Wenn einer auf die Reise ging in fremde Kriegsdienste, so wurde er Reisläufer oder Reisig genannt. Die Geschichte der Heim
von Appenzell ist vom Phänomen der Reisläuferei d.h. dem Solddienst in fremden Heeren sehr stark geprägt. Viele Heim's
waren in der Zeit von 1474 bis ins 17. Jahrhundert im Dienste fremder Kriegsherren. ( Frankreich, Italien, Spanien )
Nach den Siegen der Eidgenossen über Karl den Kühnen in den Burgunderkriegen ( Grandson, Murten, Nancy ) waren
die Schweizer Söldner stark gefragt. Ihr Mut auch in ausweglosen Situationen war legendär, ihre Furchtlosigkeit,
Härte und vielfach auch Grausamkeit waren gefürchtet. Schweizer machten selten Gefangene.
Unter den Schweizer Reisläufern waren auch viele Appenzeller. Sie nahmen zusammen mit Söldnern aus Luzern, der Urschweiz, Zürich etc. an den Mailänderkriegen 1403-1422, an den Burgunderkriegen 1474-1478 und am Schwabenkrieg 1499 teil. 1512 waren die Schweizer Reisige auf Drängen des Walliser Bischofs Mathäus Schiner in Mailand, Pavia und Novara im Einsatz. Nicht jede Schlacht verlief erfolgreich. Im Erbstreit zwischen dem französischen König Louis XII und dem Mailänder Herzog Ludovico Sforza etwa kamen gegen 30'000 Schweizer um.
Besonders tragisch waren die Schlachten wo sich Schweizer gegenüber standen, z.b bei der Schlacht von Dreux in Frankreich
oder in Novara oder Pavia. Um 1780 waren ca. 1.1 Mio. Schweizer im Ausland in Kriegsdiensten ( Bericht: Johann Heinrich Waser, Pfarrer in Zürich ).
1830 waren Schweizer Söldner  beim König beider Sizilien in Neapel in Kriegshändel involviert. Um 1856 schliesslich wurden diese 4 Regimenter aufgelöst. Noch heute sind allerdings Schweizer in fremden Diensten. Als Ausnahme ( die Schweizer Verfassung verbietet fremde Kriegsdienste ausdrücklich ) stehen ca. 120 junge Schweizer im Solde des Papstes zum Schutze des Vatikans in Rom.
Sehr bekannt war eine Kompagnie Appenzeller welche unter Hauptmann Jakob ( Jag ) Heim zusammen mit der Kompagnie von Hauptmann Tschiry als gepaarte Einheit in Frankreich Dienst tat. ( Im Schweizer Landesmuseum in Zürich wird als Erinnerung daran ein Becher " der sog. Pfyfferbecher " mit den Wappen der von Heim und Tschiry ausgestellt )  Bild
Das Regiment Pfyffer ( Regimentskommandant: Ludwig Pfyffer von Altishofen ) wurde vom damaligen Herzog d'Anjou, dem späteren König Henri III von Frankreich in Dienst genommen.
  Die Schweizer Reisige waren an der Schlacht von Dreux am 19. Dez. 1562 und an der Schlacht von Montcontour vom 3. Oktober 1569 beteiligt. Beide Schlachten gehörten zu den Hugenottenkriegen wo die französische Monarchie unter der Führung von Henri dem I. de Lorraine, dem Herzog von Guise, Katharina von Medici und König Henri III die Hugenotten unter der Führung von Louis I. de Bourbon, Prinz von Condé, Admiral Caspar de Coligny und später Henri de Navarra ( dem späteren König Henri IV ) bekämpften.
Im Solde beider Parteien waren Landsknechte und Schweizer Reisige.

Die Schlacht von Dreux wird wie folgt beschrieben
Der Prinz von Condé hatte es unterlassen, Kundschafter auszuschicken um die Position der gegnerischen Truppen festzustellen. Deshalb standen sich die protestantische und die katholische Armee an der Strasse nach Dreux unverhofft gegenüber. Beide Seiten hatten ungefähr dieselbe Stärke an Kavallerie, die Katholiken waren aber mit mehr Infanterie ausgerüstet und besassen eine bessere Organisation. Beide Armeen standen sich zu Kampfbeginn mehr als zwei Stunden unschlüssig gegenüber. Es war den Söldnern klar geworden, dass sich auf beiden Seiten viele Freunde oder sogar Familienangehörige gegenüber standen und sie fürchteten die sich abzeichnende Tragödie.  
Ein Kriegsberichterstatter erzählt den Fortgang der Schlacht wie folgt:

Im Zentrum des Schlachtfeldes stand ein Haufen Söldner welche ihre Speere so
tief hielten, dass die zweite Reihe der Speerträger ihre Waffen direkt dem Feinde
entgegen halten konnten. In ihren Reihen waren Arkebusiere welche in die seitlich und von vorne angreifende Kavallerie feuerten. Der Block war so dicht, dass die Reiter kaum eindringen konnten. Viele Reiter wurden von Speeren durchbohrt und starben. Den anderen wurden von den Hellebarden die Schädel gespalten. Es war ein unsägliches Morden und Töten. Am oberen linken Bildrand erkennt man die Stadt Blainville. Sie markiert die linke Seite der katholischen Linien. Diese liessen die protestantische Kavallerie solange gegen eine dichte Reihe von Schweizer Speerträgern anrennen bis sie ausgeblutet  bzw. erschöpft waren. In diesem Moment  brachte der Herzog von Guise seine Reserve von Reitern und Fusstruppen aufs Schlachtfeld und tötete damit nochmals  viele Gegner.
Der übrig gebliebene kleine Rest der protestantischen Truppen unter Coligny musste sich geschlagen aufs Land zurückziehen.
Die Schlacht von Dreux war die erste von insgesamt neun Schlachten dieser Religionskriege von 1562 bis 1598. Es war auch erstmals eine Schlacht der Feuerwaffen. Die Reisige waren zwar  mehrheitlich mit  Lanzen und Hellebarden ausgerüstet doch waren die anderen Truppen zu einem schönen Teil von Arkebusiern dominiert.

