Baden um 1950

 

Geschichten von der „ Halde“

 

von Franz Streif                                                             

Während Jahrhunderten lag Baden an der grossen Landstrasse die das Schweizer Mittelland durchquerte. Vom Bodenseegebiet und den Bündnerpässen führte die Verbindung den Verkehr durch das Limmattal heran, um sich dann hier zu gabeln; nach Westen über Mellingen nach Bern, nach Nordwesten über den Bözberg nach Basel. Zweimal jährlich brachte die Zurzacher Messe zusätzliche Wagenladungen und Lasten durch die Holzbrücke in die Stadt. Die steile Halde konnten die Fuhrwerke meist nur mit Vorspann bewältigen. So siedelte an dieser Verkehrsader Handel und Gewerbe die ihr Auskommen mit Ausrüstung und Verpflegung der Fuhrleute und Reisenden fanden. Nach der Eröffnung der Hochbrücke 1925 versiegte dieser ertragreiche Strom und mit dem späteren Fahrverbot für den Durchgangsverkehr blieb vom Konsumentenfluss nur ein kärgliches Tröpfchen. Bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts waren die meisten Häuser noch mit Geschäften belegt, doch die Inhaber mussten sich mit der ansässigen Kundschaft begnügen.

Vom Landvogteischloss herkommend dominierte das „nasse Dreieck" den Aufgang zur Stadt. Rechter Hand die „Krone", ein stattliches Gasthaus, das zwar zur Kronengasse gehörte, sei­nen Eingang aber über eine Treppenbrücke auf der Haldenseite hatte. Auch die grosse Terrasse zur Limmat hin war nur über eine kleine Brücke, unter der das Limmettörli lag, erreichbar. Auf der linken Strassenseite bot die „Rheinfelderhalle" den durstigen Stadtbesuchern Gelegenheit zur Einkehr. Hier wies jeweils am 1. Mai die herausgehängte rote Fahne mit den verschlungenen Händen daraufhin, wessen Stammlokal sich im Hause befand. Mit dem „Grossen Alexander" beginnt eigentlich erst die Halde, denn von hieraus steigt die Strasse steil an, bis oben in der Stadt beim Rathaus die eigentliche Talebene wieder erreicht ist. Das Wirtshaus, vor dem in der Kronengasse der einfache Brunnen plätschert, hatte auch seine Eigenart. Für manchen Kronengässler war es die bequeme Abkürzung auf dem Weg nach Hause. Beim Eingang in der Halde hinein und nach einer meist längeren Sitzung bei Most oder Bier an der Kronengasse wieder heraus. Sollte der Heimweg jetzt nicht mehr so geradeaus möglich sein, war meist nicht die grobe Pflästerung der Gasse schuld. Die enge Verbindung zum Wasser wurde auch durch das über dem Stammtisch hängenden Weidlings­-Modell gefestigt. Hatte doch der Arbeiter-Wasser-Sportclub hier sein Stammlokal. Die Konkurrenz, der Limmatclub, war mit einem entsprechenden Wahrzeichen am runden Tisch in der „Krone" präsent. Ihre Boote, die schnellen Flusskähne, hatten sie unter der Hochbrücke und anfangs Promenade in der Limmat vertäut und beide Vereine waren über Jahre eine Zierde des Schweizerischen Wassersports.

lm etwas tiefer gesetzten Haus auf der linken Seite buck Bäckermeister Mollet das tägliche Brot. Grossbetrieb herrschte hier jeweils am Freitagmorgen, wenn die Hausfrauen aus der Umgebung mit ihren mit Teig und Früchten belegten Kuchenblechen anrückten. Gegen einen bescheidenen Backlohn wurden die „Dünnen" in der Restwärme des Ofens ausgebacken. Vor Weihnachten konnten sogar die Backbleche des Bäckers ausgeliehen werden. Die hand­geformten Mailänderli, Zimmetsternen und Chräbeli wurden dann dem Meister zum Fertig­backen gebracht. Von seiner schweisstreibenden Arbeit sich erholend, sah man den beleibten Bäckermeister oft mit entblösstem Oberkörper im Graben vor seinem Laden stehen. Dies gab auch einer spitzen Feder in der Badener Fasnachts-Zytig Anlass zu einem angriffigen Vers

                                    Haldenbäcker Moll  pflegt seinen Ranzen

                                    nacktig auf der  Strasse   aufzupflanzen

                                    und die braven Kunden denken auch

dass ein solchermassen blutter Bauch

                                    ganz besonders hinterm Ladentisch,

                                    lieblich und appetitanregend isch.

