
Ein trüber Septembersonntag. Um 6Uhr klingelte erbarmungslos und viel zu laut der Wecker. Sonntag und so früh aufstehen? Nicht einen Bruchteil einer Sekunde denke ich daran liegen zu bleiben. Seit vielen Jahren habe ich den Wunsch heute dazuzugehören. Wenige Minuten nach acht Uhr am Morgen radeln Sabine und ich durch Berlin. Die Stadt schläft noch, kaum ein Auto kreuzt unseren Weg, das Fahren durch die große Stadt ist dadurch erfreulich umkompliziert. Mein Respekt vor dem großstädtischen Straßenverkehr ist dadurch besänftigt. Nach wenigen hundert Metern fällt auf, so alleine sind wir gar nicht. Viele, die uns begegnen sind in Sportkleidung unterwegs und haben ein Ziel, das Charlottenburger Tor. Alles wirkt etwas konspirativ, da auch diese vielen Leute die schlafende Stadt noch nicht vollkommen aufwecken können. Es werden immer mehr, Tausende sind unterwegs, allein, in Gruppen, mit erkennbarer oder verborgener Nationalität, fünfundachtzig sollen es sein. Auffällig, fast jeder trägt einen blauen Sportbeutel über der Schulter. ![]() Wer hier dabei ist, hat lange dafür gearbeitet, sich monatelang freiwillig gequält und geschunden. Heute ist Berlin-Marathon. 44141 Läuferinnen und Läufer, Rollstuhlfahrer, Skater und Walker eint ein Ziel, sie wollen 42,195 Kilometer absolvieren, so schnell wie möglich oder vielleicht einfach nur ankommen. Wir dürfen ein klein wenig dazugehören. Peter braucht uns zum Überreichen der Trinkflaschen, Anfeuern, Daumendrücken, Mitfiebern und Fotografieren. Ein langjähriger Wunsch erfüllt sich für mich, Marathon erleben, erfahren, inhalieren, dazugehören. Peters Vorbereitungen waren professionell. Er will sich heute zum zwanzigsten Mal über diese endlosen vielen Kilometer quälen. Gemeinsam planten wir, wo wir ihm das rettende Getränk überreichen sollen. Er hat, wie viele andere Sportler auch, seine Spezialmischung, energiereich, durstlöschend und geeignet, während des Laufes zu verzehren. Generalstabsmäßig und minutiös wird festgelegt, wann wir Peter an der Strecke treffen. An
unserem ersten Stellplatz Unter den Linden war dann endlich auch die
Stadt erwacht. Volksfest um uns herum und ich mittendrin. Jetzt erlebe
ich, was es heißt von der Menge getragen zu werden. Selbst als
Zuschauer habe ich das Gefühl, mir wachsen Flügel. Hier wurde
fürs Erste demonstriert, warum Skater zuerst starten müssen.
Ihr Tempo ist wahrlich atemberaubend. Aber hier zeigt sich auch, mit
welch unterschiedlichen sportlichen Voraussetzungen die Teilnehmer
starten. Allen vorweg die Profis, welche mehr als Kondensstreifen
unseren Jubelpunkt passieren. Das Feld auf Rollen streckt sich und es
sind eben auch viele Teilnehmer, deren Anblick mich beruhigt. Sie sehen
wie Normalbürger aus, sowohl in ihrer Technik aber auch in Tempo
und Kleiderordnung. Ähnliches stelle ich dann auch bei den
Läufern fest. Diese Erkenntnis beruhigt mich, steigert
gleichzeitig meinen Respekt vor dem Mut und der sportlichen Leistung.Am Potsdamer Platz sorgt eine Gruppe afrikanischer Trommler dafür, dass der Wind uns nicht erfrieren lässt und meine innere Spannung noch steigt. Der Ort ist gut gewählt. Die hier neu erbauten Gebäude wirken so nüchtern-unpersönlich, die Musik belebt diesen sterilen Retortenstadtteil. Leichtfüßig passiert Peter hier den dreizehnten Kilometer. Die Drängelei der ersten Kilometer ist vorbei, er kann sein Tempo selbst bestimmen. Später berichtete er mir, auch im ersten Teil gab es kein Gedränge. Die Einteilung in Startblöcke entsprechend der Leistungsfähigkeit der Läufer entkrampft und verhindert Stau und Blockaden. Der Weg zum nächsten Punkt ist fahrradfreundlich, der Autoverkehr wurde weiträumig ausgeschlossen. Oh Schreck, meine Pedale. Nur mit Mühe kann ich verhindern hinzufallen. Die Pedale liegt einige Meter hinter mir auf der Straße. Was nun? Werkzeug haben wir natürlich nicht dabei. Meine provisorische Reparatur hält nur