Bände von Crow­leys Confessions ins Deutsche übersetzt und losen Briefkontakt mit Eugen Grosche pflegt. 1926 besucht sie Crowley, der von Deutschland aus nach Tunis gereist ist.
Am 15. März 1927 wird die "Thelema-Verlags-Gesellschaft Leipzig" als eine Art Weiterführung von Tränkers "Pansophischer Verlagsgesellschaft" gegründet, die selber keine Crowley-Werke mehr publiziert und von Frau Küntzel verabscheut wird. "Das Grosse Thier hat ein liebenswürdiges Kaffeekränzchen um sich ver­sammelt."[469] * Teilhaber sind (die erste Zahl gibt die Anzahl Stimmen von insge­samt 12 an, die zweite den Anteil am Reingewinn):
1. Aleister Crowley, Paris (3, 35 %)
2. Otto Gebhardi, Leipzig (1, 10 %)
3. Karl Germer, Boston (1, 15 %)
4. Oskar Hopfer, Weissendorf (1, 15 %)
5. Martha Küntzel, Leipzig (3, 10 %)
6. Bernhard Sporn aus Zeulenroda (3, 15 %) ist für den Druck zuständig.
"Der Verlag war nicht in unserer Adressenkarte des Bestandes Börsenverein der Deutschen Buchhändler nachweisbar. Recherchen in den Leipziger Adressbüchern blieben ebenfalls ohne eindeutiges Ergebnis."[470] *
 
Frau Küntzels 1925 angefertigte, angeblich auch Hitler ausgehändigte Ausgabe des Liber AL, stösst weder auf Karl Germers noch auf Henri Birvens Zustimmung. So berichtet Germer Crowley über Birvens Meinung: "he calls her translations childish and silly" (13.9.1929).
 
Im Juli 1928 veröffentlicht Grosche Texte von Crowley mit dem Vermerk: "Copyright der Thelema-Verlags-Gesellschaft, Leipzig."
1930 kommt es zum Treffen der Herren Germer, Krumm-Heller, Crowley und Yorke in Henri Birvens Wohnung - ohne die Küntzel {12}. Am 1. und 2. Juli unter­zeichnen Martha Küntzel (Thelema-Verlag) und Henri Birven (Zeitschrift "Hain der Isis") einen Vertrag, worauf Birven endlich Crowley-Texte veröffentlichen kann, bis ihm dies Crowley 1932 verbietet. Das Verhältnis zwischen Birven und Küntzel verschlechtert sich ebenfalls, da die Küntzel immer eigenwilligere Übersetzungen liefert. Frau Küntzel begeistert sich neuerdings auch stark für ihren magischen Sohn, Adolf Hitler,[471] * was sogar dem manchmal pro-deutschen Crowley zuviel wird und er den Kontakt mit ihr schliesslich 1935 abbricht. Ein Jahr später taucht ein neuer deutscher Protagonist auf.

Friedrich Lekve

Der am 26.2.1904 in Wesel geborene, in erster Generation Deutschland zugehö­rige Lekve, entstammt einem seit 1200 am Hardanger Fjord in Norwegen ansässi­gen Bauerngeschlecht.[472] *
 
Vor der Begegnung mit Thelema "lebte ich dem Gedanken der Verpflichtung an das Leid. Darum ergab sich ein Suchen auf den verschiedensten Wegen der Mystik," begleitet von einer "ungesunden Neigung zu Mangel an Selbstvertrauen und stim­mungsmässiger Beeinflussbarkeit." Doch 1929[473] * erfolgt seine thelemitische Be­rufung, die er vor allem im Lichte des Zusammentreffens seiner Geburt, 26.2.1904, mit der "Offenbarung des thelemischen Gesetzes zu Cairo," 8.-10.4.1904, sieht. Wegweisend für Lekve wird ausserdem Martin Bubers (1878-1965) Wiederentdeckung des Chassidismus, allein schon des Datums wegen: 1904.[474] *
 
1936 lernt er Martha Küntzel kennen, die seine Mentorin wird, und schreibt erstmals am 8.10.36 an Aleister Crowley. Er berichtet ihm vom "Kreis um The­lema,"[475] * dem er und die Küntzel angehören, und von den sechs Kisten voller Gemälde, die Crowley nach seiner Ausstellung 1930 in Berlin zurückgelassen habe.
Crowley stellt ihm nun ein Horoskop aus und will sofort diese Kisten haben.
Lekve beurteilt Eugen Grosche als "brother of the left path," erzählt einen langen Traum und unterschreibt mit "66 (Friedrich) + 11 (Lekve)."
Am 13.4.37 beklagt sich Lekve über mangelndes Interesse an seinen "monthly letters" und will via Astrologie die Menschheit für Thelema ködern. Er unter­schreibt mit "Seven OZ Seven." Am 6.11.1941 wird Crowley dann seine eigene "Charta der Menschenrechte" "Liber OZ" nennen.[476] * Diese "Charta" wird von Crowley in die II°-Initiationsrituale eingebaut, die also erst NACH 1941 ge­schrieben worden sind[477] * und 1942 erstmals durchgeführt werden {13}.
21.4.37: Lekve möchte bei Crowley notfalls auch ohne Bett auf einer Luft­matratze übernachten, da er als Vertreter der Wetzel-Gummiwerke in London sein wird.
28.4.37: Crowley lehnt ab und schlägt vor, das Hakenkreuz gewerbsmässig auf Fahnen und Porzellantassen zu verscherbeln, was Lekve aber schwierig findet, da das ja ein Nationalsymbol und copyrightsmässig schon gebunden sei. Lekve möchte das Hakenkreuz aber gerne als "Sign of the German Thelema" verwenden [Zur gleichen Zeit wird auf der Wewelsburg von den Nazis eine Manufaktur ein­gerichtet, um das Hakenkreuz auf Porzellan zu bannen.].[478] *
 
Lekve reist nun doch nach London, um sich seinem Meister vor die Füsse zu wer­fen.[479] *
In einem Brief ohne Datum und einem darauffolgendem vom 23.9.37 bittet Lekve Crowley, keine Briefe mehr zu schicken, da er die Gestapo fürchtet.

Im März 1955[480] * verbreitet Eugen Grosche erstmals, Martha Küntzel sei in einem KZ verschwunden, was nicht stimmen kann, denn gemäss Lekve stirbt I.W.E. am 8.12.42 in einem Erholungsheim.[481] * "Until the last moment of her life I was with her." Das angebliche Küntzel-Vorwort im 1944 erschienenen Buch Thoth[482] * stammt von Crowley selber.
Herbert Schmolke/Ishrah (in den 40er Jahren Crowleys und Friedrich Mellingers Kontakt in Deutschland) am 2.2.46 an Germer: "Soror I.W.E. left Leipzig in June 1937 and went to Bad Blankenburg/Thur. In a home for aged teachers... she died by senility [85jährig]."[483] * Im Bundesarchiv können keine Hinweise auf eine Martha Küntzel ermittelt werden.[484] *
1944 wird der Höhepunkt in Lekves spiritueller Entwicklung: die Erlangung der Grade Major Adept (AA) und des synthetischen IX° (OTO), wofür das Wissen darum allein schon genügt.

Nach dem Krieg, am 11.1.46, schreibt Lekve erneut Crowley. Er hofft, dass die Deutschen nun nach der politischen Niederlage endlich Thelema akzeptieren wer­den. Über Martha Küntzel: "from the political point of view there was a great difference between her and myself [die Küntzel hat ja begonnen Hitler fana­tisch zu verehren] ... I was the friend of her except you of course to whom she had the deepest confidence and trust. So she was very anxious that I might take over her succesorship" (was sogar testamentlich festgelegt sei). Dann äussert Lekve seine völlige Missbilligung gegenüber Orden, will nie OTO-Mit­glied werden, sondern schlägt die Gründung einer "Societas Thelema" als Paral­lele zur "Societas Jesu" vor. Crowley antwortet Lekve via Herbert Schmolke, was Lekve ärgert.
29.4.46: Lekve distanziert sich von "such men as Germer, Achad, Mathers and the many" und hält auch Grosche für ein Krebsgeschwür am Blute geistiger Gi­ganten, wie Crowley einer sei. Lekve ernennt sich nun selber zum persönlichen Repräsentanten Crowleys "even if you, my Father, would prefer to reject and push me from your side." Er habe unter den Nazis immerhin das Liber AL ver­teilt, was sehr riskant gewesen sei.
Am 14.6.46 reagiert Crowely jedoch sehr zurückhaltend auf Lekves Selbstdar­stellung und will wissen, wie Lekve, da er ja nicht dem OTO beitreten wolle (obwohl er den IX° reklamiere), sich am Grossen Werk zu beteiligen gedenke. Betreffend der desolaten Lage Thelemas und der Veröffentlichung seiner Bücher möchte Crowley, dass Lekve praktische Schritte unternehme. "However, if you are a Major Adept you ought to be able to work miracles and that is exactly what is wanted... the secret of the Ninth Degree which is exactly what you need most to enable you to perform those miracles."
Lekve erhält nun von seinem Meister als letzten Kontakt Liber OZ. Von ihm stammt 1949 die erste deutsche Übersetzung dieses Liber OZ/77, und nicht von Metzger, wie dieser 1955, also 6 Jahre später, angibt.

Die kalifornische Crowley-OTO Agape Loge (die zweite) {13} beschliesst Ende 1947 den Thelemiten Deutschlands CARE-Pakete zu schicken und dafür 50% der Gelder aufzuwenden. Die Adressenliste bekommt man von Karl Germer. Jane Wolfe (1875-1958) {13, 14} und Mary Kay unterstützen das Ehepaar Herbert Schmolke in Berlin-Charlottenburg, das aber bald nach Kalifornien übersiedelt. (Karl Ger­mer warnt am 24.4.1954 Jane Wolfe vor Herbert Schmolke, der "strange" geworden sei.) Ray und Mildred Burlingame {13} nehmen sich der Familie Lekve und Dr. von Oldershausen an.[485] * An diese beiden richtet sich Friedrich Lekve, um sie als Sponsoren für seine nun doch bevorstehende OTO-Initiation zu gewinnen, wo­rauf Germer verstimmt reagiert.[486] *
 
1948 verschickt Lekve "Thelemische Lektionen und Exercitien"[487] * mit dem Siegel seiner Abtei Thelema und der Überschrift: "Institut für Individuationskurse auf kosmologischer Grundlage." Auszüge aus Crowleys Confessions erscheinen erstmalig und ab 1951 Teile des Liber AL mit Lekves Kommentar im "Sinne des Thelemischen Chassidismus." "Ich will Thelemiten heranbilden, die nicht über den Glauben, sondern ausschliesslich jeden über sein eigenes Erleben zu Thele­miten werden."[488] * Selbst der ungeliebte Grosche erhält signierte Exemplare.

"Jeden Donnerstag und Sonnabend 24 Uhr erfolgt eine Anrufung der Stele in der Abtei. Wer sich von Thelem Chassidim in den Schwingungskreis einschalten will, hat zu dieser Stunde dazu die Möglichkeit."[489] * Lekve verschickt kostenlos Ko­pien der Stele (Papier auf Holz geklebt).[490] * Gemessen an der Papier- und Geld­knappheit der Nachkriegsjahre stellt dies eine Leistung dar. Metzger wird diese Idee später übernehmen. "Englert und ich [Audehm] halfen ihm [Metzger] seinerzeit dabei. Fertigten - unter Schwitzen - ca. 30 Stelen an. Werden aus­gesägt; erhalten einen Holzsockel; werden mit Sandpapier geschmirgelt; dann mit den beiden Drucken (vorn farbig/hinten schwarz) beklebt - und mit dem Abramelin-Öl dick eingestrichen. Letzteres ist ein Geheimnis Metzgerscher Fabrikation. Anne... wollte verhindern, dass ich eine Stele erhielt - hatte vorausblickend auch recht, denn ich beförderte dieselbe '74 in den Müll." [491] * Oscar Schlag besitzt ebenfalls eine Metzgersche Stele.

In Herbert Fritsches {12, 15} Zeitschrift "Merlin" Nr. 3 läutet 1949 Lekves Beitrag "Der Magier Aleister Crowley (Meister Therion)" mit der Botschaft "Der Meister ist tot. Fort lebt das Thelemische Gesetz, fort lebt der Orden der Thelemiten"[492] * das öffentliche Interesse an Thelema ein.
Mit diesem "Orden der Thelemiten" dürfte schwerlich das von Crowley zwar auf dem Papier konstituierte, aber nie in Kraft getretene Zwischending aus OTO und A.A. gemeint gewesen sein, das unter die Leitung von James Thomas Windram/Fra. Semper Paratus/Fr. Mercurius, X° von Südafrika (gest. 1939), gestellt werden sollte.[493] * Windram ernennt am 15.11.1915 Frank Bennett/Progradior (1867-1930) zum VII° von Australien. Vyvyan Deacon/»Memnon», Medium des theosophischen Bischofs C.W. Leadbeater (1847-1932), konkurriert mit dem "Australian Order of Oriental Templars," angeblich Reuss'schen Ursprungs von 1908. [Mehr über den Australischen OTO in "Occult Review"[494] * und in der angekündigten Biographie Bennetts von Keith Richmond.[495] * Neben Mottas OTO und dem "Caliphat" {13} existiert zur Zeit ein OTO von Gregory Tillett in Australien].
Die von Crowley am 2.4.1920 gegründete "Abbey of Thelema" in Sizilien wird am 26.11.1922 unter seine eigenen OTO-Statuten von 1919 gestellt.[496] * Friedrich Lekves "Orden der Thelemiten" und "Abtei Thelema" sind jedoch allein Lekves eigenes "Thelem Chassidim" und weder mit einem OTO noch mit einer Gnostischen Kirche verbunden. In Lekves "Abtei Thelema" wird ein äusserer Orden, der durch Korrespondenz die Mitglieder zusammenhält, von einem inneren, "Thelem Chassi­dim," unterschieden, in dem die Berufenen mit der Kabbala als Schwerpunkt ar­beiten.[497] * So ist Lekves "Orden der Thelemiten eine geistige Hierarchie von Wesenheiten hoher Intelligenz, die jenseits unserer Daseinsebene wirksam wer­den dem, der sich ihnen erschliesst."[498] *

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Am 16.9.49 wendet sich Oskar R. Schlag (1907-1991) {14} an Lekve, um dessen Thelemische Lektionen zu erwerben.
Am 17.10.49 meldet sich Lekve: "Ja, auch die FS des Herrn Eugen Grosche hat ihre Pforten wieder geöffnet, doch unterhalte ich mit ihr keine Verbindung, da sie sich gegen den Meister Therion erklärt hat... In der Schweiz ist der Orden bislang nicht vertreten." Als Vertreter der Wetzel-Gummiwerke ist Lekve oft in Zürich oder lässt durch seinen Mittelsmann C.H. Jödicke seine Thelemischen Lektionen in der Schweiz verteilen. Herr Schlag schickt Lekve Kaffee nach Hil­desheim.
"Mitten im zerbombten Stadtkern liegt die Abtei Thelema zu Hildesheim, wenige Räume in einem zerbombten Haus, das schlecht und recht wieder auferstand. An der Goslarschen Strasse liegt sie, und ihre Hausnummer ist 7." So beginnen Lekves "Thelemische Lektionen und Exerzitien A1" am 18.11.1949.
Metzger hat in diesen Thelemischen Lektionen erstmals Schriften Crowleys (ausser das kleine Büchlein "Magie" der Thelema-Verlags-Gesellschaft) gelesen und bekommt von Lekve nun Ende 1950 Germers Adresse in New York. Somit ist Lekve Metzgers "Sponsor" für Crowleys OTO. Alias Peter Mano reist Metzger rege umher, hält Vorträge und Kurse über Astrologie in Zürich, Bern und St. Gallen. Er verschickt Meditationen über den Mond und versucht mit dem zumin­dest auf seinem Briefpapier existierenden "Psychosophischen Institut und Ver­lag" alle bekannten und unbekannten esoterischen Grössen auf sich aufmerksam zu machen {9, 10}.

Der ausserordentlich aktive Lekve ist in den Rat der Stadt aufgerückt, Mit­glied im Museums-Ausschuss, ist Fraktionsvertreter, Vorstandsmitglied des Kul­turringes, erster Vorsitzender und Dozent an der Volkshochschule, Direktor der Wetzel-Gummiwerke, zeitweise sogar SPD-Bürgermeister von Hildesheim und auch Dolmetscher für die Besatzungsmächte. Damit hat er wesentlichen Anteil am Wie­deraufbau der Stadt Hildesheim geleistet.

Friedrich Lekve verkündet seinen Schülern zum Frühjahrsäquinoctium 1951 die "Grüsse höchster geistiger Erhebung." Gleichzeitig beginnen die ersten magi­schen Übungen in den "Thelemischen Exercitien."
Am 20.6.51 verschickt Lekve einen Rundbrief an die Bezieher seiner Lektionen. Durch dreifache Arbeitsbelastung (Gummiwerke, Thelema und Bürgermeisteramt) habe er seit April ein Herzleiden und müsse deshalb die Lektionen vorüberge­hend einstellen, bis ihn seine politische Amtsperiode nicht mehr so sehr in Anspruch nähme.
In einem Brief vom 30.6.51 an den Schweizer Henry Graf gibt Lekve Auskunft: "Eine Gesellschaft in der Schweiz, die sich als Ziel setzt, der thelemischen Lehre zu leben, gibt es nicht. Es ist auch bei der thelemischen Arbeit weniger an irgendeine Gruppenarbeit gedacht als vielmehr an die eigene Arbeit des ein­zelnen Individuums." Lekve weist Herrn Graf nicht an Metzger, sondern an Oskar Schlag {14}.
Ebenso Germer gegenüber äussert sich Lekve nicht sonderlich begeistert über Metzger, wobei Germer diese Meinung nicht teilt: "I can't accept Lekve's judgement. It is not always reliable. Besides, Metzger is young" (Germer an Mellinger, 15.9.51). Die Animositäten sind gegenseitig. Im Rahmen der Verein­nahmung aller Orden unter einer einzigen Jurisdiktion, die, von Grosche und Metzger ausgehend, natürlich auch Lekves Organisation erfassen soll, hofft Grosche, dass Lekves Lektionen einen "materiellen Fehlschlag" darstellen. Lekve komme "allein auch nicht weiter, seine Publikationen sind viel zu hoch und zu schwer für einen erweiterten Organisationsaufbau." Metzger: "Bei Lekve muss man darauf bedacht sein, alles Chassidische wegzulassen."[499] *
 
Lekve bietet dem Zürcher Rascher Verlag seine Thelemischen Lektionen zur Ver­öffentlichung an. Am 24.8.51 wendet sich der Verlag an Oskar Schlag als Begut­achter, worauf dieser aber am 10.9.51 meint, zu einer Veröffentlichung sei "nicht zu raten," da sich um Aleister Crowley allerlei kuriose Gerüchte rank­ten.

