Baden um 1950

Chronegässler

 

erlebt und notiert von Franz Streif aus dem Haus Nr. 7. Einem der wüstesten Saugofen der ganzen Stadt Baden.

 

In der grossen Kleinstadt, die sich lebensfroh nennt und mit ihren warmen Quellen seit eh und je Menschen aus der ganzen Welt anlockt, gibt es eine Gasse, deren Bewohner bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts als etwas ganz besonderes galten. Nicht dass sie sich durch grosse Vermögen, spezielles Wissen oder aussergewöhnliche Kenntnisse auszeichneten. Nur die Tatsache, dass sie hier wohnten und auch lebten, formte sie anders als die übrigen Bewohner der Bäderstadt. Sie waren Chronegässler, benannt nach ihrer Heimat, der Kronengasse, die ihren Namen dem den Eingang beherrschenden Gasthof Krone verdankt. Vor Zeiten nannte man die zwei Häuserzeilen unterhalb der Altstadt, am linken Flussufer der Limmat gelegen, die Hintere Halde. Der alte Verkehrsweg nach Osten führte durch den Tor­bogen unter dem Rathaus, steil die Obere und Untere Halde hinab zur gedeckten Holzbrücke, um dann beim Landvogteischloss die rechtsufrige Landstrasse zu finden. So war die Be­zeichnung Hintere Halde für die kurz vor dem Limmatübergang abzweigende Gasse nur kon­sequent. Die dort niedergelassenen Einwohner fühlten sich auch oft als Hintersassen, was daran gelegen haben mag, dass die schmalen und wenig besonnten Häuser meist einfache Leute beherbergten, deren Bedeutung in der oberen Stadt weder als Politiker noch als potente Steuerzahler ins Gewicht fiel. Der Bau der Hochbrücke, die mit ihren eleganten Bogen den Fluss ausserhalb der Altstadt überquert, brachte die Bewohner noch weiter ins Hintertreffen. Jetzt waren sie ganz weg vom Verkehr. Man konnte glauben, dass sie von der oberen Stadt vergessen blieben. Doch Leben gab es hier am Limmatufer jeder Art. Bis zu den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts waren es tagsüber vor allem die hier ansässigen Handwerker die den Charakter der Gasse prägten.

Ganz hinten, dort wo die Strasse um die mittlere Mühle eine Schleife zieht, führten Ritz und Spörri eine Fuhrhalterei. Ihre schweren Pferde polterten schon frühmorgens gassauswärts und bescherten den Chronegass-Buben manchen Anlass zu Auseinandersetzungen. Mit Kesseli und Schaufel ausgerüstet, zählten sie auf die gute Verdauung der Pferde, denn die niederfallenden Rossbollen waren willkommener Dünger für die kleinen Gemüsegärten zwischen der Gasse und der Oberen Halde. Auch die Geranien an den Fenstern der Häuser verdankten ihre Blütenpracht dem Auspuff der gut funktionierenden Hafermotoren. Da auch bei bester Fütterung die Mistmenge nie der grossen Bubenzahl entsprechen wollte, gab es oft Rangeleien um die Hinterlassenschaft. So liess sich der Kessel schneller füllen, wenn einer durch anfänglich vorzeitigen Verzicht, das heisst, durch den Wurf einer gut gezielten Rossbolle, die Konkurrenz zurücktreiben konnte.

Später wurden die Stallungen und die Scheune von Alfred Sax und seiner Ferro AG über­nommen. Anstelle der Pferde polterten jetzt Lastwagen mit Alteisen durch die Gasse. Für die Chronegässler erschloss sich eine neue Quelle. Sie suchten in den Abbruchmaschinen nach zweckdienlichen Kugellagern um damit ihre Haldenboliden zu basteln: Bretter mit einer festen und einer beweglichen, lenkbaren Achse, die anstelle von Rädern eben diese Kugellager auf­wiesen. Damit wurden, zum Ärgernis der Anwohner, auf den geteerten Teilen der Oberen und Unteren Halde ohrenbetäubende Wettrennen durchgeführt.

Im Keller neben dem Restaurant Promenade, nahe dem stillstehenden Wasserrad, betrieb Messerschmied Hübscher sein Handwerk. Davon war auf der Gasse selbst wenig zu sehen. Bemerkbar machte er sich aber, wenn er auf seinem Velo, in dessen Seitentaschen die zu schärfenden Messer und Scheren steckten, im Schwung um den Grossen Alexander in die Gasse einbog und mit einem scharfen Pfiff die auf der Strasse spielenden Kinder warnte, die ihm darauf für die Durchfahrt Platz machten.

