Reisebericht über Nanban      Juni 2003

 

Dank unseren Verdauungsproblemen, die wir während unserer Indienreise aufgelesen hatten, bekamen wir einen tieferen Einblick in die Organisation Nanban, ein Kinderheim in Madurai. Brother James, der Gründer dieser Organisation befand nämlich, dass er Europa gut genug kenne, um zu wissen, dass wir sogar für europäische Standards bleich seien. Ohne gross zu überlegen, lud er uns auf seine Farm ein und liess uns Pasta servieren. (nicht einfach Pasta, sondern Barilla Pasta mit richtiger Tomatensauce) In unseren Augen war dies ein Akt reiner Menschenliebe.

 

Von Nanban hatten wir durch meine Schwester gehört, die dort ein Patenkind finanziell unterstützt. Besuchen wollten wir Nanban, weil wir als Sozialpädagogen Einblick in eine indische Organisation haben wollten. Nanban heisst „Freund“. Als James sein Praktikum in einem Jugendgefängnis in Madurai machte fiel ihm auf, dass viele der Kinder und Jugendlichen im Gefängnis waren, weil sie auf der Strasse gelebt hatten. Er kam mit den Kindern ins Gespräch und wurde durch sie auf die Strassenkinder aufmerksam. Er ging zu den Bushaltestellen, zum Bahnhof und zum Zentralmarkt in Madurai, wo die Strassenkinder anzutreffen sind und lernte die Kinder kennen. Im Rahmen seiner Ausbildung führte er eine Studie durch, in der er sich mit den Gründen auseinander setzte, welche Kinder und Jugendliche dazu führen auf der Strasse zu leben. Aus dieser Studie entsprang die Idee, eine Organisation zu schaffen, die sich für die Strassenkinder von Madurai einsetzt. Es entstand ein Kontaktzentrum in Madurai, ein Mädchenheim und zwei Farmen, wobei eine Farm das Knabenheim beheimatet. Dem Büro ist eine Autowerkstätte angegliedert, in der Lehren gemacht werden können.

 

Gründe, weshalb Kinder in Indien auf der Strasse leben sind vielfältig. Es fehlen soziale Strukturen, welche Kinder auffangen, wenn die Eltern sterben oder kein Geld vorhanden ist, um die Kinder zu ernähren. Kinder laufen von zu Hause weg, wenn sie Gewalt erleben. Gesellschaftliche Strukturen sorgen noch immer dafür, dass Mädchen unerwünscht sind und vor allem in ärmeren Schichten als Last empfunden werden. Kinder, die auf der Strasse leben finden vielleicht einen Job als Verkäufer oder in einem Restaurant, werden dort aber oft ausgenutzt und sind auch dort Gewalt ausgesetzt. Mädchen landen früher oder später in der Prostitution, wo sie mehr Geld bekommen als erwachsenen Frauen, da zum einen der irrige Glauben herrscht, dass Geschlechtskrankheiten verschwinden und zum anderen Pädophilie nicht nur in Europa ein Thema ist.

Gemäss Brother James sind 80 Prozent der Mädchen in seinem Heim sexuell ausgebeutet worden. Wie gesagt, fehlen soziale Strukturen von Seiten des Staates, um Kindern ein zu Hause zu geben. Staatliche Kinderheime sind ähnlich strukturiert, wie Gefängnisse. Die Arbeit von Br. James und seinem Team konzentriert sich vor allem auf Familienarbeit. Wenn Kinder das Kontaktzentrum in Madurai aufsuchen wird versucht, Kontakt zur Familie herzustellen und Probleme familienintern zu lösen. Dies ist oft ein langer Prozess, da es seine Zeit dauert, bis die Kinder Vertrauen gefasst haben und von ihren Problemen erzählen. Im Kontaktzentrum erhalten die Kinder Gespräche, Beratung und Essen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Kinder, die beraten werden, gehen schlussendlich in eines der 2 Heime von Nanban. Da die Platzzahl beschränkt ist versucht Nanban, die Kinder wieder ihrer Familie zuzuführen. Wenn dies nicht möglich ist, erhalten sie einen Platz im Kinderheim, sofern die Kinder dies wollen. Nach Jahren auf der Strasse haben viele Kinder Schwierigkeiten an ein und demselben Ort zu bleiben und in die Schule zu gehen. Also ziehen sie es vor, auf der Strasse zu bleiben und ab und zu das Kontaktzentrum aufzusuchen.

Von den Nanban- Kindern besuchen fast alle die Schule. Ausnahme sind Kinder, die zu viele Schuljahre verpasst haben und nicht mehr einsteigen können oder wollen. Diese Kinder werden in einer Fertigkeit, wie Automechanik, Autofahren, Batik, Papierherstellung, Kochen etc. geschult, damit sie später ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Die ersten Rikschafahrerinnen (Rikscha ist ein dreirädriges Transportmittel) wurden in Nanban ausgebildet.