Dem Meister zur Ehrenrettung sei aber bezeugt, dass seine Backwaren stets von bester Qualität und absolut bekömmlich waren.

Geradezu grossstädtisches Format hatte der Spezerei- und Kolonialwarenladen von Daniel Schnebli. Mit seinen vier Schaufenstern lag er dem Eingang der Kronengasse gegenüber. Im vollgepackten Laden standen grosse Säcke mit Zucker, Mehl, Reis, Mais, Kaffee, Hörnll und vielen anderen Lebensmitteln, die man pfundweise abgewogen, in braune Papiersäcke ab­gefüllt, erhielt. Bemerkenswert war auch die Salzauswaage. Dieses kostbare Gut wurde mit einer halbrund geformten Handschaufel aus einer Holzkiste geschöpft und in der Schüssel ein­er darüber hängenden Balkenwaage mittels aufgelegten Gewichten abgewogen. Hier waren oft auch Kunden aus dem nahen Züribiet anzutreffen, denn in Baden war das offene Salz dank dem aargauischen Salzregal bedeutend billiger. Die Kinder aber interessierten sich für andere Köstlichkeiten. Auf einem grossen Gestell waren viereckige Glasgefässe aufgereiht in denen buntfarbige Zuckerware und Bonbons lockten. Für ganz artige Gofen , das konnten Haldemer und Kronengässler zwischendurch auch sein, wurde der dicke, gläserne Stöpsel abgehoben und ein einzelnes Zeltli beglückte die wartende Rotznase. Ueber allem lag der Duft der grossen weiten Welt, denn die offene Verkaufsweise sorgte dafür, dass die verschiedenen Gerüche sich zu einer Harmonie vereinigten, die lebenslang in Erinnerung bleibt.

 

Einer der wenigen Handwerker in der Halde hatte seine Werkstatt in der Nummer 6.  

Spenglermeister Hermann Meier, besser bekannt als Haldenbaron, bearbeitete mit seinen Gesellen hier Bleche jeder Art. Sein Zuname basierte auf einer guten Portion Neid, war aber nicht ganz unbegründet, denn obwohl er sehr leutselig war, blieb stets eine gewisse Distanz. Sein gut gehendes Geschäft brachte ihm ein Einkommen, von dem die übrigen Anwohner nur träumen konnten.

Das anschliessende Haus beherbergte Hugentobler`s billigen Laden. Kleider und Wäsche die hier verkauft wurden entsprachen nicht immer dem letzten Modeschrei, dafür waren sie günstig. Die Schneiderinnen und die mit Flickarbeiten noch stark beschäftigte Hausfrauen fanden hier Knöpfe, Nadeln und Faden jeder Art. Hundert Schubladen und Schublädchen der Ladeneinrichtung bargen einen schier unergründlichen Fundus. Mangels zweckmässiger Be­leuchtung sah man oft Kundin und Verkäuferin mit Fadenspulen und Stoffmuster auf die Strasse treten, um bei Tageslicht die passende Farbnuance zu bestimmen. Eine Türe weiter war der geheimnisvollste Laden der unteren Stadt. Dem Angebot nach war es ein Trödler- und Tabakladen. Ob es daran lag, dass hier Zigaretten auch einzelstückweise gekauft werden konnten oder dass nebst den bunten Heftli aller Couleurs gewisse Zeitschriften und Bücher unter dem Ladentisch angeboten wurden? Die Düsternis des engen Ladens, die rauch-geschwängerte Luft und die unzugängliche Art des Inhabers brachten es mit sich, dass die Heranwachsenden der unteren Stadt hier ihr Sodom und Gomorra fanden. Hier bezog man die heimlich gerauchten ersten Zigaretten Marke VIP oder Capitol, wie auch die unter mancher Bettdecke mit heissen Ohren gelesenen Jim Strong- und John Kling-Romane. Im nächsten Haus auf der rechten Seite befand sich Wächters Gemüseladen. Sie wohnten hinten in der Kronengasse, ob dem grossen Brunnen, am Fuss der langen Treppe. Er war stark gehbehindert und wurde von seiner Frau und dem jungen Jeannot meist mit dem vierrädrigen Handkarren ins Geschäft bugsiert. Früchte und Gemüse in der Halde hatten Tradition. Frau Moneta-Soldati, die Stammmutter des über Jahrzehnte führenden Badener Delikatessen-spezialisten hatte hier ihre Wurzeln.