Mittlerweile ist Friedrich Mellinger in Europa rege geworden {8}. Karl Germer an ihn: "I'm glad you met Lekve, and that you were satisfied with the meeting... Lekve is worthy. He has proved it by his work in hundreds of ways... As to the IXth itself, may-be he might divine the ultimate secret him­self if he were a little prepared for it... If you should meet L. again, go as far as you see fit, and there is no limit. [Es folgen die Anleitungen für den IX°, und die Erinnerung, dass Mellinger zu dessen Verteilung, resp. Bestäti­gung, keine Charter benötige.] Ergo: these remarks refer to Metzger too... One word about Lekve and his girl friend Ruth.[500] * While I go very far in respect to L., I'd suggest caution with regard to Ruth. You can go to the III. in any case, and then leave it to L. to give her further instruction." (Germer an Mellinger, New York, 15. September 1951) Das Verhältnis zwischen Lekve und Mellinger bleibt ungeklärt.[501] *
 
Ungeduldig beginnt sich Germer über Lekves mangelnden finanziellen Einsatz zu ärgern, was aber nur angesichts der Unterstützung, die Lekve ja anfänglich von den kalifornischen Thelemiten erhalten hat, verständlich ist. Auch tendiere Lekve eher dazu, den OTO nach Reuss-Muster führen zu wollen und, wie Reuss, "not take the A.A. as the supreme Order with the obligation to accept AL as the basis of the OTO Work," wie Mellinger am 25.9.51 geklagt wird. Es folgen eine Menge Ratschläge, wie man einem so gutinformierten Manne wie Metzger ge­genübertreten könne, ohne sich zu blamieren.

Friedrich Lekve korrespondiert mit Martin Buber, liest Gershom Scholem (1897-1981), und 1952 erscheinen die Lektionen in einem neuen Licht. "Der thelemi­sche Chassid ist ausschliesslich RELIGIOESER MENSCH. Thelem Chassidim ist der Treffpunkt der Träumenden."[502] * Er erbittet sich nun von allen Korrespondieren­den ihre Traumaufzeichnungen und erstellt damit eine zusammenhängende Ge­schichte "in praktischer Anwendung der methodischen Fantasie; das Traumland Thelem meditativ... die Stadt Nephrit," zu der sich auch Crowley, astral, mel­det.[503] *
In diesem Traumland treffen sich Nathan Prager (Herbert Fritsche {12, 15}), Rebbe Ssair (Lekve selber, der sich nun als Ismaelit ausgibt), Friedrich Oss, Anna Pawlowna, Johannes Quest und Gattin, Bogohild und Gattin, Sr. Benedikta, Sr. Aniela Petrosi, Hans Helios, Eleazar ben Abinadab, Aladdin, Assa und Beatrice. Lekve schickt seine Lektionen an Smith in den USA, doch zum OTO gewinnt er immer mehr Distanz. Bald werden Kontakte mit der ORA in München geknüpft.[504] *
 
Am 4.9.53 lässt Friedrich Lekve verlauten: "Die thelemischen Lektionen er­scheinen wieder - es werden völlig neue Wege begangen." Das Wachstum der klei­nen Gemeinde um "Thelem Chassidim" stagniert.
In einem Brief vom 21.10.53 an Schlag {14} weiss Lekve nicht einmal mehr Ger­mers neue Adresse. Germer spekuliert darauf, dass Petersen (der Lekve und Metzger testamentarisch als Erben eingesetzt hat) Lekves Unterlagen be­kommt.[505] * Im Gegensatz zu Germer, Petersen und Mellinger publiziert Lekve nie bei Metzger. Erst posthum veröffentlicht Metzger ein paar Artikel aus der Hand Lekves, wo dieser z.B. meint: "Der Thelemit ist letzter Träger abendländischen Lebens, abendländischen Denkens."[506] *

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Martin Buber, gewiss kein Thelemit,[507] * fragt Herbert Fritsche {12, 15} am 8.1.1956 über Lekve aus, der diesen, ihn sechsmal getroffen habend, aufs äus­serste verteidigt. Als Lekve am 26.8.56 im katholischen Hildesheim stirbt, be­schreibt ihn Fritsche am 30.12.56 (in einem Brief an Charlotte P.): "Er selbst war ein Freund des Unbekümmerten bis an die Grenze des Nichtzumutbaren."
Als Germer Metzger am 29.4.1958 Martha Küntzels Liber AL mit Crowleys Widmung schickt, sieht sich Metzger darin bestätigt, das Erbe der "Thelema-Verlagsge­sellschaft Leipzig" angetreten zu haben. Doch auch sein Verkauf von Crowley-Büchern scheint nicht ganz so schwungvoll zu verlaufen, wie Metzger es sich wünscht {10}.

Vergeblich schreibt Metzger die Witwe, Luise Lekve, an und fordert von ihr alle Thelema betreffenden Unterlagen heraus.
Eine Dame aus Hildesheim, die berichtet, Lekve habe seine Frau "wegen der Küntzel" verlassen [Altersunterschied: 62 Jahre], kauft nach Lekves Tod den Büchernachlass auf, und zusammen mit Lekves Frau ordnet sie die Unterlagen, wobei zum Teil handschriftliche Manuskripte Crowleys (die nicht zuvor schon an C.H. Petersen gegangen sind) als "schwarzmagisch" eingestuft und deshalb ver­brannt werden [so Dieter Heikaus, Grossmeister des Ordo Saturni, der von obge­nannter Dame einige Lekve-Küntzel-Bücher erwirbt].[508] * Der Rest des Erbes geht an einen Br. Nürnberger in Hamburg. Erst zwei Wochen vor Germers Tod, am 11.10.1962 "während der Eröffnung des Ökumenischen Konzils des II.Vatikans - wurde die Stele der Offenbarung von Hamburg quer durch Deutschland nach Zürich und von dort nach Stein überführt, wo sie unter Glockengeläut in die Kapelle getragen wurde," lautet die frohe Botschaft in der Oriflamme. Es handelt sich hier nicht um Crowleys Kopie der Stele, sondern um Lekves Druckplatte (vermutlich identisch mit der Druckplatte Crowleys für seine Equinox-Bände).[509] *



8. Von der Tribüne zur Gnosis


Friedrich Mellinger erblickt am 15. November 1890 in Berlin das Licht der Welt. 1919 wird er Mitbegründer und Schauspieler des ersten links-politischen, aktionistischen Avantgarde-Theaters "Die Tribüne" in Berlin, bei der Karl-Heinz Martin, eine Gestalt von einigem Einfluss, als künstlerischer Leiter tä­tig ist und Schauspielergrössen wie Fritz Kortner und Rudolf Leonhard auftre­ten.[510] * In der Selbsterklärung der Tribüne spricht man von Theater "ohne Be­trieb und Technik" ohne "unnatürliche Trennung von Bühne und Zuschauer," stattdessen wollen die Künstler "Seele und Gesinnung offenbaren."[511] * Am 30.9.1919 triumphiert man mit Ernst Trottes "Die Wandlung," inszeniert von Karl-Heinz Martin.[512] * Die folgenden expressionistischen Aufführungen finden jedoch keinen einheitlichen Stil, und die Tribüne geht bald unter sich ablö­senden Spielleitern unter.[513] *
 
1921 gründen Dr. phil. Mellinger und der Regisseur Eugen Felber in München die "Schaubühne" aus den Resten des Ensembles und der Dekoration von Felbers "Neuer Bühne." Die "Schaubühne" im Steinicke-Saal an der Adalbertstrasse, wo hauptsächlich expressionistische Stücke von Kaiser, Büchner und Sternheim auf­geführt werden, wird bald von Mellinger allein übernommen und besteht dann nur noch kurze Zeit.[514] *
 
Von 1927-31 ist Mellinger Mitarbeiter des Propyläen-Verlags und Leiter[515] * des Ullstein-Verlags Abteilung Drama und Theaterkritik und der "B.Z. am Mittag" in Berlin.[516] * Am 30.5. 1929 wird sein Sohn Michael Andreas geboren.[517] * Ab 1931 schreibt er als freier Mitarbeiter der Vossischen Zeitung kunstkritische Es­says fürs Feuilleton. Bis 1932 ist Mellingers Name im Bühnenjahrbuch zu fin­den. 1933 ist er nicht mehr aufgeführt.
Im Rahmen der Reichskulturkammer ist im Spätherbst 1933 die Reichsschrifttum­kammer gegründet worden. Offen bleibt die Frage, ob er sich überhaupt um Auf­nahme beworben hat und abgelehnt worden ist. Mellingers Name taucht in diesem Zusammenhang nicht auf.[518] * Seine schriftstellerischen Aktivitäten klingen für seine Entwicklung programmatisch: "Der Verführer" und "Gernegross" erscheinen 1933.[519] *
 
Im selben Jahr enthüllt Mellinger seine esoterischen Ambitionen im Buch "Zeichen und Wunder, Ein Führer durch die Welt der Magie." Behandelt werden Astrologie, Graphologie, die Sprache der Körperformen, Okkultismus, Mediumis­mus und Spiritismus. Die "Propheten und Wundertäter" Rudolf Steiner, Helena P. Blavatsky, die Wunderdoktoren Weissenberg und Zeileis und der Hellseher Hanus­sen werden gewürdigt. Der Leser erfährt, dass sich der Autor in den Kreisen der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaftlichen Okkultismus umgeschaut, sich als Hypnotiseur betätigt und, zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Eva Sinding, an Seancen und Beschwörungen Verstorbener teilgenommen hat. Ekto­plasma-Materialisationen werden begeistert fotografiert und die Materialisa­tion von 15 frischen Maiglöckchen nicht als parapsychologisches Phänomen, son­dern schlichtweg als Wunder bezeichnet.[520] *
 
1933 emigriert Mellinger zusammen mit seiner Frau und seinen Söhnen Michael Andreas und Lukas nach London und schreibt das Script "The Emperor(a) of the Sahara," von dem sein Sohn Michael meint, sein Vater habe es jemandem überge­ben, der es in Hollywood vergeblich als sein eigenes zu verkaufen versucht hat (Brief vom 25.5.91). Mellinger erreicht Los Angeles im Jahr 1936, wo er nun als amerikanischer Staatsbürger am Theater Fuss zu fassen versucht. "Er hatte eine Rolle als Schauspieler bei dem Exiltheater Freie Bühne, Leiter Walter Wicclair, dem er nicht besonders auffiel. Der nächste Versuch war eine Thea­tergründung DIE TRIBUENE... Ich habe für die Tribüne hier durch Interviews er­mittelt, dass nur zwei Aufführungen zustande kamen. Dass er Gründer des Santa Monica Playhouse gewesen sein soll, konnte ich nicht verifizieren[521] * ...Er war Mitglied im German Jewish Club of 1933, Inc., Los Angeles. Dort gab er eine literarische Lesung aus seinem Werk Der Kaiser(b) der Sahara [zu dieser Zeit verfasst Mellinger "The Mirage"] ... Im Uebrigen spielte er winzige Rollen (bit parts) im Hollywood-Film, zu klein, um registriert zu werden. Eine win­zige Rolle spielte er in Leopold Jessners Bühnenproduktion Wilhelm Tell, doch das Unternehmen ging nach zwei oder drei Vorstellungen pleite. Der Deutsch-Amerikaner [Regisseur und Schauspieler] Wilhelm Dieterle [1893-1972] versuchte so oft wie möglich ihm bit parts zu verschaffen. Laut Auskunft des Schauspielers Hans Schumm war Mellinger derart arm, dass er die $ 25.-- für die Mitgliedschaft in der Extra's Guild nicht aufbringen konnte. Er wollte das Geld von Peter Lorre borgen, der es ihm nicht gab. Im April 1940 noch einmal eine Lesung für den deutsch-jüd. Club, diesmal aus The Desert Dictator(c) in Elliot Fishers Theaterschool...
Das allgemeine Bild ergibt einen Emigranten, der, wie viele andere, vergeblich versuchte, in Hollywood auf der Bühne oder im Film Fuss zu fassen. Wie viele andere auch, wurde er als deutschsprachiger Emigran; nach Bremen/Deutschland gesandt, wo sich ihm Chancen für einen Neuaufbau seiner Existenz boten. Von Bremen gelangte er nach Westberlin (U.S.Sektor)."[522] * Mit Charlotte Dieterle, einer bekannten Astrologin und der Frau von Wilhelm Dieterle, hat Mellinger in Hollywood keinen Kontakt. Die Hilfsorganisation "European Film Fund" führt Mellinger ebenfalls nicht in den Betreuungslisten auf.

(a-c)Vom "Emperor" über "Kaiser" zum "Dictator" der Wüste.

Wilfred T. Smith/Voluntas Perfectas Omnia Vincat (geb. 1885), der Crowley nur einmal getroffen hat,[523] * ist von seinem Meister am 1.1.1932 testamenta­risch als "successor" bestellt worden und lässt seine von ihm am 21.9.1935 ge­gründete 2. "Agape Lodge" in Hollywood als "Church of Thelema" amtlich eintra­gen, was auf Ablehnung Crowleys und auch Karl Germers stösst {13}.
Ende 1939 kontaktiert Mellinger Smith, taucht dort im Februar 1940 auf und wird Smiths "friend indeed," der von ihm mit "great affection, sincere regards and admiration for his intellegent [sic] judgements and frank criticism" spricht.[524] *
Mellinger beklagt sich über die "woman-run organisation"[525] * und vergrault die Frauen: "Whenever he got to telling the story of their [Nazis] tortures and killing of the Jews in Germany, I couldn't stand the narration and so fled the room."[526] *
Am 23. April 1940 unterzeichnet das OTO-Mitglied Mellinger/Merlinus ein AA-Dokument als Probationer mit dem Motto: "Arte Unionem Manifestabo Gnosticam," sein Zeuge ist Smith.[527] *
Ein bisschen Geld verdient Mellinger mit Astrologievorlesungen.[528] * Da seine Familie nie bei den OTO-Leuten dabeisein will,[529] * sitzt er den ganzen Tag un­tätig im OTO-Haus der 2. Agape Loge herum, zu stolz um "knechtische" Arbeit im Haushalt zu leisten.[530] * Dafür erstellt er die Horoskope der OTO-Mitglieder.[531] *
 
Am 8.12.42 verlässt Mellinger die 2. Agape Loge und nimmt einen Job als Nacht­portier in einem Hotel in Arizona an. Von da aus besucht er Karl Germer in New York. Germer finanziert Mellingers Rückreise, die von Bremen später nach West-Berlin führt. Im April 1945 wird Mellinger erneut Vater eines Sohnes.[532] *
Sofort nach dem Zweiten Weltkrieg besucht Mellinger Aleister Crowley in "Netherwood," in der Nähe von Hastings, Sussex, hilft ihm, seine Papiere zu ordnen und erledigt die Korrespondenzen. Crowley ist von Mellinger derart be­eindruckt, dass dieser sein "Geistiger Sohn" wird. In einem Brief vom 15. Juli 1947 bereitet Crowley seinen "beloved son"[533] * Mellinger sogar auf "a position of supreme responsability" vor, womit das Amt des OHO gemeint ist.[534] * Crowley unterschreibt mit "a Father's Blessing in full measure 666."[535] * Für Mellinger ist Crowley ein "Geistesheld unseres Jahrhunderts."[536] *
 Merlinus hat Therion wohl seine spiritistischen Neigungen verheimlicht, da letzterer diesbezüglich eine klare Meinung hat: "I always set my face against spiritualism."[537] *
Smith, der auf C.S.Jones als X° der 2. Agape Loge folgt, wird bald von J.W. Parsons und dieser später von Roy Leffingwell abgelöst {13}. Smith stirbt 1957.

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Zurück in Deutschland findet, Mellinger künstlerischen Nährboden. Von 1946 bis 1949 wird er Theater-Kontrolloffizier der amerikanischen Militärregierung in Bremen und Mitarbeiter der "Dramaturgischen Blätter."
Anfang 1946 und im Mai 1947 taucht Mellinger wieder bei Crowley in England auf.
Im März 1948 führt er an den Bremer Kammerspielen Regie für Thornton Wilders "Our Town" und im April 1949 am Berliner Hebbel-Theater. Letzteres geht bald ein. 1948/49 ist Mellinger Schauspieler am Renaissance Theater. Am 10. April 1948 führt er sein eigenes Stück, die "Satanische Symphonie" auf.[538] * "Den Kri­tiken der hiesigen Presse zufolge (Weser Kurier bzw. Nordseezeitung vom 12.4.48) war die Aufnahme sehr negativ; das Publikum reagierte mit Unruhe, Pfiffen und Zwischenrufen."[539] *
In dieser Zeit als Theateroffizier hält Mellinger regelmässig in Berlin, Bre­men und anderen deutschen Städten Vorträge über amerikanisches Drama und Thea­ter. 1946 in Max Reinhardts Deutschem Theater, anlässlich der Max-Reinhardt-Gedenkfeier, oder im Juni 1948 auf der Duisburger Friedenswoche. Mellinger schreibt auch kleine Vorworte für Theaterprogramme, z.B. für Rose Fankens "Claudia" (Max Reinhardts Deutsches Theater in Berlin), Sidney Kingsleys "Menschen in Weiss" (Theater am Schiffbauerdamm in Berlin) oder Lind­say/Crouses "Der Herr im Haus" (Bremer Künstler-Theater).
1950 publiziert Mellinger "Das Theater am Broadway," wo sogar Crowley in einer Fussnote Erwähnung findet.

Master of the Temple

Mellinger reist kurz in die USA, um seine amerikanische Staatsbürgerschaft nicht zu verlieren, und hilft Germer beim Aufräumen des Archivs.[540] * Im Januar und April 1951 scheint aus thelemitischer Sicht etwas mit Merlinus' esoteri­scher Entwicklung nicht mehr zu stimmen.[541] * Als "Master of the Temple" (ein AA-Grad) beginnt er Germers Autorität anzuzweifeln, und Germer, ganz sensibel auf jeglichen Widerspruch, geht so weit, Mellinger "als gefährlich" einzustu­fen, und meint, Mellinger möchte OHO werden.[542] *
Mellinger, kultiviert, gebildet und ehemals aktiv, wenn auch erfolglos mitbe­teiligt an der künstlerischen Entwicklung des Berliner und Münchner Theaterle­bens, langweilt sich bei den amerikanischen Thelemiten. Wie Germer sich be­klagt, dürfte er sich bestimmt nicht zu Unrecht der 2. Agape Loge gegenüber etwas überheblich verhalten haben. Es kann deshalb auch nicht verwundern, dass Mellinger den nach eigenen Aussagen unbelesenen Germer schwerlich als seinen Ordensoberen akzeptieren kann.