Oberhalb des grossen Brunnens hatte Malermeister Bundi seine Werkstatt. Er wusste auch das kräftig strömende Wasser des Mühlenbrunnens zu nutzen. Im Frühjahr und Sommer tränten den zuschauenden Mädchen und Buben oft die Augen, wenn er draussen im Freien zu erneuernde Fensterläden mit scharfer Salmiaklauge behandelte und dann mit einem Eimer schwungvoll Spülwasser aus dem Brunnentrog darüber kippte.

Die alte Scheune, die noch heute durch ihre offene Riegelbalkenbauweise auffällt, diente dem Haldenbaron als Aussenlager. Der so betitelte Spenglermeister Hermann Meier hatte Wohnung und Werkstatt in der Unteren Halde. Die an der hinteren Kronengasse eingelagerten Kupferbleche und sein später dort stationierter Amerikanerwagen waren äussere Zeichen seines Sonderstatus in der sonst weniger bemittelten Umgebung. Auch hier arbeiteten die Gesellen oft im Freien, auf dem gegenüberliegenden „Plätzli". Um lange Dachkännel und grössere Abdeckungen vorzubereiten war die Werkstatt viel zu eng.

Im „Zwölfi" gab es Stützen für körperliche und geistige Gebrechen. Einerseits hatte die Evan­gelische Brüdergemeinde im grösseren Parterrelokal ihren Betsaal, andererseits betrieb hier der Samariterverein Baden nebenan ein Krankenmobilienmagazin. Für echte Blessuren war der Samariterposten in Nummer 15 zuständig. Man rannte noch nicht wegen jedem Wehwe­chen zum Arzt. Grossmutter Morf und später ihre Tochter Anni Baud-Morf pflegten mit viel Hingabe und Verständnis die kleinen und mittleren „Bobos" der Chronegässler.

Im grössten Haus an der Gasse, dem Kornhaus, wurde selten gearbeitet. Es ist Eigentum der

Stadt und diente als Lager für Stroh, Reiswellen und ausgedientes Gerät. In den oberen, kaum

benutzten Räumen trieben Mäuse ihr Unwesen und im weiträumigen Dachstock nisteten Tauben.

Besonders faszinierend war die Arbeit von Feilenhauer Morf in Nummer 13. Stundenlang hörte man die kurzen, regelmässigen Hammerschläge, mit denen er aus einem Stück Flacheisen, dem Rohling, eine Feile herstellte. Zuvor hatte er dem spröden Stahl in seiner kleinen Esse durch gezieltes Glühen die Härte genommen und auf dem Amboss in die gewünschte Form geschmiedet. Auf den Feilenhauerstock, der zwecks Ausnützung des Tageslichts am meist offenen Fenster zur Gasse hin stand, legte er dann das der Feile entsprechende Gesenk, einen Bleiklotz mit einer der Feilenform angepassten Vertiefung. Nachdem er den Feilenkörper eingefettet hatte, setzte er sich auf einen Hocker und hieb nun mit einem scharf geschliffenen Meissel und einem Hammer mit kurzem, krummen Stiel, Schlag um Schlag, Rillen oder runde Vertiefungen in den Stahl. Nachher musste die fertige Feile oder Raspel mit Feuer und Wasser noch gehärtet werden. Auch Feilen die ihren Schliff verloren hatten, konnte man von Meister Morf nachbehauen lassen.

Schräg gegenüber, in Nummer 8, war der Geruch von frischgebügelter Wäsche das Haus­zeichen. lm Keller der Wäscherei Heim dampften grosse Waschmaschinen und Wäschetrommeln drehten sich in heisser Waschlauge. Im Parterreraum zur Limmat hin standen an grossen Bügeltischen Frauen die mit elektrischen Bügeleisen, deren Verkabelung in scheinbarer Wirrnis von der Decke herunter hing, den frischgewaschenen Hemden, Blusen oder Kittel einer grossen Kundschaft die nötige Form wieder gaben. An der grossen Mange sass meist Frau Heim, die Chefin, Leintücher, Bettanzüge und andere flache Stücke glättend und so stets Uebersicht bewahrend. lm Sommer war für die heranwachsende Buben der Einblick in diesen Raum besonders interessant, denn die Büglerinnen konnten ihre Hitze ausströmende Tätigkeit meist nur in sehr leichter Oberbekleidung bewältigen.