Ein weitere Tradition in Grundnahrungsmitteln hielt die gegenüberliegende Milch- und Spezereihandlung Bächli-Koch aufrecht. Hier holten sich Frauen und Kinder im Milchkesseli ihre Tagesration an Münzlishauser Kuhsaft, sofern sie nicht frühmorgens vom gleichen Lieferanten direkt ins Haus geliefert wurde. Die täglich bezogene Menge wurde im Milchbüchlein notiert, welches dann am Monatsende sauber aufaddiert zur Zahlung bereitlag. Auch Butter und Käse konnte man solcherweise auf Pump beziehen. Säumige Zahler mussten ihren Milchdurst halt dann für eine Weile bei Rüttimann ennet der Holzbrücke oder bei Dürr's in der Weiten Gasse löschen.

In der Brockenstube unterhalb der Molkerei fanden die Haldener preiswerte Möbelstücke und Nippes die in einem mehr besseren Haushalt in der Oberen Stadt überflüssig geworden waren.

In Nummer 15 hatte Karl Wiedemeier seinen Schuhladen. Aber nicht nur das. Er war ein veri­tabler Schuhmachermeister. In seiner Werkstatt im Keller des Hauses, mit Türe und Fenster zum Graben neben der Hochbrücke, roch es nach Pech und Leder. Hier wurden abgetretene Schuhe neu besohlt und nagelbewehrte Militärschuhe mit neuen „Trigonis" ausgerüstet. Aber selbstverständlich konnte Kari Wiedemeier auch nigelnagel neue Schuhe nach Mass anfertigen. Leider hatte er dafür in der Halde und Kronengasse nur wenige zahlungskräftige Kunden. An der Chilbivorstellung des KTV vom Stein, im Saal des Roten Turms, konnte man den Schuhmacher-Meister als Kranzturner an Reck und Barren bewundern. Seine Spezialität waren die in Zeitlupe gedrückten Handstände.

Ein Haus weiter befand sich der ärmlichste Laden des Quartiers. Hinter der Haustüre erreichte man vier Treppenstufen tiefer, über einen düsteren Hausgang, ein Nebenzimmer, das spärli­ches Licht durch ein auf Strassenniveau liegendes Fenster erhielt. Hier hatte Frau Magerte ihr dürftiges Angebot an Gemüsen und Früchten in Harassen gestapelt. Aber jeder Einkauf, mochte er noch so klein sein, wurde mit einem Büschel Peterli als Dreingabe belohnt. Ganz anderer Art präsentierte sich das Schaufenster im nächsten Haus. Hier verkaufte Frau Jöhl Spitzen, Bänder und Zutaten für textile Handarbeiten. Nähen, Stricken und Flicken waren noch nicht Zeitvertreib sondern Notwendigkeiten um die kargen Haushaltbudgets möglichst zu strecken.

Den Abschluss der linken Häuserzeile bildete das Restaurant Rebstock. Hier sorgte Vater Gsell dafür, dass keiner durstig die obere Stadt anstreben musste. An der bergseitigen Hausfront, etwas von ihr abgerückt, plätscherte der dritte Brunnen der Unteren Altstadt. Auf dem kleinen, dreieckigen Platz zwischen Rebstock, Graben und Halde waren im Sommer oft Netze aufgespannt. Dann sass Josef Hafner, der letzte Berufsfischer an der Limmat, barfuss auf der niederen Umfassungsmauer. Mlt der grosse Zehe das zu bearbeitende Netz anspannend, flickte er mit einem Webschiffchen ähnlichen Schnurrolle sein beschädigtes Arbeitsgerät. Meist war er von einer Traube Kinder umringt, die seinen abenteuerlichen Kurzgeschichten lauschte. Schräg gegenüber im Haldenrank waltete seine Frau als Betreuerin eines Kolonialwarenladens ihres Amtes. Das besondere Angebot waren hier natürlich die fangfrischen Fische. Diese zap­pelten im grossen Aquarium welches fast das ganze Schaufenster beanspruchte. Es blieb gerade noch Platz auf jeder Seite für den getrockneten Kopf eines Riesenhechts, in dessen weltaufgerissenem Maul furchterregende Zahnreihen dem Betrachter Respekt einflössten.