Trotz allem zieht Karl Germer Friedrich Mellinger Friedrich Lekve und C.H. Petersen vor und macht ihn zum europäischen Beauftragten, um Kandidaten für Crowleys OTO zu prüfen und gegebenenfalls zu initiieren. Grant, Lekve und Metzger haben primär mit Mellinger zu tun.
Obwohl Metzgers Geliebte Anita Borgert schon 1946 mit Sascha Germer korrespon­diert hat, erhält Metzger erst von Lekve die Adresse Germers, der ihn nun an Mellinger verweist. Mellinger, als IX°, braucht "no formal Charter," um Initiationen, selbst in den IX°, vorzunehmen, teilt ihm Germer am 15.9.51 mit.
Germer befürchtet, sich und Mellinger vor Metzger zu blamieren: "He knows all about Grosche and knows Tränker personally," die Germer ja beide auch noch aus Pansophie-Zeiten her kennt {5}. In Sachen Thelema ist Metzger aber nicht in­formiert, "it seems he confuses things of which he has no notion... He knows nothing about the A.A. at all."[543] *

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Im Oktober 1951, genau einen Monat nach der Geburt seines Sohnes Parcival Pe­ter (25.9.51, Mutter ist Anita Borgert), fährt Metzger mit Frl. Annemarie Äschbach {9} zuerst nach Hildesheim zu Friedrich Lekve und anschliessend nach Hamburg, wo Mellinger zur Zeit lebt.
Mellinger berichtet am 31.10.51 Germer nach New York, dass Metzger ganz ver­sessen darauf sei, soviel Material wie möglich zu besitzen. Obwohl sich Metz­ger gern in den Hintergrund stelle, schimmere durch, "that he is looked at as THE authority in every respect by his sheep."
Mellinger will Metzger bei der Neuübersetzung der Gnostischen Messe behilflich sein und ihn nach besten Kräften unterstützen. "In one respect, I told him, do I feel that he could not expect your [Germers] authorisation to use the material you might send him," was Metzger "with splendid and convincing modesty" aufgenommen habe. Leider habe man die Papiere von Genja Jantzen noch nicht, aber Metzger wolle bald einen vielversprechenden Mittelsmann einschal­ten.
Metzger und seine 17 "brethren" hätten die drei unteren Reuss-Rituale durch­laufen und wollten nun so schnell wie möglich die Aufnahmeformulare, wie sie auch Lekve erhalten habe, unterschreiben, um die Crowley-Rituale kennenzuler­nen. Metzger sei durch Pinkus ins Sanktuarium der Gnosis aufgenommen (IX°), "in a very original form, as it seems, which P. might have devised by combining traditional instructions with the results of his own studies and ex­periences."[544] *
Deshalb sieht Metzger seinen Besuch bei Mellinger in folgendem Licht: "Im Ok­tober 1951 wurde der IX° OTO von Fra. Merlinus (Dr. Frederic Mellinger) im Auftrag von Fra. Saturnus [Karl Germer] in Anwesenheit von Sor. Chochmah [Frl. Äschbach] in Hamburg Fra. Paragranus [Metzger] überreicht."[545] *
Dokumentarisch lässt sich das Geschehen vom 28.10.51 mit Metzgers und Frl. Äschbachs Aufnahmegesuchen in Crowleys OTO belegen. Mellinger unterschreibt, und Germer setzt später seine Unterschrift als Zeuge dazu.[546] * Germer sieht seine "authorisation only as continuation of his previous O.T.O. work, with the exception that he had been working the old Reuss rituals (which did not accept the Law of Thelema) and that he now adopted our rituals."[547] * [Vorliegend sind die von Germer und Mellinger unterzeichneten neun Formulare für Metzgers Gruppe {6}: Äschbach, Borgert, Gérard, Hanimann, Binder, Herr und Frau Weber und Rösli Metzger. Viele davon sind noch unter den Lebenden als IX° OTO zu finden.]
Mellinger beginnt für Metzger Crowley-Texte auszusuchen, die dann von Mellinger selber oder C.H. Petersen übersetzt bei der Psychosophischen Gesell­schaft {10} publiziert werden. Am 4. Dezember 1951 setzt Germer seine Frau Sa­scha und Mellinger in seinem "Last Will and Testament" ein. "I leave the whole of my property and possessions to my beloved wife Sascha Ernestine Andre-Ger­mer as sole heir... As regards the property of the Order Ordo Templi Orien­tis... I direct that this is passed to the Heads of the Order... my wife... has to be the executor of this part of my Will, together with Frederic Mellinger..."[548] * Wie aus dem Briefwechsel zwischen Germer und Grant hervor­geht, hat sich Germer sehr intensiv von Mellinger in Sachen Thelema beraten lassen.

Wahrscheinlich angestachelt von seiner Frau Sascha, belastet Karl Germer im Frühjahr 1952 sein Verhältnis mit Mellinger. "Sascha was jealous of any person Karl was liking too much... was quite nasty to Mellinger in some way when he visited them and Karl was probably abrupt."[549] * "Sascha caused the split bet­ween them."[550] * Bald kommt Germer zur Überzeugung, Mellinger arbeite als Spion für die amerikanische Regierung, und der Kontakt bricht ab, ohne dass Germer jedoch sein Testament ändert.

Mellinger wohnt zwischendurch auch in Zürich und erhofft sich (wie zuweilen Friedrich Lekve) vergeblich am 9.7.57 von Oscar Schlag {14} Protektion für sein von Shakespeare inspiriertes Theaterstück "Timon of Detroit," das er für ihn wieder aus der Schublade gezogen hat. Germer hat zu diesem Werk ein paar Jahre zuvor keine Stellung nehmen können: "I do not read books."[551] *
So wie sich Mellinger in seinem 1933 veröffentlichten Buch für Spiritismus be­geistert, ist Schlag {14} in verschiedenen Werken als Medium erwähnt, z.B. bei Fanny Moser (1872-1953), Gerda Walther... Schlag demonstriert gern die Experi­mente, die unter Kontrolle von Bleuler, Jung u.a. beobachtet worden sind. Die Botschaften, die vom "Egregor" von Schlags Gruppe, ihn als Schreibmedium benützt habend, überliefert sind, harren, laut, seinem Testament, ihrer Veröf­fentlichung in einer Auflage von 999 Exemplaren.
Für Metzgers Publikationen übersetzt und schreibt Mellinger kleinere Artikel, Crowleys "Khing Kang King," und bespricht Bücher. Er behauptet, Richard Wagner sei OHO des OTO gewesen.[552] * Als Metzger im Mai 1956 in den Militärdienst ein­rückt,[553] * scheint Mellinger für drei Monate die Redaktion übernommen zu haben. Herbert Fritsche möchte 1956 Ernst Klett nach Stein lotsen, wissend, dass "Frederic Mellinger aufs beschnittenste in Stein ist, frisch von Amerika herbeigeeilt, vermutlich um neue Hochgrade zu verteilen."[554] *

Mellingers Mitspieler wird Charles Waldemar, der laut Schlag unter dem Pseudonym Gerhard Zacharias ein massgebliches Buch über Kulte veröffent­licht.[555] *
Am 12.10.1955 nimmt Waldemar erstmals unter s"einem Namen in der Maya-Welt" Kontakt mit "Frater" [sic] Anita Borgert in Stein/Appenzell auf. Er besitze seltene Manuskripte Crowleys, über die er sich begeistert äussert. Charles Waldemar unterzeichnet [zumindest einen Brief] als 5=6 und schreibt Formeln "für die Liebe ohne Coitus-Kummer," Selbstvertrauen, Potenz, Beliebtsein und Yoga. Im Handel sind Waldemarsche Elektro-Akupunktur-Geräte, vergoldete Rückenrollen, Strahlenschutzdecken, Sauerstoff-Ionengeräte und Fuss-Reflexona­toren erhältlich.[556] *
 
Mellinger distanziert sich um diese Zeit von Metzger, um sich mehr theosophi­schen Aktivitäten zu widmen.

Als Karl Germer 1962 stirbt und sich Metzger im Januar 1963 zum OHO wählen lässt, bearbeitet Metzger nun die Witwe Sascha Germer.

Bühne frei für den OHO

"Wir, General Gross Sekretär des Souveränen Sanctuariums des Ordens der Templer vom Orient geben hiermit Nachricht... dass... eine Zusammenkunft der Prinzen Patriarchen Gross Konservatoren... den Erlauchten [Metzger] Gross Mei­ster X° des Ordens der Templer vom Orient, Souveräner Gross Meister des Ordo Illuminatorum, Souveräner General Gross Meister der Fraternitas Rosicruciana Antiqua und Souveräner Patriarch Ecclesiae Gnosticae Catholicae zum Souveränen General Gross Meister O.H.O. des Ordens der Templer vom Orient berufen haben.
Weil an Uns die Reihe und auf Uns die Wahl fiel, nehmen Wir demütig auf Uns das Amt, das Uns der Orden übertragen," bedankt sich Metzger im Manifesto vom Frühjahr 1963.[557] * Am 6. Januar 1963 haben Harnisch/Hilarius, Naber/Nathan, Scheidegger/Thaddäus, Romanus und Elieser [vielleicht Pinkus posthum?] Metzger zum OHO gewählt. Die "minutes" sind wortwörtlich übernommen aus Reuss' Oriflamme vom Juli 1913,[558] * Seite 3 und Crowleys Equinox-Band I,10 vom Septem­ber 1913, Seite xxv. Dem Wahlprotokoll liegt eine notarielle Beglaubigung des Notariats Zürich Altstadt und ein Attest bei, das Metzger als einen "in Ehren und Rechten stehenden Bürger" ausweist, so dass seine Wahl zum OHO also seit Frühjahr 1963 amtlich beglaubigt ist.
Auf diesem Attest vom 9.1.1963 sind ausser obigen Titeln noch folgende aufge­listet: "Patriarch Malachias, Vicarius Salomonis des Souveränen Sanctuariums der Gnosis." Unterschrieben haben das Attest:
Ordensquästor, General-Schatzmeister: Annemarie Äschbach/Chochmah
Gross Meister der Loge: E. Engeler/Angelus
General Ordenskanzler: Anita Borgert/Ainyahita
Ordenssekretär Germaniae: W. Harnish/Hilarius
Diakonisse Gnostisch Katholische Kirche: Dorothea Weddigen/Dodo.

Am 9.2.63 schickt Metzger eine zweisprachige, vom Vizekonsul der USA in Zü­rich, Charles Hill, beglaubigte Aufforderung an Sascha Germer, sofort alles Ordensmaterial in die Schweiz zu schicken. 200 Dollars folgen, um die Porto­kosten zu decken. Unterschriften wie beim Manifesto.
Sascha erinnert sich an Germers Testament, das ihr das persönliche Eigentum ihres Mannes zuschreibt, aber Mellinger als co-executor in Sachen OTO nennt. Frau Germer weiss jedoch seit 12 Jahren nicht mehr, wo Mellinger steckt. So schreibt sie ihrem Anwalt Chisholm, Metzger habe "to fight for himself," aber "After long and careful study of all Files and after Experience of 20 years of O.T.O. work I have to say that to the best of my knowledge, he [Metzger] is the only one who has all the Rights to be the next O.H.O."[559] *
Metzgers Forderungen nehmen einen harscheren Ton an. "Ob es einzelne gibt, die das nicht verstehen und quertreiben möchten oder nicht, interessiert uns nicht im geringsten... Wir müssen von Ihnen fordern... Wir sind nur die Nachfol­ger... Gott stehe Ihnen bei."[560] *
Schliesslich geht Frau Germer die Unterlagen ihres Gatten durch und kommt zum Entschluss: "Frater Saturnus Will and Wish was: that Frater Paragranus takes the Heavy Burden off his shoulders."[561] * Auch anderen gegenüber äussert sich Frau Germer eindeutig: "I had met Mrs Germer, a very fine lady, and heard her speak rather highly of Metzger. This was after Germer's death."[562] *
 
Metzgers und Frau Germers Anwälte sind rege, und Mellinger kann ausfindig ge­macht werden. Dieser äussert nun knapp und klar am 25. September 1963 seine Meinung: Metzger und Frau Germer hätten "violated... the Will of the deceased." Erstens habe man ihn selber nicht gefragt, ob er Metzger zum OHO wählen würde, und zweitens habe Metzger nur eine Autorität, auf die er sich berufen könne: sein übersteigertes Ego.[563] * Diese Meinung Mellingers gibt spä­ter dem "Caliphat" Anlass, Metzger nicht als OTO-Mitglied zu akzeptieren, ob­wohl Mellingers Urteile gegenüber anderen Personen "have been found incorrect and unreliable."[564] *
Für die Anwälte ist der Fall klar, resp. "entirely useless" geworden.[565] *
Metzgers Anwalt macht einen letzten, aber vergeblichen Versuch. "Your late husband, Karl Johannes Germer, was a great leader of this Order and it would seem a shame for all of his works to lie in someone's basement."[566] *

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Seit ca. 1960 ist Mellinger Mitglied der Theosophischen Gesellschaft ADYAR in Berlin, wo man sich gerne an ihn erinnert: "Er war für uns eine grosse Berei­cherung und für mich ein liebevoller väterlicher Freund."[567] * Er hält öffentli­che Vorträge und führt einen kleinen internen Arbeitskreis mit besonders in­teressierten Mitgliedern. "Alles dies war erfüllt von seinem tiefen Wissen und von grossem Idealismus."[568] *
 
Am 29. August 1970 stirbt Friedrich Mellinger in Bad Wiessee. Seine Bücher sind schon 1957/58 in Oscar Schlags Sammlung gewandert, seine 28 Briefe von Crowley 1985 von Sotheby's verkauft worden. Frau Beate Mattern hat vergeblich versucht, nach dem Tode Mellingers für dessen autobiographischen Roman "Utinam" ["Manitu" rückwärts gelesen] einen Verleger zu finden.
Lukas Mellinger ist Architekt in London geworden. Michael Andreas Mellinger lebt in Kent und hat in zahlreichen englischen Bühnen-, Fernseh- und Hörspie­len und in den Filmen "Geheimakte M" und "Weisses Blut" mitgespielt,[569] * an die er sich aber kaum mehr erinnern kann.



9. Thelema im Appenzell?


Annemarie Äschbach


Geboren am 26.2.1926 in Zürich als Tochter des Essigfabrikanten Robert Äschbach, hat Frl. Äschbach ihren behördlich angemeldeten Wohnsitz bis zum Zeitpunkt von Metzgers Tod 1990 in Zürich an der Eugen Huberstrasse. In Stein ist sie seit 1954 als Besitzerin der Liegenschaft Schedlern gemeldet.
Zusammen mit Metzgers Haushälterin Anna Werder-Binder, die in Zürich mit Metz­ger zusammen gewohnt hat (geb. 6.10.22, Verwaltungsbeamtin, geschieden, seit 1967 mit Metzger im gleichen Haushalt, aber mit eigenem Kleinwagen), verbringt sie die meiste Zeit in Stein, beantwortet das Telefon und erledigt die Bücher­bestellungen. Frau Werder-Binder hat am 25.4.1951 zusammen mit Charles Huber das Diplom an Eugen Grosche unterzeichnet, das letzteren zum "rechtmässig auf­genommenen Glied" gemacht hat {6}.
1954 kauft Frl. Äschbach ihrem Vater das Haus in der Schedlern ab, das dann als Komturei Thelema bezeichnet wird. Im Haus sind 1986 noch an den Türen Gä­stezimmernummertafeln befestigt. Es ist ein dreistöckiges Landhaus im Villen­stil der Jahrhundertwende mit eng wirkenden Räumen, man sieht direkt auf den Gasthof nebenan.[570] * Beide Gebäude stehen Seite an Seite an der Strasse, die zum nahen Dorf Stein führt, das 1100 Seelen zählt. Die Einweihung nach der Re­novation findet am 24./25.9.55 statt.

1964 übernimmt ein Paul Kränzlin den Gasthof Rose. Ernst Neuschwanden, der vorherige Besitzer, steht in dauerndem Streit mit Metzger (z.B. über den Park­platz) und hätte diesem (laut dem Gemeindepräsident von Stein) den Gasthof "nie" verkauft. Aber schon ein Jahr später ist Frl. Äschbach Besitzerin der Rose. Dazu gehören 40'000 m2 Umschwung und 8 Gebäude mit insgesamt 137 zum Teil unterirdischen Räumlichkeiten.[571] *
"Sie arbeitete in den 60er Jahren mit in der Gallerie [sic] ihres Bruders... Holte sie mehrfach dort ab. Weiss nur, dass Stein ohne sie nicht existieren würde."[572] *
 
Die Umbauten dauern bis 1969.[573] * Das nötige Geld erhält Frl. Äschbach u.a. durch den Verkauf von Häusern am Eulenweg in Altstetten. Einkommen bleibt all die Jahre hindurch praktisch keines zu versteuern, sondern nur Vermögen, das aber zwischen 1975-1982 auch auf Null schrumpft. Am 10.10.1980 stirbt ihr Va­ter (geb. 27.12.1885), Besitzer der bekannten Äschbach-Essigwerke. Erst ab 1983, als die Galerie an der Löwenstrasse in Zürich aufgegeben wird, schnellt das Vermögen auf beinah eine 3/4 Million Schweizerfranken, ebenso wird wieder Einkommen versteuert. Beide Zahlen sind rückläufig. Ferner ist Frl. Äschbach weder im Handelsregister in Zürich noch in Stein eingetragen bzw. auffindbar (ausser im Zusammenhang mit der Eintragung der Genossenschaft Psychosophia in Zürich {10} vom 3.3.1952-14.3.1957).