 

Während dem wir auf der Farm von Nanban wieder zu Kräften kamen, fand dort eine Hochzeit statt. Eine junge Frau von Nanban und ein junger Mann, der auf der Farm arbeitete, waren im Begriff, eine Familie zu gründen. Es eilte, da die Frau bereits schwanger war. Es klingt nach Happy End, aber die jungen Leute hatten die Rechnung ohne seine Eltern gemacht. Für seine Eltern war die Heirat ein Desaster, da sie erstens die Mitgift verloren und zweitens ihr Sohn im Begriff war eine kastenlose Frau zu heiraten. Zudem war die Frau bereits schwanger, was sie zu einem „leichten Mädchen“ abstempelte. Der Sohn hatte für die Eltern nichts falsch gemacht, aber das Mädchen.

Die Mitgift verpflichtet die Brautfamilien, der Familie des Bräutigams einen vorher abgemachten Betrag oder bestimmte Güter auszuzahlen, sobald die Hochzeit stattgefunden hat. Dies ist offiziell verboten, wird aber immer noch gelebt. Wir lasen in einer indischen Zeitung von einer Hochzeit, die wegen übertriebenen Mitgiftforderungen am Tage der Hochzeit platzte. Heiraten ist für die Brautfamilie ein teurer Spass. Deshalb ist die Freude über die Geburt eines Sohnes grösser, als die Freude über die Geburt eines Mädchens. Als wir in Indien waren beschäftigte ein Fall die Medien. In einem Spital wurde ein neugeborener Junge durch ein neugeborenes Mädchen ausgetauscht. Die Familie des Jungen wehrte sich und bestand darauf einem Jungen das Leben geschenkt zu haben, obwohl das Krankenhauspersonal das Gegenteil behauptete. Dieses hin und her dauerte 3 Wochen, bis die rechtmässigen Eltern des Mädchens durch eine DNA Analyse bestimmt werden konnten und die Babies wieder ausgetauscht wurden.

Mit diesem Hintergrundwissen kann man vielleicht besser nachvollziehen, weshalb für die Mutter des Bräutigams eine Welt zusammenbrach, als ihr eine Schwiegertochter vorgestellt wurde, die keine Mitgift mitbringt und zudem noch ohne Kaste, also eine Unberührbare ist.

Von allen Dingen, die in Indien „anders“ sind, hatten Christian und ich am meisten Mühe, das Kastensystem zu akzeptieren. Eine Kaste ist wie eine Stufe, oder eine Gesellschaftsschicht, in die der Mensch hineingeboren wird. Die unterste Kaste ist die Kaste der „unberührbaren“. Obwohl sich ihre Stellung im Vergleich zu früher gebessert hat, ist das Kastenwesen für uns noch immer fragwürdig. Menschen der untersten Kaste haben kaum Chancen, ihre Stellung in der Gesellschaft zu verbessern. Für die Mutter des Bräutigams war die Heirat mit einer Unberührbaren ein totaler Gesichtsverlust. Kinder aus Nanban erleben in der Schule zum Teil Diskriminierungen. Obwohl die Kaste kein Thema sein sollte, ist sie ein Thema. Um uns zu zeigen, dass das Kastenwesen immer noch sehr lebendig ist, rief Brother James 5 Jungs nacheinander zu sich, um ihnen alles Gute auf der Jungenfarm – wohin sie am nächsten Tag gingen – zu wünschen. Die einen liessen die Arme locker hängen und standen unverkrampft da (hohe Kaste). Andere hielten beim zuhören die Hände gefaltet (tiefere Kaste) und nochmals andere hielten sich die Arme verschränkt (tiefste Kaste). Man erkennt also an der Körperhaltung, zu welcher Kaste jemand gehört.

Laut dem hinduistischen Glauben hat jeder Mensch, der ein gutes und ehrliches Leben führt Chancen auf ein besseres, nächstes Leben. James mit seinem christlichen Hintergrund sieht das etwas anders und versucht mit seinem Projekt, die Lebensumstände im jetzigen Leben zu verbessern, bei den Kindern den Selbstwert zu stärken und sie zu lehren, dass sie einen Wert haben, auch wenn sie in der untersten Kaste geboren sind.

 

Für uns war der Besuch von Nanban auch deshalb sehr spannend, weil wir diese Organisation mit unserem beruflichen Wissen betrachten konnten. Noch in Sri Lanka wollte ein Kellner mit uns ein Kinderheim eröffnen. Es leben auch in Sri Lanka sehr viele Kinder auf der Strasse. Kinder, die ihre Eltern im Krieg verloren haben. Damals erschien dieser Gedanke spannend, ein Konzept für ein Kinderheim zu machen. Doch beim Besuch von Nanban realisierten wir, dass „ Ausländer“ egal, ob mit sozialem Hintergrund oder nicht, im Ausland oft das falsche machen, da sie die Kultur, die Sprache ungeschriebenen Gesetze oder Verhaltensregeln nicht oder zu wenig gut kennen.

