Aus Berliner Morgenpost  28. September 2002

Zu schnell, um wahr zu sein


Beim Marathon vor einem Jahr wurden 74 Teilnehmer disqualifiziert, weil sie die offizielle Zeitmessung austricksen wollten

Von Torsten Wendlandt
Seit dem Frühjahr hat es Peter Nußeck amtlich. Die offizielle Urkunde, die den Schweizer Lauffreund aus Oberentfelden damals erreichte, weist ihn mit einer Zeit um 2:50 Stunden als 443. des Berlin-Marathons 2001 aus. Eine saubere Leistung. Morgen nun will Nußeck mit Startnummer 15 077 erneut Ähnliches erreichen, mit rund 2:48 Stunden steht er in der Meldeliste zu Buche. «Ich hoffe aber», sagt er, «dass es diesmal sauberer abgeht als vergangenes Jahr.» Damit meint der 39-Jährige allerdings nicht sich selbst.
Rückblick: Noch im Ziel an jenem 30. September 2001 spuckte der Drucker Nußecks Namen auf einem provisorischen Dokument an 447. Stelle aus. Dafür gibt es eine simple Erklärung: Vier Freizeitläufer vor Nußeck zählten ehedem zu den 74 Disqualifizierten unter den rund 37 000 Startern - macht eine Quote von 0,2 Prozent und für Nußeck eine ungeahnte Steigerung in Nullkommanix.
So mir nichts dir nichts hat sich 2001 auch der schließlich ertappte Sportfreund Peter P. gesteigert. Nur auf andere Art. Er lief vor Nußeck nach 2:49 Stunden durchs Ziel - 2000 hat P. für die Berliner 42,195 Kilometer noch 3:27 gebraucht, bei einem anderen Marathon im selben Jahr gar 3:53. Nicht übel. In diesem Jahr ist P. wieder mit einer Zeit um dreieinhalb Stunden gemeldet - man darf gespannt sein, ob er sich auf den Berliner Straßen erneut um eine dreiviertel Stunde steigert.
Ein Meister der Trainingsschinderei scheint auch der 2001 disqualifizierte Volker R. zu sein. 2:42 Stunden stoppte man im Vorjahr bei dem flotten Renner, im Jahr 2000 war er noch schlappe 3:37 unterwegs. «Hängt seine provisorische Urkunde gerahmt im Wohnzimmer?», fragt sich Nußeck besorgt. Für das Rennen in diesem Jahr hat R. vorsichtshalber erst gar keine Meldezeit angegeben.
Ein wahrer Künstler der Zurückhaltung ist Ralf Ö. Er ist Mitglied einer fränkischen Laufgemeinschaft - und manchmal läuft es wirklich überraschend gut. Bei 10-km-Läufen drosselt er für gewöhnlich seine Power schon mal auf 36 Minuten, bei Halbmarathons auf lächerliche 1:20 Stunden. Aber vermutlich gerade deshalb konnte Ö. beim Berlin-Marathon 2001 explodieren und kurz nach Frauen-Siegerin Naoko Takahashi (echte, wahre und wirkliche 2:19:46 Stunden) durchs Ziel auf dem Kudamm sprinten. Leider waren die Zielkameras noch auf die Japanerin gerichtet, sonst hätten alle O.s größte Stunde miterleben dürfen. «Hat er den Boden geküsst? Egal, es bleibt Betrug», meint Nußeck. Immerhin gehen die Schummler wesentlich gesündere Wege als Doping, um das laufende Ego ein wenig aufzupolieren: mit dem Fahrrad oder der U-Bahn beispielsweise. Früher war natürlich auch beim Selbstbetrug alles besser. «Da mussten wir sogar», sagt Lutz Derkow, Chef des Marathon-Organisationsbüros, «die bevorzugten U-Bahn-Eingänge mit Videokameras überwachen».
Mit der Einführung des Champion-Chips an den Läuferschuhen werden seit 1996 die Zwischenresultate alle fünf Kilometer registriert. «Fehlen am Ende mehr als vier Zwischenzeiten oder rennt jemand die zweite Hälfte des Marathons mindestens 15 Minuten schneller als die erste, besteht Betrugsverdacht», sagt Derkow. Ein Laufberatungsteam entscheidet dann über die Disqualifikation.
Eine beliebte Variante ist neuerdings die Unschuldsnummer. Sportfreunde, die von Krämpfen oder Schwäche geplagt das Rennen zwischendurch aufgeben und deswegen Häme zu befürchten haben oder nicht mehr in den Spiegel sehen mögen, erklären schulterzuckend, dass sie nur an ihre Klamotten hinterm Ziel kämen, wenn sie die Schlussmessung durchschreiten würden. «Das ist Blödsinn», meint Derkow, «die wissen genau, dass sie außenrum zu gehen haben».
Außenrum? Für den professionellen Abkürzer ein Fremdwort. Auch ersatzweises Fahrradfahren steht nicht mehr unbedingt auf der Hitliste, schließlich will man den neugierigen Blicken der Kameraden entgehen.
Dann lieber doch die gute, alte U-Bahn. Angesichts der auf fünf Kilometer eingeschränkten Freistrecke eine echte logistische Herausforderung für den laufenden Trickser. Wann genau kommt die Bahn? Ist auch kein Schienenersatzverkehr? Wer das Problem allerdings erst einmal gelöst hat, auf den wartet eine schöne Belohnung. Beim Schwarzfahren für eine oder zwei Stationen wird man selten erwischt.

Aus Berliner Morgenpost  28. September 2002

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