Einladungen zu den Gesellschaftsabenden des "Weltbund der Illuminaten" im Cafe Münz (Zürichstube) signiert sie mit dem Stempel "I.H. Weltbund der Illumina­ten, Chochmah," z.B. am 30.8.1975 für Franz Spundas Vortrag "Die Kunst und das moderne Weltbild." Andere sind von A. Butz gezeichnet. Gemäss der "Satzung des Illuminaten-Ordens in Dresden" (1903) heisst es: "man bediene sich nur der Buchstaben J.G. zur Bezeichnung des Ordens."[574] *
Wie die Verlagsauslieferung "Neue Bücher AG" in Zürich mitteilt, hat Frl. Äschbach im Laufe der Jahre 4-6 Exemplare von Titeln der Verlage Sphinx (Basel) und Ansata (Interlaken) angefordert.

Frl. Äschbach fungiert als Diakonisse bei der Gnostisch-Katholischen Messe. Horst Knaut schreibt über sie: "Sobald von Meister Therion gesprochen wird, merkt man ihr beglückende, verehrende Gefühle an. Sie und die Priesterin A. Borgert scheinen Metzger über alle Massen zu lieben und zu vergöttern." (Das Testament des Bösen, Stuttgart 1979).
Der Start ihrer Crowley-OTO-Karriere lässt sich mit dem von Karl Germer und Friedrich Mellinger unterzeichneten OTO-Formular vom 28.10.1951 datieren.

Frl. Äschbach wirkt sehr schulmeisterlich und lehnt alles Moderne ab. Sie legt viel Wert auf Äusserlichkeiten und gibt sich geheimnisvoll. An ihrem Arm trägt sie ein Kupferarmband mit astrologischen Symbolen.[575] *

Anita Elisabeth Borgert

Geb. 12.5.1918 in Leipzig, Buchhändlerin in Sachsen, ist Frau Borgert seit dem 17.7.53 in Stein als Haushälterin im Haushalt Äschbach tätig.
Frau Borgert hat während des Zweiten Weltkrieges in die Schweiz geheiratet, sich am 11.9.51 scheiden lassen und ist mit Metzger verbunden durch eine "freie Liebe im Sinne des Gesetzes von Thelema."[576] *
 
Frau Borgerts Crowley-OTO-Karriere beginnt am 3. April 1953.
Alias Ainyahita übernimmt sie die Redaktion des Verlags "Psychosophische Ge­sellschaft" {10} und arbeitet im Jahr 1965 ein paar Wochen in der Wirtsstube, bis Ende der 1970er Jahre dann im Klosterarchiv, fungiert als Priesterin bei der Gnostisch-Katholischen Messe, liest die Daten der verschiedenen Klima­messgeräte und agrarmeteorologischen Apparate ab, die sich auf dem Dach und im Garten des Hauses in der Schedlern befinden.
Frau Borgert schenkt Metzger zwei Söhne, Simon und Parcival. Joseph Grasser/Stephanios äussert darüber ehrverletzende und hier nicht wiederzuge­bende Kommentare in seinem Mitteilungsblatt "Entretien."[577] *
Joseph Isidor Grasser, geb. 9.6.1906 in Issenheim/Elsass, 90°, S.I., gründet 1957 im Auftrag von Robert Ambelain die "Ass-Martiniste Int. Les Stephanios Internationale Gross-Loge Kether-Paris," die auch dem MM angegliedert ist. (Robert Ambelain, Nachfolger der Martinisten, Gnostiker und des MM in Frankreich, von Beruf Gasableser der Société Five-Lille,[578] * tritt in den Kapi­teln über die Gnostiker wieder in Erscheinung.) Grasser hetzt P.R. Audehm ge­gen Metzger auf {11}.

Simon Metzger (in Dietikon) arbeitet wie seine Mutter ebenfalls für eine Wet­terstation. Parcival lebt in Genf.
Über die zwei Söhne schreibt Audehm: "Einer von ihnen muss (so anfangs der 70er Jahre) in die Fusstapfen seines Vaters getreten sein. Hier in Frankfurt machte er auf Rauchenentwöhnung [sic] mittels Hypnose. Hörte das im Rund­funk."[579] *
 
Energisch verjagt Frau Borgert die unliebsamen Reporter, die sich nicht in zä­hem Briefverkehr entweder haben abhalten oder von der Lauterkeit und Reinheit der Ideologie überzeugen lassen, und natürlich die Neugierigen, die sich auf dem Anwesen herumtreiben.[580] * Im Prozess gegen den Boulevard-Reporter Horst Knaut Mitte der 70er Jahre tritt sie zusammen mit Metzger als Klägerin auf.

"Anita: stand der Küche vor (meisterlich) - und sorgte dafür, dass die Oriflamme... pünktlich erschien. Vermutlich hat sie - auch mit der Werther [sic] die Quibus licet's bearbeitet, d.h. die ca. 50 Anwärter (Minervale) betreut."[581] *
Anita Borgert gilt bis 1980 als die engste Vertraute des "Oberhirten." Am 31.12.1979 meldet sie sich jedoch bei der Gemeinde in Stein ab und verlegt ih­ren Wohnsitz an die Nussbaumstrasse in Zürich. Seit dem 24.6.1980 lebt sie an der F***strasse in Dübendorf.

In einem Telefon am 8.1.87 gibt Frau Borgert nur karge Auskunft. Ihr Amt als General-Kanzler habe sie seit 1980 nicht mehr inne. Ihre redaktionelle Tätig­keit habe sie von ganz Anfang an, schon 1953, mit dem "Ketzerbrevier" begon­nen. Das "Mitteilungsblatt des Psychosophischen Instituts" von 1948 erwähnt sie nicht.

Hermann Joseph Metzger alias Peter Mano

Geboren am 20.6.1919, 21.25 Uhr, Bürger vom Bauerndorf Zezikon, TG, und Lu­zern, "+ 47.03 und Länge 8.17."
"Also, über Metzger's Vergangenheit ist mir so gut wie NIX bekannt. Hatte eine strenge Mutter (psychologisch interessant), die ihn zuweilen barfuss über die Stoppelfelder jagte."[582] *
 
Zuzug am 15.10.1939 von Lugano, Tessin, an die Sonneggstrasse in Zürich
22.4.1954 an die Käferholzstrasse
6.4.1957 an die Birchstrasse 26, bei Sophie Huber
1.6.1957 an die Birchstrasse 10
7.11.59 an die Birchstrasse 26 zurück zu Sophie Huber
14.7.1966 an den H***, bei Anna Werder - eigentlich aber in Stein anwesend

Er erstellt sich seine eigenen Radixdaten: "Asc 14.46 Steinbock, II.H. 3.00 Fische, III.H. 16.03 Widder, MC 14.58 Skorpion, XI.H. 6.09 Schütze, XII.H. 24.38 Schütze, Sonne 28.27.07 Zwillinge, Mond 23.55 Fische, Neptun 07.35 Löwe, Uranus 01.38 R. Fische, Saturn 24.08 Löwe, Jupiter 20.37 Krebs, Mars 17.50 Zwillinge, Venus 13.15 Löwe, Merkur 09.27 Krebs, Pluto 05.55 Krebs, Mondknoten 02.41 Schütze, Punkt f. Glück 18.53 Widder."[583] *
"Metzger's Daten sind: - Asc. 14.42 Steinbock, X. l5. Scorpio... Er hat 3 Pla­neten in Leo, 3 in Cancer, 2 in Pisces, 2 in Gemini. Asc. und IV sind allein in irdischen Z. Er hat Saturn und 3 andere in VII. Was machen Sie aus einer starken Gruppierung in VII? M.E. hat das Horoskop keine starke STRUKTUR im Sinne Therion's, der für ein starkes Hor. forderte, dass die Planeten in 2 oder 3 Gruppen gegenseitig starke Aspekte haben. - Mir gefällt der fast genaue Trigon Sonne-Uranus."[584] *
 
Metzger über sich selbst: "Von Jugend auf habe ich mit besonderen Schwierig­keiten zu kaempfen gehabt. Die familiaeren Verhaeltnisse einerseits stopften mich mit allen nur denkbaren Komplexen voll und die persoenliche Behandlung war derart hart, dass schon fruehzeitig in starkem Masse die Erotik geweckt, LOSGEBUNDEN und bewusst wurde...
Das Politische u. Religioese ist in m. Leben nicht ganz zu trennen. Ursprueng­lich katholisch, habe ich bereits mit 12 Jahren gegen gewisse Formen rebel­liert. Nachdem ich einst Priester werden wollte und in m. fruehesten Jugend durch Freunde der Familie Foerderung in dieser Richtung genoss und mich auch sonst im Schosse der Kirche stark betaetigte, schlug ich mich waehrend m. Ent­wicklungsjahre zum krassesten Materialismus durch. Das war die Zeit des dia­lektischen Materialismus, der Leugnung von Gott, m. Verbindung mit dem Kommu­nismus - vor allem auch als Rebellion gegen Faschismus und Nazionalsozialis­mus, die ich an der Quelle studiert hatte (Italien u. Deutschland). Meine Taetigkeit diesbezueglich war ebenfalls aktiv und besorgte ich die Prop. und Org. versch. Gruppen in der Schweiz... Obwohl ich bald bemerkt hatte, dass m. Ideale und Ziele auf anderem Boden sein mussten, riss mich erst die in diesem Zusammenhang stehende Verhaftung und Einbeziehung in Untersuchungshaft, von der Richtung los... Suggestion und Hypnose traten in mein Leben...
Ueber alles und jedes argwoehnisch geworden, musste ich mich entscheiden! An Leib, Seele und Geist gebrochen, verlassen von allen Freunden, Lehrern und Autoritaeten -- doch demuetig geworden, wissend, nichts zu wissen, blieb mir kein anderer Ausweg als neu anzufangen... In dieser Zeit begegnete ich m. vae­terl. Freund Dr. P[inkus], und gleichzeitig gelobte ich mir, das verbliebene Leben fuer die Gemeinschaft und ihre geistige Entwicklung zu opfern... Von Al. Crowley besitze ich sozusagen nichts... Ihr SOTOM H. Metzger."[585] * "SOTOM" taucht erst­mals am 17.10.1901 bei Reuss auf.[586] *
 
"While he has a keen and realistic intelligence, he surprises with an attitude of a mystico-magical miracle-man in modern attire. He reminds physiognomically of Gröning, the famous German healer à la Rasputin, only with more suave features, a childish smile glorifying his rotten teeth of a Tibetan rodent."[587] *
"I find it difficult (or impossible) to take Metzger at all seriously. In fact I regard him as a harmless nonentity. In fact he is a fairly typical occultist."[588] *
"So ein schlechter Kerl... ist er ja nicht. Von all den Selbsternannten" ist er noch einer der seriösesten."[589] *
"Er hat zumeist nach Paracelsus gearbeitet... Muss in jüngeren Jahren intensiv praktische Magie betrieben haben. - Das bewies er in vielen unseren Gesprä­chen."[590] *
"Metzger hatte... immer eine grosse Verehrung für [August] Strindberg [1849-1912] gehegt... Er war sein grosses Vorbild - und er hat es trefflich nach­zuahmen verstanden."[591] *
"Die Äschbach hat ihm, wie einem kleinen Kind (mit gehörig viel Stutz) alle infantilen Wünsche erfüllt. Er hat sich in tausendundeinerlei Dinge verzet­telt. Fing alles an (z.B. Spagyrik/Alchemie...) und beendete nie etwas. Ist einfach in allem stecken geblieben, versumpft."[592] *
 
Der innere Kern um Metzger besteht aus seiner Frau Rosalie, der Geldgeberin Fräulein Äschbach, der Haushälterin Anita Borgert in Stein, und der Haushälte­rin in seinem Wohnsitz in Zürich, Anna Bertha Werder-Binder. Frau Werder-Bin­der wird ebenfalls am 3. April 1953 Crowley-OTO-Mitglied.
Vom März 1954 bis zum 14.7.1966 wohnt Metzger mehrheitlich bei Sophie Huber, nachher bei Anna Werder-Binder (siehe Liste am Anfang dieses Kapitels).

Papst Paragranus

Durch Pinkus zur Hypnose gebracht, avanciert Metzger alias Peter Mano (der Name kokettiert mit dem berühmten Bühnenhypnotiseur Hermano, der 1938/39 im Zürcher "Corso" auftritt und eine grosse Rolle im sog. Zürcher Hellseherkrieg spielt) zum "Zauberkünstler" und wird 1943 Mitglied bei "Sicher wie Jold," ei­ner Internationalen Artistenbörse, die aber in ihren Unterlagen keine Auf­trittsdaten von Metzger hat. Man weiss dort nur, dass Metzger "musisch alles gemacht" habe. Oscar Schlag besteht darauf, zu wissen, dass Metzger öffentlich im Restaurant Hirschen im Zürcher Niederdorf als Hypnotiseur aufgetreten sei, obwohl auch er ihn dabei nie gesehen habe. Schlag weiss, dass Metzger vom Auf­treten des Hellseherkrieges um Hermano profitiert habe und auf der Welle von Raucherentwöhnung und Hypnose mitgeschwommen sei.[593] *
Eingeführt bei "Sicher wie Jold" wird Metzger durch die Kabarettistin Betty Mann-Studer. Mitglied ist er von 1943 bis 1955, hört aber dann plötzlich zu zahlen auf und erreicht erst mit Nachzahlungen, am 1.1.71 wieder aufgenommen zu werden.[594] * Der Skandal-Journalist Horst Knaut und seine Begleiterin betrei­ben Anfang der 70er Jahre ihre Nachforschungen bis zu "Sicher wie Jold." Dort aber hält man viel von politischer und religiöser Freiheit.

Das Telefonbuch gibt "Schriftsteller" als Beruf an. Seine wahrscheinlich erste Publikation feiert Peter Mano mit dem schwärmerischen Artikel "Mirin Dajo - anders gesehen," 1947 in der Zeitschrift "Die Arve."[595] * Dajo (eigentlich Ar­nold Gerrit Henskes 1912-1948), ein holländischer Fakir, lässt sich öffentlich unter ärtzlicher Aufsicht von Floretten durchbohren.[596] * In der darauffolgenden "Arve" betrachtet Metzger die "Astrologie als zeitlose Psychologie des Mikro- und Makrokosmos," da sein vorheriger Artikel "der Sachlichkeit [wegen] bei vielen Lesern Beachtung" gefunden hat.[597] * Gleichzeitig wird seine 1. Ausgabe des "Mitteilungsblattes des psychosophischen Institutes" {10} wohlwollend be­sprochen.[598] *
 
Metzger/Mano/Paragranus/Tabacum/Nemos verfasst ca. 40 Artikel, inkl. Vorträge, Vorworte und Aufsätze für den Verlag "Psychosophische Gesellschaft" (PG) {10}. Am 14. September 1950 hält Metzger z.B. im Restaurant Schweizerhof in Zürich einen Vortrag über die "Übersinnliche Welt."
Sein Vermögen und Einkommen von z.B. 1986 beläuft sich auf ca. 10'000 Fr. Ein­kommen und 30'000 Fr. Vermögen. Grosse selbständige finanzielle Sprünge kann er sich seit 1944 (wie er am 24.5.50 in einem Brief an Eugen Grosche/Gregorius antönt) nicht erlauben.
Über seine militärische Laufbahn will die Militärdirektion aus Gründen des Da­tenschutzes keine Auskunft erteilen.[599] * Man habe schon versucht, ihn als zentralisierten Punkt der PG {10} zu verunglimpfen (wie Metzger 1950 schreibt) und auch schon Angaben an die Polizei deswegen gemacht. Was ihn aber nicht wirklich angegriffen oder gestört habe.

Rosalie Metzger-Strickler

Geboren am 2.6.1909, gestorben am 5.3.72 im Kantonsspital St. Gallen. Als Sr. Mechala "die Hand, die das Heiligtum schützt."[600] *
Wie ihr Mann ist Frau Metzger eingetragenes Mitglied der Artisten- und Bühnen­künstler-Agentur "Sicher wie Jold" in Zürich. Dort haben sich die beiden sogar kennengelernt und daraufhin am 12. Juni 1948 geheiratet. Kurz danach wird Rösli Mitglied des Illuminaten-Ordens.
Frau Metzger führt ein eigenes kleines Geschäft, die "Flickstube Halde." In Stein ist sie sehr selten zu sehen.[601] *
Anlässlich ihres Todes hält Metzger ein ähnliches Ritual, wie es anlässlich 1990 seines eigenen Todes gehalten wird. Die Urnen mit Rösli und Hermann J. Metzgers Asche stehen hinter dem Altar der Gnostischen Kapelle.[602] *

Georges Bérard

Geb. am 16.9.25 in Farvagny-le-petit/Frankreich, verheiratet in Zürich seit dem 19.5.64.[603] *
Laut Handelsamtsblatt ist Bérard vom 20.3.52-14.11.56 Präsident der Genossen­schaft Psychosophia mit Kollektivunterschrift.
In einem Telefon vom 2.11.86 distanziert sich Bérard energisch seit der Auflö­sung der Genossenschaft Psychosophia 1956 von Metzger und will keine Auskünfte geben. Er weiss nicht einmal, ob Metzger noch am Leben sei.

Die "Öffentlichkeitsarbeit"

Um den Wirkungsweisen der Natur näher zu kommen, werden vom Dach des "Hauses in der Schedlern" und vom Garten, 788 m ü. Meer, seit dem 1.7.54 meteorologi­sche Beobachtungen für die Schweizerische Meteorologische Zentralanstalt (SMA) in Zürich durchgeführt;[604] * bis 31.3.58 als Regenmessstation, danach als Klima­station SMA. Die Station entsteht auf Eigeninitiative der "Thelema."[605] * Die Messungen stützen sich in den ersten Jahren vorwiegend auf selbstgebastelte Instrumente, welche später sukzessive durch offizielle Messinstrumente der SMA ersetzt werden. Zwischen 19.11.76 und 31.12.83 erfassen die Beobachterinnen (bis 1979 Frau Borgert, dann Frl. Äschbach) zusätzlich zum normalen Klimamess­programm auch agrarmeteorologische Messgrössen. Die Messungen werden dreimal täglich nach Zürich gesandt.[606] * Auf der offiziellen Landeskarte der SMA ist "Thelema" als rel. bedeutende meteorologische und klimatologische Station ein­gezeichnet.
Ergänzend wird dazu die Astrologie benutzt, um "Einsicht in die verborgenen Wirkungsweisen" zu gewinnen. Die phänologischen Beobachtungen erfordern gute Kenntnisse der Pflanzen und ihrer Erscheinungsformen. In den Publikationen der PG sind regelmässig Wetterberichte zu lesen, entsprechend werden die Bauern per Anschlagbrett informiert.