 

Ein Spruch im Hausgang von Nummer 4 diente zur Orientierung der Kundschaft:

 

Gewerbe wohnt in diesem Heim. Der Schreiner werkt mit Holz und Leim.

Die Coiffeuse ziert Frau und Maid, die Schneiderin näht ihr das Kleid.

Soll euch der Schreiner dienstbar sein, so tretet hier im Parterre ein.

Den Damen macht das Haargelock, die Coiffeuse im 1, Stock.

Es schaffet Bluse und den Rock, die Schneiderin im 2. Stock.

 

Es waren die Geschwister Gläser die das Haus zu einem kleinen Gewerbezentrum machten. Anni Gloor-Gläser führte zusammen mit ihrer Schwester Marie einen stadtbekannten Coiffeursalon. Spezialität waren blausilbern getönte Dauerwellen für Damen des mittleren Alters.

Nebenan sorgte Margrit Schenker-Gläser im Mani- und Pedicure-Salon für gepflegte Hände und Füsse. Darüber lag das Schneider-Atelier von Louise Gläser. Die in der unteren Etage am Körper gepflegten Kundinnen konnten sich hier oben ihre Garderobe schneidern lassen. Dass aus naheliegenden Gründen die Frauenberufe ausschliesslich im Haus und auch meist ohne nach aussen dringendem Lärm verrichtet wurden, versteht sich von selbst. Anders war es in der Schreinerwerkstatt der Gebrüder Fritz, Willi und Otto Gläser. Das Heulen der Hobelma­schine, das singende Pfeifen der Kreissäge und der durchdringende Fräston der Kehlmaschine markierten den hohen Beschäftigungsgrad des Holzhandwerks. Oft wurden auch Arbeiten auf der Gasse ausgeführt. So konnte das Zuschneiden der auf dem zweirädrigen Handwagen von den Aussenlagern unter der Hochbrücke und aus der Gipsmühle an der Promenade an­gelieferten Rohbrettern nur hier stattfinden. Für die sechs bis acht Meter langen Bretter war im Altstadthaus zuwenig Platz. Bei schönem Sommerwetter konnte man Schreinermeister Otto Gläser an der Arbeit sehen. Auf einer schmalen Tischlerplatte, über drei oder vier Böckli gelegt, hatte er Papier aufgespannt und zeichnete meterlange Aufrisse von Wohnungseinbauten. Ein besonderes Ereignis für die ganze Gasse und beste Werbung für die Schreinerei gab es vor der Ablieferung besonderer Möbelstücke und Inneneinrichtungen. Trockenes Wetter vorausgesetzt wurden die verschiedenen Einzelteile vor dem Verlad auf der Gasse zusammengefügt, um zu prüfen, ob alles auch problemlos zusammenpasst. Ganz anders waren die Geräusche und Tätigkeiten der gegenüberliegenden Schmiede von Walter Meier. Unverkennbar das klingende Spiel des meisterlich geführten Schmiedehammers. Ein stumpfer Ton, wenn die Schläge dem rotglühenden Eisen galten, hellklingend die Zwischenschläge auf den blossen Amboss. Eine Melodie, die einmal gehört nie mehr aus dem Gedächtnis weicht. Zum Konzert wandelte sich die Arbeit, wenn zur Bearbeitung besonders grosser Werkstücke ein oder zwei zugezogene Hilfskräfte in die Hände spuckten. Jetzt gab der Meister mit dem kleineren Hammer auf dem Amboss den Takt an. Mit der andern Hand legte er das zu bearbeitende Eisen in die richtige Lage und die Gesellen schlugen mit grossen Vorschlaghämmern abwechselnd auf das sich verformende Stück. Auch für die Augen gab es unauslöschliche Eindrücke, wenn in der dunklen Schmiede das Feuer der Esse schwarze Schlagschatten warf und beim Schüren der Glut wilde Funken aufstiebten. In der weit  herum bekannten Huf- und Wagenschmiede gehörten Pferde zur täglichen Kundschaft. Die wurden meist unter dem damals existierenden Vordach auf der „Schmittebrugg" neu beschlagen. Jetzt kam zu den akustischen und optischen Eindrücken auch noch die geruchsaktiven. Hufschmiedearbeit ist auch heute noch Massarbeit. Ein gelbweisser Rauch hüllt Schmied und Helfer ein, wenn das geschmiedete heisse Eisen auf das Huf

gepresst wird. Es riecht durchdringend nach verbranntem Horn. Dieser Geruch und das unver­kennbare Parfüm von Pferdepisse gehörten zur Kronengasse, wie die Schar Buben und Mädchen welche fast ihre ganze Freizeit auf der Gasse verbrachten.