Br. James führte uns in die Administration von Nanban ein. Er zeigte uns Aktenzimmer und mehrere Schränke voll Geschichten von Kindern, die uns zum Teil schockierten. James ist in der indischen Kultur aufgewachsen und kennt die westliche Welt sehr gut. So betrachtet er das Leben mit etwas breiterem Horizont, was seine Arbeit stark beeinflusst.

 

Das Konzept von Nanban fanden wir überzeugend. Die Familien werden, wenn möglich von Nanban begleitet oder die Kinder kommen in ein Kinderheim, erhalten Schulbildung oder erlernen eine Fertigkeit, die ihnen auf dem Arbeitsmarkt weiterhilft, und die sie vor allem auch unabhängig und selbständig macht. James findet, dass Indien starke Frauen braucht und lässt die Mädchen in diese Richtung erziehen und ausbilden. Auch in der Organisation Nanban haben Kinder von Nanban als Erwachsene ihren Platz gefunden. Der Traum von James ist es, dass seine Jungs und Mädchen die Organisation einmal übernehmen können und er wieder bei den Strassenkindern auf der Strasse arbeiten kann.

 

Uns hat der Besuch in Nanban aufgerüttelt. Die Organisation wird professionell geführt. In Nanban gibt es eine Menschenwürde. Diese Würde vor dem Menschen fehlt unserer Meinung nach an den meisten Orten in Indien.

Wir konnten es sehen und fühlen: den Kindern in Nanban geht es gut. Wir haben mit ihnen gespielt und gemerkt, dass sie trotz schwierigen Lebensbedingungen voller Hoffnung sind. Es ist für sie sehr wichtig, die Schule besuchen zu können und respektiert zu werden. Uns fiel auf, dass sich die indischen Kinder mehr gewohnt sind Verantwortung für kleinere Kinder zu übernehmen. Die grösseren Kinder passen auf die kleineren Kinder auf. Diese Verantwortung wurde auch wirklich wahrgenommen. Wie geht Nanban mit der Traumatisierung der Kinder um?

Die Kinder, egal ob Mädchen oder Jungen lieben den Tanz. Einmal im Monat kommt eine Tanzlehrerin vorbei. Zudem werden Gesprächsrunden organisiert, Meditationen und Yoga Körperübungen gemacht.

Wir haben eine Dokumentation mit diversen Zeitungsartikeln mitgenommen. Wer sich interessiert, kann sich diese gerne genauer ansehen.

 

Nanban ist eine Stiftung. Mit den 2 Farmen versucht Nanban selbsttragend zu werden. Nanban erhält von verschiedenen europäischen Organisationen Gelder. Das Knabenheim, das im März 2003 eröffnet worden ist, wurde zum Beispiel durch OAK Foundation in Genf finanziert. Mit dem neuen Knabenheim ist die Möglichkeit entstanden, mehr Kinder aufzunehmen. Um einen Beitrag für die Finanzierung der Lebenskosten der Kinder zu leisten haben Christian und ich vor, eine Plattform für Nanban Patenschaften zu errichten. Falls jemand von Ihnen Interesse hat eine finanzielle Unterstützung (sFr. 28.--/Monat) für ein Kind zu leisten, kann er bei uns noch genauere Infos über die Idee und die Finanzierung von Nanban erhalten.

 

Wir haben hier versucht, Ihnen eine fremde Welt näher zu bringen. Vielleicht hat Sie ja die Lust gepackt Indien etwas näher kennen zu lernen? Es ist ein sehr faszinierendes Land und wir sind gerne bereit, mehr davon zu erzählen. Die Menschen sind immer ein Produkt von der Gesellschaft, in der sie leben!!! Die Wirklichkeit einer Gesellschaft ist konstruiert. Richtig oder falsch, gut oder böse, Tod oder Leben hat in jeder Kultur unterschiedliche Bedeutungen. Die Menschen leben in ihrer Wirklichkeit, in der sie aufwachsen und dementsprechend handeln sie auch. Beim Reisen gibt es Einblicke in Gesellschaften, die wir mit unserem Wissenshorizont betrachten, bewerten und mit der eigenen Kultur vergleichen oder zu erklären versuchen. Was aber allen Kulturen gemeinsam sein sollte, ist die Menschenwürde, der Respekt vor dem menschlichen Leben. So verschieden und manchmal auch extrem befremdend andere Kulturen auch wirken, so werden bei genauer Betrachtung einer Handlung oder eines Rituals so einige Parallelen zur eigenen Kultur sichtbar. Es lebe das Leben. Es lebe das Reisen.

 

Manuela Alber und Christian Ryser