Der "Filmklub Thelema," als Sektion des "Schweizerischen Kulturfilmverbandes," zeigt Kunst-, Ballett- und Reisefilme, aber auch schon mal eine Dokumentation "Käse-Union" über die Käseherstellung eines Betriebs im nahen Dorfzentrum von Stein. Besucherzahlen: 30-40, Konzertbestuhlung: 80 Personen. Als aber nach ein paar Jahren Metzger die Mitgliedsbeiträge nicht mehr zahlt, streicht ihn die "Kulturfilmvereinigung"[607] * 1975 kommentarlos aus ihren Listen.[608] * Im De­zember 68 will die PG Kenneth Angers Film "Regards sur l'Occultisme"[609] * im Saal der Rose gezeigt haben {13}. "Kenneth Unger" [sic] wird 1960 noch als "sensationslüstern" bezeichnet, was sich geändert haben mag, als Anger am 17.8.1966 in Stein zu Besuch ist und dort auch Herrn Schlag {14} trifft.

Im Keller steht das "Labor Thelema," von wo aus Frl. Äschbach per Postversand Gewürze und Öle, ausserdem Scheidespülmittel zur Vaginalkosmetik, Kolatablet­ten und Schwedisches Lebenselixier vertreibt. Für kurze Zeit gibt es 1961 auch noch das Steiner Komturbrot aus Weizenkeimen, Weizenkeimöl, Roh-Rohrzucker, Milch, Früchten, Kräutern und Naturhefe. Auf der Verpackung befindet sich das Equinox-Zeichen.[610] * Die Geschäfte florieren jedoch nicht.
Im Juni 1954 stehen in der Bibliothek 3000 Bücher. Aus Angst vor Einbrüchen wird eine Alarmanlage eingebaut. Im Mai 1972 berichtet man dann sogar von 30'000 Büchern. Ebenfalls eine Tonaufnahme Crowleys soll sich in dieser Bibliothek befinden: "Heart of the Master." Eine Aufnahme, die in der rau­schenden Ton-Kompilation aus knapp einem Dutzend Gedichten, einem Auszug aus Liber XV und zwei Äthyren, die allgemein von Crowley kursiert, nicht zu finden ist.
Im Ordensmuseum, wo auch Logenzusammenkünfte stattfinden, sind ausser Metzgers Teddybär, seinen Kinderschuhen, seinem Kinder-Essgeschirr, seinem Fez und dem Zauberstab aus alten Bühnentagen, seine Version der Stele, alte Musikinstru­mente und Ordensmaterial zu sehen.
Über ein erotisches Museum berichtet Audehm: "Englert als Drogist sollte ihm alle im Handel erhältlichen Sonderheiten besorgen... Ebenso gab es in der Rose über Nacht lauter Mordwerkzeuge aus dem Mittelalter (Hellebarden/Morgensterne usw.). Als ich den Meister anfragte, was solches Mordwerkzeug bei einem esoterischen Orden zu suchen habe, sagte er nur, ich verstünde das nicht."[611] *
Im Keller steht die Druckerei, im Fotolabor ein Epidiaskop. Es existiert ein Tonstudio und eine erfolglose Bienenköniginnenzuchtstätte.
Dorothea Weddigen/Dodo, geb. 1936, eine deutsche Bürgerin (laut dem Proto­kollbericht von der Wahl Metzgers zum OHO {8} wohnhaft in St. Gallen an der D...strasse), von Beruf Physiotherapeutin im nahen Spital Herisau, übt autoge­nes Training im Haus oder auf Hausbesuch bei den Bauern der Umgebung aus. Das Einwohneramt St. Gallen teilt jedoch mit: "Bei uns war nie eine Person mit diesem Namen gemeldet."[612] *
Frau Anita Borgert bedient 1965 hinter der Schankstube der Rose, aber nur we­nige Wochen lang. Dann wird Personal (ein Koch mit vier spanischen Gehilfen, die in einem speziellen Anliegen ihre Unterkunft haben) angeheuert, das schnell wechselt. Das Restaurant hat Säle für 22, 21 und 24 Personen, die Gar­tenwirtschaft bietet 40 Plätze. Dazu gibt es eine Sonnenterrasse, 26 Gästebet­ten und ein Konferenzzimmer. "Allein in Stein waren oft ein halbes Hundert zu­sammen (natürlich auch Interessenten). Dann sind auch die Wiener Brüder zu nennen (IO) und die aus den südamerikanischen Ländern, hauptsächlich Brasilien (FRA)."[613] * Insgesamt sind es ca. 16/17 Schweizer, die regelmässig im Gasthof Rose zu Gast sind.[614] * Unter die Weihnachtsgrüsse 1962 setzen inklusive Metzger 16 Personen ihre Unterschriften.[615] *
Hinten im Garten entsteht ein Biotop mit Weiher und Gondel. Das Heu wird ver­kauft, da Metzger nicht selber wirtschaftet.
Zu "Thelema" gehören 40'000 m2. Es wird ein Dichter-und Künstlerpavillon er­richtet, eine Appenzeller-Stube zu einer Schaubühne als Theaterraum und Saal für Vorlesungen des "Kultur- und Stiftungszentrum Thelema" umgebaut und sogar nebenan ein Hotel, mit für Stein modernen Errungenschaften, wie zum Beispiel Telefon im Zimmer, errichtet.

Auch als Patriarch der Gnostisch-Katholischen Kirche bezahlt Metzger die rö­misch-katholische Kirchensteuer, deren Gottesdienste er auf überkonfessionel­ler Ebene ansieht. Im Garten läutet jeden Sonntagmorgen um 9.00 Uhr die (von Erich-Viktor Beyer {15} geweihte und u.a. von Oskar Schlag mitfinanzierte) Glocke zur Gnostisch-Katholischen Messe in der eigens erbauten Kapelle (Kellerkrypta: 8 x 4 m, Holzbänke für ca. 40 Personen).[616] * Sonntags läuft man ganz selbstverständlich im Ornat der Gnostisch Katholischen Kirche und Templerhabit auf dem Anwesen herum. Schliesslich inseriert man in öffentlichen Zeitungen und lädt zur Gnostischen Messe ein. Metzger fühlt sich ganz in den Höhen der Geistlichkeit zu Hause, schickt dann schon mal dem Papst Johannes XXIII ein Glückwunschtelegramm und nimmt Trauungen und Beerdigungen vor.
Am 22.9.1962 wird die 91 kg schwere Messglocke in einer polizeilich geschütz­ten Prozession durch Stein in die Kapelle getragen. Weitere Mitwirkende: "Jugendtambourengruppe, Kammerorchester Thelema etc. Hergestellt bei der alt­renommierten Glockengiesserei Rütschi, Aarau, Glocke hat den Ton G."[617] * Es ertönen Weisen von Mozart, Schmidlin und Gounod, berichtet die "Appenzeller Zeitung."

Wie es ein Polizeikommandant bei einer überraschenden Kontrolle in Stein for­muliert, lässt "religiöse Geltungsbedürftig"keit[618] * "Papst Paragranus" streit­lustig werden. Metzger sieht überall "dummdreiste Versuche alberner, ehrgeizi­ger Leute, uns zu unterwandern oder uns zu zerstören." Er reagiert äusserst prozessfreudig, solange er seinen Advokaten Dr. Auer zahlen kann, und benützt jede Gelegenheit, um den Bauern seine Ansicht von Kultur und Recht zu demon­strieren. Ein Beispiel: da Metzger sein zum Umschwung gehörendes Wäldchen nicht selbst bewirtschaftet, ergeht das Holznutzungsrecht an Bauern der Umge­bung. Den einzigen Zugang, der durch Metzgers Biotop führt, schaufelt er im Winter mit Schnee zu und verschliesst das Gatter. Auf Anraten der Gemeinde, dies zu unterlassen, baut er kurzerhand einen Künstlerpavillon hin. Man könne diesen im Winter wegschieben, was er aber nicht tut. Des weiteren streitet Metzger über Brunnenquellenverseuchungen, während er sich wegen nächtlicher Ruhestörung durch Lichtanlagen und grosse schwarze Hunde zu verantworten hat. Einen Prozess um das Holznutzungsrecht seines Anliegens verliert Metzger (da er nicht selber wirtschaftet), obwohl die Gegenpartei, der Gemeindepräsident, überhaupt keinen Anwalt aufbietet. Der Prozess geht als Musterbeispiel der Rechtsführung ins Protokoll ein.[619] *

Skandal

Die Morde an Sharon Tate und anderen, begangen von Charles Mansons "Family," gehen durch die Presse. [Mehr dazu im Kapitel über das "Caliphat" {13}].
Am 31.10.1969 erscheint in der "Washington Post" ein Artikel über das Treiben der "Solar Lodge," einer Crowley-OTO-Loge im Umfeld von Manson: "Boy Tells of Chaining by Cultists".
Mit diesem Artikel fährt Herr X. [Name von den Behörden abgedeckt] im Januar 1971 (!) nach Bern zur Amerikanischen Botschaft, um dem Direktor des FBI Be­richt zu erstatten. Der Report "to: Director, FBI" berichtet: "He stated that he was afraid that these people were giving his organization a bad name in the U.S., and he wished to emphasize that they had nothing to do with his society."[620] *
 
Möglicherweise als Folgeerscheinung des Prozesses gegen Walter Englert {6, 11} und der Publikation Ed Sanders', "The Family," über die "Solar Lodge" im Zu­sammenhang mit Charles Manson, beginnt 1972 die Hatz der Boulevardpresse, an­geführt vom 49jährigen deutschen Journalisten und Schriftsteller Horst Knaut, gegen das "gemischte Kloster von Appenzell."
"Horst Knaut; Rief mich im Sommer '72 an. Erzählte mir vom OTO und der Manson-Familie und dass in Deutschland Ähnliches abliefe. Meines Wissens sandte ich ihm (leihweise) die OTO-Messe und zwei Photos aus Stein (auf einem Metzger; auf dem anderen - in Ordensgewändern - der Meister und seine Schafe, darun­ter Englert's, Hemberger, Heber [FS], alle Damen und ich; Hemberger und Heber - obwohl Gäste - im Templermantel... Dieser saubere Herr meldete sich dann nie mehr bei mir; das entliehene Material wurde trotz meiner schriftlichen Anmah­nungen zum gestohlenen Material."[621] * Im Verlauf einer Korrespondenz mit Walter Jantschik, der in die Schlagzeilen geraten ist, da sein Schwager Josef G. am 6.5.1970 von einem FS-Mitglied erschossen worden ist, erfährt Horst Knaut wei­tere Adressen. Am 16.1.72 recherchiert er zusammen mit seiner Frau in Stein, ohne seinen Beruf als Journalist bekanntzugeben.
Knaut findet heraus, dass die yugoslawische Staatsangehörige Frl. Elza Brda von Metzger dazu angehalten worden sei, bei "sexuellen religiösen Messen" teilzunehmen, worauf Frl. Brda sofort bei der Fremdenpolizei St. Gallen und beim jugoslawischen Generalkonsulat Rat gesucht habe. Das Rathaus zu Trogen leitet eine amtliche Untersuchung ein.

Knaut publiziert in QUICK und NEUE REVUE über die "Religion der wilden Lüste" und zitiert auch sexualmagische Rituale aus Grosches "Exorial" und das be­rühmte 18°-Ritual. Haack schlägt in dieselbe Kerbe, und beide lösen eine La­wine von Boulevard-Artikeln[622] * und Berichten[623] * aus, die eine Fortsetzung der völkischen Ludendorffschen Werke zu sein scheinen.[624] *
Als Kuriosum (und da der Wicca-Orden im Zusammenhang mit Kenneth Grant erwähnt worden ist) sei hier ein Leserbrief des Frater K.W.o des deutschen Wicca-Or­dens in der deutschtümelnden Zeitschrift "Mensch und Mass" 11/74 wiedergege­ben. K.W.o. reagiert auf den Artikel "Jedoch der Schrecklichste der Schrecken" des Gunther Duda in "Mensch und Mass" 21/73: "Horst Knaut handelte hiemit im Geiste der NS-Mordschergen, die seinerzeit hunderte von Mitgliedern der von Knaut angegriffenen Orden zu Tode folterten. Mit von A bis Z erlogenen Phrasen zieht dieser ruchlose und geldgierige Angeber gegen die thelemitische Orden ins Feld." K.W.o. schickt am 16.4.73 auch ein Fernschreiben an die QUICK und meldet sich als "Grossloge des OTO Deutschland/Hamburg."[625] *
Vielleicht ist K.W.o ein Herr Pauli aus Hamburg, der 1974 als "Mitglied des Thelema-Ordens... und Urheber einer Reihe merkwürdiger Briefe... diffamieren­den Inhaltes" bei Haack vorstellig wird und sich für "unsere Schwester Sharon Tate" und Crowley ins Zeug legt.[626] * {Mehr dazu im Unterkapitel "Memphis-Mis­raïm im Appenzell?"}

Solchermassen aus dem Untergrund gespült, ist die Wirkung der Skandalpresse auf den Betrieb des Gasthofs Rose und deren Bewohner enorm. Bisherige Gäste bleiben aus, unbekannte neue kommen bloss aus Neugierde und machen "unflätige Bemerkungen." Abends schleichen Leute um das Haus, um durch Fenster und Türen hineinzuspähen. In Stein erzählen die Bauern sich sogar, dass eines Tages ei­nige Jungbauern mit Heugabeln eine richtige Reiterattacke gegen die Abtei The­lema geritten seien. Ein Herr Erich Schulz offeriert sich Metzger schriftlich als Opfer eines zukünftigen Ritualmordes.[627] *
 
Das örtliche Kirchenblatt stellt sich versöhnend auf die Seite Metzgers und bietet eine "Meditation: Satanskult" von Werner Laubi an:

"Als ich jüngst im Blätterwalde
bei Sankt Boulvardshausen war,
sah ich an der Schattenhalde,
die dort ist, ein Entenpaar.
 
Quack und Quück, die muntern Kerle,
wühlten eifrig mit dem Bein.
Doch sie fanden keine Perle;
was sie fanden, war nur Stein.
 
Und die beiden konstruierten
eine Wand aus Stein und Sand;
nahmen Farbe dann und schmierten
einen Teufel an die Wand.
 
Hei, wie das die Leute freute;
kitzelt's doch so angenehm.
Denn der Teufel, der ist heute
weit herum noch gern gesehn."[628] *

Verstehen Sie Spass?

Alfred Jäger besucht im Frühjahr '74 im Auftrag des örtlichen Kirchenblattes sechs Stunden lang die Abtei Thelema: "Und wer etwas Sinn für menschliche Züge hat, wird erstaunt bemerken, wie hier für abseitige Ideen ein Leben und ein Vermögen voll Idealismus geopfert wird, nicht zu reden von der Improvisiert­heit und oft sogar Komik, der wir bei allem Ernst und Eifer immer wieder be­gegnen. Hermann Metzgers Lieblingsbild über dem Bett zeigt einen Clown" (Magnet, Kirchenblatt für die evangelisch-refomierten Kirchgemeinden beider Appenzell 1974). Haack wehrt sich gegen Jägers Darstellung des OTO als "harmloser Gasthausclub."[629] * Im Prozess gegen Knaut wird von Metzger Jägers Artikel als positive Darstellung vor Gericht produziert.
Alfred Jäger: "Mir taten die drei Idealisten [Metzger, Borgert, Äschbach] - auf sicher schwer verständlichen Bahnen - vor allem irgendwie leid."[630] * Ähn­lich auch Ellic Howe: "I find it difficult (or impossible) to take Metzger at all seriously."[631] *
 
Vielleicht bezeichnend, lautet der Titel der letzten PG-Publikation (März '76) "Der Clown," in der Frl. Äschbach von der Notwendigkeit des Lachens als Le­benshilfe spricht. Es werden zitiert: Crowley, Grock, Ringelnatz, Charly Chaplin und der Schweizer "Teleboy" und "Supertreffer" Kurt Felix.