 

 

Die Aufstellung auf dem Schlachtfeld sah so aus:

Die Katholiken hatten ihre Kräfte in eine Vorhut und ein Hauptheer gegliedert. Im Hauptheer unter dem  Kommando von General  Montmorency waren:

18  Kompagnien mit Schützen, insgesamt  1000 Mann, 28 Kompagnien Schweizer Reisige ,   ca. 5000-6000 Mann
  8 Kompagnien mit leichter Kavallerie ,  ca. 500 Mann, 20 Kompagnien franz. Truppen, Bretonen & Picardiern, ca. 5000Mann
  8 Geschütze ( Kanonen ) versammelt

in der Vorhut unter dem Kommando von Marschall St. André waren:

17  Kompagnien Schützen, ca. 1000 Mann,     20 Kompagnien franz. Infanterie ( Piedmont ) ca. 4000 Mann
14 Kompagnien spanische Infanterie, ca. 3500 Mann, 10 Kompagnien deutsche Landsknechte ca. 2500 Mann
sowie 14 Kanonen versammelt.

Insgesamt war die Stärke der Katholiken mit 2500 Kavalleristen, 10'000-11'000 Infanteristen und 22 Geschützen beträchtlich.
Sie war den Hugenotten an Kampfkraft weit überlegen.
 

Die protestantische Hauptarmee ( Hugenotten ) war wie folgt ausgerüstet:

unter dem Kommando des Prinzen Condé:             2 Kompagnien Füsiliere ca. 600 Mann
   6 Kompagnien gepanzerte Reiter ca. 1400 Mann,    leichte Kavallerie, ca. 500 Mann
12 Kompagnien franz. Infanterie, ca. 1500 Mann,    6 Kompagnien deutsche Landsknechte, ca. 2000 Mann
  5 leichte Kanonen

die protestantische Vorhut umfasste unter dem Kommando von Admiral Coligny

ca. 500 Schützen,   4 Kompagnien gepanzerte Reiter mit ca. 1000 Mann
11 Kompagnien franz. Infanteristen mit 1500 Mann,   6 Kompagnien deutsche Landsknechte

insgesamt besass die protestantische Armee  4000 Kavalleristen, 7000 Mann Infanterie und 5 Kanonen

Die Schlacht war sicherlich besonders zwischen den verfeindeten deutschen Landsknechten sehr heftig. Auf katholischer Seite kamen ca. 3700 Mann um, dazu 140 Pferde. Auf protestantischer Seite sollen es ca. 6000 Mann gewesen sein.
Die Zahlen sind höchst wahrscheinlich ungenau. Unter den gefallenen Schweizern war eine grössere Anzahl Appenzeller.
Die Berichte von Jag von Heimen & Ulrich Tschiry an den Rat von Appenzell sprechen davon, sie sind allerdings nicht sehr präzis. Der Rat beklagt sich sogar deswegen bei den Hauptleuten.

Die Schlacht von Dreux war eine der vielen Schlachten wo Schweizer Söldner involviert waren. Neben
den Luzernern, Obwaldnern, Urschweizern etc. waren fast immer auch Appenzeller beteiligt.
Siehe dazu die Berichte an den Rat von Appenzell. Die Reisläuferei war eine der wenigen Tätig-
keiten die wirtschaftlich interessant war. ( ein Reisig verdiente einen Sold der ca. 4 mal höher war
als ein Knecht ), Doppelsöldner, Fändriche, Hauptleute etc. bekamen noch mehr. Der Staat erhielt
sog. Pensionen für jeden Reisig welcher in fremden Diensten tätig war. Appenzell hat zeitweise
den grössten Teil der Staatsauslagen aus diesen Pensionen bestritten.
Zweifellos am reichsten wurden die Leute welche andere rekrutierten. Der Reichtum mancher
luzernischen, schwyzerischen, bernischen oder zugerischen Familie im Mittelalter lässt sich damit erklären. Es kann angenommen werden, dass der Reichtum der Familien Jag Heim bzw. der Söhne welcher im 16. Jahrhundert bedeutend gewesen sein musste, u.a. aus dem Söldnerwesen stammte.
Wenn man bedenkt, dass dafür nicht nur bei den  Landsknechten, Deutsche gegen Deutsche
sondern auch bei den Schweizern, Eidgenossen gegen Eidgenossen gekämpft haben, dann wird dieser Reichtum fragwürdig, ja sogar bitter.
Unter diesen Gesichtspunkten sind besonders auch die anderen Schlachten zb. in Italien, Novara zu betrachten.
 

 

 

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