Beim Marathon vor einem Jahr wurden 74 Teilnehmer disqualifiziert,
weil sie die offizielle Zeitmessung austricksen wollten
Von Torsten Wendlandt
Seit dem Frühjahr hat es Peter Nußeck amtlich. Die
offizielle Urkunde, die den Schweizer Lauffreund aus Oberentfelden
damals erreichte, weist ihn mit einer Zeit um 2:50 Stunden als 443. des
Berlin-Marathons 2001 aus. Eine saubere Leistung. Morgen nun will
Nußeck mit Startnummer 15 077 erneut Ähnliches erreichen,
mit rund 2:48 Stunden steht er in der Meldeliste zu Buche. «Ich
hoffe aber», sagt er, «dass es diesmal sauberer abgeht als
vergangenes Jahr.» Damit meint der 39-Jährige allerdings
nicht sich selbst.
Rückblick: Noch im Ziel an jenem 30. September 2001 spuckte der
Drucker Nußecks Namen auf einem provisorischen Dokument an 447.
Stelle aus. Dafür gibt es eine simple Erklärung: Vier
Freizeitläufer vor Nußeck zählten ehedem zu den 74
Disqualifizierten unter den rund 37 000 Startern - macht eine Quote von
0,2 Prozent und für Nußeck eine ungeahnte Steigerung in
Nullkommanix.
So mir nichts dir nichts hat sich 2001 auch der schließlich
ertappte Sportfreund Peter P. gesteigert. Nur auf andere Art. Er lief
vor Nußeck nach 2:49 Stunden durchs Ziel - 2000 hat P. für
die Berliner 42,195 Kilometer noch 3:27 gebraucht, bei einem anderen
Marathon im selben Jahr gar 3:53. Nicht übel. In diesem Jahr ist
P. wieder mit einer Zeit um dreieinhalb Stunden gemeldet - man darf
gespannt sein, ob er sich auf den Berliner Straßen erneut um eine
dreiviertel Stunde steigert.
Ein Meister der Trainingsschinderei scheint auch der 2001
disqualifizierte Volker R. zu sein. 2:42 Stunden stoppte man im Vorjahr
bei dem flotten Renner, im Jahr 2000 war er noch schlappe 3:37
unterwegs. «Hängt seine provisorische Urkunde gerahmt im
Wohnzimmer?», fragt sich Nußeck besorgt. Für das
Rennen in diesem Jahr hat R. vorsichtshalber erst gar keine Meldezeit
angegeben.
Ein wahrer Künstler der Zurückhaltung ist Ralf Ö. Er ist
Mitglied einer fränkischen Laufgemeinschaft - und manchmal
läuft es wirklich überraschend gut. Bei 10-km-Läufen
drosselt er für gewöhnlich seine Power schon mal auf 36
Minuten, bei Halbmarathons auf lächerliche 1:20 Stunden. Aber
vermutlich gerade deshalb konnte Ö. beim Berlin-Marathon 2001
explodieren und kurz nach Frauen-Siegerin Naoko Takahashi (echte, wahre
und wirkliche 2:19:46 Stunden) durchs Ziel auf dem Kudamm sprinten.
Leider waren die Zielkameras noch auf die Japanerin gerichtet, sonst
hätten alle O.s größte Stunde miterleben dürfen.
«Hat er den Boden geküsst? Egal, es bleibt Betrug»,
meint Nußeck. Immerhin gehen die Schummler wesentlich
gesündere Wege als Doping, um das laufende Ego ein wenig
aufzupolieren: mit dem Fahrrad oder der U-Bahn beispielsweise.
Früher war natürlich auch beim Selbstbetrug alles besser.
«Da mussten wir sogar», sagt Lutz Derkow, Chef des
Marathon-Organisationsbüros, «die bevorzugten
U-Bahn-Eingänge mit Videokameras überwachen».
Mit der Einführung des Champion-Chips an den Läuferschuhen
werden seit 1996 die Zwischenresultate alle fünf Kilometer
registriert. «Fehlen am Ende mehr als vier Zwischenzeiten oder
rennt jemand die zweite Hälfte des Marathons mindestens 15 Minuten
schneller als die erste, besteht Betrugsverdacht», sagt Derkow.
Ein Laufberatungsteam entscheidet dann über die Disqualifikation.
Eine beliebte Variante ist neuerdings die Unschuldsnummer.
Sportfreunde, die von Krämpfen oder Schwäche geplagt das
Rennen zwischendurch aufgeben und deswegen Häme zu befürchten
haben oder nicht mehr in den Spiegel sehen mögen, erklären
schulterzuckend, dass sie nur an ihre Klamotten hinterm Ziel
kämen, wenn sie die Schlussmessung durchschreiten würden.
«Das ist Blödsinn», meint Derkow, «die wissen
genau, dass sie außenrum zu gehen haben».
Außenrum? Für den professionellen Abkürzer ein
Fremdwort. Auch ersatzweises Fahrradfahren steht nicht mehr unbedingt
auf der Hitliste, schließlich will man den neugierigen Blicken
der Kameraden entgehen.
Dann lieber doch die gute, alte U-Bahn. Angesichts der auf fünf
Kilometer eingeschränkten Freistrecke eine echte logistische
Herausforderung für den laufenden Trickser. Wann genau kommt die
Bahn? Ist auch kein Schienenersatzverkehr? Wer das Problem allerdings
erst einmal gelöst hat, auf den wartet eine schöne Belohnung.
Beim Schwarzfahren für eine oder zwei Stationen wird man selten
erwischt.