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Metzger und Borgert klagen Horst Knaut wegen Ehrverletzung ein. Mitangeklagt: der verantwortliche Redakteur der Neuen Revue, Dr. W. Kuntze. Die beiden Klä­ger verlangen 20'000 Fr. "nebst Zins zu 5% seit 25. März 1972" als Schadener­satz und Genugtuung.[632] * Es kommt sogar zu einer "Durchsuchung der Wohnung und Geschäftsräume des Beschuldigten Knaut,"[633] * um Beweismittel für das anhängige Ermittlungsverfahren zu finden. Knaut führt Nichtigkeitsbeschwerde gegen Metz­ger und Borgert, die am 20. Januar 1976 vom Schweizerischen Bundesgericht ab­gewiesen wird. Knaut werden Gerichtskosten und Entschädigungen von insgesamt Fr. 1000.- auferlegt.
Der Prozess findet knapp einen Monat vor der absoluten Verjährung[634] * am 12.Juli 1975 in Trogen vor der Strafkammer des Kantongerichts Appenzell-Aus­serrhoden vor fünf Laienrichtern und dem Verhörrichter Dr. Dörig statt.
Es ergeht Berufung an das Obergericht von Appenzell A.Rh. Hans Schiele verur­teilt am 20. Februar 1976 dann den Journalisten wegen eines Satzes, in dem von einer "heiligen Sexmesse... die nur eine Vorbereitung sei für später stattge­fundene unheilige Sexorgien und Schwarze Messen" die Rede ist. Metzger und Borgert verlieren in 7 von 8 Punkten.[635] * Kuntze wird freigesprochen, Knaut nur der Gehilfenschaft zu übler Nachrede für schuldig befunden: er zahlt eine Busse von 800 Fr, eine Schadenersatz- und Genugtuungssumme von 1000 Fr., eine aussergerichtliche Entschädigung von 3000 Fr. (Anwaltskosten) sowie die Ver­fahrenskosten von 1495.70 Fr und eine Staatsgebühr von 400 Fr.[636] * Knaut legt Berufung ein, die am 21.12.76 in Lausanne abgewiesen wird, was ihm wiederum ca. 400 Fr. kostet.[637] * Knaut möchte sein Anwaltshonorar von ca. 2500 sFr. auf 1500 sFr. kürzen.[638] * All das hindert Knaut aber nicht daran, 1979 wiederum ausführlich über Metzger zu schreiben (Das Testament des Bösen). Knaut hat sich nämlich beim Direktor des Max Planck Institutes für Ausländisches und In­ternationales Strafrecht erkundigt, und erfahren, dass es an einer Rechts­grundlage für die Vollstreckung eines schweizerischen Strafurteils in der Bun­desrepublik fehlt.[639] * Deshalb klagt Frl. Äschbach, sei Knaut "uns noch viel Geld schuldig."[640] *

Hansruedi Giger/Ulla von Bernus

"Alien"-Oscarpreisträger Hansruedi Giger wird 1977 von der Satanspriesterin Ulla von Bernus {6} kontaktiert, um zusammen mit ihr und ihrer Freundin nach Stein zu fahren und dort eine Nacht zu verbringen. Frau von Bernus, so Giger, soll der Meinung gewesen sein, dass "man dort draus komme" und die Absicht ge­habt haben, eine Menge magischer Rituale zu zelebrieren. Giger hat vergeblich nach Crowley-Zeichnungen gesucht, hat eine Flasche Schwedisches Lebenselixier und einen Buchumschlag Gustav Meyrinks mitgenommen; letzteren verloren, was ihm "sehr peinlich" sei. Nach dem Besuch in Stein sind Frau Bernus und Herr Giger noch bei Oscar Schlag zu Gast, der beide sehr beeindruckt habe.
Giger ist der Ansicht, Frl. Äschbach und Metzger seien sehr nett und harmlos. Trotzdem möchte er weder mit Frau von Bernus noch mit Stein je wieder etwas zu tun haben, das sei ihm doch "zu komisch und zu heavy."[641] *
 
Frau Bernus bezeichnet Metzger als "mausgrauen Magier" und berichtet über den Abend der Ankunft und den Verlauf der Gnostischen Messe am nächsten Morgen:
Am Samstagabend habe ein "Besäufnis" mit Messwein, "dem besten," stattgefun­den, das die "Weiber nervös" gemacht habe. Frau Borgert und Frl. Äschbach seien "hysterisch eifersüchtig" auf Frau Bernus gewesen. Im Gästezimmer habe Frau Bernus mit ihrer Freundin kaum gesprochen, denn sie habe gewusst, dass da "überall Wanzen" gewesen seien. In der Nacht habe sie ein Bohren am Schlüssel­loch gehört. Metzger habe "rein!" gewollt. Vergeblich. Morgens bei der Gnosti­schen Messe habe als "Messbube" ein 72jähriger "Opa" fungiert, unter dessen Messgewändern die Schuhe noch mit Gartenlehm beschmiert gewesen seien. Auf der vordersten Kirchenbank seien, auffallend für Frau Bernus, Papiertaschentücher gelegen. An der Stelle der Messe, wo Frau Borgert kniet, habe Metzger plötz­lich den Text nicht mehr weiter gewusst. "Wo ist meine Brille?" soll er hörbar gefragt haben. Die Brille sei jedoch nicht aufzufinden gewesen, und Metzger habe den Text nur noch "runtergestottert." Die Taschentücher sollten also zur Brillenreinigung dienen, mutmasst die Satanspriesterin. Die Brille habe dann Frau Bernus am Boden neben ihrer Zimmertür gefunden, wo Metzger nachts gekniet habe, und diese beim Mittagessen zurückgegeben, was sie "köstlich amüsiert" hat.[642] *


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Am 11.Mai 1977 hält Ernst Bienz (33°) (Neffe des Oscar Bienz, der 1917 in As­cona seinen Militärdienst absolviert[643] * und gleichzeitig Mitglied der dortigen Reuss-OTO-Loge geworden ist {4}) im Kapitel Humanitas "unter dem Schutze des obersten Rates der Schweiz des 33° und letzten Grades des alten und angenomme­nen Schottischen Ritus" auf dem Lindenhof in Zürich einen Vortrag. Man ver­nimmt, Metzger sei "rehabilitiert" und der Richter habe zu seinen Gunsten ent­schieden. Wer trotzdem das Gegenteil glaube, "kann uns nur leid tun." Oscar Schlag macht sich Notizen zu den Diskussionen, aus denen hervorgeht, dass Metzger in Zürich und Stein je zwei Logen habe. Zwischen Freimaurerei und dem OTO sei keine gegenseitige Anerkennung, sondern nur eine "literarisch-intui­tive Beziehung" möglich. Stein befinde sich im Niemandsland zwischen Wahrheit und Dichtung.

Um diese Zeit gibt es weltweit nur eine Handvoll Akademiker, die sich "ernsthaft" mit dem OTO befassen und darüber recherchieren. Es sind fast mehr Wissenschaftler, die sich für den OTO interessieren, als es überhaupt OTO-Mit­glieder gibt. Neben Haack; K. Frick, H. Möller, O. Schlag, Fritz Bolle (der Annoncen zur Materialsuche darüber in der ALPINA aufgibt), Ellic Howe, Gerald Yorke, Francis King[644] * und John Symonds. Letzere drei sind Sammler von Crow­leyana. Später stösst noch Harald Szeemann dazu, der für seine Monte Verità-Sammlung ebenfalls OTO-Material sucht. Die meisten davon, Freimaurer, überlas­sen ihr begrenztes Material[645] *  Howe und Möller, die daraus eine geschwätzige und moralinsaure Biographie von Theodor Reuss basteln.[646] *
 
Die finanziellen Mittel Frl. Äschbachs gehen durch die Realisierung der ver­schwenderisch ausgestatteten Abtei Thelema zur Neige. Die Öffentlichkeitsar­beit (Verlag, Filmklub, Labor, Kurbetrieb) wird eingestellt. Im örtlichen Kir­chenblatt distanziert sich die Psychosophische Gesellschaft {10} von den "Verrücktheiten eines Verrückten namens Crowley" und unternimmt mit Schreiben an die Verfasser von Lexika Bemühungen, nicht mehr genannt zu werden. Da das Landnutzungsrecht nicht eingehalten wird, kommt es 1978 und 1979 zu durch den Bundesrat bewilligten Zwangsversteigerungen von Land. Nur wenige Seminar-Vor­lesungen hält man noch, was aber gegen 1980 ganz versiegt. Frau Borgert ver­lässt Stein. Restaurant Rose und Gebäude des Umschwungs werden im Laufe der folgenden Jahre immer wieder neu verpachtet, ab 1981 an den WWF, der ein Ost­schweizer Ökozentrum mit Jahresumsatz von 200'000 Franken und einem ähnlichen Kulturprogramm wie die PG einrichtet.[647] *
 
Der Berner Bundesbeamte Hermann Gilomen/Roland[648] * hat auf eigene Anfrage nach Mitgliedschaft bei Metzgers OTO monatliche Aufsätze über die in Metzgers Oriflamme abgedruckten Lehrbriefe {10} zu schreiben. Da jedoch in Stein in­folge des Presseskandals die Tätigkeiten eingeschränkt werden, verläuft die Korrespondenz im Sande. Gilomen fährt nach Stein und unterhält sich längere Zeit mit Metzger und Frl. Äschbach. Daraufhin schläft der Kontakt ein.
Ende der 70er Jahre erhält er überraschend eine telefonische Einladung Metz­gers und fährt hin, um das Amt des OHO angeboten zu bekommen. Da dieses aber nebst den esoterischen Pflichten auch noch die Aufgaben eines Hoteliers und Landwirts umfasst, lehnt Gilomen ab, um daraufhin Landesmeister und Grosskanz­ler der aus vier Mitgliedern bestehenden FS-Schweiz zu werden. "Ich brachte Herrn Metzger dann mit zwei Berner Geschäftsleuten (Esoteriker) in Verbindung, die sich beide das Ganze anschauten, aber offenbar ohne Erfolg."[649] *
Oscar Schlag bietet ihm eine Mitgliedschaft in seiner "Hermetischen Gesell­schaft" an. Da aber die samstäglichen Treffen in Zürich für Gilomen eine zu starke Belastung wären, verzichtet er. Gilomen hat Karl Brodbeck/Brunolf, den Hüter des schweizer Illuminaten-Ordens {11}, persönlich aus der Berner Freimaurerloge "Zur Hoffnung" gekannt, wo Gilomen bis 1961 Mitglied gewesen ist.
Roland ist am 2.2.1988 verstorben.

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Versuch einer Auflistung der "Schicksalsschläge":
- Abspaltung von der Tessiner und Zürcher "Original"-Gruppe, ca. 1947
- Streit mit Eugen Grosche, ca. 1953
- Germer distanziert sich, ca. 1960
- Nichtanerkennung durch Mellinger, 1963
- Vergebliche Aneignung der FS, 1964 und 1965
- die Beatles führen 1967 Crowleys Portrait auf dem Cover von "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band"
- Gerichtsprozesse gegen Englert, ab 1968 {11}
- Charles Manson wird im Zusammenhang mit dem OTO gebracht, ab 1969
- Adolf Hemberger publiziert ab 1971
- Horst Knaut schreibt für Boulevardblätter, unterstützt durch Haack, ab 1972
- finanzieller Ruin, ab 1975
- Frau Borgert gibt ihr Amt auf, Ende der 1970er Jahre?

"Freundeskreis Thelema, Psychosophische Gesellschaft, Aufruf, Das Kurs- und Ferienzentrum Thelema... ist dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen... benöti­gen wir ein Barkapital von Fr. 120'000.--. Damit hätte THELEMA eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen, d.h. selbsttragend zu werden."[650] *
Ab 1982 verfügt Frl. Äschbach wieder über mehr als eine halbe Million Franken. Sofort erscheint eine Neuauflage von Crowleys Texten. Der Lebensabend
Jeden Mittwoch, wenn das Wetter danach ist, fährt Metzger mit seinem Kleinwa­gen von Stein nach Zürich in sein Stammbierlokal, den "Hinteren Sternen," zur Runde der eingetragenen Bühnenkünstler, die für ihn eine Art "Familie" scheint.[651] * Oft sitzt sein Sohn Simon dabei, der auch Mitglied, ist und man hört den Gesprächen zu. 1971 ist der ganze Verein sogar nach Stein eingeladen; Esoterisches kommt nicht zu Gespräch, man vergnügt sich im Garten und lauscht der über Lautsprecher erklingenden Marschmusik. "Hermanns" Spitzname laute "Warum?" weil das sein einziger Beitrag zu den Diskussionen sei. Sein Charme komme nur noch wenig zum Tragen, was ihn aber nicht davon zurückhalte ihn den­noch einzusetzen, weiss die Leiterin der Artistenbörse zu erzählen. Metzger telefoniere ihr des öfteren, um ihr Avancen zu machen; sie erinnere ihn stark an seine "grosse Liebe Anita Borgert," was die Leiterin doch erstaunt.[652] *
Letztlich ist Metzgers Gesundheit stark in Mitleidenschaft gezogen. Er wird 1983 im Notfallwagen ins nahe Spital eingeliefert, bezeichnet sich selbst als "am Ende"[653] * und sucht einen Nachfolger.
Theo Pinkus, Sohn von Felix Lazerus Pinkus, dem "geistigen Vater" Metzgers, ist am 14.6.88 "in Stein... Leider hatte Herr Metzger vor einiger Zeit einen schweren Schlaganfall und braucht seither immer etwas Zeit, bis er sich bei einer Unterhaltung an Einzelheiten aus der Vergangenheit erinnert."[654] *
Oskar Schlag ist Anfang Juli '89 in Stein und berichtet ebenfalls von der Un­fähigkeit Metzgers, noch an einem Gespräch teilnehmen zu können.

Allen Unkenrufen des sog. "Caliphats" zum Trotz, ist der schweizer OTO jedoch aktiv.
Der Tages-Anzeiger der Stadt Zürich berichtet am 22.9.89 (Seite 9), dass die Besitzerin des Gasthof Rose (also A. Äschbach) den Pachtvertrag mit dem WWF gelöst habe, um "das Haus zum Eigengebrauch [wieder zu] übernehmen."[655] * Es sind wieder genügend Mitglieder vorhanden, die das (nicht mehr der Öffentlich­keit zugängliche) Gebäude der ehemaligen Rose finanziell tragen und so das Ge­dränge im Haus zur Schedlern, vor allem am Frühstückstisch, vermieden werden kann.[656] * Der Gasthof selber hört zu existieren auf. Das Gebäude ist am Verfal­len.[657] *
Die Mitgliederzahl soll sich Anfang 1994 nur noch auf ca. 10 Personen be­schränken.[658] *

Abgang Zauberkünstler

Metzger stirbt am 14. Juli 1990 "nach langem Leiden und schwerem Unfall" an einer Embolie. -- Der Aufforderung "Wir bitten um ehrendes Andenken" gemäss Todesanzeige[659] * nachkommend, will ich in der Friedhofskapelle am 18. Juli, ei­nem heissen Sommertag, in St. Gallen anwesend sein.
Es sind ca. 35 Personen da, die Hälfte davon um die 30 Jahre alt. Der OMCT (Ordo Militiae Crucis Templi) schickt eine Delegation. Die jungen, meist gut­gekleideten Leute, gleichviel Frauen wie Männer, scheinen alle nach dem glei­chen Muster geschnitten zu sein und gleichen sich im "seriösen" Aussehen und Auftreten wie ein Ei dem anderen. Dadurch unterscheiden sie sich stark von al­len anderen OTO-u.ä.-Gruppierungen, die ich bislang kennengelernt habe.
Frl. Äschbach lässt mich durch Markus Kumer vom Platz weisen. Mehrere Zeugen berichten anstelle:[660] *
In der Kapelle können Religionen aller Art mit Angehörigen anstelle eines Pfarrers ihre Messen feiern. Frl. Äschbach hat sogar ihren hauseigenen Organi­sten und einen Trompeter mitgebracht. Das Ganze dauert nur eine halbe Stunde. Der "Leiter" der Artistenbörse hält aus Höflichkeit eine kurze Rede für den "Ehrenjoldjungen," in der einzig Metzgers Daten als Mitglied der Börse erwähnt werden, und dass er "Zauberkünstler" gewesen sei. Zwischen den Musikteilen wird Metzger von einem weiteren Herrn gewürdigt. Genaue Lebensdaten bleiben im Dunkeln. Es fallen keine thelemitischen Kernsprüche, und der Begriff OTO taucht nicht auf. Am Schluss legt eine junge Frau drei Rosen auf den Sarg: "Die weisse Rose bedeutet Weisheit, ich lege sie Dir aufs Haupt, die rote Rose bedeutet Stärke, ich lege sie Dir zu Füssen, die rosarote Rose bedeutet Schön­heit, ich lege sie Dir aufs Herz." Dies sei eine gekürzte Version des Ritus, den Metzger 1972 für seine Frau Rösli gehalten habe.
Am nächsten Morgen beklagt sich Frl. Äschbach telefonisch über den Begriff "Zauberkünstler," denn Metzger habe "nicht mit Tricks gearbeitet." Die Urne mit Metzgers Asche holt sie später ab.
Dem Diktat der Stunde folgend, übernimmt Frl. Äschbach das Amt der Nachfolge interim, da Metzger weder testamentarisch noch mündlich einen Nachfolger be­stellt hat [mehr darüber im Kapitel über das "Caliphat" {13}].[661] * Sie löst ihren Haushalt in Zürich auf. Zwei Lastwagen Material gehen nach Stein.

"Grandmaster Satan"

als Modegag und philosophisierter Partyschreck
Am 15. Januar 1994 soll der Wiener "Satanologe" Josef Dvorak[662] * in der Disko­thek "Palais Xtra" in Zürich eines seiner "satanistischen Spektakel" im Rahmen der einwöchigen Veranstaltungsreihe "Lucifers Rising" abhalten und darüber re­ferieren, was er für den OTO hält. Nachher seien Tanz und Drinks geboten. Kein Wunder, dass Frl. Äschbach, ebenfalls eingeladen, dieses Tamtam als "unseriös" ablehnt.[663] * Die ganze Show wird auf Anfang März verschoben.[664] * Der Autor der vorliegenden Studie ist ebenfalls zur Diskussion mit Dvorak, Sergius Golowin und lokalen Pfarrersgrössen geladen und lehnt aus denselben Gründen wie Frl. Äschbach ab.
Die schicken Grufties treffen sich ab 25.2. zum Tanz der Vampire "und verwan­deln den Tanzanlass in eine Art schwarze Chilbi" (Kirmes). Die spärlich be­suchte Ausstellung in der Galerie "Mangisch" wirkt "eher harmlos und etwas verstaubt... aufziehbare Enten, Hunde und Pinguine stahlen am Abend der Eröff­nung manch satanischem Objekt die Show."[665] *
 
Am 25.2.94 entzieht Roland Meyer vom Hochbauinspektorat die Bewilligung für eine im Rahmen des Spektakels geplante "Satans-Performance." Der nicht medien­scheue, sympathische Dvorak, der den Satanismus für die Religion der Zukunft hält, veranstaltet am 4.3. im "Gothic Club" seine Aufführung, wo die dilettan­tische Organisation der Veranstalter, lange Wartezeiten, Gummifledermausflü­gel, Totenschädel aus Plastik, Särge, Crowley und die "Church of Satan" eine Personalunion mit Pornobildchen und Langeweile unter den rund 100 Anwesenden eingehen. Am nächsten Tag plaudert der selbstgekürte Baphomet in der "In-people"-Galerie "Mangisch" in Zürich vor rund 80 Anwesenden "Vom Wiener O.T.O. zum modernen Satanismus." Dvorak beginnt mit einer amüsanten und intelligenten Tour de force durch die populär-wissenschaftlichen Ur-Gründe des Satanismus. Als er aber zur Biographie Carl Kellners ausholt, wird er leider ebenso aus­dauernd wie ausufernd. Die hochinteressanten Dias von Kellners Villa auf der Hohen Warte in Wien, der Roten Villa in Hallein, Memphis-Misraim-Schmuckstücken, der Bogu­milen-Maria auf Kellners Grab und der Familie (alles wiederum vom Veranstalter miserabel organisiert) gehen in der Unruhe des Publikums unter. "Josef, es wird fad," ertönen Rufe und man beginnt, das Büffet zu räubern. So bleibt nichts weiter übrig, als auf Dvoraks Buch "Satanismus," (Frankfurt am Main, 1989) hinzuweisen.



10. Verlag Psychosophische Gesellschaft


Der Begriff "Psychosophisch" stammt von einem Vortrag Rudolf Steiners von 1910: "Anthroposophie - Psychosophie - Pneumatosophie."[666] *
 
Aus den Statuten vom 18.10.1945: "Die Gründung der PG geht auf das Jahr 1940 zurück,"[667] * während die Statuten vom 18.10.50 den 18.10.45 als Gründungsdatum angeben.