wenige Meter. Hilfreich ist die Solidarität der Radfahrer untereinander. Man versucht mir zu helfen mit ungeeignetem Werkzeug und mit Schieben während der Fahrt.Die Hoffnung, in einer nahegelegenen Tankstelle Hilfe zu finden erweist sich als irrig. Sabine fährt voraus, eine Flasche muss noch übergeben werden. Mit hängenden Ohren kommt sie zurück und mit deftigen Worten verschafft sie ihrem Herzen Luft, weil sie zu spät kam. Davon wächst die Pedale nicht an, wir schieben gemeinsam Richtung Ziel. Hier ist der Fußgänger- und Radfahrerverkehr so dicht, mit nebeneinander fahren und schieben würden wir uns nur Ärger einhandeln. Es sind einige Kilometer zu Fuß zusammengekommen. Ich bin froh, als wir die Räder an eine Laterne schließen. Am Ziel stehen die Zuschauer dichtgedrängt nicht in Reihen, mehr wie eine Mauer. ![]() Aber Frank hat in der ersten Reihe einen Platz erobert, auf dem er seit dem Wechsel vom Start ausharrt. Wir finden erst an der Gedächtniskirche solch einen begehrten Platz, gerade als die Siegerin der Frauen in neuer Jahresweltbestzeit die Ziellinie passiert. Uns gegenüber wird ein Transparent ausgerollt “Ihr riecht wie Sieger”. Volksfeststimmung. Aber nicht in Jahrmarktsmanier, sondern offensichtlicher Respekt vor sportlicher Leistung. Der Beifall ist ehrlich und natürlich. Die Läufer und noch mehr bewundert, die Läuferinnen wirken auch hier, wenige hundert Meter vor dem Ziel leichtfüßig. Sie werden von uns getragen und von natürlichem Doping, ihren eigenen Glückshormonen. Es sind aber noch nicht einmal drei Stunden vergangen. Sabine erblickt Peter lange vor mir. Tatsächlich hält er seinen Zeitplan ein. Nicht nur die unendliche Strecke von mehr als 42 Kilometer läuft er, er läuft sie auch in einer sagenhaften Zeit von zwei Stunden und fünfzig Minuten. Für jeden dieser vielen langen Kilometer brauchte er nur vier Minuten. Voller Ehrfurcht und Bewunderung nehme ich es zur Kenntnis. Den Heimweg absolviere ich humpelnd, im Gegensatz zu ihm. Die Frage, ob ihm denn nicht wenigstens etwas die Beine wehtun kann ich mir jetzt nicht verkneifen. Immerhin er bejaht. Sportfreund Petrus lässt es erst regnen, als wir im Quartier ankommen. Erwähnen sollte ich wohl noch den Letzten. Er brauchte 6 Stunden und eine Minute. Aber auch er passierte den Zielstreifen, Hut ab! Am nächsten Tag berichten die Zeitungen ausführlich von den Erfolgen der Teilnehmer. Mit einem Zieleinlauf als 449. wird auch Peters Leistung aktenkundig gewürdigt. Organisatorisch gab es viel zu tun: 4350 Helfer, 325 Ärzte und Sanitäter, 360 Masseure 850 Polizisten, 15 Feuerwehr-Rettungswagen 65 Musikgruppen entlang der gesamten Strecke Wer vorher aufgab, wurde mit der BVG kostenlos zum Ziel gefahren. Zudem ist der Besenwagen unterwegs, der kranke oder erschöpfte Läufer einsammelte. 110 000 Bananen, 28 000 Äpfel und 650 000 Trinkbecher wurden entlang der Strecke und am Ziel bereitgestellt. 80 LKW wurden als Umkleidekabine umfunktioniert. Das THW hat 100 Duschen aufgestellt, auch warmes Wasser lief aus der Brause. Der Sieger des Berlin-Marathon erhielt eine Prämie von 50 000DM, mit neuem Weltrekord sogar 210 000DM. Der Streckenrekord der Männer liegt bei 2:06h, bei den Frauen seit dem 30.September bei unter 2:20h. Der schnellste Skater braucht nur 1:01h. Jeder Teilnehmer, der das Ziel erreichte, erhielt eine Urkunde und eine Medaille, Frauen auch noch eine Sonnenblume. Der Berlin-Marathon bescherte der Stadt ca. 100 000 Touristen und einen zusätzlichen Kaufkraftschub von 90 bis 100 Millionen Mark. Auf der gesamten Strecke galt absolutes Halteverbot. Die Kosten für das Abschleppen waren mit 298,-DM lohnend. Meine Trophäe: Eine blaue Teilnehmertüte mit der Startnummer 8078. Sie trug Andrew Strickland aus Großbritannien. Mit einer Zeit von 3:09:24 wurde er 2013. In seiner Altersklasse M35, genau wie Peter, belegte er den 512. Platz Barbara N.Ermisch Oktober 2001 |