Weitaus fröhlicher gestaltete Coiffeurmeister Cappelletti ( Schwiegervater von Paul Heim )nebenan seine Auslage. Vor der Fasnachtszeit lagen Larven, Perücken, Rätschen, Fasnachtsbändel und Konfetti zum Verkauf bereit. Als versierter Theatercoiffeur, der jahrzehntelang die Künstler im Kurtheater betreute, konnte er auf dem durchschnittlichsten Badener Gesicht eine ausdrucksvolle Maske schminken. Bei schönem Wetter sass er auch einmal vor der Türe und knüpfte mit geschickten Händen eine prächtige Naturhaarperücke.

Die ersten Häuser der Oberen Halde sind von seltener Eigenart. Sie haben eigentlich zwei Adressen. Auf der linken Seite kann man sie vom Kirchplatz her betreten. Man steigt also im Estrich ein. Dafür befindet sich der Keller auf der Talseite hinter dem Zimmer des ersten Stocks. Die ersten drei Häuser der rechten Strassenseite haben ihr Untergeschoss an der Unteren Halde. So zeigte Frau Wellinger die Taschen und Koffer ihres Angebots auf zwei ver­schiedenen Ebenen.

Etwas weiter oben, im markanten Eckhaus über dem kleinen Platz, hatte Dachdecker Fehl­mann Werkstatt und Lager. Da seine Arbeit berufsbedingt stets auswärts stattfinden musste, beschränkte sich der Betrieb hier auf Ab- und Einladen der Gerätschaften und Materialien. Zwei Häuser weiter führte Moses Jglinsky-Kühl ein Textiliengeschäft. Als fromme Juden stell­te die Familie jedes Jahr auf der Terrasse zur Kronengasse eine Laubhütte auf. Die Gesänge der stimmbegabten Enkelkinder brachten dann eine fremdartige Note ins Quartier. Im Nebenhaus bei Bühlmann's warteten Toilettenartikel, Parfüms und Haarwasser auf Abnehmer. Als Laborant konnte der Besitzer auch Cremes und Lotionen aus eigener Produktion ins Sortiment aufnehmen.

Weit über die Halde hinaus kannte man den Bäcker Beck in Nummer 34. Seine knusprigen Bierstängel waren unübertrefflich und deshalb nahezu in allen Badener Wirtschaften anzutref­fen. Den Einwohnern der Unteren Altstadt war der im Laden aufgehängte Spruch nicht nur fromme Denkart, sondern auch wiederkehrende Mahnung: Altes Brot ist nicht hart, aber kein Brot, das ist hart.

Da war der Schritt zum letzten Haus der Oberen Halde nicht weit. Hier firmierte Hans Trudel, Kunst. Die steinernen Figuren im tieferliegenden Garten zeugten von seiner Schaffenskraft. Da einige aber schon von Moos bewachsen waren, konnte man ahnen, welche Schwierigkeiten diesem stillen Mann erwuchsen. War es der düstere Haldeschnüffel, ein Werk aus Trudels Hand, der neben der Kirchentreppe jedem der in die Untere Altstadt wollte, entgegengrimmte, welcher die Kunstsachverständigen davon abhielt, öfters den Glockenzug an dieser Haustür zu betätigen ? Die Lausbuben ihrerseits konnten diesem Angebot aber selten wiederstehen und so musste der Künstler mehr als ihm lieb war die Tür zu einer leeren Halde öffnen. Die Bengel hatten sich nach dem Schellen längst davon gemacht.

Wer dann die Höhe erreichte, stand wie auf einer Kanzel über der minderen Stadt. Es waren aber nur die Häuser, die sich abends im Schatten der Kirche und des Rathauses duckten. Die Menschen in der Halde und der Kronengasse wussten sich immer zu behaupten. So war die kleine Tafel an der Rathausmauer „Kretzer verboten" auch so zu verstehen, dass sie sich bei Verletzung gegebenenfalls auch zu wehren wussten.

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