Nach dem Tode Pinkus' am 12.2.1947 publiziert Metzger im "Verlag Psychosophi­sches Institut" 5 (?) Mitteilungsblätter mit "Beiträgen aus okkulter und exakt wissenschaftlicher Forschung." Zum Beispiel: Peter Mano (Metzger): "Okkultismus, Alchymie, Magie,"[668] * Felix Lazerus Pinkus: "Mann und Weib,"[669] * Thomas Egloff: "Urfeuer."[670] *
 
1948 habe ein Bruder [Brodbeck oder Metzger?] des IO erreicht, "dass der Orden wieder zu funktionieren begann. Die österreichischen [Korbel oder Medinger? {11}] und deutschen Brüder [Grosche] wollten nun ebenfalls eine PG für die Ar­beit in der Öffentlichkeit konstituieren. Davon sah man aber ab und lediglich die Schweizer Brüder behielten diese Form als konstitutionelle Körperschaft um die verschiedenen Arbeitsgruppen des Ordens juristisch zu fundieren."[671] * "Die eigentliche PG hatte sich inzwischen aufgelöst... während M. die PG à la Metz­ger von Stein aus weiter betrieb."[672] *
 
Im August 1950 taucht erstmals das IAO-Emblem der PG auf, das bis heute ver­wendet wird. Ein Briefkopf Metzgers gibt Auskunft:
"Verlag Psychosophisches Institut. Leiter: Peter Mano, Abteilung: Psychoso­phie, Literatur, Natur und Kunst, Okkulte Forschungen, Erfolgs- und Lebensbe­ratung, Graphologie, Astrologie, Biologie."[673] *
 
Am 18.10.1950 gründet nun Metzger seine Psychosophische Gesellschaft als Nach­folge des Verlages Psychosophisches Institut.[674] * "Die Geschichte unseres Ver­lages begann, als wir im Jahre 1950 beschlossen, nicht mehr durch Vorträge an die Öffentlichkeit zu gelangen, sondern... durch Druckschriften und Bü­cher."[675] *
 
Unterschrieben sind die Statuten der PG von 1950 von Charles S. Huber (dem Präsidenten der Genossenschaft, der einen Artikel über "Cagliostro" verfasst hat)[676] * und Anna Werder-Binder/Rhodanuba (Metzgers Haushälterin {9} und Ver­fechterin rassischer "Erbhygiene"). Frl. Äschbach/Chochmah ist Aktuarin, Metzger zeichnet als Peter Mano.
In den Statuten wird auf Anraten eines Anwalts jeglicher Hinweis auf eine freimaurerähnliche Organisation vermieden. Metzger fürchtet eine Parallelfolge zu der 1936 nationalsozialistisch inspirierten Fonjallaz-Initiative, die die Freimaurerei verbieten lassen wollte, aber massiv vom Schweizer Volk mit 500'000 Stimmen[677] * verworfen worden ist.[678] * Deshalb konstituiert sich "die PG in der Schweiz als wissenschaftlicher Verein nach Art. 60 ZGB."
"Wir beabsichtigen nicht in der Schweiz, noch in irgendeinem Lande Logen oder eine geheime Gesellschaft zu gründen oder zu konkurrenzieren."[679] *
 
Metzger und Grosche diskutieren eine mögliche deutsche PG: "Voraussetzung für die Leitung der PG ist, dass die Vorstandsmitglieder Schw. & Br. des OTO sind. In Deutschland wäre es die FS."[680] *
Der Vorhof der schweizer PG nennt sich "Esoterische Studiengesellschaft" (ES), ein Begriff, den Eugen Grosche für den Vorhof der Ur-FS kreiert hat. Für die jeweiligen Propagandaausgaben denkt Metzger an einen jährlichen Aufwand von 4000 sFr. Die Veröffentlichungen "im Sinne der ehemaligen Oriflamme, der Sa­turn Gnosis oder der Sphinx" "plant man mit einer Auflage von 300, wovon rund 100 nach Deutschland gehen sollen. Gerechnet wird mit einem doppelten Zweck: Geld und Propaganda."[681] *
 
Im Februar/März 1951 tauchen auf Metzgers Briefkopf die Bezeichnungen "Akzidenz-Druck" und "Verlag Psychosophisches Institut" auf, da nun Druckma­schinen gekauft sind.

In den Vorworten zu den Heiligen Büchern von Thelema (Crowleys Texte von 1904-11)[682] * verwendet Metzger das Siegel der AA: "Wir, die wir seine [Crowleys] Lehren studiert, verstanden und angenommen haben, fühlen in uns die Verpflich­tung, an ihrer Verbreitung zum Wohle der Menschheit und zur Förderung der men­schlichen Evolution mitzuhelfen."[683] *
"Die Aufgabe des Verlages: die Schriften der A.A. herauszubringen."[684] * Der OTO dient ja seit Crowley als Vehikel für dessen Thelema, das aber mehr der AA verpflichtet ist. Eine Historie der AA zu schreiben ist unmöglich, da diese keine Ordensstruktur aufweist, sondern per Selbsteinweihung oder vom "Meister auf den Schüler" funktioniert.

Am 3. März 1952 gründet Metzger den Verlag Genossenschaft Psychosophia "zur Verbreitung von Weisheitslehren." Das zahlungskräftige Frl. Äschbach wird am 20.3. als Eigentümerin eingetragen. Als Präsident zeichnet Georges Bérard (der sich ja bald distanziert). Geschäftssitz und Druckerei ist die Akzidenz-Druck des Ehepaars Metzger in Zürich.[685] *

Am 20. März 1953 startet die 5bändige Ketzerbrevier-Reihe, deren letzte Nummer im Juli 1958 erscheint. Abgelöst wird das Ketzerbrevier durch das "Ex Occi­dente Lux-Mitteilungsblatt (EOL)," das schon im Oktober 1954 startet und bis zum August 1960 74 Ausgaben zustande bringt. Angeblich hat man das Ketzerbre­vier allein des Namens wegen eingestellt.[686] *
Ebenfalls 1954, im September, beginnt die 10bändige Äquinox-Reihe, die im März 1959 endet.

Am 3. August 1953 werden die GP-Statuten abgeändert.[687] *
Am 5.6.54 beziehen Metzger und die Druckerei der GP ein neues Geschäftsdomizil an der Birchstrasse in Zürich.

Am 14.11.1956 wird die Genossenschaft Psychosophia aufgelöst: sechs Monate nach Tränkers, drei Monate nach Lekves Tod. Übrig bleibt die Psychosophische Gesellschaft, die die Verlagsrechte übernimmt.[688] * Die Auflagenzahlen der Äquinox-Reihe (Nr. V vom September 56) schrumpfen von 1000 auf 500 Stück, die­jenigen des Ketzerbreviers (Nr. 4 vom Dezember 1957) von 2000 auf 500 Stück.
Angeblich allein aus dem Grund "um auf dem Umschlag Werbung zu betreiben,"[689] * erscheint am 20.3.1961 die erste von Metzgers 150 Oriflammen, die ab Dezember 1974 als 15bändige Oriflamme-Seminar-Vorlesung bis 1976 weitergeführt werden. Auflage angeblich 3400/3500, verteilt auf 45 Länder. 28 Firmen inserieren bis zur Oriflamme 51 vom Mai 1965. Zwischen Oktober 1964 und Januar 1972 werden insgesamt 59 Leserbriefe beantwortet.
Die Akzidenz-Druck besteht vom 5.6.54 bis zum Dezember 1969 an der Geschäfts­stelle und ab 1957 auch an Metzgers Wohnadresse in Zürich. Am 31.5.66 werden die Statuten geändert, denn die rechtliche Lage macht jede Arbeitsgruppe (worunter OTO, IO, GKK und FRA zu verstehen sind) souverän und eigenstän­dig.[690] *
Nach einem Quartal Pause erscheint die Oriflamme Nr. 97 im Mai 1970, obwohl noch in Zürich copyrightet, von Stein aus.
Eingestellt wird die Oriflamme im Dezember 1974, weil keine Manuskripte mehr vorhanden sind.[691] *
In den 80er Jahren macht Markus Kumer aus der PG den "Verein für Humanistische Forschung," der aber weder in Zürich noch in Stein amtlich eingetragen ist. Meine entsprechende Anfrage an das Gemeindeamt wird unaufgefordert an Frl. Äschbach weitergeleitet.[692] *

Societas Totius Mundi Illuminatorum

Im Verlauf der Ordenskompilationen meint Metzger im November 1962: "Im Kriege versuchte die PG eine Plattform zu bilden. Leider umsonst. Über zwei Vorträge kam diese Bestrebung nicht hinaus."[693] * Gemeint sind vielleicht "Uebersinnliche Welt" und "Mystik und Magie." Ebenfalls, so Metzger weiter, habe man inse­riert, was aber eine "Verrechnung" gewesen sei. Die Vorträge werden gehalten in Bern, Zürich, Biel und St. Gallen. Auf Inserate hin hätten sich nur "Halbversch[r]obene" gemeldet.[694] *
"Unser Orden will eine Plattform darstellen nach dem idealen Bild der univer­salen Bruderkette."[695] * "Das Ziel: die Bruderschaft der Menschen in einem Tem­pel, der die ganze Menschheit umfasst."[696] *
Und so macht sich Metzger auf, Bruderschaften zu suchen, die sich in seine Kette eingliedern lassen.

Metzger wird bei der Graf Keyserling Schule (1880-1946), bei der Gräfin Zoë Wassilko-Serecki vorstellig, interessiert sich für Joseph-Marie Hoëné/Wronski (1776-1853), der eine Sukzession zum Tempelritterorden konstruiert oder Jo­hann Baptist Kerning/Krebs (1774-1851), der Arnold Krumm-Heller beeinflusst hat.[697] * Bei den Adonisten, die sehr offen in "erotischen Fragen" sind, sei Metzger "während zwei Jahren, jede Woche einen Tag, geschult" worden, "in ei­ner Schnellbleiche" {6}.
Die Johannisfeiern[698] * werden 1950-52 in der Ritterhauskapelle Bubikon des evangelischen Johanniterordens abgehalten. Obwohl Metzger und seine Damen die Fernkurse des AMORC beziehen, werden AMORC und AAORRAC als "falsche Orden" ab­getan.[699] *
Am 10.1.1953 wird Metzger "Grosskreuzträger des Verdienstordens von Frankreich," den der "Ordre Universel des Chevaliers de l'Honneur et Compagnons du Mérite" "pour reconnaître les services rendus à l'humanité" er­teilt. Zusätzlich erhält er auch noch das Grosskreuz des Joachim-Ordens {11}.

Metzger hat sich schon im Dezember 1950[700] * für "den letzten Grossmeister der Templer" Lanz Liebenfels (1874-1954, den "Mann, der Hitler die Ideen gab,") interessiert,[701] * der den "Ordinis Novi Templi" (ONT) gegründet hat.[702] * In Liebenfels' Todesanzeige (gest. 22.4.54) vom Juni 54 spricht Metzger von "ungebeugtem Bekennertum und höchster Tugend... Alle, die ihn kannten, werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren."[703] * Kapitel aus Liebenfels' höchst antise­mitischem Werk "Theozoologie"[704] * weisen Ähnlichkeiten mit Crowleys Ideen auf.[705] * Rudolf J. Mund, einer von Liebenfels' Nachfolgern, besucht Stein[706] * (Mund wird selber von Dieter Heikaus, dem Grossmeister des Ordo Saturni, auf­gesucht).[707] * Metzgers Mitbewohnerin Anna Werder-Binder: "Es gibt ein Recht auf Leben... [und] zur Erhaltung der Rasse. Dies schrieb 1918 ein bekannter Erbhy­gieniker."[708] *

Franz Bardon (1.12.1909-10.7.1958)

"Metzger wurde auch, im Auftrage von Germer, in die Tschechoslowakei gesandt, um mit Bardon (AA) Kontakt aufzunehmen (1956), schmuggelte das erste Mano, welches Bauer, völlig überarbeitet, veröffentlichte."[709] * "Metzger zeigte uns sogar Photos, auf denen er mit Bardon zu sehen ist. Hemberger hat diese auch gesehen."[710] *
"Herr Metzger war bei B. hat aber von ihm nichts bekommen... B. war nicht beim AA... Frau Maria Pravica war bei dem Besuch... dabei."[711] *
"Nach meinem Wissen lag die Verantwortung dafür zu jener Zeit in den Händen von Frau Maria Pravica... Es ist mir bekannt, dass Herr Metzger behauptet, im Besitz des Originalmanuskripts von Der Weg zum wahren Adepten zu sein, aber ich glaube es nicht, da das Werk schliesslich vom H. Bauer Verlag aufgelegt wurde."[712] *
"I have no reference to Franz Bardon as a member of the A.A., and would rather doubt it; all I know was that in the early 1930 he wrote to A.C. for permission to translate Magick in Theory and Practice into Czech; considering that his English was so bad, A.C. thought his effort was comical."[713] *
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Im Juli 1958 kommt Br. "Ketoris der Ältere" vom Monte Verita di Roma (?) "als Minerval des Ordens" in seiner "Magia Illuminatorum Herausgegeben durch die Academia Masonica Illuminatorum" zur Überzeugung "Der wahre Orden hat keinen Namen: alle Orden sind nur Stufen." Schmückendes Beiwerk: Metzgers persönliches Siegel, das IO-Siegel (Pentagramm auf flammender Sonne mit Pi), das Magische Quadrat für die Zahl 666 und ein Gedicht an "To Mega Therion" mit dem solar-phallischen Briefkopf Aleister Crowleys.[714] *
Im Mai 1959 ergeht die "Anregung eine Zusammenarbeit initiieren [zu] können... Wir beabsichtigen nicht Mittelpunkt einer solchen Zusammenarbeit bleiben zu wollen, um diese Idee durch keine Bindungen an Oboedienzen oder Vorurteile zu verunmöglichen."[715] *
Am 20.3.1961 erscheint die erste Nummer der Metzgerschen Oriflamme, nachdem das EOL-Mitteilungsblatt im August 1960, zwei Monate nach Herbert Fritsches Tod {12, 15}, sang- und klanglos eingestellt wird.

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"Weltbund der Illuminaten, Illuminaten-Or­den, Ordo Templi Orientis, Gnostisch Katholische Kirche (Episkopat), Abbey Thelema, Hamburg - jetzt: Komturei Thelema, Stein/Appenzell, Schweiz."[716] * Die Fraternitas Rosicruciana Antiqua (FRA) taucht erst im Januar 1963 im Manifesto zu Metzgers OHO-Wahl auf.

In den Medien wirbt Metzger als "Veranstalter: die alten und modernen Theoso­phen, Pansophen, Illuminaten und Rosenkreuzer." Gemeint ist ein öffentlicher Vortrag am 10.1.64 mit dem Thema: "Das Denkvermögen." Als Mitarbeiter [sic] werden die Theosophin Annie Besant (1847-1933, 33°, 90°, 96°) und Metzgers "geistiger Vater," F.L. Pinkus, genannt.[717] *
 
"Wir [kennen] weder Diplome noch sonstige Papiere, noch festgelegte Mitglie­derbeiträge... es seien denn freiwillige Zuschüsse zum Unterhalt der Institu­tionen. Über diese besteht eine Buchhaltung, die nach den üblichen Normen funktioniert."[718] *

Ordo Militiae Crucis Templi

Marcel Claude, irregulärer Hierophant des schon an sich selbst irregulären Memphis-Misraïm-Ritus {siehe unten} schlägt Metzger als Mitglied für diesen deutschen Templerorden vor.[719] * So wird Metzger am Martinitag 1962 Mitglied des OMCT.[720] * Prominente Mitglieder finden das unverständlich und treten demonstra­tiv aus. So gibt der Baron E.B. Pflüger, Prior des schweizerischen OMCT-Zwei­ges, am 3.1.63 in seiner Austrittserklärung als Punkt 5.6. an, dass Metzger ohne seine Befragung zum Ritter geschlagen worden sei, dass Metzger von seiner Frau lebe, die mit Waschen und Flicken den Lebensunterhalt verdiene und in keiner eigenen Wohnung lebe.[721] *
1964 gibt Hans Heuer (1908-1975), Gründer des OMCT, sein Amt auf. Der Orden wird 1966 von Grund auf neu organisiert und Professritter werden nicht mehr anerkannt.[722] * Heuer gründet ein Jakob-de-Molay-Kollegium.
Beim Generalkapitel des OMCT am 18./19.6.1966 in Wiesbaden erscheint Metzger ohne Einladung und wird sofort von der Mitgliederliste gestrichen. Metzger wird ersucht, nicht mehr an den Treffen teilzunehmen, da der OMCT nur noch Mitglieder der Römisch Katholischen Kirche, anderen orthodoxen Kirchen oder Landeskirchen aufnimmt.[723] * Nichtsdestotrotz bezeichnet sich Metzger am 11.11.66 immer noch als "Professritter des OMCT" {11}.
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"Zum Wintersolistitium [1969] wurde das Licht aus dem Mutterhaus der Abtei Thelema, neu eingebracht in den Tempel im Burghof... Verschiedentlich wurden die Räume in speziellen Fällen zur Verfügung gestellt für Wochenendkurse, sei es für Naturärzte, Balletschüler und Musikstudenten."[724] *
 
18. Oktober 1970: "Die PG ist ein Gönnerverein um die Existenz des Ordo Illu­minatorum, Weltbund der Illuminaten mit den Gradstufen OTO, FRA, GKK zu si­chern... Die Gesetze des IO und die Statuten der PG entsprechen dem Zivilge­setzbuch und Obligationenrecht der Schweiz. Durch unterschiedliche Statuten und Vereinsführungen stellen sie zwei selbständige Körperschaften dar. Die Funktion der Arbeitsgruppen wird in verschiedenen Fällen durch Personalunion erleichtert."[725] * Dies im Hinblick auf die Gerichtsprozesse mit Englert {11}.
Mit vollem Recht wird behauptet: "Wir sind wohl die Realisation einer Abtei Thelema, die am längsten gedauert hat und existiert."[726] *
 
Seminarsprecher des "Kurs- und Ferienzentrums Thelema," "Freie Geistes- und Lebensschule" sind 1977: Metzger, Äschbach, Manfred Örterer, Adalbert Schmid, Robert Kehl, Franz Matouschek, Werner Stephan und Adrian Monk aus England. Zwischen 1975 und 1978 werden noch von folgenden Personen Seminare gehalten: Peter Oswald, A. Bühler, Elimario Sommer, Paul Heynisch, Alfred A. Droz {siehe "Memphis-Misraïm im Appenzell?"}, Ernst Meier, Walter Biland, Kurt Hochreute­ner und Metzgers Sohn, Simon.
Fürs profane Volk wird als "Luftkurort - die Perle des Appenzellerlandes" ge­worben.