Hektisch wurde der Betrieb vor der Schmiede, wenn Wagenräder bereift werden mussten. Die vom Wagner angelieferten Eschenfelgen mit den kräftigen Holzspeichen wurden auf nie­deren Holzklötzen aufgebockt und durch die Nabe mit einem Eisendorn an einem im Boden eingelassenen Ring befestigt. Mit einer Schnur nahm der Schmied nun Mass vom Umfang der Felge und schnitt ein Flacheisen auf die entsprechende Länge. Die ungefähre Rundung er­hielt der Eisenreifen durch mehrmaliges Durchlaufen in einer Walzenpresse. Die offene Schnittstelle wurde darauf nicht geschweisst, sondern auf dem Amboss zusammengeschmie­det. Letzte Anprobe auf der bereitstehenden Felge. Der Reifen war jetzt etwas enger als der präzise Umfang des Rades. In der Esse wurde das Eisen darauf erhitzt und mit gewaltigen Zangen fast rotglühend im Eilschritt hinausgetragen und über das Rad gestülpt. Rauch, Hitze und Flammen stoben auf. Mit kräftigen Wassergüssen abgekühlt, gewaltige Dampfwolken stiegen auf, passte sich der Reifen durch Einschrumpfen satt auf die Holzfelge. Zuletzt rollte der Schmied das fertige Rad zum nahe gelegenen Brunnen um das Eisen durch Eintauchen ins kalte Wasser wieder berührungsfreundlich zu machen.

Im vordersten Haus der Kronengasse, gleich neben dem „Grossen Alexander", wohnte der Südfrüchtehändler Karl Wetter. Jeden Morgen belud er seinen hellblau gestrichenen Zweirä­derkarren, der hoch gekippt in der Nacht vor seinem Haus gestanden hatte, mit vom Vortag verbleibenden Früchten, leeren Harrassen, Papiersäcken und einer Balkenwaage mit Waag­schale und auflegbaren Gewichtsteinen. Im Herbst kam dann noch ein Marronibratkessel und ein Sack Holzkohle dazu. Das ganze schob er die Halde hinauf, bei Monets an der Radstrasse vorbei, wo er sich mit frischen Früchten eindeckte, zum Bahnhof Baden. Dort hatte er zwischen Hauptpost und Bahnhofgebäude seinen Standplatz. Wenn er dann abends zurückkehrte sprangen sicher ein paar kleine Chronegässler herzu, um ihm beim Abladen behilflich zu sein oder mit vom nahen Brunnen herbei getragenem Wasser den Karren abzuspülen. Als Belohnung winkte ein leicht angefaulter Apfel oder eine angeschlagene Orange, selten, weil damals sehr rar, gab es sogar eine wegen Schwärze nicht mehr verkäufliche Banane. Für die 50- 60 Mädchen und Buben die hier ihr Zuhause hatten, war die Gasse ein Paradies. Sie kannten keine Langeweile. Den dunkeln Zimmern und Stuben entronnen, fanden sie sich hier zu verschiedensten Spielen. Es brauchte keine teuren Spielgeräte. Für „Köpf ein" und „Trieberlis" holten sie die Bälle beim Tennisclub Baden auf den Verenaäckern. Ueber den Hag hinaus geschlagene Bälle wurden von den „zufällig" anwesenden Chronegässlern gleich  konfisziert und abtransportiert. Die Enge der Gasse  

brachte es mit sich, dass selten genug aber nicht unvermeidbar, ein offen stehendes „Läufterli", ein nach aussen sich öffnender Fen­sterteil, von einem scharf geschossenen Ball getroffen wurde und die Scheibe in Brüche ging. Gezeter aus dem betroffenen Haus und Spielabbruch waren die Folge. Das handwerkliche Geschick der den Spielern zugehörenden Väter brachte das Unglück meist wieder in Ordnung. Die durch den Fehiwurf entstandenen Kosten waren dem schuldigen Werfer oft vorschussmässig mit einer elterlichen Ohrfeige in Rechnung gestellt worden. Langeweile kannte diese Bande nicht und wenn dann bei „Räuber und Poli" oder beim „Stadtfangis" die lebhafte Schar sich über die ganze Altstadt verteilte, spürten die Ober- und Vorstädter, warum es besser war, sich nicht mit den Chronegässlern anzulegen.

 

ST./ 29.07.02

 

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