"Vor einigen Jahren versuchte Metzger einen (freisinnigen) katholischen Erzbi­schof [Padre J. Archimandrita] für seine(n) Orden einzuspannen. Umwarb ihn mit allen Mitteln - erfolglos."[727] * Herr Archimandrita hat dazu nur ausweichende Auskunft gegeben.

Kopenhagen

"In Kopenhagen traf ich Per Pelle Jorgensen, wo er im Viertel Christiania als eine Art alternativer Therapeut arbeitete. Er hatte Crowley studiert und behauptete, eine OTO-Loge in Kopenhagen zu führen, ich glaube, von Metzgers OTO. Er behauptete, eines der Mitglieder sei eine alte Lady im Rollstuhl noch aus Kadoshs Tagen {4}. Pelle erzählte mir, er hätte Metzger besucht und im Gasthof Rose übernachtet. Er beschrieb einige der Räume, die für jeden Pla­neten mit entsprechenden Farben etc. zur Ausübung von Planetenmagie eingerich­tet seien.
Jahre später erhielt ich von einem Bekannten von Pelle weitere Informatio­nen:
Da Pelle keine Johannisgrade innehatte, wurde er von Paragranus' OTO nicht akzeptiert. Trotzdem unterhielt Pelle mit einem Ägyptologen namens Anker Pe­dersen einen Dänischen OTO in den 70er Jahren. Da Motta zu der Zeit be­hauptete, der OHO zu sein, wollten sie unter ihm arbeiten. Ihr Tempel besass folgende Paraphernalien: ein Erinnerungsschwert, die Flaggen von Osten und We­sten à la Golden Dawn, und zwei (unbemalte) Säulen. Sie nannten sich selber Thelema-Loge und initiierten Kandidaten in die Grade 0=0 bis 4=7 des Golden Dawn. Die Rituale waren bearbeitet und gekürzt, so dass sie von vier Offizie­ren durchgeführt werden konnten. Diese Operation dauerte etwa ein Jahr. Al­les in allem waren etwa 15 Leute mit dieser Loge verbunden. Nur ein Mitglied blieb lange genug, um alle Grade zu erlangen...
Die Loge traf sich monatlich, ihre Eröffnungszeremonie bestand aus einer Mond-Meditation, wie sie Metzger in seiner Oriflamme regelmässig veröffent­licht hat.... Nachdem die Loge geschlossen war, startete die Gruppe The Ar­chives for Psychic Investigation und publizierte ein Magazin, von dem aber nur eine Nummer erschienen ist."[728] *

Memphis-Misraïm im Appenzell?

Alfred Andreas Droz (geb. 6.11.1906) wird 1955 "rechtmässiger Minerval" des "Illuminaten-Ordens Helvetiens" in der "Grossloge zum Flammenden Stern." Metz­ger gibt ihm zum Geleit den Spruch II,3 aus Crowleys Liber AL. Im selben Jahr wird Droz/Alanus Gross-Magus in Wien und am 31.12.1955 "Deputierter Meister des Collegium Psychosophicum," Charta-Nummer 151. 1956 folgt der Magus-Grad Helvetiens, doch Anfang 1957 will sich Droz von Metzger lösen, weil ihn angeb­lich die Gleichberechtigung der Frauen im Illuminaten-Orden störe. Zusammen mit fünf weiteren Illuminaten/OTO-Mitgliedern aus Stein sucht er vergeblich Anschluss an die französische Misraïm-Gruppe (vom Belgier Jean Mallinger aus dem AMORC geführt).[729] * Später wird Droz' Gruppe als Blaue Loge von der schwei­zer Grossloge Alpina regularisiert und hält ihre Arbeiten im Tempel an der Roswiesenstrasse in Zürich ab. Droz bezieht bis 1962 Metzgers Oriflamme und hält in Stein Vorträge bis 1978. Er stirbt 1983.

Marcel Claude wirbt 1958 in Metzgers Publikationen mit einer Einladung nach Brüssel zum Konvent aller ägyptischen Riten der Maurerei, d.h. des Memphis-Misraïm-Ritus.[730] * Claude hat einen irregulären C.B.C.S.[731] * inne und lässt sich an diesem Kongress als einziger Kandidat zum Grand Hierophant des MM wählen. 1962 muss er von seinem Amt zurücktreten, unfähig, seine Legitimität beweisen zu können.[732] *
Audehm {11} trifft Monsieur Claude 1964 in Stein: "Bis Sonntagabend konnten wir ihn genügsam bewundern. Lustiger Knabe von ca. 60; gute Statur; rü­stig; grauhaarig; grösserer Oberlippenbart und das fliehende Kinn verdeckender Spitzbart. Trat im Templerhabit auf (weisser Umhang, achtzackiges rotes Templerkreuz). Sahen ihn nur beim mehr geselligen Teil. Begegneten sich beide [Metzger und Claude] wie Altvertraute und mit Hochachtung. Uns [Audehm und Englert] gegenüber war der Claude sehr leutselig und spassig."[733] * Pierre Pas­leau publiziert ein Foto von Claude.[734] *

Des Todes würdig

Unter diesem Titel berichtet der STERN vom Oktober 1988 von einer Memphis-Mis­raïm Gruppe Hamburgs, deren Leiter, angeblich Grossmeister für das Deutsche Reich, Lothar-Arno Wilke (mit 50 Logen und insgesamt 2000 Mitgliedern), veran­lasst habe, dass das ausgetretene Mitglied Hans Senkel überfallen, bedroht und festgebunden worden sei. Rituale sowie Urkunden dieser MM-Gruppe seien von Wilke gefälscht, schreibt STERN, was auch von Jean Mallingers MM-Erbe für Deutschland, Martin Erler, bestätigt wird.
Markus Kumer (aus Metzgers innerem Kreis) berichtet, dass Frau Christiane Schwarzweller aus Wilkes MM-Gruppe regelmässig Gast bei Metzgers Tempelarbei­ten ist.[735] * Wilke bezieht angeblich Sukzessionen von Georges Delaire und Fran­çois Bruyninckx, ebenfalls in der Nachfolge Jean Mallingers. Die Gruppe ist beim Amtsgericht unter E.R.M Brandt eingetragen und publiziert als "Gross-Her­renmeister des Ordens der Internationalen Co-Freimaurerei Memphis-Misraim" eine Verteidigungsschrift gegen Howe/Möllers verwirrende "Biographie" von Reuss. Gezeichnet ist diese Schrift von Elizabeth Gould, Christiane-Marie Schwarzweller und Lothar-Arno Wilke.[736] *
In der Tat bezieht Wilke sein System und die Rituale aus den veröffentlichten Rudolf Steiner-Ritualen, die, ähnlich wie Metzgers ältere "OTO Orient Thuri­censium-Rituale" nur den "Misraim-Dienst" erwähnen {4}. Der bedrohte Senkel versendet vom Frühjahr 1987 bis Frühjahr 1988 mehrere Schreiben an die regulä­ren Freimaurerlogen Deutschlands, um den Sachverhalt zu klären. Aus diesen Schreiben ist ersichtlich, dass in Europa eine Menge konkurrierender Memphis-Misraïm-Logen existieren. Senkel erleuchtet in diesen Schreiben die Hinter­gründe von Wilkes Orden, nennt unzählige Beteiligte und meint, dass Wilkes Gruppe keine Tradition habe.
Ob dieser Hamburger MM-Zweig identisch mit dem OTO-Zweig Hamburgs von 1973 ist, der auf Horst Knaut in QUICK und in "Mensch und Mass" {6} reagiert hat, bleibt unklar. Ein Hamburger OTO soll in den 1960er Jahren Kontakte mit Grant in London gepflegt haben.[737] *

THELEMA IM APPENZELL!

Das sporadisch ab 1948 erscheinende "Mitteilungsblatt des psychosophischen In­stitutes" weist, abgesehen von einem kleinen Crowley-Zitat, keine thelemiti­schen Referenzen auf. Crowleys Thelema wird von der Schweiz aus erstmalig publik mit dem Ketzerbrevier 1 vom März 1953. Der OTO selber wird von Metzger öffentlich erstmalig im Ketzerbrevier 3 vom 21. Juni 1955 und im Äquinox II vom März 1955 erwähnt.
Ab Oriflamme 23 vom Januar 1963, dem Monat, wo sich Metzger zum OHO ausruft, wird der OTO an zweiter Stelle in der Aufzählung der der Psychosophischen Ge­sellschaft zugehörigen Körperschaften aufgelistet. Von jetzt an tritt die PG hauptsächlich als "Ordo Illuminatorum" auf {11}.
Die Oriflamme gibt sich ab Nummer 110 vom Juni 1971 als "Amtlicher Ordensan­zeiger für alle Provinzen deutscher Zunge" aus.

Metzger, in dessen "Herzen und Wirken Theodor Reuss unbeirrbar weiterlebt,"[738] * "erwirbt sich Verdienste" mit der Herausgabe der Schriften Aleister Crowleys, zumal er es in einer Zeit tut, als Crowley noch kein Renner ist.[739] * Heutzutage gehört es ja zum chicen Zeitgeist, Crowley als Satanist zu zelebrieren, wie die Zürcher "Satanswoche" vom Februar/März 1994 gezeigt hat {Schluss von 9}.

Bis zu Karl Germers Tod 1962 scheint in Metzgers Lager eine eher positive Be­urteilung Crowleys die Publikationen zu bestimmen, was im Zusammenhang mit Metzgers Ambitionen auf das OHO-Amt gesehen werden kann.[740] *
Crowley ist "die bedeutendste Figur in der modernen Literaturgeschichte."[741] *
"Er hat unvorstellbare, hervorragende Qualitäten - ist aber auf groteske Art unfähig, seine soziale und ökonomische Position zu sichern."[742] *
"Wer ein so schönes Wort [jeder Mensch ist ein Stern] prägen kann, der muss von hohen Idealen, wahrem Ethos und echter Menschenliebe durchdrungen sein. Es muss sich um einen edlen und vornehmen Charakter handeln."[743] *
"Unser Vorbild, Meister Therion, das heisst Meister des Tieres."[744] *
"Der Tod wird eine Wissenschaft, der Beruf das tägliche Opfer, Liebe wird zur Technik, wird reguliert und steht unter wissendem Willen."[745] *
"Nach dem Gesetz des neuen Zeitalters, "Tu was du willst soll sein das ganze Gesetz"; lösen sich die Konflikte familiärer, sozialer und finanzieller Gründe von selbst."[746] *
"Thelema ist eine eminent praktische Lehre. Sie vereinfacht das Leben des Men­schen, da sie alles - bisher für unentbehrlich gehaltene, überflüssige Bei­werk rücksichtlos abstreift. Thelema ist aber auch eine sehr schöne Lehre, da sie radikal mit all den Hemmnissen und Widerständen Schluss macht."[747] * Aus ei­ner Rede anlässlich der Aufführung von Aleister Crowleys Mysterienspiel "Das Herz des Meisters." Uraufgeführt am 21.3.54 im Theater am Neumarkt in Zürich, "unter dem Patronat der Genossenschaft Psychosophia... zum 100. Equinox im 50. Jahre thelemischer Arbeit."[748] * Keiner der interviewten Theaterleute und -be­sitzer kann sich an diese Aufführung oder ein gedrucktes Programm erinnern. Das Lokal gehört 1954 einer Zürcher Zunft, die es privat für eine einmalige Aufführung vermietet hat.

Der Morgen in Stein wird eröffnet mit "Tu, was du willst soll sein das ganze Gesetz" - die letzten Worte abends lauten: "Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen." Die Worte werden via Lautsprecher in den Garten übertragen.[749] *
"Am Silvesterabend um 23 Uhr begaben wir uns in den Tempel, um dort nach kur­zer Zeit unsere Fackeln am Feuer, das seit der Sonnenwende brannte, zu entzün­den und liefen unter den Klängen der Trommeln und Pfeifen dreimal um den Gar­ten, bezogen zuletzt um den Haufen abgetackelter Christbäume Stellung und war­fen die brennenden Fackeln hinein. Nun begannen im Dorf die Glocken zu läuten. Einige liessen es sich nicht nehmen, über das Feuer zu springen, wo bald das Neujahrsmahl serviert werden konnte."[750] *
Laut Aussagen zweier unmittelbarer Anwohner haben solche nächtliche Feiern bis in die 1970er Jahre hinein stattgefunden. Als sich das Gut durch Landkauf ver­grössert, wird eine Parade durch den ganzen Garten gehalten. Die Musik via Lautsprecher sei schwerfällig gewesen. Geschätzte Teilnehmer: höchstens 20. Nachher sei die ganze "Gesellschaft" in den Gasthof Rose.[751] *
Genauere Auskunft über die Johannisfeste (24. Juni und 27. Dezember), die 1950-52 in der Ritterhauskapelle Bubikon des Johanniter-Ordens abgehalten wor­den sind, ist kaum zu erhalten. Man "erinnerte sich nur noch ganz schwach an die Ritual-Feier" und ist eigentlich "nicht gesonnen," Fragen zu beantworten. "Es scheint uns denkbar, dass sich Leute heute nur ungern daran erinnern."[752] *
 
"Tischritual mit Kindern: Vor dem Essen;
Das Jüngste beginnt: Tu was du willst soll sein das ganze Gesetz.
Alle: Es ist unser Wille zu essen und zu trinken, den Leib zu kräftigen, um fähig zu sein, in Weisheit, Stärke und Schönheit das Gesetz Gottes zu er­füllen.
Das Älteste: So sei es.
Nach dem Essen: Das Jüngste: Wir danken dem Allmächtigen Baumeister Aller Welten für Speis und Trank.
Alle: Man muss wissen um zu wagen, wagen um zu wollen, wollen um das Reich zu erhalten, und um zu herrschen, muss man schweigen."
Das Älteste: Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen."[753] *
 
Zu den Templersymbolen: "Es ist müssig daran zu erinnern, dass all diese Sym­bole, wie die Templer, je und je verleumdet wurden, gleich wie das Bespucken und Treten auf das Kreuz missverstanden wurde. Das Kreuz, das Zeichen des Lichts (das lichte Kreuz), ist älter als das Kirchenchristentum. Jedoch das Kreuz, auf das man tritt, ist der Schatten des Zeichens des Lichts (das schwarze Kreuz, das Zeichen der Materie.)"[754] *
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Nach dem Tod Germers vermischt Metzger OTO, FRA, GKK {15} und IO {11} und ver­ändert die Haltung Crowley gegenüber: "Wir sind keine Crowleyaner."[755] *
"Nicht die Werke des Crowley sind an sich verderblich, sondern ihre populär-pamphletartige Veröffentlichung durch die Boulevard-Presse ist das Verhäng­nis."[756] *
Annemarie Äschbach hält viele Schriften Crowleys als von "missratenen Schü­lern" gefälscht. Ausserdem sei die zweite Auflage von John Symonds (geb. 1914) Biographie über Crowley[757] * gar nicht mehr von Symonds geschrieben. Genausowe­nig seien die Bücher von Kenneth Grant (geb. 1924) von Grant verfasst: beide seien dazu viel zu alt.[758] * Fotos von Grant sind in seinem Buch "Remembering Aleister Crowley" zu sehen. Ein Foto von Symonds in dessen "King of the Shadow Realm." Mit beiden kann man rel. einfach korrespondieren.

Der Schwerpunkt der Lehren verlegt sich von Thelema auf die Adam Weishauptsche Selbstkenntnis. Diese Lehrbriefe werden ab September 1968 in der Oriflamme Nr. 86 veröffentlicht. Begründet wird diese Renovation ganz einfach: "Der Orden interpretiert die historischen Grundlagen nach Massgabe der Situationen für die Gegenwart. Um die Jahrhundertwende trat im IO eine Spaltung ein, ein Teil davon nannte sich OTO. Beide Äste sind nun wieder vereinigt"[759] * {11}.
"Metzgers Lehrbriefe, selten so einen Stuss gelesen, der unter dem Etikett Thelema im weitesten Sinne verbraten wurde... All das Zeugs von Leiden, dieser moralinsaure Unterton wenn's z.B. um Genuss geht, diese rührenden Diagramme, diese ei tucke tucke tei Mentalität. Thelema quo vadis?"[760] * "Inhaltlich völlig unbrauchbar! Reine Philosophie!"[761] *

Quibus Licet

Adam Weishaupt 1781: "Ende jeden Monat giebt der Untergebene an seinen Oberen ein verschlossenes Blatt oder auch mehrere mit der Aufschrift Quibuslicet, oder soli, in solchen zeigt er an:
1. wie ihm sein Oberer begegne, ob er fleissig oder nachlässig, hart, oder ge­lind mit ihm verfahre?
2. was er gegen die Gesellschaft für Beschwerden habe?
3. was ihm der Obere dieses Monats hindurch für Befehle kund gemacht? - was er an den Orden bezahlt hat?"[762] *
 
Weishaupt 1787: "jedes Vierteljahr... in welchem er frey und ohne Scheu nam­haft macht, wie er mit dem Betragen seiner Obern zufrieden sey; ob etwas bin­nen dieser Zeit ihm widrige Begriffe von dem Orden beygebracht, seinen Eifer und Anhänglichkeit herabgestimmt habe; ob und warum er sich in seinen Erwar­tungen betrogen finde."[763] *
 
Das Illuminaten-Quibus Licet wird nun unter Metzger zum magischen Tagebuch, das folgende Punkte enthalten soll: Personenbeschreibungen, erhabene Gedanken und Kernsprüche, gesammelte Charaktere, Personifikationen [?], Resümees und Beantwortungen von Fragen, die der "Orden" stellt.[764] * Ausser einem curriculum vitae wird das Studium des Ordensnamens verlangt, die Wahl eines Spezialgebie­tes und das Studium der Geschichte der Mysterieneinrichtungen: "Es zeigt sich daraus und zwar für den Schüler selbst, wie weit er sein Erleben als eine Be­schäftigung Gottes mit seiner Seele zu betrachten fähig ist. Es besteht die Möglichkeit, im Quibus Licet besondere Fragen an den Provinzialen oder O.H.O. (äusseres Haupt des Ordens) einzuschliessen, was unter besonderem Verschluss beigefügt und im ersten Fall mit primo und im zweiten mit soli gekenn­zeichnet wird."[765] *
 
Es ist unüblich, in den anderen OTO-Zweigen von den Ordensmitgliedern die Ab­gabe ihres Tagebuches zu verlangen. Allein Crowley hat regelmässig Einsicht genommen und so Kontr